Monthly Archives: März 2014

30. März 2014

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DAS GERÜST IST WEG!

 

Das ist das Erste, was auffällt, wenn man im Ritterplan auf das Museum blickt: Das Gerüst ist weg! Zum Vorschein ist eine Fassade gekommen, deren Anblick gelinde gesagt gewöhnungsbedürftig ist. Das Fachwerk bunt gemischt aus altem und neuem Holz, die Gefache scheckig, die Fenster gerahmt von einfachen Latten, im Erdgeschoss eine prosaische Baustellentür aus Metall.

Ohne Zweifel: Ein fertig saniertes Haus sieht anders aus. Und das trifft den Nagel auf den Kopf. Denn das Gerüst ist zwar verschwunden, die Sanierung des Museums aber noch längst nicht abgeschlossen. Was Ende März seinen Abschluss findet, ist vielmehr eine vorgezogene Teilsanierung, von der lediglich begrenzte Abschnitte der Fassade betroffen waren. Das Ergebnis dieser Teilsanierung ist das, was der Fachmann einen „konstruktiven Rohbau“ nennt. Und der wiederum ist genauso charmant, wie sich die Bezeichnung anhört.

In einem konstruktiven Rohbau werden nur die geschädigten Teile eines Haues ausgetauscht, alles andere bleibt unverändert. So wurde in der Fassade des Museums das von Holzwurm, Schimmel und andern Schädlingen befallene Fachwerk entfernt und durch gesundes Holz ersetzt. Die Räume hinter der Fassade befinden sich unverändert buchstäblich im Rohzustand, mit teilweise geöffneten Decken, durchbrochenen Wänden, ohne Heizung und Installation. Auch die Fassade bleibt roh, ohne Farbe und endgültigen Putz. Nach Abschluss der vorgezogenen Teilsanierung ist das Museum gewissermaßen eine Baustelle im Wartestand. Gewartet wird auf den Beginn der eigentlichen, umfassenden Generalsanierung, an deren Ende dann – hoffentlich – ein neues Städtisches Museum steht.

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

19. März 2014

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FRIEDRICH CHRISTOPH DAHLMANN & DIE GÖTTINGER SIEBEN

 Göttingen 1837 – sieben Göttinger Professoren – Wilhelm E. Albrecht, Heinrich G. A. Ewald, Jacob und Wilhelm Grimm, Georg G. Gervinus, Wilhelm E. Weber und Friedrich Ch. Dahlmann werden mit Berufsverbot bestraft. Warum?

Die sieben hatten dem neuen König Ernst August Verfassungsbruch vorgeworfen. Dieser hatte nämlich als erste Amtshandlung das hannoversche Staatsgrundgesetz von 1833 außer Kraft gesetzt. Er bevorzugte die alte Verfassung von 1819, laut der er als Monarch einen umfassenden Machtanspruch gehabt hätte. Aus seiner Perspektive nachvollziehbar, aber…

Dagegen protestierten die sieben Göttinger Professoren im Sinne einer liberalen Regierung und ließen durch ihre Studenten eine Protestschrift vervielfachen, die sich blitzschnell in Deutschland verbreitete.

Drei der Professoren, darunter Dahlmann, mussten das Königreich Hannover verlassen, doch ihnen galt die Sympathie der Studenten und Bürger, während die Haltung des Königs in heftige Kritik geriet.

Über diesen bedeutenden Teil der Göttinger Stadtgeschichte und besonders über das Leben des Göttinger Professors Friedrich Christoph Dahlmann erzählte am 17. März sehr lebendig und anschaulich der Dahlmann-Spezialist Prof. Dr. em. Wilhelm Bleek/Kanada. Anlass war die Dauerleihgabe eines kleinen Porzellanbildes und die Schenkung einer Zeichnung an das Städtische Museum.

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Das Porzellanbild (nach 1829) zeigt eine bürgerliche Wohnzimmerszene mit der Familie Dahlmann. Ungewöhnlich hierbei die Damen des Hauses: Sie lauschen in einer für jene Zeit ungewöhnlichen legeren Körperhaltung – auf dem Sofa liegend bzw. auf der Armlehne eines Sessels sitzend – dem vorlesenden Dahlmann.

Die Zeichnung (1838) zeigt den Aufbruch Dahlmanns aus Göttingen an einem der damaligen Stadttore, dem Weender Tor. Die Studenten bekunden ihm vermutlich mit lauten Rufen ihre Anteilnahme und Unterstützung. Links im Hintergrund ist das Wohnhaus Dahlmanns zu erkennen.

