Category Archives: Sammlung

09. August 2019

Eine Gabel des Königs?

Eine dreizinkige Silbergabel. Ein zierliches Objekt mit drei langen dünnen nach vorne spitz zusammenlaufenden emporgeschwungenen Zinken und einem schlanken Stiel, der ziemlich unvermittelt in die Zinken übergeht. Ohne Dekorationen und doch, in seiner silberglänzenden Eleganz, schön. Die Spannung geht jedoch vor allem von der Geschichte des Objektes aus und den beiden Puzen auf der Vorderseite des verbreiterten Endstücks, welches in einer sanft emporgebogenen Schwingung verläuft.

Auf der linken Seite des Endstücks bildet die Punze zwei gekreuzte Schlüssel ab, die mit der Zahl „12“ überkrönt sind. Eine Vermutung ist, dass es sich um eine Angabe von einem Professor Hintze aus Breslau handelt; einem Beschauzeichen aus Liegnitz (Schlesien). Auf der rechten Seite sind die Buchstaben „GR“ auf einem Rechteck und rückseitig ist das Endstück der Gabel mit einer Gravur versehen.

Ins Städtische Museum Göttingen kam die Gabel als Schenkung von Günther Knauer, aus dem Nachlass seiner Mutter Charlotte Clara Berta Knauer, geborene Nürmberger, die Anfang des 20. Jahrhunderts mit ihrem Ehemann Gerhard Knauer und der Familie in Göttingen lebte. Gerhard Knauer war Opernsänger, entstammte aber der Göttinger Familie Knauer, die Gold- und Silberschmiede waren und 1743 in Göttingen das Traditions-Juwelier-Geschäft Knauer gegründet hatten  – aber das ist eine andere Geschichte.

Charlotte Knauer hatte die Gabel von ihrem Urgroßvater Gustav Adolph Nürmberger (geb. 28.08.1825) bekommen, welcher Prediger an der Kirche zum Kreuze Christi in Zobten am Berge (Sobótka, Schlesien) gewesen war. Der wiederum erbte sie von seinem Vorfahren Carl Wilhelm Nürmberger, seines Zeichens Pastor, seit 1758 in Hermannsdorf/ Breslau. Und eben jener Pastor soll die Gabel von Friedrich dem Großen, als Geschenk, für die Einquartierung im Pfarrhaus, im Siebenjährigen Krieg, am Tage nach der Schlacht bei Leuthen, in „Deutsch-Lissa“ (Wrocław-Leśnica) bei Breslau, mit den Worten: „Da hat er ein Andenken an seinen König“, überreicht bekommen haben.

Die Schlacht bei Leuthen, wohl die berühmteste Schlacht des Siebenjährigen Krieges, ereignete sich im Dezember 1757. Dabei stand Preußen unter Friedrich dem Großen gegen die größere österreichische Armee unter Prinz Karl von Lothringen. Wider Erwarten besiegte Preußen das zahlenmäßig überlegene Österreich, ein Umstand der wohl unter anderem zur Entstehung einer Vielzahl an Legenden führte.

Ob der Alte Fritz also bei Pastor Nürmberger im Pfarrhaus übernachtete und ihm zum Dank, oder als Bezahlung, die silberne Gabel schenkte, lässt sich auf die Schnelle nicht feststellen. Das Barockschlosses Wrocław-Leśnica (1735/40 errichtet, von den Kreuzherren mit dem Roten Stern) beansprucht ebenfalls die Beherbergung Friedrichs II. (nach der Schlacht bei Leuthen) für sich, dies muss allerdings nicht zwingend im Widerspruch zu der Geschichte um Pastor Nürmberger stehen.

Die Zuordnung der eingravierten vegetabilen Ornamentik mit dem Buchstaben „R“, „W“, „F“ auf der Rückseite des Endstücks der Gabel, zu Friedrich II., könnte über Recherchen im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz erforscht werden. Sicher ist, in der Erinnerungskultur der Familie Knauer-Nürmberger hat die Gabel ohne jeden Zweifel einen festen Platz. So schreiben Leni und Albrecht Nürmberger an ihre Nichten und Neffen in einem Brief aus dem Jahr 1967: „Vergesst bitte nicht, die 3-zinkige Zinngabel des alten Fritz mit dessen Initialen mitzunehmen. Diese Gabel übergab Friedrich der Große unserem Urahn Pastor Nürmberger […] am Tage nach der Schlacht bei Leuthen […]“.

Das Städtische Museum ist froh, die Erinnerungsgeschichte – über die Aufnahme ins Inventar – auch für die Zukunft sicherstellen zu können und sie mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, zu teilen.

