Category Archives: Sammlung

11. Januar 2019

Die Sterne im Blick

Neues Jahr, neuer Kalender, neues Glück! Der Jahreswechsel  ist für viele Menschen mit guten Vorsätzen und nicht zuletzt mit der Hoffnung auf neue Chancen und positive Veränderungen verbunden. Auch wenn die meisten es nicht gern zugeben, schauen viele – wenn auch nur flüchtig – in das Horoskop der Tageszeitung, um zu erfahren was die Sterne ihnen für das neue Jahr weissagen.

Die Sterne üben seit jeher und bis in die Gegenwart eine enorme Anziehung auf die Menschen aus. Über die Jahrtausende wurden zahlreiche Hilfsmittel entwickelt, um Sternkonstellationen bildlich festzuhalten. Auch wenn Astronomie, die empirische Beobachtung der Himmelsobjekte, und Astrologie, die Deutung von Gestirnkonstellationen als Vorboten für irdische Ereignisse, bis ins 17. Jahrhundert mehr oder weniger untrennbar miteinander verbunden waren, hatte das oft ganz pragmatische Gründe. Denn anhand bestimmter Sternkonstellationen wurde zum Beispiel der Zeitpunkt der Aussaat und Ernte bestimmt und neben anderen Naturphänomenen war der Sternenhimmel der wichtigste Anhaltspunkt für die Entwicklung von Kalendersystemen, wie wir sie heute kennen.

Im Depot des Städtischen Museums sind die beeindruckenden Himmelsgloben kaum zu übersehen. Besonders eines der Objekte zieht jeden Betrachter sofort in seinen Bann. Auf den ersten Blick erinnert die golden glänzende Messingkugel aus der Zeit um 1700 an einen Erdglobus. Bei genauerem Hinsehen kommen aber statt Kontinenten fein eingravierte Sternbilder zum Vorschein. Die Kugel wird von einem Messingring umfangen, auf dem der Gregorianische und der Julianische Kalender umlaufend ihre Bahnen ziehen. Mithilfe eines solchen Himmelsglobus können wiederkehrende Gestirnbewegungen an bestimmten Kalendertagen genau abgelesen werden und umgekehrt. Dabei muss sich der Betrachter jedoch in die Kugel hineinversetzen, da die Sterne spiegelbildlich dargestellt sind. Himmelsgloben wurden bereits seit der Antike gefertigt und gehörten im Zeitalter der Aufklärung zur Standardausstattung von Universitäts- und Residenzbibliotheken.

In der Aufklärung verlor die Astrologie stark an Glaubwürdigkeit – die Disziplinen Astronomie und  Astrologie gingen getrennte Wege. Erst um 1900 wurde die Astrologie im Zuge esoterischer Bewegungen wieder wichtiger und blieb bis heute ein fester Bestandteil der Populärkultur. Auch wenn sich die Geister bei der Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Sterndeutung in Form von Horoskopen scheiden – dem Anblick des Sternenhimmels, dem Fenster aus unserer Welt hinaus in das unberechenbare, geheimnisvolle Universum haftet bis heute etwas mystisches an. Also – mögen die Sterne Ihnen wohl gesonnen sein! Schaden kann es ja nicht.

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

21. Dezember 2018

Sand  für Sand

Vergangene Woche wurde hier im Museum eine kleine Sammlung von Riechfläschchen inventarisiert. Diese, mit ätherischen Ölen und belebenden Ammoniak gefüllten, kleinen Glasflacons dienten den im 18. und 19. Jahrhundert durch Korsetts eingeschnürten Frauen zur Wiederbelebung nach Schwindelanfällen und waren aufgrund ihrer atemerleichternden Wirkung beliebt.

Eines der Fläschchen fiel besonders auf. Nicht aufgrund eines aufwändig verzierten Äußeren, sondern wegen seines Inhalts. Während die anderen Fläschchen mittlerweile leer sind, ist dieses, nicht einmal 6 cm hohe Fläschchen aus Kristallglas nach wie vor gefüllt mit feinem, schwarzen Sand. Als Riechfläschchen wohl ungeeignet, stellt sich die Frage, wofür es stattdessen genutzt wurde.

