Monthly Archives: April 2018

27. April 2018

Die Geschichte hinter den Objekten

Schon seit Juli letzten Jahres erforscht das Städtische Museum in einem vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Provenienzforschungsprojekt seine Sammlungseingänge aus den Jahren 1935 bis 1939. Dabei wird geprüft, wie die einzelnen Objekte in die Sammlung gelangten und wer die möglichen Vorbesitzer waren, kurzum also die genaue Geschichte hinter dem Objekt. Diese ist wichtig, um eventuell NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut zu ermitteln, das damit nicht rechtmäßig im Museum ist.

Das Städtische Museum ist das erste kommunale, stadtgeschichtliche Museum in Niedersachsen, das Provenienzforschung betrieb. Bereits 2008 wurden erste Untersuchungen unternommen und die Eingänge nach jüdischen Einliefern durchgesehen. Damals konnte die Sammlung jedoch nicht nach Eingängen von Drittanbietern überprüft werden. Das jetzige Projekt erlaubt eine solche systematischere und vertiefende Vorgehensweise. Der Fokus liegt auf Objekten, die von Drittanbietern wie Händlern, Auktionatoren oder Trödlern, aber auch von NS-Institutionen wie Polizei- und Finanzbehörden, Wohlfahrts- und Zollämtern stammen. Unter diesen können sich Objekte verbergen, die ursprünglich jüdischen Mitbürgern gehörten. Ebenfalls werden auch Einlieferungen von Freimaurern und Studentenverbindungen untersucht, die in der NS-Zeit verboten wurden und deren Besitz liquidiert wurde.

Die wichtigsten Arbeitsinstrumente eines Provenienzforschers sind die historischen Akten und Quellen, die sich sowohl im eigenen Museums- bzw. im Stadtarchiv als auch in anderen Archiven in Deutschland und im Ausland befinden können. Die Recherche ist meist sehr detektivisch. Inventarlisten, Zugangsbücher, historische Briefe und Rechnungen müssen nach Hinweisen durchforstet werden. Jede noch so kleine Anmerkung kann für die Suche hilfreich sein und zu einem Ergebnis führen, denn die Provenienz erschließt sich meist nicht sofort, sondern ist wie ein großes Puzzle.

Die Erforschung der Geschichte hinter den Objekten liefert dabei meist nicht nur den gewünschten Provenienznachweis. Auch Objekte und Künstler werden dadurch wiederentdeckt, die eigene Sammlungsgeschichte erforscht und neue Kontexte und Zusammenhänge geschaffen. Provenienzforschung ist Teil der moralischen Verpflichtung von uns Deutschen, die Verbrechen der Nationalsozialisten in all ihren Erscheinungsformen aufzuarbeiten. Das Forschungsprojekt am Städtischen Museum ist zugleich eine große Chance für die zukünftige Museumsarbeit und ein wichtiger Beitrag zur Stadtgeschichte und der Erforschung des hiesigen Kunstmarkts.

Von interessanten Geschichten und Entdeckungen bei der Suche werden wir demnächst berichten.

Abb. 1: Seite aus dem Eingangsbuch des Städtischen Museums aus dem Jahre 1936, u.a. mit den Eingängen der Studentenverbindung Brunsviga; Abb. 2: Tasse aus der Sammlung für Saarflüchtlinge, deren Zweck und Ursprung erforscht wird.

 

(Saskia Johann, wissenschaftliche Mitarbeiterin)

20. April 2018

Depotentdeckungen:                                                                                                                 

Plastiken von Prinz Wolfgang zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg

 Im Zuge der Umlagerung von Objekten in das Außendepot entdecken wir immer wieder auch Dinge, die uns zahlreiche Fragen aufgeben. In solchen Momenten ist die Museumsarbeit besonders spannend.

