Monthly Archives: August 2016

26. August 2016

Techno, Trabbi, Tamagotchi

Kürzlich ist das Städtische Museum angefragt worden, sich an einem interessanten Online-Projekt über die 1990er Jahre zu beteiligen. Die Ausstellungsagentur Zeitläufer aus Leipzig veranstaltet mit 52 Sammlungen 52 Wochen  bei Facebook eine Social Media-Ausstellung und befragt Museen und Archive in Deutschland nach ihren Sammlungshighlights aus dem „Jahrzehnt des Wandels“. Ab dem 29. August soll jede Woche ein Objekt aus den teilnehmenden Institutionen vorgestellt werden.

Wir haben natürlich überlegt, mit was man die 1990er Jahre verbindet. Für einige war es Kindheit, für andere Studien- oder junge Elternzeit und wieder andere waren schon damals im besten Alter. Das Jahrzehnt erweckt Assoziationen wie Loveparade, Boygroups, Talkshows, neue DM-Mark und Postleitzahlen oder technischer Fortschritt. Aber was ist in Göttingen passiert? Selbstverständlich soll das präsentierte Objekt auch für die Stadtgeschichte und unser Haus stehen.

Die Wiedervereinigung ist sicherlich das zentrale und wichtigste Ereignis – nicht nur für Deutschland, sondern auch für Göttingen. So führte die Nähe zur Grenze und einem Grenzübergang zu einem hautnahen Erleben der historischen Situation. Viele Göttinger und Göttingerinnen werden sich noch an die anrollende Trabbi-Welle nach der Grenzöffnung erinnern. Ebenfalls prägend ist die Neugründung der jüdischen Gemeinde 1994, die eine Versetzung der Synagoge aus Bodenfelde nach Göttingen und eine sehr willkommene Wiederbelebung jüdischen Lebens in unserer Stadt zur Folge hat. Zu beiden Ereignissen hat das Städtische Museum anschauliche Objekte. Für welches wir uns letztendlich entschieden haben, ist eine Überraschung und wird demnächst bekannt gegeben.

 

Grenzöffnung

 

Trabbis an einem provisorischen Grenzübergang

 

 

 

Synagoge

 

Die Synagoge an ihrem ehemaligen Standort in Bodenfelde – Zur Zeit der Reichspogromnacht wurde sie als Schuppen genutzt und hat daher die Zerstörungen überstanden.

 

 

 

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

18. August 2016

Wir machen mal blau!

In dieser Woche hat unser Ausstellungsraum mit den drei großen Schnitzaltären einen neuen Anstrich erhalten und erstrahlt ab sofort in einem wunderschönen leuchtenden Marienblau. Die Farbe ist typisch für die Muttergottes, deren Mantel auf Gemälden und Altarbildern in diesem Ton dargestellt ist. Abb. 2Das Blau symbolisiert das Himmlische und Göttliche. Es steht aber auch für die Besonderheit und Einzigartigkeit, denn die blaue Farbe musste für die Kunstwerke früher aus dem kostbaren, aus Persien importierten Edelstein Lapislazuli gewonnen werden.

Wir hatten es dagegen etwas einfacher, wir benötigten nur ein Gerüst für den Anstrich der hohen Wände. Die farbliche Neugestaltung liefert bereits einen kleinen Vorgeschmack auf die im kommenden Jahr stattfindende Reformationsausstellung „1529 – Aufruhr und Veränderung“, die am 9. April eröffnet werden wird. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Die gesamte Ausstellungsfläche wird einbezogen und teilweise neu gestaltet. Zudem sind eine Vortragsreihe, Stadtführungen und ein umfangreiches museumspädagogisches Programm geplant.

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

11. August 2016

Das Maß aller Dinge

Zu den Aufgaben einer wissenschaftlichen Volontärin gehört es, Objekte zu inventarisieren, d.h. sie zu beschreiben, zu bestimmen, zu fotografieren und in einem digitalen System aufzunehmen. Momentan inventarisiere ich den umfangreichen Sammlungsbestand an Tuchmacher- und Schneiderellen, die früher zum Abmessen der Stoffe genutzt wurden.

