Monthly Archives: März 2019

29. März 2019

Was willst du einmal werden?

Gestern hatten wir Besuch von “Zeitreisenden“. Vier Schüler durften im Rahmen des Zukunftstags Kuratorin Andrea Rechenberg sowie Saskia Johann und Ruth Baumgarten, Mitarbeiterinnen im Provenienzforschungsprojekt „`Arisierung` und Neukonzeption“, einen Vormittag lang über die Schulter schauen.

Am Zukunftstag, auch Girls Day bzw. Boys Day, erhalten Mädchen und Jungen die Möglichkeit, in Berufe reinzuschnuppern, die häufiger vom jeweils anderen Geschlecht ausgeübt werden. So sollen geschlechterspezifische Rollenstereotype aufgebrochen und erste Erfahrungen in der Berufswelt gesammelt werden.

Unsere Besucher, darunter auch ein Austauschschüler aus den USA,  konnten gestern viele Bereiche der Museumsarbeit kennenlernen und auch Einiges selbst ausprobieren – von der Forschung über die Inventarisierung und das Ausstellen bis hin zum ordnungsgemäßen Bewahren von Objekten im Depot.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

22. März 2019

Wir sind nicht allein!

Blick in einen der Depoträume

Ein Hauptarbeitsfeld des Museums ist das Depot. Hier werden alle Objekte, die nicht in der Ausstellung zu sehen sind, gelagert. Das Außendepot des Städtischen Museums gibt es seit 2015. Alle Objekte, die ganz oder auch nur teilweise aus organischen Substanzen bestehen, sind einer Stickstoffbehandlung unterzogen worden, bevor sie dort eingelagert wurden. So konnten wir sichergehen, dass wir dort keine von Schädlingen befallenen Gegenstände verwahren.

Ständig ist darauf zu achten, dass keine Schädlinge von draußen ins Depot gelangen. So ist das Tragen von Überschuhen geboten. Fenster sind mit Schutzgittern versehen, damit beim Lüften keine Insekten eindringen können. Es ist auf penible Sauberkeit zu achten. Und trotzdem: Wir leben ja nicht allein auf diesem Planeten! So ist es wichtig, dass ständig kontrolliert wird, ob vielleicht doch Schädlinge den Weg ins Depot gefunden haben.

Vorsicht ist besser als Nachsicht: Überschuhe, Lichtfalle und Klebefalle

Derzeit wird mit Klebe‐, Pheromon- und Lichtfallen ein möglicher Befall beobachtet. Die verschiedenen Klebe‐ und Lockstofffallen sind auf bestimmte kriechende Insektenarten abgestimmt. Welche Insekten durch die Nährstoffe oder Hormone angelockt werden, ist in der jeweiligen Produktbeschreibung der Fallen aufgeführt. Mit Lichtfallen, die mit Grünlicht ausgestattet sind, werden vor allem fliegende Insekten angelockt. Mit diesen Fallen kann man über einen längeren Zeitraum die Befallszyklen, ‐radien und ‐konzentrationen nachvollziehen. Sie sind jedoch nur ein Indiz, ob und welche Schädlinge vorhanden sind. Wöchentlich wird überprüft und aufgelistet, ob es einen Befall gibt und wie dieser sich geändert hat.

(Silke Stegemann, Leiterin der Museumswerkstatt)

 

15. März 2019

Sylvester Märten – eine Göttinger Erfolgsgeschichte

Die meisten Göttinger kennen es noch – das 2016 geschlossene Textilienfachgeschäft Sylvester Märten an der Ecke Groner Straße/Zindelstraße. Was viele nicht wissen: das Familienunternehmen bestand in Göttingen bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts und konnte somit auf eine sehr lange Tradition zurückblicken. Solche Erfolgsgeschichten hinterlassen Spuren in der Stadt und als Museumsmitarbeiter nimmt man diese gerne einmal genauer unter die Lupe.

Im vergangenen  Monat kamen zwei Ereignisse zusammen, die mir den Anstoß dazu gaben, mich mit der Geschichte von Sylvester Märten zu beschäftigen. In den Zeitungen und sozialen Netzwerken war vom Abriss einer Gründerzeitvilla im Ostviertel zu lesen – dem 1914 erbauten ehemaligen Wohnhaus der Familie Märten. Der Abriss des neoklassizistischen Gebäudes wurde von zahlreichen Stimmen begleitet, die sich für den Erhalt des historischen Bauwerks aussprachen, darunter auch die Stadtverwaltung, die noch kurz zuvor eine Erhaltungssatzung für das Viertel beschlossen hatte. Leider war das bereits in Teilen abgerissene Gebäude aber nicht mehr zu retten.

