Archiv für den Monat: Oktober 2019

25. Oktober 2019

Corrado Cagli – der Künstler des Mahnmals für die zerstörte Synagoge in Göttingen

Zum Gedenken an die jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, an die Zerstörung der Göttinger Synagoge und das Leid der jüdischen Gemeinde während der Novemberprogrome 1938 wurde am Standort der zerstörten Synagoge, dem heutigen „Platz der Synagoge“ ein Mahnmal errichtet. Die 1973 eingeweihte Arbeit des international anerkannten Künstlers Corrado Cagli in Göttingen kann als erstes umfassend künstlerisch durchgestaltetes Mahnmal für eine von den Nationalsozialisten zerstörte Synagoge gelten: Cagli entwarf eine etwa fünfeinhalb Meter hohe, über einem Freiraum schwebende Stahlplastik, die sich aus einzelnen übereinander geschichteten, gleichschenkligen Dreiecken zusammensetzt. Sie bilden die Grundform eines Davidsterns, der sich zur Spitze hin verjüngt und dabei zusätzlich gedreht ist. Diese Gestalt vermittelt die Umrisse einer Flamme, als Erinnerung an die Flammen, die die Synagoge zerstörten. Auf Grund ihrer Abstraktion lässt Caglis Plastik viele Interpretationsmöglichkeiten zu und ist zugleich ein würdiger Ort der kollektiven Erinnerung.

Bis dahin waren in Göttingen außer einem Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof nur sehr wenige Gedenkzeichen vorhanden, die an die jüdischen Opfer erinnerten und es existierte keine würdige Form des öffentlichen Gedenkens. Der italienisch-jüdische Künstler Corrado Cagli war in Göttingen bekannt geworden, da er im Mai 1970 eine Ausstellung im Städtischen Museum Göttingen präsentiert hatte.

Wer aber war der Künstler Corrado Cagli?

Corrado Cagli wurde 1910 in Ancona geboren und siedelte in früher Kindheit mit seiner Familie nach Rom um. Dort wurde sein künstlerisches Talent bald entdeckt und er besuchte nach dem Gymnasium die Accademia di Belle Arti. Anfang der 1930er Jahre nahm Cagli intensiv am künstlerischen Leben in Italien teil.

Bis 1938 wurde Corrado Cagli vom faschistischen Regime begünstigt. Die Faschisten schienen einige seiner monumentalen oder heroischen Werke zu schätzen, folglich wurde er mit einigen Mosaiken und Wandgemälden an öffentlichen Gebäuden beauftragt.

In den Jahren 1936 und 1937 arbeitete Cagli zunehmend expressiv und wurde zu Beginn des Jahres 1937 schließlich von den italienischen Nationalisten und Faschisten publizistisch angegriffen und als „entartet“ diffamiert. 1938 stellt Cagli noch auf der Biennale in Venedig aus, bevor er Italien verließ und über Paris nach New York flüchten muss.

Im Jahr 1941 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger und erlebte so als amerikanischer Soldat die Landung in der Normandie und die Kämpfe von Belgien über die Ardennen nach Deutschland. Dort gehörte er zu den Soldaten, die in das Konzentrationslager Buchenwald kamen. Seine Erfahrungen des Krieges und den Horror der Befreiung der ausgemergelten und verhungerten Opfer des Konzentrationslagers versuchte er später in vielen Zeichnungen zu verarbeiten.

Wieder zurück in New York, 1946, beschäftigte sich Cagli mit Surrealismus, Postkubismus und zeitgenössischer amerikanischer Moderne. Erst 1948 kehrte er nach Italien zurück.

Das Werk von Corrado Cagli ist facettenreich. Dazu gehören auch viele plastische Arbeiten. In den Jahren zwischen 1970 und 1973 realisierte Cagli mit dem Göttinger Synagogenmahnmal seine erste und einzige Skulptur im urbanen Raum. Nachdem er von der Stadt Göttingen den Auftrag erhalten hatte, eine Gestaltungsidee zu entwickeln, entwarf er insgesamt fünf Modelle, welche die Formfindung dokumentierten und aus verschiedenen Materialien geschaffen waren. Der Künstler verzichtete auf ein Honorar und schenkte seine Idee und das endgültige Modell, eine Skulptur aus Silber, der Stadt. Lediglich die Arbeit seiner Mitarbeiter wollte er, wenn auch bescheiden, entlohnt wissen. Das Modell befindet sich heute im Städtischen Museum Göttingen. Die kleine Skulptur hat ebenso wie seine wesentlich größere Ausführung am „Platz der Synagoge“ eine sehr besondere Wirkung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Adina Eckart (wiss. Volontärin)

18. Oktober 2019

„Professorencheck“

Praktikumsbericht aus der Grafischen Sammlung

In der Grafischen Sammlung sollten die Inhalte der Schränke überprüft werden. Meine Aufgabe war es, den umfangreichen Bestand von Portraits genauer unter die Lupe zu nehmen. Besonders reizvoll waren hierbei die Bildnisse von Göttinger Professoren des 18. und 19. Jahrhunderts, die ich mir zugleich unter dem Aspekt angesehen habe, wie Wissenschaft und Wissenschaftler sich damals repräsentierten.

