Category Archives: Depot

22. Februar 2019

Auf Spurensuche

Neulich hatten wir Besuch von der HAWK Hildesheim. Die angehende Gemälderestauratorin Susan Müller (Dipl. Restauratorin für Wandmalerei) wollte einen Blick in unser Museumsdepot werfen. Denn sie ist auf Spurensuche. Frau Müller untersucht und restauriert während ihres Masterstudiums ein Gemälde des Göttinger Malers Georg Wilhelm Feistkorn (1811-1843) aus dem Kloster Loccum. Sie schaute sich die Werke des Künstlers in der Sammlung des Städtischen Museums an, um den Stil des Malers besser einschätzen zu können und gegebenenfalls weitere Informationen zum Künstler und zur portraitierten Person auf dem von ihr zu restaurierenden Gemälde zu ermitteln.

Die Begutachtung der Werke zu begleiten, war auch für uns sehr interessant. Denn über Georg Wilhelm Feistkorn und den Verbleib zahlreicher von ihm geschaffener Werke ist vieles noch unklar. Dabei war der jung verstorbene Künstler zu Lebzeiten überregional tätig. Seine Laufbahn beginnt mit einer Ausbildung zum Porzellanmaler bei Carl Schmidt und Philipp Petri. Bald wendet er sich jedoch der Ölmalerei zu. Er porträtiert seine Eltern und seine Geschwister und malt Genreszenen. Seit 1834 stellt er seine Gemälde auf verschiedenen Kunstausstellungen in Hannover aus. Auch Auftragsarbeiten für das gehobene Bürgertum sind belegt. Doch Feistkorn bleibt nicht in Hannover. Er ist unter anderem in Braunschweig, Hameln, Bremen, Düsseldorf und Einbeck tätig, bevor er 1841 – zwei Jahre vor seinem frühen Tod – nach St. Petersburg auswandert. Laut Anneliese Feistkorn (verst. 1996), dem letzten Mitglied der Familie, folgt er einer Hessischen Prinzessin an den Petersburger Hof. Wenn es sich bei dieser Überlieferung nicht lediglich um eine Legende handelt, könnte hier Marie von Hessen-Darmstadt (1828-1880) gemeint sein, die 1855 zur russischen Zarin wurde.

Das Städtische Museum Göttingen besitzt zahlreiche Gemälde und Skizzenbücher Feistkorns aus den Jahren 1824 bis 1842, an denen seine künstlerische Entwicklung nachvollziehbar wird.

Besonders hervorzuheben ist das wohl bereits 1935 entstandene sehr authentische Porträt seines Bruders Ernst, an dem bereits der ausdrucksvolle Stil Feistkorns zutage tritt, den er in den folgenden Jahren immer weiter verfeinert.

Im 1939 in Düsseldorf geschaffenen Gemälde „Kinder an der Kirchhofsmauer“ präsentiert sich Feistkorn mit einer sicheren, glatten Malweise und sorgfältig ausgeführten Details als gereifter Künstler mit einer deutlichen Nähe zur Düsseldorfer Schule.

Hinweise zur Entstehung des Portraits aus dem Kloster Loccum konnte leider auch das Studium der Skizzenbücher Feistkorns nicht geben. Frau Müller ist  dem Künstler beim Besuch im Museumsdepot aber ein wenig mehr auf die Spur gekommen – und wir auch. Denn solche Besuche sind immer wieder gute Anlässe, einen Sammlungsbestand aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten und ihm so – wenn auch nur schrittweise – besser kennenzulernen.

Abb.1: Die angehende Gemälderestauratorin Susan Müller bei der Begutachtung der Skizzenbücher im Grafikmagazin des Museums; Abb.2: Porträt des Bruders des Künstlers, Pastor Ernst Feistkorn, Öl auf Holz, um 1835; „Kinder an der Kichhofsmauer“, Öl auf Leinwand, 1839

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

01. Februar 2019

Migrationsgeschichte als Stadtgeschichte

Im Museum tummeln sich zahlreiche Objekte mit ungewöhnlichen Geschichten und manchmal auch sehr ungewöhnlicher Herkunft. Denn Stadtgeschichte ist schon immer untrennbar mit Migrationsgeschichte verbunden.

Die hier abgebildeten Tonkrüge gehören zu diesem besonderen Bestand. Erst einmal unscheinbar, möchte man meinen. Wie interessant können Tonwaren sein? Nun ja, wie so oft ist es die Geschichte hinter den Dingen, die die Objekte erst mit Leben füllt und zu historischen Dokumenten macht.