So begegneten uns während einer Umräumaktion ganze 12 große Figürliche Plastiken eines Künstlers, über den in der üblichen Literatur keinerlei Informationen zu finden sind. Prinz Wolfgang zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1887-1966) schenkte die Werke aus Bronze, Terrakotta und Holz 1963 dem Museum – soweit das Eingangsbuch. Beiliegende Beschriftungen verraten, dass die Figuren zwischen 1915 und 1932 entstanden sind. Sie enthalten auch die Namen von sieben der porträtierten Personen, von denen jedoch nur eine sicher einer Person zugeordnet werden kann. Dabei handelt es sich um eine Darstellung der zweiten Ehefrau des Künstlers, Lucie Baronin von Kleydorff (1893-1952). Über die Zuweisung der übrigen 6 Porträtbüsten können im Moment nur Vermutungen angestellt werden. Die größten 5 Figuren – allesamt weibliche Akte – tragen keinen Namen.         Doch wer ist dieser geheimnisvolle Prinz? Und weshalb ist uns trotz der hohen Qualität und Vielzahl seiner Werke nichts zu seiner künstlerischen Tätigkeit oder seinem Nachlass bekannt?

Informationen aus unterschiedlichen Stadt- bzw. Gemeindearchiven ermöglichten es uns, zumindest teilweise nachzuvollziehen, an welchen Orten er lebte und welchen Beruf er ausübte. Der gebürtige Bad Berleburger ist Oberstleutnant und Rittmeister. Er stirbt 1966 in Göttingen, lebte hier jedoch erst seit 1937. Davor ist er für zwei Jahre in Eschede gemeldet. Ein Vermerk in der dortigen Einwohnermeldekartei verrät, dass er „von Reisen“ kam. Wie lange er auf Reisen war und wo, bleibt ungeklärt. Zwischen 1916 und 1920 hatte er sich mit seiner ersten Ehefrau Editha von Niesewand (1888-1962) und zwei Söhnen in Kassel niedergelassen. Eine Auskunft über seine künstlerische Tätigkeit konnte mir jedoch keine der Institutionen geben. Das könnte daran liegen, dass Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg offensichtlich nicht hauptberuflich als Künstler arbeitete. Es ist zwar denkbar, dass die Kunst ein reines Hobby für ihn war, dass er mit den Plastiken Familienmitglieder und Bekannte verewigen wollte. Es ist jedoch schwer vorstellbar, dass seine Kunst den privaten Rahmen nie verließ, zumal die Qualität der Werke vermuten lässt, dass er eine künstlerische Ausbildung genossen hatte.

Es bleibt also spannend. Sie haben einen Hinweis für uns? Dann melden Sie sich gerne bei mir!                                                                              Weitere Forschungsergebnisse, dann hier im Blog…

 

Abb. 1: Große sitzende Figur, undatiert, Bronze; Abb. 2: Lucie Baronin von Kleydorff, 1927, Bronze; Abb. 3: Der Architekt Schenck, 1927, Bronze; Abb. 4: Halbliegende Figur, 1921, Terrakotta

 

 

 

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

13. April 2018

Eine international einzigartige Sammlung: Unsere Tora-Wimpel werden restauriert!

Das Städtische Museum Göttingen besitzt eine überregional bedeutsame Sammlung jüdischer Objekte.                                                                                                                                                   Einen besonders wertvollen Bestand bilden 28 Tora-Wimpel aus dem 17. – 19. Jahrhundert. Selbst in den großen jüdischen Sammlungen in Berlin, Prag, London, Paris und New York ist keine so alte und regional geschlossene Sammlung an Tora-Wimpeln zu finden.

Ein Tora-Wimpel oder eine Mappa wird nach der Beschneidung eines Jungen aus den hierbei verwendeten Windeln angefertigt. Dafür wird der Stoff auseinander- geschnitten und zu einem bis zu 3 Meter langen Band zusammengenäht. Anschließend wird er mit dem Namen des Jungen, dessen Geburtsdatum, dem Sternzeichen und Segensformeln für ein gottgefälliges Leben beschrieben, bemalt oder bestickt. Der Tora-Wimpel wird ab dem ersten Besuch des Jungen in der Synagoge im Alter von ca. 3 Jahren dort aufbewahrt. An wichtigen religiösen Festen des Lebenskreises dient er als schützende Umhüllung der Tora-Rollen. Diese Praxis entstand im spätmittelalterlichen Deutschland.