 

Abb. 1 und Abb. 2: Silbergabel, 18. Jahrhundert; Abb. 3: Detail zu Abb. 2: Endstück mit Punzen (recto); Abb. 4:  Detail zu Abb. 2: Endstück mit Gravur (verso); Abb. 5: Briefe zur Gabel

Adina Eckart (wiss. Volontärin)

02. August 2019

Vorgestellt – Die neue wissenschaftliche Volontärin

Ich bin Göttingerin. Studierte hier an der Georg-August-Universität Geschichte und Ägyptologie und Koptologie. Zog aus, um den Master in Geschichtswissenschaften in Bamberg zu absolvieren und kam über Florenz und Rom zurück nach Göttingen.

Die Arbeit im Archiv, vor allem mit Briefen, aber auch mit Inventaren ist mir sehr vertraut, unter anderem durch ein Praktikum im Stadtarchiv Göttingen und meine Forschungsreisen in italienische Archive und Bibliotheken. Nun freue ich mich auf die neue Arbeit im Museum am und mit den Objekten. Seit meinem Start als wissenschaftliche Volontärin hier im Städtischen Museum Göttingen habe ich schon viele neue Eindrücke gewonnen und interessante Aufgaben bewältigt. So habe ich einen Teil des bereits im Blogbeitrag im Juni erwähnten Eisenschmucks inventarisiert. Als Einstieg mit diesen besonderen Stücken zu arbeiten, war ein persönliches Highlight. Die Inventarisierung bedeutet einen sehr spannenden Perspektivenwechsel für mich, denn neben dem Studium von geschriebenen Zeugnissen von vergangenen Dingen, komme ich nun dazu, selbst kostbare oder kulturell wertvolle Objekte zu dokumentieren. Dazu gehört neben der Erfassung in der Objektkartei und der elektronischen Datenbank, die Beschreibung und die Erschließung, unter anderem mit Hilfe von Dokumentationsmitteln wie dem Eingangsbuch.

Manche Objekte sind sehr klein, wie die Ring- und Broscheneinlagen, die ich außerdem inventarisiert habe. Eine Lupe war nötig, um die Miniaturmalereien genau beschreiben und die einzelnen winzigen Materialien wie Staubperlen, Golddraht oder Perlmutt und Elfenbein bestimmen zu können.

Ebenso wichtig ist die fachgerechte Erhaltung und Bewahrung, wie zum Schutz der  Objekte die passende Verpackung zu finden, oder mit einer sehr feinen Feder und Tusche die Inventar-Nummer auf dem Objekt aufzutragen.

Auch wenn ich mich hinter den Kulissen wohl fühl, bin ich neugierig Kenntnisse zu gewinnen, wie Objekte der Öffentlichkeit zugänglich zu machen sind und wie die Vermittlung entwickelt wird. So freue ich mich sehr darauf, Andrea Rechenberg bei den Vorbereitungen einer Sonderausstellung unterstützen zu dürfen und somit wertvolle Erfahrungen in der Ausstellungskonzeption und im Projektmanagement zu erlangen.

Insgesamt stehen mir sehr aufregende zwei Jahre wissenschaftliches Volontariat am Städtischen Museum in Göttingen bevor und ich hoffe, dass Sie mich begleiten und ich Sie mit meinen Beiträgen begeistern kann.

Adina Eckart (wiss. Volontärin)

Abb. 2: Ring- und Broscheneinlagen, Konvolut aus der Knauerschen Goldschmiedewerkstatt, 18./ 19. Jahrhundert;  Abb. 3: Detail aus Abb. 2: Ringeinlage, Hochrechteck, oktogonal, aus grünem transluzidem Glas; Miniatur, Urne (Perlmutt) auf rechteckigem Postament (mit stark rötlich goldfarbenen Sockel), in Schreibschrift die Inschrift: „Amitié“ auf Perlmutt; Urnenpostament von vegitabile Ranke aus Golddraht umspielt, alles mit Staubperlen verziert; an einigen Stellen fehlen Perlen; 18./ 19. Jahrhundert; Abb. 4: Ketten und Kreuzanhänger, Eisenguss, gegossen in der Eisengießerei zu Rübeland im Harz; aus dem Erhardtschen Nachlass, um 1902

26. Juli 2019

Time to say goodbye…

Es ist Zeit, Abschied zu nehmen. Meinen Posten als wissenschaftliche Volontärin habe ich bereits im Mai verlassen. Nun verabschiede ich mich vom Städtischen Museum und übergebe die Betreuung des Blogs an meine Nachfolgerin, die sich in der nächsten Woche hier vorstellen wird.

