Monthly Archives: Juli 2015

22. Juli 2015

….alle (Gemälde-)Register sind gezogen….

…oder vielmehr: umgezogen. Nun befinden sich auch die Gemälde, einschließlich ihrer Hängeregister, zur Stickstoffbehandlung im Außendepot.

Register Mehle

Blick in das Stickstoffzelt mit den Gemälden an den Registern

Strenge, ernste, traurige oder nachdenkliche Blicke, Blicke, die in die Ferne schweifen, Blicke von Frauen, Kindern und Männern sind mir bei den mehrtägigen Vorbereitungsarbeiten für den Umzug begegnet.

Frau in Grün mit Spitzenkragen

Portrait, Frau Bethmann, 1816. Künstler: Sebastian Weygandt (1760 – 1824)

Bei den Portraitierten handelt es sich überwiegend um bedeutende Göttinger Persönlichkeiten und Göttinger Familien des 19. Jahrhunderts. Ebenso sind Stadt- und Landschaftsdarstellungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert vorhanden, die mich zu einer kurzen Entdeckungsreise von Göttingen und seiner Umgebung eingeladen haben. Weitere Werke aus dem 19. Jahrhundert haben meinen Blick in unbekannte Landschaften und in die Ferne geführt, bspw. nach Italien.

Außerdem sind mit mythologischen und biblischen Szenen sowie Seestücken und Stillleben weitere Genres vorhanden, die dem Bestand eine große Vielfalt verleihen. Dazu kommen noch ergänzend mehrere Werke aus der Zeit des Göttinger Kunstmarktes, 1970 – 1987, hinzu.

Die logistische Vorbereitung und Durchführung erforderte eine sehr konzentrierte Arbeitsweise, damit den Gemälden beim Ver- und Entpacken ihre jeweilige Beschriftung mit Inventarnummer wieder zugeordnet werden konnte. Diesen hohen Anforderungen wurden alle Beteiligten gerecht und die Hängung der Gemälde mit der jeweils zugehörigen Inventarnummer ist glücklicherweise sehr gut gelungen. Als nächster Schritt wird, nach der Beendigung der Stickstoffbehandlung, die Hängung der Gemälde auf die neue Zuganlage im Außendepot erfolgen.

Simone Hübner, Kuratorin

15. Juli 2015

Abenteuer Museumsarbeit III

Im Laufe des Umzugs der Objekte ins Außendepot findet sich auch das eine oder andere Stück, das vor langer Zeit ins Museum kam und, aus was für Gründen auch immer, nicht wie üblich im Eingangsbuch registriert wurde. Für mich als Praktikantin ergibt sich auf diese Weise die Chance, den Weg eines Objektes in das Inventar des Museums Schritt für Schritt kennenzulernen. Ich möchte diese Arbeitsschritte hier einmal vorstellen, anhand einer Gruppe von vier Eisentöpfen, die sich ohne Nummern in einem Magazin fanden.

Mit den ersten Stichworten und Fragen – Eisen, bauchige Wölbung, Füße, ist das hier eine Gussnaht? Heißt es Topf oder Kessel? – geht es an die alte Sachkartei, in diesem Falle Haushalt, um zu schauen, ob sich eine zugehörige Karteikarte identifizieren lässt. Mehrere Karten vom Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jh. kommen in Frage. Allerdings lassen sich Beschreibungen wie „Eiserner Kochtopf mit Henkel“ oder „Topf aus dem Hause Johannisstr. 16“ nicht gut zuordnen… Alle vier Töpfe sind aus Eisen und besitzen einen Henkel. Trotzdem werden alle in Frage kommenden Einträge zusätzlich in den Eingangsbüchern überprüft. Vielleicht ist ja doch ein Zusatz nicht auf der Karte gelandet, oder etwas wurde dank deutscher Kurrentschrift falsch interpretiert.

ausschnitt eb kochtopf eisenAuszug einer Seite aus einem Eingangsbuch

Nachdem sich dort nichts findet, geht es mit allen Fragen an die Recherche in der weitläufigen Bibliothek des Museums, um die gebräuchliche Terminologie herauszukriegen: Es findet sich ein Buch, das vergleichbare Objekte abbildet und beschreibt, so dass eine korrekte und für andere nachvollziehbare Bezeichnung und Beschreibung der Töpfe möglich ist. Ich finde unter anderem heraus, dass Töpfe mit Füßen Grapen genannt werden, dass es im wissenschaftlichen Sprachgebrauch „gedrückt kugelförmiger Korpus“ heißt und dass Datierung und Lokalisierung nur schwer möglich sind, da sich der Gefäßtypus über mehrere Jahrhunderte kaum verändert hat.

