Monthly Archives: Oktober 2019

11. Oktober 2019

Eine international einzigartige Sammlung: Unsere Tora-Wimpel sind restauriert!

Die Restaurierung der 28 Tora-Wimpel des Städtischen Museums Göttingen ist abgeschlossen. Im Blog-Beitrag vom 13. April 2018: „Eine international einzigartige Sammlung: Unsere Tora-Wimpel werden restauriert!“ wurde dieses Projekt angekündigt. Am Montag, den 16. September 2019, war es dann soweit, wir konnten zu einem Presse- und Fototermin anlässlich der Präsentation der restaurierten Tora-Wimpel des Städtischen Museums Göttingen ins Außendepot einladen.

Die lange unbeachtet gebliebenen Objekte wurden in den vergangenen zwei Jahren aufwändig restauriert, wissenschaftlich beschrieben und erforscht. Die Diplomrestauratorin Ada Hinkel aus Hamburg erklärte eindrucksvoll, wie die Objekte aus dem Zeitraum von 1690 bis 1838 grundlegend untersucht, restauriert und stabilisiert wurden. Ada Hinkel hat das Projekt von Anfang an begleitet, ein Blog-Beitrag vom 01. Juni 2018 berichtet über eine Visite während der Restaurierungsarbeiten in ihrer beeindruckenden Werkstatt in Hamburg. 

Ermöglicht wurde die Restaurierung der Tora-Wimpel dank der finanziellen Förderung durch die VGH-Stiftung, die Klosterkammer Hannover und den Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen. Als Gesprächspartner standen bei der Präsentation außerdem Dr. Arne Butt für die VGH-Stiftung und Michael Fürst vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen zur Verfügung sowie Dr. Ernst Böhme und Andrea Rechenberg vom Städtischen Museum Göttingen. Dr. Arne Butt hob die Bedeutung der Maßnahme hervor: „Wir sind froh, dass mit der Restaurierung der Tora-Wimpel wichtige Zeugnisse der niedersächsischen Geschichte erhalten werden konnten.“ Andrea Rechenberg betonte: „Das bunte Bildprogramm der Tora-Wimpel eröffnet Einblicke in die Glaubenswelt der jüdischen Bevölkerung in den ländlichen Gegenden Südniedersachsens rund um Göttingen, in dem Zeitraum von 1690 bis 1838“.

Michael Fürst (Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen); Ada Hinkel (Diplomrestauratorin); Dr. Ernst Böhme (Städtisches Museum Göttingen); Andrea Rechenberg (Städtisches Museum Göttingen); Dr. Arne Butt (VGH-Stiftung) (v. links)

Das Städtische Museum Göttingen verfügt über einen deutschlandweit bedeutenden Bestand von 28 Tora-Wimpeln. Die bis zu 3 m langen Textilien, die nach der Beschneidung eines Jungen kunstvoll angefertigt wurden, geben einen einzigartigen Einblick in Glaubenswelt, Traditionen und Lebensgeschichten jüdischer Familien in Südniedersachsen vom späten 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts und wirken als Zeugnisse jüdischer Kultur in Deutschland weit über die Region hinaus.

Nachdem die Textilien ab der Mitte des 19. Jahrhunderts weitgehend ihre Bedeutung für die alltägliche Glaubenspraxis verloren hatten, wurden sie an der Wende zum 20. Jahrhundert in den Museumsbestand aufgenommen. Sie sind ein Beleg, dass zu jener Zeit – vor der Ausgrenzung, Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung im nationalsozialistischen Deutschland – jüdische Kultobjekte Juden wie Nichtjuden als selbstverständliche Sammlungsobjekte zur lokalen Geschichte galten.

Eine Besonderheit der Göttinger Sammlung liegt in der Möglichkeit, nahezu alle Tora-Wimpel konkreten Personen und Familien zuordnen zu können. Dadurch werden diese individuellen Objekte zugleich einzigartige Zeugen des früheren jüdischen Lebens im heutigen Südniedersachsen. Durch die mit ihnen verbundenen Namen und Familien dokumentieren sie Jahrhunderte der Beschränkungen und Unterdrückung der jüdischen Mitbürger, aber auch ihre Emanzipation und teilweise Assimilation, schrecklich endend in den Verbrechen des Nationalsozialismus. Damit sind diese Tora-Wimpel Manifestationen der deutschen wie der jüdischen Geschichte.

