Monthly Archives: Mai 2017

26. Mai 2017

Keine Luxusgüter

2016 ist das neue Kulturgutschutzgesetz in Kraft getreten.                                                                Der Bund definiert hier erstmals den Status von Objekten und Sammlungen, die sich in der Obhut von Einrichtungen in öffentlicher Trägerschaft befinden. Das Kulturgutschutzgesetz stellt klar: Kulturgüter sind keine Luxusgüter, sondern existenziell für die Gemeinschaft, Nationen und Menschheit. Darüber hinaus werden dem Handel mit Sammlungsgut Richtlinien zu Grunde gelegt.

Im Vorfeld hat es einige, auch heftige Auseinandersetzungen um die Inhalte gegeben. Vor allem aus dem Kunsthandel kam viel Kritik. Ebenso sind nicht alle Anregungen von Fachverbänden, die z.B. den illegalen Handel mit Raubgrabungsfunden und gestohlenem Museumsgut betreffen aufgegriffen worden.

2017 ist jetzt von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters, eine Handreichung nachgeliefert worden, die die Museen auf über 386 Seiten über die Handhabungsfolgen informiert.

Wichtig ist folgende Feststellung:

„Die Bestände von Kulturgut bewahrenden Einrichtungen in öffentlicher Trägerschaft also insbesondere von Staatlichen Museen, Museen in Trägerschaft einer öffentlich-rechtlichen Stiftung oder der Kommunen (…) werden in Deutschland generell als „nationales Kulturgut“ unter Schutz gestellt.“

Die fantastischen Bestände des Städtischen Museums Göttingen, seit über 125 Jahre zu meist von Göttinger Bürgern gestiftet und gespendet, sind nun als nationales Kulturgut geschützt!

Was andere europäischen Länder schon längst geregelt hatten, wird endlich auch in Deutschland umgesetzt.

Natürlich gehen neue Regelungen und ihre Einhaltung immer auch mit einem erhöhten bürokratischen Aufwand einher. Das mag abschreckend sein. Doch die Feststellung eines übergeordneten Interesses der Allgemeinheit an den Sammlungen der Museen und die damit einhergehende Wertschätzung und die Formulierung ihrer Bedeutsamkeit für Alle ist eine wichtige Unterstützung der professionellen Museumsarbeit.


 

Elektrisiermaschine, um 1850.                    Städtisches Museum Göttingen

 


Möbel für Puppenhäuser, Geschenk von Adolf Freiherr von Wangenheim.                    Städtisches Museum Göttingen

 

 


 

 

Mädchen mit Barett, Öl auf Leinwand, Künstler unbekannt, ca. 1725                                               Städtisches Museum Göttingen

 

 

 

 

Sammlungsbestand Schmuckringe     Städtisches Museum Göttingen

 

 


 

Waage mit Kasten                                Städtisches Museum Göttingen

 

 

 

 

Polyeder Sonnenuhr im Vorgarten des Museums (zwischen 1800 und 1850) und Göttinger Kinder mit einer im Schulunterricht selbstgebauten Nachbildung der Sonnenuhr.                     Städtisches Museum Göttingen

 

 

 

 

 

Stereo-Glasbild, vor 1900, Motiv Istanbul    Städtisches Museum Göttingen

 

 

Pfeife aus Vogelknochen, Grabungsfund, Stadtarchäologie Göttingen                                               Ähnliche Objekte wurden bereits in der Steinzeit gefertigt und blieben in ihrer einfachen Funktionalität unverändert. Ohne Begleitfunde ist diese einfache, aus einem Geflügelknochen geschnitzte Pfeife nicht zu datieren. Vermutlich handelt es sich bei diesem Fund um ein Spielzeug.

