Category Archives: Sammlung

23. Juni 2017

Entdeckt im Textilmagazin

Ein hellgelbes Band aus feinster Seide mit aufgedruckten Bildern, die an einem Ende in einem ovalen Rahmen eine anmutig schreitende Frauengestalt zeigen. Sie hält mit der einen Hand einen Korb mit Weintrauben, den sie auf dem Kopf balanciert, im linken Arm eine Amphore. Irgendwie griechisch, klassizistisch, antik! Das andere Ende zieren vier weitere Darstellungen weiblicher Grazien, aufgereiht in horizontaler Richtung und mit Attributen versehen, die sich als Allegorien der Jahreszeiten und des Jahresverlaufs deuten lassen.

Was verbirgt sich dahinter? Welche Rolle spielte dieses Band, das nach Gestaltung und Motiv um 1800 zu datieren ist?

Im Eingangsbuch des Museums findet man den Hinweis: Spinnrockenband oder Wockenband. Dies ist nach Amaranthes Frauenzimmer-Lexicon von 1715 „…ein Zierband, das das mit dem Blatt umhüllenden Flachs umschließt.“ Der Flachs ist am Spinnrockenstab befestigt und wird durch Wockenblatt und Wockenband gehalten.

Das Spinnrad und die Spinnstube kommen ins Spiel! Da stellt sich jedoch die Frage, hat dieses zarte, nach über 200 Jahren noch gut erhaltene Seidenband je einem der brisanten „Wocken-Histörchen“ (Geschichten, die die Weiber sich in den Spinnstuben erzählten) gelauscht? Eher wohl dem lockeren Geplänkel und Geplauder im Boudoir der Dame des Hauses, die das feine Seidenband dort zur allgemeinen Bewunderung dekoriert haben wird.

(Ulla Kayser, ehrenamtliche Mitarbeiterin)

16. Juni 2017

Ein »Stück« Documenta in Göttingen

Am vergangenen Samstag startete in Kassel die 14. Ausgabe der Documenta, die die wichtigste Ausstellung zur zeitgenössischen Kunst überhaupt ist. Für die nächsten 100 Tage ist die Stadt der Anziehungspunkt für alle Liebhaber der Gegenwartskunst. Die präsentierten Objekte sind meist für den Ort konzipiert und werden teilweise nach der Ausstellung sogar zerstört. Nur wenige kommen in den Kunsthandel oder werden von der Stadt Kassel angekauft wie z.B. das Eichen-Projekt von Joseph Beuys aus dem Jahre 1982.

Das Städtische Museum verfügt zwar über keinen umfangreichen Bestand an zeitgenössischen  Arbeiten. Ein »Stück« Documenta findet sich aber auch in unserer Sammlung. Die Porzellan-Plakette NB 11 wurde  von Victor Vasarely (1908-1997) geschaffen,  einem französischen Op-Art-Künstler und vierfachem Documenta-Teilnehmer. Sie gehört zu einer Reihe von zahlreichen Porzellanreliefs, die im Laufe der 1960er Jahre entstanden sind. Auslöser für diese Serie von Arbeiten war die dritte Documenta, die 1964 unter dem Motto »Bild und Skulptur im Raum« veranstaltet wurde. Der Documenta-Gründer und damalige Kurator Arnold Bode (1900-1977) hatte die Idee, zeitgenössische plastische Objekte in Porzellan formen zu lassen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Der Porzellanhersteller Philip Rosenthal war davon so begeistert, dass er mit Bode zusammenarbeitete. Er sah darin eine Chance, die künstlerische Porzellangestaltung zu erneuern und einem neuen Markt zu öffnen.

An dem Projekt beteiligten sich fast fünfzig renommierte Künstler aus dem In- und Ausland, darunter Henry Moore, Günther Uecker, Lucio Fontana, Michael Croissant und eben Victor Vasarely. Nach anfänglichen Schwierigkeiten im Umgang mit dem unbekannten Material wurden die ersten Porzellanreliefs 1968 im Kölner Kunstverein in der Ausstellung Ars Porcellana. Die Rosenthal Relief Reihe präsentiert. Die Objekte erschienen in einer Auflage von 6 bis 100 Exemplaren. Vasarelys Arbeit besteht aus schwarz-weißen geometrischen Formen, die keiner Systematik folgend mal vertieft, mal plastisch erhöht oder aufgemalt sind. Das Objekt wurde 1972 vom Städtischen Museum beim Künstler persönlich erworben und ist eins von 50 Exemplaren. Vasarely arbeitete noch weitere Objekte für die Porzellanmanufaktur.

