Category Archives: Sammlung

14. Dezember 2018

Wunderliche Tierwesen

Reiterdenkmal Ludwigs XII, darunter sein Wappentier, das Stachelschwein, Schloss Blois

Noch kürzlich – auf unserer Urlaubsreise an die Loire – haben wir sie gesehen: skurrile, gekrönte Tiergestalten auf Reliefs, in weißen Tuffstein gemeißelt, an Balustraden von Treppenaufgängen, über Portalen und zahlreich in Kasettendecken, in den Schlössern AMBOISE, BLOIS, CHAMBORD und CHENONCEAU: Es sind Wappentiere französischer Herrscher zur Zeit der Renaissance, die ihre Residenzen zu der Zeit noch in den oben erwähnten Schlössern hatten, ehe der Hof nach Versailles verlegt wurde. Kaum zurück an meinem Beschäftigungsplatz im Museum, treffe ich sie wieder, diese Fabelwesen! Was für ein Zufall: dieselben Embleme als filigrane Applikationen im Kleinstformat auf einer achteckigen Schnalle, dazu noch die Bourbonenlilie (Fleur de lys).

Gürtelschnalle, 18. Jh., Städtisches Museum Göttingen – unten Stachelschwein (links) und Hermelin (rechts), rechts oben Salamander

Da gibt es zunächst das Stachelschwein (franz. porc-épic) auf dem Wappenschild von Louis XII. (1462-1515). Es galt in dieser Epoche noch als ein äußerst exotisches und mysteriöses Tier. Man glaubte, es könne seine Stacheln wie Lanzen benutzen, und sie dann wieder regenerieren. Das ist jedoch nur eine Legende. Für Ludwig XII. galt es unter der Devise: „Wer sich daran stößt, verletzt sich daran.“ Im Sinne von: wer nicht die Finger davon lässt, ist selbst schuld. Das stark stilisierte Emblem befindet sich über einem Eingangstor von Schloss Blois. Es ist flankiert von den Initialen L + A Louis und Anne de Bretagne, der Mutter der späteren Reine Claude, der zu Ehren die köstliche, grüngelbe Pflaume Reineclaude (= Reneklode) ihren Namen bekam. Doch das ist eine andere Geschichte.

Salamander und Hermelin, über einem Kamin in Schloss Chenonceau

Claude,  Königin von Frankreich, durch Heirat mit Franz I., hatte übrigens das Hermelin als Wappentier – ein Symbol für Reinheit. Und dann gibt es da noch den Salamander, den Franz I. als Emblemtier für sein Wappenschild wählte. Dieses Ungetüm, das dem Mythos nach als das Feuer  löschende und sich davon nährende Tier galt, wählte dieser König  wohl zu Recht für sich. Denn er war bekannt als der glühende Verfechter vieler Dinge, brennend für das Neue.

Zurück zu unserer Schnalle: Hier sind die oben beschriebenen Embleme alle miteinander versammelt! Im Zuge der Inventarisierung stellt sich die Frage, wie ein solches Objekt wohl nach Göttingen gelangte und wem es wohl einmal gehörte? Im Eingangsbuch ist nur festgehalten, dass die Schnalle 1893 ins Museum kam, und in der Umgebung von Göttingen gefunden wurde. Befand sie sich ursprünglich an einer Uniform oder schmückte sie eine Schärpe? War das Objekt ein Beutestück oder wurde einfach nur vom einem“ Königstreuen“ verloren, einem französischen Soldaten?

Wir wissen es nicht.

(Ulla Kayser, ehrenamtliche Mitarbeiterin)

23. November 2018

Unter dem Schleier der Jahrhunderte

Seit einigen Wochen freuen wir uns immer doppelt auf den wöchentlichen Besuch im Außendepot. Denn hier geschehen zurzeit kleine Wunder.

