Category Archives: Sammlung

25. Mai 2018

Vergessene Helden…

Er ist einer der Helden der 68er-Bewegung – oder zumindest einer, ohne den diese sehr viel weniger bewegt gewesen wäre. Dabei ist er heute nur noch wenigen bekannt und operierte auch damals schon eher im Hintergrund des Geschehens: der Hektograph! Das roboterhafte einäugige Wesen spielt eine zentrale Rolle bei der Vervielfältigung von Schriftstücken und vor allem des wichtigsten Mediums der Studenten- und Schülerbewegung: dem Flugblatt! Kopiergeräte, wie wir sie heute kennen, gab es in den 60er Jahren noch nicht. Für Studenten und Schüler war es wesentlich günstiger, ihre oft spontan verfassten Botschaften mit einem solchen vergleichsweise erschwinglichen Gerät zu reproduzieren, als die teuren Dienste einer Druckerei in Anspruch zu nehmen. Außerdem hätten sich die meisten Druckereien vermutlich geweigert, die rebellierende Jugend zu unterstützen.

Aus heutiger Sicht war aber auch die Arbeit mit einem Hektographen nicht einfach. Zunächst musste der Text auf der Schreibmaschine mit einer Spezialtinte, der Anilintinte, geschrieben werden. Oft wurden aber auch handschriftliche Ergänzungen oder Zeichnungen aufgebracht. Dann kam der Hektograph zum Einsatz. Er enthält eine elastische Platte, auf welche die Schrift durch Auflegen und Andrücken des Papiers übertragen wird. Nun wurde ein schwach befeuchtetes Blatt Papier auf die Platte gelegt und durch Drehen der Walze Druck ausgeübt – und fertig war die Kopie! Die Farbe auf der Platte reichte für bis zu 100 Kopien.

Engagierte Gruppen verteilten ihre Flugblätter an der Hochschule und in der ganzen Stadt. Zeitzeugen berichten von einem regelrechten „Blätterwald“, dem sich niemand ganz entziehen konnte. In unserer aktuellen Ausstellung zur 68er-Bewegung sind viele solcher Flugblätter zu finden. Die Protagonisten der 68er-Bewegung machten mit Flugblättern auf ihre speziellen Anliegen und Überzeugungen sowie kontroverse politische Themen aufmerksam und riefen zu Demonstrationen, Teach-Ins, Vorlesungsstreiks, Go-Ins und anderen Aktionen auf. Da es damals noch kein Internet gab, war dies die einfachste Möglichkeit, viele Personen schnell zu informieren und zu mobilisieren.

Der Hektograph war noch bis in die 1990er Jahre weit verbreitet und wurde schließlich vom inzwischen erschwinglich gewordenen Fotokopiergerät abgelöst.

 Abb. 1: Hektograph der Marke „Cento“ mit stählernen Trommeln und zwei klappbaren Ablageplatten, um 1965, Städtisches Museum Göttingen; Abb. 2: Flugblatt des AStA, 26.10.1967, Stadtarchiv; Abb. 3: Flugblatt des AStA und der Evangelischen Studentengemeinde, 27.05.1968, Stadtarchiv

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

04. Mai 2018

KLAPPE AUF!

Die Sonderausstellung zur 68er-Bewegung in Göttingen „KLAPPE AUF!“ eröffnet zwar erst in etwas mehr als einer Woche. Fleißige Blog-Leser dürfen aber jetzt schon einen Blick hineinwerfen…

Neugierig geworden?                                                                                                                                Die Ausstellung wird am Sonntag, den 13. Mai um 11:30 Uhr eröffnet!

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

27. April 2018

Die Geschichte hinter den Objekten

Schon seit Juli letzten Jahres erforscht das Städtische Museum in einem vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Provenienzforschungsprojekt seine Sammlungseingänge aus den Jahren 1935 bis 1939. Dabei wird geprüft, wie die einzelnen Objekte in die Sammlung gelangten und wer die möglichen Vorbesitzer waren, kurzum also die genaue Geschichte hinter dem Objekt. Diese ist wichtig, um eventuell NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut zu ermitteln, das damit nicht rechtmäßig im Museum ist.

