23. Juni 2017

Entdeckt im Textilmagazin

Ein hellgelbes Band aus feinster Seide mit aufgedruckten Bildern, die an einem Ende in einem ovalen Rahmen eine anmutig schreitende Frauengestalt zeigen. Sie hält mit der einen Hand einen Korb mit Weintrauben, den sie auf dem Kopf balanciert, im linken Arm eine Amphore. Irgendwie griechisch, klassizistisch, antik! Das andere Ende zieren vier weitere Darstellungen weiblicher Grazien, aufgereiht in horizontaler Richtung und mit Attributen versehen, die sich als Allegorien der Jahreszeiten und des Jahresverlaufs deuten lassen.

Was verbirgt sich dahinter? Welche Rolle spielte dieses Band, das nach Gestaltung und Motiv um 1800 zu datieren ist?

Im Eingangsbuch des Museums findet man den Hinweis: Spinnrockenband oder Wockenband. Dies ist nach Amaranthes Frauenzimmer-Lexicon von 1715 „…ein Zierband, das das mit dem Blatt umhüllenden Flachs umschließt.“ Der Flachs ist am Spinnrockenstab befestigt und wird durch Wockenblatt und Wockenband gehalten.

Das Spinnrad und die Spinnstube kommen ins Spiel! Da stellt sich jedoch die Frage, hat dieses zarte, nach über 200 Jahren noch gut erhaltene Seidenband je einem der brisanten „Wocken-Histörchen“ (Geschichten, die die Weiber sich in den Spinnstuben erzählten) gelauscht? Eher wohl dem lockeren Geplänkel und Geplauder im Boudoir der Dame des Hauses, die das feine Seidenband dort zur allgemeinen Bewunderung dekoriert haben wird.

(Ulla Kayser, ehrenamtliche Mitarbeiterin)