Category Archives: Sammlung

08. Dezember 2017

Vorgestellt – Unser neuer ehrenamtlicher Mitarbeiter

Ehrenamtliche Mitarbeiter sind für das Städtische Museum von großem Wert. Einige wurden hier im Blog schon vorgestellt. Bereits seit einem halben Jahr unterstützt auch Dr. Günther Beer ehrenamtlich das Team, das sich um die Inventarisierung kümmert.

Herr Dr. Beer, welchen Bereich im Museum betreuen Sie und was sind Ihre Aufgaben?

Zurzeit bin ich mit der Digitalisierung der Bilddokumente aus dem Fotoarchiv des Museums betraut. Ich scanne jede einzelne Fotografie, untersuche sie auf schriftliche Anmerkungen und speichere sie mitsamt der vorhandenen Informationen auf dem Computer ab. So wird es in Zukunft für die Mitarbeiter des Museums oder auch externe Forscher einfacher sein, eine bestimmte Fotografie zu finden.

Hatten Sie bereits, bevor Sie Ihre Tätigkeit hier angefangen haben, Erfahrungen mit Museumsarbeit?

Ich bin eigentlich Chemiker und habe von 1974 bis 2004 als Akademischer Rat am Institut für Anorganische Chemie gearbeitet. Hier habe ich hauptsächlich angehende Chemiker und Biologen im Praktikum betreut. Ich nahm meine Tätigkeit dort in der Zeit auf, als das Chemische Institut seinen alten Standort in der Hospitalstraße verließ und die neuen Räumlichkeiten auf dem Nordcampus bezog. Der Alte Standort in der Hospitalstraße, an dem in der Vergangenheit viele bedeutende Chemiker gearbeitet hatten, weckte jedoch mein Interesse an der Geschichte der Göttinger Universität. Dort hatten sich viele interessante historische Instrumente erhalten die es für nachfolgende Generationen zu bewahren lohnte. Ich bekam 1979 die Möglichkeit mit diesen Objekten ein kleines Museum in einem Raum in der Fakultät einzurichten, das ich in den folgenden Jahrzehnten betreute, das „Museum der Göttinger Chemie“. Das Museum existiert noch und wird heute vor allem von einem Förderverein unterstützt. Das macht auch Anschaffungen möglich. Mittlerweile besitzt das Museum neben den historischen Geräten auch Fotografien, Vorlesungsnachschriften, Bücher und vieles mehr. Insofern habe ich bereits eine gewisse Erfahrung mit Museumsarbeit.

Was motivierte Sie, eine ehrenamtliche Tätigkeit im Städtischen Museum aufzunehmen?

Ich habe das Städtische Museum oft und gerne besucht und kannte den Museumsleiter Herrn Dr. Böhme aus dem Geschichtsverein. Dort war ich 9 Jahre im Vorstand. Als ich in den Ruhestand ging, übernahm mein Nachfolger die Betreuung des „Museums der Göttinger Chemie“. Nach einiger gewissen Zeit bekam ich den Wunsch, auch im Ruhestand in eine ähnliche Richtung sinnvoll tätig zu werden. So ergab sich im Kontakt mit Herrn Dr. Böhme für mich die Möglichkeit, zwei Vormittage in der Woche im Städtischen Museum ehrenamtlich zu arbeiten.

Was macht den Reiz Ihrer derzeitigen Aufgaben hier aus? Wo wird es knifflig?

Im Zuge der Digitalisierung der historischen Fotografien ist es möglich, vieles zu entdecken. Besonders interessant finde ich historische Fotografien von Häusern, in denen einmal Menschen wohnten, die später in die Wissenschaftsgeschichte eingingen. Da viele berühmte Wissenschaftler in Göttingen tätig waren, begegnen mir solche Dokumente häufig. Knifflig wird es, wenn die Fotografien nicht beschriftet sind oder die Beschriftung nicht mehr entziffert werden kann. Meine Aufgabe ist jedoch so umfangreich, dass ich an diesem Punkt zunächst nicht vertieft weiterrecherchieren kann. Das bleibt dann den Personen überlassen, die sich in der Zukunft im Rahmen ihrer speziellen Forschungsvorhaben mit den Fotografien beschäftigen werden.

(Das Interview mit Dr. Günther Beer führte Izabela Mihaljevic, wissenschaftliche Volontärin.)

