18. August 2017

Kunst im Haar – Schildpattkämme als beliebtes Damenaccessoire im 19. Jahrhundert

Die Reinventarisierung des Museumsbestandes fördert immer wieder viele, scheinbar vergessene Objekte vergangener Epochen zu Tage. Darunter befinden sich auch solche, die noch vor einigen Generationen zum festen Bestandteil des Kleiderschranks der Frau von Welt gehörten – so beispielsweise auch eine Sammlung kunstvoll gearbeiteter Steckkämme aus Schildpatt.

Im Zuge meines studentischen Praktikums habe ich mich verstärkt mit jenen fein gesägten Objekten beschäftigt, sah mich aber rasch mit einem verzwickten Problem konfrontiert. Denn im Prozess der Aufnahme der Objekte ist es nicht nur nötig, sie zu vermessen und zu datieren, es ist eben auch nötig, das Material zu bestimmen, aus dem sie angefertigt wurden. Und genau dort zeigt sich die Schwierigkeit.

Einsteckkämme stellten bis in das letzte Jahrhundert einen beliebten Modeartikel dar, und sie taten dies schon seit längerer Zeit. Schon im 18. Jahrhundert verbreiteten sich die Kämme, welche aber nicht mit den schlichten Exemplaren jüngerer Zeit verwechselt werden sollten, sondern ganz dem Zeitgeist entsprechend ausgefallen gearbeitet waren und häufig mit kunstvollen teils geritzten, teils gesägten Motiven versehen waren. Das Schildpatt, hergestellt aus dem Panzer der heute unter Artenschutz stehenden Karettschildkröte, ließ die kleinen Stücke dabei hohe Preise erzielen.

Deswegen wurde häufig das deutlich günstigere Horn (und später auch der Kunststoff Bakelit) an Stelle das aufwendig zu beschaffenden Schildpatts verwendet. Das Horn wurde dabei  so mit Chemikalien bearbeitet, dass es auf der Oberfläche eine dem Schildpatt täuschend ähnliche Musterung und Farbe bildete. Nur einzeln und unter dem Mikroskop lassen sich die Unterschiede feststellen. Eine zeitaufwendige und mühselige Arbeit, welche bei der Beschaffung vieler Stücke durch das Museum in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts nicht getätigt wurde. Und so sprechen die Eingangsbücher an vielen Stellen von Schildpatt, wo möglicherweise nur ein geübter Plagiator am Werk war.

Doch Schildpatt oder nicht, die aufwendige Gestaltung vieler Kämme macht diese Frage mehr als wett. So ist etwa der Kamm mit der Inventarnummer 1900/808, der im Jahr 1900 zusammen mit zwei weiteren Kämmen für einen Preis von 7,50 Mark (was damals recht viel Geld war) vom Museum erworben wurde, ein wahres Kunstwerk. Denn das Schild des in den 1820/30er Jahren gefertigten Kammes ist mit fein gesägten Blüten und Blattmotiven verziert. Die Verzierungen sind leicht beschädigt. Der Kontrast des detailreichen Schilds zu den schlicht gearbeiteten Zinken lässt dabei die Arbeit nur noch besser zur Geltung kommen. (Auch, wenn dieser Teil beim Tragen des Kammes von den Haaren bedeckt war.) Ob das Stück aber nun von Schildpatt oder Horn ist, macht für sein Äußeres keinen Unterschied. Dieses bleibt in jedem Fall wunderschön.

Für die Neugierigen sei abschließend noch gesagt, laut Eingangsbuch handelt es sich bei dem Objekt um einen Kamm von Horn.

(Nico Stober – studentischer Praktikant)