10. Oktober 2014

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EIN PALLASCH AUS KLINGENTHAL

Vor einiger Zeit hatte ich in meinem Blog-Beitrag („Berichte aus dem Maschinenraum“) angekündigt, Objekte aus der Sammlung des Städtischen Museums vorzustellen, die eine besondere Geschichte erzählen. Beginnen möchte ich mit einem besonderen Degen – dem sogenannten „Pallasch“. Die Bezeichnung kommt aus dem Ungarischen und bedeutet Schwert. Diese Waffe finde ich besonders faszinierend, weil sie die wechselvolle Geschichte unserer Region widerspiegelt. Auch lassen sich an diesem Objekt militärhistorische und wirtschaftspolitische Entwicklungen verdeutlichen.

Der Pallasch Modell An XI – „sabre de grosse cavalerie Mle an XI“ ist ein Reiterdegen, der mit seiner stabilen und geraden Klinge besonders gut zum Stich geeignet ist. Dieses französische Modell war ein begehrtes Beutestück. So rüsteten beispielsweise die Preußen ihre Truppen mit dieser Waffe aus oder bauten das Original unter der Bezeichnung M 1817 nach. Bewaffnet mit dem Pallasch waren die Kürassiere. Sie bildeten mit den Dragonern die schwere Kavallerie westeuropäischer Armeen des 17. bis 19. Jahrhunderts. Ihr Name leitet sich aus dem französischen Wort cuirasse ab. Das heißt Lederpanzer und bezieht sich auf ihren Brust- und Rückenschutz. Die Spezialität dieser Einheit war die Angriffsformation Attacke. Sie bestand darin, in geschlossener Linie und in vollem Galopp auf die gegnerischen Reihen zuzureiten, um sie so mit größter Wucht zu zersprengen. Wie eine Lanze wurde der Degen dabei am ausgestreckten Arm gehalten. Diese Taktik verlor aber mit der verbesserten Treffgenauigkeit der Feuerwaffen im Laufe des 19. Jahrhunderts an Bedeutung.

Es ist nicht bekannt, wie die Waffe in das Museum oder in den Göttinger Raum gelangt ist. Allerdings lassen sich, ausgehend von ihrem Fertigungsdatum, einige Vermutungen anstellen: Die Region gehörte von 1807 bis 1813 zum Königreich Westphalen, das ein Satellitenstaat des napoleonischen Kaiserreichs Frankreich war. Der Pallasch wurde im November 1813, nach der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober und dem darauffolgenden Zusammenbruch des Königreichs Westphalen, gefertigt. Die französische Armee hatte sich bereits hinter den Rhein zurückgezogen. Wahrscheinlich wurde die Waffe für den französischen Verteidigungskrieg gegen die Verbündeten Russland, Österreich/Ungarn, Preußen und Schweden hergestellt. Einen weiteren Hinweis gibt eine alte Karteikarte des Museums, auf der ein Pallasch mit dem Zusatz „Northeimer Garde-Kürassier“ beschrieben wird. In Northeim befand sich der Standort des Garde-Kürassier-Regiments der Königlich Hannoverschen Armee. Möglicherweise wurden diese Soldaten mit zuvor erbeuteten Degen ausgerüstet. Bekannt ist dies beispielsweise für die preußische Armee, die nach ihrem Einmarsch in Paris im April 1814, die dortigen Waffendepots plünderte und sich mit dieser modernen Waffe eindeckte. Auf dem Klingenrücken des Degens befindet sich eine Gravur mit Angaben zu Ort und Zeit seiner Herstellung: Mf ture Imple du Klingenthal 9bre 1813 – Manufacture Impériale du Klingenthal Novembre 1813:

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Pallasch 1 … die drei Abnahmemarken unterhalb der Fehlschärfe „K“, „B“ und „L“ bezeichnen den Direktor Krantz bzw. die Kontrolleure Bick und Lobstein der Manufaktur Klingenthal um 1813

Unter der Leitung des französischen Industriellen Henry Anthes wurden um 1730 in Solingen Handwerker angeworben und im elsässischen Klingenthal angesiedelt. Die Schmiede, Härter und Schleifer versprachen sich bessere Lebensbedingungen. Damit brachen sie aber den zuvor geleisteten Verbleibungseid, der sie an Solingen binden sollte. Die von deutscher Seite angedrohten schweren Strafen konnten den weiteren Weggang von Facharbeitern jedoch nicht verhindern. Fortan wurde in Klingenthal sehr erfolgreich Eisenerz verhüttet und der produzierte Stahl zu Waffen weiterverarbeitet. Mit Manufakturen dieser Art gelang es Frankreich unter König Ludwig XV. vom Ausland unabhängiger zu werden und die eigene Industrie zu stärken.1836 wurden die Werkstätten und die Facharbeiter nach Châtellerault verlegt. Damit endete nach gut 100 Jahren die Waffenproduktion in Klingenthal.

Abschließen möchte ich mit einigen Angaben zur Bauweise der Waffe: Der Pallasch besteht aus der Klinge und dem Gefäß. Der „An XI“ hat eine Rückenklinge, d.h. sie ist einschneidig. Die zwei Hohlkehlen mit Mittelgrad dienen der Gewichtsreduzierung und der Versteifung. Das Gefäß wird gebildet aus dem eigentlichen Griffstück aus Holz, auch Heft oder der Hilze genannt. Es ist mit Leder überzogen und mit einem geflochtenen Messingdraht umwickelt. Der Handschutz besteht aus einem Hauptbügel und drei Nebenbügeln, den sogenannten Terzspangen, und dem ovalen Stichblatt.

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Der Pallasch hat eine Gesamtlänge von 111,5 cm. Getragen wird der Degen in einer Eisenblechscheide.

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(Detlev Jaeger, wissenschaftlicher Mitarbeiter)

 

 

 

 

 

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