In diesem Fall ist es die Geschichte von Frau W., die 1943 in Donja Dubrava in Kroatien geboren wurde und 1962 nach Göttingen kam. Hier wollte die Schneiderin im Göttinger Restaurant Indonesia, zunächst nur für ein paar Monate arbeiten, um ein wenig Geld zu verdienen und verschiedene Stoffe und Näh-Zubehör kaufen zu können. Im „Indonesia“ war Frau W. nach eigener Aussage am Erfolg der legendären Bihunsuppe mitbeteiligt, und so beschloss sie, länger zu bleiben, als ursprünglich geplant. Sie verliebte sich in einen Göttinger Studenten, der sie wenig später bat, seine Frau zu werden. Damit war die Entscheidung, sich in Deutschland niederzulassen, endgültig besiegelt. Die drei Tongefäße hat Frau W. in den 1960er Jahren aus ihrem Elternhaus in Donja Dubrava mitgebracht. Der große Topf passte nicht ins Auto und musste auf dem Dachgepäckträger ihres VW-Käfer transportiert werden, wobei er als Stauraum für Kleidung diente. In diesem Topf wurde bei der Hochzeit der Eltern von Frau W. 1926 Sauerkraut und Eisbein gekocht– ein traditionelles Hochzeitsessen in dieser Region, das üblicherweise in einem solchen großen Tontopf zubereitet wurde. In der Flasche mit Tülle wurde Wasser zur Feldarbeit mitgenommen. Die dritte Flasche diente zur Lagerung von Flüssigkeiten. Frau W.‘s Vater erzählte, dass sein älterer Bruder die Gefäße in Handarbeit hergestellt habe.

Eine tolle Geschichte, die es wert ist bewahrt zu werden, genauso wie die drei Tongefäße, die für den Aufbruch in eine neue Heimat stehen, ohne die Erinnerung an das Leben in der alten Heimat zu vergessen. Denn wo wir, die wir heute hier zusammenleben, auch geboren sind, ob in Göttingen, Donja Dubrava, oder Istanbul – jeder von uns trägt ganz individuelle Erinnerungen mit sich, die sich nicht selten in Objekten manifestieren, die uns lieb und teuer sind. Diese zu bewahren, stellt eine wesentliche Aufgabe von Museen dar.

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

11. Januar 2019

Die Sterne im Blick

Neues Jahr, neuer Kalender, neues Glück! Der Jahreswechsel  ist für viele Menschen mit guten Vorsätzen und nicht zuletzt mit der Hoffnung auf neue Chancen und positive Veränderungen verbunden. Auch wenn die meisten es nicht gern zugeben, schauen viele – wenn auch nur flüchtig – in das Horoskop der Tageszeitung, um zu erfahren was die Sterne ihnen für das neue Jahr weissagen.

Die Sterne üben seit jeher und bis in die Gegenwart eine enorme Anziehung auf die Menschen aus. Über die Jahrtausende wurden zahlreiche Hilfsmittel entwickelt, um Sternkonstellationen bildlich festzuhalten. Auch wenn Astronomie, die empirische Beobachtung der Himmelsobjekte, und Astrologie, die Deutung von Gestirnkonstellationen als Vorboten für irdische Ereignisse, bis ins 17. Jahrhundert mehr oder weniger untrennbar miteinander verbunden waren, hatte das oft ganz pragmatische Gründe. Denn anhand bestimmter Sternkonstellationen wurde zum Beispiel der Zeitpunkt der Aussaat und Ernte bestimmt und neben anderen Naturphänomenen war der Sternenhimmel der wichtigste Anhaltspunkt für die Entwicklung von Kalendersystemen, wie wir sie heute kennen.

Im Depot des Städtischen Museums sind die beeindruckenden Himmelsgloben kaum zu übersehen. Besonders eines der Objekte zieht jeden Betrachter sofort in seinen Bann. Auf den ersten Blick erinnert die golden glänzende Messingkugel aus der Zeit um 1700 an einen Erdglobus. Bei genauerem Hinsehen kommen aber statt Kontinenten fein eingravierte Sternbilder zum Vorschein. Die Kugel wird von einem Messingring umfangen, auf dem der Gregorianische und der Julianische Kalender umlaufend ihre Bahnen ziehen. Mithilfe eines solchen Himmelsglobus können wiederkehrende Gestirnbewegungen an bestimmten Kalendertagen genau abgelesen werden und umgekehrt. Dabei muss sich der Betrachter jedoch in die Kugel hineinversetzen, da die Sterne spiegelbildlich dargestellt sind. Himmelsgloben wurden bereits seit der Antike gefertigt und gehörten im Zeitalter der Aufklärung zur Standardausstattung von Universitäts- und Residenzbibliotheken.