Im Eingangsbuch nachgeschaut, findet sich folgender Vermerk: „Gläschen mit schwarzem Sand gefüllt, zum Andenken an Carl Ludwig Sand von einer Frau auf der Brust getragen.“

Carl Ludwig Sand ist ein für die deutsche Geschichte nicht unbedeutender Name. 1795 wurde er im Bayreuther Gebiet geboren, das ab 1807 unter französischer Herrschaft stand.  Ab 1815 studierte er an den Universitäten in Tübingen, Erlangen und Jena. In Erlangen gründete er mit weiteren Studenten, die wie er von dem neuen, während der französischen Fremdherrschaft und den Befreiungskriegen gewachsenen deutschen Nationalgefühl erfasst waren, die erste Erlangener Burschenschaft. Ab 1818 war Sand Mitglied bei den ‚Unbedingten‘ in Jena, die zum radikale Flügel der Burschenschaften gehörten. Aufgabe der Burschenschaften sollte es sein, die vaterländische Idee zu stärken und gegen die Kleinstaaterei und für ein geeinigtes, freies Deutschland zu kämpfen. Welche Mittel den Radikalen in diesen Kampf als akzeptabel galten, zeigte sich am 23. März 1819. An diesem Tag suchte Sand den Schriftsteller und russischen Generalkonsul August von Kotzebue, der sich spöttisch über das nationale Bestreben der Burschenschaften geäußert hatte und für diese daher als ‚Landesverräter‘ galt, in dessen Mannheimer Wohnung auf und ermordete ihn durch einen Dolchstoß.

Das Sand’sche Attentat gilt als eins der ersten, wenn nicht das erste politisch motivierte Attentat in Deutschland. Durch Sands Tat und die darauffolgende Diskussion, in der sich viele Stimmen positiv über die ‚Reinheit der Tat aus Überzeugung‘ äußerten, fand der Mord in Deutschland Eingang in den politischen Kampf.

Sand selbst wurde 1820 durch das Hofgericht Mannheim zum Tode durch das Schwert verurteilt und wenig später vor großem Publikum hingerichtet.

Während die Obrigkeit das Attentat als Begründung für den Erlass der Karlsbader Beschlüsse nutzte, wurde Sand selbst durch radikaldemokratische und nationale Teile der Burschenschaft zum Symbol für Einheit und Freiheit stilisiert und den gesamten Vormärz über als Identifikationsfigur und politischer Märtyrer verehrt. So soll sich sein Scharfrichter später ein Gartenhaus aus dem Holz der Richtstätte gebaut haben, in dem dann die Heidelberger Burschenschaft geheime Treffen abhielt. Auch sein Blut und seine Haare sollen von Anhängern reliquiengleich gesammelt worden sein. Also warum nicht auch ein Glas mit Sand um den Hals, für alle jene, die kein ‚echtes Material‘ ergattern konnten? Offen bleibt die Frage, ob es sich bei dem Stück im Göttinger Museum um ein Einzelstück handelt oder ob es Zeugnis eines zeitweise weiter verbreiteten Phänomens ist.

(Iris Olszok, studentische Praktikantin)

14. Dezember 2018

Wunderliche Tierwesen

Reiterdenkmal Ludwigs XII, darunter sein Wappentier, das Stachelschwein, Schloss Blois

Noch kürzlich – auf unserer Urlaubsreise an die Loire – haben wir sie gesehen: skurrile, gekrönte Tiergestalten auf Reliefs, in weißen Tuffstein gemeißelt, an Balustraden von Treppenaufgängen, über Portalen und zahlreich in Kasettendecken, in den Schlössern AMBOISE, BLOIS, CHAMBORD und CHENONCEAU: Es sind Wappentiere französischer Herrscher zur Zeit der Renaissance, die ihre Residenzen zu der Zeit noch in den oben erwähnten Schlössern hatten, ehe der Hof nach Versailles verlegt wurde. Kaum zurück an meinem Beschäftigungsplatz im Museum, treffe ich sie wieder, diese Fabelwesen! Was für ein Zufall: dieselben Embleme als filigrane Applikationen im Kleinstformat auf einer achteckigen Schnalle, dazu noch die Bourbonenlilie (Fleur de lys).

Gürtelschnalle, 18. Jh., Städtisches Museum Göttingen – unten Stachelschwein (links) und Hermelin (rechts), rechts oben Salamander

Da gibt es zunächst das Stachelschwein (franz. porc-épic) auf dem Wappenschild von Louis XII. (1462-1515). Es galt in dieser Epoche noch als ein äußerst exotisches und mysteriöses Tier. Man glaubte, es könne seine Stacheln wie Lanzen benutzen, und sie dann wieder regenerieren. Das ist jedoch nur eine Legende. Für Ludwig XII. galt es unter der Devise: „Wer sich daran stößt, verletzt sich daran.“ Im Sinne von: wer nicht die Finger davon lässt, ist selbst schuld. Das stark stilisierte Emblem befindet sich über einem Eingangstor von Schloss Blois. Es ist flankiert von den Initialen L + A Louis und Anne de Bretagne, der Mutter der späteren Reine Claude, der zu Ehren die köstliche, grüngelbe Pflaume Reineclaude (= Reneklode) ihren Namen bekam. Doch das ist eine andere Geschichte.