Die Rosenthal Relief Reihe wurde nach vier Jahren eingestellt, fand aber eine Fortsetzung in der Limited Art und in der Hommage Philip Rosenthal.

 

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

2. Juni 2017

Inside the Museum: Das Graphikmagazin

Das Graphikmagazin des Städtischen Museums befindet sich in der Alten Posthalterei. Bei kühlen 18 bis 20 Grad Celsius und etwa 50 % Luftfeuchtigkeit lagern geschützt in zahlreichen Schubladenschränken Zeichnungen, Aquarelle, Radierungen, Stiche, Holzschnitte, Lithographien und Daguerreotypien. Die Räumlichkeiten sind zudem abgedunkelt, so dass kein Tageslicht die wertvollen Stücke beschädigen kann.

Der Bestand an graphischen Erzeugnissen umfasst etwa 10000 bis 15000 Exemplare. In der Sammlung finden sich zahlreiche Porträts von wichtigen Göttinger Bürgerinnen und Bürgern sowie dort tätigen Persönlichkeiten. Neben den Arbeiten von Göttinger Künstlern des 18. bis 20. Jahrhunderts  wie Christian Andreas Besemann, Carl Oesterley oder Ernst Ludwig Riepenhausen  gibt es auch Werke von überregionalen Kunstgrößen wie Emil Nolde oder Otto Pankok. Besonders herausragend ist ein Konvolut von Graphiken von Philipp Hackert (1737-1807), einem bekannten deutschen Landschaftsmaler und dem Hofmaler des neapolitanischen Königs. Die Bleistift- und Federzeichnungen zeigen italienische Landschaften. Zudem verfügt die Sammlung über einen komplexen Bestand an Stadtansichten und Veduten, die eine sehr gute und differenzierte Darstellung der topografischen Entwicklung der Stadt vom 16. Jahrhundert bis zur Erfindung der Fotografie ermöglichen.

Das Graphikmagazin ist ein unerschöpflicher Fundus für unsere eigenen Ausstellungen. So werden auch in der aktuellen Sonderausstellung  Werke aus dem Graphikmagazin präsentiert. Immer wieder erreichen uns aber auch zahlreiche Leihanfragen. Die Sammlung kann auf Anfrage von externen Besuchern genutzt werden.

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

26. Mai 2017

Keine Luxusgüter

2016 ist das neue Kulturgutschutzgesetz in Kraft getreten.                                                                Der Bund definiert hier erstmals den Status von Objekten und Sammlungen, die sich in der Obhut von Einrichtungen in öffentlicher Trägerschaft befinden. Das Kulturgutschutzgesetz stellt klar: Kulturgüter sind keine Luxusgüter, sondern existenziell für die Gemeinschaft, Nationen und Menschheit. Darüber hinaus werden dem Handel mit Sammlungsgut Richtlinien zu Grunde gelegt.

Im Vorfeld hat es einige, auch heftige Auseinandersetzungen um die Inhalte gegeben. Vor allem aus dem Kunsthandel kam viel Kritik. Ebenso sind nicht alle Anregungen von Fachverbänden, die z.B. den illegalen Handel mit Raubgrabungsfunden und gestohlenem Museumsgut betreffen aufgegriffen worden.

2017 ist jetzt von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters, eine Handreichung nachgeliefert worden, die die Museen auf über 386 Seiten über die Handhabungsfolgen informiert.

Wichtig ist folgende Feststellung:

„Die Bestände von Kulturgut bewahrenden Einrichtungen in öffentlicher Trägerschaft also insbesondere von Staatlichen Museen, Museen in Trägerschaft einer öffentlich-rechtlichen Stiftung oder der Kommunen (…) werden in Deutschland generell als „nationales Kulturgut“ unter Schutz gestellt.“

Die fantastischen Bestände des Städtischen Museums Göttingen, seit über 125 Jahre zu meist von Göttinger Bürgern gestiftet und gespendet, sind nun als nationales Kulturgut geschützt!

