Monthly Archives: Juni 2014

24. Juni 2014

220px-Hylotrupes_bajulus01[1]  … der Hausbock

120px-Anobium_punctatum_front[1]  … der Holzwurm

HINTER VERSCHLOSSENEN TÜREN III

Es hat geklappt – von diesen Holz-Schädlingen konnten wir uns erst einmal erfolgreich und giftfrei verabschieden. Allerdings betrifft dies nur einen ersten Teil des befallenen Museumsbestandes. Für uns ist es jetzt wichtig, auf eine strenge Trennung von behandelten und unbehandelten Objekten zu achten. Das ist zunächst eine logistische Herausforderung, da in den nächsten Jahren der gesamte, im Museum verbliebene Bestand, ausgelagert werden muss. Aber immerhin, der erste Schritt ist getan. Dazu noch ein gewaltiger, denn so viele Objekte auf einmal sind bislang noch in keinem Museum behandelt worden. Ziel ist es, alle Objekte behandeln zu lassen, denn in einer zukünftigen neue Dauerausstellung sollen nur schädlingsfreie Objekte präsentiert werden. Und die neuen Dauerdepots sollen auch frei von Schädlingen sein. Unsere Aufgabe ist es, wachsam zu sein und neuem Befall keine Chance zu geben. Wichtig ist zu wissen, welche Bedingungen geschaffen werden müssen, um einen erneuten Befall zu erschweren. Hinter dem Begriff „Holzwurm“ steckt ja kein Wurm, sondern ein Nagekäfer genannt Anobium punctatum, der seine Larven gern in altes, abgelagertes Holz ablegt, bevorzugt in Splintholz. Holz, das in feuchten und kühlen Räumen lagert, ist besonders gefährdet. Die bekannten kleinen, runden Holzwurmlöcher sind die Ausflugslöcher der geschlechtsreifen und flugfähigen Käfer. Nach der Befruchtung legt dann das Weibchen die Larven in Ritzen und Gänge des Holzes ab – gerne kehrt es in einmal befallenes Holz zurück – und der Zyklus beginnt von vorne. Als Schutz vor neuem Befall ist also an erster Stelle auf das Klima zu achten, dieses gilt es aufzuzeichnen, um bei problematischen Veränderungen der Luftfeuchte und Temperatur mit einer Gegensteuerung zu reagieren. Um das typische „Holzwurmmehl“ zu erkennen, müssen die Lageräume sauber sein. Eine regelmäßige Kontrolle von Raum und Objekten ermöglicht eine rechtzeitige Identifizierung von Schädlingen. Die zeitige Separierung eines befallenen Objekts kann größere Schäden im Objektbestand verhindern.

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

16. Juni 2014

1900 216 … Konversationsfächer, um 1790

MUSEEN IM AUSTAUSCH

Austausch und die Zusammenarbeit mit anderen Museen ist für jedes Museum wichtig und notwendig. Daher gibt es ein weitverzweigtes Netzwerk unter den Museen und es ist selbstverständlicher Teil der musealen Arbeit, sich gegenseitig zu unterstützen. Diese gegenseitige Unterstützung bezieht sich auf fast alle Bereiche der musealen Arbeit. Augenfällig für die Besucher wird sie aber besonders bei dem Austausch von Objekten. Vor allem in Sonderausstellungen sind oftmals ergänzende Leihgaben aus anderen Museen zu sehen. Diese Leihgaben bilden eine sinnvolle temporäre Erweiterung des eigenen Bestandes und ermöglichen für den Zeitraum der Ausstellung eine Erweiterung von Themen, manchmal auch die Neubetrachtung der eigenen Sammlung. Leihgaben anderer Museen füllen Lücken des eigenen Bestandes und ermöglichen die Darstellung neuer Aspekte.

