Tag Archives: 18. Jahrhundert

04. Oktober 2019

Crossover

Stadtansichten aus den Sammlungsbereichen Porzellan und Grafik

Seit einiger Zeit befasse ich mich neben der grafischen Sammlung mit den weiteren Beständen unserer Sammlung. Darunter befindet sich eine umfangreiche Anzahl von Objekten aus Porzellan. Bei der Sichtung der beiden Objektgruppen sind Übereinstimmungen in den verwendeten Sujets im 18. und 19. Jahrhundert ersichtlich geworden.

Im Porzellanmagazins befinden sich interessante Ansichten der Stadt Göttingen auf ganz unterschiedlichen Objekten: einemBierdeckel, einer Zündholzdose,einem Pfeifenkopf oder einer Tasse. Die dargestellten Bereiche in der Stadt variieren von öffentlichen Gebäuden wie dem Alten Rathaus und Straßenansichten über Ausflugslokale wie das Rohnsche Tanzlokal bis zu Gesamtansichten. Bei dieser sog. Vedutenmalerei werden Landschaften, Orten, Gebäuden, Straßen und Plätzen wirklichkeitsgetreu, topografisch und perspektivisch korrekt dargestellt. Mitunter werden sie mit einer Staffage, d.h. Personen oder Tieren, angereichert. In den Porzellanmanufakturen gab es oftmals eine große Auswahl an Kupferstichvorlagen. Zahlreiche dieser Kupferstiche finden sich wiederum auch in der grafischen Sammlung des Museums.

 

 

Eine besondere Herausforderung für den Porzellanmaler war die Übertragung der überwiegend rechteckigen Vorlagen auf die jeweilige zu bemalende Fläche des Porzellans. Die Komposition wurde oft beibehalten, aber auch mal geändert oder auch mit künstlerischer Freiheit abweichend von der Vorlage umgesetzt. Bei den Exponaten in unserer Sammlung handelt es sich um farbige Porzellanmalerei, reich verziert wie bspw. die Kartusche auf der Zündelholzschale zeigt.

Im 19. Jahrhundert wurde Porzellan preiswerter, es wurde u.a. für die Herstellung von Souvenirs eingesetzt. Dazu gehörte auch die Produktion von Sammeltassen, die als Mitbringsel oder Erinnerungstasse in der Zeit des Biedermeiers in vielen Haushalten Einzug fand.

Auf diese Art und Weise war es möglich, Kenntnisse über fremde Städte zu vermitteln. Im Gegensatz zu den vielfältigen und schnellen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts, war es im 18. und 19. Jahrhundert beschwerlich, aktuelle Informationen oder Eindrücke zu Reiseziele zu erhalten. An dieser Stelle lässt sich erneut ein Bogen zu unserer grafischen Sammlung schlagen. Dort befinden zahlreiche grafische Blätter mit Göttinger Ansichten, darunter sind auch sog. Guckkastenblätter mit Motiven aus Göttingen. Die Guckkastenblätter kamen im 18. Jahrhundert auf und waren eines der ersten Massenmedien für die Verbreitung von Informationen. Von einem mit einem Guckkasten umherziehenden Guckkästner wurden sie auf Marktplätzen gezeigt und erläutert. Die Guckkastenblätter zeigten thematisch eine ganze Bandbreite wie historischen Ereignisse, die Sieben Weltwunder, biblische Themen oder Stadtansichten. So befindet sich Guckkastenblätter verschiedene Ansichten von Göttingen bei uns in der grafischen Sammlung.

 

 

 

 

 

 

Diese Art von crossover zeigt, wie abwechslungsreich und zugleich verbunden der stadtgeschichtliche Bezug der Sammlungsbereiche ist und wie Göttinger Ansichten als Motiv bei kulturgeschichtlichen Entwicklungen aufgegriffen wurden.

 

(Simone Hübner M. A., Kuratorin)

Abbildungen

  1. Bierdeckel, Inv.Nr. 193/869
  2. Erinnerungstasse Inv.Nr. 1994/99
  3. Zündelholzdose, 1857, Inv.Nr. 1989/232
  4. Erinnerungstasse1990/273
  5. Pfeifenkopf, Inv.Nr. 1982/483
  6. Guckkastenblatt, 18. Jahrhundert, Inv.Nr. 1904/661

30. August 2019

Göttinger Tuche in der Karibik – Eine Tuchplombe von Johann Grätzel in St. Croix

 Durch eine E-Mail meiner Kollegin Natascha Mehler (Universität Wien) wurde ich auf das hier vorzustellende Objekt aufmerksam gemacht. Seit einigen Jahrzehnten finden auf den karibischen Inseln systematischere archäologische Auswertungen, unter anderem durch Richard Gartley (USA), statt. Da die Karibik ein Schmelzkessel europäischer Aussiedler, afrikanischer Sklaven und Einheimischer ist, finden sich dort, wie überall in der neuen Welt, regelmäßig auch europäische Fundstücke oder Objekte, die von diesen stark beeinflusst wurden. Sie wurden von den Siedlern mitgebracht oder kamen als Handelsware dorthin.