Dipl. Restauratorin Viola Bothmann lüftet Zentimeter für Zentimeter das Geheimnis des unbekannten Mädchens

Dank der freundlichen Unterstützung der Fielmann AG dürfen wir das älteste Kinderporträt unserer Sammlung nun bald mit neuen Augen betrachten. Die junge Dame aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die ihrer Kleidung und Attribute nach zu urteilen aus adeligem Hause stammt, bewohnt unser Depot schon lange. Bisher hat sie uns jedoch kaum etwas über sich verraten, da auf dem Ölgemälde keine Inventarnummer angebracht ist und damit kein Hinweis auf den Künstler, die dargestellte Person oder die Herkunft des Objekts vorhanden war. Außerdem hat sich mit den Jahrhunderten durch chemische Veränderungen der obersten Malschicht, dem Firnis, ein dunkler Schleier auf das Gemälde gelegt. Dadurch war bis auf das Mädchen im Vordergrund und ihre beiden Spielgefährten, einen Hund und einen Vogel, kaum etwas auf dem Bild erkennbar und die Farben waren stark verfälscht.

Gute Aussichten – zur Hälfte vom Firnis befreit!

Das ändert sich nun nach und nach.  Durch die Restaurierung wird unter anderem die einstige Farbgebung, soweit wie möglich, rekonstruiert und vorher nicht sichtbare Details kommen zum Vorschein. Das erfordert viel Zeit. In aufwändiger Kleinstarbeit deckt Dipl. Restauratorin Viola Bothmann immer größere Teile des Bildes auf, sodass wir den Antworten auf unsere Fragen Schritt für Schritt näher kommen.

Etwa die Hälfte des Bildes ist bereits vom Firnis befreit und auf einer Verstrebung des Tisches ist nun eine kryptische Künstlersignatur zu sehen. Hier werden weitere Recherchen nötig sein. Die Spitze am Kleid des Mädchens erleuchtet in strahlendem Weiß, zarte Pfirsichhaut schält sich aus dem dunklen Gelb und welche Vielfalt an Früchten nun links im Obstkorb erkennbar ist! Besonders gespannt sind wir aber auf den Bildhintergrund. Links ist bereits ein feierlich drapierter Vorhang erkennbar. Doch was wohl in der noch sehr dunklen Landschaft  im rechten Bildfeld zum Vorschein kommt? Und ob diese Rückschlüsse auf die Herkunft des Gemäldes, bzw. des dargestellten Mädchens zulässt?

Es bleibt spannend!

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

 

02. November 2018

Von Fadensternen, Nadelkissen und anderen Kostbarkeiten

Letzte Woche durften Sie rätseln – nun kommt die Auflösung! Bei den Objekten auf dem Bild von letzter Woche handelt es sich weder um Puzzleteile noch um Weihnachtsbaumschmuck. Es sind Fadenwickel, genauer sogenannte Zwirn- oder Seidenfadensterne. Im 19. Jahrhundert wurden sie zum Aufwickeln von Stickgarn verwendet, das in Strängen gekauft wurde. Auch heute noch wird das feine Zwirn- oder Seidengarn zum Teil so gehandelt, jedoch sind die Fadensterne längst nicht mehr so dekorativ gestaltet. Die Fadensterne sind alle unterschiedlich gestaltet. Sie bestehen aus Pappe oder Holz und sind mit farbigem, manchmal auch gemustertem Papier oder Golddruck beklebt. Botschaften wie zum Beispiel „zum Andenken“, „Erinnerung“ oder „Souvenir“ –  oft in Kombination mit unterschiedlichen Miniaturbildern – lassen darauf schließen, dass sie als Andenken von einer Reise mitgebracht wurden oder als Erinnerung an eine nahestehende Person dienten.