Weiter geht es – einer der Töpfe enthält grobe Reste einer unbekannten Substanz, eine Karteikarte spricht von einem „Leimtopf aus Eisen, für Tischler“. Wäre es möglich, eine Karte zuzuordnen? Hatten Leimtöpfe eine besondere Form, die als Ausschlusskriterium gelten könnte? Warum ist wohl die Substanz in einer dicken Schicht im Topf verblieben, und kann ich dank des Aussehens allein etwas darüber herausfinden?

grapen 2015 47   grapen rostig von innen[  Grapen (Inv.-Nr. 2015/47)                                        Bild vom Innenraum desselben Topfs

Ich erhalte Antworten: Knochenleim, der früher gebräuchlich war, wurde in etwa fingernagelgroßen, trockenen Kügelchen gelagert, zur Verwendung mit Wasser aufgeweicht und erwärmt. Eine Überprüfung der Karte in der digitalen Kartei ergibt allerdings, dass diesem Eintrag bereits ein deutlich anders aussehendes Objekt zugeordnet wurde. So stehe ich vor einer Unsicherheit: Die Form spricht bei dem fraglichen Topf gegen eine Verwendung als Leimtopf. Die teilweise noch leicht kugelige Form der Substanz im Inneren könnte trotzdem dafür sprechen.

Der nächste Schritt besteht daraus, mit den Mitarbeitern des Museums zu sprechen. Vielleicht haben diese ja schon einmal etwas Ähnliches gesehen. Ich gehe zur Restauratorin, die immer wieder im Museum arbeitet. Sie restauriert auch Holzskulpturen, ist jetzt meine lokale Spezialistin für alte Leime und wie so etwas wohl aussehen könnte. Besonders aber dafür, was es sonst vielleicht noch sein könnte. Sie bestätigt als erstes, dass die Töpfe aus Gusseisen bestehen, ist jedoch der Meinung, die Spuren an der äußeren Wand des Topfes sprächen gegen Leim. Sie sähen zu dünnflüssig aus. Ein Tischler hätte auch einiges an Lacken und Farben verwendet, dazu würden die äußeren Spuren besser passen. Die Schicht im Inneren stellt aber auch sie vor ein Rätsel, besonders der dicke Teil auf dem Boden.

Da ich keine weiteren schlüssigen Informationen finde, werde ich unsere Hypothesen in dem neuen Karteieintrag mit einem Fragezeichen vermerken.

Als nächstes steht dann die grobe Säuberung der Objekte an. Mit einem kräftigen Pinsel und einem kleinen Staubsauger bewaffnet, mache ich mich an die Arbeit. Es ist doch erstaunlich für mich, wieviel feiner Staub sich auf der eisernen Oberfläche angesammelt hat. Was den Innenraum der Gefäße betrifft, macht mir mein Spezialfall, der Topf mit der Materialschicht, natürlich am meisten Arbeit. Dank der Beratung der Restauratorin weiß ich, wo ich mit etwas mehr Druck herangehen kann, wo ich vorsichtig arbeiten muss, um zwar Staub und Dreck zu lösen, aber nicht das Material mit zu entfernen. Die aus flexiblem Gummi bestehende Tülle des Staubsaugers, für Restaurierungsarbeiten entwickelt, ist dabei eine unschätzbare Hilfe. So kann ich direkt absaugen, was der Pinsel gelöst hat – ich möchte ja nicht alles in der Luft und im Raum verteilen.

