01. Februar 2019

Migrationsgeschichte als Stadtgeschichte

Im Museum tummeln sich zahlreiche Objekte mit ungewöhnlichen Geschichten und manchmal auch sehr ungewöhnlicher Herkunft. Denn Stadtgeschichte ist schon immer untrennbar mit Migrationsgeschichte verbunden.

Die hier abgebildeten Tonkrüge gehören zu diesem besonderen Bestand. Erst einmal unscheinbar, möchte man meinen. Wie interessant können Tonwaren sein? Nun ja, wie so oft ist es die Geschichte hinter den Dingen, die die Objekte erst mit Leben füllt und zu historischen Dokumenten macht.

In diesem Fall ist es die Geschichte von Frau W., die 1943 in Donja Dubrava in Kroatien geboren wurde und 1962 nach Göttingen kam. Hier wollte die Schneiderin im Göttinger Restaurant Indonesia, zunächst nur für ein paar Monate arbeiten, um ein wenig Geld zu verdienen und verschiedene Stoffe und Näh-Zubehör kaufen zu können. Im „Indonesia“ war Frau W. nach eigener Aussage am Erfolg der legendären Bihunsuppe mitbeteiligt, und so beschloss sie, länger zu bleiben, als ursprünglich geplant. Sie verliebte sich in einen Göttinger Studenten, der sie wenig später bat, seine Frau zu werden. Damit war die Entscheidung, sich in Deutschland niederzulassen, endgültig besiegelt. Die drei Tongefäße hat Frau W. in den 1960er Jahren aus ihrem Elternhaus in Donja Dubrava mitgebracht. Der große Topf passte nicht ins Auto und musste auf dem Dachgepäckträger ihres VW-Käfer transportiert werden, wobei er als Stauraum für Kleidung diente. In diesem Topf wurde bei der Hochzeit der Eltern von Frau W. 1926 Sauerkraut und Eisbein gekocht– ein traditionelles Hochzeitsessen in dieser Region, das üblicherweise in einem solchen großen Tontopf zubereitet wurde. In der Flasche mit Tülle wurde Wasser zur Feldarbeit mitgenommen. Die dritte Flasche diente zur Lagerung von Flüssigkeiten. Frau W.‘s Vater erzählte, dass sein älterer Bruder die Gefäße in Handarbeit hergestellt habe.

Eine tolle Geschichte, die es wert ist bewahrt zu werden, genauso wie die drei Tongefäße, die für den Aufbruch in eine neue Heimat stehen, ohne die Erinnerung an das Leben in der alten Heimat zu vergessen. Denn wo wir, die wir heute hier zusammenleben, auch geboren sind, ob in Göttingen, Donja Dubrava, oder Istanbul – jeder von uns trägt ganz individuelle Erinnerungen mit sich, die sich nicht selten in Objekten manifestieren, die uns lieb und teuer sind. Diese zu bewahren, stellt eine wesentliche Aufgabe von Museen dar.

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)