Monthly Archives: Juli 2016

28. Juli 2016

Museum on Tour – jungsteinzeitliche Funde in den Schulklassen

Steinzeitkoffer geschnitten

Sommer 2015: Auf der Internetseite des Städtischen Museums Göttingen entdecke ich den Steinzeitkoffer. Dieser enthält überwiegend Objekte aus der Jungsteinzeit, die an die Schulen in der Umgebung gegen einen Pfand ausgeliehen werden können. Die steinzeitlichen Objekte erzählen viel über sich selbst und über die Menschen, von denen sie einst angefertigt wurden. Aber um diese Geschichten erfahren zu können, muss man wissen, wie man diese Objekte liest.

Als Archäologin stelle ich bei meiner Arbeit folgende Fragen: Wie kann man aus den alten Gegenständen und Bodenbefunden die Urgeschichte der Menschen erforschen? Wie müssen wir bei der Ausgrabung vorgehen, um möglichst viele Informationen zu erhalten? Und wie können daraus Schlussfolgerungen auf die Kultur oder die Epoche gezogen werden, aus der diese Objekte her stammen? Diesen Fragen nachzugehen wäre doch bestimmt spannend für Schülerinnen und Schüler unterschiedlichsten Alters. Und da ich bereits in verschiedenen Museen in der Bildungsvermittlung gearbeitet hatte, biete ich dem Städtischen Museum Göttingen meine professionelle Unterstützung an und habe das Glück, freiberuflich den Steinzeitkoffer betreuen zu dürfen.

Die Göttinger Schulen werden über das Steinzeitprogramm informiert und ab der zweiten Septemberhälfte melden die ersten Lehrkräfte ihr Interesse. Meistens sind es die 5. Klassen der Gymnasien, weil für diese Stufe die Steinzeit auf dem Lehrplan steht. Aber auch viele Grundschulen und auch höhere Jahrgänge nehmen an dem Programm teil.

Also fahre ich mit dem Koffer und einigen von mir erstellten Materialien in die Schulen. Zu den Materialien gehören Schautafeln, einige Arbeitsblätter wie Fundzettel und Materialien für einen Workshop. Als weiteres Medium nutze ich die Schultafeln. Darauf zeichne ich zuerst einen Zeitstrahl, um den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, wie unvorstellbar lange die Menschen in steinzeitlichen Kulturen gelebt haben. Anhand der Schautafeln bekommen die Schülerinnen und Schüler zuerst einen Einblick in das Thema, bevor sie dann die erstaunlich alten Dinge in die Hand nehmen durften. Jeder Schüler und jede Schülerin sucht sich ein begehrtes Stück heraus und dokumentiert es mit Hilfe des Fundzettels. Anschließend können sie ihre handwerklichen Fähigkeiten erproben: wie man ein Brot mit Zutaten zubereitet, die den steinzeitlichen Menschen zur Verfügung standen, oder wie man Pfeile aus Holz und Gänsefedern baut. Der zeitliche Umfang der Gruppen variiert dabei. Manche haben nur eine Stunde in einer AG, andere einen ganzen Vormittag Zeit.

Die Arbeit mit und an den Schulen macht mir sehr viel Spaß. Die Lehrkräfte an den Göttinger Schulen sind sehr kooperativ und die Schülerinnen und Schüler stecken voller Elan und Wissbegierde. Ihre Stars heißen Lucy, Ötzi oder Obelix und dürfen auch auf dem Zeitstrahl nicht fehlen. Ihre Fundzettel füllen sie mit sorgfältiger Akribie aus, und sogar in den Pausen umschwirren sie den Steinzeitkoffer wie die Wespen das Marmeladenglas. Und in fast jeder Klasse befindet sich jemand, der sich in die Abenteuer eines Indiana Jones begeben will. Die kleinen Forscherinnen und Forscher entdecken einen Abdruck auf dem Steinbeil, der sich als Rest eines Birkenrindenpechs herausstellt. Damit wurde das Beil an einem Schaft geklebt. Sie scheuen nicht davor, den Mageninhalt prähistorischer Menschenfunde zu untersuchen, um herauszufinden, ob diese Vegetarier waren. Moment mal! Mageninhalt? Den können wir bei den Moorleichen untersuchen. Die sind aber erst 2 000 Jahre alt und damit wesentlich jünger als die steinzeitlichen Funde. Aus der Altsteinzeit haben wir ja nur die Knochen oder meistens sogar nur den Schädel eines prähistorischen Menschen. … Und sie erkennen, dass es schon in der Steinzeit unterschiedliche Kulturen gab. So bauten die Menschen im Norden Großsteingräber und fertigten trichterförmige Gefäße an. Während im Gebiet um den Harz herum die Leute mit kugeligen Amphoren Rinder in einige ihrer Gräber legten. All diese spannenden Dinge und noch vieles mehr können die Schülerinnen und Schüler in dem museumsdidaktischen Programm erfahren.

