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30. August 2019

Göttinger Tuche in der Karibik – Eine Tuchplombe von Johann Grätzel in St. Croix

 Durch eine E-Mail meiner Kollegin Natascha Mehler (Universität Wien) wurde ich auf das hier vorzustellende Objekt aufmerksam gemacht. Seit einigen Jahrzehnten finden auf den karibischen Inseln systematischere archäologische Auswertungen, unter anderem durch Richard Gartley (USA), statt. Da die Karibik ein Schmelzkessel europäischer Aussiedler, afrikanischer Sklaven und Einheimischer ist, finden sich dort, wie überall in der neuen Welt, regelmäßig auch europäische Fundstücke oder Objekte, die von diesen stark beeinflusst wurden. Sie wurden von den Siedlern mitgebracht oder kamen als Handelsware dorthin.

Schon im Jahr 1976 fand man bei Bauarbeiten auf der Zuckerplantage “Judith´s Fancy” auf der Karibikinsel Saint Croix, die zu den amerikanischen Jungferninseln gehört, eine Tuchplombe aus Blei.

Sie zeigt auf der einen Seite die Umschrift IOHANN […] GRÆTZEL und in der Mitte ein gekröntes G, auf der anderen Seite das Sachsenross und die Ziffer 907. Die Tuchplombe stammt demnach aus der Göttinger Tuchfabrik von Johann Heinrich Grätzel (1691-1770), dessen imposantes palaisartiges Wohnhaus heute noch an der Goetheallee steht.

Grätzel rüstete vor allem die Hannoverschen Regimenter mit Uniformtuchen aus. Offenbar wurden seine Produkte aber auch weithin exportiert. Erst jetzt fand diese Information im Rahmen von aktuellen Auswertungsarbeiten den Weg nach Südniedersachsen.

Die Tuchplombe verdeutlicht eindrucksvoll die Kolonial- und Sklaverei-Geschichte von Saint Croix: 1733 wurde die Insel an die Dänische Westindien-Kompanie verkauft. 1734 kamen Missionare der sächsischen Herrnhuter Brüdergemeine an und gründeten drei Missionen mit dem Anliegen, für das Seelenheil der afrikanischen Sklaven, die mit dänischen Schiffen hierher kamen, zu sorgen. Saint Croix gehörte dann zu Dänisch-Westindien, einer dänischen Kolonie in der Karibik, bis es 1917 schließlich an die Vereinigten Staaten von Amerika verkauft wurde.

Ursprünglich war die Plombe als Qualitätssiegel an einem Tuchballen befestigt, möglicherweise einem, der unter der Bezeichnung “Osnaburg” gehandelt wurde. Unter Osnaburg versteht man einen groben Stoff, meist Leinen, dessen Ursprung in Osnabrück liegt. Später wurde diese Bezeichnung stellvertretend für grobes, strapazierfähiges Gewebe aller Art. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde Osnaburg auch nach Saint Croix verhandelt und fand dort u. a. als Bekleidung für Sklaven Verwendung.

Die Plombe stammt aus einem Bereich, in dem sich auch Keramikscherben sogenannter Malhornware fanden, die aus den südniedersächsischen Töpferorten Coppengrave und Duingen stammen, andere Stücke wurde nach diesen Vorbildern in Bethabara, North Carolina, U.S.A., von Missionsangehörigen der dortigen Herrnhuter Brüdergemeine produziert. Töpfermeister war hier seit 1755 Gottfried Aust, der in Herrnhut gelernt hatte. Zu den weiteren Funden gehört eine Real-Münze aus Mexiko-Stadt aus dem Jahr 1746.

Die südniedersächsischen Materialien wurden über die Weser nach Bremen und Hamburg-Altona transportiert, von wo aus Schiffe in die Karibik ausliefen. Auf der Plantage wurde auch ein Bremer Groten von 1751 und ein Hamburger Schilling von 1763 gefunden.

Weder im Städtischen Museum noch in der Stadtarchäologie ist bisher eine Graetzelsche Tuchplombe vorhanden. Der Fund verdeutlicht eine weite Verzweigung der Warenwelten, die nicht erst in der Gegenwart beginnt. Die Tuchplombe aus der Grätzelschen Fabrik wirft gleichzeitig Fragen nach der Verwicklung auch südniedersächsischer Händler in koloniales Handeln auf.

Betty Arndt gemeinsam mit Natascha Mehler und Richard Gartley 20.08.2019

 

Literatur:

Natascha Mehler, Torbjörn Brorsson, Jette Linaa and Richard Gartley, Moravian ceramics on St Croix, the Virgin Islands. Post-Medieval Archaeology (2018), 1–4

https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00794236.2018.1515413 (zuletzt gesehen 14.08.2019) DOI 10.1080/00794236.2018.1515413

 

Bildunterschriften:

Abb. 1: Die Tuchplombe von einem Tuchballen aus der Göttinger Fabrik Johann Heinrich Grätzels (Foto R. Gartley)

Abb. 2: Das Grätzelsche Wohnhaus an der Goetheallee ist heute noch ein beeindruckendes Bauwerk (Foto: K. Schrader)

Abb. 3: Anzeige aus der Zeitung „Royal Danish America Gazette“ vom 21. Juli 1770 (Kopie N. Mehler)