Monthly Archives: Februar 2019

22. Februar 2019

Auf Spurensuche

Neulich hatten wir Besuch von der HAWK Hildesheim. Die angehende Gemälderestauratorin Susan Müller (Dipl. Restauratorin für Wandmalerei) wollte einen Blick in unser Museumsdepot werfen. Denn sie ist auf Spurensuche. Frau Müller untersucht und restauriert während ihres Masterstudiums ein Gemälde des Göttinger Malers Georg Wilhelm Feistkorn (1811-1843) aus dem Kloster Loccum. Sie schaute sich die Werke des Künstlers in der Sammlung des Städtischen Museums an, um den Stil des Malers besser einschätzen zu können und gegebenenfalls weitere Informationen zum Künstler und zur portraitierten Person auf dem von ihr zu restaurierenden Gemälde zu ermitteln.

Die Begutachtung der Werke zu begleiten, war auch für uns sehr interessant. Denn über Georg Wilhelm Feistkorn und den Verbleib zahlreicher von ihm geschaffener Werke ist vieles noch unklar. Dabei war der jung verstorbene Künstler zu Lebzeiten überregional tätig. Seine Laufbahn beginnt mit einer Ausbildung zum Porzellanmaler bei Carl Schmidt und Philipp Petri. Bald wendet er sich jedoch der Ölmalerei zu. Er porträtiert seine Eltern und seine Geschwister und malt Genreszenen. Seit 1834 stellt er seine Gemälde auf verschiedenen Kunstausstellungen in Hannover aus. Auch Auftragsarbeiten für das gehobene Bürgertum sind belegt. Doch Feistkorn bleibt nicht in Hannover. Er ist unter anderem in Braunschweig, Hameln, Bremen, Düsseldorf und Einbeck tätig, bevor er 1841 – zwei Jahre vor seinem frühen Tod – nach St. Petersburg auswandert. Laut Anneliese Feistkorn (verst. 1996), dem letzten Mitglied der Familie, folgt er einer Hessischen Prinzessin an den Petersburger Hof. Wenn es sich bei dieser Überlieferung nicht lediglich um eine Legende handelt, könnte hier Marie von Hessen-Darmstadt (1828-1880) gemeint sein, die 1855 zur russischen Zarin wurde.

Das Städtische Museum Göttingen besitzt zahlreiche Gemälde und Skizzenbücher Feistkorns aus den Jahren 1824 bis 1842, an denen seine künstlerische Entwicklung nachvollziehbar wird.

Besonders hervorzuheben ist das wohl bereits 1935 entstandene sehr authentische Porträt seines Bruders Ernst, an dem bereits der ausdrucksvolle Stil Feistkorns zutage tritt, den er in den folgenden Jahren immer weiter verfeinert.

Im 1939 in Düsseldorf geschaffenen Gemälde „Kinder an der Kirchhofsmauer“ präsentiert sich Feistkorn mit einer sicheren, glatten Malweise und sorgfältig ausgeführten Details als gereifter Künstler mit einer deutlichen Nähe zur Düsseldorfer Schule.

Hinweise zur Entstehung des Portraits aus dem Kloster Loccum konnte leider auch das Studium der Skizzenbücher Feistkorns nicht geben. Frau Müller ist  dem Künstler beim Besuch im Museumsdepot aber ein wenig mehr auf die Spur gekommen – und wir auch. Denn solche Besuche sind immer wieder gute Anlässe, einen Sammlungsbestand aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten und ihm so – wenn auch nur schrittweise – besser kennenzulernen.

 

Abb.1: Die angehende Gemälderestauratorin Susan Müller bei der Begutachtung der Skizzenbücher im Grafikmagazin des Museums; Abb.2: Porträt des Bruders des Künstlers, Pastor Ernst Feistkorn, Öl auf Holz, um 1835; „Kinder an der Kichhofsmauer“, Öl auf Leinwand, 1839

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

15. Februar 2019

UFO  identifiziert!

Hier kommt die Auflösung: Bei dem unidentifizierten Fundobjekt von letzter Woche handelt es sich um einen sogenannten Winkelspiegel. Winkelspiegel wurden in der Geodäsie genutzt, um im Gelände exakte rechte Winkel bestimmen zu können. Die Spiegel im Inneren laufen in einem 45° Winkel aufeinander zu. Fällt ein Lichtstrahl in einen der beiden, wird er zuerst in den anderen geworfen, bevor er wieder hinaus reflektiert wird. Durch die Doppelspiegelung wird der Lichtstrahl dabei immer in einem 90° Winkel zurück reflektiert. So können rechte Winkel auch über größere Entfernungen hinweg genau bestimmt werden.