Aktuell gestalte ich den Inhalt des Steinzeitkoffers neu und erstelle einen Flyer, der mit einem Text und einigen Bildern Informationen zu dem Programm liefert und Neugierde wecken soll. Dies findet in enger Abstimmung mit dem Städtischen Museum Göttingen, insbesondere mit der Kuratorin Simone Hübner, sowie dankenswerterweise mit der Unterstützung von Betty Arndt, der Leiterin der Stadtarchäologie Göttingen, statt.

Mal sehen, wie oft es im nächsten Jahr in die Steinzeit geht….

(Astrid Otte, freie Mitarbeiterin)

 

21. Juli 2016

Und Göttingen gibt es doch!

Unsere Barbara-Ausstellung stößt auf große Resonanz. Immer wieder schreiben uns Museumsbesucher Geschichten, die sie durch Barbara und das Göttingen-Lied erlebt haben.

Eine schöne Begebenheit erzählte eine Göttingerin von ihrer Rucksack-Tour durch Frankreich im letzten Jahr. Bei einer Rast kam sie mit einem französischen Radfahrer ins Gespräch. PlattencoverAls sie erwähnte, dass sie aus Göttingen kommt, schnappte ihr Gegenüber nach Luft, ließ sein Rad fallen und stimmte enthusiastisch in Dirigentenpose das Göttingen-Lied an. „Sie kennen doch Barbara!“ Natürlich wusste die Göttingerin von der Sängerin, das Lied hatte sie aber noch nie gehört. Sie war äußerst beeindruckt und verblüfft, dass der wildfremde Mann in den Bergen den Namen ihrer Heimatstadt immer wieder freudestrahlend wiederholte. Aber auch der Radfahrer war erstaunt und sprachlos, denn er hatte Göttingen bislang immer für einen Phantasieort gehalten. Dass nun eine Göttingerin leibhaftig vor ihm stand, begeisterte ihn total.

 

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

14. Juli 2016

Ekkehard Reuter – ein vergessener Künstler

Der Maler und Graphiker Ekkehard Reuter, der 1878 in Graudenz geboren wurde, lebte von 1909 bis 1913 in Göttingen. In diesen Jahren betrieb er in der Weender Straße 23 eine Kunstschule, die man von der Mühlenstraße aus erreichte. Reuter inserierte in den Göttinger Adressbüchern für seinen Unterricht. Neben Kursen zur Porträt-, Landschafts- und Stillebenmalerei bot er Schulungen im Zeichnen und der Druckgraphik an. Laut seiner Anzeige sollten im Sommer Ausflüge in die Umgebung zum Malen organisiert werden, für das Winterhalbjahr waren Akt-Abende im Botanischen Garten angekündigt. Für 30 bis 60 Mark im Monat konnten Unterrichtseinheiten für alle Stufen und Anforderungen belegt werden. Abb. 1Wer diese Veranstaltungen besuchte, ist nicht bekannt. Aufgrund der nur kurzen Existenz der Schule lässt sich vermuten, dass das Konzept nicht erfolgsversprechend war. Bereits 1913 ging Reuter für ein Jahr nach München. Bevor er 1926 in die Schweiz zog und sich seine Spur verliert, hat er in Kassel gelebt.

Das Städtische Museum verwahrt eine Graphik des Künstlers aus dessen Zeit in Göttingen. Der Aluminiumdruck, auch Algraphie genannt, zeigt die Außenansicht der St. Marienkirche bei Nacht. Das Blatt ist 1911 entstanden und mehrfach aufgelegt worden. Die Arbeit wurde beim Künstler persönlich mit weiteren drei Werken für die Museumssammlung erworben.

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

7. Juli 2016

Ein Klavier geht auf die Reise

Gestern verließ unser Ritmüller-Tafelklavier seinen angestammten Platz im Museum. Da es nicht mehr bespielbar war und sich auch die Spuren der Zeit an der Außenhaut widerspiegeln, wird es restauriert. Das Klavier ist seit 1967 in der Sammlung des Städtischen Museums. 1967 33Es wurde in den 1850er Jahren von der Göttinger Pianofabrik W. Ritmüller & Sohn gebaut, die zu dieser Zeit ihre Fabrikationsstätten im Hardenberger Hof hatte. Das Traditionsunternehmen ging 1890 in Konkurs und wurde verkauft. Mit wechselnden Eigentümern und Teilhabern wurde die Produktion in Göttingen und später in Berlin fortgeführt. Die Marke Ritmüller ist seit 1997 Teil der Pearl River Piano Group und zählt zu deren Edelmarken. Die chinesische Firma gehört zu den größten Pianoherstellern weltweit und fertigt auch Modelle für Steinway und Schimmel. Bei der Restaurierung unseres Klaviers werden die Klaviermechanik, die Klaviatur, der Resonanzboden und das Gehäuse instandgesetzt. Als Nachfolger der Firma Ritmüller hat sich die Pearl River Piano Group bereit erklärt, die Restaurierung durchzuführen und zu finanzieren. Was für ein vorbildliches Kultursponsoring!

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)