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14. Oktober 2015

Menschen im Museum – Interviews mit Mitarbeitern

Wer ein Museum besucht, dem bleiben in erster Linie die ausgestellten Objekte in Erinnerung. Das ist nicht ungewöhnlich – das Vermitteln von historischem Wissen anhand von authentischen Objekten gehört zu den Hauptaufgaben eines Museums. Kein Wunder also, dass sich diese einprägen. Doch was für Menschen stehen überhaupt hinter so einem Museum? Wer sorgt im Verborgenen dafür, dass der alltägliche Museumsbetrieb am Laufen erhalten wird? Und was macht eigentlich den Reiz der Museumsarbeit aus?

Während meines achtwöchigen Praktikums habe ich alle Museumsmitarbeiter kenngelernt. Einige wurden hier im Blog schon vorgestellt. Ich habe diesen Faden aufgegriffen und weitere Interviews geführt. Werfen wir wieder einen Blick hinter die Kulissen.

 

Dr. Ernst Böhme

 

Becker: Welchen Bereich betreuen Sie und was sind Ihre Aufgaben?

Böhme: Ich bin Leiter des Museums und dadurch definieren sich auch meine Aufgaben. Ich habe dafür zu sorgen, dass der Museumsbetrieb möglichst reibungslos funktioniert und muss mich auch immer wieder in Einzelfällen mit konkreten Sachfragen beschäftigen. Aber grundsätzlich bin ich eher dafür zuständig, den Museumsbetrieb insgesamt am Laufen zu halten und weiterzuentwickeln. Das betrifft z.B. die Bausituation, die Sanierungssituation, in der sich das Museum befindet. Da ist es beispielsweise meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass es weitergeht. Das Museum hat immer noch kein Museumskonzept. Da ist es meine Aufgabe, darauf hinzuwirken, dass ein solches Museumskonzept verabschiedet wird. Es geht aber auch manchmal um ganz einfache Dinge, wie die Dienstzeiten, die geregelt werden müssen, Abwesenheiten und Vertretungen müssen geregelt werden usw.

 

Becker: Was hat Sie dazu veranlasst, den Weg in die Museumsarbeit zu gehen?

Böhme: Nichts. Ich wurde dazu gezwungen (lacht). Ich sage das so ein bisschen provokativ, weil es eigentlich so ist. Ich war Leiter des Stadtarchivs und mein Vorgänger hier am Museum hat von einer damals möglichen Regelung Gebrauch gemacht, die regelte, dass er vorzeitig in Rente ging. Damit war dann der Wegfall seiner Stelle verbunden. Und dann hat man gesagt, naja, dann macht das Böhme einfach mit. Ich muss aber sagen, dass ich, seitdem ich im November 2005 angefangen habe, mich zunehmend mit dem Museum identifiziere und immer mehr vom Archivar zum Museumsmenschen geworden bin.

 

Becker: Was macht für Sie den Reiz der Museumsarbeit aus?

Böhme: Das ist einmal die Vielfältigkeit. Dann, besonders im Vergleich zum Archiv, der Aktualitätsbezug. Das Museum ist viel stärker in die aktuelle Kulturarbeit eingebunden. Und dann ganz besonders die Spannung zwischen der intellektuellen Arbeit, dass man Konzepte erarbeitet, Vorstellungen davon entwickelt, was ein Museum sein soll oder wie eine Ausstellung sein soll und deren konkreter Umsetzung. Es ist also sowohl eine intellektuelle Arbeit als auch eine organisatorische als auch eine handwerkliche.

 

Becker: Was ist das Besondere am Städtischen Museum in Göttingen?

Böhme: Dass es im Moment kein richtiges Museum ist. Das ist die konkrete Situation. Besonders ist bei uns im Moment eben, dass wir eine Sanierungsphase haben, in der wir nur wenig Ausstellungsarbeit machen können, nur wenig in die Stadt hinein wirken können und deshalb sehr intensiv nach innen arbeiten. Das umfasst Inventarisieren, Dokumentieren usw. Grundsätzlich ist das Städtische Museum dadurch ausgezeichnet, dass es eines der ältesten stadtgeschichtlichen Museen Niedersachsens ist und einen in Süd-Niedersachsen einzigartigen Sammlungsbestand hat. Es ist das wichtigste Museum in Süd-Niedersachsen.