Das Städtische Museum ist das erste kommunale, stadtgeschichtliche Museum in Niedersachsen, das Provenienzforschung betrieb. Bereits 2008 wurden erste Untersuchungen unternommen und die Eingänge nach jüdischen Einliefern durchgesehen. Damals konnte die Sammlung jedoch nicht nach Eingängen von Drittanbietern überprüft werden. Das jetzige Projekt erlaubt eine solche systematischere und vertiefende Vorgehensweise. Der Fokus liegt auf Objekten, die von Drittanbietern wie Händlern, Auktionatoren oder Trödlern, aber auch von NS-Institutionen wie Polizei- und Finanzbehörden, Wohlfahrts- und Zollämtern stammen. Unter diesen können sich Objekte verbergen, die ursprünglich jüdischen Mitbürgern gehörten. Ebenfalls werden auch Einlieferungen von Freimaurern und Studentenverbindungen untersucht, die in der NS-Zeit verboten wurden und deren Besitz liquidiert wurde.

Die wichtigsten Arbeitsinstrumente eines Provenienzforschers sind die historischen Akten und Quellen, die sich sowohl im eigenen Museums- bzw. im Stadtarchiv als auch in anderen Archiven in Deutschland und im Ausland befinden können. Die Recherche ist meist sehr detektivisch. Inventarlisten, Zugangsbücher, historische Briefe und Rechnungen müssen nach Hinweisen durchforstet werden. Jede noch so kleine Anmerkung kann für die Suche hilfreich sein und zu einem Ergebnis führen, denn die Provenienz erschließt sich meist nicht sofort, sondern ist wie ein großes Puzzle.

Die Erforschung der Geschichte hinter den Objekten liefert dabei meist nicht nur den gewünschten Provenienznachweis. Auch Objekte und Künstler werden dadurch wiederentdeckt, die eigene Sammlungsgeschichte erforscht und neue Kontexte und Zusammenhänge geschaffen. Provenienzforschung ist Teil der moralischen Verpflichtung von uns Deutschen, die Verbrechen der Nationalsozialisten in all ihren Erscheinungsformen aufzuarbeiten. Das Forschungsprojekt am Städtischen Museum ist zugleich eine große Chance für die zukünftige Museumsarbeit und ein wichtiger Beitrag zur Stadtgeschichte und der Erforschung des hiesigen Kunstmarkts.

Von interessanten Geschichten und Entdeckungen bei der Suche werden wir demnächst berichten.

Abb. 1: Seite aus dem Eingangsbuch des Städtischen Museums aus dem Jahre 1936, u.a. mit den Eingängen der Studentenverbindung Brunsviga; Abb. 2: Tasse aus der Sammlung für Saarflüchtlinge, deren Zweck und Ursprung erforscht wird.

 

(Saskia Johann, wissenschaftliche Mitarbeiterin)

20. April 2018

Depotentdeckungen:                                                                                                                 

Plastiken von Prinz Wolfgang zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg

 Im Zuge der Umlagerung von Objekten in das Außendepot entdecken wir immer wieder auch Dinge, die uns zahlreiche Fragen aufgeben. In solchen Momenten ist die Museumsarbeit besonders spannend.

So begegneten uns während einer Umräumaktion ganze 12 große Figürliche Plastiken eines Künstlers, über den in der üblichen Literatur keinerlei Informationen zu finden sind. Prinz Wolfgang zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1887-1966) schenkte die Werke aus Bronze, Terrakotta und Holz 1963 dem Museum – soweit das Eingangsbuch. Beiliegende Beschriftungen verraten, dass die Figuren zwischen 1915 und 1932 entstanden sind. Sie enthalten auch die Namen von sieben der porträtierten Personen, von denen jedoch nur eine sicher einer Person zugeordnet werden kann. Dabei handelt es sich um eine Darstellung der zweiten Ehefrau des Künstlers, Lucie Baronin von Kleydorff (1893-1952). Über die Zuweisung der übrigen 6 Porträtbüsten können im Moment nur Vermutungen angestellt werden. Die größten 5 Figuren – allesamt weibliche Akte – tragen keinen Namen.         Doch wer ist dieser geheimnisvolle Prinz? Und weshalb ist uns trotz der hohen Qualität und Vielzahl seiner Werke nichts zu seiner künstlerischen Tätigkeit oder seinem Nachlass bekannt?

