9. Mai 2016

Kleine Schätze aus Milchzahn, Haaren und Gold

Im Rahmen eines Praktikums im Städtischen Museum habe ich mich mit den Fingerringen beschäftigt. Die Sammlung beherbergt mehr als 50 unterschiedliche Ringe vom 15. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Im Zuge der digitalen Inventarisierung sind mir viele Schätze begegnet, deren oft verblüffende Geschichte sich erst durch weiteres Nachforschen offenbarte. Einen Teil davon möchte ich im Folgenden vorstellen.

Früher wurden Fingerringe, anders als heute, selten nur als Accessoires getragen. Sie hatten meistens eine tiefergehende Bedeutung. Heute kennt man noch den Verlobungs- oder Hochzeitsring. Doch was ist mit Freundschafts-, Memorial- oder Trauerringen?

Die meisten dieser Ringe werden ins späte 18. und 19. Jahrhundert datiert. Während der europäischen Aufklärung gab es Mitte des 18. Jahrhunderts die Epoche der Empfindsamkeit. Sie richtete sich gegen die rein vernunftorientierte Lebensgestaltung und die Entpersönlichung der Beziehungen. Die Freundschaft, egal ob gleich- oder zwischengeschlechtlich, erfuhr eine starke Aufwertung. Ihr zu Ehren wurden sogar Denkmäler und Tempel errichtet.

Freundschaftsringe ziert häufig eine Darstellung der Allegorie der Freundschaft. IMG_2626Diese ist meistens als junge Frau in einem weißen Gewand dargestellt, denn die reine Freundschaft altert nie. Oft entblößt sie ihre linke Brust (die Seite auf der das Herz sitzt) und hat Tauben, die für Friede, Sanftmut und Eintracht stehen, als Attribut. Ein solches Schmuckstück trägt meistens auch ein Spruch zum Wert der Freundschaft. Manchmal beherbergen Freundschaftsringe auch „ein Stück“ des geliebten Menschen, oft in Form seines Haares. In der Sammlung sind hierfür zahlreiche, sehr unterschiedliche Beispiele zu finden. So wurde das Haar beispielsweise in einem aufklappbaren Kästchen am Ring aufbewahrt oder wurde sichtbar hinter einem kunstvoll gearbeiteten Gitter in den Ring eingelassen. Besonders eindrucksvoll sind die feinen Haararbeiten hinter Glas, die die Schilder mancher Ringe zieren. IMG_2571Aus kleingeschnittenen Haaren wurden Landschafts- oder Blütenmotive gefertigt oder in mühseliger Feinarbeit kunstvoll gestaltete Initialen geklebt.

Freundschaftsringe lassen sich, wenn nicht explizit durch eine Allegorie oder Inschrift als solche bezeichnet, oft kaum von Liebes-, Memorial- oder Trauerringen unterscheiden. Auch Paare oder Eheleute trugen solche Schmuckstücke. Oft geschah dies aus Anlass einer räumlichen Trennung oder wenn der Partner oder Freund verstarb.

Trauerringe wurden auch häufig in hoher Auflage bei Beerdigungen an die Angehörigen des Verstorbenen verteilt. Einen Sonderfall unter den Memorialringen des Städtischen Museums stellt ein prachtvoll mit Zellenschmelz gearbeiteter goldener Ring dar, dessen Schild statt Steinen fünf blütenförmig angeordnete Milchzähne zieren. Vielleicht gehörte dieser Ring einmal einer Mutter, die ihn zur Erinnerung an ihre möglicherweise verstorbenen Kinder trug. Über seine Herkunft ist jedoch nichts bekannt.IMG_2575 Dies gilt leider für die meisten der Freundschafts- und Memorialringe in der Sammlung des Städtischen Museums, da diese größtenteils der „Sammlung Vaterlandsdank“ entstammen. Diese nahm, laut einem Eintrag in der Korrespondenz-Chronik des Museums aus dem Jahre 1915, während des ersten Weltkriegs Edelmetalle von der Bevölkerung entgegen, um die Hinterbliebenen der Kriegsopfer zu unterstützen. Die im Museum noch erhaltenen Fingerringe wurden durch Ankauf vor dem Einschmelzen bewahrt.

 

Izabela Mihaljevic M.A. (Praktikantin)