 

Christian Riemenschneider studierte von 1997 bis 2005 in Göttingen Ethnologie, Kunstgeschichte und Ur- u. Frühgeschichte. Er promovierte von 2006 bis 2013 in Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie zu Identität und Judentum auf Mallorca.

 

Becker: Welchen Bereich betreuen Sie und was sind Ihre Aufgaben?

Riemenschneider: Ich bin Volontär hier am Haus, dementsprechend ist mein Aufgabenbereich relativ breit gefächert. Bis vergangenen Monat habe ich hauptsächlich die Judaica-Sammlung hier im Haus bearbeitet, die eine sehr alte, sehr reiche und sehr schöne Sammlung von etwa 150 Objekten ist. Sie ist einer der ältesten Bestände hier im Haus und da habe ich die Ergebnisse, die bisher vorlagen in [die digitale Datenbank des Museums] First Rumos eingegeben, aber eben auch noch, soweit mir das möglich war, weitere Informationen dazu erforscht. Das ist jetzt soweit erst mal abgeschlossen. Im Moment bin ich dabei, Papierobjekte und Grafiken zu sortieren und diese in die Archivschränke zu legen.

 

B: Was hat Sie dazu veranlasst, den Weg in die Museumsarbeit zu gehen?

R: Materielle Kultur fand ich eigentlich schon immer spannend. Als Kind und Jugendlicher fand ich es toll, im alten Haus meiner Eltern herumzukramen, Sachen anzugucken, die dann eben auch die Großeltern mit entsprechenden Erzählungen verbunden haben. In meinem Studium habe ich mich eher mit theoretischen Sachen auseinandergesetzt, aber wollte eigentlich trotzdem in den Bereich der materiellen Kultur gehen. Ich finde es eben spannend, an konkreten Objekten Fragen aufzuwerfen und dann auch zu beantworten.

 

B: Was macht den Reiz der Museumsarbeit aus?

R: Also zum einen ganz direkt mit den Objekten Kontakt zu haben, die mal in die Hand nehmen zu können und dann immer weitere Schichten an so einem Objekt freizulegen. Bedeutung ist natürlich auch historisch und kulturell bedingt. Vor 100 Jahren hat man manche Dinge anders interpretiert als heute und das macht ein solches Objekt zu einem Text, den man immer weiter aufschlüsseln kann.

 

B: Was ist das Besondere am Städtischen Museum in Göttingen?

R: Erst mal ist es natürlich ein vergleichbar altes städtisches Museum und hat dementsprechend eine ziemlich breitangelegte und reiche Sammlung. Für Göttingen ist auch noch prägend – und das sieht man auch in der Sammlung – dass es die Universität gibt. Und aus meinem Arbeitsbereich sind da natürlich die Judaica hervorzuheben. Da hatte ich im letzten Jahr vier Kuratorinnen aus jüdischen Museen in Berlin, Frankfurt, Wien und Jerusalem da und die haben nochmal bestätigt, was wir hier für eine tolle Sammlung haben. Das Besondere ist eben, dass sie geschlossen die NS-Zeit überstanden hat, aus der Region um Göttingen stammt und von jüdischen Göttingerinnen und Göttingern gespendet wurde, lange vor der NS-Zeit. Das ist ein ganz deutliches Zeichen dafür, dass diese das Museum mitaufbauen wollten. Eine jüdische Identität war da, aber es waren in erster Linie eben Göttinger Bürgerinnen und Bürger, die das Museum mitaufgebaut haben.

 

 

Bodo Kayser

 Becker Interviews Foto Kayser 

Bodo Kayser bei der Bearbeitung historischer Uhren 

Becker: Welchen Bereich betreuen Sie und was sind Ihre Aufgaben?

Kayser: Mir wurde, weil ich so ein Bücherfreund bin (lacht), hier die Inventarisierung der Bücher übertragen. Die waren im Museum bisher entweder gar nicht oder nur unvollständig inventarisiert worden. Viele, die sich damit beschäftigt haben, hatten eben nicht den entsprechenden Hintergrund, um bibliographische Angaben zu machen. Das habe ich mit der Sammlung der Fibeln gemacht, die jetzt ab dem 27. September ausgestellt werden. Dann habe ich mich mit der gesamten Sammlung der historischen Bücher beschäftigt, die bis ins 17. Jahrhundert zurückgeht. Als letztes war ich für die Sammlung von ungefähr 120 geschenkten Kinderbüchern zuständig. Diese mussten eben bibliographisch erfasst und in First Rumos eingetragen werden.