Eine Woche zuvor hatte das Museum von Familie Lange, Nachkommen des Firmengründers Sylvester Märten, 11 Porträts übernommen – 8 Gemälde und 3 Fotografien. Darauf zu sehen sind die Mitglieder der Familie Märten/Lange. Einmal  richtig zugeordnet, bilden die Porträts einen Stammbaum der Unternehmerfamilie vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis zu den 1960er Jahren. Im Zuge der Inventarisierung kamen noch einige Puzzleteile dazu. Bereits der Vater des Gründers und Namensgeber des Göttinger Geschäfts Sylvester Märten (1855-1916) ist Textilkaufmann in Duderstadt. Sylvester Märten gründet 1880 in Göttingen sein eigenes Geschäft. Durch die  fachliche Kompetenz Märtens und durch damals noch relativ neue Werbemaßnahmen wie Zeitungskataloge wird es schnell ein großer Erfolg und übersteht auch schwierige Zeiten. Sein Nachfolger wird sein Schwiegersohn Paul Lange (1879-1964), der die Geschäftsleitung schließlich an seinen Sohn Wolfgang übergibt. 1979 wird das Geschäft dann von Willi Klie übernommen.

Die Erinnerung an Sylvester Märten bleibt nicht nur bis 2016 im Namen des Geschäfts erhalten, sondern auch heute noch in einer nach ihm benannten Stiftung zur Förderung der beruflichen Bildung für den Einzelhandel am Standort Göttingen, die der 2017 verstorbene Wolfgang Lange 2013 ins Leben gerufen hat. Eine echte Göttinger Erfolgsgeschichte also, die es zu bewahren lohnt! Denn die Geschichte einer Stadt ist am besten am Leben und Wirken ihrer Bewohner ablesbar – und den Dingen, die sie hinterlassen. Schade, dass solche Geschichten wegen der Verdrängung des lokalen Einzelhandels durch große Konzerne und Handelsketten immer seltener werden.

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

Abb.1: Sylvester Märten; Abb. 2: Das Textilgeschäft Sylvester Märten, Groner Straße 39, 1930er Jahre (?)

01. März 2019

“Gebändigte Phantasie“

Mitten in der Bewegung gebannt erscheinen die „gebändigten Phantasien“ auf den Grafiken Alfred Pohls. Die Bewegung ist nicht nur reine Abbildung, sondern konstituierender Bestandteil der Werke. Die Figuren erzählen Geschichten aus  der Mythologie, der Religion, der Literatur, fernen Ländern und Traumwelten. Die Werke Alfred Pohls zählen zu den spannendsten Grafiken in der Sammlung des Städtischen Museums.

Abb.: „Mittag“, „Selva“, „Oase“, aus der Serie „PANAMERICANA“, Farbholzschnitt, 1971, Städtisches Museum Göttingen

Alfred Pohl ist am 4. Februar im Alter von 90 Jahren verstorben. Er hinterlässt einen umfangreichen künstlerischen Nachlass und viele Spuren in Göttingen, wo er seit 1974 seinen Wohnsitz hatte und das künstlerische Klima stark mitprägte.

Bevor er sich hier niederließ, war Pohl ein Weltenbummler. Der gebürtige Essener absolvierte ein künstlerisches und eine pädagogiosches Studium in Lüneburg und Hannover. 1965 zog es ihn nach Paris, wo er im Atelier von Johnny Friedländer seine spezifische Radiertechnik entwickelte. Von 1967-70 arbeitete er am Colegio Alexander von Humboldt in Lima, in den Jahren 1972-74 war er Mitglied der misión pedagógica im kolumbianischen Erziehungsministerium.

Alfred Pohls Leidenschaft war neben der Radierung und der Aquarellmalerei vor allem der Holzschnitt. Auf zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland präsentierte er seine Werke. Seine Grafiken sind stark von seinen Auslandsaufenthalten beeinflusst. Besonders die Kulturen und Landschaften Südamerikas waren für ihn eine große Inspirationsquelle. In den Arbeiten werden Reflexionen über Zeit und Geschichte in zeitlosen Bildsujets greifbar –  immer eindringlich, ob durch Farbe, Form oder ungewöhnliche Bildinhalte, die oft eine Symbiose bekannter und vergessener Welten darstellen. Denn „was der Verstand nicht lesen kann, deutet das Auge“ (Pohl 1969).

 

Abb.: Alfred Pohl begleitet 2011 anlässlich des Wochenendes der Grafik eine museumspädagogische Aktion im Städtischen Museum. Im Austausch mit Pohl konnten Kinder lernen, mit den Materialien des Künstlers zu drucken.

 

 

 

 

 

Zitat Überschrift: Frank Günter Zehnder, Ausst. Kat. Städtisches Museum Göttingen, 1996.

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)