Schon im Jahr 1976 fand man bei Bauarbeiten auf der Zuckerplantage “Judith´s Fancy” auf der Karibikinsel Saint Croix, die zu den amerikanischen Jungferninseln gehört, eine Tuchplombe aus Blei.

Sie zeigt auf der einen Seite die Umschrift IOHANN […] GRÆTZEL und in der Mitte ein gekröntes G, auf der anderen Seite das Sachsenross und die Ziffer 907. Die Tuchplombe stammt demnach aus der Göttinger Tuchfabrik von Johann Heinrich Grätzel (1691-1770), dessen imposantes palaisartiges Wohnhaus heute noch an der Goetheallee steht.

Grätzel rüstete vor allem die Hannoverschen Regimenter mit Uniformtuchen aus. Offenbar wurden seine Produkte aber auch weithin exportiert. Erst jetzt fand diese Information im Rahmen von aktuellen Auswertungsarbeiten den Weg nach Südniedersachsen.

Die Tuchplombe verdeutlicht eindrucksvoll die Kolonial- und Sklaverei-Geschichte von Saint Croix: 1733 wurde die Insel an die Dänische Westindien-Kompanie verkauft. 1734 kamen Missionare der sächsischen Herrnhuter Brüdergemeine an und gründeten drei Missionen mit dem Anliegen, für das Seelenheil der afrikanischen Sklaven, die mit dänischen Schiffen hierher kamen, zu sorgen. Saint Croix gehörte dann zu Dänisch-Westindien, einer dänischen Kolonie in der Karibik, bis es 1917 schließlich an die Vereinigten Staaten von Amerika verkauft wurde.

Ursprünglich war die Plombe als Qualitätssiegel an einem Tuchballen befestigt, möglicherweise einem, der unter der Bezeichnung “Osnaburg” gehandelt wurde. Unter Osnaburg versteht man einen groben Stoff, meist Leinen, dessen Ursprung in Osnabrück liegt. Später wurde diese Bezeichnung stellvertretend für grobes, strapazierfähiges Gewebe aller Art. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde Osnaburg auch nach Saint Croix verhandelt und fand dort u. a. als Bekleidung für Sklaven Verwendung.

Die Plombe stammt aus einem Bereich, in dem sich auch Keramikscherben sogenannter Malhornware fanden, die aus den südniedersächsischen Töpferorten Coppengrave und Duingen stammen, andere Stücke wurde nach diesen Vorbildern in Bethabara, North Carolina, U.S.A., von Missionsangehörigen der dortigen Herrnhuter Brüdergemeine produziert. Töpfermeister war hier seit 1755 Gottfried Aust, der in Herrnhut gelernt hatte. Zu den weiteren Funden gehört eine Real-Münze aus Mexiko-Stadt aus dem Jahr 1746.

Die südniedersächsischen Materialien wurden über die Weser nach Bremen und Hamburg-Altona transportiert, von wo aus Schiffe in die Karibik ausliefen. Auf der Plantage wurde auch ein Bremer Groten von 1751 und ein Hamburger Schilling von 1763 gefunden.

Weder im Städtischen Museum noch in der Stadtarchäologie ist bisher eine Graetzelsche Tuchplombe vorhanden. Der Fund verdeutlicht eine weite Verzweigung der Warenwelten, die nicht erst in der Gegenwart beginnt. Die Tuchplombe aus der Grätzelschen Fabrik wirft gleichzeitig Fragen nach der Verwicklung auch südniedersächsischer Händler in koloniales Handeln auf.

Betty Arndt gemeinsam mit Natascha Mehler und Richard Gartley 20.08.2019

 

Literatur:

Natascha Mehler, Torbjörn Brorsson, Jette Linaa and Richard Gartley, Moravian ceramics on St Croix, the Virgin Islands. Post-Medieval Archaeology (2018), 1–4

https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00794236.2018.1515413 (zuletzt gesehen 14.08.2019) DOI 10.1080/00794236.2018.1515413

 

Bildunterschriften:

Abb. 1: Die Tuchplombe von einem Tuchballen aus der Göttinger Fabrik Johann Heinrich Grätzels (Foto R. Gartley)

Abb. 2: Das Grätzelsche Wohnhaus an der Goetheallee ist heute noch ein beeindruckendes Bauwerk (Foto: K. Schrader)

Abb. 3: Anzeige aus der Zeitung „Royal Danish America Gazette“ vom 21. Juli 1770 (Kopie N. Mehler)

09. August 2019

Eine Gabel des Königs?

