Tag Archives: Städtisches Museum Göttingen

11. Oktober 2019

Eine international einzigartige Sammlung: Unsere Tora-Wimpel sind restauriert!

Die Restaurierung der 28 Tora-Wimpel des Städtischen Museums Göttingen ist abgeschlossen. Im Blog-Beitrag vom 13. April 2018: „Eine international einzigartige Sammlung: Unsere Tora-Wimpel werden restauriert!“ wurde dieses Projekt angekündigt. Am Montag, den 16. September 2019, war es dann soweit, wir konnten zu einem Presse- und Fototermin anlässlich der Präsentation der restaurierten Tora-Wimpel des Städtischen Museums Göttingen ins Außendepot einladen.

Die lange unbeachtet gebliebenen Objekte wurden in den vergangenen zwei Jahren aufwändig restauriert, wissenschaftlich beschrieben und erforscht. Die Diplomrestauratorin Ada Hinkel aus Hamburg erklärte eindrucksvoll, wie die Objekte aus dem Zeitraum von 1690 bis 1838 grundlegend untersucht, restauriert und stabilisiert wurden. Ada Hinkel hat das Projekt von Anfang an begleitet, ein Blog-Beitrag vom 01. Juni 2018 berichtet über eine Visite während der Restaurierungsarbeiten in ihrer beeindruckenden Werkstatt in Hamburg. 

Ermöglicht wurde die Restaurierung der Tora-Wimpel dank der finanziellen Förderung durch die VGH-Stiftung, die Klosterkammer Hannover und den Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen. Als Gesprächspartner standen bei der Präsentation außerdem Dr. Arne Butt für die VGH-Stiftung und Michael Fürst vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen zur Verfügung sowie Dr. Ernst Böhme und Andrea Rechenberg vom Städtischen Museum Göttingen. Dr. Arne Butt hob die Bedeutung der Maßnahme hervor: „Wir sind froh, dass mit der Restaurierung der Tora-Wimpel wichtige Zeugnisse der niedersächsischen Geschichte erhalten werden konnten.“ Andrea Rechenberg betonte: „Das bunte Bildprogramm der Tora-Wimpel eröffnet Einblicke in die Glaubenswelt der jüdischen Bevölkerung in den ländlichen Gegenden Südniedersachsens rund um Göttingen, in dem Zeitraum von 1690 bis 1838“.

Michael Fürst (Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen); Ada Hinkel (Diplomrestauratorin); Dr. Ernst Böhme (Städtisches Museum Göttingen); Andrea Rechenberg (Städtisches Museum Göttingen); Dr. Arne Butt (VGH-Stiftung) (v. links)

Das Städtische Museum Göttingen verfügt über einen deutschlandweit bedeutenden Bestand von 28 Tora-Wimpeln. Die bis zu 3 m langen Textilien, die nach der Beschneidung eines Jungen kunstvoll angefertigt wurden, geben einen einzigartigen Einblick in Glaubenswelt, Traditionen und Lebensgeschichten jüdischer Familien in Südniedersachsen vom späten 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts und wirken als Zeugnisse jüdischer Kultur in Deutschland weit über die Region hinaus.

Nachdem die Textilien ab der Mitte des 19. Jahrhunderts weitgehend ihre Bedeutung für die alltägliche Glaubenspraxis verloren hatten, wurden sie an der Wende zum 20. Jahrhundert in den Museumsbestand aufgenommen. Sie sind ein Beleg, dass zu jener Zeit – vor der Ausgrenzung, Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung im nationalsozialistischen Deutschland – jüdische Kultobjekte Juden wie Nichtjuden als selbstverständliche Sammlungsobjekte zur lokalen Geschichte galten.

Eine Besonderheit der Göttinger Sammlung liegt in der Möglichkeit, nahezu alle Tora-Wimpel konkreten Personen und Familien zuordnen zu können. Dadurch werden diese individuellen Objekte zugleich einzigartige Zeugen des früheren jüdischen Lebens im heutigen Südniedersachsen. Durch die mit ihnen verbundenen Namen und Familien dokumentieren sie Jahrhunderte der Beschränkungen und Unterdrückung der jüdischen Mitbürger, aber auch ihre Emanzipation und teilweise Assimilation, schrecklich endend in den Verbrechen des Nationalsozialismus. Damit sind diese Tora-Wimpel Manifestationen der deutschen wie der jüdischen Geschichte.