Diese neuen Werke in der Sammlung des Städtischen Museums ergänzen die Bestände zur Göttinger Universitätsgeschichte und können in zukünftige Präsentationen integriert werden –  das sind erfreuliche Nachrichten im vielfältigen Museumsalltag!

(Ines Lamprecht, freie Mitarbeiterin)

 

11. März 2014

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 SABBATHLAMPE UND SANIERUNG – INNEHALTEN UND AUFBRUCH IM MUSEUM

Seit Anfang Januar 2014 bin ich als wissenschaftlicher Volontär am Städtischen Museum.  Für mich ist die Museumsarbeit ziemlich neu. Darüber hinaus setzt sich das Museum ganz neu zusammen. Bei einem Besuch im letzten Jahr sah ich das historische Gebäude von der Rückseite: das Fachwerk war aufgebrochen, Balken wurden ausgetauscht. Tausende Museumsobjekte aus Dauerausstellung und Depot standen ebenfalls zum Aufbruch bereit: in ein neues, dauerhaftes Depot. Dieses „Museum im Aufbruch“ ist auch eine Chance, die Sammlung, Präsentation und das Museum neu zu konzipieren und Forschungen zu Teilbeständen anzustellen:  Innehalten mitten im Aufbruch. Was wie ein Imitat fernöstlicher Weisheit klingt, ist eine gute Beschreibung der momentanen Museumsarbeit, wie sie sich mir darstellt.  Welche Geschichte steht beispielsweise hinter der für ein nichtjüdisches Museum recht umfangreichen Sammlung jüdischer Kultgegenstände? Wie könnte ihre Sammlungsgeschichte die zukünftige Präsentation prägen? Heute stellen Museen nicht mehr nur Fragen an die Objekte, sondern auch an sich selbst als wissensvermittelnde Institution. Und dann wieder neue Aufbrüche  im Innehalten:  zum Beispiel dieser blog als virtuelle Tür zum Museum. Veranstaltungen, Objekte, Berichte, Gedanken können hier vorgestellt werden. Denn nicht nur am Bau passiert was, innen drin auch! Nach dem Abschluss meiner Promotion zu einem jüdischen Thema in Spanien wollte ich mich weiterhin mit dem Judentum beschäftigen – und in die Museumsarbeit einsteigen. Da war diese reiche und außergewöhnliche Sammlung jüdischer Kultgegenstände, eine der ältesten in einem nichtjüdischen deutschen Museum. Nachdem ich dem Leiter des Museums  meine Ideen zu diesem Sammlungsbestand zugeschickt hatte, trafen wir uns zu einem Gespräch. Es wurde schnell deutlich, dass dies der Moment war, die Historie der Sammlung  näher zu beleuchten. Über einen Werkauftrag war dies dann auch während des Sommers 2013 eine meiner Tätigkeiten. Ein Objekt kommt mir beim Schreiben über das Innehalten wieder besonders in den Sinn, nicht zuletzt wegen seiner früheren Funktion: eine Sabbathlampe aus Messing, auch Judenstern genannt. Sie besteht aus einer sternförmigen Schale mit sechs Schnäbeln, die am unteren Ende eines gedrehten Schafts eingehängt wurde. Die Schale wurde freitags mit Öl befüllt, in den Schnäbeln lagen Dochte, die kurz vor Beginn des Sabbat entzündet wurden. Fromme Juden halten sich an das Gebot, am Sabbath, oder Schabbes, wie es im mitteleuropäischen Judentum heißt, kein Feuer zu entzünden. Einmal angezündet, konnte die Lampe über den gesamten Abend ihr feierliches Licht verbreiten. Die Lampe hing an einer sogenannten Säge, die es ermöglichte, sie über die Woche unter die Decke zu ziehen, unter der sternförmigen Schale war ein Fangschälchen für tropfendes Öl angebracht.  Der Moment des Innehaltens am Schabbes scheint besonders im Entzünden der Lichter auf.  In dem jüdischen Sprichwort „Steigt die Sabbathlamp´ herab, wendet Not und Sorg´ sich ab“ wird dies besonders deutlich. Die Sabbathlampe war einer der wenigen jüdischen Kultgegenstände, die im Zuge der Objektauslagerung uninventarisiert aufgefunden wurde. Wie drei ganz ähnliche Exemplare der hiesigen Sammlung wird sie wahrscheinlich von einer jüdischen Familie aus Göttingen oder der nahen Umgebung dem Museum kurz nach seiner Gründung übergeben worden sein. Wie vergleichbare Objekte war sie vermutlich über Generationen im Familienbesitz gewesen. Die Abgabe eines solchen Objekts verweist besonders deutlich auf ein Selbstbild, in dem bürgerliche und jüdische Aspekte verschmelzen – sowohl auf Seiten der jüdischen Göttinger als auch des Museums. Hier war bereits in den Anfangszeiten um 1900 eine „Abteilung israelitischer Altertümer“ eingerichtet.