Ich hoffe, dass Sie in den vergangenen zwei Jahren genauso viel Spaß beim Lesen hatten, wie ich beim Schreiben. Viele Blogbeiträge sind ganz spontan bei der täglichen Arbeit im Museum entstanden. Denn, gerade als Volontärin, kommt man mit den unterschiedlichsten Dingen in Berührung – und das oft im „fliegenden Wechsel“. Einige Sammlungsbereiche im Städtischen Museum waren auch für mich als Kunsthistorikerin Neuland. Denn Dinge wie Öllampen, Gehstöcke oder Nähutensilien standen im Studium nicht unbedingt auf der Tagesordnung. Die Beschäftigung mit solchen Alltagsgegenständen war daher für mich besonders interessant. Ebenso wie die Inventarisierung von Dingen, deren Funktion nicht sofort ersichtlich war, für die erst einmal die richtige Bezeichnung gefunden werden musste. So entpuppte sich ein vermeintlicher Fingerring als Teil eines sogenannten „Geldstrumpfs“, der golden gefasste „Weihnachtsbaumschmuck“ als Fadenwickel, eine vermeintliche Reitpeitsche als Fahrradgerte oder ein grobes eisernes Metallwerkzeug als Zuckerzange. Die Recherche zu den Objekten in den Dokumentationssystemen und der Bibliothek des Museums mündete oft in erstaunlichen Erkenntnissen, die ich gern hier im Blog mit Ihnen geteilt habe.

Der Museumsblog ist seit seiner Einrichtung vor 5 Jahren zu einer Art digitaler Ausstellungsfläche geworden. Hier haben wir die Möglichkeit, die vielen Objekte zu zeigen, die aufgrund der stockenden Sanierung des Museums und des Platzmangels, der sich daraus ergibt, zurzeit im Depot bleiben müssen. In diesem Sinne wird die neue Volontärin des Städtischen Museums Adina Eckart den Blog in den nächsten zwei Jahren fortführen – bestimmt auch weiterhin mit vielen spannenden Beiträgen aus den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen des Museums.

Ich blicke auf eine großartige Zeit im Städtischen Museum zurück und bedanke mich bei allen fleißigen Lesern und den vielen Kolleginnen und Kollegen, die den Blog in den vergangenen zwei Jahren mit eigenen Beiträgen unterstützt haben und gebe den metaphorischen Staffelstab weiter an die nächste Generation….

(Izabela Mihaljevic, ehemalige Mitarbeiterin)

19. Juli 2019

Nicht nur Blumen und Schmetterlinge…

Neue Werke von Elsa Hoppe in der grafischen Sammlung

Farbenfroh und abwechslungsreich. Das sind die neun Werke der Göttinger Künstlerin Elsa Hoppe (1902 in Kassel geboren, 1991 in Göttingen gestorben), die wir dank einer Schenkung in unseren Sammlungsbestand haben aufnehmen können.

Es sind acht Aquarelle und ein Linolschnitt. Alle Werke weisen die für die Künstlerin charakteristische Art der künstlerischen Formgebung durch eine lebhafte Linienführung auf. Elsa Hoppe nutzt bevorzugt die Linie, um den Flächen eine feste Umrandung zu geben. Die Aquarellfarben setzt die Göttinger Künstlerin oftmals ungewöhnlich deckend ein. Dadurch erscheinen ihre Werke äußerst kraftvoll, und durch die Verwendung von Aquarellpapier wird diese Wirkung nochmals unterstützt.

Bei der Inventarisierung der Werke wird deutlich, dass die Grafiken einem kompositorischen Bildaufbau folgen. Es werden klare Linien gesetzt, durch Perspektive der Blick des Betrachters gelenkt und die Bildaufteilung harmonisch gestaltet.

Die Motive sind vielfältig: Tulpen in kräftigen Rottönen, ein Blick in einen Wald, der in einem satten Grün gehalten ist oder die Ansicht einer Häusergruppe vor einem Bergmassiv. Zudem sind zwei Stillleben Teil der Schenkung: zwei Obstschalen auf einem Tisch und ein Arrangement aus Krügen, einer Karaffe, einem Teller und einer Tasse. Ebenso sind maritime Szenen vertreten: Zum einen das Wattenmeer und zum anderen im Hafen liegende Schiffe. Eine Tierdarstellung ist auch dabei: drei umherflatternde Schmetterlinge, die, wie unter einer Lupe vergrößert, in dem Aquarell festgehalten wurden. Es scheint, als wären sie während der Bewegung aufgenommen, wie in einer Momentaufnahme.