In der Sammlung des Museums befinden sich zahlreiche Nähutensilien des 19. Jahrhunderts. Den oft in Handarbeit hergestellten oder verzierten Objekten wohnt ein ganz eigener Zauber inne. Sie sind nicht nur einfach schön anzusehen, sie erzählen auch unzählige Geschichten aus dem Leben ihrer Besitzerinnen in einer längst vergangenen Zeit und lassen uns ganz und gar in ihren persönlichen Alltag eintauchen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fadensterne, um 1840: links: Holz, bedrucktes Papier; rechts: Pappe mit Golddruckornamentik, in der Mitte Märzenbecherblüte, rückseitig Schriftzug „Zum Andenken“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nadelbuch, 1840/50, Deckblätter aus silberfarbenem Lochkarton in Form einer Muschel gestaltet, mit grünem Seidengarn in Grätenstich bestickt, am unteren Ende 2 Weinblätter aus dünnem Goldblech gepresst, mit Seidensatin gefüttert

 

 

   

 

 

 

 

 

 

Nadelkissen, Anfang des 19. Jahrhunderts, Seide mit Seidenstickerei, Rand mit Klöppelspitze, in einem Vergissmeinnichtkranz Initialen „LB“, vermutlich Initialen der Besitzerin oder einer ihr nahestehenden Person

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

 

 

 

 

 

26. Oktober 2018

Gewusst?

 

 

 

 

 

 

 

 

Immer wieder begegnen uns im Museum rätselhafte Dinge aus vergangenen Zeiten, die, besonders wenn die Inventarnummer nicht sofort zur Hand ist, erst einmal viele verschiedene  Assoziationen wecken, bis endlich die Lösung gefunden ist. So erging es neulich auch unserer ehrenamtlichen Mitarbeiterin Frau Kayser, als sie diese fein gestalteten Sternchen aus Holz und Pappe inventarisieren wollte. Wissen Sie, worum es sich dabei handelt?

a) Weihnachtsbaumschmuck

b) Ein besonders kniffliges Puzzlespiel

c) Orden

d) Konfetti

e) Fadenwickel

f) Untersetzer

g) Broschen

Die Auflösung folgt in der nächsten Woche…

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

05. Oktober 2018

Depotentdeckungen

Das Otfried-Müller-Haus

Ein Besuch im Museumsdepot ist immer wieder spannend. Neulich entdeckte ich ein wunderschönes Holzhäuschen, das irgendwie sehr vertraut wirkte. Kein Wunder, denn es handelt sich um das Haus, in dem heute das Junge Theater (JT) und das Kulturzentrum KAZ untergebracht sind. Diese Miniaturausgabe des 1836 am Wochenmarkt errichteten Otfried-Müller-Hauses war vermutlich Teil eines sogenannten Christgartens – einer regionalen Form der Landschaftskrippe. Was es mit den Christgärten auf sich hat, ist noch kaum erforscht. Zu klären wäre vor allem, wie alt und wie verbreitet diese Tradition in Göttingen war. Abgesehen von einigen wenigen Details und der veränderten Farbgebung zeigt das Modell das Otfried-Müller-Haus im Zustand vor dem 1856/57 erfolgten Anbau eines Veranstaltungssaals durch Friedrich Doeltz.

Das Otfried-Müller-Haus ist das einzige unter Denkmalschutz stehende klassizistische Gebäude in der ansonsten vorwiegend mittelalterlich geprägten Göttinger Innenstadt. Es wurde vom Baumeister Christian Friedrich Andreas Rohns als Wohnhaus für den Altphilologen und Begründer der Klassischen Archäologie und Alten Geschichte Karl Otfried Müller (1797-1840) und seine Familie erbaut. Die Entwürfe stammen von Müller selbst. Das Haus in klassizistischer Manier mit seinen freistehenden Dorischen Säulen, auf denen zwei breite Balkone ruhen, galt damals schon als ungewöhnlich.

Nach Müllers Tod wurde das Gebäude unterschiedlich genutzt und schließlich 1903 an die Stadt verkauft. Seit 1975 wird es vom JT und dem KAZ genutzt.