Informationen aus unterschiedlichen Stadt- bzw. Gemeindearchiven ermöglichten es uns, zumindest teilweise nachzuvollziehen, an welchen Orten er lebte und welchen Beruf er ausübte. Der gebürtige Bad Berleburger ist Oberstleutnant und Rittmeister. Er stirbt 1966 in Göttingen, lebte hier jedoch erst seit 1937. Davor ist er für zwei Jahre in Eschede gemeldet. Ein Vermerk in der dortigen Einwohnermeldekartei verrät, dass er „von Reisen“ kam. Wie lange er auf Reisen war und wo, bleibt ungeklärt. Zwischen 1916 und 1920 hatte er sich mit seiner ersten Ehefrau Editha von Niesewand (1888-1962) und zwei Söhnen in Kassel niedergelassen. Eine Auskunft über seine künstlerische Tätigkeit konnte mir jedoch keine der Institutionen geben. Das könnte daran liegen, dass Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg offensichtlich nicht hauptberuflich als Künstler arbeitete. Es ist zwar denkbar, dass die Kunst ein reines Hobby für ihn war, dass er mit den Plastiken Familienmitglieder und Bekannte verewigen wollte. Es ist jedoch schwer vorstellbar, dass seine Kunst den privaten Rahmen nie verließ, zumal die Qualität der Werke vermuten lässt, dass er eine künstlerische Ausbildung genossen hatte.

Es bleibt also spannend. Sie haben einen Hinweis für uns? Dann melden Sie sich gerne bei mir!                                                                              Weitere Forschungsergebnisse, dann hier im Blog…

 

Abb. 1: Große sitzende Figur, undatiert, Bronze; Abb. 2: Lucie Baronin von Kleydorff, 1927, Bronze; Abb. 3: Der Architekt Schenck, 1927, Bronze; Abb. 4: Halbliegende Figur, 1921, Terrakotta

 

 

 

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

13. April 2018

Eine international einzigartige Sammlung: Unsere Tora-Wimpel werden restauriert!

Das Städtische Museum Göttingen besitzt eine überregional bedeutsame Sammlung jüdischer Objekte.                                                                                                                                                   Einen besonders wertvollen Bestand bilden 28 Tora-Wimpel aus dem 17. – 19. Jahrhundert. Selbst in den großen jüdischen Sammlungen in Berlin, Prag, London, Paris und New York ist keine so alte und regional geschlossene Sammlung an Tora-Wimpeln zu finden.

Ein Tora-Wimpel oder eine Mappa wird nach der Beschneidung eines Jungen aus den hierbei verwendeten Windeln angefertigt. Dafür wird der Stoff auseinander- geschnitten und zu einem bis zu 3 Meter langen Band zusammengenäht. Anschließend wird er mit dem Namen des Jungen, dessen Geburtsdatum, dem Sternzeichen und Segensformeln für ein gottgefälliges Leben beschrieben, bemalt oder bestickt. Der Tora-Wimpel wird ab dem ersten Besuch des Jungen in der Synagoge im Alter von ca. 3 Jahren dort aufbewahrt. An wichtigen religiösen Festen des Lebenskreises dient er als schützende Umhüllung der Tora-Rollen. Diese Praxis entstand im spätmittelalterlichen Deutschland.

Da die Tora-Wimpel des Städtischen Museums Göttingen, bis auf eine Ausnahme, alle aus Südniedersachsen stammen, sind sie für die Dokumentation jüdischen Lebens in dieser Region von großem Wert. Viele befinden sich jedoch in einem schlechten konservatorischen Zustand. Eine Restaurierung ist notwendig, um die empfindlichen Objekte, in denen unterschiedliche Materialien verarbeitet sind, vor dem Verfall zu bewahren und sie so für zukünftige Generationen zu erhalten.