Eine dreizinkige Silbergabel. Ein zierliches Objekt mit drei langen dünnen nach vorne spitz zusammenlaufenden emporgeschwungenen Zinken und einem schlanken Stiel, der ziemlich unvermittelt in die Zinken übergeht. Ohne Dekorationen und doch, in seiner silberglänzenden Eleganz, schön. Die Spannung geht jedoch vor allem von der Geschichte des Objektes aus und den beiden Puzen auf der Vorderseite des verbreiterten Endstücks, welches in einer sanft emporgebogenen Schwingung verläuft.

Auf der linken Seite des Endstücks bildet die Punze zwei gekreuzte Schlüssel ab, die mit der Zahl „12“ überkrönt sind. Eine Vermutung ist, dass es sich um eine Angabe von einem Professor Hintze aus Breslau handelt; einem Beschauzeichen aus Liegnitz (Schlesien). Auf der rechten Seite sind die Buchstaben „GR“ auf einem Rechteck und rückseitig ist das Endstück der Gabel mit einer Gravur versehen.

Ins Städtische Museum Göttingen kam die Gabel als Schenkung von Günther Knauer, aus dem Nachlass seiner Mutter Charlotte Clara Berta Knauer, geborene Nürmberger, die Anfang des 20. Jahrhunderts mit ihrem Ehemann Gerhard Knauer und der Familie in Göttingen lebte. Gerhard Knauer war Opernsänger, entstammte aber der Göttinger Familie Knauer, die Gold- und Silberschmiede waren und 1743 in Göttingen das Traditions-Juwelier-Geschäft Knauer gegründet hatten  – aber das ist eine andere Geschichte.

Charlotte Knauer hatte die Gabel von ihrem Urgroßvater Gustav Adolph Nürmberger (geb. 28.08.1825) bekommen, welcher Prediger an der Kirche zum Kreuze Christi in Zobten am Berge (Sobótka, Schlesien) gewesen war. Der wiederum erbte sie von seinem Vorfahren Carl Wilhelm Nürmberger, seines Zeichens Pastor, seit 1758 in Hermannsdorf/ Breslau. Und eben jener Pastor soll die Gabel von Friedrich dem Großen, als Geschenk, für die Einquartierung im Pfarrhaus, im Siebenjährigen Krieg, am Tage nach der Schlacht bei Leuthen, in „Deutsch-Lissa“ (Wrocław-Leśnica) bei Breslau, mit den Worten: „Da hat er ein Andenken an seinen König“, überreicht bekommen haben.

Die Schlacht bei Leuthen, wohl die berühmteste Schlacht des Siebenjährigen Krieges, ereignete sich im Dezember 1757. Dabei stand Preußen unter Friedrich dem Großen gegen die größere österreichische Armee unter Prinz Karl von Lothringen. Wider Erwarten besiegte Preußen das zahlenmäßig überlegene Österreich, ein Umstand der wohl unter anderem zur Entstehung einer Vielzahl an Legenden führte.

Ob der Alte Fritz also bei Pastor Nürmberger im Pfarrhaus übernachtete und ihm zum Dank, oder als Bezahlung, die silberne Gabel schenkte, lässt sich auf die Schnelle nicht feststellen. Das Barockschlosses Wrocław-Leśnica (1735/40 errichtet, von den Kreuzherren mit dem Roten Stern) beansprucht ebenfalls die Beherbergung Friedrichs II. (nach der Schlacht bei Leuthen) für sich, dies muss allerdings nicht zwingend im Widerspruch zu der Geschichte um Pastor Nürmberger stehen.

Die Zuordnung der eingravierten vegetabilen Ornamentik mit dem Buchstaben „R“, „W“, „F“ auf der Rückseite des Endstücks der Gabel, zu Friedrich II., könnte über Recherchen im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz erforscht werden. Sicher ist, in der Erinnerungskultur der Familie Knauer-Nürmberger hat die Gabel ohne jeden Zweifel einen festen Platz. So schreiben Leni und Albrecht Nürmberger an ihre Nichten und Neffen in einem Brief aus dem Jahr 1967: „Vergesst bitte nicht, die 3-zinkige Zinngabel des alten Fritz mit dessen Initialen mitzunehmen. Diese Gabel übergab Friedrich der Große unserem Urahn Pastor Nürmberger […] am Tage nach der Schlacht bei Leuthen […]“.

Das Städtische Museum ist froh, die Erinnerungsgeschichte – über die Aufnahme ins Inventar – auch für die Zukunft sicherstellen zu können und sie mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, zu teilen.

 

Abb. 1 und Abb. 2: Silbergabel, 18. Jahrhundert; Abb. 3: Detail zu Abb. 2: Endstück mit Punzen (recto); Abb. 4:  Detail zu Abb. 2: Endstück mit Gravur (verso); Abb. 5: Briefe zur Gabel

Adina Eckart (wiss. Volontärin)