24. November 2017

Papiertheater!

Wenn die kalte Jahreszeit anbricht, machen es sich die meisten Menschen am liebsten zuhause gemütlich. Dann gehen wir gerne mit unseren Augen auf Reisen – heute ist die Fülle jederzeit verfügbarer Filme und Dokumentationen schier unübersehbar.                                                 

Auch früher, als die Technik noch nicht so weit fortgeschritten war, hatten die Menschen das Bedürfnis, in ihren eigenen vier Wänden die Welt zu erleben. Im 18. Jahrhundert stellte das Papiertheater einen beliebten Zeitvertreib dar.

Das Städtische Museum besitzt zahlreiche Szenen für eine Papiertheater-Aufführung ganz im Stil des Rokoko. Ihr Schöpfer ist der Augsburger Kupferstecher und Verleger Martin Engelbrecht (1684 – 1756). Dieser vertrieb seinerzeit die handkolorierten Szenen in hohen Auflagen. Durch die Staffelung von bis zu 10 Blättern hintereinander in einem sogenannten Guckkasten wird die Illusion einer dritten Dimension erzielt. Denn der Ausschnitt wird nach hinten immer enger und die Figuren immer kleiner. Wenn die Kulissenteile nacheinander aufgestellt werden, entsteht eine Geschichte.   

Die Bilderfolgen zeigen biblische Geschichten, historische Ereignisse, Ansichten ferner Länder mit faszinierend kostümierten Figuren, aber auch Alltagsszenen mit zahlreichen unterhaltsamen Details, die es sich zu entdecken lohnt. Die hier abgebildeten Szenen zeigen die Geburt Christi und die Anbetung der Weisen (Abb. 1, 2 (Kulissen, einzeln)), den Einzug Christi in Jerusalem (Abb. 3), einen Seehafen (Abb. 4) und einen Seesturm (Abb. 5).

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

17. November 2017

Nomen est omen

Viele Dinge, die wir täglich nutzen, haben Bezeichnungen, die aus deren heutigem Gebrauch nicht oder nur schwerlich abgeleitet werden können. Ihre Namen scheinen zwar auf einen Zweck zu verweisen, aber auf den falschen: Wieso nennen wir die Geldbörse auch „Brieftasche“, das kleine Tellerchen, auf das wir die Teetasse stellen, „Untertasse“ oder das feine Besteck für die Zuckerwürfel „Zuckerzange“?

Waren die Erfinder dieser Bezeichnungen alle Scherzkekese? – Nein, denn all diese Dinge hatten tatsächlich einmal genau den Zweck, den ihre Namen offenbaren!

Wo die Bezeichnung „Brieftasche“ herkommt ist, ist vielleicht manchen noch bekannt. Auch heute noch ist die Brieftasche nicht unbedingt mit einer Geldbörse gleichzusetzen. Die Bezeichnung ist mancherorts den etwas größeren Portemonnaie-ähnlichen Behältern für Ausweise und Dokumente vorbehalten. Aber für Briefe sind auch diese längst zu klein. Im 19. Jahrhundert war das noch ganz anders. In den damals noch viel größeren Brieftaschen konnten Briefe aufbewahrt und mitgeführt werden. Um die persönlichen Nachrichten vor fremden Blicken zu schützen, sind diese Brieftaschen oft mit Schlössern versehen. Die hier abgebildete Lederbrieftasche aus der Zeit um 1900 kann beispielsweise nur geöffnet werden, wenn man weiß, wie der Knopf neben dem Schloss nach dem Aufschließen zu kippen ist. Welche Geheimnisse wohl einmal in diesem Täschen verwahrt wurden?

Auch die Trinkgewohnheiten der vornehmen Damen und Herren waren früher anders als heute. Im 18. Jahrhundert wurde ein Heißgetränk in der Tasse serviert, um anschließend zum Abkühlen in die Untertasse gegossen und aus dieser getrunken zu werden. Da diese Untertassen einen hohen Rand haben und dadurch fast wie Tassen aussehen, ist das kein Problem.