Auch das Städtische Museum Göttingen erreichen viele Leihanfragen. Im Schnitt sind es etwa 4-5 pro Jahr. Zunächst wird geklärt, ob das Objekt ausgeliehen werden kann d.h. ob es überhaupt ausstellungsfähig ist. Im Zweifelsfall wird die Meinung einer Restauratorin/eines Restaurators eingeholt. Dann wird festgelegt, unter welchen konservatorischen Bedingungen das Objekt auf Reisen gehen darf. Das ausleihende Museum sorgt für eine angemessene Verpackung. Die Bedingungen des Transports muss das leihnehmende Museum übernehmen. Ebenso die Transportkosten und die Transportversicherung. Bereits vorher hat sich der Leihgeber versichert, dass das Objekt unter konservatorisch einwandfreien Bedingungen am neuen Ort ausgestellt wird. Dies wird durch Aufzeichnungen über das Klima und andere technische Angaben z.B. zu Lichtart und -stärke in einem Facility-Report nachgewiesen. Aktuell sind 6 Objekte des Museums in auswärtigen Sonderausstellungen zu sehen.

Den weitesten Weg hatte dabei ein Fächer aus unserer Sammlung. Im Februar erreichte mich eine Anfrage aus der Schweiz. Das Literaturmuseum Strauhof in Zürich bat um die Ausleihe eines bestimmten Fächers für eine Sonderausstellung. Das angefragte Objekt ist ein Konversationsfächer, datiert um 1790 aus Papier, mit Stäben aus Palisander und mit Elfenbeinauflage. Speziell dieser Fächer war für die Schweizer Kuratorin interessant, da er mit Text bedruckt ist. Diese vorgegebenen Fragen und Antworten wurden im 18. Jahrhundert als verschlüsselte Botschaften zwischen Männer und Frauen genutzt. Sie ermöglichten heimlichen Paaren eine Annäherung inmitten einer Gesellschaft. Eine dieser Fragen bezieht sich auf die Insel Kythera, die als Liebesinsel der Aphrodite gilt. So ist unser Fächer eine Bereicherung für die Sonderausstellung: „Inseln – Paradies und Hölle“ vom 18.6.-7.9.2014 in Zürich.

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

12. Juni 2014

Tulpen … Detail eines Torah-Schildes, Silber, 17. Jh. Städt. Museums Göttingen. Die Tulpen aus Silberfiligran deuten auf osmanische Einflüsse in der Stilistik hin. Das Schild dient dem Schmuck der Torah, zeigt aber auch an, welcher Feiertag ist – hier der Schabbat (שבת)

„EINE DER BEDEUTENDSTEN SAMMLUNGEN JÜDISCHER KULTGEGENSTÄNDE IN DEUTSCHLAND“

Für den Besuch aus Berlin ist zusätzliche Spot-Beleuchtung in der ehemaligen Judaica-Ausstellung installiert. Dennoch bleibt es insgesamt schummerig, denn die dort ausgestellten Torah-Vorhänge sind einige hundert Jahre alt. Grelles Licht täte den zarten Farben und dem Seidenbrokat nicht gut. Michal Friedlander orientiert sich kurz im abgedimmten Raum und geht dann zielstrebig auf eine der Vitrinen zu. Die Kuratorin des Jüdischen Museums Berlin ist mit ihrem Kollegen Dr. Sänger nach Göttingen gekommen, um die Sammlung jüdischer Kultgegenstände im Städtischen Museum in Augenschein zu nehmen. „Einzigartig“, „bisher nichts vergleichbares gesehen“, „wunderschön“: Michal Friedlander begeistert sich augenblicklich für einen Mazzenbehälter, der mit bunten Feldblumen bemalt ist und ganz unten in einer der Vitrinen steht. Die Kuratorin für Judaica und jüdisches Kunstgewerbe geht in die Knie, um von dem Objekt ein gutes Foto machen zu können. Dr. Sänger betrachtet derweil ein über 300 Jahre altes Torah-Schild, das wahrscheinlich aus Imbshausen bei Northeim stammt: „Möglicherweise eine Arbeit aus Siebenbürgen, definitiv osmanische Einflüsse: Sehen Sie hier, die Tulpen aus Silberfiligran“. Die beiden Experten staunen auch über einen Palmzweig, der vor über hundert Jahren während des Laubhüttenfestes von der Familie Müller in Göttingen benutzt wurde und sich bis heute in der Sammlung erhalten hat. Zinnerne Handwaschbehälter, Chanukkah-Leuchter und Seder-Teller – alles aus dem 18. Jahrhundert – sollten anhand der Marken auf eine mögliche Göttinger Produktion überprüft werden, regt Dr. Sänger an. Ich zeige Michal Friedlander noch ein Schofar-Horn, Gewürzbüchsen für das Schabbat-Ende, Beschneidungsutensilien sowie eine bronzene Figur der Beerdigungsbruderschaft, die den Schriftzug „Göttingen“ in hebräischen Buchstaben trägt: געטטינגען. Und das ist noch nicht alles: Der größere Teil der jüdischen Kultgegenstände befindet sich zur Zeit in einer Stickstoffbehandlung, um ihn von Schädlingen zu befreien. „Damit haben Sie in Göttingen eine der bedeutendsten Sammlungen von Judaica in Deutschland“, urteilt die Berliner Kuratorin, die ihre Expertise unter anderem bei Sotheby´s in New York erworben hat.

