Monthly Archives: April 2019

26. April 2019

Don Quijote de la Mancha

In meinem abwechslungsreichen und lehrreichen Praktikum begegnete ich allerlei kulturellen Schätzen. Ich war gerade dabei, für die Ausstellung zur Provenienzforschung Unter Verdacht im September 2019 einige Zuarbeit zu leisten, als ich auf ein eindrucksvolles Gemälde stieß. Unter dem Titel „Don Quichotte“ ist der ehrenwerte Ritter des Malers Hermann Hirsch in der Lost Art-Datenbank zu finden. Hermann Hirsch war ein jüdischer Maler, welcher sich 1934 unter dem NS-Regime das Leben nahm. Da seine Familie bereits aus Deutschland verdrängt wurde, ersteigerte die Stadt seinen verbliebenen Besitz 1941. Da der Verbleib des Besitzes Hermann Hirschs ein Thema der Ausstellung sein wird, möchte ich auf Don Quijote zu sprechen kommen.

El ingenioso higaldo Don Quixote de la Mancha von Miguel de Cervantes, zu Deutsch Der geniale Junker Don Quijote von der Mancha, ist eine Parodie auf Ritterromane des 17. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit waren Ritterromane, die überschwängliche und immer absurder werdende Fantasien als wahre Geschichten verkauften, in Spanien en vogue. Natürlich wusste jeder halbwegs gebildete Leser, dass es sich um rein fiktive Werke handelte. Der Witz des Don Quijote besteht nun darin, dass der Protagonist des Romans, ein kleiner Landadeliger aus der Mancha, diesen Ritterromanen Glauben schenkt und ihnen nacheifert. Fortan nennt er sich Don Quijote, zieht gerüstet mit rostigem Harnisch und einem Helm aus Papier durch das Land. Offensichtlich hat unser lieber Ritter einen kräftigen Dachschaden. Doch das hält ihn nicht davon ab, ja animiert ihn geradezu das längst ausgestorbene Rittertum auszuleben. Neben dem ‚Ritterschlag‘ in einer verkommenen Schenke und dem ritterlichen Hofieren von Prostituierten, zählt der tapfere Kampf gegen Windmühlen zu den witzigsten Geschichten in Don Quijote. Im Vorwort, ein spottender Text über Anleihen von lateinischen Ausdrücken bei zeitgenössischen Autoren – ein Bericht über silberne Zungen und verbrannte Gehirne – gibt Miguel de Cervantes sein Übriges. Durch die Kombination von fiktiven Rittergeschichten und realistischen Handlungsabläufen gelang de Cervantes ein höchst amüsanter Roman von historischem Wert. Mit Don Quijote schuf de Cervantes den ersten modernen Roman.

Neben vielen weiteren Autoren greift Hermann Hesse 1927 in Der Steppenwolf die Ideen de Cervantes‘ auf. Der fünfzigjährige Protagonist Harry Haller fühlt sich im Umfeld der zwanziger Jahre nicht wohl. Als Liebhaber von Mozart, Goethe und den hohen Künsten fühlt er sich in der Banalität seiner Zeit gefangen. Parallel zur Kulturkritik spielt auch Reue eine wichtige Rolle. Seine Verachtung gegenüber der Gesellschaft hat verhindert, dass Haller sich ein gutes Leben aufbauen konnte. Der beruflose und heimatlose Herumtreiber trauert seinen verpassten Chancen hinterher. Hier spannen sich einige Parallelen zu Goethes Faust auf. In den Überlegungen zu diesen Selbstzweifeln ergibt sich die Frage, ob sein Lebenslauf eine reine „Don Quijoterie“ war, ein Versuch, in einer nicht existenten Welt zu leben.

Hirsch malte Don Quijote in aufrechter Pose. Seine Haltung ist voller Würde und Anmut. Die restliche Welt erblasst im Hintergrund. Nach dem Vorbild des Romans ist er sich seiner Illusion nicht bewusst. So stehen Don Quijote und Der Steppenwolf gegensätzlich und doch ähnlich zueinander. Sie bilden ein Paar wie Tragödie und Komödie.

(Max Rosemann, studentischer Praktikant)

12. April 2019

Ein besonderes Geschenk

Letzten Freitag  hatten wir Ihnen mal wieder ein Rätsel aufgegeben. Nun lüften wir das Geheimnis.

Sie ahnten es sicher schon: bei dem Objekt handelt es sich nicht um ein Kunstwerk. Es ist jedoch umso wertvoller, da ein bekannter Göttinger Künstler wahrscheinlich täglich damit arbeitete. Dieser Künstler ist Gottfried Stein und das ist seine Mal- bzw. Mischpalette! – Sozusagen der materialisierte “magische Moment“, in dem aus der Symbiose einzelner Farbkleckse Kunst entsteht.