Salamander und Hermelin, über einem Kamin in Schloss Chenonceau

Claude,  Königin von Frankreich, durch Heirat mit Franz I., hatte übrigens das Hermelin als Wappentier – ein Symbol für Reinheit. Und dann gibt es da noch den Salamander, den Franz I. als Emblemtier für sein Wappenschild wählte. Dieses Ungetüm, das dem Mythos nach als das Feuer  löschende und sich davon nährende Tier galt, wählte dieser König  wohl zu Recht für sich. Denn er war bekannt als der glühende Verfechter vieler Dinge, brennend für das Neue.

Zurück zu unserer Schnalle: Hier sind die oben beschriebenen Embleme alle miteinander versammelt! Im Zuge der Inventarisierung stellt sich die Frage, wie ein solches Objekt wohl nach Göttingen gelangte und wem es wohl einmal gehörte? Im Eingangsbuch ist nur festgehalten, dass die Schnalle 1893 ins Museum kam, und in der Umgebung von Göttingen gefunden wurde. Befand sie sich ursprünglich an einer Uniform oder schmückte sie eine Schärpe? War das Objekt ein Beutestück oder wurde einfach nur vom einem“ Königstreuen“ verloren, einem französischen Soldaten?

Wir wissen es nicht.

(Ulla Kayser, ehrenamtliche Mitarbeiterin)

23. November 2018

Unter dem Schleier der Jahrhunderte

Seit einigen Wochen freuen wir uns immer doppelt auf den wöchentlichen Besuch im Außendepot. Denn hier geschehen zurzeit kleine Wunder.

Dipl. Restauratorin Viola Bothmann lüftet Zentimeter für Zentimeter das Geheimnis des unbekannten Mädchens

Dank der freundlichen Unterstützung der Fielmann AG dürfen wir das älteste Kinderporträt unserer Sammlung nun bald mit neuen Augen betrachten. Die junge Dame aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die ihrer Kleidung und Attribute nach zu urteilen aus adeligem Hause stammt, bewohnt unser Depot schon lange. Bisher hat sie uns jedoch kaum etwas über sich verraten, da auf dem Ölgemälde keine Inventarnummer angebracht ist und damit kein Hinweis auf den Künstler, die dargestellte Person oder die Herkunft des Objekts vorhanden war. Außerdem hat sich mit den Jahrhunderten durch chemische Veränderungen der obersten Malschicht, dem Firnis, ein dunkler Schleier auf das Gemälde gelegt. Dadurch war bis auf das Mädchen im Vordergrund und ihre beiden Spielgefährten, einen Hund und einen Vogel, kaum etwas auf dem Bild erkennbar und die Farben waren stark verfälscht.

Gute Aussichten – zur Hälfte vom Firnis befreit!

Das ändert sich nun nach und nach.  Durch die Restaurierung wird unter anderem die einstige Farbgebung, soweit wie möglich, rekonstruiert und vorher nicht sichtbare Details kommen zum Vorschein. Das erfordert viel Zeit. In aufwändiger Kleinstarbeit deckt Dipl. Restauratorin Viola Bothmann immer größere Teile des Bildes auf, sodass wir den Antworten auf unsere Fragen Schritt für Schritt näher kommen.

Etwa die Hälfte des Bildes ist bereits vom Firnis befreit und auf einer Verstrebung des Tisches ist nun eine kryptische Künstlersignatur zu sehen. Hier werden weitere Recherchen nötig sein. Die Spitze am Kleid des Mädchens erleuchtet in strahlendem Weiß, zarte Pfirsichhaut schält sich aus dem dunklen Gelb und welche Vielfalt an Früchten nun links im Obstkorb erkennbar ist! Besonders gespannt sind wir aber auf den Bildhintergrund. Links ist bereits ein feierlich drapierter Vorhang erkennbar. Doch was wohl in der noch sehr dunklen Landschaft  im rechten Bildfeld zum Vorschein kommt? Und ob diese Rückschlüsse auf die Herkunft des Gemäldes, bzw. des dargestellten Mädchens zulässt?

Es bleibt spannend!

