16. Februar 2018

Provenienzforschung und Restitution

Interview mit Museumsleiter Dr. Ernst Böhme

In der vergangenen Woche wurden wieder Stolpersteine für während der Naziherrschaft ermordete Göttinger Jüdinnen und Juden verlegt. Die Namen dieser Menschen begegnen uns auch hier im Museum immer wieder aufs Neue, denn auch in unserer Sammlung befinden sich Objekte, die einmal durch die sogenannte „Arisierung“ hierher gelangten. Erfreulicherweise konnten schon einige dieser Objekte an die Nachkommen restituiert werden. Bereits 2014 haben wir über die Restitution der Möbel der Familie Hahn an deren rechtmäßige Erben berichtet. Diese überließen die Möbel und weitere Erbstücke dem Museum als Dauerleihgabe. Nun kamen sie erneut ins Museum, um diese Objekte zu begutachten. Auch Thomas Buergenthal, Enkel von Rosa und Paul Silbergleit, besuchte im Rahmen der Stolpersteinverlegung das Museum. Das Städtische Museum wird durch solche Zeichen wachsenden Vertrauens von einem Ort der Erinnerung zur Begegnungsstätte und somit zu einem Ort, an dem Zukunft gestaltet wird.                                                                                                                Über Provenienzforschung, Restitution und bewegende Momente berichtet Museumsleiter Dr. Ernst Böhme.

Herr Dr. Böhme, wann wurde Ihnen bewusst, dass sich in der Sammlung des Städtischen Museums Göttingen Objekte befinden, die im Zuge der „Arisierung“ hierher gelangten?

2006 hat das Museum ein Porträt des jüdischen Malers Herrmann Hirsch von einer Göttinger Familie erhalten. Da sich in unserer Sammlung bereits einige Gemälde des Künstlers befanden, habe ich gleich im Eingangsbuch überprüft, wie diese ins Museum gekommen waren. Es handelte sich um einen Ankauf vom Finanzamt im Jahre 1941. Diese Objekte sind also höchstwahrscheinlich durch „Arisierung“, das heißt legitimierte Erpressung oder Enteignung jüdischer Bürger durch Organe des NS-Staates, in den Besitz des Finanzamtes gekommen, um schließlich vom Museum gekauft zu werden. Diese Erkenntnis wurde zum Auslöser für die Suche nach weiteren Objekten in unserer Sammlung, die jüdischen Bürgern in dieser Zeit unrechtmäßig entzogen worden waren.

Wieso hat man nicht schon viel früher angefangen, sich mit der Provenienz dieser Objekte zu beschäftigen?

Otto Fahlbusch, der damalige Museumsleiter, blieb auch nach dem 2. Weltkrieg auf seiner Position, ohne den Versuch zu unternehmen, die „arisierten“ Objekte an die Erben der ehemaligen Göttinger Juden zurückzugeben. Und auch bei seinen Nachfolgern im Amt ist diesbezüglich kein Unrechtsbewusstsein erkennbar, da die Objekte ja formrechtlich korrekt angekauft und nicht gewaltsam geraubt worden waren. Man hat sich auf diese Position zurückgezogen und den Kontext der Vorgänge außer Acht gelassen. Unberücksichtigt blieb dabei, dass das NS-Regime ein Rechtssystem hatte, dessen Ziel Unrecht war. Dabei hat man sich im Museum mit der NS-Zeit durchaus beschäftigt. In den 80er Jahren gab es sogar eine Sonderausstellung „Göttingen unterm Hakenkreuz“. Seit den 1980er Jahren war das Thema „NS-Zeit“ fester Bestandteil der Dauerausstellung.

War es schwierig, die rechtmäßigen Erben zu finden? Wie kam der Kontakt zu Stande und wie waren die ersten Reaktionen?

Die Erben zu finden ist sehr schwer, da diese Menschen, wenn es sie überhaupt gibt, mittlerweile in der ganzen Welt verstreut sind. Mit den Nachkommen der Familie Hahn hatten wir einfach Glück. Sie waren zufällig, aus anderen Gründen, in Göttingen und kamen auf uns zu. So konnte schnell ein guter Kontakt aufgebaut werden. Von Seiten der Nachkommen gab es anfangs unterschiedliche Haltungen uns gegenüber. Die Reaktionen auf unser Vorhaben waren überwiegend positiv, anfangs war aber auch eine verständliche Distanziertheit spürbar, die sich mittlerweile erfreulicherweise aufgelöst hat. Alle Nachkommen sind sehr zugänglich und treten uns mittlerweile mit großem Vertrauen entgegen.

Letzte Woche besuchten erneut Nachfahren vertriebener und ermordeter jüdischer Bürger Museum und Depot? Was können Sie über diese Begegnungen berichten?

Michael Hayden, Enkel von Max und Gertrud Hahn, hat Objekte aus dem Nachlass seiner Großeltern begutachtet. Die meisten sah er zum ersten Mal. Solche Momente sind immer sehr bewegend.                                                                                                                                                Auch Thomas Buergenthal, Enkel von Rosa und Paul Silbergleit, besuchte das Museum. Während seines Aufenthalts in Göttingen wurden wir bei Arbeiten im Depot auf einen Schuhlöffel aus dem Geschäft seiner Großeltern aufmerksam. Wir freuen uns sehr, dass wir dieses Erinnerungsstück Herrn Buergenthal noch am selben Tag überreichen konnten. Das Museum besitzt einen weiteren Schuhlöffel aus dem Geschäft Silbergleit.                     Ich staune immer wieder über die Dankbarkeit, die uns von Seiten der Erben entgegengebracht wird, denn eigentlich stehen wir tief in ihrer Schuld. Wir sind sehr dankbar für die Offenheit und das Vertrauen, das uns, trotz der Schrecken der Vergangenheit, entgegengebracht wird.

 

 

 

 

 

Abb.1: Michael Hayden und Kuratorin Andrea Rechenberg bei der Begutachtung von Objekten aus dem Nachlass der Familie Hahn; Abb. 2: Kuratorin Andrea Rechenberg, Museumsleiter Dr. Ernst Böhme und Prof. Dr. Thomas Buergenthal bei der Übergabe des Schuhlöffels aus dem Geschäft der Familie Silbergleit in der Göttinger Stadtbibliothek; Abb.3: Schuhlöffel aus dem Geschäft der Familie Silbergleit

(Das Interview mit Dr. Ernst Böhme führte Izabela Mihaljevic, wissenschaftliche Volontärin.)