Was andere europäischen Länder schon längst geregelt hatten, wird endlich auch in Deutschland umgesetzt.

Natürlich gehen neue Regelungen und ihre Einhaltung immer auch mit einem erhöhten bürokratischen Aufwand einher. Das mag abschreckend sein. Doch die Feststellung eines übergeordneten Interesses der Allgemeinheit an den Sammlungen der Museen und die damit einhergehende Wertschätzung und die Formulierung ihrer Bedeutsamkeit für Alle ist eine wichtige Unterstützung der professionellen Museumsarbeit.


 

Elektrisiermaschine, um 1850.                    Städtisches Museum Göttingen

 


Möbel für Puppenhäuser, Geschenk von Adolf Freiherr von Wangenheim.                    Städtisches Museum Göttingen

 

 


 

 

Mädchen mit Barett, Öl auf Leinwand, Künstler unbekannt, ca. 1725                                               Städtisches Museum Göttingen

 

 

 

 

Sammlungsbestand Schmuckringe     Städtisches Museum Göttingen

 

 


 

Waage mit Kasten                                Städtisches Museum Göttingen

 

 

 

 

Polyeder Sonnenuhr im Vorgarten des Museums (zwischen 1800 und 1850) und Göttinger Kinder mit einer im Schulunterricht selbstgebauten Nachbildung der Sonnenuhr.                     Städtisches Museum Göttingen

 

 

 

 

 

Stereo-Glasbild, vor 1900, Motiv Istanbul    Städtisches Museum Göttingen

 

 

Pfeife aus Vogelknochen, Grabungsfund, Stadtarchäologie Göttingen                                               Ähnliche Objekte wurden bereits in der Steinzeit gefertigt und blieben in ihrer einfachen Funktionalität unverändert. Ohne Begleitfunde ist diese einfache, aus einem Geflügelknochen geschnitzte Pfeife nicht zu datieren. Vermutlich handelt es sich bei diesem Fund um ein Spielzeug.

Torah-Wimpel: Von diesen bestickten oder bemalten Leinenbinden besitzt das Museum 28 Stück aus drei Jahrhunderten. Sie sind meist etwa 20 cm hoch und etwa 3 m lang. Die Wimpel, hebräisch mappot, wurden anlässlich der Beschneidung eines Jungen hergestellt und mit seinem Namen, Geburtsdatum, Sternzeichen und Segensformeln für ein gottgefälliges Leben versehen. Zu allen wichtigen religiösen Festen des Lebenskreises in der Synagoge wurde der Wimpel hervorgeholt und diente der schützenden Umhüllung der dortigen Torah-Rolle. So wurde das Individuum auf rituelle Weise in die Gemeinde und die religiösen Gebote des Judentums eingebunden. Diese Praxis entstand im spätmittelalterlichen Deutschland und wird heute, hauptsächlich in den USA, in deutschstämmigen Gemeinden fortgeführt, wo sie mittlerweile auch für Mädchen offen ist.

Zeichnung von Dahlmanns Abschied aus Göttingen am 17.Dezember 1837 von Friedrich Spangenberg,1838, Geschenk von Wilhelm Bleek, Richmond Hill (Kanada)                                         Diese Szene zeigt Friedrich Christoph Dahlmanns Verabschiedung am Weender Tor. Er ist einer der Göttinger Sieben, die gegen die Aufhebung der Verfassung durch König Ernst August protestierten. Nach dem Abschied von den Studenten wird Dahlmann zusammen mit Jacob Grimm und Georg Gervinus Göttingen in Richtung Hessen verlassen müssen.

 

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

19. Mai 2017

Göttingen – Shanghai – Kalisz – Göttingen.                                                                                         Die Restaurierung des Tafelklaviers der Firma Ritmüller & Söhne

Das Städtische Museum Göttingen besitzt ein Tafelklavier der ehemaligen renommierten Göttinger Klavierfabrik „W. Ritmüller & Söhne“. Die Firma hatte von 1832 bis 1890 ihren Sitz im sog. Hardenberger Hof, der heute ein Teil des Museums ist. Bei einem Tafelklavier verlaufen Tasten und Saiten annähernd rechtwinklig. Die Saiten sind horizontal und quer angebracht, so dass das Gehäuse eine rechteckige Form bekommt. Tafelklaviere sehen daher in geschlossenem Zustand wie ein Tisch oder eine (Ess-)Tafel aus. Außer Ritmüller waren im 18. und 19. Jahrhundert zahlreiche weitere Instrumentenbauer in Göttingen ansässig, die das wirtschaftliche und kulturelle Leben der Stadt prägten.