Dann ist es endlich so weit: Ich vergebe im aktuellen Eingangsbuch neue Nummern für „meine“ Töpfe und übertrage diese auch auf die Objekte. Inventarnummern werden nach Möglichkeit an unauffälliger Stelle aufgetragen. Ich stelle die Töpfe also vorsichtig auf den Kopf und vermerke die Nummern außen auf dem Boden des Gefäßes. Dazu gibt es besonderes Werkzeug.

inventarisierungsset  Farbkarte mit Maßstab, Feder, Tusche, Pinsel, Lack und Lösungsmittel

Zuerst wird mit einem kleinen Pinsel eine Lackschicht aus klarem Paraloid aufgetragen. Falls man später aus irgendeinem Grund die Nummern wieder entfernen möchte, ist dieses leichter, wenn sie nicht direkt auf das Material des Objektes geschrieben wurden. Lösungsmittel sind aggressiv und könnten ein Objekt beschädigen, alte Lacke lösen oder zu Verfärbungen führen. Dann malt man die Nummer mithilfe einer Feder und Chinesischer Tusche, entweder in Weiß oder Schwarz, auf diese Lackschicht.

Der letzte Schritt besteht dann daraus, ein oder mehrere Fotos für die physische und die digitale Kartei anzufertigen. Ein Foto muss einen Maßstab mit einer Farbkarte enthalten, der eine Einschätzung der Objektgröße (und Färbung) für den Betrachter ermöglicht. Ebenso die Inventarnummer auf einem Kärtchen, um Verwechslungen oder Falschbenennungen der Datei zu vermeiden.

Fertig! Die Inventarisierung ist abgeschlossen, nun kann ich die neuen Einträge erstellen und die Objekte können endlich ihren Platz im Depot einnehmen.

mehrere metallene grapen

Verena Schmidt

14. Juli 2015

Vor der Reise nach Hannover – Restaurierungsarbeiten an der „Strahlenkranzmadonna“

Das war ein aufregender Montagvormittag….Die bei uns zumeist in der Kurzform als „Strahlenkranzmadonna“ bezeichnete Kirchenkunstfigur musste für die Schaurestaurierung auf einen Tisch gehoben werden. Dies erfolgte unter den fachkundigen Augen der Restauratorin Iris Herpers, Landesmuseum Hannover. Erforderlich waren vier Personen, die die ca. 60 kg schwere, aus Lindenholz bestehende Figur, einschließlich Strahlenkranz, unbeschädigt auf den mit Tyvek abgedeckten Tisch legen sollten. Es wurde genau darauf geachtet, an welchen Stellen die „Strahlenkranzmadonna“ angefasst werden konnte und sich ausgetauscht, welches die beste Vorgehensweise sei. Danach ging es los…ankippen, nachfassen, hochheben und dann langsam auf den Tisch legen. Aufatmen! Dank des guten Zusammenspiels der beteiligten Akteure ist die „Strahlenkranzmadonna“ unbeschädigt geblieben. Anschließend hat Frau Herpers begonnen, nach zu bearbeitenden Bereichen an der Figur zu schauen.

Strahlenkranzmadonna

Nach der christlichen Ikonographie wird die „Strahlenkranzmadonna“ als „Madonna mit dem Kind im Strahlenkranz“ bezeichnet. Sie ist datiert um 1750 und ist eines  der herausragenden Objekte im Kirchenkunstbestand des Städtischen Museums Göttingen. Sie geht ab Mitte Juli als Leihgabe an das Landesmuseum Hannover für die Ausstellung „Madonna. Frau-Mutter-Kultfigur“, in der sie vom  16. Oktober 2015 bis 14. Februar 2016 als eines der zentralen Exponate zu sehen ist.

MadonnaaufTischFrHerpers

Damit die kostbare „Strahlenkranzmadonna“ auf ihrem Weg nach Hannover unbeschädigt bleibt, erfolgen vor dem Transport restauratorische Maßnahmen. So wird Iris Herpers bspw. die Festigung von Farbbereichen und von Lockerungen sowie die trockene Reinigung durchführen. Besucherinnen und Besucher haben am 15. Juli, 14 – 19 Uhr, 2. OG, in den Räumen der Kirchenkunstausstellung, Gelegenheit, sie dabei zu beobachten und sich über die Arbeit der Restauratorin zu informieren.

Simone Hübner M.A.

(Kuratorin)