Hier will ich das Bedeutende an dieser Sammlung kurz differenzieren: Das Bedeutende ist ihre lange Sammlungsgeschichte, die relativ große Zahl an Objekten und ihr direkter Bezug zu Göttingen und seinem Umland.  Bereits mit der Gründung des Museums 1889 gaben bürgerliche jüdische Familien Objekte in das Museum, das daraufhin als eines der ersten in Deutschland eine eigene Abteilung für „israelitische Alterthümer“ einrichtete. Die Anzahl und Diversität der hiesigen jüdischen Kultgegenstände ist beträchtlich, besonders die der Textilien. Dr. Eva Atlan, Kuratorin im Jüdischen Museum Frankfurt a.M., war erstaunt, als ich im Telefongespräch erwähnte, dass es in Göttingen knapp 30 Torah-Wimpel gibt, die ältesten aus dem 17. Jahrhundert: „Das sind ja mehr als wir hier in Frankfurt haben!“. „Und auch mehr als in Berlin“, stellt Michal Friedlander während ihres Besuchs fest. Menge und Alter von Objekten sind zunächst kein Wert an sich, angesichts der Verwüstungen und der weitgehenden Leere, die der Mord an den Juden in Deutschland hinterlassen hat, stellen die überlebenden Objekte aus jüdischen Kontexten, zumal fast ausschließlich lokaler Provenienz, einen großen Wert dar: als Zeugen, Erkenntnisquellen und Anknüpfungspunkte.

Als wir das Licht beim Verlassen des Ausstellungsraumes ausmachen, sinken die Objekte ins Dunkel zurück, „mit einem erleichterten Seufzen“, wie ich gegenüber Michal Friedlander bemerke, die gleich zu verstehen scheint, was ich meine. Durch die intensive Beschäftigung mit den Dingen nehmen diese mehr und mehr die Züge einer lebenserfahrenen Person an. Diesen Objekten – so wie allen anderen im Städtischen Museum auch – wollen wir alle unnötigen Strapazen ersparen und sie stattdessen nach ihrem Stellenwert in der Stadtgeschichte und -gegenwart befragen. Die Objekte der Judaica-Sammlung bergen die Geschichten von Familien, ihrem Verständnis vom Jüdischsein, vom Deutschsein, von ihrem Leben in Göttingen. Von Handwerk, Frömmigkeit und Bürgertum – und vielem, was wir noch nicht wissen. Um die Objekte zum Sprechen zu bringen, formuliere ich grade eine Reihe von Fragen an die Sammlung. Das Ergebnis dieses Forschungsdialogs soll im kommenden Jahr in einem Bestandskatalog zusammengefasst werden. Der Austausch mit anderen Museen und nicht zuletzt die Verbindung von Nachfahren jüdischer Familien aus Göttingen zum Museum machten klar, dass hier ein großes Interesse besteht.