Im nächsten Jahr wird das Otfried-Müller-Haus mit Unterstützung der Bundesregierung saniert und für den Kulturbetrieb erweitert werden.

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

10. August 2018

„Grüße aus Nah und Fern“

Wann haben Sie zuletzt eine Postkarte geschrieben? Vielleicht erst letztens am Strand als Urlaubsgruß an die Lieben zuhause? Oder ist das „oldscool“? Viele dürften das meinen, denn es werden immer weniger Postkarten verschickt. Dabei ist der Charme einer handgeschriebenen Karte kaum durch digitale Produkte der heutigen Zeit zu übertreffen. Grund genug, sich dieses leider aussterbende Medium und dessen Geschichte einmal genauer anzusehen.

Eine Fülle anschaulicher Objekte bietet die Postkartensammlung des Museums. Bei den meisten hier bewahrten Postkarten handelt es sich um kulturhistorische Dokumente, die uns sehr viel mehr verraten, als den liebsten Urlaubsort des Absenders. Besonders interessant sind die Postkarten um 1900, der Blütezeit dieses Mediums. Die ersten Postkarten, die sogenannten Correspondenzkarten, hatten eher wenig mit Urlaubsreisen zutun. Mangels Telefon oder Internet waren sie schlichtweg ein gern genutztes Kommunikationsmittel – eine Möglichkeit, Verabredungen zu treffen oder sich über die neusten Ereignisse auszutauschen. Diese zunächst bilderlosen kleinen Kärtchen wurden in den Gebieten des Deutschen Bundes 1870 eingeführt, um den Postbetrieb zu vereinfachen. Auf der Vorderseite stand lediglich die Adresse des Empfängers, während die Rückseite für kurze Mitteilungen frei war. Besonders während des deutsch/französischen Krieges 1870/71 war diese Art von Feldpost beliebt.

Immer öfter entstanden auch Zeichnungen auf den Postkarten und schließlich wurden bebilderte Postkarten mit Zeichnungen, Kupferstichen oder Fotografien bald serienmäßig gedruckt. Der Göttinger Theologie-Student Ludolf Parisius zeichnete die erste Landschafts-Ansichtskarte, deren Beliebtheit durch den zunehmenden Tourismus und die Gründung des Weltpostvereins 1878 rasant stieg. Um 1900 besaß fast jeder gutbürgerliche Haushalt ein Postkartenalbum, in dem die Kärtchen aufbewahrt wurden. Die Postkarten zeigen typischerweise Sehenswürdigkeiten des Aufenthaltsortes des Absenders oder sind mit Darstellungen von Ereignissen die dort stattfinden, illustriert. Auch die Mitteilungen auf den Postkarten sind, wie die gewählten Motive, von großem kulturhistorischem Wert, da sich an ihnen ablesen lässt, was die Menschen ihrerzeit beschäftigte und wie sie ihre zwischenmenschlichen Beziehungen gestalteten.

Abb. 1: Postkarte „Grüße aus Göttingen“, 1889: Auf den ersten Bildpostkarten war wenig Platz für persönliche Mitteilungen, da die andere Seite der Adresse vorbehalten war. Die Verfasserin dieser Nachricht nutzt die vorhandene Fläche für ihre gereimte Botschaft maximal aus.

Abb. 2: Postkarten-Sammelalbum, 1911

Abb. 3., 4.: Häufig illustrieren Fotografien bedeutender (und manchmal auch skurriler) Ereignisse die Postkarten. Die 1905 verfasste Postkarte auf Abb. 3. ist mit einer Fotografie eines der ersten Autos in Göttingen illustriert. Es gehörte dem späteren Physiknobelpreisträger Walter Nernst, der auch selbst am Steuer sitzt. Auf der 1910 verfassten Postkarte in Abb. 4 wird über den unfreiwilligen Heißluftballonaufstieg des Gefreiten Storch berichtet, der in Göttingen vom Hochlasstau mitgerissen wurde, glücklicherweise aber wohlbehalten in Reyershausen landen konnte.