Die Elle ist eine Längenmaßeinheit und gehört zu den ältesten Naturmaßen. Sie entspricht etwa dem Abstand zwischen dem Ellenbogen und der Spitze des Mittelfingers eines erwachsenen Mannes. In Zahlen gesprochen sind dies in der Regel zwischen 55 und 65 cm.Abb. 1 Es gab beispielsweise preußische, Hannoversche, badische oder sächsische Ellen. Vor der Einigung zum Kaiserreich 1871 war Deutschland in viele kleine Staaten geteilt, die nicht nur unterschiedliche Gesetze hatten, sondern auch unterschiedliche Maßeinheiten verwendeten. Die Hannoversche Elle beträgt 58,4 cm und unterscheidet sich dadurch von der preußischen, dass sie fast 8 cm kürzer ist. Die Maße waren für die Städte bzw. die Länder genormt. Die Einhaltung der Richtwerte wurde durch die zuständigen Eichämter kontrolliert. Die entsprechenden Eichzeichen weisen auf ein erfolgreiches Bestehen bei der Eichung hin und sind für die Einordnung hilfreich. Zusätzlich gab es vielerorts Maßverkörperungen an offiziellen Gebäuden wie dem Rathaus, um die Ellen zu überprüfen. Im Kaiserreich wurde dann das metrische System eingeführt und mit einem Metermaß gemessen. Die Ellen wurden aber auch weiterhin verwendet, die neue Skaleneinteilung wurde meist durch grobe Kerbungen in das Holz geritzt.

Das Städtische Museum hat in seinem Bestand sehr kunstvoll ausgestaltete Stücke. Abb. 2Die meist aus einem Vierkantholz bestehenden Ellen sind mit schwungvoll gedrehten Griffen und Intarsien aus Schildpatt, Bein, Messing und anderen wertvollen Holzarten verziert. Besonders oft findet man die sogenannten Braut- und Aussteuerellen, die Frauen zur Hochzeit geschenkt bekamen. Sie besitzen eine Widmung mit Jahreszahl und oftmals einen lehrreichen Spruch wie „Achte dich klein, halte dich rein“. Die ältesten Ellen stammen aus dem 18. Jahrhundert.

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

5. August 2016

Neuzugang im Städtischen Museum

Das Städtische Museum hat auf einer Auktion des Göttinger Auktionshauses das Aquarell „Monte Soratte“ des jüdischen Malers Hermann Hirsch (1861-1934) erworben. Das Werk stammt aus Privatbesitz und entstand 1908 bei einem Aufenthalt des Künstlers in Italien.Hirsch_Aquarell Mit weichem Pinselstrich und hellen erdigen Farbtönen zeigt Hirsch die malerisch-idyllische Landschaft des Latiums. So blühen auf den Feldern bunte Blumen, ein Schäfer hütet seine Schafe und im Hintergrund erhebt sich majestätisch der Berg, der aus weiter Entfernung sichtbar ist.

Hirsch war für seine stimmungsvollen Landschaften bekannt. Er nahm an zahlreichen Akademie-Ausstellungen in Berlin teil und verdankt seinen Italien-Aufenthalt einem Empfehlungsschreiben der Akademie. Nach seiner Übersiedlung von Berlin nach Bremke bei Göttingen 1918 fertigte er in Gemälden und Grafiken zahlreiche Dorfansichten, die seine neue Heimat wiedergeben. Auch mit Porträts machte er sich einen Namen. Im Besitz des Städtischen Museums befinden sich vorwiegend Landschaftsbilder mit regionalen Motiven und Porträts Göttinger Bürger. Mit dem Aquarell schließt das Museum eine wichtige Sammlungslücke, da Aquarelle des Künstlers und Arbeiten aus seiner Zeit in Italien nur spärlich überliefert sind.

Hirschs weiteres Schicksal verlief wie das vieler jüdischer Künstler. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er nicht mehr mit Aufträgen bedacht und aus seinem Haus in Bremke vertrieben. Er beging 1934 Selbstmord. Seine Besitztümer, die nicht zuvor von seiner Familie außer Landes geschafft werden konnten, wurden arisiert. Das Städtische Museum veranstaltete 2009 eine große Sonderausstellung über den Künstler, zu der ein bebilderter Katalog erschien. Das Werkverzeichnis, das erstmals alle überlieferten Werke aufnimmt, wurde von Rainer Driever vorgelegt.

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)