(Christian Riemenschneider, wissenschaftlicher Volontär)

 

 

4. Juni 2014

IMG_8067 IMG_8064 … ein in aufwändiger Sablé-Technik gearbeiteter Einband für Notizzettel unter der Lupe von Ulla Kayser

ULLA KAYSER UND DAS TEXTILMAGAZIN 

Im Städtischen Museum Göttingen arbeiten nicht nur festangestellte, sondern auch ehrenamtliche Mitarbeiter. Mit ihren besonderen Kompetenzen unterstützen sie das Team, das sich um die wissenschaftliche Inventarisierung kümmert. Ulla Kayser hat sich im Laufe vieler Jahre Fachwissen im Textilbereich angeeignet, das in ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit im Museum zur Anwendung kommt. Begleitet wird ihre vielfältige Arbeit durch Fachrestauratoren. 

Für das Städtische Museum ist Ihre ehrenamtliche Mitarbeit von größtem Wert. Seit 2009 unterstützen Sie das Museumsteam. Wie kam Ihr Kontakt  zum Museum zustande? Begonnen hat alles mit der Ausstellung meiner Taschensammlung „In Frauenhand“ 2008. Wegen meiner Leidenschaft zu Textilien und allem, was dazu gehört, wurde ich nach der Ausstellung gefragt, ob ich mir einen Nähtisch aus der Dauerausstellung anschauen könne. Er wurde zu einem Angelpunkt in jeder Beziehung. So etwas hatte ich zuvor noch nicht gesehen. Ich nahm den Nähtisch auseinander. Dann wurde ich eingeladen, mir das Textilmagazin einmal anzusehen. Ich entdeckte mehr und mehr spannende Objekte. Das Textilmagazin hat mich von Anfang an gereizt, vor allem die Taschen und die Handarbeitstaschen.

Was motiviert Sie, sich der Museumsarbeit zu widmen? Durch meine Sammelleidenschaft von Taschen und mein Interesse an Textilien kam mir das Ehrenamt im Textilmagazin natürlich sehr entgegen und war nach meinem Gefühl wie auf mich zugeschnitten. Ich wollte gerne mehr Zeit investieren. Meine Familie und meine Enkelkinder müssten aber vorgehen, sagten mir am Anfang der Museumsleiter Herr Böhme und die Kuratorin Frau Rechenberg mit einem Augenzwinkern. Es ist schön, etwas voranzubringen und Objekte für eine mögliche Präsentation zu entdecken.

Was sind Ihre aktuellen Aufgaben im Museum? Wie viel Zeit verbringen Sie im Haus? Ich arbeite vier Vormittage im Städtischen Museum und beschäftige mich mit der wissenschaftlichen Inventarisierung und Betreuung des Textilmagazins. Ich habe freie Hand, arbeite selbständig. Anfangs habe ich ein Textilseminar im Freilichtmuseum am Kiekeberg besucht. Seitdem bilde ich mich kontinuierlich autodidaktisch fort. Aktuell bearbeite ich den Bestand an Brieftaschen. Letzte Woche bekam ich zur Inventarisierung eine Schweinsblase auf den Schreibtisch, die genutzt wurde, um Münzen aufzubewahren. Sonderfälle sind in meinem Bereich gar nicht so selten.

Welche Nebeneffekte hat die Museumsarbeit für Sie persönlich? Das Arbeiten in einem jungen Team beflügelt mich und regt an. Und durch die Museumsarbeit sehe ich Ausstellungen auch in anderen Museen kritischer. Zudem konnte ich durch meine Tätigkeit am Städtischen Museum auch schon andere Institutionen in Textilfragen beraten.

(Das Interview mit Ulla Kayser wurde geführt von Ines Lamprecht)