Die Künstlerin erzielt mit gekonnten Pinselstrichen unterschiedliche Effekte. Mal erzeugt sie Plastizität, wie bei den beiden Obstschalen, ein anderes Mal führt die starke Konturierung dazu, dass Formen deutlich erkennbar werden, wie bei den Krügen. Die Motive einiger Werke sind auch mit wenigen Konturierungen erkennbar, wie bei den Bergdorfansichten. Die Häuser und die Landschaft sind als großzügige Flächen auf das Papier gebracht worden.

In unserer grafischen Sammlung sind zahlreiche Arbeiten von Elsa Hoppe vorhanden. Dass wir nun durch weitere farbenfrohen Werke unseren Bestand ergänzen können, ist wunderbar.

(Simone Hübner, Kuratorin)

Abb. 1: „Tulpen“, Aquarell, undatiert; Abb. 2: „Bergdorf“, Aquarell, undatiert; Abb. 3: Stillleben, Aquarell, undatiert; Abb. 4: „Schiffe“, Aquarell, undatiert; Abb. 5: „Schmetterlinge“, Linolschnitt, undatiert

 

12. Juli 2019

Die Welt im Nähkästchen

Es ist wieder Urlaubszeit und für viele somit Reisezeit. Wenn es anschließend wieder zurück in die Heimat geht, nimmt so mancher gern zur Erinnerung etwas aus dem Urlaubsort mit nach Hause: ein Souvenir. Das Konzept des Souvenirs ist aber keine Erfindung der Gegenwart. Auch schon im 19. Jahrhundert war es möglich am Reiseziel ein Souvenir zu erwerben. Denn das war die Zeit, in der es für das wohlhabende Bürgertum erschwinglich wurde, sogenannte Grand Tours, Bildungsreisen durch Europa und sogar bis ins Heilige Land zu unternehmen.

In Kreativität stehen die damaligen Souvenirs den heutigen in nichts nach und sie begegnen uns in fast allen Sammlungsbereichen des Museums – auch im Nähkästchen. Dort sind sie als solche oft nicht gleich zu erkennen, aber schaut man einmal genauer hin, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. So erging es neulich unserer ehrenamtlichen Mitarbeiterin Ulla Kayser. Im Zuge der Inventariserung einiger Nähutensilien entdeckte sie zwei besonders interessante Objekte aus Elfenbein: einen Vorstecher, der als Nadelbüchse fungierte und eine kleine Eichel, in der sich ein Maßband versteckte. Die fein ornamentierten Schätze haben beide am oberen Ende eine ganz unscheinbare kleine Linse. Doch wer den Blick hinein wagt, dem zeigt sich ein unerwartet detailreiches Bild. Durch die Linse des Vorstechers wird das Herrmanns-Denkmal sichtbar, und durch die der kleinen Eichel ein Bild der Wartburg. Leider sind die Linsen so winzig, dass wir die Bilder hier nicht zeigen können. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Stanhope-Linse – ein kleiner Glasstab mit einem, dem Auge zugewandten, konvexen Ende, das mit geringer Brennweite als starkes Vergrößerungsglas für das am anderen Ende aufgebrachte schwarzweiße, transparente Miniaturbild dient, das im Durchmesser nicht größer als 0,8 mm ist.

Ob die Besitzerin diese Andenken selbst von einer Reise mitgebracht hat oder es ein Geschenk war, wissen wir nicht. Sicherlich waren es aber gern genutzte Gegenstände, die die Hausarbeit durch schöne Erinnerungen versüßten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Links: Vorstecher (Nadelbüchse), Elfenbein, oben Stanhope-Linse mit Darstellung des Herrmanns-Denkmals, nach 1875; rechts: Maßbandbehälter, Elfenbein, im Griff Stanhope-Linse mit Darstellung der Wartburg, um 1840

(Izabela Mihaljevic, Kuratorin)

 

05. Juli 2019

„….mit meinem guten Namen“

Der Gebrauch der Schrift gilt gemeinhin als Kennzeichen menschlicher Hochkulturen. Die Kulturtechnik des Schreibens trennt die eigentliche Geschichte der Menschheit von der schriftlosen Vor- und Frühgeschichte. So wichtig und hochgeschätzt die Kunst des Schreibens auch ist, so lästig kann diese Tätigkeit werden – vor allem wenn es um sich ständig wiederholende oder gleichförmige Texte geht.

Schon früh hat der Mensch in seinem unbezähmbaren Drang nach Bequemlichkeit daher versucht, sich bei dieser ungeliebten Arbeit Erleichterung zu verschaffen. Bereits die alten Ägypter kannten die Technik des „Rubrizierens“, also der Ordnung von Texten in Listenform. Bei der Herstellung mittelalterlicher Handschriften erreichte diese Kunst einen Höhepunkt.