Dank der Unterstützung der VGH-Stiftung, der Klosterkammer Hannover und des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen kann nun mit der Restaurierung der Thora-Wimpel begonnen werden.                                         Im Zuge der Restaurierung wird auch eine Fotodokumentation und ein Bestandskatalog der Tora-Wimpel erstellt werden. Dieses Vorhaben wird von der Ernst von Siemens Stiftung gefördert. Für den Bestandskatalog werden die Objekte, in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Berlin, wissenschaftlich aufgearbeitet. Die Fotodokumentation wird dann online bereitgestellt. So wird es Interessierten weltweit möglich werden, die empfindlichen Objekte zu studieren, ohne dass sie durch Benutzung Schaden nehmen.

Im Anschluss an die Restaurierung werden ausgewählte Objekte in einer temporären Ausstellung im Kestner-Museum Hannover der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Abb. 1: Tora-Wimpel von Joseph Gumprecht, Göttingen, 1772, bemalt; Abb. 2: Tora-Wimpel von Samuel Jacob, Göttingen, 1701, bemalt und bestickt, Detail; Abb. 3: Restauratorin Ada Hinkel bei der Begutachtung im August 2016

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

06. April 2018

Otto Eberlein – ein Göttinger Künstler der Spätromantik

Im 19. Jahrhundert waren in Göttingen zahlreiche Zeichner und Maler ansässig. Einige wurden im Blog bereits vorgestellt. Die Familie Eberlein gab diese Begabung offenbar seit Mitte des 18. Jahrhunderts von Generation zu Generation weiter. Meine Kollegin Saskia Johann berichtete im Oktober 2016 über Johann Christian Eberlein (1778-1814). Im Zuge der Neuinventarisierung „arisierter“ und restituierter Objekte begegneten mir nun drei Skizzenbücher eines Künstlers mit demselben Nachnamen. Der Signatur im Einband zufolge stammen diese jedoch nicht von Johann Christian Eberlein, sondern von Otto Eberlein (1827-1896), Neffe Johann Christians und Sohn Wilhelm Eberleins (1784-1845), der ebenfalls in Göttingen künstlerisch tätig war.

Otto Eberlein war, wie bereits sein Vater, zeitlebens Zeichenlehrer am Städtischen Gymnasium, war aber in seiner Freizeit auch künstlerisch tätig. Die drei Skizzenbücher von Reisen Eberleins nach Kassel, in den Harz und an unterschiedliche andere Orte in der näheren und weitere Umgebung enthalten zahlreiche teilweise kolorierte Studien. Sie dokumentieren den künstlerischen Schaffensprozess und zeigen vielfältige Architektur- und Landschaftsmotive, Flora und Fauna sowie Genreszenen aus unserer Region vor rund 150 Jahren.

In der Sammlung des Städtischen Museums Göttingen befinden sich auch großformatige Zeichnungen, Grafiken und Gemälde des spätromantischen Künstlers. Einige frühe Werke Otto Eberleins sind als Illustrationen in Büchern (z.B. Das Meerweib, in: Bodemeyer, O., Märchen. Göttingen 1851.) und dem Familienblatt Die Gartenlaube zu finden.

 

Abb.1: Stadtansicht, Skizzenbuch Kassel, 1852 ff.; Abb. 2: Vogelstudie (Waldschnepfe), Skizzenbuch III (Bremke und andere Orte), 1880 ff.; Abb. 3: Ruhende Fischerfamilie, Kupferstich, undatiert; Abb. 4: Knabe, Öl auf Leinwand, undatiert

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

 

23. März 2018

Fertig!

Unsere Kirchenkunstabteilung wurde relauncht:

 Stadt. Macht. Glaube. Göttingen im 16. Jahrhundert.

Hier ergänzen neue und bekannte stadtgeschichtliche Objekte die Sammlung sakraler Kunst. Sie vermitteln dem Besucher eine Ahnung davon, welche Besonderheiten im Depot darauf warten, endlich eines Tages in einem sanierten Städtischen Museum ausgestellt zu werden.

Zur neuen Ausstellung lesen Sie auch die Blogbeiträge vom 12. Januar und 5. März.