Doch darüber hinaus sind die Tora-Wimpel sowohl Ausdruck individueller Kreativität und persönlichen Glaubens als auch Dokumentation einer tiefen Verbundenheit zur Gemeinde. Nun können die Göttinger Tora-Wimpel wieder zeitweilig präsentiert werden und stehen kommenden Forschergenerationen für weiterführende Untersuchungen zur Verfügung, auch eine Buchpublikation ist in Vorbereitung.

(Adina Eckart, wiss. Volontärin)

04. Oktober 2019

Crossover

Stadtansichten aus den Sammlungsbereichen Porzellan und Grafik

Seit einiger Zeit befasse ich mich neben der grafischen Sammlung mit den weiteren Beständen unserer Sammlung. Darunter befindet sich eine umfangreiche Anzahl von Objekten aus Porzellan. Bei der Sichtung der beiden Objektgruppen sind Übereinstimmungen in den verwendeten Sujets im 18. und 19. Jahrhundert ersichtlich geworden.

Im Porzellanmagazins befinden sich interessante Ansichten der Stadt Göttingen auf ganz unterschiedlichen Objekten: einemBierdeckel, einer Zündholzdose,einem Pfeifenkopf oder einer Tasse. Die dargestellten Bereiche in der Stadt variieren von öffentlichen Gebäuden wie dem Alten Rathaus und Straßenansichten über Ausflugslokale wie das Rohnsche Tanzlokal bis zu Gesamtansichten. Bei dieser sog. Vedutenmalerei werden Landschaften, Orten, Gebäuden, Straßen und Plätzen wirklichkeitsgetreu, topografisch und perspektivisch korrekt dargestellt. Mitunter werden sie mit einer Staffage, d.h. Personen oder Tieren, angereichert. In den Porzellanmanufakturen gab es oftmals eine große Auswahl an Kupferstichvorlagen. Zahlreiche dieser Kupferstiche finden sich wiederum auch in der grafischen Sammlung des Museums.

 

 

Eine besondere Herausforderung für den Porzellanmaler war die Übertragung der überwiegend rechteckigen Vorlagen auf die jeweilige zu bemalende Fläche des Porzellans. Die Komposition wurde oft beibehalten, aber auch mal geändert oder auch mit künstlerischer Freiheit abweichend von der Vorlage umgesetzt. Bei den Exponaten in unserer Sammlung handelt es sich um farbige Porzellanmalerei, reich verziert wie bspw. die Kartusche auf der Zündelholzschale zeigt.

Im 19. Jahrhundert wurde Porzellan preiswerter, es wurde u.a. für die Herstellung von Souvenirs eingesetzt. Dazu gehörte auch die Produktion von Sammeltassen, die als Mitbringsel oder Erinnerungstasse in der Zeit des Biedermeiers in vielen Haushalten Einzug fand.

Auf diese Art und Weise war es möglich, Kenntnisse über fremde Städte zu vermitteln. Im Gegensatz zu den vielfältigen und schnellen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts, war es im 18. und 19. Jahrhundert beschwerlich, aktuelle Informationen oder Eindrücke zu Reiseziele zu erhalten. An dieser Stelle lässt sich erneut ein Bogen zu unserer grafischen Sammlung schlagen. Dort befinden zahlreiche grafische Blätter mit Göttinger Ansichten, darunter sind auch sog. Guckkastenblätter mit Motiven aus Göttingen. Die Guckkastenblätter kamen im 18. Jahrhundert auf und waren eines der ersten Massenmedien für die Verbreitung von Informationen. Von einem mit einem Guckkasten umherziehenden Guckkästner wurden sie auf Marktplätzen gezeigt und erläutert. Die Guckkastenblätter zeigten thematisch eine ganze Bandbreite wie historischen Ereignisse, die Sieben Weltwunder, biblische Themen oder Stadtansichten. So befindet sich Guckkastenblätter verschiedene Ansichten von Göttingen bei uns in der grafischen Sammlung.

 

 

 

 

 

 

Diese Art von crossover zeigt, wie abwechslungsreich und zugleich verbunden der stadtgeschichtliche Bezug der Sammlungsbereiche ist und wie Göttinger Ansichten als Motiv bei kulturgeschichtlichen Entwicklungen aufgegriffen wurden.