Doch darüber hinaus sind die Tora-Wimpel sowohl Ausdruck individueller Kreativität und persönlichen Glaubens als auch Dokumentation einer tiefen Verbundenheit zur Gemeinde. Nun können die Göttinger Tora-Wimpel wieder zeitweilig präsentiert werden und stehen kommenden Forschergenerationen für weiterführende Untersuchungen zur Verfügung, auch eine Buchpublikation ist in Vorbereitung.

(Adina Eckart, wiss. Volontärin)

04. Oktober 2019

Crossover

Stadtansichten aus den Sammlungsbereichen Porzellan und Grafik

Seit einiger Zeit befasse ich mich neben der grafischen Sammlung mit den weiteren Beständen unserer Sammlung. Darunter befindet sich eine umfangreiche Anzahl von Objekten aus Porzellan. Bei der Sichtung der beiden Objektgruppen sind Übereinstimmungen in den verwendeten Sujets im 18. und 19. Jahrhundert ersichtlich geworden.

Im Porzellanmagazins befinden sich interessante Ansichten der Stadt Göttingen auf ganz unterschiedlichen Objekten: einemBierdeckel, einer Zündholzdose,einem Pfeifenkopf oder einer Tasse. Die dargestellten Bereiche in der Stadt variieren von öffentlichen Gebäuden wie dem Alten Rathaus und Straßenansichten über Ausflugslokale wie das Rohnsche Tanzlokal bis zu Gesamtansichten. Bei dieser sog. Vedutenmalerei werden Landschaften, Orten, Gebäuden, Straßen und Plätzen wirklichkeitsgetreu, topografisch und perspektivisch korrekt dargestellt. Mitunter werden sie mit einer Staffage, d.h. Personen oder Tieren, angereichert. In den Porzellanmanufakturen gab es oftmals eine große Auswahl an Kupferstichvorlagen. Zahlreiche dieser Kupferstiche finden sich wiederum auch in der grafischen Sammlung des Museums.

 

 

Eine besondere Herausforderung für den Porzellanmaler war die Übertragung der überwiegend rechteckigen Vorlagen auf die jeweilige zu bemalende Fläche des Porzellans. Die Komposition wurde oft beibehalten, aber auch mal geändert oder auch mit künstlerischer Freiheit abweichend von der Vorlage umgesetzt. Bei den Exponaten in unserer Sammlung handelt es sich um farbige Porzellanmalerei, reich verziert wie bspw. die Kartusche auf der Zündelholzschale zeigt.

Im 19. Jahrhundert wurde Porzellan preiswerter, es wurde u.a. für die Herstellung von Souvenirs eingesetzt. Dazu gehörte auch die Produktion von Sammeltassen, die als Mitbringsel oder Erinnerungstasse in der Zeit des Biedermeiers in vielen Haushalten Einzug fand.

Auf diese Art und Weise war es möglich, Kenntnisse über fremde Städte zu vermitteln. Im Gegensatz zu den vielfältigen und schnellen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts, war es im 18. und 19. Jahrhundert beschwerlich, aktuelle Informationen oder Eindrücke zu Reiseziele zu erhalten. An dieser Stelle lässt sich erneut ein Bogen zu unserer grafischen Sammlung schlagen. Dort befinden zahlreiche grafische Blätter mit Göttinger Ansichten, darunter sind auch sog. Guckkastenblätter mit Motiven aus Göttingen. Die Guckkastenblätter kamen im 18. Jahrhundert auf und waren eines der ersten Massenmedien für die Verbreitung von Informationen. Von einem mit einem Guckkasten umherziehenden Guckkästner wurden sie auf Marktplätzen gezeigt und erläutert. Die Guckkastenblätter zeigten thematisch eine ganze Bandbreite wie historischen Ereignisse, die Sieben Weltwunder, biblische Themen oder Stadtansichten. So befindet sich Guckkastenblätter verschiedene Ansichten von Göttingen bei uns in der grafischen Sammlung.

 

 

 

 

 

 

Diese Art von crossover zeigt, wie abwechslungsreich und zugleich verbunden der stadtgeschichtliche Bezug der Sammlungsbereiche ist und wie Göttinger Ansichten als Motiv bei kulturgeschichtlichen Entwicklungen aufgegriffen wurden.

 

(Simone Hübner M. A., Kuratorin)

Abbildungen

  1. Bierdeckel, Inv.Nr. 193/869
  2. Erinnerungstasse Inv.Nr. 1994/99
  3. Zündelholzdose, 1857, Inv.Nr. 1989/232
  4. Erinnerungstasse1990/273
  5. Pfeifenkopf, Inv.Nr. 1982/483
  6. Guckkastenblatt, 18. Jahrhundert, Inv.Nr. 1904/661