12. Juni 2014

Tulpen … Detail eines Torah-Schildes, Silber, 17. Jh. Städt. Museums Göttingen. Die Tulpen aus Silberfiligran deuten auf osmanische Einflüsse in der Stilistik hin. Das Schild dient dem Schmuck der Torah, zeigt aber auch an, welcher Feiertag ist – hier der Schabbat (שבת)

„EINE DER BEDEUTENDSTEN SAMMLUNGEN JÜDISCHER KULTGEGENSTÄNDE IN DEUTSCHLAND“

Für den Besuch aus Berlin ist zusätzliche Spot-Beleuchtung in der ehemaligen Judaica-Ausstellung installiert. Dennoch bleibt es insgesamt schummerig, denn die dort ausgestellten Torah-Vorhänge sind einige hundert Jahre alt. Grelles Licht täte den zarten Farben und dem Seidenbrokat nicht gut. Michal Friedlander orientiert sich kurz im abgedimmten Raum und geht dann zielstrebig auf eine der Vitrinen zu. Die Kuratorin des Jüdischen Museums Berlin ist mit ihrem Kollegen Dr. Sänger nach Göttingen gekommen, um die Sammlung jüdischer Kultgegenstände im Städtischen Museum in Augenschein zu nehmen. „Einzigartig“, „bisher nichts vergleichbares gesehen“, „wunderschön“: Michal Friedlander begeistert sich augenblicklich für einen Mazzenbehälter, der mit bunten Feldblumen bemalt ist und ganz unten in einer der Vitrinen steht. Die Kuratorin für Judaica und jüdisches Kunstgewerbe geht in die Knie, um von dem Objekt ein gutes Foto machen zu können. Dr. Sänger betrachtet derweil ein über 300 Jahre altes Torah-Schild, das wahrscheinlich aus Imbshausen bei Northeim stammt: „Möglicherweise eine Arbeit aus Siebenbürgen, definitiv osmanische Einflüsse: Sehen Sie hier, die Tulpen aus Silberfiligran“. Die beiden Experten staunen auch über einen Palmzweig, der vor über hundert Jahren während des Laubhüttenfestes von der Familie Müller in Göttingen benutzt wurde und sich bis heute in der Sammlung erhalten hat. Zinnerne Handwaschbehälter, Chanukkah-Leuchter und Seder-Teller – alles aus dem 18. Jahrhundert – sollten anhand der Marken auf eine mögliche Göttinger Produktion überprüft werden, regt Dr. Sänger an. Ich zeige Michal Friedlander noch ein Schofar-Horn, Gewürzbüchsen für das Schabbat-Ende, Beschneidungsutensilien sowie eine bronzene Figur der Beerdigungsbruderschaft, die den Schriftzug „Göttingen“ in hebräischen Buchstaben trägt: געטטינגען. Und das ist noch nicht alles: Der größere Teil der jüdischen Kultgegenstände befindet sich zur Zeit in einer Stickstoffbehandlung, um ihn von Schädlingen zu befreien. „Damit haben Sie in Göttingen eine der bedeutendsten Sammlungen von Judaica in Deutschland“, urteilt die Berliner Kuratorin, die ihre Expertise unter anderem bei Sotheby´s in New York erworben hat.

Hier will ich das Bedeutende an dieser Sammlung kurz differenzieren: Das Bedeutende ist ihre lange Sammlungsgeschichte, die relativ große Zahl an Objekten und ihr direkter Bezug zu Göttingen und seinem Umland.  Bereits mit der Gründung des Museums 1889 gaben bürgerliche jüdische Familien Objekte in das Museum, das daraufhin als eines der ersten in Deutschland eine eigene Abteilung für „israelitische Alterthümer“ einrichtete. Die Anzahl und Diversität der hiesigen jüdischen Kultgegenstände ist beträchtlich, besonders die der Textilien. Dr. Eva Atlan, Kuratorin im Jüdischen Museum Frankfurt a.M., war erstaunt, als ich im Telefongespräch erwähnte, dass es in Göttingen knapp 30 Torah-Wimpel gibt, die ältesten aus dem 17. Jahrhundert: „Das sind ja mehr als wir hier in Frankfurt haben!“. „Und auch mehr als in Berlin“, stellt Michal Friedlander während ihres Besuchs fest. Menge und Alter von Objekten sind zunächst kein Wert an sich, angesichts der Verwüstungen und der weitgehenden Leere, die der Mord an den Juden in Deutschland hinterlassen hat, stellen die überlebenden Objekte aus jüdischen Kontexten, zumal fast ausschließlich lokaler Provenienz, einen großen Wert dar: als Zeugen, Erkenntnisquellen und Anknüpfungspunkte.

Als wir das Licht beim Verlassen des Ausstellungsraumes ausmachen, sinken die Objekte ins Dunkel zurück, „mit einem erleichterten Seufzen“, wie ich gegenüber Michal Friedlander bemerke, die gleich zu verstehen scheint, was ich meine. Durch die intensive Beschäftigung mit den Dingen nehmen diese mehr und mehr die Züge einer lebenserfahrenen Person an. Diesen Objekten – so wie allen anderen im Städtischen Museum auch – wollen wir alle unnötigen Strapazen ersparen und sie stattdessen nach ihrem Stellenwert in der Stadtgeschichte und -gegenwart befragen. Die Objekte der Judaica-Sammlung bergen die Geschichten von Familien, ihrem Verständnis vom Jüdischsein, vom Deutschsein, von ihrem Leben in Göttingen. Von Handwerk, Frömmigkeit und Bürgertum – und vielem, was wir noch nicht wissen. Um die Objekte zum Sprechen zu bringen, formuliere ich grade eine Reihe von Fragen an die Sammlung. Das Ergebnis dieses Forschungsdialogs soll im kommenden Jahr in einem Bestandskatalog zusammengefasst werden. Der Austausch mit anderen Museen und nicht zuletzt die Verbindung von Nachfahren jüdischer Familien aus Göttingen zum Museum machten klar, dass hier ein großes Interesse besteht.

(Christian Riemenschneider, wissenschaftlicher Volontär)

 

 

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