Mithilfe von Bestandslisten prüfte ich, ob die Porträts in der richtigen Schublade abgelegt wurden. Hierzu sah ich mir zunächst einmal an, wer überhaupt dargestellt ist. Dies war bei den Professorenbildnissen in der Regel sehr eindeutig, da der Porträtierte mittels einer Inschriftentafel oder Signatur benannt wurde.

Danach untersuchte ich die einzelnen Grafiken auf Inventarnummern und Eingangsbuchnummern, die vorgefundenen Nummern glich ich mit den Eingangsbüchern ab, in denen weitere Details, wie z.B. die Provenienz, zu den Grafiken verzeichnet sind. Sofern eine Inventarnummer oder Eingangsbuchnummer, von der die Inventarnummer abgeleitet werden konnte, vorhanden war, pflegte ich diese die Datenbank des Museums ein. Bei Porträts ohne Nummer wurde eine neue Nummer im Eingangsbuch angelegt.

Nach der Registrierung der Grafik folgte die Beschreibung des Porträtierten mit seinen Attributen und Stilmitteln. Nach der Beschreibung und Recherchearbeit erfolgten die Vermessung des Blattes und die Untersuchung des Zustandes der Grafik. Wenn diese Schritte erledigt waren, konnte der Datensatz gespeichert werden und ich mich den nächsten Portraits widmen.

Die Professoren präsentierten sich meistens in nobilitierender Kleidung, mit Attributen ihrer Profession.

Johann Friedrich Blumenbach (1852-1840) Professor für Medizin und Naturgeschichte Kupferstich, 1823 Attribute: Buch und Schädel

 

Karl Otfried Müller (1797-1840) Professor für Klassische Philologie Lithographie, 19. Jahrhundert Attribute: Buch und Akropolis

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei dem Universalgelehrten Albrecht von Haller (1708 – 1777) war dies beispielsweise eine auf Papier abgebildete Pflanze und ein Buch, die ihn als Botaniker ausweisen.

Albrecht von Haller Schabkunst, 18. Jahrhundert

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1736, im Jahr seiner Berufung an die Universität Göttingen für den Lehrstuhl für Anatomie, Chirurgie und Botanik, legte er den Botanischen Garten in Göttingen an, sammelte Pflanzen und ließ ein Gewächshaus errichten.

Des Weiteren fand ich auf einigen Blättern mit dem Portrait Hallers, des Begründers des „hortus medicus“ (Apothekergarten), ein sehr auffälliges Wappen, dass ich genauer recherchierte. Es handelt sich dabei um sein Familienwappen. Dies wird gebildet aus einem grünen Dreiberg, einem grünen Lindenblatt und zwei roten Sternen auf goldenen Grund.

Detail: Portrait: Albrecht von Haller Kartusche mit Wappen

 

Insgesamt begegneten mir viele namhafte Gelehrte, die in ihrer hohen Anzahl und Art der Darstellung verdeutlichen, welches großes Selbstbewusstsein die Professoren und die Universität im 18. und 19. Jahrhundert hatten.

Da ich mich bereits im Studium intensiv mit Druckgrafik und den verschiedenen druckgrafischen Techniken befasst sowie bei der Ausstellung „Face the fact. Wissenschaftlichkeit im Portrait“ mitgewirkt habe, hat es mir große Freude bereitet, mein Wissen in diesem Praktikum anwenden zu können.

Zudem hat es mich fasziniert, wie detailliert die Grafiken sind, sodass beispielsweise bei dem Portrait von Konrad Johann Martin Langenbeck (1775-1851), Professor für Anatomie und Chirurgie in Göttingen, der Buchtitel „Chirugis“, auf dem vor ihm befindlichen Buch, lesbar ist.

Konrad Johann Martin Langenbeck; Professor für Anatomie und Chirurgie; Radierung, 19. Jahrhundert

Detail: Portrait: Konrad Johann Langenbeck Buchrücken

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vielen Dank für die bereichernde Zeit!