In der Aufklärung verlor die Astrologie stark an Glaubwürdigkeit – die Disziplinen Astronomie und  Astrologie gingen getrennte Wege. Erst um 1900 wurde die Astrologie im Zuge esoterischer Bewegungen wieder wichtiger und blieb bis heute ein fester Bestandteil der Populärkultur. Auch wenn sich die Geister bei der Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Sterndeutung in Form von Horoskopen scheiden – dem Anblick des Sternenhimmels, dem Fenster aus unserer Welt hinaus in das unberechenbare, geheimnisvolle Universum haftet bis heute etwas mystisches an. Also – mögen die Sterne Ihnen wohl gesonnen sein! Schaden kann es ja nicht.

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

23. November 2018

Unter dem Schleier der Jahrhunderte

Seit einigen Wochen freuen wir uns immer doppelt auf den wöchentlichen Besuch im Außendepot. Denn hier geschehen zurzeit kleine Wunder.

Dipl. Restauratorin Viola Bothmann lüftet Zentimeter für Zentimeter das Geheimnis des unbekannten Mädchens

Dank der freundlichen Unterstützung der Fielmann AG dürfen wir das älteste Kinderporträt unserer Sammlung nun bald mit neuen Augen betrachten. Die junge Dame aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die ihrer Kleidung und Attribute nach zu urteilen aus adeligem Hause stammt, bewohnt unser Depot schon lange. Bisher hat sie uns jedoch kaum etwas über sich verraten, da auf dem Ölgemälde keine Inventarnummer angebracht ist und damit kein Hinweis auf den Künstler, die dargestellte Person oder die Herkunft des Objekts vorhanden war. Außerdem hat sich mit den Jahrhunderten durch chemische Veränderungen der obersten Malschicht, dem Firnis, ein dunkler Schleier auf das Gemälde gelegt. Dadurch war bis auf das Mädchen im Vordergrund und ihre beiden Spielgefährten, einen Hund und einen Vogel, kaum etwas auf dem Bild erkennbar und die Farben waren stark verfälscht.

Gute Aussichten – zur Hälfte vom Firnis befreit!

Das ändert sich nun nach und nach.  Durch die Restaurierung wird unter anderem die einstige Farbgebung, soweit wie möglich, rekonstruiert und vorher nicht sichtbare Details kommen zum Vorschein. Das erfordert viel Zeit. In aufwändiger Kleinstarbeit deckt Dipl. Restauratorin Viola Bothmann immer größere Teile des Bildes auf, sodass wir den Antworten auf unsere Fragen Schritt für Schritt näher kommen.

Etwa die Hälfte des Bildes ist bereits vom Firnis befreit und auf einer Verstrebung des Tisches ist nun eine kryptische Künstlersignatur zu sehen. Hier werden weitere Recherchen nötig sein. Die Spitze am Kleid des Mädchens erleuchtet in strahlendem Weiß, zarte Pfirsichhaut schält sich aus dem dunklen Gelb und welche Vielfalt an Früchten nun links im Obstkorb erkennbar ist! Besonders gespannt sind wir aber auf den Bildhintergrund. Links ist bereits ein feierlich drapierter Vorhang erkennbar. Doch was wohl in der noch sehr dunklen Landschaft  im rechten Bildfeld zum Vorschein kommt? Und ob diese Rückschlüsse auf die Herkunft des Gemäldes, bzw. des dargestellten Mädchens zulässt?

Es bleibt spannend!

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

 

02. November 2018

Von Fadensternen, Nadelkissen und anderen Kostbarkeiten

Letzte Woche durften Sie rätseln – nun kommt die Auflösung! Bei den Objekten auf dem Bild von letzter Woche handelt es sich weder um Puzzleteile noch um Weihnachtsbaumschmuck. Es sind Fadenwickel, genauer sogenannte Zwirn- oder Seidenfadensterne. Im 19. Jahrhundert wurden sie zum Aufwickeln von Stickgarn verwendet, das in Strängen gekauft wurde. Auch heute noch wird das feine Zwirn- oder Seidengarn zum Teil so gehandelt, jedoch sind die Fadensterne längst nicht mehr so dekorativ gestaltet. Die Fadensterne sind alle unterschiedlich gestaltet. Sie bestehen aus Pappe oder Holz und sind mit farbigem, manchmal auch gemustertem Papier oder Golddruck beklebt. Botschaften wie zum Beispiel „zum Andenken“, „Erinnerung“ oder „Souvenir“ –  oft in Kombination mit unterschiedlichen Miniaturbildern – lassen darauf schließen, dass sie als Andenken von einer Reise mitgebracht wurden oder als Erinnerung an eine nahestehende Person dienten.