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

 

 

 

 

 

 

 

 

 



16. März 2018

Fahrradfahren um 1900 – Ein gefährliches Unterfangen

Kaum zeigen sich die ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres, zieht es viele raus in die Natur. Perfektes Wetter für einen entspannten Fahrradausflug!                                                           Bereits um 1900 war das Fahrradfahren ein beliebtes Freizeitvergnügen. Das Hochrad mit Tretkurbelantrieb wurde schon 1861 erfunden. Massentauglich war jedoch erst das 1885 erfundene niedrigere Sicherheitsniederrad. Das Risiko eines lebensgefährlichen Sturzes aus schwindelerregender Höhe entfiel zwar. Eine entspannte Angelegenheit scheint das Fahrradfahren zu dieser Zeit aber trotzdem nicht gewesen zu sein.                                          Davon zeugt ein ungewöhnliches Objekt, das sich in Besitz des Museums befindet. Es liegt zwischen den Gehstöcken, kann aber nach einem Blick ins Eingangsbuch als Hundegerte für Radfahrer aus der Zeit um 1900 entlarvt werden. Ihr fehlt nur der untere Teil. Aber Radfahrer benötigen doch keine Gerte? Oder? War dem Verfasser des Eingangsbuch-Eintrags etwa ein Fehler unterlaufen?                                                                                                                                                                                        Nein! Ein Blick in den um 1900  populären Warenkatalog der Deutschland-Fahrradwerke August Stukenbrok (Einbeck) offenbart eine ganze Bandbreite an Artikeln, die offenbar als  Radfahrerschutz gegen Hunde dienten. Zwischen Hundebomben, -raketen und –fackeln, werden hier auch ähnliche Gerten mit entsprechenden Halterungen angeboten. Denn die zahlreichen streunenden Hunde waren in der Frühzeit des Fahrradfahrens ein großes Problem für „Gesundheit und Leben“ des Fahrradfahrers, wie Eduard Beltz in seiner 1900 erschienenen Philosophie des Fahrradfahrens eindrücklich beschreibt. Viele Häuser, besonders in ländlichen Gebieten hatten außerdem Wachhunde. Es existieren sogar Berichte über argwöhnische Hundebesitzer, die  ihre Tiere darauf dressierten, die neumodischen Fahrradfahrer anzugreifen. Für letztere kann ein Hund-bedingter Sturz in der Tat böse enden. Daher war ein entsprechender, „Schutz“ unverzichtbar.                                                                                                                                    Glücklicherweise haben Fahrradfahrer –  und Hunde –  heute weniger mit solchen Problemen zu kämpfen. Um 1900 war der Fahrradausflug auf das Land jedoch offenbar ein abenteuerliches Unternehmen!

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

 

 

 

 

09. März 2018

Zaubertränke, Alchemie und Medizin?

Apotheken in früheren Zeiten

Winterzeit ist Erkältungszeit. Was taten die die Menschen eigentlich früher, zum Beispiel im 18. Jahrhundert, wenn sie krank waren? Einfach so in eine Apotheke gehen, war nicht selbstverständlich und für die meisten Menschen auch unerschwinglich. Apotheken waren exklusive Orte mit exotischen Beständen, hier wurde auch Kakao, Kaffee, Wein, Pralinen oder Orangen verkauft.                                   Die Besonderheit des Ortes wurde von den Apothekern gern betont, indem ausgestopfte Tierpräparate den Verkaufsraum schmückten. Besonders beliebt waren vom 17. bis 19. Jahrhundert Krokodile. Dadurch wurde dem Besucher verdeutlicht, dass die Apotheke selbst über ausgefallenste Arzneistoffe verfügte. Auch Narwal-Zähne und andere exotische Tier- und Pflanzenteile wurden in den Apotheken gerne ausgestellt. Das Museum Göttingen  bewahrt einen präparierten Kugelfisch auf, wahrscheinlich aus der Ratsapotheke.  Erste Anlaufstelle bei Beschwerden waren lange Zeit für viele Menschen nicht Ärzte oder Apotheken, sondern andere Heilkundige: Bader, Chirurgen, Hebammen, Kräuterfrauen oder Schäfer.