 

(Simone Hübner M. A., Kuratorin)

Abbildungen

  1. Bierdeckel, Inv.Nr. 193/869
  2. Erinnerungstasse Inv.Nr. 1994/99
  3. Zündelholzdose, 1857, Inv.Nr. 1989/232
  4. Erinnerungstasse1990/273
  5. Pfeifenkopf, Inv.Nr. 1982/483
  6. Guckkastenblatt, 18. Jahrhundert, Inv.Nr. 1904/661

27. September 2019

Zum Wohl!

Kürzlich wurde dem Museum eine Getränkekarte der „Göttinger Ratsweinstube“ im ehrwürdigen Göttinger Rathaus aus der Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg geschenkt. Aufwendig gestaltet im historisierenden Stil der Zeit, atmet sie ganz den behäbigen Wohlstand dieser „Welt von Gestern“ (Stefan Zweig) vor dem Weltkrieg, der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. An Weinen schenkte man im ersten Haus am Markt all die großen Lagen deutscher Weine aus, die heute von den meisten halb vergessen sind: „Piesporter Goldtröpfchen“, „Liebfrauenmilch“ oder „Niersteiner Gutes Domthal“.

Aber getreu dem Vers von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Faust „Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden, Doch ihre Weine trinkt er gern“ werden auch die großen Bordeauxlagen des französischen „Erzfeindes“ angeboten: „Léoville Poyferré“, „Lafite“ und „Margaux“ sowie die berühmten Champagner „Pommery“ und „Heidsieck“.

Bier dagegen wurde vom gehobenen Bürgertum offenbar als minderwertig verschmäht. Auf der letzten Seite finden sich lediglich die beiden englischen Sorten „Porter“ und „Pale Ale“ – und ganz am Ende der Karte versteckt unter der Rubrik „Diverses“ verbergen sich summarisch „Münchner, Pilsener, Lichtenthaler und Göttinger Bier“.

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

23. September 2019

Coming soon … Frühjahr 2020

Händel_Göttingen_1920

 

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen bereitet das Städtische Museum Göttingen eine Sonderausstellung unter dem Titel Händel_Göttingen_1920 vor. Die Rodelinde-Aufführung von 1920 mit den beteiligten AkteurInnen und Institutionen steht im Mittelpunkt der Ausstellung. Interessante, größtenteils erstmals öffentlich präsentierte Exponate lassen die Vorgänge um die Geburt der weltweiten Händel-Renaissance 1920 in Göttingen lebendig werden.

Es wird ein Begleitprogramm mit Vorträgen sowie eine Workshop-Reihe für Kinder unter dem Titel „Oper4Kids“ geben.

Eröffnung

Sonntag, 23. Februar 2020, 11:30 Uhr

Aula der Universität

13. September 2019

„Unter Verdacht“ eröffnet

Am vergangenen Sonntag wurde in Anwesenheit von über 150 Gästen die neue Sonderausstellung „Unter Verdacht – NS-Provenienzforschung im Städtischen Museum Göttingen“ eröffnet. In der Ausstellung werden 33 Objekte präsentiert, die unter Verdacht stehen, „arisiert“, d.h. NS-verfolgungsbedingt entzogen und daher nicht rechtmäßig im Besitz des Museums zu sein.

Das Museum veröffentlicht damit erste Ergebnisse seines vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Provenienzforschungsprojektes, das im Juli 2017 gestartet ist und noch bis Sommer 2020 andauern wird. Es zieht eine Zwischenbilanz der Erforschung der eigenen Museumsgeschichte im Nationalsozialismus. Das Museum profitierte von der verbrecherischen Politik der Nationalsozialisten, indem es sich an der Ausbeutung der Juden und anderer Opfergruppen beteiligte. Zahlreiche Exponate wie Möbel, Textilien, Kunstwerke und Alltagsgegenstände werden erstmalig gezeigt.

Die feierliche Eröffnung fand in Kooperation mit dem Projekt „Museumsdetektive – Auf den Spuren geraubter Kunst im Norden“ des Norddeutschen Rundfunks (NDR) im Veranstaltungssaal des Museums statt. Nach Grußworten von der Kultur- und Sozialdezernentin Petra Broistedt und Uwe Hartmann, dem Leiter des Fachbereichs Provenienzforschung am Deutschen Zentrum Kulturgutverluste, führte Ausstellungskuratorin Saskia Johann in die Ausstellung ein. In einer anschließenden Podiumsdiskussion unterhielten sich Claudia Andratschke vom Netzwerk Provenienzforschung in Niedersachsen, NDR Kulturjournal-Redaktionsleiterin Christine Gerberding und Museumsleiter Ernst Böhme über Schwierigkeiten und Herausforderungen der Provenienzforschung. Diana Kanter, Enkelin des jüdischen Göttinger Unternehmers Max Raphael Hahn, erzählte vom Schicksal ihrer Familie und der Restitution von Museumsobjekten an ihre Familie. Moderiert wurde die Veranstaltung von Wieland Gabcke aus dem NDR Studio Göttingen.