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

13. Juli 2018

Gartenpartie

In unserem Vorgarten strahlen, dank des tollen Wetters der vergangenen Monate, wieder die unterschiedlichsten Blumen um die Wette. In Anbetracht dieser erstaunlichen Vielfalt erscheint uns der Museumsgarten manchmal wie ein Biotop, das auch die exotischsten Gewächse zum Wohlfühlen einlädt. Inmitten dieser Blütenpracht versteckt sich, ganz im Sinne eines Museumsgartens, auch das eine oder andere Zeugnis aus der Göttinger Stadtgeschichte. Die „Bittenden Engel“ sind zurzeit leider ausgeflogen, denn sie erhalten ein neues Gewand. Jedoch erwarten die Museumsbesucher im Vorgarten viele andere “wundersame Wesen“. Neben einem bronzenen Frosch aus dem fernen Thorn sind hier unter anderem verschiedene Grabmäler, darunter das älteste datierte Steinkreuz Deutschlands, eine gotische Fenstereinfassung aus dem 1908 abgerissenen Kelterbornschen Haus und eine Polyeder-Sonnenuhr aus dem frühen 19. Jahrhundert  zu entdecken. Eine Broschüre mit detaillierten Informationen über die Objekte erhalten Sie an der Museumskasse.

Der Museumseingang mit Blütenpracht und Sonnenuhr (links im Bild)

Der Thorner Frosch, im Hintergrund ein Grabmal vom ehemaligen Marienfriedhof (1808) und die hierher versetzte Fassade des Siedentopfenschen Hauses

Gotische Fenstereinfassung aus dem Kelterbornschen Haus

Gedenkkreuz von 1260

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

06. Juli 2018

Unser Museum

Teil 3: Die „Alte Posthalterei“

Heute möchten wir den Teil des Museums vorstellen, der als letztes zum Museum wurde: Die „Alte Posthalterei“. Hier sind unter anderem die Bibliothek, das Graphikmagazin, das Fotoarchiv,  die Museumsverwaltung und die Büros der ehrenamtlichen Kollegen und der wissenschaftlichen Mitarbeiter untergebracht. Hier wird wissenschaftlich inventarisiert und hier entstehen die Konzepte für die Ausstellungen. Die „Alte Posthalterei“ ist daher sozusagen die Ideenfabrik des Museums.

Der wohlhabende Bürger Johann Ebel lässt das barocke Fachwerkhaus um 1700 bauen. Fünfzig Jahre später kauft Postmeister Johann Schröder im Auftrag der Landesregierung das Gebäude und richtetet hier ein Postamt ein. Die Post Göttingens war zuvor von König Georg II. übernommen und zur hannoverschen Staatspost erklärt worden. Eine Zeichnung von 1836  (Siehe. Abb. 1, Beitrag vom 22. Juni) lässt vermuten, dass das Postamt ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im direkt angrenzenden Teil des Remisegebäudes untergebracht ist, während die „Alte Posthalterei“ vom Postmeister als Wohnhaus genutzt wird. Nachdem 1854 die Post zum neu eröffneten Bahnhof verlegt wird, wird die „Alte Posthalterei“, ebenso wie die Remise, von verschiedenen Schulen und schließlich dem städtischen Schulamt genutzt. Seit dem Auszug des Schulamtes 1978 in das Neue Rathaus wird auch die „Alte Posthalterei“ komplett vom Museum, das bereits die gesamte „Remise“ übernommen hatte, genutzt.

