Monthly Archives: September 2014

29. September 2014

BILDER AUS DER SAMMLUNG II: VORBILD KANDINSKY?

Als Fan von Kandinsky fiel mir in unserem Gemäldemagazin dieses Werk auf:

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Für mich war es klar. Da hat doch jemand in Orientierung an den Künstler Wassily Kandinsky (1866-1944) und dessen frühe Zeit am Bauhaus ein Bild geschaffen. Es ist ein Kleinformat und besteht zwar aus einer Mischtechnik, aber das Thema erinnert mich sehr an den berühmten Künstler und Autor des Blauen Reiters. Vor grauem Grund scheint eine ovale Binnenstruktur zu schweben. Ein schwarzer Fleck mit einem Zipfel, darüber verschiedenfarbige zackige, eckige Flächen, die entweder von dem schwarzen Fleck (oder Loch?) wegkatapultiert oder von diesem angezogen werden. Ein Über- und Untereinander von Farben und Formen, die sich aber gemäßigt in einem Oval bewegen. Und das Grau ist kein Grau im eigentlichen Sinne, sondern eine Mischung aus verschiedenen Farbtönen, die hier und da sichtbar sind. 1922 wurde Kandinsky ans Bauhaus in Weimar berufen und ließ sich dort von geometrischen Formen inspirieren, die seine bisherigen Farb- und Formenexplosion beruhigten. An diese Schaffensperiode Kandinskys knüpft der Künstler unseres Bildes an. Auf dessen Rückseite ist der Titel zu lesen: Komposition 23A. Ebenfalls eine Hommage an Kandinsky, der zehn seiner ausgereiftesten und für sein Gesamtwerk programmatischen Werke als Komposition bezeichnete. Der Künstler unseres Werkes aus den 1950er Jahren heißt übrigens Karl August Stoevesand und ich bin mir sicher, auch er war ein Kandinskyfan.

(Ines Lamprecht, freie Mitarbeiterin)

17. September 2014

Foto-Führung … vorm Städtischen Museum Göttingen

DAS DENKMAL IM DENKMAL

Wie selbstverständlich im Museumsalltag genutzt, aber leicht übersehen: 14 Architekturfragmente, Bauteile und Objekte aus abgebrochenen historischen Göttinger Wohnhäusern sind im Städtischen Museum verbaut. Dazu gehören nicht nur Türrahmungen, Stützen und Säulen, sondern auch ganze Treppenhäuser und sogar eine Fachwerkfassade.

Siedentopfsche Fassade das größte Bauteil eines ehemaligen Göttinger Wohnhauses (Rote Straße 35, 18. Jahrhundert): die vorgeblendete sogenannte Siedentopfsche Fassade fügt sich unauffällig in das Gebäudeensemble des Museums ein

Am Tag des offenen Denkmals 2014 hat Museumsleiter Dr. Ernst Böhme zu einer Führung durch die Museumsgebäude eingeladen, den Hardenberger Hof und die angrenzende ehemalige Remise. Ein Großteil dieser Räumlichkeiten ist dem Besucher aufgrund der Sanierungsmaßnahmen des Museums seit 2008 schon verschlossen. Umso interessierter waren die vielen Besucher und ich an diesem Tag. Die Objekte: Portale, Fenster, Supraporten und Co., die uns auf dem Rundgang durch das Museum begegnen, sind seit langer Zeit fest integriert in die vorhandene Architektur als Bestandteil der ehemaligen Dauerausstellung zur Stadtgeschichte. Sie gehören einfach dazu und sind neben ihrer praktischen Funktion – zum Beispiel als vollfunktionsfähiges Treppenhaus – und ihrem ästhetischen Äußeren Zeugnisse der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Architekturgeschichte Göttingens.