Aufgrund seiner Fabrikationsnummer 2671 kann die Bauzeit des Klaviers auf ca. 1850 datiert werden. Das Besondere an dem Klavier ist, dass es im Haus des heutigen Museums selbst gebaut worden ist. Damit ist es ein einmaliges Zeugnis sowohl der Göttinger Wirtschafts- und Kulturgeschichte wie auch der Geschichte des Museums. Das Instrument gelangte 1962 durch Ankauf von einem Göttinger Klavierhändler in die Museumssammlung. Über seine Vorbesitzer ist leider nichts bekannt.

So weit, so gut. Groß war meine Überraschung allerdings, als sich Im Sommer 2015 Frau Luo von der Pearl River Piano Group aus Shanghai bei mir im Göttinger Museum meldete. Die Pearl River Group, heute die weltgrößte Klavierfabrik, hatte den Firmennamen „Ritmüller“ aufgekauft und interessierte sich nun für das Stammhaus dieser traditionsreichen Firma.

Wenig später besuchten Frau Luo und andere Vertreter der Pearl River Piano Group das Städtische Museum. Bei einem Rundgang und einem anschließenden Gespräch über mögliche Kooperationen kam sehr schnell auch die Restaurierung des Instruments zur Sprache, das beträchtliche Schäden aufwies. Bereits wenige Wochen später erklärte sich die Zentrale in Shanghai bereit, die Restaurierung des Tafelklaviers zu übernehmen!

Mit den Restaurierungsarbeiten wurde die Restauratorin Martyna Bartz in Kalisz, Polen, beauftragt. Ein Jahr später war es dann soweit: Am 6. Juli 2016 wurde das Ritmüller-Klavier, das vorher seinen „Geburtsort“ Göttingen wahrscheinlich nie verlassen hatte, der Spedition übergeben und machte sich auf die Reise nach Polen. So geht es im Zeitalter der Globalisierung: Plötzlich steht ein Klavier aus Göttingen im Zentrum eines weltumspannenden Netzes!

Ziemlich genau ein Jahr darauf sind die Arbeiten abgeschlossen und das Tafelklavier aus dem Hause Ritmüller kehrt am 17. Mai 2017 in den Hardenberger Hof zurück. Außen und innen grundlegend überarbeitet und wiederhergestellt, schmückt es in neuem-altem Glanz den Veranstaltungssaal des Museum, wo es künftig für Konzerte genutzt werden wird.

Ein herzliches Dankeschön im Namen des Städtischen Museums und der Stadt Göttingen gilt der Pearl River Piano Group für die großzügige Unterstützung bei der Wiederherstellung dieses wertvollen Instruments, das zugleich ein einzigartiges Zeugnis der Göttinger Stadtgeschichte ist!

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

14. April 2017

Kreativität in Ton

Vor kurzem erhielt das Museum als private Schenkung eine Tonschale aus der Werkstatt der Töpfermeisterin Eva Kumpmann. Es handelt sich um ein hübsches, qualitativ hochwertiges Stück ganz im Stil der 60er Jahre und stellt eine gute Ergänzung der bereits in der Museumssammlung befindlichen Objekte aus der Kumpmann-Werkstatt dar.

Eva Kumpmann gehörte zu den prägenden Göttinger Kunsthandwerkern der Mitte des 20. Jahrhunderts und betrieb lange Jahre ihre Werkstatt in der Wilhelm-Lambrecht-Straße sowie zeitweise ein Geschäft in der Theaterstraße. Zuvor aber, und hier kreuzte sich mein Lebensweg mit dem der Töpfermeisterin, war deren Werkstatt auf dem Gelände des Weender Krankenhauses untergebracht. Sie arbeitete dort mit ihrem Bruder, dem Keramiker Christoph Kumpmann.