 

B: Was hat Sie dazu veranlasst, den Weg in die Museumsarbeit zu gehen?

K: Das sind eigentlich die kleinen Besonderheiten, die mich mit dem Städtischen Museum verbinden. Einmal ist eine traditionelle Verbindung da, ich habe hier mit der Kuratorin Frau Rechenberg vor gut 10 Jahren eine Ausstellung zu Kinderbüchern gemacht und war von daher hier schon bekannt. Dann kam der Kontakt nochmal über die Taschenausstellung meiner Frau. Und schließlich kam einfach noch die Überlegung dazu (lacht), was macht der Rentner mit seiner vielen Zeit, wenn er sich nicht nur zu Hause beschäftigen will. Da war es dann im Grunde genommen der Spaß daran, die noch vorhandene Arbeitskraft und Kompetenz einzusetzen und dem Museum noch was Gutes zu geben.

 

B: Was macht den Reiz der Museumsarbeit aus?

K: Das doch sehr vielfältige Wesen der Arbeit. Es ist zum einen handwerkliche Arbeit; man muss tatsächlich Gegenstände in die Hand nehmen. Und da gibt es viel zu beachten, weil es sich eben um historische Objekte handelt und man den besonderen Anforderungen, die dadurch entstehen, gerecht werden muss. Was noch sehr reizvoll ist, ist der Rückgriff auf vorhandenes Wissen aus verschiedenen Lebensbereichen, einmal der beruflichen Seite, aber auch den privaten Seiten, das man dann eben nutzen kann. Außerdem spielt das Gefühl, im Alter gebraucht zu werden eine Rolle. Und natürlich die Möglichkeit mit Menschen, die noch im Arbeitsprozess drin sind, mit Generationen, die wesentlich jünger sind, immer noch in Kontakt zu sein. Das ist diese soziale Komponente, die da wichtig ist. Die Museumsarbeit gibt mir schon eine gewisse Befriedigung, stellt mich aber auch vor immer neue Herausforderungen, das, was vorhanden ist, nicht verloren gehen zu lassen, sondern was an Wissen, Fähigkeiten und natürlich Neugier, Lust an Neuem, Ungewöhnlichem da ist zu erhalten.

 

B: Was ist das Besondere am Städtischen Museum in Göttingen?

K: Eigentlich das Unspektakuläre. Dass es über eine hochwertige Sammlung von Alltagskultur verfügt, die, glaube ich, leider noch nicht so stark wahrgenommen wird, noch nicht in dieser Form in der Öffentlichkeit gesehen werden kann durch die Renovierungs- und Sanierungsarbeiten hier im Museum. Dadurch kann ich aber eben auch mal hinter die Kulissen gucken. Das würde sonst so an anderen Orten einfach nicht gehen, dass man einfach mal einen Blick in die Magazine werfen kann und an Objekte herankommt, die sonst immer nur unter Glas sind oder in Regalen stehen.

 

 

Stefan Roth studierte Mittlere und Neue Geschichte, Historische Hilfswissenschaften, Deutsche Philologie und Deutsch als Fremdsprache in Göttingen und promovierte kürzlich mit dem Thema „Geldgeschichte und Münzpolitik im Herzogtum Braunschweig-Lüneburg im Spätmittelalter“. Er ist Träger des Walter-Hävernick-Preises 2015, der jährlich an hervorragende Nachwuchsnumismatiker verliehen wird. Seit 2011 ist er für die Münzsammlung des Museums zuständig.

 

Becker: Welchen Bereich betreuen Sie und was sind Ihre Aufgaben?

Roth: Ich bearbeite die Münzsammlung des Städtischen Museums. Dazu gehören die Münzen, die Münzfunde, die Medaillen und die Orden- und Ehrenzeichen. Im Weiteren gehören auch noch das Notgeld, das Scheingeld und die Münzstempel dazu. Meine Aufgabe ist das Bearbeiten der Bestände, die ich eben genannt habe. Also Bestimmen, um welche Münzen es sich handelt, dann die Beschreibung der Münzfunde, die entsprechende Nachweisliteratur anfügen, das Eintragen der Bestände im Inventarbuch und dann auch die Eingabe der Bestände ins Inventarisierungprogramm FirstRumos.

