Monthly Archives: Januar 2016

28. Januar 2016

„Leider, nein“

„Früher konnte man doch bei Ihnen Kindergeburtstag feiern, unsere Älteste hat das noch ganz toll in Erinnerung. Unsere Jüngste möchte das jetzt auch. Bieten Sie das noch an?“

So oder so ähnlich lauten immer wieder Anfragen, die das Museum und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erreichen. Es ist wirklich schade, aber diese Angebote kann das Museum leider zur Zeit nicht leisten. Die Dauerausstellung zur Stadtgeschichte ist geschlossen, für Museumspädagogik ist im wahrsten Sinne des Wortes kein Platz, weder für deren Durchführung noch für die Lagerung von Materialien. Der Baustellenbereich ist größer, als der zur Verfügung stehende Ausstellungs- und Veranstaltungsbereich.

 

Und noch eine Zahl

Seit sieben Jahren können Göttinger Schul- und Kitakinder das Museum nicht mehr als Erlebnis- und Bildungsort kennenlernen. Werden die Besucherzahlen der vorherigen Jahre zu Grunde gelegt, bedeutet dies, dass in den letzten sieben Jahren etwas über 38500 Kinder das Museum ihrer Stadt nicht haben kennen lernen können. Es wächst eine Generation von kleinen Göttingern heran, die „ihr“ Museum nicht kennen.

Damit bleibt ihnen auch ein wesentlicher Zugang zur Stadtgeschichte verschlossen. Für viele Kinder ist der Museumsbesuch mit der Schule oder die Teilnahme an einem Ferienangebot der einzige und zumeist der erste Kontakt mit dem Museum, seinen Objekten und Ausstellungen. Gerade bei der Erfüllung der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe der Integration leisten Museen hier einen entscheidenden Beitrag. Er wird – zu Recht – gerade von Museen verstärkt eingefordert.

Bei aller Diskussion um die Kosten: Wenn es um ein saniertes und neugestaltetes Museum geht und die Frage im Raum steht: was ist uns das Museum wert, ist doch eines zweifelsfrei klar: 38500 Besuche von Kindern die nicht haben stattfinden können ist eindeutig eine viel zu hohe Zahl.

Rechenberg Kindergeburtstag Januar 2010 2 Rechenberg Kindergeburtstag Januar 2010 3                                                                     Kindergeburtstag 2010

 

Rechenberg Kindersamstag 2012 1

Rechenberg Kindersamstag 2012 2

Kindersamstag 2012  

 

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

 

21. Januar 2016

Von den Anfängen der Experimentalphysik – Augenmodell und Sprachrohr


Für die Forschung und Lehre an der Universität Göttingen des 18. und 19. Jahrhunderts nutzten verschiedene Professoren wissenschaftliche Instrumente und Modelle. Einige davon, die Georg Christoph Lichtenberg, Johann Tobias Mayer oder Wilhelm Eduard Weber in ihren Vorlesungen der Experimentalphysik verwendeten, gelangten um 1900 in das Städtische Museum. Dies ist u.a. aufmerksamen Göttinger Bürgern wie Cuno Rumann oder dem Gewerbeschuldirektor Carl Berlepsch zu verdanken. Sie erwarben beispielsweise Kanonen- bzw. Festungsmodelle und schenkten sie dem Museum.
Die wissenschaftliche Untersuchung dieser Instrumente wirft ein Licht auf die Göttinger Universitätsgeschichte und eine darüber hinaus führende Wissenschaftsgeschichte. Dieses Ziel verfolgt auch eine seit 2011 bestehende Zusammenarbeit zwischen dem Städtischen Museum und dem Medizin- und Wissenschaftshistoriker Dr. Thomas Nickol. Er arbeitet für die „Edition der naturwissenschaftlichen Schriften Lichtenbergs“, einem Projekt der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (AdW). ( https://adw-goe.de/forschung/forschungsprojekte-akademienprogramm/edition-lichtenberg/ )

Die Edition wird mit den Bänden 6 und 7 abgeschlossen, die zu Ende dieses Jahres erscheinen werden. Der sechste Band, den Nickol bearbeitet, enthält das kommentierte und illustrierte Verzeichnis von Georg Christoph Lichtenbergs und Johann Friedrich von Uffenbachs physikalischen Instrumenten. Von Uffenbach war ein an Kunst und Wissenschaften interessierter Frankfurter Patrizier und Bürgermeister, der seine umfangreichen privaten Sammlungen der Universität Göttingen vermachte. Das Register der Gesamtausgabe, das Nickols Kollege, der Leiter der Lichtenberg-Arbeitsstelle Albert Krayer, bearbeitet, bildet den siebten Band der Edition.
Die Instrumente unserer Sammlung, die sich Lichtenberg oder von Uffenbach zuordnen ließen, wurden für diese Publikation zur Verfügung gestellt. Im besonderen Maß profitiert das Städtische Museum von dieser Kooperation: Durch die Forschungsergebnisse Nickols konnte ein neuer Blick auf die Nutzungsgeschichte dieser Objekte geworfen werden.
Einige von ihnen sollen hier vorgestellt werden. Sie stammen ursprünglich aus frühen Göttinger Universitätssammlungen. Zu nennen sind hier die „Modellkammer“ (1734 – 1884) und das „Physikalische Kabinett“ (1789 – 1894).