Das Krankenhaus war nach dem Zweiten Weltkrieg in die Hauptgebäude einer leerstehenden Kaserne eingezogen, in der zuvor eine Einheit der „bespannten“ Artillerie gelegen hatte, also eine Einheit, deren Geschütze von Pferden gezogen wurden. Die ehemaligen Stallungen waren für uns Kinder, die wir in der benachbarten Siedlung „Ebelhof“ aufwuchsen, ein paradiesischer Abenteuerspielplatz. In einigen der ehemaligen Ställe hatten sich in den beginnenden Wirtschaftswunderzeiten kleinere Betriebe angesiedelt, wie etwa eine Firma, die billiges Plastikspielzeug herstelle. Der fehlerhafte Ausschuss landete im ehemaligen Löschteich der Kaserne, von uns Krempel genannt – herrlich!

Auch Kumpmanns hatten in den Pferdeställen ihre Töpferwerkstatt eingerichtet, und so brach für einige Zeit unter uns Ebelhofkindern eine heftige Töpferbegeisterung aus. Mit großer Geduld und Hingabe pflegten Kumpmanns unsere Euophorie und brannte die Produkte unsere Tätigkeit in ihren Öfen. Aus meinen Händen entstanden z. B. für meine damals noch rauchenden Eltern großformatige Aschenbecher, die etwa zwanzig Zentimeter Durchmesser und Kerben für ca. 80 Zigaretten hatten. Auch Vasen schuf ich, deren Wände daumendick aber, da nicht glasiert, leider nicht dicht waren.

Immerhin war ich am Ende so weit gekommen, Tonuntersetzer zu schaffen, die, von meiner Mutter mit Blumen bemalt, glasiert und gebrannt, den Großeltern zu Weihnachten geschenkt werden konnten. Das Geschwisterpaar Kumpmann, ihre Freundlichkeit und Geduld und nicht zuletzt ihre Werkstatt haben bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen.

Vor kurzem ist Eva Kumpmann im gesegneten Alter von 97 Jahren gestorben.

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

31. März 2017

Neue Blickwinkel oder „Die vielen Seiten Göttingens“

In diesem Blogeintrag werden gleich drei (-einhalb) Dinge behandelt. Zum einen berichtet heute der scheidende Praktikant von seinem „Alltag“ der letzten Wochen, andererseits betrachten wir die Stadt Göttingen von – zumindest für mich – bisher ungewohnten Winkeln aus und wir schauen ein wenig auf die Studenten um 1800.

Im Rahmen meines Praktikums am Städtischen Museum Göttingen gehört unter anderem die Inventarisierung von Grafiken zu meinen Tätigkeiten. Die Grafiken stammen vorwiegend aus der Zeit zwischen den 1770ern und den 1830ern, als sich die Einwohnerzahl noch zwischen 8000 und 10.000 bewegte und Göttingen viel kleiner war (nur zum Vergleich: heute hat Göttingen alleine schon ca. 30.000 Studentinnen und Studenten). Die Skyline der Altstadt aus Kirchen, Rathaus und jeweils dazugehörigen Türmen war dabei aber schon (fast) so, wie wir sie heute kennen. Da es sich aber nicht um neue Bestände handelt, übertrage ich die teils sehr knapp ausfallenden (analogen) Daten von den alten Karteikarten und aus den Eingangsbüchern in eine moderne (digitale) Datenbank, gleiche die Informationen ab, korrigiere sie ggf. und erweitere sie, bzw. beschreibe die Objekte ausführlicher. Dies klingt anfangs vielleicht ein wenig trocken, erweist sich aber als eine spannende und lehrreiche Tätigkeit, da man durch die große Zahl von diesen Zeitzeugen einen Einblick in die damalige Alltagskultur gewinnt und, da sowohl die Szene als auch die materielle Kultur beschrieben wird, man auch die Mode besser kennenlernt.

Hier schweife ich ein wenig ab: Eine ganze Sammlung von solchen Grafiken, die einen Einblick in das damalige Denken geben, stammen aus dem Goettinger Taschen Calender von 1779 und 1780. Es handelt sich hierbei um Kupferstiche, die von Daniel Chodowiecki angefertigt wurden und in einer ganzen Reihe „natürliche“ und „affectirte“ Handlungen gegenüberstellen [„affektiert“ wurde damals wie heute negativ verstanden].