 

(Saskia Johann, wiss. Mitarbeiterin)

06. September 2019

„Bei Abraham zu Gast“

Der Runde Tisch der Abrahamreligionen Göttingen lud am vergangenen Sonntag um 15:30 Uhr im Museumsgarten zum 10. Abrahamsfest ein. Die Organisatoren waren die Jüdische Gemeinde, die muslimischen DITIB-, Al- Taqwa- und Medina-Imam- Gemeinden sowie die christlichen Gemeinden des röm.-katholischen Dekanates, bzw. der Ev.-luth. Kirchenkreis. Zur Unterhaltung gab es mehrere musikalische Beiträge im Veranstaltungssaal des Museums. Stadträtin Petra Broistedt hielt ein Grußwort zum 10-jährigen Jubiläum des Festes. Es folgten musikalische Beiträge. Das erste Musikstück war das Lied „Jerusalem“, welches passend zum Spendenanlass ausgewählt worden war. Der diesjährige Erlös kommt dem St. Louis-Hospital in Jerusalem zugute, welches durch französische Ordensschwestern geführt wird und sich der Pflege und Betreuung schwerstpflegebedürftiger PatientInnen widmet, die sich zumeist in der letzten Phase ihres Lebens befinden. Dabei werden weder bei den Kranken noch bei Personal und Freiwilligen Unterscheidungen zwischen Palästinensern, Israelis, Juden, Christen und Muslimen vorgenommen.

Das Lied „Jerusalem“ wurde von Jacqueline Jürgenliemk von der Jüdische Gemeinde Göttingen zu nächst übersetzt vorgetragen und anschließend in Jiddisch gesungen. Danach gab das „Gold-Quartett“ (Eduard Golden (Saxophon), Alla Korsunskaja (Klavier), Eugenia Kuz (Geige), Boris Treskunow (Schlagzeug)) ein Konzert. Es wurden traditionelle jiddische Lieder gespielt.

Im Anschluss konnten kulinarische Köstlichkeiten aus den verschiedenen Traditionen probiert werden. Das friedliche Miteinander unterschiedlicher Religionsgemeinschaften und Kulturen in und um Göttingen wurde gefeiert. Ein intensiver interreligiöser Austausch erfolgte spätestens bei der Suche nach Antworten für das interreligiöse Quiz. Es sollte nicht nur das Wissen jedes Einzelnen abgefragt werden; nur wer sich traute, die VertreterInnen der verschiedenen Gemeinden nach den richtigen Antworten zu fragen, konnte die richtigen Lösungen finden. So wie die vermutlich jüngste Teilnehmerin des Festes, die sich mit weiteren GewinnerInnen der Verlosung – denn es war mehreren TeilnehmerInnen gelungen, die richtigen Antworten zu finden oder zu erfragen – sehr über die sogenannte „Zaubertasse“ freute, die beim Einfüllen von Heißgetränken den „Engel der Kulturen“ zeigt, der die drei abrahamitischen Religionen symbolisiert.

Adina Eckart (wiss. Volontärin)

30. August 2019

Göttinger Tuche in der Karibik – Eine Tuchplombe von Johann Grätzel in St. Croix

 Durch eine E-Mail meiner Kollegin Natascha Mehler (Universität Wien) wurde ich auf das hier vorzustellende Objekt aufmerksam gemacht. Seit einigen Jahrzehnten finden auf den karibischen Inseln systematischere archäologische Auswertungen, unter anderem durch Richard Gartley (USA), statt. Da die Karibik ein Schmelzkessel europäischer Aussiedler, afrikanischer Sklaven und Einheimischer ist, finden sich dort, wie überall in der neuen Welt, regelmäßig auch europäische Fundstücke oder Objekte, die von diesen stark beeinflusst wurden. Sie wurden von den Siedlern mitgebracht oder kamen als Handelsware dorthin.