Im Zuge der 2012 abgeschlossenen Sanierung der „Alten Posthalterei“ werden Reste von Wandbemalungen, Tapeten, Wandfliesen und Ofenkacheln aus unterschiedlichen Epochen freigelegt. Als Vorlage für die heutige Gestaltung der Wände und des Treppengeländers wird eine Fassung im Stil des Klassizismus gewählt, die etwa von 1770/1780 stammt. Auch zahlreiche Objekte werden ausgegraben. Tafel- und Kochgeschirr aus Porzellan und Fayance, Wein- und Mineralwasserflaschen und Austernschalen zeugen von der Alltags- und Esskultur des wohlhabenden Göttinger Bürgertums im 18. Und 19. Jahrhundert.

Einige dieser Gegenstände sind in der alten Posthalterei ausgestellt und können, nach vorheriger Anmeldung, besichtigt werden.

Anmeldung unter: Tel. 0551/400-2843 oder museum@goettingen.de

Abb.1: Die Alte Posthalterei heute, im sanierten Zustand; Abb.2: Das sanierte Treppenhaus, mit freigelegter und teilweise rekonstruierter Wandbemalung; Abb.3: Zeugnisse der Esskultur um 1800.  

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

22. Juni 2018

Unser Museum

Teil 2: Die „Remise“

Im ersten Teil unserer Serie zu unserem größten Exponat, dem Gebäudekomplex, in dem sich das Museum befindet, wurde der Hardenberger Hof vorgestellt. Hier zieht das Museum 1897 ein. Da die Sammlung schnell wächst, wird jedoch schon bald mehr Platz zum Ausstellen und Lagern der vielen Objekte benötigt. Glücklicherweise können ab 1911 nach und nach immer mehr Räume des benachbarten Remisegebäudes für die Museumsnutzung übernommen werden.

Auch die „Remise“ – wie sie heute noch intern genannt wird –  hat zu diesem Zeitpunkt bereits eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Der zweigeschossige Fachwerkbau wird 1780 als Stall- und Remisegebäude, also Wirtschaftsgebäude (fraz. remettre=versorgen) für die damalige Göttinger Poststation erbaut. Damals hat die Remise noch eine Hofdurchfahrt für die Postkutschen (Vgl. Abb.1). 1854 wird die Post zum neu eröffneten Bahnhof verlegt und die Remise wird in der Folgezeit zu Wohnzwecken an Privatpersonen vermietet und von unterschiedlichen Schulen genutzt. Unter anderem sind hier die Real- und Gewerbeschule, die St. Johannis-Pfarrschule, und die Höhere Mädchenschule untergebracht.

Mit der ab 1911 erfolgten Übernahme zunächst einzelner Räume und bald auch des gesamten Gebäudes durch das Städtische Museum wird hier vieles um- und eingebaut. Unter anderem entsteht ein Verbindungstrakt zwischen dem Hardenberger Hof und der Remise. Die Gebäude wachsen zusammen. Außerdem werden nach und nach verschiedene erhaltenswerte Fragmente abgebrochener Göttinger Häuser in den Hardenberger Hof und die Remise eingebaut.

In der Remise ist noch bis 2009 der größte Teil einer Dauerausstellung zur Göttinger Stadtgeschichte untergebracht. Hier konnten Besucher die Entwicklung Göttingens von den Anfängen bis zur Gegenwart anhand vielfältiger Objekte nachzuvollziehen. Sanierungsarbeiten an dem denkmalgeschützten Gebäude haben jedoch eine weitgehende Schließung dieser Ausstellung notwendig gemacht. Die Remise musste ausgeräumt werden.

Wegen der stockenden Sanierung muss das Museum seitdem ohne diesen dringend benötigten Raum und eine entsprechende umfassende stammesgeschichtliche Ausstellung auskommen. Dennoch sind wir bemüht, Ihnen auf dem uns zur Verfügung stehenden Raum immer wieder neue Aspekte und Objekte aus der Göttinger Stadtgeschichte zu präsentieren.

Abb.1: Die Alte Post (links) und die Remise (rechts) in einer Zeichnung von 1836; Abb.2: Die Remise heute. Die Fassade ist bereits saniert.

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)