30. Juni 2016

Ziemlich beste Freunde – Die Büsten Friedrich Wöhler und Justus von Liebig von Elisabet Ney

Friedrich Wöhler und Justus von Liebig gehörten Mitte des 19. Jahrhunderts zu den berühmtesten und einflussreichsten Chemikern. Von Liebig Justus 001 12.5.1803-18.4.1873, ChemikerSie verband eine lebenslange Freundschaft, die durch einen wissenschaftlichen Streit 1825 über die Zusammensetzung eines chemischen Stoffes ihren Anfang nahm. Nachdem die Wogen geglättet waren, näherten sich beide an und arbeiteten zusammen. Diese Kooperation erwies sich als äußerst fruchtbar. 1832 entwickelten sie die Radikaltheorie, die den Aufbau organischer Verbindungen erklärte und als Begründung der Organischen Chemie gilt. Ihre Erfolge verschafften Wöhler eine Professur in Göttingen und Liebig eine solche in Gießen. Auch wenn sie viele Kilometer trennten, hielten sie regen brieflichen Kontakt, besuchten einander und bereisten zusammen Süddeutschland und Italien. Ein Jahr vor seinem Tod schrieb Liebig an Wöhler: „Lange werden wir uns Glückwünsche zu neuen Jahren nicht mehr senden können, aber auch wenn wir todt und längst verwest sind, werden die Bande, die uns im Leben vereinigten, uns Beide in der Erinnerung der Menschen stets zusammenhalten als ein nicht häufiges Beispiel von zwei Männern, die treu, ohne Neid und Mißgunst, in demselben Gebiete rangen und stritten und stets in Freundschaft eng verbunden blieben.“[1]

Die aus Münster stammende Bildhauerin Elisabet Ney (1833-1907) fertigte im Sommer 1868 im Auftrag König Ludwigs II. von Bayern kolossaleLiebig Büste Porträtbüsten der beiden Chemiker für den Neubau der Polytechnischen Schule in München an. Freundschaftlich nebeneinander vereint schmückten sie das Eingangsportal des Chemietraktes bis zur Zerstörung des Gebäudes im Zweiten Weltkrieg. Die Künstlerin legte beide Porträts in einer Serie von lebensgroßen Abgüssen auf. Die Chemiker erhielten Exemplare ihrer eigenen Büste und des Freundes. Auch heute sind in vielen Sammlungen beide Porträts der Wissenschaftler vertreten. Das Städtische Museum besitzt ebenfalls ein solches Büstenpaar. Bei den Abgüssen handelt es sich sogar um jene, die Wöhler selbst gehörten. Sie überzeugen durch ihre Lebensnähe und Wiedererkennbarkeit. Ney modellierte nach dem Leben. Kleine, durch das fortgeschrittene Alter bedingte Fältchen, Hautunebenheiten und physiognomische Eigenheiten sind nicht geschönt, sondern ganz bewusst beibehalten. Dieser Bildnisstil ist durch eine naturalistische Strömung in der PorträtkunstWöhler_Depot beeinflusst, die typisch für die Zeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts ist. Die Büsten befinden sich derzeit als Leihgabe in der Kunstsammlung der Universität.

Elisabet Ney kannte Liebig und Wöhler persönlich und pflegte einen freundschaftlichen Kontakt zu ihnen. Die Künstlerin besuchte sogar – als Liebig in München lehrte – seine Vorlesungen. Die Porträtsitzungen für die Büsten der Chemiker fanden in der bayerischen Hauptstadt statt. Wöhler reiste eigens dafür an. In Göttingen ist Ney nie gewesen. Ihre Werke sind jedoch in keiner anderen deutschen Stadt so zahlreich vertreten.

[1] Wilhelm Lewicki, S. 324

Benutzte Quellen:                                                                                                                                    Wilhelm Lewicki (Hrsg.), Briefe von 1829-1873 aus Justus von Liebig’s und Friedrich Wöhler’s Briefwechsel, Göttingen 1982.                                                                                                                  Liebig-Museum, http://www.liebig-museum.de/tafeln/mfw23.pdf                                                     Saskia Johann, Die Bildhauerin Elisabet Ney. Leben, Werk und Wirken, Berlin 2015

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)