Monthly Archives: Februar 2016

24. Februar 2016

Sonntags ins Museum – mit Flüchtlingen

Gerade mal fünf Namen standen auf der Liste. Ich hatte um Anmeldung gebeten: Wer will nächsten Sonntag mit ins Museum? Also gehe ich von Tür zu Tür, um die Bewohner in der Flüchtlingswohnlage noch einmal persönlich einzuladen.

Sonntags ist es oft langweilig, und draußen regnet’s eh – warum also nicht? scheinen sich viele zu denken, denn zwanzig Minuten später sind fast 20 Heimbewohner – aus Syrien und Afghanistan – an der Bushaltestelle eingetrudelt; meine vorab besorgten Bustickets reichen nicht aus.

Angekommen im Städtischen Museum, wird die Gruppe von Herrn Dr. Böhme begrüßt. Hatte ich ihn erst davon abhalten wollen, seinen Sonntagvormittag zu opfern, bin ich jetzt doch erleichtert, dass er da ist: Eine männliche Stimme dringt einfach besser durch, und die Gruppe, ausnahmslos junge Männer, hört ihm auch sehr gerne zu. Zu zweit spielen wir uns die Bälle zu, halten die Gruppe auf Trab. Oder sie uns?

In der Abteilung Kirchenkunst gibt es so manchen Anknüpfungspunkt zu entdecken, auch wenn die Strahlenkranzmadonna hier Mariam heißt und ihr Mann Jussuf – war er überhaupt ihr Mann? fragt ein Informierter.

Als Hit erweist sich wieder einmal der Religionen-Raum: Viele Wiedererkennungseffekte, Nachfragen und Selbstvergewisserungen bezüglich der eigenen religiös-kulturellen Herkunft.

Anschließend auf eine Tasse Kaffee – das muss sein! Im Bullerjahn werden wir, trotz Mittagszeit, freundlich empfangen. Am Tisch lässt sich noch manches vertiefen, Vokabeln werden ausgetauscht, Schreibweisen abgeglichen.

Der Bus fährt uns zurück nach Zieten, zufällig ist es derselbe freundliche Busfahrer wie vor zwei Stunden. „ Lassen Sie Ihre Leute hinten einsteigen, ich mache Ihnen auf!“, ruft er mir entgegen.

Besuch 21_1_2016 1

Begrüßung der Gruppe im Museum

Ein Selfie vor dem Marienaltar

Ein Selfie vor dem Marienaltar

Angeregte Diskussion im Raum der Religionen

Angeregte Diskussion im Religionen-Raum

 

(Bettina Kratz-Ritter, Gastblogbeitrag)

11. Februar 2016

Göttinger Gedenktafeln – ein wachsendes Denkmal

Immer wieder geraten sie in unser Blickfeld, doch selten halten wir inne, um genauer hinzusehen. Die marmornen Gedenktafeln an den Häuserfassaden fügen sich symbiotisch ins Stadtbild und wollen doch (mehr!) Aufmerksamkeit erlangen für Persönlichkeiten, die durch ihren Aufenthalt in der Stadt, durch ihr Wirken oder gar durch ihr Lebenswerk Teil der Göttinger Stadtgeschichte sind.

1874 sind die Gedenktafeln auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Georg Merkel eingeführt worden – sie stellen eine Besonderheit der Stadt dar.

Folgt man dem Historiker und Autor Siegfried Schütz auf einen Spaziergang durch Göttingen, werden aus scheinbar schnöden Marmortafeln Persönlichkeiten, die für die Geschichte Göttingens von großer Bedeutung sind.

dahlmann 002So wurde der Historiker Friedrich Christoph Dahlmann (1803-1875) mit einer Tafel in der Weender Landstraße geehrt. Er ist einer der »Göttinger Sieben«, die 1837 dem neuen König Ernst August Verfassungsbruch vorwarfen, da dieser das hannoversche Staatsgrundgesetz von 1833 außer Kraft gesetzt hatte. Dagegen protestierte Dahlmann zusammen mit Wilhelm Albrecht, Heinrich Ewald, Jacob und Wilhelm Grimm, Georg Gervinus und Wilhelm Weber. Sie wurden alle – jeder für sich – geehrt mit einer Gedenktafel an ihren Wohnhäusern oder Wirkungsstätten und ergeben zusammen ein Stück Stadtgeschichte. Ein im Bestand des Städtischen Museums befindliches Porzellanbild (nach 1829) gibt einen Einblick in das private Leben Dahlmanns, genauer: in das bürgerliche Wohnzimmer der Familie. In für jene Zeit ungewöhnlich legeren Posen lauschen dort die Damen des Hauses dem vorlesenden Dahlmann.

GÖ Gedenktafeln_BrahmsEine Gedenktafel zu Johannes Brahms ist angebracht an der Fassade des Städtischen Museums am Ritterplan. Sie zeugt von den Besuchen Brahms im ehemaligen Haus des Klavierfabrikanten Ritmüller, dem heutigen Museumssitz. Dort musizierte Brahms gemeinsam mit Clara Schumann, dem Geiger Joseph Joachim und Agathe von Siebold, Tochter des Göttinger Mediziners Eduard von Siebold.

Auch das Schicksal der Eheleute Max Raphael und Gertrud Hahn hat durch die marmorne Tafel an der Villa in der Merkelstraße 3, enthüllt an 8. November 2014, einen festen Platz im Gedächtnis der Stadt erhalten. In Folge dieser Ehrung und als ein Zeichen des Vertrauens überließ die Familie ihre restituierten Möbel als Dauerleihgabe dem Städtischen Museum. (Siehe auch Blogbeitrag vom 17.11.2014).

GÖ Gedenktafeln_Schütz signiert BuchImmer wieder kommen neue Gedenktafeln hinzu. In dem Buch »Göttinger Gedenktafeln. Ein biografischer Wegweiser« (Vandenhoeck & Ruprecht, 2015) beschreibt Autor Siegfried Schütz in Kurzporträts das Lebenswerk und die Bedeutung der Gewürdigten. Zudem informiert das Stadtarchiv über die aktuell enthüllten Gedenktafeln, von denen es allein 2015 fünf gab.

Dies als Anstoß zu einem aufmerksamen Blick auf bekannte, weniger bekannte, übersehene und neue Tafeln und somit auf das dynamisch wachsende und sich immer wieder erneuernde Gesamtdenkmal der Stadt Göttingen! Seine gegenständlichen Bezüge und Pendants findet es im Städtischen Museum Göttingen.

 

(Ines Lamprecht, Gastblogbeitrag)