Archiv für den Monat: Dezember 2018

21. Dezember 2018

Sand  für Sand

Vergangene Woche wurde hier im Museum eine kleine Sammlung von Riechfläschchen inventarisiert. Diese, mit ätherischen Ölen und belebenden Ammoniak gefüllten, kleinen Glasflacons dienten den im 18. und 19. Jahrhundert durch Korsetts eingeschnürten Frauen zur Wiederbelebung nach Schwindelanfällen und waren aufgrund ihrer atemerleichternden Wirkung beliebt.

Eines der Fläschchen fiel besonders auf. Nicht aufgrund eines aufwändig verzierten Äußeren, sondern wegen seines Inhalts. Während die anderen Fläschchen mittlerweile leer sind, ist dieses, nicht einmal 6 cm hohe Fläschchen aus Kristallglas nach wie vor gefüllt mit feinem, schwarzen Sand. Als Riechfläschchen wohl ungeeignet, stellt sich die Frage, wofür es stattdessen genutzt wurde.

Im Eingangsbuch nachgeschaut, findet sich folgender Vermerk: „Gläschen mit schwarzem Sand gefüllt, zum Andenken an Carl Ludwig Sand von einer Frau auf der Brust getragen.“

Carl Ludwig Sand ist ein für die deutsche Geschichte nicht unbedeutender Name. 1795 wurde er im Bayreuther Gebiet geboren, das ab 1807 unter französischer Herrschaft stand.  Ab 1815 studierte er an den Universitäten in Tübingen, Erlangen und Jena. In Erlangen gründete er mit weiteren Studenten, die wie er von dem neuen, während der französischen Fremdherrschaft und den Befreiungskriegen gewachsenen deutschen Nationalgefühl erfasst waren, die erste Erlangener Burschenschaft. Ab 1818 war Sand Mitglied bei den ‚Unbedingten‘ in Jena, die zum radikale Flügel der Burschenschaften gehörten. Aufgabe der Burschenschaften sollte es sein, die vaterländische Idee zu stärken und gegen die Kleinstaaterei und für ein geeinigtes, freies Deutschland zu kämpfen. Welche Mittel den Radikalen in diesen Kampf als akzeptabel galten, zeigte sich am 23. März 1819. An diesem Tag suchte Sand den Schriftsteller und russischen Generalkonsul August von Kotzebue, der sich spöttisch über das nationale Bestreben der Burschenschaften geäußert hatte und für diese daher als ‚Landesverräter‘ galt, in dessen Mannheimer Wohnung auf und ermordete ihn durch einen Dolchstoß.

Das Sand’sche Attentat gilt als eins der ersten, wenn nicht das erste politisch motivierte Attentat in Deutschland. Durch Sands Tat und die darauffolgende Diskussion, in der sich viele Stimmen positiv über die ‚Reinheit der Tat aus Überzeugung‘ äußerten, fand der Mord in Deutschland Eingang in den politischen Kampf.

Sand selbst wurde 1820 durch das Hofgericht Mannheim zum Tode durch das Schwert verurteilt und wenig später vor großem Publikum hingerichtet.

Während die Obrigkeit das Attentat als Begründung für den Erlass der Karlsbader Beschlüsse nutzte, wurde Sand selbst durch radikaldemokratische und nationale Teile der Burschenschaft zum Symbol für Einheit und Freiheit stilisiert und den gesamten Vormärz über als Identifikationsfigur und politischer Märtyrer verehrt. So soll sich sein Scharfrichter später ein Gartenhaus aus dem Holz der Richtstätte gebaut haben, in dem dann die Heidelberger Burschenschaft geheime Treffen abhielt. Auch sein Blut und seine Haare sollen von Anhängern reliquiengleich gesammelt worden sein. Also warum nicht auch ein Glas mit Sand um den Hals, für alle jene, die kein ‚echtes Material‘ ergattern konnten? Offen bleibt die Frage, ob es sich bei dem Stück im Göttinger Museum um ein Einzelstück handelt oder ob es Zeugnis eines zeitweise weiter verbreiteten Phänomens ist.

(Iris Olszok, studentische Praktikantin)

14. Dezember 2018

Wunderliche Tierwesen

Reiterdenkmal Ludwigs XII, darunter sein Wappentier, das Stachelschwein, Schloss Blois

Noch kürzlich – auf unserer Urlaubsreise an die Loire – haben wir sie gesehen: skurrile, gekrönte Tiergestalten auf Reliefs, in weißen Tuffstein gemeißelt, an Balustraden von Treppenaufgängen, über Portalen und zahlreich in Kasettendecken, in den Schlössern AMBOISE, BLOIS, CHAMBORD und CHENONCEAU: Es sind Wappentiere französischer Herrscher zur Zeit der Renaissance, die ihre Residenzen zu der Zeit noch in den oben erwähnten Schlössern hatten, ehe der Hof nach Versailles verlegt wurde. Kaum zurück an meinem Beschäftigungsplatz im Museum, treffe ich sie wieder, diese Fabelwesen! Was für ein Zufall: dieselben Embleme als filigrane Applikationen im Kleinstformat auf einer achteckigen Schnalle, dazu noch die Bourbonenlilie (Fleur de lys).