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

 

02. November 2018

Von Fadensternen, Nadelkissen und anderen Kostbarkeiten

Letzte Woche durften Sie rätseln – nun kommt die Auflösung! Bei den Objekten auf dem Bild von letzter Woche handelt es sich weder um Puzzleteile noch um Weihnachtsbaumschmuck. Es sind Fadenwickel, genauer sogenannte Zwirn- oder Seidenfadensterne. Im 19. Jahrhundert wurden sie zum Aufwickeln von Stickgarn verwendet, das in Strängen gekauft wurde. Auch heute noch wird das feine Zwirn- oder Seidengarn zum Teil so gehandelt, jedoch sind die Fadensterne längst nicht mehr so dekorativ gestaltet. Die Fadensterne sind alle unterschiedlich gestaltet. Sie bestehen aus Pappe oder Holz und sind mit farbigem, manchmal auch gemustertem Papier oder Golddruck beklebt. Botschaften wie zum Beispiel „zum Andenken“, „Erinnerung“ oder „Souvenir“ –  oft in Kombination mit unterschiedlichen Miniaturbildern – lassen darauf schließen, dass sie als Andenken von einer Reise mitgebracht wurden oder als Erinnerung an eine nahestehende Person dienten.

In der Sammlung des Museums befinden sich zahlreiche Nähutensilien des 19. Jahrhunderts. Den oft in Handarbeit hergestellten oder verzierten Objekten wohnt ein ganz eigener Zauber inne. Sie sind nicht nur einfach schön anzusehen, sie erzählen auch unzählige Geschichten aus dem Leben ihrer Besitzerinnen in einer längst vergangenen Zeit und lassen uns ganz und gar in ihren persönlichen Alltag eintauchen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fadensterne, um 1840: links: Holz, bedrucktes Papier; rechts: Pappe mit Golddruckornamentik, in der Mitte Märzenbecherblüte, rückseitig Schriftzug „Zum Andenken“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nadelbuch, 1840/50, Deckblätter aus silberfarbenem Lochkarton in Form einer Muschel gestaltet, mit grünem Seidengarn in Grätenstich bestickt, am unteren Ende 2 Weinblätter aus dünnem Goldblech gepresst, mit Seidensatin gefüttert

 

 

   

 

 

 

 

 

 

Nadelkissen, Anfang des 19. Jahrhunderts, Seide mit Seidenstickerei, Rand mit Klöppelspitze, in einem Vergissmeinnichtkranz Initialen „LB“, vermutlich Initialen der Besitzerin oder einer ihr nahestehenden Person

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

 

 

 

 

 

26. Oktober 2018

Gewusst?

 

 

 

 

 

 

 

 

Immer wieder begegnen uns im Museum rätselhafte Dinge aus vergangenen Zeiten, die, besonders wenn die Inventarnummer nicht sofort zur Hand ist, erst einmal viele verschiedene  Assoziationen wecken, bis endlich die Lösung gefunden ist. So erging es neulich auch unserer ehrenamtlichen Mitarbeiterin Frau Kayser, als sie diese fein gestalteten Sternchen aus Holz und Pappe inventarisieren wollte. Wissen Sie, worum es sich dabei handelt?

a) Weihnachtsbaumschmuck

b) Ein besonders kniffliges Puzzlespiel

c) Orden

d) Konfetti

e) Fadenwickel

f) Untersetzer

g) Broschen

Die Auflösung folgt in der nächsten Woche…

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

05. Oktober 2018

Depotentdeckungen

Das Otfried-Müller-Haus

Ein Besuch im Museumsdepot ist immer wieder spannend. Neulich entdeckte ich ein wunderschönes Holzhäuschen, das irgendwie sehr vertraut wirkte. Kein Wunder, denn es handelt sich um das Haus, in dem heute das Junge Theater (JT) und das Kulturzentrum KAZ untergebracht sind. Diese Miniaturausgabe des 1836 am Wochenmarkt errichteten Otfried-Müller-Hauses war vermutlich Teil eines sogenannten Christgartens – einer regionalen Form der Landschaftskrippe. Was es mit den Christgärten auf sich hat, ist noch kaum erforscht. Zu klären wäre vor allem, wie alt und wie verbreitet diese Tradition in Göttingen war. Abgesehen von einigen wenigen Details und der veränderten Farbgebung zeigt das Modell das Otfried-Müller-Haus im Zustand vor dem 1856/57 erfolgten Anbau eines Veranstaltungssaals durch Friedrich Doeltz.