Schon im Jahr 1976 fand man bei Bauarbeiten auf der Zuckerplantage “Judith´s Fancy” auf der Karibikinsel Saint Croix, die zu den amerikanischen Jungferninseln gehört, eine Tuchplombe aus Blei.

Sie zeigt auf der einen Seite die Umschrift IOHANN […] GRÆTZEL und in der Mitte ein gekröntes G, auf der anderen Seite das Sachsenross und die Ziffer 907. Die Tuchplombe stammt demnach aus der Göttinger Tuchfabrik von Johann Heinrich Grätzel (1691-1770), dessen imposantes palaisartiges Wohnhaus heute noch an der Goetheallee steht.

Grätzel rüstete vor allem die Hannoverschen Regimenter mit Uniformtuchen aus. Offenbar wurden seine Produkte aber auch weithin exportiert. Erst jetzt fand diese Information im Rahmen von aktuellen Auswertungsarbeiten den Weg nach Südniedersachsen.

Die Tuchplombe verdeutlicht eindrucksvoll die Kolonial- und Sklaverei-Geschichte von Saint Croix: 1733 wurde die Insel an die Dänische Westindien-Kompanie verkauft. 1734 kamen Missionare der sächsischen Herrnhuter Brüdergemeine an und gründeten drei Missionen mit dem Anliegen, für das Seelenheil der afrikanischen Sklaven, die mit dänischen Schiffen hierher kamen, zu sorgen. Saint Croix gehörte dann zu Dänisch-Westindien, einer dänischen Kolonie in der Karibik, bis es 1917 schließlich an die Vereinigten Staaten von Amerika verkauft wurde.

Ursprünglich war die Plombe als Qualitätssiegel an einem Tuchballen befestigt, möglicherweise einem, der unter der Bezeichnung “Osnaburg” gehandelt wurde. Unter Osnaburg versteht man einen groben Stoff, meist Leinen, dessen Ursprung in Osnabrück liegt. Später wurde diese Bezeichnung stellvertretend für grobes, strapazierfähiges Gewebe aller Art. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde Osnaburg auch nach Saint Croix verhandelt und fand dort u. a. als Bekleidung für Sklaven Verwendung.

Die Plombe stammt aus einem Bereich, in dem sich auch Keramikscherben sogenannter Malhornware fanden, die aus den südniedersächsischen Töpferorten Coppengrave und Duingen stammen, andere Stücke wurde nach diesen Vorbildern in Bethabara, North Carolina, U.S.A., von Missionsangehörigen der dortigen Herrnhuter Brüdergemeine produziert. Töpfermeister war hier seit 1755 Gottfried Aust, der in Herrnhut gelernt hatte. Zu den weiteren Funden gehört eine Real-Münze aus Mexiko-Stadt aus dem Jahr 1746.

Die südniedersächsischen Materialien wurden über die Weser nach Bremen und Hamburg-Altona transportiert, von wo aus Schiffe in die Karibik ausliefen. Auf der Plantage wurde auch ein Bremer Groten von 1751 und ein Hamburger Schilling von 1763 gefunden.

Weder im Städtischen Museum noch in der Stadtarchäologie ist bisher eine Graetzelsche Tuchplombe vorhanden. Der Fund verdeutlicht eine weite Verzweigung der Warenwelten, die nicht erst in der Gegenwart beginnt. Die Tuchplombe aus der Grätzelschen Fabrik wirft gleichzeitig Fragen nach der Verwicklung auch südniedersächsischer Händler in koloniales Handeln auf.

Betty Arndt gemeinsam mit Natascha Mehler und Richard Gartley 20.08.2019

 

Literatur:

Natascha Mehler, Torbjörn Brorsson, Jette Linaa and Richard Gartley, Moravian ceramics on St Croix, the Virgin Islands. Post-Medieval Archaeology (2018), 1–4

https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00794236.2018.1515413 (zuletzt gesehen 14.08.2019) DOI 10.1080/00794236.2018.1515413

 

Bildunterschriften:

Abb. 1: Die Tuchplombe von einem Tuchballen aus der Göttinger Fabrik Johann Heinrich Grätzels (Foto R. Gartley)

Abb. 2: Das Grätzelsche Wohnhaus an der Goetheallee ist heute noch ein beeindruckendes Bauwerk (Foto: K. Schrader)