Auch das Formular, von Reinhard Mey in seinem Chanson „Ein Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars“ melancholisch besungen und vielfach bespöttelt oder verflucht, ist eine geniale Hilfe bei der Bewältigung gleichförmiger Texte. Durch die Vorgabe bestimmter Formulierungen und die Abfrage einzelner Punkte wird die Bearbeitung gleichförmiger Vorgänge enorm erleichtert und vor allem die Fehleranfälligkeit verringert.

Die Unterschrift mit dem eigenen Namen ist innerhalb der Schriftkultur eine der wichtigsten Formen der Beglaubigung – man bestätigt eben etwas „mit seinem guten Namen“. Aber auch hier sucht der Mensch die Bequemlichkeit, indem er z. B. den vollen Namen zur Paraphe, zum Namenskürzel, reduziert. Aber manchen Menschen, die wichtig sind und daher viel unterschreiben bzw. paraphieren müssen, war selbst das noch zu wenig. So kam es im 18. Jahrhundert zur Erfindung des Paraphenstempels, in den das Namenskürzel eingeprägt war.

Der Göttinger Oberbürgermeister Georg Merkel war solch ein vielbeschäftigter Entscheider. In seiner Amtszeit von 1870 bis 1893 modernisierte er Göttingen von Grund auf und führte die Stadt an die Schwelle des 20. Jahrhunderts. In der Sammlung des Städtischen Museums wird Merkels Paraphenstempel verwahrt (s. Abb. oben), der ihm bei seinen zahllosen Amtsgeschäften sicher gute Dienste geleistet hat.

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

14. Juni 2019

Kirsche, Erdbeere, Vogel und Hund

Ein Bild und seine versteckten Botschaften

Das 1732 datiert Bild zeigt ein etwa fünf Jahre altes Mädchen. Es steht im Zentrum des Bildes auf einem schwarz-weiß gekachelten Boden. In der rechten Hand hält es Kirschen und auf der linken Hand sitzt ein kleiner Vogel – genauer gesagt ein Bluthänfling. Diese Tiere waren damals wegen ihres Gesangs sehr beliebte Volierenvögel. Darüber hinaus symbolisiert der Bluthänfling auf Kinderbildern die Seele oder den Geist des Kindes. Ein weiteres Tier ist auf dem Bild zu sehen, ein kleiner schwarz-weißer Hund, ein Phalène. Diese Hunderasse war besonders verspielt und freundlich und ebenfalls als Haustier beliebt. Seit dem 13. Jahrhundert wird dieser Hund in Verbindung mit adeligen Personen auf Portraits abgebildet. Auf einem Tisch neben dem Mädchen ist eine Fruchtschale mit Kirschen, Stachelbeeren, Erdbeeren und Johannisbeeren zu entdecken.

Diese Beigaben, auch Attribute genannt, sind nicht zur Dekoration auf dem Bild. Sie sind wegen ihrer Bedeutung, ihrer Symbolik ausgesucht worden. Früher war diese Bedeutung allen bekannt, so dass die BetrachterInnen des Bildes diese Bildsprache lesen und verstehen konnten. Blumen, hier an der Kopfbedeckung des Kindes, galten als Symbole der Liebe im Allgemeinen. Früchte hingegen waren gemeinhin ein Symbol der Fruchtbarkeit. Kirschen galten als paradiesische Frucht, aber auch als Symbol der Tugend. Hunde dagegen waren ein Symbol der Erziehung, aber auch der Treue.

So ist dieses Bild vielleicht als sogenanntes Brautbild entstanden. Um Adelshäuser miteinander zu verbinden, wurden früher nicht selten Kinder schon in jungen Jahren einander versprochen. Eine andere Deutung ist aber auch möglich: Vielleicht ist dies das Bildnis eines frühverstorbenen Kindes und der kleine Vogel verkörpert die Seele des Mädchens?

Leider haben wir bislang keine weiteren Angabe zu dem Portrait in den Unterlagen des Museums finden können. Wir wissen nicht, wann und wie es ins Haus gekommen ist, oder wer es dem Museum überlassen hat. Zwar zeigt das Bild eine Signatur, sie konnte aber bisher nicht entziffert werden. Auch eine Untersuchung mit Infrarotstrahlen hat keine weiteren Erkenntnisse gebracht.    Dieses älteste Ölgemälde eines Kindes im Bestand des Museums konnte diese Woche nach fünfmonatiger Restaurierung der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Möglich wurde die dringend notwendige Restaurierung an dem zuvor stark geschädigten Bild durch die Unterstützung der Fielmann AG. Dankenswerterweise hat Herr Jürgen Ostwald, Fielmann AG, selbst Kunsthistoriker und Kenner des Barock, die Restaurierung dieses Bildes initiiert. Gemeinsam mit seiner Kollegin Melina Kliebisch, Fielmann Göttingen, und der Diplomrestauratorin Viola Bothmann, die dieses Bild fachkundig und aufwendig restauriert hat, konnte er es nun dem Museum wieder übergeben. Da wir es aufgrund der stockenden Sanierung zur Zeit nicht ausstellen können, zeigen wir es hier, im Blog, unserer digitalen Ausstellungsfläche.