Wie die Wertung des Auftraggebers, des Künstlers und des Zielpublikums zu den verschiedenen Arten aussieht, lässt sich entweder in sehr vielen Worten beschreiben oder am besten an diesen beiden Beispielen zeigen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein weiterer der zu inventarisierenden Grafikstapel bestand aus Stadtansichten Göttingens, die um 1800 angefertigt wurden und somit ein anderes Göttingen präsentieren als man es heute kennt (außerhalb des Walls gibt es nur Felder und nur sehr wenige kleine Häuser). Sie zeigen die Stadt aus allen Himmelsrichtungen: mal von Norden mit Weende im Vordergrund, mal von Nordwesten vom Hagenberg aus mit Resten der ehemaligen Königspfalz Grona vom Vordergrund, von Osten (ungefähr Schillerwiesen) aus, idyllisch mit Wanderern auf den Hügeln, und sehr oft von Südwest vom Leineberg aus. Letzteres scheint die beliebteste Blickrichtung gewesen zu sein, aber wieso auch nicht? Man sieht von einer Erhöhung auf die Stadt, erkennt alle Kirchen, das Rathaus, ein großes, durchgehendes Stück Wall und sogar die Kirche von Nikolausberg am Horizont (ob der Blick auf Nikolausberg aus der Perspektive wirklich möglich ist, oder ob es ein wenig künstlerische Freiheit ist – der Winkel ist aber möglich – werde ich demnächst mal ausprobieren). Und da auch hier alles genau identifiziert werden muss, lernte ich auch hier vieles Neues von der Stadt kennen, nämlich zum einen die Geschichte der Kirchen und deren eindeutige Merkmale – nicht jede Kirche sah um 1800 so aus wie heute, St. Nikolai hatte beispielsweise mal Türme und auch die Paulinerkirche sah ein wenig anders aus – und eine bessere Ortskenntnis über die relative Lage der Gebäude zueinander („Das muss vom Turm her Albani sein, aber wieso ist sie zwischen Jacobi und Johannes, und wieso ist Marien gleichzeitig rechts von allem? Geht das überhaupt?“). Für mich als Zugezogenen waren das nicht immer leichte Fragen, aber mittels einer Luftansicht der Stadt, auf der ich die wichtigsten Gebäude markierte und die ich dann vor mir drehen konnte, um die Perspektive nachverfolgen zu können, konnte ich dann auch alles identifizieren. Und da musste ich auch feststellen, dass Stadtansichten um 1800 sehr akkurat gearbeitet sind und die Stadt so abbilden, wie sie ist, und nicht wie bspw. 200 Jahre zuvor, als bei Stadtansichten oft eher eine „Bilanz“ abgebildet wurde, was die Stadt alles hat, und weniger darauf geachtet wurde, die Perspektive bzw. die Abstände und Größen naturalistisch einzuhalten.

Doch was haben jetzt die Studenten aus der Einleitung hiermit zu tun? Ganz einfach: es sind Stadtansichten, die für sogenannte Stammbücher, einer Art von „Freundschaftsbüchern“ oder „Poesiealben“, gedruckt wurden, in denen sich Studenten gegenseitig Erinnerungstexte hinterließen oder Empfehlungsschreiben von Professoren sammelten. Diese waren wohl – wie auch heutige Poesiealben – hauptsächlich blanko und wurden mit Gedichten, Liedern, Widmungen und ähnlichem beschrieben, und teils wurden auch Bilder gemalt. Aber da auch damals nicht jeder ein talentierter Künstler war, gab es beispielsweise diese Kupferstichstadtansichten, die man kaufen und dann im Stammbuch des Freundes einheften konnte. Passend dafür war der Himmel auf manchen Stadtansichten wolkenfrei belassen und bot Platz für ein Widmungsschreiben.

Museum ist mehr als nur Dinge in Vitrinen. Museum ist sehr viel Arbeit hinter den Kulissen. Museum, wie an sich jede Art von Ausstellung, ist vielmehr ein sehr breites Aufbereiten von Vergangenheit und Kultur, und dies sowohl anhand von Dingen als auch von Bedeutung hinter Dingen. Das, was dieser Blogeintrag hoffentlich gut gezeigt hat, ist, dass Inventarisieren weniger dröge ist, als oft gedacht (und von mir vorher auch ein wenig befürchtet), Gesellschaftskritik um 1780 ähnlich lustig war wie heute, und dass es sich lohnt, einmal großräumig um Göttingen zu wandern und sich die Stadt genauer anzusehen. Mir bleibt hier nur noch zu sagen: Mein Praktikum hat mir sehr viel Spaß gemacht und es war eine spannende, lehrreiche und schöne Zeit.