Abb. 3: Anzeige aus der Zeitung „Royal Danish America Gazette“ vom 21. Juli 1770 (Kopie N. Mehler)

23. August 2019

Zeitzeugenbesuch am 22. August im Städtischen Museum Göttingen

Am gestrigen Donnerstag, den 22. August 2019, waren ab ca. 11.30 Uhr Zeitzeugen zu Gast im Städtischen Museum. Die Überlebenden aus dem Konzentrationslager Ozarichi sind eine weitere Gruppe aus dem Kreis der Überlebenden, die auf Einladung des Maximilian-Kolbe-Werkes in Freiburg vom 18. bis 28. August im Ferienzentrum des Kolpinghauses in Duderstadt auf dem Pferdeberg zu Gast sind. Die hochbetagten Damen und Herren haben die weite Reise aus der Republik Belarus auf sich genommen, um über ihre Erlebnisse zu berichten und somit einen sehr wichtigen und wertvollen Beitrag zur öffentlichen Erinnerungskultur zu leisten.

Im August des vorigen Jahres war bereits eine Gruppe von Überlebenden aus dem KZ Ozarichi zu Gast in Göttingen. Sie wurde auf dem Göttinger Stadtfriedhof begrüßt, wo eine Informationstafel zur Geschichte dieses 1944 errichteten Konzentrationslagers neben dem Gedenkstein für General Friedrich Hoßbach aufgestellt wurde. Hoßbach hatte sich als militärischer Experte ohne erkennbare Skrupel in den Dienst des nationalsozialistischen Gewaltregimes gestellt. Als zuständiger Kommandeur war er im März 1944 für die Einrichtung und den Betrieb des Konzentrationslagers Ozarichi in Weißrussland verantwortlich. Im diesem Lager wurden annähernd 50.000 Zivilisten, überwiegend Alte, Kranke, Frauen und Kinder unter unmenschlichen Bedingungen zusammengetrieben. 9.000 Menschen überlebten die Internierung nicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg stilisierte Hoßbach sich unberechtigterweise zum Retter Göttingens beim Einmarsch der US-amerikanischer Truppen.

Wie schon im letzten Jahr wurden die weißrussischen Gäste betreut von Herrn Wilhelm Behrendt und Herrn Martin Heinzelmann, Ortsheimatpfleger von Geismar. Diesmal waren die Gäste zunächst zu Zeitzeugengesprächen im Göttinger Hainberg-Gymnasium und wurden dann im Rahmen der Erinnerungsarbeit des Städtischen Museums zu einer Kaffeetafel von Museumsleiter Dr. Ernst Böhme begrüßt. Die offizielle Begrüßung im Namen der Stadt Göttingen übernahm Bürgermeister Ulrich Holefleisch.

Adina Eckart (wiss. Volontärin)

16. August 2019

Unsere Engel kommen zurück!

Die feierliche Wiederaufstellung unserer aufwendig restaurierten Göttinger Bödeker-Spendenengel verschaffte mir die Gelegenheit zu einem Interview mit Frau Dr. Ingrid Falkenreck von der Stiftung Dipl.-Ing. Horst & Dr. Ingrid Falkenreck-Stiftung. Die Stiftung wurde  im Jahr 2001 gegründet und hat sich die Förderung von Denkmalpflege und Restaurierung, insbesondere erhaltenswerter Kleindenkmäler, sowie Unterstützung von Kunst und Kultur zum Ziel gesetzt.

Im Jahr 1854 hatte der Hannoveraner Pastor Hermann Wilhelm Bödeker die Idee, solche Engel-Skulpturen  an den Stadttoren aufzustellen, um die Passanten um Spenden für die Armen zu bitten. Entworfen wurden sie daraufhin vom Bildhauer Georg Hurtzig.

Seit vielen Jahrzehnten standen zwei der gusseisernen Spendenengel dann im Garten des Städtischen Museums Göttingen. Bis sie, wie im Blog-Beitrag zu lesen ist, am 15. Dezember 2017 ausflogen, um von der Restauratorin Vera Fendel neue Gewänder zu bekommen.

Frau Dr. Ingrid Falkenreck, vielen Dank, dass Sie sich zu einem Interview bereiterklärt haben. Wie sind Sie auf die Göttinger Engel aufmerksam geworden? Wie kam der Kontakt zu Stande?

