9. Januar 2017

Trillernde Jungfrauen, kläffende Hunde und tutende Nachtwächter – Goethe in Göttingen

In der Sammlung des Städtischen Museum findet sich ein kleines Schreibkästchen aus schwarz gebeiztem Holz mit Schellackpolitur. Der Knauf ist vermutlich aus Elfenbein, das Tintengefäß aus Glas, der Federhalter aus Ebenholz und Messing. So weit, so gut – auf den ersten Blick kann der Betrachter an dem Stück nichts Besonderes entdecken.

Wie meistens, lohnt aber auch hier der zweite Blick, damit das Kästchen sein Geheimnis preis gibt und es zu einem interessanten Zeugnis für eine berühmte Episode der Göttinger Geschichte werden lässt. Auf dem Deckel des zweiten Faches von links findet sich die handschriftliche Notiz: „von Goethe benutzt“.

Sollte dieses Schreibkästchen tatsächlich von dem großen Johann Wolfgang von Goethe während eines seiner Aufenthalte in Göttingen benutzt worden sein? Es spricht einiges dafür. Das Kästchen gelangte vor 1899 aus dem Haus Goetheallee 12 ins das Museum, dem Haus, das im Jahr 1801 dem Instrumentenmacher Krämer gehörte. Und bei Krämer logierte Goethe, als er vom 18. Juli bis zum 14. August 1801 auf der Rückreise von einem Kuraufenthalt in Bad Pyrmont in Göttingen Station machte.

Er pflegte in dieser Zeit einen regen gesellschaftlichen Verkehr mit den Göttinger Professoren, promenierte über den Wall und unternahm Ausflüge in die Umgebung wie z. B. zur Burg Plesse. Vor allem aber nutzte er die Zeit zu intensiven wissenschaftlichen Studien im Zusammenhang mit seiner Farbenlehre. Der damals einzigartige Service der Bibliothek, Bücher an die Benutzer auszuleihen, veranlasste den großen Dichter und Denker zu überschwänglichem Lob: Goethe bezeichnete die Göttinger Bibliothek als „Capital, das geräuschlos unberechenbare Zinsen spendet.“

In anderer Hinsicht konnte er seine Göttinger Tage und insbesondere die Nächte weniger genießen. Nicht genug, dass die Tochter des Hauswirts Krämer sich als Sängerin versuchte, wobei ihr Ehrgeiz ihr Talent wohl deutlich überstieg. Vor allem dem Triller galten ihre nächtlichen Bemühungen. Hinzu kamen die mit ihrem Horn tutenden Nachtwächter, was beides der Nachtruhe nicht zuträglich war.

Hauptsächlich aber waren da die Hunde, zu denen Goethe überhaupt ein gestörtes Verhältnis hatte. Seiner Verzweiflung lässt er freien Lauf: „Eine Hundeschar versammelte sich um das Eckhaus, deren Gebell anhaltend unerträglich war. Sie zu verscheuchen, griff man nach dem ersten besten Werfbarem […] gegen die unwillkommenen Ruhestörer, und gewöhnlich umsonst. Denn wenn wir alle verscheucht glaubten, bellt´ es immerfort, bis wir endlich entdeckten, daß über unsern Häuptern sich ein großer Hund des Hauses am Fenster aufrecht gestellt seine Kameraden durch Erwiderung hervorrief.“

Die Fallhöhe zwischen Erhabenem und Banalem war in Göttingen schon immer groß!

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Das Schreibkästchen vor der Restaurierung. Der handschriftliche Hinweis auf Gothe befindet sich auf dem aufrechtgestellten kleinen Deckel.

 

 

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Das Schreibkästchen nach der Restaurierung im Dezember 2016.

 

 

 

(Ernst Böhme, Museumsleiter)