 

Anna Rusteberg

(Studentin im Masterstudiengang „Kunstgeschichte mit Schwerpunkt Kuratorische Studien“, Georg-August-Universität Göttingen)

11. Oktober 2019

Eine international einzigartige Sammlung: Unsere Tora-Wimpel sind restauriert!

Die Restaurierung der 28 Tora-Wimpel des Städtischen Museums Göttingen ist abgeschlossen. Im Blog-Beitrag vom 13. April 2018: „Eine international einzigartige Sammlung: Unsere Tora-Wimpel werden restauriert!“ wurde dieses Projekt angekündigt. Am Montag, den 16. September 2019, war es dann soweit, wir konnten zu einem Presse- und Fototermin anlässlich der Präsentation der restaurierten Tora-Wimpel des Städtischen Museums Göttingen ins Außendepot einladen.

Die lange unbeachtet gebliebenen Objekte wurden in den vergangenen zwei Jahren aufwändig restauriert, wissenschaftlich beschrieben und erforscht. Die Diplomrestauratorin Ada Hinkel aus Hamburg erklärte eindrucksvoll, wie die Objekte aus dem Zeitraum von 1690 bis 1838 grundlegend untersucht, restauriert und stabilisiert wurden. Ada Hinkel hat das Projekt von Anfang an begleitet, ein Blog-Beitrag vom 01. Juni 2018 berichtet über eine Visite während der Restaurierungsarbeiten in ihrer beeindruckenden Werkstatt in Hamburg. 

Ermöglicht wurde die Restaurierung der Tora-Wimpel dank der finanziellen Förderung durch die VGH-Stiftung, die Klosterkammer Hannover und den Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen. Als Gesprächspartner standen bei der Präsentation außerdem Dr. Arne Butt für die VGH-Stiftung und Michael Fürst vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen zur Verfügung sowie Dr. Ernst Böhme und Andrea Rechenberg vom Städtischen Museum Göttingen. Dr. Arne Butt hob die Bedeutung der Maßnahme hervor: „Wir sind froh, dass mit der Restaurierung der Tora-Wimpel wichtige Zeugnisse der niedersächsischen Geschichte erhalten werden konnten.“ Andrea Rechenberg betonte: „Das bunte Bildprogramm der Tora-Wimpel eröffnet Einblicke in die Glaubenswelt der jüdischen Bevölkerung in den ländlichen Gegenden Südniedersachsens rund um Göttingen, in dem Zeitraum von 1690 bis 1838“.

Michael Fürst (Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen); Ada Hinkel (Diplomrestauratorin); Dr. Ernst Böhme (Städtisches Museum Göttingen); Andrea Rechenberg (Städtisches Museum Göttingen); Dr. Arne Butt (VGH-Stiftung) (v. links)

Das Städtische Museum Göttingen verfügt über einen deutschlandweit bedeutenden Bestand von 28 Tora-Wimpeln. Die bis zu 3 m langen Textilien, die nach der Beschneidung eines Jungen kunstvoll angefertigt wurden, geben einen einzigartigen Einblick in Glaubenswelt, Traditionen und Lebensgeschichten jüdischer Familien in Südniedersachsen vom späten 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts und wirken als Zeugnisse jüdischer Kultur in Deutschland weit über die Region hinaus.

Nachdem die Textilien ab der Mitte des 19. Jahrhunderts weitgehend ihre Bedeutung für die alltägliche Glaubenspraxis verloren hatten, wurden sie an der Wende zum 20. Jahrhundert in den Museumsbestand aufgenommen. Sie sind ein Beleg, dass zu jener Zeit – vor der Ausgrenzung, Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung im nationalsozialistischen Deutschland – jüdische Kultobjekte Juden wie Nichtjuden als selbstverständliche Sammlungsobjekte zur lokalen Geschichte galten.

Eine Besonderheit der Göttinger Sammlung liegt in der Möglichkeit, nahezu alle Tora-Wimpel konkreten Personen und Familien zuordnen zu können. Dadurch werden diese individuellen Objekte zugleich einzigartige Zeugen des früheren jüdischen Lebens im heutigen Südniedersachsen. Durch die mit ihnen verbundenen Namen und Familien dokumentieren sie Jahrhunderte der Beschränkungen und Unterdrückung der jüdischen Mitbürger, aber auch ihre Emanzipation und teilweise Assimilation, schrecklich endend in den Verbrechen des Nationalsozialismus. Damit sind diese Tora-Wimpel Manifestationen der deutschen wie der jüdischen Geschichte.