Entwickelt wurde der erste Winkelspiegel vermutlich um 1800 durch den englischen Mechaniker Georg Adams Junior (1750-1795). Unser Exemplar hier kam bereits um 1900 ins Städtische Museum und gehört daher zur Kategorie ‚historisches Instrument‘.  Ähnliche Vorrichtungen jedoch, wie das Doppelpentagonprisma oder auch (Doppel-)Winkelprisma, das auf dem gleichen Prinzip aufbaut, werden auch heute noch gelegentlich zur Abmessung im Gelände verwendet. Die Firma Dennert & Pape wurde 1862 in Hamburg als Werkstatt für geodätische und mathematische Instrumente gegründet.

(Iris Olszok, studentische Mitarbeiterin)

08. Februar 2019

Gewusst?

Diese Woche haben wir mal wieder ein Quiz für Sie. Dafür greifen wir wieder tief in unsere „UFO-Kiste“ (UFO=unidentifiziertes Fundobjekt).

Um was für ein Objekt könnte es sich hier handeln?

 

Es ist etwa handgroß, aus Messing, hat eine dreieckige Grundform und in seinem Inneren sind zwei kleine Spiegel angebracht.

Als Tipp: Hergestellt wurde es von der Firma Dennert & Pape, die besonders für ihre Rechenstäbe bekannt ist.

Die Auflösung folgt in der nächsten Woche.

(Iris Olszok, studentische Mitarbeiterin)

 

01. Februar 2019

Migrationsgeschichte als Stadtgeschichte

Im Museum tummeln sich zahlreiche Objekte mit ungewöhnlichen Geschichten und manchmal auch sehr ungewöhnlicher Herkunft. Denn Stadtgeschichte ist schon immer untrennbar mit Migrationsgeschichte verbunden.

Die hier abgebildeten Tonkrüge gehören zu diesem besonderen Bestand. Erst einmal unscheinbar, möchte man meinen. Wie interessant können Tonwaren sein? Nun ja, wie so oft ist es die Geschichte hinter den Dingen, die die Objekte erst mit Leben füllt und zu historischen Dokumenten macht.

In diesem Fall ist es die Geschichte von Frau W., die 1943 in Donja Dubrava in Kroatien geboren wurde und 1962 nach Göttingen kam. Hier wollte die Schneiderin im Göttinger Restaurant Indonesia, zunächst nur für ein paar Monate arbeiten, um ein wenig Geld zu verdienen und verschiedene Stoffe und Näh-Zubehör kaufen zu können. Im „Indonesia“ war Frau W. nach eigener Aussage am Erfolg der legendären Bihunsuppe mitbeteiligt, und so beschloss sie, länger zu bleiben, als ursprünglich geplant. Sie verliebte sich in einen Göttinger Studenten, der sie wenig später bat, seine Frau zu werden. Damit war die Entscheidung, sich in Deutschland niederzulassen, endgültig besiegelt. Die drei Tongefäße hat Frau W. in den 1960er Jahren aus ihrem Elternhaus in Donja Dubrava mitgebracht. Der große Topf passte nicht ins Auto und musste auf dem Dachgepäckträger ihres VW-Käfer transportiert werden, wobei er als Stauraum für Kleidung diente. In diesem Topf wurde bei der Hochzeit der Eltern von Frau W. 1926 Sauerkraut und Eisbein gekocht– ein traditionelles Hochzeitsessen in dieser Region, das üblicherweise in einem solchen großen Tontopf zubereitet wurde. In der Flasche mit Tülle wurde Wasser zur Feldarbeit mitgenommen. Die dritte Flasche diente zur Lagerung von Flüssigkeiten. Frau W.‘s Vater erzählte, dass sein älterer Bruder die Gefäße in Handarbeit hergestellt habe.

Eine tolle Geschichte, die es wert ist bewahrt zu werden, genauso wie die drei Tongefäße, die für den Aufbruch in eine neue Heimat stehen, ohne die Erinnerung an das Leben in der alten Heimat zu vergessen. Denn wo wir, die wir heute hier zusammenleben, auch geboren sind, ob in Göttingen, Donja Dubrava, oder Istanbul – jeder von uns trägt ganz individuelle Erinnerungen mit sich, die sich nicht selten in Objekten manifestieren, die uns lieb und teuer sind. Diese zu bewahren, stellt eine wesentliche Aufgabe von Museen dar.

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)