Da die Tora-Wimpel des Städtischen Museums Göttingen, bis auf eine Ausnahme, alle aus Südniedersachsen stammen, sind sie für die Dokumentation jüdischen Lebens in dieser Region von großem Wert. Viele befinden sich jedoch in einem schlechten konservatorischen Zustand. Eine Restaurierung ist notwendig, um die empfindlichen Objekte, in denen unterschiedliche Materialien verarbeitet sind, vor dem Verfall zu bewahren und sie so für zukünftige Generationen zu erhalten.

Dank der Unterstützung der VGH-Stiftung, der Klosterkammer Hannover und des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen kann nun mit der Restaurierung der Thora-Wimpel begonnen werden.                                         Im Zuge der Restaurierung wird auch eine Fotodokumentation und ein Bestandskatalog der Tora-Wimpel erstellt werden. Dieses Vorhaben wird von der Ernst von Siemens Stiftung gefördert. Für den Bestandskatalog werden die Objekte, in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Berlin, wissenschaftlich aufgearbeitet. Die Fotodokumentation wird dann online bereitgestellt. So wird es Interessierten weltweit möglich werden, die empfindlichen Objekte zu studieren, ohne dass sie durch Benutzung Schaden nehmen.

Im Anschluss an die Restaurierung werden ausgewählte Objekte in einer temporären Ausstellung im Kestner-Museum Hannover der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Abb. 1: Tora-Wimpel von Joseph Gumprecht, Göttingen, 1772, bemalt; Abb. 2: Tora-Wimpel von Samuel Jacob, Göttingen, 1701, bemalt und bestickt, Detail; Abb. 3: Restauratorin Ada Hinkel bei der Begutachtung im August 2016

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

06. April 2018

Otto Eberlein – ein Göttinger Künstler der Spätromantik

Im 19. Jahrhundert waren in Göttingen zahlreiche Zeichner und Maler ansässig. Einige wurden im Blog bereits vorgestellt. Die Familie Eberlein gab diese Begabung offenbar seit Mitte des 18. Jahrhunderts von Generation zu Generation weiter. Meine Kollegin Saskia Johann berichtete im Oktober 2016 über Johann Christian Eberlein (1778-1814). Im Zuge der Neuinventarisierung „arisierter“ und restituierter Objekte begegneten mir nun drei Skizzenbücher eines Künstlers mit demselben Nachnamen. Der Signatur im Einband zufolge stammen diese jedoch nicht von Johann Christian Eberlein, sondern von Otto Eberlein (1827-1896), Neffe Johann Christians und Sohn Wilhelm Eberleins (1784-1845), der ebenfalls in Göttingen künstlerisch tätig war.

Otto Eberlein war, wie bereits sein Vater, zeitlebens Zeichenlehrer am Städtischen Gymnasium, war aber in seiner Freizeit auch künstlerisch tätig. Die drei Skizzenbücher von Reisen Eberleins nach Kassel, in den Harz und an unterschiedliche andere Orte in der näheren und weitere Umgebung enthalten zahlreiche teilweise kolorierte Studien. Sie dokumentieren den künstlerischen Schaffensprozess und zeigen vielfältige Architektur- und Landschaftsmotive, Flora und Fauna sowie Genreszenen aus unserer Region vor rund 150 Jahren.

In der Sammlung des Städtischen Museums Göttingen befinden sich auch großformatige Zeichnungen, Grafiken und Gemälde des spätromantischen Künstlers. Einige frühe Werke Otto Eberleins sind als Illustrationen in Büchern (z.B. Das Meerweib, in: Bodemeyer, O., Märchen. Göttingen 1851.) und dem Familienblatt Die Gartenlaube zu finden.

 

Abb.1: Stadtansicht, Skizzenbuch Kassel, 1852 ff.; Abb. 2: Vogelstudie (Waldschnepfe), Skizzenbuch III (Bremke und andere Orte), 1880 ff.; Abb. 3: Ruhende Fischerfamilie, Kupferstich, undatiert; Abb. 4: Knabe, Öl auf Leinwand, undatiert

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)