Gürtelschnalle, 18. Jh., Städtisches Museum Göttingen – unten Stachelschwein (links) und Hermelin (rechts), rechts oben Salamander

Da gibt es zunächst das Stachelschwein (franz. porc-épic) auf dem Wappenschild von Louis XII. (1462-1515). Es galt in dieser Epoche noch als ein äußerst exotisches und mysteriöses Tier. Man glaubte, es könne seine Stacheln wie Lanzen benutzen, und sie dann wieder regenerieren. Das ist jedoch nur eine Legende. Für Ludwig XII. galt es unter der Devise: „Wer sich daran stößt, verletzt sich daran.“ Im Sinne von: wer nicht die Finger davon lässt, ist selbst schuld. Das stark stilisierte Emblem befindet sich über einem Eingangstor von Schloss Blois. Es ist flankiert von den Initialen L + A Louis und Anne de Bretagne, der Mutter der späteren Reine Claude, der zu Ehren die köstliche, grüngelbe Pflaume Reineclaude (= Reneklode) ihren Namen bekam. Doch das ist eine andere Geschichte.

Salamander und Hermelin, über einem Kamin in Schloss Chenonceau

Claude,  Königin von Frankreich, durch Heirat mit Franz I., hatte übrigens das Hermelin als Wappentier – ein Symbol für Reinheit. Und dann gibt es da noch den Salamander, den Franz I. als Emblemtier für sein Wappenschild wählte. Dieses Ungetüm, das dem Mythos nach als das Feuer  löschende und sich davon nährende Tier galt, wählte dieser König  wohl zu Recht für sich. Denn er war bekannt als der glühende Verfechter vieler Dinge, brennend für das Neue.

Zurück zu unserer Schnalle: Hier sind die oben beschriebenen Embleme alle miteinander versammelt! Im Zuge der Inventarisierung stellt sich die Frage, wie ein solches Objekt wohl nach Göttingen gelangte und wem es wohl einmal gehörte? Im Eingangsbuch ist nur festgehalten, dass die Schnalle 1893 ins Museum kam, und in der Umgebung von Göttingen gefunden wurde. Befand sie sich ursprünglich an einer Uniform oder schmückte sie eine Schärpe? War das Objekt ein Beutestück oder wurde einfach nur vom einem“ Königstreuen“ verloren, einem französischen Soldaten?

Wir wissen es nicht.

(Ulla Kayser, ehrenamtliche Mitarbeiterin)

07. Dezember 2018

Christa Neifeind geehrt

Das Städtische Museum Göttingen gratuliert der Vorsitzenden der Deutsch- Französischen Gesellschaft Christa Neifeind. Am vergangenen Mittwoch wurde Frau Neifeind der Ordre des Palmes Académiques verliehen. Das ist eine der höchsten Auszeichnungen in Frankreich für außerordentliche Verdienste im Bildungsbereich. Den Orden überreichte die französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes im Städtischen Museum.

Frau Neifeind engagierte sich bereits als Französisch- und Geschichtslehrerin am Hainberg-Gymnasium für die deutsch-französische Freundschaft. Dort etablierte sie ein Schüleraustauschtauschprogramm, in dem bewusst die individuelle kulturelle Erfahrung im Mittelpunkt steht, fernab von Sightseeing und Stereotypen. Über viele Jahre engagiert sie sich ehrenamtlich in der Deutsch-Französischen Gesellschaft Göttingen (DFG). Seit neun Jahren ist sie Vorsitzende. Durch ihren Einsatz kamen zahlreiche kulturelle Veranstaltungen mit prominenten französischen Schriftstellern und Musikern in Göttingen zustande. Außerdem regt sie immer wieder in Vorträgen über die französische Politik und Gesellschaft und Ausflügen zu Orten, die in besonderer Beziehung zum Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich stehen, zum Nachdenken über die interkulturelle Verständigung an. Dabei gelang es ihr, ein beachtliches Netzwerk von Kooperationen mit kulturellen Institutionen in Deutschland und in Frankreich aufzubauen, das sich dem gemeinsamen Ziel der deutsch-französischen Verständigung und Freundschaft verpflichtet hat.

Frau Neifeind hat sich entschieden, den Ordre des Palmes Académiques im Städtischen Museum entgegenzunehmen. Sie findet, dass sich auch das Museum in Zusammenarbeit mit der DFG, nicht zuletzt durch die Sonderausstellung zur Chanson-Sängerin Barbara, die das berühmte Göttingen – Lied schrieb, für die deutsch-französische Verständigung engagiert hat. Für uns ist das eine große Ehre!

Die französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes (rechts) überreicht Christa Neifeind (links) den Orden

Vor dem Festakt führt Kuratorin Andrea Rechenberg (rechts) die Französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes (links) durch die Ausstellung „Stadt.Macht.Glaube“

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)