Dr. I.Falkenreck: Auf mehreren Wegen habe ich von der Existenz der Göttinger Bödeker-Engel erfahren. Fotographien ließen ihren Zustand erahnen, jedoch musste ich mir selbst ein Bild machen. Als ich die beiden Engel schließlich im Museumsgarten besuchte, war mir sofort klar: Es musste dringen etwas unternommen werden.

Was motivierte die Stiftung Falkenreck zur vollständigen Finanzierung der Restaurierung beider Göttinger Spendenengel?

Dr. I.Falkenreck: Ursprünglich war eine alleinige Finanzierung durch die „Dipl.-Ing. Horst & Dr. Ingrid Falkenreck-Stiftung“ nicht geplant. Doch es fanden sich leider, trotz meiner großen Bemühungen, kaum weitere Sponsoren. Doch ich wollte mich nicht aufhalten lassen, die Rettung der Engel war mir ein persönliches Anliegen.

Was macht die Unterstützung der Engel besonders?

Dr. I.Falkenreck: Auch wenn der Entwurf der Engel vom Bildhauer Georg Hurtzig stammte, so waren die Idee und die Ideale, die hinter den Engeln standen, die des Pastors Bödeker. Die Engel sollten, im übertragenen Sinn, seine Gehilfen sein und stehen stellvertreten für sein Lebenswerk und sein Vermächtnis. Er versuchte, Leid zu lindern und Menschen zu unterstützen, die Hilfe am meisten benötigten, obwohl sein eigenes Leben auch nicht leicht war. Die Erhaltung der Engel, als Relikte aus der Zeit des Pastors Bödeker, bedeutet sein Andenken zu bewahren.

In wie weit waren Sie und Ihre Stiftung in die Betreuung der Restaurierung involviert?

Dr. I.Falkenreck: Selbstverständlich waren wir von Anfang an mit dabei und haben die Engel auch mehrfach in der Werkstatt besuchen können. Immer wenn ein neuer Arbeitsschritt getan war, informierte uns die Restauratorin Vera Fendel. So hatte ich Gelegenheit, in das Innenleben der Engel zu sehen, als sie auf die Seite gelegt wurden. – Sie müssen wissen, ein Engel wiegt etwa 350-400 kg – Der eiserne Guss wurde früher sehr viel dicker gemacht als heute, im Laufe der Zeit hatte sich dennoch durch alle Schichten Rost angesetzt. Es gab innen Verankerungen, welche die Arme und die Flügel stützen sollten, auch diese mussten dringend erneuert werden. Und schließlich blieb noch der schwierige Prozess der Findung der korrekten Farbgebung.

2004/2005 finanzierte die Stiftung Falkenreck die Restaurierung des Bödeker-Spendenengels auf dem Stöckener Friedhof in Hannover, 2015 den Bödeker-Spendenengel auf dem Friedhof der Jakobigemeinde, Kirchrode, und nun 2018/2019 die Sanierung zweier Bödeker-Spendenengel aus Göttingen. Ist da ein Muster zu erkennen? Gibt es weitere Engel, die einer Zuwendung bedürfen?

Dr. I.Falkenreck: Insgesamt gibt es noch Sieben Bödeker-Engel, die sich nun zum Glück alle in einem sehr guten Zustand befinden. Für mich deutet dies auch einen Abschied, der mich zumindest ein wenig wehmütig stimmt. Aber wir werden auch noch wo anders gebraucht. Als nächstes steht ein Projekt in Hamburg an.

Liebe Leserinnen und Leser, wir möchten Sie einladen, unseren Garten zu besuchen und die restaurierten Engel zu bestaunen. Vielleicht finden Sie heraus, welcher von beiden heute wieder Spenden entgegennimmt?

(Das Interview mit Dr. Ingrid Falkenreck führte Adina Eckart, wissenschaftliche Volontärin.)

09. August 2019

Eine Gabel des Königs?

Eine dreizinkige Silbergabel. Ein zierliches Objekt mit drei langen dünnen nach vorne spitz zusammenlaufenden emporgeschwungenen Zinken und einem schlanken Stiel, der ziemlich unvermittelt in die Zinken übergeht. Ohne Dekorationen und doch, in seiner silberglänzenden Eleganz, schön. Die Spannung geht jedoch vor allem von der Geschichte des Objektes aus und den beiden Puzen auf der Vorderseite des verbreiterten Endstücks, welches in einer sanft emporgebogenen Schwingung verläuft.