v. l. Melina Kriebisch (Fielmann AG), Jürgen Ostwald (Fielmann AG), Viola Bothmann (Restauratorin), Ernst Böhme (Museumsleiter), Andrea Rechenberg (Kuratorin)

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

07. Juni 2019

Gold gäb ich für Eisen… oder wie war das nochmal?

Die Magie eines „unedlen“ Metalls

Ich habe mal wieder in meine Lieblings Wundertüte geschaut – unseren Schmuckschrank. Diesmal fiel mir ein Karton mit filigranen und doch recht schweren Schmuckstücken ins Auge – allesamt schwarz. Um welches Metall es sich hier wohl handelt? Silber ist es nicht, Gold oder Platin sowieso nicht. Es ist Eisen! Doch wann trug man Schmuck aus Eisen?

Tatsächlich war Eisenschmuck bereits in der Antike beliebt. Während der Römischen Kaiserzeit (27 v. Chr. bis 284 n. Chr.) wurden dem Metall, das oft zu Ringen verarbeitet wurde,  magische Kräfte nachgesagt. Es sollte der Trägerin oder dem Träger in allen Zufällen des Lebens „kaltes Blut“ bewahren.

Ein regelrechtes „Revival“ erlebte der Eisenschmuck Anfang des 19. Jahrhunderts. Aus dieser Zeit stammt der Schmuck in unserer Sammlung. Zunächst vermutlich in England als günstiges Ersatzmaterial verwendet, wurde Eisen bald europaweit zum „Trendmaterial“ in der Schmuckherstellung. Die bekannteste Eisengießerei des 19. Jahrhunderts ist die Königlich Preußische Eisengießerei, weshalb der dort hergestellte Eisenschmuck auch oft als Berliner Eisen bezeichnet wird. Bei der Herstellung wird entweder flüssiges Eisen in Formen gegossen oder dünne Eisendräte werden in die gewünschte Form gebogen. So entstehen klare filigrane Konturen die in Verbindung mit der zurückhaltenden Farbe vor allem dem Geschmack des Bürgertums entsprachen, zu dessen wichtigsten Tugenden Bescheidenheit zählte – frei nach dem Motto „weniger ist mehr“. Stilistisch wurde neben Rückgriffen auf die antike Formensprache (Antike: ca. 800 v. Chr. – ca. 600 n. Chr.), auch aus dem gotischen Formenrepertoire geschöpft (Gotik: ca. 1150-1500). Oft wurden die Schmuckstücke mit mythologischen Figuren oder Bildnismedaillons berühmter Persönlichkeiten versehen. Das Portrait einer Person ist auf Schmuckstücken aus dem frühen 19. Jahrhunderts besonders häufig zu finden: das der 1810 verstorbenen preußischen Königin Luise (Vgl. Abb. 4). Während der Befreiungskriege (1813-1815) wurde Schmuck aus dem festen Material, das auch für Standhaftigkeit und Unerschütterlichkeit steht, häufig als Trauerschmuck getragen. Als die weiblichen Mitglieder des Königshauses – allen voran Prinzessin Marianne von Preußen – die Bevölkerung dazu aufriefen, ihren Goldschmuck als Spende zur Finanzierung des Kriegs abzugeben, erhielten die zahlreichen Spenderinnen Broschen oder Ringe aus Eisen, mit der Inschrift „Gold gab ich für Eisen“(Das im Übrigen wurde auch im 1. Weltkrieg praktiziert. Doch das ist eine andere Geschichte).

Nach Ende der Befreiungskriege geriet Eisenschmuck nicht aus der Mode. In dieser Zeit der wiedererwachenden Frömmigkeit waren besonders Kreuzanhänger aus Eisen weiterhin sehr beliebt. Diese wurden als Symbol des Glaubens noch bis Mitte des Jahrhunderts oft an einer langen Kette um den Hals getragen.