Torah-Wimpel: Von diesen bestickten oder bemalten Leinenbinden besitzt das Museum 28 Stück aus drei Jahrhunderten. Sie sind meist etwa 20 cm hoch und etwa 3 m lang. Die Wimpel, hebräisch mappot, wurden anlässlich der Beschneidung eines Jungen hergestellt und mit seinem Namen, Geburtsdatum, Sternzeichen und Segensformeln für ein gottgefälliges Leben versehen. Zu allen wichtigen religiösen Festen des Lebenskreises in der Synagoge wurde der Wimpel hervorgeholt und diente der schützenden Umhüllung der dortigen Torah-Rolle. So wurde das Individuum auf rituelle Weise in die Gemeinde und die religiösen Gebote des Judentums eingebunden. Diese Praxis entstand im spätmittelalterlichen Deutschland und wird heute, hauptsächlich in den USA, in deutschstämmigen Gemeinden fortgeführt, wo sie mittlerweile auch für Mädchen offen ist.

Zeichnung von Dahlmanns Abschied aus Göttingen am 17.Dezember 1837 von Friedrich Spangenberg,1838, Geschenk von Wilhelm Bleek, Richmond Hill (Kanada)                                         Diese Szene zeigt Friedrich Christoph Dahlmanns Verabschiedung am Weender Tor. Er ist einer der Göttinger Sieben, die gegen die Aufhebung der Verfassung durch König Ernst August protestierten. Nach dem Abschied von den Studenten wird Dahlmann zusammen mit Jacob Grimm und Georg Gervinus Göttingen in Richtung Hessen verlassen müssen.

 

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

19. Mai 2017

Göttingen – Guangzhou – Kalisz – Göttingen.                                                                                        

Die Restaurierung des Tafelklaviers der Firma Ritmüller & Söhne

Das Städtische Museum Göttingen besitzt ein Tafelklavier der ehemaligen renommierten Göttinger Klavierfabrik „W. Ritmüller & Söhne“. Die Firma hatte von 1832 bis 1890 ihren Sitz im sog. Hardenberger Hof, der heute ein Teil des Museums ist. Bei einem Tafelklavier verlaufen Tasten und Saiten annähernd rechtwinklig. Die Saiten sind horizontal und quer angebracht, so dass das Gehäuse eine rechteckige Form bekommt. Tafelklaviere sehen daher in geschlossenem Zustand wie ein Tisch oder eine (Ess-)Tafel aus. Außer Ritmüller waren im 18. und 19. Jahrhundert zahlreiche weitere Instrumentenbauer in Göttingen ansässig, die das wirtschaftliche und kulturelle Leben der Stadt prägten.

Aufgrund seiner Fabrikationsnummer 2671 kann die Bauzeit des Klaviers auf ca. 1850 datiert werden. Das Besondere an dem Klavier ist, dass es im Haus des heutigen Museums selbst gebaut worden ist. Damit ist es ein einmaliges Zeugnis sowohl der Göttinger Wirtschafts- und Kulturgeschichte wie auch der Geschichte des Museums. Das Instrument gelangte 1962 durch Ankauf von einem Göttinger Klavierhändler in die Museumssammlung. Über seine Vorbesitzer ist leider nichts bekannt.

So weit, so gut. Groß war meine Überraschung allerdings, als sich Im Sommer 2015 Frau Luo von der Pearl River Piano Group aus Guangzhou bei mir im Göttinger Museum meldete. Die Pearl River Group, heute die weltgrößte Klavierfabrik, hatte den Firmennamen „Ritmüller“ aufgekauft und interessierte sich nun für das Stammhaus dieser traditionsreichen Firma.

Wenig später besuchten Frau Luo und andere Vertreter der Pearl River Piano Group das Städtische Museum. Bei einem Rundgang und einem anschließenden Gespräch über mögliche Kooperationen kam sehr schnell auch die Restaurierung des Instruments zur Sprache, das beträchtliche Schäden aufwies. Bereits wenige Wochen später erklärte sich die Zentrale in Guangzhou bereit, die Restaurierung des Tafelklaviers zu übernehmen!