Auf der linken Seite des Endstücks bildet die Punze zwei gekreuzte Schlüssel ab, die mit der Zahl „12“ überkrönt sind. Eine Vermutung ist, dass es sich um eine Angabe von einem Professor Hintze aus Breslau handelt; einem Beschauzeichen aus Liegnitz (Schlesien). Auf der rechten Seite sind die Buchstaben „GR“ auf einem Rechteck und rückseitig ist das Endstück der Gabel mit einer Gravur versehen.

Ins Städtische Museum Göttingen kam die Gabel als Schenkung von Günther Knauer, aus dem Nachlass seiner Mutter Charlotte Clara Berta Knauer, geborene Nürmberger, die Anfang des 20. Jahrhunderts mit ihrem Ehemann Gerhard Knauer und der Familie in Göttingen lebte. Gerhard Knauer war Opernsänger, entstammte aber der Göttinger Familie Knauer, die Gold- und Silberschmiede waren und 1743 in Göttingen das Traditions-Juwelier-Geschäft Knauer gegründet hatten  – aber das ist eine andere Geschichte.

Charlotte Knauer hatte die Gabel von ihrem Urgroßvater Gustav Adolph Nürmberger (geb. 28.08.1825) bekommen, welcher Prediger an der Kirche zum Kreuze Christi in Zobten am Berge (Sobótka, Schlesien) gewesen war. Der wiederum erbte sie von seinem Vorfahren Carl Wilhelm Nürmberger, seines Zeichens Pastor, seit 1758 in Hermannsdorf/ Breslau. Und eben jener Pastor soll die Gabel von Friedrich dem Großen, als Geschenk, für die Einquartierung im Pfarrhaus, im Siebenjährigen Krieg, am Tage nach der Schlacht bei Leuthen, in „Deutsch-Lissa“ (Wrocław-Leśnica) bei Breslau, mit den Worten: „Da hat er ein Andenken an seinen König“, überreicht bekommen haben.

Die Schlacht bei Leuthen, wohl die berühmteste Schlacht des Siebenjährigen Krieges, ereignete sich im Dezember 1757. Dabei stand Preußen unter Friedrich dem Großen gegen die größere österreichische Armee unter Prinz Karl von Lothringen. Wider Erwarten besiegte Preußen das zahlenmäßig überlegene Österreich, ein Umstand der wohl unter anderem zur Entstehung einer Vielzahl an Legenden führte.

Ob der Alte Fritz also bei Pastor Nürmberger im Pfarrhaus übernachtete und ihm zum Dank, oder als Bezahlung, die silberne Gabel schenkte, lässt sich auf die Schnelle nicht feststellen. Das Barockschlosses Wrocław-Leśnica (1735/40 errichtet, von den Kreuzherren mit dem Roten Stern) beansprucht ebenfalls die Beherbergung Friedrichs II. (nach der Schlacht bei Leuthen) für sich, dies muss allerdings nicht zwingend im Widerspruch zu der Geschichte um Pastor Nürmberger stehen.

Die Zuordnung der eingravierten vegetabilen Ornamentik mit dem Buchstaben „R“, „W“, „F“ auf der Rückseite des Endstücks der Gabel, zu Friedrich II., könnte über Recherchen im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz erforscht werden. Sicher ist, in der Erinnerungskultur der Familie Knauer-Nürmberger hat die Gabel ohne jeden Zweifel einen festen Platz. So schreiben Leni und Albrecht Nürmberger an ihre Nichten und Neffen in einem Brief aus dem Jahr 1967: „Vergesst bitte nicht, die 3-zinkige Zinngabel des alten Fritz mit dessen Initialen mitzunehmen. Diese Gabel übergab Friedrich der Große unserem Urahn Pastor Nürmberger […] am Tage nach der Schlacht bei Leuthen […]“.

Das Städtische Museum ist froh, die Erinnerungsgeschichte – über die Aufnahme ins Inventar – auch für die Zukunft sicherstellen zu können und sie mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, zu teilen.

 

Abb. 1 und Abb. 2: Silbergabel, 18. Jahrhundert; Abb. 3: Detail zu Abb. 2: Endstück mit Punzen (recto); Abb. 4:  Detail zu Abb. 2: Endstück mit Gravur (verso); Abb. 5: Briefe zur Gabel

Adina Eckart (wiss. Volontärin)