Die im Städtischen Museum bewahrten Schmuckstücke wurden größtenteils zwischen 1815 und 1840 in der unweit entfernten Eisengießerei zu Rübeland im Harz hergestellt. Neben Halsketten, Anhängern und Broschen, sind hier auch Ohrringe, Hutschnallen und Strickhaken aus Eisen zu finden, an denen die vielfältigen Möglichkeiten dieses unterschätzten „unedlen“ Metalls deutlich werden. Als Fazit kann festgehalten werden, dass Eisenschmuck keineswegs „unedel“ ist. Und einmal mehr zeigt sich: auch in den kleinsten und vermeintlich banalsten Dingen im Museum steckt oft eine Menge Geschichte, die es sich zu entdecken lohnt.

 

Abb. 1: Brosche, Eisenguss, 1820-1830; Abb. 2: Ohrhänger mit gusseisernen Rosenranken auf polierten Stahlplättchen, um 1815;  Abb. 3: Halskette, Eisengießerei zu Rübeland, um 1815; Abb. 4: Detail zu Abb.3: Anhänger mit Bildnismedaillon der Königin Luise, Eisenguss auf poliertem Stahl, Golddraht

(Izabela Mihaljevic, Kuratorin)

 

 

10. Mai 2019

Flasche oder Fläschchen ?

Das ist hier die Frage…,denn bei der Inventarisierung im Museum sollen Verkleinerungsformen wie „Fläschchen“ als Objektbezeichnungen möglichst vermieden werden. Dennoch entschieden wir uns fürs Fläschchen, im besonderen Fall das Riechfläschchen, da es sich hier um eine feststehende Objektbezeichnung handelt.

In der Literatur ist es an prominenter Stelle zu finden – beispielsweise in Goethes Faust. So ruft Gretchen in der Szene vor dem Dom „Nachbarin! Euer Fläschchen!“ (Regieanweisung: fällt in Ohnmacht). Das mit Riechsalz gefüllte Zierfläschchen, im Pompadour oder in der Gewandtasche der Dame diskret verwahrt, sollte stets schnell zur Hand sein, um Abhilfe zu schaffen. Gretchen zu jung und, wie wir wissen, zu unerfahren, bittet die ehrbare Nachbarin darum.

In meiner Schulausgabe des „Faust“, dem sog. Trunz, als Pflichtlektüre 1960 am Gymnasium für Mädchen (heute Hainberg- Gymnasium), steht zur besagten Zeile (3834) folgender Kommentar:„Jahrhunderte haben nicht nur psychische, sondern auch physische Eigenheiten; zu denen des 18. Jahrhunderts gehören die häufigen Ohnmachten. Man trug als Gegenmittel Riechfläschchen bei sich. Gretchens Ruf sagt nur: „ich werde ohnmächtig“ und bedient sich dabei einer Wendung, die damals häufig vorkam….“

Verschwiegen wird hier schamhaft der eigentliche Grund für diese häufigen Ohnmachten im 18. Jahrhundert: Die durch die Mode vorgeschrieben engen Korsetts und Schnürungen ließen den Frauen buchstäblich keine Luft zum Atmen mehr!

Die hübschen Flacons waren mit stark riechenden Substanzen, sogenannten Riechsalzen, gefüllt und wurden zur Belebung bei Schwindel und Ohnmachtsanfällen unter die Nase gehalten.

Wenn wir den Gebrauch unterschiedlicher Fläschchen bis in unsere Zeit verfolgen, können wir feststellen, dass in fast jeder Epoche „Mittelchen“ für mehr oder weniger starke Unpässlichkeiten und Zustände zur Verfügung standen: Da wären zunächst die sehr verbreiteten HOFFMANNS TROPFEN (Ätherweingeist / oder Spiritus aethereus) als Stimulans des Zentralnervensystems, den Kreislauf anregend – schon Mitte des 19. Jahrhundert sehr in Mode; die starkwirksamen, rezeptpflichtigen OPIUMTROPFEN  (u.a. gegen Reisediarrhöe),  die DREIERLEI TROPFEN (Baldriantinktur, Pfefferminzöl und Spiritus)  als Magenmittel bei Völlegefühl etc. in den beginnenden Wirtschaftswunderzeiten, und später die RESCUE TROPFEN der Bachblütentherapie bei Erregung und Panik aus der alternativen Pflanzenheilkunde. Das alles waren besondere Flüssigkeiten, hergestellt in den Apotheken und dort lose abgefüllt in Tropffläschchen, bis sie von Fertigarzneimitteln verdrängt und ersetzt wurden.

Fast zwei Jahrhunderte hindurch hielten (meist) Frauen diese Art Fläschchen, abgefüllt in der Apotheke, neben dem Parfümflacon in ihren Handtaschen für den „Notfall“ bereit, ganz dem besseren Wohlbefinden, dem Zeitgeist und Lebensgefühl entsprechend.