(Philipp Heil, studentischer Praktikant)

24. März 2017

Inside the Museum: Die Museumsbibliothek

Das Städtische Museum verfügt über eine umfangreiche Bibliothek. Der Bestand umfasst ca. 30000 Bücher, die sich auf die Räume im Gebäude Alte Posthalterei verteilen. Zur Sammlung gehören neben der Literatur zur Göttinger Stadt- und Kulturgeschichte auch Künstlermonographien, Ausstellungs- und Sammlungskataloge, Nachschlagewerke, Lexika und Jahrbücher. Ebenso findet sich Fachliteratur zur Sammlungs- und Museumsgeschichte sowie Publikationen zu bestimmten Sammlungsbereichen wie Malerei, Textilien, Porzellan, Skulptur, Werkzeug, Möbel  und Alltagsgegenständen. Ein besonderer Schatz sind die zahlreichen historischen Buchobjekte. Sie stammen teilweise aus dem 16. und 17. Jahrhundert und sind Erstausgaben. Diese historischen Bücher sind Teil des musealen Sammlungsbestandes, nicht der Dienstbibliothek.

Die Sammlung wird stetig erweitert. Zur Ausstellungsvorbereitung muss die aktuelle Forschungsliteratur angeschafft werden. Auch für die fundierte Inventarisierung der Objekte und die Pflege der Sammlung ist die einschlägige Literatur notwendig.

Die Bibliothek wird durch die Mitarbeiter ständig genutzt, da ohne sie das wissenschaftliche Arbeiten unmöglich ist. Aber auch für externe Benutzer ist der Zugang zur Bibliothek auf Anfrage möglich. Die Bestände sind über den Zettel-Katalog, der sukzessiv digitalisiert wird, einsehbar. Der Online-Katalog ist über die Homepage des Stadtarchivs aufzurufen.

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

17. März 2017

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichen…

…findet sich im Museum an vielen Orten. Sei es im Depot, in der Ausstellungvorbereitung oder bei der Stickstoffbehandlung. Objekte die  historisch, sozial, ökonomisch, von Herstellung, Material, Nutzung und Gebrauchszusammenhang niemals eine Gleichzeitigkeit erfuhren, treffen hier im Museum aufeinander. Ein Umstand und ein Thema, das mich immer wieder begeistert  oder, je nach Objekten, auch berührt.

Heute traf ich zunächst Luke, Leia, Darth Vader und Han Solo, einen Raum weiter barocke Schnallenschuhe ohne Schnallen.

 

 

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

24. Februar 2017

Seite für Seite

Das Restaurieren von historischen Büchern ist eng mit der Papierrestaurierung verwandt und erfordert sehr viel Geduld und Präzision. Jede Seite muss einzeln mit entsprechendem Werkzeug vom oftmals jahrhundertealten Schmutz und Staub befreit werden. Bei umfassenden Werken wie einer Bibel kann die Reinigung daher auch mehrere Tage dauern. Kleine und große Risse, ausgefranste Kanten und Löcher werden mit hauchdünnem Japanpapier Stück für Stück ausgebessert und stabilisiert. Dadurch wird die Lesebarkeit der Buchtexte erhöht und auch nachfolgende Schäden beim Blättern vermieden. Lose Seiten müssen in den Buchblock wieder eingebunden werden, indem der Buchdeckel abgenommen wird und die Seiten neu eingeheftet werden. Dazwischen heißt es immer wieder warten bis Verklebungen getrocknet und Knicke und Falten der Seiten durch Gewichte geglättet sind.

Die Buchbindermeisterin und Restauratorin Ameli Stock aus Göttingen restauriert zurzeit im Museum zahlreiche historische Bücher, darunter viele aus der Zeit der Reformation. In der neuen Sonderausstellung „1529 – Aufruhr und Umbruch“ werden diese Bücher zum Teil erstmalig ab dem 9. April präsentiert.

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)