Ein wenig Zucker zum Tee? – Im 19. Jahrhundert kein einfaches Unterfangen, denn Kristall- und Würfelzucker gab es damals nicht. Zucker wurde in Form von langen Kegeln, sogenannten Zuckerhüten, vertrieben. Diese wurden dann in der heimischen Küche mit Zuckerzangen mühsam zerkleinert. Die Zuckerzangen von damals sehen dem entsprechend wie grobe Werkzeuge aus. Der Zweck der Zuckerzange änderte sich mit Erfindung des Würfelzuckers und mit ihm ihre Gestalt. Doch der Name blieb, wie bei vielen Dingen, bis heute unverändert.

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

03. November 2017

Blick in eine andere Welt

Eine der aufregendsten Tätigkeiten im Museum ist das Erforschen und Inventarisieren „neuer“ Objekte. Manchmal öffnet sich ein äußerlich unscheinbarer Pappkarton – und man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Vor kurzem übergab uns eine Göttingerin unterschiedliche Gegenstände aus dem Nachlass ihrer verstorbenen Mutter, die bereits seit mehreren Generationen weitergegeben worden waren.

Das beeindruckendste Objekt in dem Karton kam zunächst rätselhaft daher. Ein raschelndes Rohr mit Glasscheiben an den Enden. Ein Instrument, ein Teleskop, ein Fernglas? – Nein: Ein Kaleidoskop aus dem Jahre 1883!

Manche dürften solche Geräte noch aus ihrer Kindheit kennen – früher war es ein beliebtes Spielzeug. Heute, im Zeitalter von Smartphone, Fernsehen und Computer, sind sie jedoch kaum einem Kind bekannt. Dabei lohnt sich ein Blick durch das klobige Rohr. Beim Hindurchschauen erschließt sich dem Betrachter eine Welt faszinierender Formen und Farben. Wird das Kaleidoskop gedreht, zeigt sich ein vollkommen anderes Bild – und immer so weiter. Keine Form gleicht der anderen, Formen und Farben scheinen zu verschwinden und aus dem Nichts wieder aufzutauchen. Man mag gar nicht mehr aufhören! – Und so funktioniert es: Am Ende des Kaleidoskops sind, locker zwischen einer glatten und einer mattierten Glasplatte, kleine, farbige Objekte, die meistens aus Glas bestehen, eingelegt. Im Inneren des Rohrs sind einige Spiegel-Streifen angebracht, die sich an ihren Längskanten berühren. Die Objekte am Ende des Rohrs spiegeln sich darin mehrfach, so dass ein symmetrisches, farbiges Muster sichtbar wird.

Der Urgroßvater der Geberin kaufte das Kaleidoskop, als er im Jahre 1883 heiratete. Er arbeitete als Maler in Bremen und bereiste während seiner Gesellenzeit viele ferne Länder. Konstantinopel, Damaskus, Jerusalem, Zypern, Beirut, Kairo, Genf und Neapel sind nur einige seiner Ziele. – Eine wirklich aufregende Geschichte zu einem faszinierenden Objekt!

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

06. Oktober 2017

Hoffmann von Fallersleben und die Brüder Grimm

Was haben Jacob (1785–1863) und Wilhelm Grimm (1786–1859), die Schöpfer von Rotkäppchen, Schneewittchen und Co., mit Hoffmann von Fallersleben (1798-1874), dem Verfasser zahlreicher bekannter Kinderlieder wie Alle Vögel sind schon da, Ein Männlein steht im Walde, sowie der deutschen Nationalhymne gemeinsam? – Eine ganze Menge! Die aktuelle Sonderausstellung im Hoffmann-von-Fallersleben-Museum in Wolfsburg erinnern nicht nur an das umfangreiche kulturelle Erbe, das die drei Persönlichkeiten hinterlassen haben, sondern beleuchtet vor allem ihre lange und durchaus nicht konfliktfreie Freundschaft.

Die Geschichte beginnt 1818 mit einem Besuch des 20-jährigen Theologiestudenten Hoffmann von Fallersleben in Kassel. Bei Studien in Museum und Bibliothek lernt er den späteren Göttinger Professor Jacob Grimm kennen, der in ihm das Interesse für die deutsche Sprache weckt. Die Freunde verbindet fortan nicht nur die Leidenschaft für ihre Muttersprache, sondern auch das politische Engagement für ein freies und geeintes Deutschland. Während die Brüder Grimm 1837 als zwei der Göttinger Sieben gegen die Aufhebung der 1833 eingeführten, vergleichsweise liberalen Verfassung im Königreich Hannover protestieren, demonstriert Hoffmann von Fallersleben, der 1823 zum Kustos der Universitätsbibliothek Breslau berufen wird, unter anderem in seinen Unpolitischen Liedern seine liberale politische Haltung. Obwohl (oder gerade weil) alle drei aufgrund ihrer Bemühungen entlassen werden und Jacob Grimm und Hoffmann von Fallersleben sogar ihrer jeweiligen Länder verwiesen werden, werden sie bereits von vielen ihrer Zeitgenossen verehrt.