 

Abb.1: Riechfläschchen, Kristallglas und Metall, 18./19. Jh.; Abb.2: Das Riechfläschchen in Aktion: Marguerite Gérard, “Schlechte Nachrichten“, 1804, Louvre, Paris (Bildnachweis: Pascal3012); Abb. 3: Riechfläschchen, Elfenbein und Silber, verm.18. Jh.; Abb.4: Riechfläschchen, Milchglas und Messing, 18./19. Jh.

 

(Ulla Kayser, ehrenamtliche Mitarbeiterin)

 

 

26. April 2019

Don Quijote de la Mancha

In meinem abwechslungsreichen und lehrreichen Praktikum begegnete ich allerlei kulturellen Schätzen. Ich war gerade dabei, für die Ausstellung zur Provenienzforschung Unter Verdacht im September 2019 einige Zuarbeit zu leisten, als ich auf ein eindrucksvolles Gemälde stieß. Unter dem Titel „Don Quichotte“ ist der ehrenwerte Ritter des Malers Hermann Hirsch in der Lost Art-Datenbank zu finden. Hermann Hirsch war ein jüdischer Maler, welcher sich 1934 unter dem NS-Regime das Leben nahm. Da seine Familie bereits aus Deutschland verdrängt wurde, ersteigerte die Stadt seinen verbliebenen Besitz 1941. Da der Verbleib des Besitzes Hermann Hirschs ein Thema der Ausstellung sein wird, möchte ich auf Don Quijote zu sprechen kommen.

El ingenioso higaldo Don Quixote de la Mancha von Miguel de Cervantes, zu Deutsch Der geniale Junker Don Quijote von der Mancha, ist eine Parodie auf Ritterromane des 17. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit waren Ritterromane, die überschwängliche und immer absurder werdende Fantasien als wahre Geschichten verkauften, in Spanien en vogue. Natürlich wusste jeder halbwegs gebildete Leser, dass es sich um rein fiktive Werke handelte. Der Witz des Don Quijote besteht nun darin, dass der Protagonist des Romans, ein kleiner Landadeliger aus der Mancha, diesen Ritterromanen Glauben schenkt und ihnen nacheifert. Fortan nennt er sich Don Quijote, zieht gerüstet mit rostigem Harnisch und einem Helm aus Papier durch das Land. Offensichtlich hat unser lieber Ritter einen kräftigen Dachschaden. Doch das hält ihn nicht davon ab, ja animiert ihn geradezu das längst ausgestorbene Rittertum auszuleben. Neben dem ‚Ritterschlag‘ in einer verkommenen Schenke und dem ritterlichen Hofieren von Prostituierten, zählt der tapfere Kampf gegen Windmühlen zu den witzigsten Geschichten in Don Quijote. Im Vorwort, ein spottender Text über Anleihen von lateinischen Ausdrücken bei zeitgenössischen Autoren – ein Bericht über silberne Zungen und verbrannte Gehirne – gibt Miguel de Cervantes sein Übriges. Durch die Kombination von fiktiven Rittergeschichten und realistischen Handlungsabläufen gelang de Cervantes ein höchst amüsanter Roman von historischem Wert. Mit Don Quijote schuf de Cervantes den ersten modernen Roman.

Neben vielen weiteren Autoren greift Hermann Hesse 1927 in Der Steppenwolf die Ideen de Cervantes‘ auf. Der fünfzigjährige Protagonist Harry Haller fühlt sich im Umfeld der zwanziger Jahre nicht wohl. Als Liebhaber von Mozart, Goethe und den hohen Künsten fühlt er sich in der Banalität seiner Zeit gefangen. Parallel zur Kulturkritik spielt auch Reue eine wichtige Rolle. Seine Verachtung gegenüber der Gesellschaft hat verhindert, dass Haller sich ein gutes Leben aufbauen konnte. Der beruflose und heimatlose Herumtreiber trauert seinen verpassten Chancen hinterher. Hier spannen sich einige Parallelen zu Goethes Faust auf. In den Überlegungen zu diesen Selbstzweifeln ergibt sich die Frage, ob sein Lebenslauf eine reine „Don Quijoterie“ war, ein Versuch, in einer nicht existenten Welt zu leben.

Hirsch malte Don Quijote in aufrechter Pose. Seine Haltung ist voller Würde und Anmut. Die restliche Welt erblasst im Hintergrund. Nach dem Vorbild des Romans ist er sich seiner Illusion nicht bewusst. So stehen Don Quijote und Der Steppenwolf gegensätzlich und doch ähnlich zueinander. Sie bilden ein Paar wie Tragödie und Komödie.

(Max Rosemann, studentischer Praktikant)