 

B: Was hat Sie dazu veranlasst, diesen Weg in die Museumsarbeit zu gehen?

R: Die Arbeit ist eigentlich eine Ergänzung zu meiner Dissertation, die ich während dieser Zeit geschrieben habe. Die ist ja auch zum Thema Münz- und Geldgeschichte, da passt das natürlich sehr gut zu den Beständen hier. Aber auf die Idee bin ich aber eigentlich nicht selbst gekommen, sondern Herr Böhme.

 

B: Was macht den Reiz der Museumsarbeit aus?

R: Dass man auch mit Originalbeständen tatsächlich arbeiten kann im Gegensatz zur Uni, an der man ja viele Bestände nicht im Original hat. Und darüber hinaus lernt man auch, wenn man über seinen eigenen Bereich hinausschaut, andere Bereiche kennen, die einem weitere Informationen geben. Zudem erwirbt man mit der Museumsarbeit auch Berufspraxis, die einem dann auch im weiteren beruflichen Werdegang hilfreich sein kann.

 

B: Was ist das Besondere am Städtischen Museum in Göttingen?

R: Das Städtische Museum ist eigentlich das einzige bedeutende Museum hier in Göttingen, muss man sagen. Gleichzeitig ist es auch ein Museum mit sehr alten Beständen und dadurch grenzt es sich schon von anderen Museen ab, die noch nicht so lange existieren. Und gerade diese alten Bestände machen schon die Besonderheit des Städtischen Museums aus. Dann ist das Museum auch sehr schön untergebracht, das macht es auch noch mal besonders.

 

Daniela-Jane Becker

13. Oktober 2015

Der Nähkasten der Luise Lange geb. Bremeier

 

Neujahr 1829 bekommt Louise Lange, Ehefrau des Dachdeckermeisters Johann Ernst Lange aus Göttingen, diesen Nähkasten geschenkt. Im Innendeckel befindet sich ein Blumenornament in Sternform. Darin geschrieben gute Wünsche für das neue Jahr: „Gesundheit, Frohsinn, langes Leben, Freude, Glück, Liebe, Freundschaft, Heiterkeit, Zufriedenheit“.

Auch nach 186 Jahren berühren diese Wünsche, denn es sind dieselben, die noch heute einander gewünscht werden. Ob sich für Louise Lange alle Wünsche erfüllten? Das wissen wir nicht. Wir wissen aber, dass Sie ab 1841 als Witwe bezeichnet wird und dass Sie in der Unteren Masch(str.) wohnte. 1883 wird Sie in der Jüdenstaße verzeichnet , also gleich um die Ecke des Museums, das heute ihren Nähkasten aufbewahrt.

Rechenberg Nähkasten Bild 1Inventarnummer 1907/199. Der Nähkasten vor der Restaurierung

Der Kasten mit einem Klappdeckel aus Pappe, ist mit farbigem Vorsatzpapier bezogen. Der Rand ist mit ornamentiertem Goldpapier umrandet. Der Deckel des Mittelfachs zeigt ein gemaltes Blumenbukett aus Rosenblütenblättern, Maiglöckchen, Vergissmeinnicht und Aurikeln.

In der Ausstattung verfügt das Nähkästchen über vier kleine Fächer, ein samtbezogenes Nadelkissen, zwei Garnwickler und zwei ovale Deckeldosen.

Als dieser Nähkasten im Textildepot entdeckt wurde, war er insgesamt in recht gutem Zustand. Nur war der innenliegende Spiegel zerbrochen und die ausgerissenen Scherben drohten das Objekt zu schädigen. Durch die behutsame Restaurierung von Dipl. Restauratorin Viola Bothmann konnte das gesprungene Glas ausgetauscht und durch neues ersetzt werden. Nun fehlen nur noch einige Details die ergänzt werden müssen, dann sind die guten Wünsche vom Neujahr 1829 wieder sicher aufgehoben.

Rechenberg Nähkasten Bild 2Das „ Innenleben“ des Nähkastens nach der Restaurierung

 

Andrea Rechenberg