Monthly Archives: Juni 2015

18. Juni 2015

Das Städtische Museum ist unser zweites Zuhause geworden….“

…sagte Oguz Akdemir, der Imam der Göttinger Ditib-Moschee, zur Eröffnung des sechsten Tages der Abrahamsreligionen am 6. Juni 2015 im Städtischen Museum. Der Runde Tisch der Abrahamsreligionen, bestehend aus den beiden großen christlichen Konfessionen, der Jüdischen Gemeinde Göttingen und der Ditib-Moschee, hatte wieder zu Musik, Gespräch, Tanz, einem religiösen Quiz, Führungen durch den Raum der Religionen und Speisen und Getränken geladen.

Bei den über 170 Besuchern, darunter viele Jugendliche und Kinder, fanden diese Angebote bei strahlendem Wetter und ausgelassener Stimmung große Resonanz. Wie die Worte von Imam Akdemir zeigen, nimmt das Museum seit langem und mit wachsendem Erfolg seine Aufgabe wahr, den passenden Rahmen für gesellschaftliche Begegnungen und interkulturellen Austausch zu bilden!

Leider wird Oguz Akdemir Göttingen Ende Juli verlassen, um eine neue Aufgabe in der türkischen Stadt Urfa zu übernehmen. Wir bedauern das sehr, danken ihm für eine über die Jahre immer enger und herzlicher gewordene Zusammenarbeit und wünschen ihm für die Zukunft alles Gute!

 Akdemir Tapetensaal 2013   Imam Oguz Akdemir beim Tag der Abrahamsreligionen 2013 im Städtischen Museum

 

Ernst Böhme

 

17. Juni 2015

Abenteuer Museumsarbeit II

 

Fragen der Datierung sind allerdings nur ein Teil der Arbeit in einem Museum. Sie sind hilfreich, aber nicht allein ausschlaggebend bei der Einordnung der Gegenstände in ihren Gebrauchshintergrund. Besonders spannend ist dieses für mich zu sehen bei der Bearbeitung der Karteikarten zum Glasbestand des Museums. Waren Gläser mit farbigem Überfang, d.h. einer farbigen Schicht, aufgetragen über dem eigentlichen Glaskörper, Ziergerät oder ein Gebrauchsgegenstand, der genutzt wurde?

Überfangglas   Überfangmedaillons in Rot, Blau und Gelb mit beschrifteten Symboldarstellungen „Glaube“, „Liebe“, „Hoffnung“ und „Zum Andenken“. Symbole und Schrift wurden aus der Überfangschicht  heraus geschliffen. Die gewölbten Elemente des Fußes im Wechsel klar und farbig. Um 1830-40, Zierobjekt.

Bei schlichten Glasformen ohne Dekoration ist diese Frage vergleichsweise einfach zu beantworten. Wie aber sieht es bei Gläsern aus, die fein geschnitten oder geschliffen sind, ob mit oder ohne Überfang? Gibt die Form vielleicht entscheidende Hinweise, welches Glas eher in der Vitrine des Biedermeier-Wohnzimmers ausgestellt wurde, und welches regelmäßig auf dem Tisch eines wohlhabenden Haushaltes stand? Oder der Inhalt einer bildlichen Dekoration?

1900 543   Trinkglas. Becherförmiges Glas des Biedermeier. Weinranke mit Blättern und Trauben, geschliffen. 19. Jh., Gebrauchsgegenstand.

1941 146   Inv.-Nr. 1941/146. Brautglas. Inschrift: „Blümelein vergist nicht mein“ über Medaillon mit Blumen und flammen-dem Herz. 18. Jh., Zierobjekt.

Manchmal lassen sich diese Fragen nur am Objekt selbst beantworten – ein Goldrand oder Golddekoration sprechen eher für ein Zierobjekt, Abrieb an denselben aber dafür, dass die Eigentümer es häufiger benutzten. So bleiben die Grenzen der Kategorien fließend, jedes Objekt eine möglicherweise spannende Entdeckung mit einem Eigenleben, einer eigenen Geschichte, die sorgfältig zu betrachten ist.

1894 190   Inv.-Nr. 1894/190. Farbloses Glas mit rosa Lasur, Schliff, Goldmalerei und Vergoldung. Um 1840. Eigentlich ein Objekt, das man eher als Zierobjekt verorten würde, spricht der starke Abrieb aber für Nutzung als Gebrauchsgegenstand.

Und wer hätte gedacht, dass Glas „krank“ werden kann? Ich war mir dessen nicht bewusst, aber es gibt Prozesse, die Glas mit der Zeit zersetzen und letztlich zerstören können.