Blaues Treppenhaus das sogenannte blaue Treppenhaus (hier schwarz/weiß) – als vollfunktionsfähiges Treppenhaus im Museum genutzt – stammt aus dem ehemaligen Wrisbergschen Haus, das der Professor für Medizin und Geburtshilfe Heinrich August Wrsiberg 1771-1808 bewohnte

türen 003 dieser Türrahmen trägt die Inschrift “Sihe zu was du thust und be/denke das Ende . Hans Kumacker/Maria Alrutz . Anno . 1665“ und stammt aus einem abgebrannten Haus in Hetjershausen/Göttingen

Aber nicht nur das. All diese Architekturfragmente spiegeln auch den Zeitgeist und die Entwicklung zur Zeit der Museumsgründung um 1889 wider. Das Museum entstand in einer Zeit, als sich nicht nur die Industrie, die Technik, der Handel und die Wissenschaft wandelten und modernisierten. Auch die schnelllebigere Gesellschaft wurde sensibilisiert für den Wert und die Bewahrung von Gegenständen aus ihrem eigenen, vergangenen und durch technische Neuerungen überholten Alltag. So gelangten im Zuge baulicher Modernisierungsmaßnahme, vor allem um 1900, auch für bewahrenswert befundene Bauteile als Spolien ins Museum. Seit seiner Gründung macht es sich das Städtische Museum Göttingen zur Aufgabe, wertvolle Kulturgüter der Göttinger Stadtgeschichte zu sammeln und zu bewahren. Und das zeigt sich auch in den eingebauten Architekturfragmenten, an denen auch ich immer wieder vorbeigehe, sie durchschreite oder begehe. Ab jetzt werde ich dies mit mehr Aufmerksamkeit tun…

(Ines Lamprecht, freie Mitarbeiterin)

9. September 2014

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GETRAGEN, GESCHLEPPT, GEZOGEN, GEROLLT: KOFFER, TASCHEN & CO.

Das Ende der Sommerferien ist greifbar, die Urlauber sind zurück und packen daheim Berge von Wäsche aus ihren Taschen, Koffern und Rucksäcken aus. Meist praktisch mit Rollen zum Hinterherziehen versehen, sind diese Reisegepäckstücke aus Materialien gefertigt, die funktionell, robust, unempfindlich gegen Schmutz und eventuell noch wasserabweisend sind. Möglichst leicht soll ein leerer Koffer oder Rucksack am besten auch sein. Das alles war nicht immer so. In einer kleinen Präsentation im Städtischen Museum sind aufwändig gefertigte und bestickte Reisehandtaschen zu sehen. Solche Handtaschen kamen im 19. Jahrhundert auf, als das Eisenbahnfahren zu einer erschwinglichen Mobilität für jedermann wurde. Genauso wie heute wurde viel Gepäck mit in die Abteile genommen – Gepäck aufzugeben, transportieren und tragen zu lassen, kostete nämlich schon damals viel Geld. Und solch schöne Taschen, wie sie in der Präsentation gezeigt werden, waren ja nun auch regelrechte Schaustücke: Aus festem Tuch, mit Leder verstärkt wurden die Taschen mit vielfältigen Motiven versehen und zwar in einer Woll- und Glasperlenstickerei. Für die Motive gab es neueste Stickvorlagen für Zählmuster, die 1:1 übertragen wurden. Wunderschöne Blumenmuster und idyllische Landschaftsmotive wurden individuell von den Frauen zu Hause auf die Taschen aufgebracht. Ein Großteil der Taschen wurde allerdings in Stickzentren oder in Heimarbeit im Verlagssystem bestickt. Ein Vergleich zwischen meinen funktionellen, schlichten Gepäckstücken und den präsentierten Taschen des 19. Jahrhunderts machen mir wieder einmal deutlich, mit welcher Kreativität und Hingabe ehemals Alltagsgegenstände verschönert wurden und im Falle der Taschen bestimmt auch die Mitreisenden erfreuten.

(Ines Lamprecht, freie Mitarbeiterin)