(Christian Riemenschneider, wissenschaftlicher Volontär)

 

2. März 2014

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HINTER VERSCHLOSSENEN TÜREN

Depots sind für die Öffentlichkeit nur in Ausnahmefällen zugänglich. Aus nachvollziehbaren Sicherheitsgründen sind zumeist auch Adresse und Standort unbekannt. Trotzdem sind Depots für ein Museum genauso wichtig, wie zum Beispiel erfolgreiche Ausstellungstätigkeit oder ein gelungenes Veranstaltungsprogramm. Im Depot lagern in der Regel zwei Drittel der Museumsobjekte. Dies bedeutet, dass die Erfüllung einer der fünf Hauptaufgaben eines Museum, das Bewahren, zum aller größten Teil im Depot stattfindet. Objekte, die im Depot gelagert werden, müssen mit genau derselben Sorgfalt behandelt werden, wie Objekte, die in einer Ausstellung präsentiert werden. Alle Vorgaben zur Klimatisierung, Lichtschutz, und Schädlingsbekämpfung finden hier die gleiche Anwendung. Restauratoren haben dafür den Begriff der Präventiven Konservierung geprägt. Vorbeugen also, klingt auch einleuchtend. Alles was im Vorfeld zum Erhalt eines Objektes getan werden kann, vermeidet spätere Schäden und damit eventuell teure Restaurierung. Und es sichert den längst möglichen Erhalt. Dinge für nachfolgende Generationen aufzubewahren, ist eine Kernaufgabe des Museums und gleichzeitig die Grundlage jeder Museumsarbeit. Denn wenn ich keine Objekte habe, kann ich auch nichts ausstellen. So werden also die, zum Teil seit über hundert Jahren, gesammelten Artefakte pfleglich behandelt. Also wird das Klima überwacht und geregelt. Dazu bedarf es technischer Geräte, die regelmäßig befüllt oder entleert, desinfiziert, gewartet und geeicht werden müssen. Temperatur und Luftfeuchte werden aufgezeichnet und regelmäßig ausgewertet. Sauberkeit ist ebenfalls sehr wichtig. Zum einen kann Staub objektzersetzend wirken, zum anderen ist nur staubfrei eine regelmäßige Schädlingsüberwachungen möglich. Dieses Monitoring muss sich auch nach den Jahreszeiten richten. Denn unglaublich viele Lebensformen können sich auf und im Museumsgut niederlassen und finden dort bei Unaufmerksamkeit oder Nachlässigkeit der Verantwortlichen einen großen und vielfältigen Lebensbereich. Schadstoffe müssen erkannt und beseitigt und mögliche Katastrophen mit einem Sicherheitskonzept eingedämmt werden. Das Städtische Museum Göttingen, das seit fünf Jahren bereits saniert wird und sicherlich auch noch die nächsten fünf Jahre weiter saniert werden muss, musste sich dem Arbeitsfeld Depot mit aller Aufmerksamkeit widmen. Um die Sanierung des Gebäudes durchführen zu können, mussten die alten Lager in zugigen Dachgeschossen und feuchten Kellern geräumt werden. Für eine Vielzahl der dort gelagerten Objekte war es Rettung in letzter Minute.

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

 

 

 

2. März 2014

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WIR SIND JETZT AUCH DABEI… UND BLOGGEN! 

Das Städtische Museum Göttingen möchte mit dem frisch eingerichteten Blog allen Interessierten seine aktuellen Tätigkeiten näherbringen. Das Museum befindet sich seit 2008 in einer umfassenden und langfristigen Sanierungsphase. Dies hatte die Schließung der Dauerausstellung zur Folge. Nur noch sehr eingeschränkt können Veranstaltungen und kleine Präsentationen angeboten werden. Vor diesem Hintergrund hoffen wir, auf diesem Weg zeigen zu können, dass trotzdem etwas passiert, hinter den Gerüsten…Museum heißt nämlich (bekanntermaßen…) nicht nur, eine Sonderausstellung nach der anderen zu produzieren, sondern noch viel mehr….