Doch darüber hinaus sind die Tora-Wimpel sowohl Ausdruck individueller Kreativität und persönlichen Glaubens als auch Dokumentation einer tiefen Verbundenheit zur Gemeinde. Nun können die Göttinger Tora-Wimpel wieder zeitweilig präsentiert werden und stehen kommenden Forschergenerationen für weiterführende Untersuchungen zur Verfügung, auch eine Buchpublikation ist in Vorbereitung.

(Adina Eckart, wiss. Volontärin)

04. Oktober 2019

Crossover

Stadtansichten aus den Sammlungsbereichen Porzellan und Grafik

Seit einiger Zeit befasse ich mich neben der grafischen Sammlung mit den weiteren Beständen unserer Sammlung. Darunter befindet sich eine umfangreiche Anzahl von Objekten aus Porzellan. Bei der Sichtung der beiden Objektgruppen sind Übereinstimmungen in den verwendeten Sujets im 18. und 19. Jahrhundert ersichtlich geworden.

Im Porzellanmagazins befinden sich interessante Ansichten der Stadt Göttingen auf ganz unterschiedlichen Objekten: einemBierdeckel, einer Zündholzdose,einem Pfeifenkopf oder einer Tasse. Die dargestellten Bereiche in der Stadt variieren von öffentlichen Gebäuden wie dem Alten Rathaus und Straßenansichten über Ausflugslokale wie das Rohnsche Tanzlokal bis zu Gesamtansichten. Bei dieser sog. Vedutenmalerei werden Landschaften, Orten, Gebäuden, Straßen und Plätzen wirklichkeitsgetreu, topografisch und perspektivisch korrekt dargestellt. Mitunter werden sie mit einer Staffage, d.h. Personen oder Tieren, angereichert. In den Porzellanmanufakturen gab es oftmals eine große Auswahl an Kupferstichvorlagen. Zahlreiche dieser Kupferstiche finden sich wiederum auch in der grafischen Sammlung des Museums.

 

 

Eine besondere Herausforderung für den Porzellanmaler war die Übertragung der überwiegend rechteckigen Vorlagen auf die jeweilige zu bemalende Fläche des Porzellans. Die Komposition wurde oft beibehalten, aber auch mal geändert oder auch mit künstlerischer Freiheit abweichend von der Vorlage umgesetzt. Bei den Exponaten in unserer Sammlung handelt es sich um farbige Porzellanmalerei, reich verziert wie bspw. die Kartusche auf der Zündelholzschale zeigt.

Im 19. Jahrhundert wurde Porzellan preiswerter, es wurde u.a. für die Herstellung von Souvenirs eingesetzt. Dazu gehörte auch die Produktion von Sammeltassen, die als Mitbringsel oder Erinnerungstasse in der Zeit des Biedermeiers in vielen Haushalten Einzug fand.

Auf diese Art und Weise war es möglich, Kenntnisse über fremde Städte zu vermitteln. Im Gegensatz zu den vielfältigen und schnellen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts, war es im 18. und 19. Jahrhundert beschwerlich, aktuelle Informationen oder Eindrücke zu Reiseziele zu erhalten. An dieser Stelle lässt sich erneut ein Bogen zu unserer grafischen Sammlung schlagen. Dort befinden zahlreiche grafische Blätter mit Göttinger Ansichten, darunter sind auch sog. Guckkastenblätter mit Motiven aus Göttingen. Die Guckkastenblätter kamen im 18. Jahrhundert auf und waren eines der ersten Massenmedien für die Verbreitung von Informationen. Von einem mit einem Guckkasten umherziehenden Guckkästner wurden sie auf Marktplätzen gezeigt und erläutert. Die Guckkastenblätter zeigten thematisch eine ganze Bandbreite wie historischen Ereignisse, die Sieben Weltwunder, biblische Themen oder Stadtansichten. So befindet sich Guckkastenblätter verschiedene Ansichten von Göttingen bei uns in der grafischen Sammlung.

 

 

 

 

 

 

Diese Art von crossover zeigt, wie abwechslungsreich und zugleich verbunden der stadtgeschichtliche Bezug der Sammlungsbereiche ist und wie Göttinger Ansichten als Motiv bei kulturgeschichtlichen Entwicklungen aufgegriffen wurden.

 

(Simone Hübner M. A., Kuratorin)

Abbildungen

  1. Bierdeckel, Inv.Nr. 193/869
  2. Erinnerungstasse Inv.Nr. 1994/99
  3. Zündelholzdose, 1857, Inv.Nr. 1989/232
  4. Erinnerungstasse1990/273
  5. Pfeifenkopf, Inv.Nr. 1982/483
  6. Guckkastenblatt, 18. Jahrhundert, Inv.Nr. 1904/661