Der Blick in die Apothekenabteilung des Depots des Städtischen Museums bringt zahlreiche Dinge zutage, die zunächst einmal seltsam erscheinen. Hechtzähne, Süßholz und Bezoare – was nach Zutaten für einen Zaubertrank aus J. K. Rowlings Harry Potter-Universum klingt, waren in der Frühen Neuzeit anerkannte medizinische Zutaten, die in der Apotheke zu Medizin verarbeitet wurden. Bezoaren, Magensteine von Tieren, wurde zum Beispiel eine entgiftende Wirkung zugeschrieben, was sie zu begehrten Zutaten für Gegengifte machte. Aus diesen, heute exotisch klingenden Zutaten mischten die Apotheken ihre Medikamente an.                                          Heute unbekannte Gerätschaften finden sich ebenfalls auch im Museumsdepot. Zum Beispiel ein Aderlassgerät, ein sogenannter Schnepper, aus dem 18. Jahrhundert. Der Aderlass ist eine Praktik, die von der Antike bis ins 19. Jahrhundert Anwendung fand. Dabei wurden dem Patienten zwischen 50 Milliliter und einem Liter Blut entnommen. Als Grundlage dieser Behandlung diente die Säftelehre aus der Antike. Laut dieser Lehre waren Krankheiten auf das Ungleichgewicht der vier Säfte Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim zurückzuführen. Durch den Aderlass sollte das Gleichgewicht der Säfte wieder hergestellt werden. Heute wird der Aderlass nur noch sehr selten zur Heilung einzelner Krankheiten eingesetzt.

Die beschriebenen Dinge erscheinen uns zwar teilweise befremdlich. Sie zeigen aber, wie findig die Menschen bereits vor einigen Jahrhunderten auf der Suche nach geeigneten Heilmitteln waren. Dabei nutzten sie nach bestem Wissen die Mittel, die ihnen zur Verfügung standen.

Abb. 1: Apothekengefäß mit Unterkiefer des Hechts, hilft, laut Aufschrift, gegen Brustfellentzündung, 18.-19. Jh.; Abb. 2: Präparierter Kugelfisch aus der Ratsapotheke; Abb. 3: Aderlassgerät (Schnepper), 18. Jh.

(Sebastian Reintke, Praktikant)

05. März 2018

Gewusst?                                                                                                                                                   

Die Spindelpresse 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieses Objekt wird ab dem 7. März neu ausgestellt. Es wird in dem Relaunch unsere Präsentation zur Sakralen Kunst  Stadt.Macht.Glaube.Göttingen im 16. Jahrhundert. zu sehen sein.

Obwohl der Druck mit beweglichen Lettern schon im 15. Jahrhundert  von Johannes Gensfleisch, besser bekannt als Johannes Gutenberg, erfunden wird, entfaltet diese Buchdruckrevolution erst im 16. Jahrhundert ihre volle Kraft. Es kommt zu einem sprunghaften Anstieg der Buchproduktion in Europa. Noch nie konnte so schnell und so viel Wissen verbreitet werden. Die Ideen des neuen Glaubens erfahren durch diese innovative Technik schnell eine große Verbreitung. Die Spindelpresse oder Handpresse wird schon im 16. Jahrhundert zum Buchbinden genutzt. Um ein Buch zu binden, werden alle Seiten zunächst in einzelne Blöcke angeordnet. Diese werden dann am Buchrücken mit einem Faden zusammengeheftet. Anschließend bekommen die verbundenen Seiten eine Verklebung am Buchrücken. Zum Trocknen und Festigen wird der Buchrücken in so eine Presse eingespannt.                                                                                                                                                                                                         Noch heute gibt es viele Bücher, die so eine Fadenheftung haben. Sie werden gebundene Bücher genannt. Die Pressen allerdings werden maschinell betrieben. Auf YouTube sind einige Filme zu sehen, die zeigen, dass der Ablauf und die Technik  des Buchbindens heute noch genauso funktionieren wie im 16. Jahrhundert. Selbst zu Hause können Bücher (oder Hefte) gebunden werden. Da wird die Holzpresse oft durch zwei Holzbretter die mit Klammern gehalten werden, ersetzt.

Sie möchten das Original sehen?

Der Eintritt in unsere neue Präsentation Stadt.Macht.Glaube.Göttingen im 16.Jahrhundert. ist kostenfrei.

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)