Damit rückte die Arbeit der Restauratoren in mein Blickfeld – und die Notwendigkeit, Objekte zu säubern und so vor möglichem Schädlingsbefall zu schützen, sie dann aber auch in sicherer Umgebung (Depot) zu verwahren. Dort können sie, vor neuem Befall bewahrt, dauerhaft erhalten werden. Schädlinge, mit denen ein Museum auf solche Art kämpft, sind nicht nur der allseits bekannte Holzwurm, sondern auch Pilze, Flechten und Ähnliches. Dies ist ein weiterer Aspekt der Arbeit hinter den Kulissen, der das Städtische Museum aktuell sehr beschäftigt (siehe frühere Beiträge) und an dem ich teilhaben darf. Nach erfolgter Stickstoffbehandlung sind Kisten auszupacken, manche (kleine) Objekte für eine dauerhafte Lagerung neu zu verpacken in nicht säurehaltigem Papier und Containern, andere in großen Regalen sinnvoll unterzubringen und einzuordnen. Viele Handgriffe, die es zu einer zeitaufwendigen Aufgabe machen bei der schieren Anzahl der Objekte, aber mir große Freude bereiten. Es ist für mich etwa so, wie Geschenke auszupacken – ich weiß vorher nicht, wie das, was sich im Verborgenen befindet, genau aussieht, und kriege die unterschiedlichsten Objekte in meine Hände, darf mithelfen, ihnen ihre dauerhaften Plätze zuzuweisen. Dies ist ein weiterer Grund, warum ich dieses Praktikum / diese Arbeit als Abenteuer betrachte. Wann sonst hat man schon die Möglichkeit, direkt mit dem Bestand eines Museums zu arbeiten?

Hier noch ein letztes Bild einer Kanne, die mich persönlich schon ob ihrer Farbgebung und der im Drachenhenkel dargestellten Gestaltungsmöglichkeiten des Materials Glas fasziniert.

1948 519   Venezianisches Glas, 1900.

 

Verena Schmidt, Praktikantin

 

 

2. Juni 2015

Ein Klavier von Merkel?

Am 14.Juni 1893 bekommt das Museum ein Klavier geschenkt. Der Eintrag weist einen Professor Merkel als Geber aus. Darüber hinaus gibt es noch den Hinweis, das Klavier, ein Hammerklavier, sei eine Nürnberger Arbeit aus dem Jahr 1792.

IMG_20150528_094301               Hammerklavier; Inventarnummer 1893/148

Grundsätzlich kommen als Schenker dieses sogenanntes Hammerklaviers  zwei Personen in Frage: Prof. Friedrich Merkel und Prof. Johannes Merkel. Da das Klavier aber eindeutig als Nürnberger Arbeit bestimmt wird und Friedrich Merkel aus Nürnberg stammt, kann er als Schenker angenommen werden.

Dr. med. Friedrich Merkel wurde am 5. April 1845 in Nürnberg geboren. Er lehrte von 1885 bis 1919 als Professor für Anatomie in Göttingen und war Leiter des hiesigen Anatomischen Instituts. Merkel wohnte in der Bürgerstraße 10 und verstarb am 28. Mai 1919. Verheiratet war er mit Anna Henle, geb. 28. Okt. 1850 in Heidelberg, Tochter des berühmten Anatomen und Physiologen Friedrich Gustav Jakob Henle (geb. 19. Juli 1809, gest. in Göttingen 13. Mai 1885). Henle hatte von 1844 an in Heidelberg gelehrt und wechselte von dort 1852 nach Göttingen, wo er die Leitung des Anatomischen Instituts übernahm. Henle war also Amtsvorgänger und Schwiegervater von Friedrich Merkel. Sollte Friedrich Merkel das Klavier aus Nürnberg mitgebracht haben, ist es sicherlich aus dem Besitz seiner Familie.

Hammerklavier ist der Oberbegriff für besaitete Tasteninstrumente. Die Saiten werden mit kleinen Hämmern angeschlagen. Ursprünglich diente die Bezeichnung Hammerklavier zur Abgrenzung zu anderen besaiteten Tasteninstrumenten, wie z.B. dem Cembalo, bei dem die Saiten durch Federkiele angerissen werden oder dem Clavichord, bei dem sogenannte Tangenten die Saiten zum Klingen bringen.

Auch das uns heute bekannte moderne Klavier ist ein Hammerklavier. Nach 1800 kamen Cembalo und Clavichorde aus der Mode. Das Hammerklavier wurde zum Standardinstrument und in der Folge  verkürzte sich die Bezeichnung auf Klavier. Der nun freigewordene Begriff „Hammerklavier“ wird inzwischen für historisch frühe Bauformen der Hammerklaviere verwendet. Diese historischen Instrumente unterscheiden sich in verschieden Merkmalen von den modernen Klavieren.

 

Andrea Rechenberg/Detlev Jaeger