Das Städtische Museum Göttingen ist in der Ausstellung mit einer Leihgabe vertreten. Bei dem Pfeifenkopf mit einer Darstellung der Göttinger Sieben handelt es sich sozusagen um ein echtes zeitgenössisches „Merchandising-Produkt“. Die Darstellung auf dem Pfeifenkopf aus der Porzellanfabrik Nathusius (Althaldensleben) ist angelehnt an lithografische Blätter von Carl Rhode und Eduard Ritmüller (beide vmtl. von 1837/1838). Der Künstler ist unbekannt. Bemalte Pfeifenköpfe waren im 19. Jahrhundert besonders bei wohlhabenden Studenten sehr beliebt. Das Städtische Museum besitzt eine umfangreiche Sammlung solcher Porzellanobjekte, die von Göttinger sowie externen Porzellanmalern veredelt wurden (Hierzu: s. Blogbeitrag C. Freund vom 02.04.2015).

Die Ausstellung im Hoffmann-von-Fallersleben-Museum ist noch bis zum 28. Januar 2017 zu sehen.

Adresse: Schloss Fallersleben, Schloßplatz 6, 38442 Wolfsburg

Kontakt: hoffmann-museum@stadt.wolfsburg.de

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

08. September 2017

Lutherbilder, Kirchenkunst, Adelshöfe und großes Theater!

Am kommenden Samstag und Sonntag ist im Museum viel los! Vier Veranstaltungen sorgen für ein breites Angebot, bei dem für jeden Geschmack etwas dabei ist.

Die Wanderausstellung „Lutherbilder aus sechs Jahrhunderten“ öffnet am Samstag in der Alten Posthalterei ihre Pforten. Während der Öffnungszeiten des Museums kann hier anhand von kommentierten Reproduktionen auf Rollbildern die Entwicklung der Lutherdarstellung vom 16. Jahrhundert bis in die unmittelbare Gegenwart betrachtet werden. Der Besucher begibt sich dabei auf eine spannende Zeitreise, denn Bilder berühmter Persönlichkeiten und besonders solcher wie Luther sind immer ein Spiegel ihrer Entstehungszeit. Die Geistes-, Kunst- und Theologiegeschichtlichen Hintergründe der Darstellungen einer der am häufigsten porträtierten Personen der Welt werden hier entschlüsselt. Der Besuch der Begleitausstellung ist im Eintrittspreis enthalten.

Am Samstagabend um 20:30 Uhr wird der Innenhof des Museums mit der Remise zur Theaterbühne. Vor der nächtlichen barocken Fachwerkkulisse inszeniert das Theater Van Werven & Lautenbach das Theatertstück „Wie wenn einmal die Sonne nicht wiederkäme“. Die Geschichte über Träume, Bilder, Visionen und Lektionen aus dem unerschöpflichen Interessensfundus von Georg Christoph Lichtenberg ist ein Open-air-Theatererlebnis mit zündenden Sprachblitzen, Feuer -Illuminationen und einem tiefen Blick ins Weltall. Lichtenberg für alle Sinne! Das Stück richtet sich an Erwachsene und Jugendliche ab 16 Jahren. Der Eintrittspreis beträgt 16,00 EUR, bzw. 12,00 EUR (ermäßigt). Weitere Termine: 13.,15.,16.,20.,22.,23. und 25.09. 

Der Sonntag, der Tag des offenen Denkmals, beginnt mit einer aufschlussreichen Spurensuche. Wissen Sie wo in Göttingen einmal die Burg des braunschweig-lüneburgischen Herzogs stand? – Und was hat der Hardenberger Hof, der heutige Sitz des Städtischen Museums damit zu tun? Ein Rundgang mit der Historikerin Dr. Gaby Kuper durch das Museum und auf das Burggelände gibt Antworten auf diese Fragen. Treffpunkt: Städtisches Museum, Tapetensaal um 11:30 Uhr.