Das Otfried-Müller-Haus ist das einzige unter Denkmalschutz stehende klassizistische Gebäude in der ansonsten vorwiegend mittelalterlich geprägten Göttinger Innenstadt. Es wurde vom Baumeister Christian Friedrich Andreas Rohns als Wohnhaus für den Altphilologen und Begründer der Klassischen Archäologie und Alten Geschichte Karl Otfried Müller (1797-1840) und seine Familie erbaut. Die Entwürfe stammen von Müller selbst. Das Haus in klassizistischer Manier mit seinen freistehenden Dorischen Säulen, auf denen zwei breite Balkone ruhen, galt damals schon als ungewöhnlich.

Nach Müllers Tod wurde das Gebäude unterschiedlich genutzt und schließlich 1903 an die Stadt verkauft. Seit 1975 wird es vom JT und dem KAZ genutzt.

Im nächsten Jahr wird das Otfried-Müller-Haus mit Unterstützung der Bundesregierung saniert und für den Kulturbetrieb erweitert werden.

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

10. August 2018

„Grüße aus Nah und Fern“

Wann haben Sie zuletzt eine Postkarte geschrieben? Vielleicht erst letztens am Strand als Urlaubsgruß an die Lieben zuhause? Oder ist das „oldscool“? Viele dürften das meinen, denn es werden immer weniger Postkarten verschickt. Dabei ist der Charme einer handgeschriebenen Karte kaum durch digitale Produkte der heutigen Zeit zu übertreffen. Grund genug, sich dieses leider aussterbende Medium und dessen Geschichte einmal genauer anzusehen.

Eine Fülle anschaulicher Objekte bietet die Postkartensammlung des Museums. Bei den meisten hier bewahrten Postkarten handelt es sich um kulturhistorische Dokumente, die uns sehr viel mehr verraten, als den liebsten Urlaubsort des Absenders. Besonders interessant sind die Postkarten um 1900, der Blütezeit dieses Mediums. Die ersten Postkarten, die sogenannten Correspondenzkarten, hatten eher wenig mit Urlaubsreisen zutun. Mangels Telefon oder Internet waren sie schlichtweg ein gern genutztes Kommunikationsmittel – eine Möglichkeit, Verabredungen zu treffen oder sich über die neusten Ereignisse auszutauschen. Diese zunächst bilderlosen kleinen Kärtchen wurden in den Gebieten des Deutschen Bundes 1870 eingeführt, um den Postbetrieb zu vereinfachen. Auf der Vorderseite stand lediglich die Adresse des Empfängers, während die Rückseite für kurze Mitteilungen frei war. Besonders während des deutsch/französischen Krieges 1870/71 war diese Art von Feldpost beliebt.

Immer öfter entstanden auch Zeichnungen auf den Postkarten und schließlich wurden bebilderte Postkarten mit Zeichnungen, Kupferstichen oder Fotografien bald serienmäßig gedruckt. Der Göttinger Theologie-Student Ludolf Parisius zeichnete die erste Landschafts-Ansichtskarte, deren Beliebtheit durch den zunehmenden Tourismus und die Gründung des Weltpostvereins 1878 rasant stieg. Um 1900 besaß fast jeder gutbürgerliche Haushalt ein Postkartenalbum, in dem die Kärtchen aufbewahrt wurden. Die Postkarten zeigen typischerweise Sehenswürdigkeiten des Aufenthaltsortes des Absenders oder sind mit Darstellungen von Ereignissen die dort stattfinden, illustriert. Auch die Mitteilungen auf den Postkarten sind, wie die gewählten Motive, von großem kulturhistorischem Wert, da sich an ihnen ablesen lässt, was die Menschen ihrerzeit beschäftigte und wie sie ihre zwischenmenschlichen Beziehungen gestalteten.

Abb. 1: Postkarte „Grüße aus Göttingen“, 1889: Auf den ersten Bildpostkarten war wenig Platz für persönliche Mitteilungen, da die andere Seite der Adresse vorbehalten war. Die Verfasserin dieser Nachricht nutzt die vorhandene Fläche für ihre gereimte Botschaft maximal aus.

Abb. 2: Postkarten-Sammelalbum, 1911

Abb. 3., 4.: Häufig illustrieren Fotografien bedeutender (und manchmal auch skurriler) Ereignisse die Postkarten. Die 1905 verfasste Postkarte auf Abb. 3. ist mit einer Fotografie eines der ersten Autos in Göttingen illustriert. Es gehörte dem späteren Physiknobelpreisträger Walter Nernst, der auch selbst am Steuer sitzt. Auf der 1910 verfassten Postkarte in Abb. 4 wird über den unfreiwilligen Heißluftballonaufstieg des Gefreiten Storch berichtet, der in Göttingen vom Hochlasstau mitgerissen wurde, glücklicherweise aber wohlbehalten in Reyershausen landen konnte.

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)