8. November 2019

Lenore fuhr um‘s Morgenrot

Gottfried August Bürgers Ballade „Lenore“ in der graphischen Sammlung

Überraschenderweise fanden sich beim Durchsehen der Schublade mit der Aufschrift: „G. A. Bürger und Zubehör“ in unserem Grafikmagazin nicht nur grafische Blätter. Zum Vorschein kamen ebenfalls zwei illustrierte Veröffentlichungen und ein Notenbuch zur Ballade „Lenore“ des Göttinger Dichters Gottfried August Bürger (1747-1794).o.l.: Notenbuch, u. l. und rechts: Ballade mit Illustrationen und englischer Übersetzung                                                  

Die Ballade von 1773 hat 32 Strophen, die erste Strophe lautet:

Lenore fuhr um‘s Morgenrot                                                                                                          Empor aus schweren Träumen:                                                                                                       »Bist untreu, Wilhelm, oder tot?                                                                                                        Wie lange willst du säumen?«                                                                                                                -Er war mit König Friedrichs Macht                                                                                           Gezogen in die Prager Schlacht,                                                                                                      Und hatte nicht geschrieben:                                                                                                               Ob er gesund geblieben

In „Lenore“ geht es um eine junge Frau, die ihren Geliebten, Wilhelm, im Krieg verloren hat. Bei ihrer Trauer und Todessehnsucht helfen Lenore auch der Trost und die Gebete ihrer Mutter nicht. Nachts erscheint der personifizierte Tod Lenore als Wilhelm auf einem Pferd. Er entführt sie und nimmt sie mit ins Grab.

Das Wort „Ballade“ ist vom lateinischen Verb ballare, tanzen, abgeleitet. Alte schottische Volksballaden riefen im 18. Jahrhundert innerhalb Europas große Aufmerksamkeit hervor. Auch Bürger setzte sich mit der Ballade als Ausdrucksform auseinander. Er legte Wert auf eine dynamische Handlung, Lebendigkeit und Leidenschaft. Es war sein Bestreben, seinen Worten eine größtmögliche Natürlichkeit zu geben. Durch die Verbindung der einzelnen Elemente zu einer volkstümlichen Poesie schuf er eine neue Struktur und Stileinheit.

So ist es nicht verwunderlich, dass die Ballade „Lenore“ eine der berühmtesten Balladen im 18. und 19. Jahrhundert war. Literarisch fällt „Lenore“ in die „Sturm und Drang-Zeit“. Sie verbreitete sich nicht nur national, sondern fand auch international starke Resonanz. Eine ihrer ersten englischen Übersetzungen ist das in London von W. R. Spencer veröffentlichte Buch „Lenore.“ aus dem Jahr 1796. Das hochformatige Buch zeigt auf 35 Seiten die einzelnen Strophen der Ballade, auf der linken Seite jeweils der deutsche Text, auf der rechten Seite ist die englische Übersetzung zu finden.

Erste und letzte Strophe, jeweils mit englischer Übersetzung, Blattmaße jeweils: 41,2 x 32 cm

Auf den zwei ersten und letzten Seiten steht jeweils eine Strophe, die mit Putten illustriert ist. Die Putten auf den linken Seiten verweisen auf Wilhelm, die auf den rechten Seite auf Lenore. Die übrigen Seiten enthalten jeweils zwei Strophen. Dazwischen sind querformatige Illustrationen eingefügt, die sich auf die Stropheninhalte beziehen.

Die Zeichnungen zu den Illustrationen fertigte Lady Diana Beauclerk (1734-1808) an, eine erfolgreiche britische Künstlerin im ausgehenden 18. Jahrhundert. In Punktiertechnik setzte sie der Kupferstecher J. W. Harding um, so dass Hell-Dunkel-Töne pointilistisch, und nicht durch Nachahmung des Pinselstrichs erzeugt werden.

Ganz anders sind die Darstellungen in der zweiten Publikation „Umrisse zu Buerger’s Ballade(n) Leonore (!), (…) erfunden und gestochen von Moritz Retzsch. Mit Buerger’s Text und Erklaerungen von Carl Borromaeus von Miltitz, nebst englischer Uebersetzung von F. Shoberl. Leipzig, bei Ernst Fleischer. 1840.“

Umriss zur ersten Strophe, Blattgröße: 22,8 x 31,5 cm

In sechs Kupferstichen wird die Ballade illustriert. Sie setzen gezielt die Linienführung ein, um klare Konturen und Strukturen zu schaffen. Dabei werden Raumtiefe, Gegenständlichkeit, Personen, Tiere und Natur durch gekonnte und gezielte Strichsetzung sehr realistisch erzeugt. Die Dramatik der Szenerie wird durch die starke Gestik der Personen, Bewegung der Tiere und der Natur betont. Alle sechs Darstellungen kommen ohne eine Flächengestaltung aus. Denn die akribischen Umrisse ermöglichen es dem Betrachter, den Inhalt der Szene schnell zu erfassen und doch zugleich viele Details nach und nach zu entdecken.

Zu dem dramatischen Geschehen passt auch das Notenbuch „Leonore von G. A. Bürger. In Musick gesetzt von J. R. Zumsteeg. Bonn bei N. Simrock“ aus dem frühen 19. Jahrhundert. Es enthält Noten für Gesang und Klavier mit den entsprechen Tempoangaben wie „langsam“, „mässig geschwind“ oder „lebhaft“. Die Tonarten und der Rhythmus wechseln passend zur Dramatik des Textes.

Noten zur ersten Strophe, Blattgröße: 24 x 33 cm

Die drei Veröffentlichungen verweisen auf die langanhaltende Rezeption von „Lenore“. Sie geben einen wichtigen Einblick in Gottfried August Bürgers Schaffen und belegen dessen Bedeutung. Für uns sind die drei unterschiedlichen Publikationen wertvolle Sachzeugen in unserem Bestand zur berühmten Göttinger Persönlichkeit Gottfried August Bürger.

Bürger ,“Lenore“ vortragend vor dem Göttinger Dichterbund (Hainbund), Blattgröße: 45,7 x 50,4 cm

 

Simone Hübner M. A.

(Kuratorin)