Am Nachmittag entführt Sie die Dipl.-Restauratorin Viola Bothmann in die faszinierende Welt der Kirchenkunst. Die umfangreiche Göttinger Sammlung kirchlicher Kunst umfasst Objekte vom frühen Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Vieles aus der in Norddeutschland einzigartigen Sammlung ist jedoch vom Verfall bedroht und muss mit speziellen Methoden geschützt werden. Die ausgewiesene Expertin erläutert Maßnahmen und Techniken, um diese Herausforderung zu meistern und die wertvollen Objekte für künftige Generationen zu erhalten. Beginn: 15:00 Uhr. Preis pro Person 2,- Euro. Am Sonntag ist der Eintritt ins Museum frei.

Sie können sich nicht entscheiden? Dann planen Sie doch ein Wochenende im Städtischen Museum!

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

 

 

01. September 2017

Gehhilfe? – Von wegen!

 Das Städtische Museum besitzt eine umfangreiche Sammlung von Spazierstöcken aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Wer bei diesem, zugegeben erst einmal wenig spannend anmutenden, Begriff „Spazierstock“ an ein medizinisches Hilfsgerät denkt, liegt in den meisten Fällen jedoch komplett daneben!

Bei näherem Hinsehen fällt zunächst auf, wie aufwändig viele Stöcke gestaltet sind. Der Einsatz von kostbaren Materialien wie Elfenbein, Perlmutt, Silber oder Horn ist keine Seltenheit, und spätestens der Blick ins Eingangsbuch offenbart, dass diese Objekte kaum ausschließlich als Gehhilfen dienten. Denn hier überwiegen Bezeichnungen wie „Kavalierstab“, „Schulzenstab“ oder „Schultheissenstock“. Es handelt sich also oft um Statussymbole. Sie verweisen auf den Beruf des Trägers oder seinen sozialen Rang.

Gehstöcke oder Spazierstöcke wurden, neben ihrem praktischen Nutzen, also der Bewältigung von schwierigem Gelände oder der Selbstverteidigung, bereits seit dem Altertum als Statussymbole und seit dem 16. Jahrhundert zunehmend auch als Modeaccessoires getragen. Im 19. Jahrhundert wurde der Spazierstock auch im Bürgertum für das stattliche Erscheinungsbild eines Herren unverzichtbar – und das unabhängig vom Alter des Trägers.

So befinden sich im Besitz des Städtischen Museums, neben einem Schulzenstab aus Bischhausen (1. Abb., 2.v.r.) und einem Schultheissenstock aus Wöllmarshausen (1. Abb., 1.v.r.), unter anderem der Kavalierstock eines Göttinger Studenten (1. Abb., 3.v.r.) und ein Bräutigamsstab aus Werxhausen (1. Abb., 3.v.l). Zu den eindrucksvollsten Exemplaren der Sammlung gehört ein Spazierstock aus dem Besitz der Familie von Hanstein, einem Adelsgeschlecht aus dem Eichsfeld (2. Abb., links). Dieser lackierte Holzstock mit Hornknopf und schimmernden Perlmutteinlagen wurde laut Eingangsbuch im 18. Jahrhundert hergestellt. Das Museum besitzt außerdem den Spazierstock des Göttinger Bürgermeisters Ferdinand Oesterley (1802-1858) (2. Abb., rechts), des älteren Bruders des Malers Carl Oesterley. Dieser Stock stellt ein besonders gutes Beispiel für die repräsentative Wirkung eines solchen Accessoires dar. Aus Rohr gefertigt und lackiert, wird er von einer antikisierenden  Elfenbeinbüste bekrönt. Um welche Persönlichkeit es sich dabei handelt, bleibt jedoch unklar.

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

18. August 2017

Kunst im Haar – Schildpattkämme als beliebtes Damenaccessoire im 19. Jahrhundert

Die Reinventarisierung des Museumsbestandes fördert immer wieder viele, scheinbar vergessene Objekte vergangener Epochen zu Tage. Darunter befinden sich auch solche, die noch vor einigen Generationen zum festen Bestandteil des Kleiderschranks der Frau von Welt gehörten – so beispielsweise auch eine Sammlung kunstvoll gearbeiteter Steckkämme aus Schildpatt.

