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25. März 2015

 

Ellissen 001  Das Haarmedaillon von Adolf Elissen (1815-1872); Inv.Nr. 1947/42.

Ein Haarmedaillon von Adolf Elissen

Ein kleiner, nahezu quadratischer, schwarz lackierter Holzrahmen. In der Mitte hinter Glas eine feine, hellblonde Haarlocke, offenbar von einem Kinderkopf. Drumherum, mit einem Faden umwickelt, ein Kranz aus kräftigem, braunem Haar, wahrscheinlich vom Haupt eines Erwachsenen. Auf der Rückseite, in der etwas ungelenken Schrift eines wohl älteren Schreibers, mit Bleistift „Adolfs Haar“.

Im August 1947 wurde dieses Haarmedaillon von Fräulein Helene von Denffer, ihres Zeichens Malerin, dem Museum geschenkt. Fräulein Helene war zu diesem Zeitpunkt bereits 81 Jahre alt. Von ihr stammt wohl die Bleistiftnotiz. Unter dieser findet sich als Erläuterung der Zusatz des damaligen Museumsleiters Otto Fahlbusch „Adolf Elissen, geb. 14.3.1815“.

Helene von Denffer war die älteste Tochter des Woldemar Friedrich von Denffer und seiner Frau Bertha, der Tochter von Adolf Ellissen. Helene wusste also genau, was sie tat, als sie das Haarmedaillon ihm zuschrieb – „Adolf“ war immerhin ihr Großvater.

Wer aber war Adolf Ellissen? Adolf Ellissen (1815-1872) war ein bedeutender Kulturhistoriker und Bibliothekar. Er beschäftigte sich intensiv mit der antiken und neuzeitlichen Geschichte Griechenlands, was ihm eine Auszeichnung des ersten griechischen Königs Otto von Wittelsbach einbrachte, studierte Chinesisch sowie französische und byzantinische Geschichte.

Vor allem aber war er der führende demokratische Politiker des Göttinger Bürgertums während der Revolution von 1848 und in den Jahren danach. Noch im Revolutionsjahr 1848 wurde er zum Präsidenten der Bürgerversammlung gewählt, die im Auftrag der Bürger den konservativen Magistrat kontrollierte. 1851 übernahm er das Amt des Bürgervorsteher-Kollegiums, eine Funktion, die der des ehrenamtlichen Bürgermeisters unserer Tage entspricht. In diesen Ämtern wie auch als Abgeordneter der hannoverschen Ständeversammlung vertrat er engagiert und mutig seine demokratischen Grundsätze. Das Wohlwollen seines Königs erwarb er dadurch nicht. Als er König Georg V. in einem Vortrag an das Vorbild der Göttinger Sieben erinnerte, rief der Monarch wutentbrannt aus: „Dieser Dr. Ellissen soll mir nicht mehr unter die Augen kommen!“.

Adolf Ellissen war ein aufrechter, fairer Politiker, der seinen Idealen treu blieb. Die Göttinger dankten es ihm, indem sie ihm das Bürgerrecht ehrenhalber verliehen und in seinem Namen Fackelzügen veranstalteten.

Menschen wie Adolf Ellissen sind selten genug. Trotzdem ist er heute weitgehend vergessen. Verloren ist die Erinnerung an ihn aber nicht. Mit diesem Haarmedaillon bewahrt das Museum als Gedächtnis der Stadt eine sehr persönliche  Erinnerung an diesen bedeutenden Göttinger!

 

Ernst Böhme