Gottfried Stein (1915-1999) wurde in Göttingen geboren und studierte an der Werkkunstschule Kassel und an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin. 1946 kehrte er, nach einer langen Kriegsgefangenschaft in Frankreich, nach Göttingen zurück. Hier wurde er zu einem gesuchten Porträtmaler, der bald auch über die Grenzen seiner Heimatstadt hinaus Bekanntheit erlangte.

Unter anderem porträtierte er viermal den Nobelpreisträger Otto Hahn, Prinz Louis Ferdinand von Preußen, den früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, zahlreiche Göttinger Professoren, den früheren niedersächsischen Ministerpräsident Georg Diederichs, den Schauspieler Eberhard Müller-Elmau, sowie viele weitere bedeutende Persönlichkeiten aus Göttingen und der ganzen Bundesrepublik. Erst letztes Jahr hat das Museum ein Porträt von Gina Wurm, einer Enkelin des Gründers des Göttinger Tageblatts Theodor Wurm, aus den 1950er Jahren übernommen, die Stein in Pastell gezeichnet hat. Neben Personen, malte Stein aber auch  Landschaften des Göttinger Umlandes.

Steins Stil lässt Einflüsse des deutschen Impressionismus erkennen. Eine große Bewunderung hegte er für den Berliner Porträtisten Leo von König. Sein Erfolgsrezept war aber eine ganz eigene Malweise, eine charakteristische Handschrift mit der er über Jahrzehnte hinweg jedes Motiv individuell erfasste, sozusagen „aus sich selbst heraus“. Er besaß ein breites maltechnisches Repertoire. Die Leichtigkeit, die die meisten seiner Werke ausstrahlen, kommt durch eine lockere Malweise aus spontanen groben Pinselstrichen und dickem Farbauftrag, den er oft mit einer Spachtel modellierte, zustande. Bei einer solchen Malpraxis wurde die in der letzten Woche vorgestellte Mal-, bzw. Mischpalette wahrscheinlich verwendet. Darüber hinaus schätzte Stein aber auch die Aquarell- und Temperatechnik, sowie Bleistift-, Ölkreide oder Rötelzeichnung.

Ein „allgemeingültiges Rezept“ für ein gutes Werk existiert eben nicht. Wenn man Gottfried Stein nach einem solchen fragte, antwortete er „Nicht ich male, sondern es malt“.

Abb.1: Gottfried Stein porträtiert Otto Hahn, 1966; Abb. 2: Gina Wurm, Pastell, 1950er Jahre; Abb.3: Eberhard Müller-Elmau, Öl auf Leinwand, 1985

Zitate oben: Schaefer, Kurt-Peter, Ausst. Kat. Städtisches Museum Göttingen, 1990.

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

10. April 2019

Ein Hoch auf die Provenienzforschung

Heute ist der internationale Tag der Provenienzforschung. Der Aktionstag wurde dieses Jahr erstmals ins Leben gerufen, um auf die gesellschaftliche und wissenschaftliche Bedeutsamkeit der Arbeit aller Provenienzforscher*innen weltweit aufmerksam zu machen und Einblick in diesen Forschungsbereich zu geben.

Provenienzforschung beschäftigt sich mit der Herkunft von Objekten in Museen, Bibliotheken und Archiven. Ein besonderer Schwerpunkt ist die Klärung der Eigentumsverhältnisse bei Objekten, die in der Zeit des Nationalsozialismus der jüdischen Bevölkerung unrechtmäßig entzogen wurden.

Als erstes kommunales stadtgeschichtliches Museum Niedersachsens betreibt das Städtische Museum Göttingen Provenienzforschung und hat 2014 Objekte an die Nachkommen der früheren jüdischen Eigentümer restituiert. Seit Juli 2017 ist am Museum ein Provenienzforschungsprojekt  angesiedelt, das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördert wird. Dabei werden die Objekteingänge aus der Zeit von 1933 bis 1945 auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug geprüft. Die ersten Projektergebnisse werden vom 8. September bis zum 8. Dezember 2019 in der kommenden Sonderausstellung „Unter Verdacht – NS-Provenienzforschung im Städtischen Museum Göttingen“ präsentiert.

(Saskia Johann, wissenschaftliche Mitarbeiterin)

 

05. April 2019

Gewusst?

Letzte Woche wurde die Sammlung des Städtischen Museums um ein ganz besonderes Objekt bereichert. Es ist etwas skurril, aber wunderschön. Auf den ersten Blick ist es schwer einzuordnen. Strudel verschiedenster Farben verschmelzen ineinander. Es ist wie ein kleiner Swimmingpool, gefüllt mit allen Farben der Welt…

 

Doch worum handelt es sich hier? Ist es moderne Kunst? Oder doch ein Gebrauchsgegenstand? Und welcher Künstler steckt womöglich dahinter?

Wissen Sie es?

Kleiner Tipp: Dieses Objekt verrät uns viel über die Arbeitsweise seines Besitzers.

Die Auflösung folgt in der nächsten Woche.

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)