17. Juni 2015

Abenteuer Museumsarbeit II

 

Fragen der Datierung sind allerdings nur ein Teil der Arbeit in einem Museum. Sie sind hilfreich, aber nicht allein ausschlaggebend bei der Einordnung der Gegenstände in ihren Gebrauchshintergrund. Besonders spannend ist dieses für mich zu sehen bei der Bearbeitung der Karteikarten zum Glasbestand des Museums. Waren Gläser mit farbigem Überfang, d.h. einer farbigen Schicht, aufgetragen über dem eigentlichen Glaskörper, Ziergerät oder ein Gebrauchsgegenstand, der genutzt wurde?

Überfangglas   Überfangmedaillons in Rot, Blau und Gelb mit beschrifteten Symboldarstellungen „Glaube“, „Liebe“, „Hoffnung“ und „Zum Andenken“. Symbole und Schrift wurden aus der Überfangschicht  heraus geschliffen. Die gewölbten Elemente des Fußes im Wechsel klar und farbig. Um 1830-40, Zierobjekt.

Bei schlichten Glasformen ohne Dekoration ist diese Frage vergleichsweise einfach zu beantworten. Wie aber sieht es bei Gläsern aus, die fein geschnitten oder geschliffen sind, ob mit oder ohne Überfang? Gibt die Form vielleicht entscheidende Hinweise, welches Glas eher in der Vitrine des Biedermeier-Wohnzimmers ausgestellt wurde, und welches regelmäßig auf dem Tisch eines wohlhabenden Haushaltes stand? Oder der Inhalt einer bildlichen Dekoration?

1900 543   Trinkglas. Becherförmiges Glas des Biedermeier. Weinranke mit Blättern und Trauben, geschliffen. 19. Jh., Gebrauchsgegenstand.

1941 146   Inv.-Nr. 1941/146. Brautglas. Inschrift: „Blümelein vergist nicht mein“ über Medaillon mit Blumen und flammen-dem Herz. 18. Jh., Zierobjekt.

Manchmal lassen sich diese Fragen nur am Objekt selbst beantworten – ein Goldrand oder Golddekoration sprechen eher für ein Zierobjekt, Abrieb an denselben aber dafür, dass die Eigentümer es häufiger benutzten. So bleiben die Grenzen der Kategorien fließend, jedes Objekt eine möglicherweise spannende Entdeckung mit einem Eigenleben, einer eigenen Geschichte, die sorgfältig zu betrachten ist.

1894 190   Inv.-Nr. 1894/190. Farbloses Glas mit rosa Lasur, Schliff, Goldmalerei und Vergoldung. Um 1840. Eigentlich ein Objekt, das man eher als Zierobjekt verorten würde, spricht der starke Abrieb aber für Nutzung als Gebrauchsgegenstand.

Und wer hätte gedacht, dass Glas „krank“ werden kann? Ich war mir dessen nicht bewusst, aber es gibt Prozesse, die Glas mit der Zeit zersetzen und letztlich zerstören können.

Damit rückte die Arbeit der Restauratoren in mein Blickfeld – und die Notwendigkeit, Objekte zu säubern und so vor möglichem Schädlingsbefall zu schützen, sie dann aber auch in sicherer Umgebung (Depot) zu verwahren. Dort können sie, vor neuem Befall bewahrt, dauerhaft erhalten werden. Schädlinge, mit denen ein Museum auf solche Art kämpft, sind nicht nur der allseits bekannte Holzwurm, sondern auch Pilze, Flechten und Ähnliches. Dies ist ein weiterer Aspekt der Arbeit hinter den Kulissen, der das Städtische Museum aktuell sehr beschäftigt (siehe frühere Beiträge) und an dem ich teilhaben darf. Nach erfolgter Stickstoffbehandlung sind Kisten auszupacken, manche (kleine) Objekte für eine dauerhafte Lagerung neu zu verpacken in nicht säurehaltigem Papier und Containern, andere in großen Regalen sinnvoll unterzubringen und einzuordnen. Viele Handgriffe, die es zu einer zeitaufwendigen Aufgabe machen bei der schieren Anzahl der Objekte, aber mir große Freude bereiten. Es ist für mich etwa so, wie Geschenke auszupacken – ich weiß vorher nicht, wie das, was sich im Verborgenen befindet, genau aussieht, und kriege die unterschiedlichsten Objekte in meine Hände, darf mithelfen, ihnen ihre dauerhaften Plätze zuzuweisen. Dies ist ein weiterer Grund, warum ich dieses Praktikum / diese Arbeit als Abenteuer betrachte. Wann sonst hat man schon die Möglichkeit, direkt mit dem Bestand eines Museums zu arbeiten?

Hier noch ein letztes Bild einer Kanne, die mich persönlich schon ob ihrer Farbgebung und der im Drachenhenkel dargestellten Gestaltungsmöglichkeiten des Materials Glas fasziniert.

1948 519   Venezianisches Glas, 1900.

 

Verena Schmidt, Praktikantin