Mit den Restaurierungsarbeiten wurde die Restauratorin Martyna Bartz in Kalisz, Polen, beauftragt. Ein Jahr später war es dann soweit: Am 6. Juli 2016 wurde das Ritmüller-Klavier, das vorher seinen „Geburtsort“ Göttingen wahrscheinlich nie verlassen hatte, der Spedition übergeben und machte sich auf die Reise nach Polen. So geht es im Zeitalter der Globalisierung: Plötzlich steht ein Klavier aus Göttingen im Zentrum eines weltumspannenden Netzes!

Ziemlich genau ein Jahr darauf sind die Arbeiten abgeschlossen und das Tafelklavier aus dem Hause Ritmüller kehrt am 17. Mai 2017 in den Hardenberger Hof zurück. Außen und innen grundlegend überarbeitet und wiederhergestellt, schmückt es in neuem-altem Glanz den Veranstaltungssaal des Museum, wo es künftig für Konzerte genutzt werden wird.

Ein herzliches Dankeschön im Namen des Städtischen Museums und der Stadt Göttingen gilt der Pearl River Piano Group für die großzügige Unterstützung bei der Wiederherstellung dieses wertvollen Instruments, das zugleich ein einzigartiges Zeugnis der Göttinger Stadtgeschichte ist!

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

12. Mai 2017

Tourismus im Städtischen Museum

Am vergangenen Donnerstag hielt der Göttinger Tourismus e. V. seine diesjährige Jahreshauptversammlung im Städtischen Museum ab. Auf Einladung des Vorsitzenden, Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler, kamen ca. 40 Mitglieder und Mitarbeiter in das Haus am Ritterplan, unter ihnen auch viele Stadtführer. Vor Einstieg in die Tagesordnung hatte ich die Gelegenheit, die Besucher durch die Sonderausstellung 1529 – Aufruhr und Umbruch zu führen. Die engagierten und aufmerksamen Teilnehmer sehen nach ihrem Besuch vielfältige Möglichkeiten, die Zusammenarbeit zwischen dem Städtischen Museum und dem Göttinger Tourismus e. V. im Reformationsjahr noch weiter zu vertiefen und auszubauen.

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

5. Mai 2017

Richtig gut betucht

Das Göttinger Tuch war im Mittelalter ein Exportschlager und wurde sogar bis nach Russland verkauft. Die ansässigen Wollen- und Leineweber prägten die Stadt und verschafften ihr einen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung. Bei den Ereignissen, die zur Reformation in Göttingen führten, spielten sie eine wichtige Rolle. Im 16. Jahrhundert verschlechterte sich der Absatzmarkt für Stoffe und Tuche jedoch zunehmend. Erst im 18. und 19. Jahrhundert erlebte die Tuchproduktion der Stadt durch die Tuchfabrikanten Johann Heinrich Grätzel und Hermann Levin eine erneute Blütezeit. Der Betrieb von Levin in Grone galt sogar als eine der modernsten Tuchfabriken Europas. Durch die immer stärker werdende internationale Konkurrenz verlor die regionale Textilproduktion jedoch vor dem Ersten Weltkrieg an Bedeutung.

Dennoch wird in Göttingen noch heute gewebt. Die Handweberei Rosenwinkel auf dem Rittergut Besenhausen stellt eigene Stoffe und Tuche her. Sie verbindet traditionelle Handwerkskunst mit modernem Design. Produkte dieser „Neuen Wollenweber“ werden auch in unserem Museumsshop angeboten, ebenso wird beim Internationalen Museumstag am 21. Mai ein kleiner Verkaufsstand mit Schals und Tüchern eingerichtet.

 

In der Stegemühle walkten die Wollenweber ihre Stoffe.

 

 

 


 

Tuch der „Neuen Wollenweber“ in unseren Ausstellungsfarben.

 

 

 

 

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)