Modellkammer
Der Grundstock der Sammlung wurde in den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts gelegt. Ein gezielter Aufbau und die Nutzung in der Lehre erfolgten aber erst später. Die Sammlung setzte sich aus verschiedenen Schenkungen zusammen: beispielsweise Instrumente von Joachim Heinrich von Bülow (1735), einige wenige, große Objekte aus der Schenkung Johann Friedrich von Uffenbachs (1769/70), die Sammlung mathematischer Instrumente des Professors für Mathematik Bernhard Friedrich Thibaut (1832) und die Sammlung Johann Beckmanns (1817). Die Unterbringung der Modellkammer wechselte im Lauf ihres ungefähr 150-jährigen Bestehens immer wieder. Die Sammlung wurde 1884 aufgelöst.

Physikalisches Kabinett
Lichtenberg verkaufte seine private Sammlung „Apparat von physikalischen Instrumenten“ 1789 an die Universität Göttingen. Die Instrumente wurden 1791 durch Objekte aus der v. Uffenbachschen Donation ergänzt. Diese Sammlung wurde 1799 von JohannTobias Mayer, Lichtenbergs Nachfolger, übernommen und von diesem Zeitpunkt „Kabinett“ genannt. Sie behielt diesen Namen bis zu ihrer Auflösung 1849. Wichtigstes Verzeichnis der Sammlung bildet Mayers „Catalog des Physikalischen Apparats“ von 1813. Er enthält Hinweise zum Gebrauch der Instrumente und diente der Vorbereitung von Experimenten in den Vorlesungen.

 

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1.       Augenmodell (um 1800): Augenmodell mit Glaslinsen und kugelförmigem Korpus aus Pappmaché. Es wurde in den Vorlesungen Lichtenbergs zur Veranschaulichung des Aufbaus und der Funktionsweise des menschlichen Auges gebraucht. So können beispielsweise durch die Pupille einfallende Bilder auf einer innen angebrachten Glasscheibe abgebildet werden.

Dr. Nickol entdeckte bei seinen Recherchen die Skizze dieses Modells mit einer Halterung, die der Student Benzenberg während einer Vorlesung Lichtenbergs im Sommersemester 1798 angefertigt hatte. Die abgebildete Halterung ist im Museum vorhanden, ihre Herkunft und Funktion waren aber unbekannt. Aufgrund der Skizze ließ sie sich jetzt dem Augenmodell zuordnen.

 

Quecksilberniveau 1Jaeger Quecksilberniveau 2

2.      Quecksilberniveau (ca. 1792): Das Instrument gebrauchte man zum genauen Anvisieren von Objekten und besteht aus Okular- und Objektiv-Teil. Die Funktion dieses Niveaus beruht auf dem Prinzip der auf Quecksilber schwimmenden Würfel. Gebaut wurde das Instrument von dem Göttinger Johann Franz Riepenhausen, der dafür 8 Reichstaler von Lichtenberg erhielt. Erfunden wurde das Quecksilberniveau von dem Schotten Keith, der es auch 1778 beschrieben hat.

 

3.       Sprachrohr (1700-1750): Das trichterförmige Rohr mit schneckenförmig gewundenem Hals und Mundstück wurde von Lichtenberg in Vorlesungen zur Demonstration akustischer Phänomene benutzt.

 

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4.      Festungsmodell (um 1750): Modell eines Festungsgrabens aus Holz. Der Ausschnitt zeigt zwei Bastionen mit Scharten und den gegenüberliegenden Wall. In Kombination mit zwei im Winkel von 60° zueinander geneigten Spiegeln war es möglich, die komplette Festung zu zeigen (2. Foto). Aufgrund von Aufzeichnungen von Lichtenberg ist es sehr wahrscheinlich, dass er diesen Versuchsaufbau so in seinen Vorlesungen verwendete.

(Fotos: Bildrechte liegen bei der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, ausgeführt von Sauer Marketing)

(Detlev Jaeger, wissenschaftlicher Mitarbeiter)