Im Zuge meines studentischen Praktikums habe ich mich verstärkt mit jenen fein gesägten Objekten beschäftigt, sah mich aber rasch mit einem verzwickten Problem konfrontiert. Denn im Prozess der Aufnahme der Objekte ist es nicht nur nötig, sie zu vermessen und zu datieren, es ist eben auch nötig, das Material zu bestimmen, aus dem sie angefertigt wurden. Und genau dort zeigt sich die Schwierigkeit.

Einsteckkämme stellten bis in das letzte Jahrhundert einen beliebten Modeartikel dar, und sie taten dies schon seit längerer Zeit. Schon im 18. Jahrhundert verbreiteten sich die Kämme, welche aber nicht mit den schlichten Exemplaren jüngerer Zeit verwechselt werden sollten, sondern ganz dem Zeitgeist entsprechend ausgefallen gearbeitet waren und häufig mit kunstvollen teils geritzten, teils gesägten Motiven versehen waren. Das Schildpatt, hergestellt aus dem Panzer der heute unter Artenschutz stehenden Karettschildkröte, ließ die kleinen Stücke dabei hohe Preise erzielen.

Deswegen wurde häufig das deutlich günstigere Horn (und später auch der Kunststoff Bakelit) an Stelle das aufwendig zu beschaffenden Schildpatts verwendet. Das Horn wurde dabei  so mit Chemikalien bearbeitet, dass es auf der Oberfläche eine dem Schildpatt täuschend ähnliche Musterung und Farbe bildete. Nur einzeln und unter dem Mikroskop lassen sich die Unterschiede feststellen. Eine zeitaufwendige und mühselige Arbeit, welche bei der Beschaffung vieler Stücke durch das Museum in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts nicht getätigt wurde. Und so sprechen die Eingangsbücher an vielen Stellen von Schildpatt, wo möglicherweise nur ein geübter Plagiator am Werk war.

Doch Schildpatt oder nicht, die aufwendige Gestaltung vieler Kämme macht diese Frage mehr als wett. So ist etwa der Kamm mit der Inventarnummer 1900/808, der im Jahr 1900 zusammen mit zwei weiteren Kämmen für einen Preis von 7,50 Mark (was damals recht viel Geld war) vom Museum erworben wurde, ein wahres Kunstwerk. Denn das Schild des in den 1820/30er Jahren gefertigten Kammes ist mit fein gesägten Blüten und Blattmotiven verziert. Die Verzierungen sind leicht beschädigt. Der Kontrast des detailreichen Schilds zu den schlicht gearbeiteten Zinken lässt dabei die Arbeit nur noch besser zur Geltung kommen. (Auch, wenn dieser Teil beim Tragen des Kammes von den Haaren bedeckt war.) Ob das Stück aber nun von Schildpatt oder Horn ist, macht für sein Äußeres keinen Unterschied. Dieses bleibt in jedem Fall wunderschön.

Für die Neugierigen sei abschließend noch gesagt, laut Eingangsbuch handelt es sich bei dem Objekt um einen Kamm von Horn.

(Nico Stober – studentischer Praktikant)

11. August 2017

„Zur wohlwollenden Erinnerung“

Studentische Stammbücher der Lichtenberg-Zeit (1763-1799)                                                  Eine Ausstellung im Göttinger Stadtarchiv

Poesiealben kennen wir alle aus unserer Kindheit: Von Freunden bunt ausgemalte Büchlein mit mal mehr, mal weniger kreativen Sprüchen und Wünschen, die man auch Jahre später gerne immer wieder mit Wonne betrachtet.

Auch im Göttingen des 18. Jahrhunderts existierte eine ähnliche Praxis. Besonders unter Studenten war es üblich, sich in sogenannten Stammbüchern seiner Freunde zu verewigen. Die Einträge bestanden aus einem Denkspruch und oftmals auch einer Zeichnung oder einem, häufig für das Format der Stammbücher angepassten, Kupferstich (eine Skizze, ein Porträt, Naturdarstellungen etc.), der an gemeinsam verlebte Ereignisse erinnern sollte. Ab 1780 kam eine neue Form von Stammbüchern auf. Die Stammbuchblätter, die einzeln an auserwählte Personen verteilt wurden, wurden in einem Schuber aufbewahrt, der nur für die Augen des Adressaten bestimmt war. So wurden die Botschaften mit der Zeit immer persönlicher und verraten uns heute umso mehr über die Sozialgeschichte der damaligen Zeit. Bis 1840 haben mehrere tausend Göttinger Studenten ein Stammbuch geführt. Das Stadtarchiv besitzt daher 316 Exemplare und damit eine der größten Stammbuchsammlungen Deutschlands.

Noch bis zum 30. November ist es im Stadtarchiv möglich, im Rahmen der Ausstellung „Studentische Stammbücher der Lichtenberg-Zeit“ einen Einblick in die Göttinger Stammbücher der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts zu gewinnen. Gezeigt werden Einträge berühmter Persönlichkeiten, darunter Georg Christoph Lichtenberg, Johann Wolfgang von Goethe, Gottfried August Bürger, Adolf Freiherr von Knigge und Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom Stein. Darüber hinaus werden beeindruckende Originalillustrationen, zahlreiche Stammbuchkupferstiche, die von Johann Carl Wiederhold in Göttingen verlegt wurden, und das von Wiederhold produzierte Buntpapier – genannt „Göttinger Marmor“ – in eindrücklichen Beispielen vorgestellt.

Die Ausstellung kann montags bis mittwochs von 8:00-15:30 Uhr, donnerstags von 8:00-18:00 Uhr und freitags von 8:00-13:00 Uhr besucht werden. Der Eintritt ist frei.

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

 

 

 

 

28. Juli 2017

Kleine Schmuckstücke zur privaten Andacht – Reliquienkapseln und Devotionalien aus dem Eichsfeld des 18. Jahrhunderts

Im Zuge der Bearbeitung des Schmuckbestandes des Städtischen Museums begegnen mir viele ungewöhnliche Objekte, so auch zahlreiche „Schätze“, die eigentlich nicht oder zumindest nicht nur in die Kategorie Schmuck einzuordnen sind. Hier finden sich beispielsweise auch Andachtsgegenstände verschiedenster Art.

Bereits seit dem Mittelalter existiert auch im Christentum die Vorstellung, dass Relikte von Heiligen (Überbleibsel wie ihre Kleider, von ihnen berührte Gegenstände oder Knochen) und bildliche Darstellungen dieser einen positiven Einfluss auf deren Besitzer haben.

Zeugnisse der vorreformatorischen Bilder- und Reliquienverehrung können auch in der aktuellen Ausstellung zur Reformation in Göttingen betrachtet werden. Mit der Reformation verschwinden hier solche Gegenstände zwar vermehrt aus dem Alltagsgebrauch. In katholisch gebliebenen und von der Gegenreformation betroffenen Regionen hingegen setzt sich dieser „Trend“ jedoch umso stärker fort. Ein Zeugnis hierfür ist die Existenz vieler Objekte dieser Art aus dem Eichsfeld des 18. Jahrhunderts. So begegneten mir hier neben einer Wallfahrtsmedallie mit Darstellungen von Christus und der Heiligen Jungfrau eine Halskette mit regionalen Münzen und Reliquienkreuz-Anhänger mit Inhalt aus Gieboldehausen und eine aus Italien mitgebrachte  Reliquienkapsel mit einem Überbleibsel des Heiligen Kamillus von Lellis, des Schutzheiligen der Krankenpfleger. Dieser soll auch prophetische Kräfte besessen haben, worauf der in Form eines Auges ausgeführte Hintergrund für die Reliquie hinweisen könnte.

Die Zahl der Wallfahrten nahm im 18. Jahrhundert stark zu und somit auch das Geschäft mit solchen Souvenirs. Diese wurden für die Pilger nicht selten in hoher Auflage angefertigt. Auch interessant sind vermutlich aus derselben Zeit stammende Devotionalien zur persönlichen Andacht wie beispielsweise ein kleiner Taschenaltar in Form eines Kästchens, in dem sich eine fein geschnitzte Kreuzigungsgruppe verbirgt.

Diese Objekte kaufte das Museum alle vom Duderstädter Carl Anton Gläse (1852-1909). Dieser verkaufte und verschenkte in der Zeit zwischen 1895 und 1909 über 200 Objekte an das Städtische Museum.

Im Folgenden Abbildungen der hier beschriebenen Objekte: Wallfahrtsmedallion, Kette mit Reliquienanhänger, Taschenaltar

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)