In der Sammlung des Museums befinden sich zahlreiche Nähutensilien des 19. Jahrhunderts. Den oft in Handarbeit hergestellten oder verzierten Objekten wohnt ein ganz eigener Zauber inne. Sie sind nicht nur einfach schön anzusehen, sie erzählen auch unzählige Geschichten aus dem Leben ihrer Besitzerinnen in einer längst vergangenen Zeit und lassen uns ganz und gar in ihren persönlichen Alltag eintauchen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fadensterne, um 1840: links: Holz, bedrucktes Papier; rechts: Pappe mit Golddruckornamentik, in der Mitte Märzenbecherblüte, rückseitig Schriftzug „Zum Andenken“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nadelbuch, 1840/50, Deckblätter aus silberfarbenem Lochkarton in Form einer Muschel gestaltet, mit grünem Seidengarn in Grätenstich bestickt, am unteren Ende 2 Weinblätter aus dünnem Goldblech gepresst, mit Seidensatin gefüttert

 

 

   

 

 

 

 

 

 

Nadelkissen, Anfang des 19. Jahrhunderts, Seide mit Seidenstickerei, Rand mit Klöppelspitze, in einem Vergissmeinnichtkranz Initialen „LB“, vermutlich Initialen der Besitzerin oder einer ihr nahestehenden Person

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

 

 

 

 

 

05. Oktober 2018

Depotentdeckungen

Das Otfried-Müller-Haus

Ein Besuch im Museumsdepot ist immer wieder spannend. Neulich entdeckte ich ein wunderschönes Holzhäuschen, das irgendwie sehr vertraut wirkte. Kein Wunder, denn es handelt sich um das Haus, in dem heute das Junge Theater (JT) und das Kulturzentrum KAZ untergebracht sind. Diese Miniaturausgabe des 1836 am Wochenmarkt errichteten Otfried-Müller-Hauses war vermutlich Teil eines sogenannten Christgartens – einer regionalen Form der Landschaftskrippe. Was es mit den Christgärten auf sich hat, ist noch kaum erforscht. Zu klären wäre vor allem, wie alt und wie verbreitet diese Tradition in Göttingen war. Abgesehen von einigen wenigen Details und der veränderten Farbgebung zeigt das Modell das Otfried-Müller-Haus im Zustand vor dem 1856/57 erfolgten Anbau eines Veranstaltungssaals durch Friedrich Doeltz.

Das Otfried-Müller-Haus ist das einzige unter Denkmalschutz stehende klassizistische Gebäude in der ansonsten vorwiegend mittelalterlich geprägten Göttinger Innenstadt. Es wurde vom Baumeister Christian Friedrich Andreas Rohns als Wohnhaus für den Altphilologen und Begründer der Klassischen Archäologie und Alten Geschichte Karl Otfried Müller (1797-1840) und seine Familie erbaut. Die Entwürfe stammen von Müller selbst. Das Haus in klassizistischer Manier mit seinen freistehenden Dorischen Säulen, auf denen zwei breite Balkone ruhen, galt damals schon als ungewöhnlich.

Nach Müllers Tod wurde das Gebäude unterschiedlich genutzt und schließlich 1903 an die Stadt verkauft. Seit 1975 wird es vom JT und dem KAZ genutzt.

Im nächsten Jahr wird das Otfried-Müller-Haus mit Unterstützung der Bundesregierung saniert und für den Kulturbetrieb erweitert werden.

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

27. April 2018

Die Geschichte hinter den Objekten

Schon seit Juli letzten Jahres erforscht das Städtische Museum in einem vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Provenienzforschungsprojekt seine Sammlungseingänge aus den Jahren 1935 bis 1939. Dabei wird geprüft, wie die einzelnen Objekte in die Sammlung gelangten und wer die möglichen Vorbesitzer waren, kurzum also die genaue Geschichte hinter dem Objekt. Diese ist wichtig, um eventuell NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut zu ermitteln, das damit nicht rechtmäßig im Museum ist.

Das Städtische Museum ist das erste kommunale, stadtgeschichtliche Museum in Niedersachsen, das Provenienzforschung betrieb. Bereits 2008 wurden erste Untersuchungen unternommen und die Eingänge nach jüdischen Einliefern durchgesehen. Damals konnte die Sammlung jedoch nicht nach Eingängen von Drittanbietern überprüft werden. Das jetzige Projekt erlaubt eine solche systematischere und vertiefende Vorgehensweise. Der Fokus liegt auf Objekten, die von Drittanbietern wie Händlern, Auktionatoren oder Trödlern, aber auch von NS-Institutionen wie Polizei- und Finanzbehörden, Wohlfahrts- und Zollämtern stammen. Unter diesen können sich Objekte verbergen, die ursprünglich jüdischen Mitbürgern gehörten. Ebenfalls werden auch Einlieferungen von Freimaurern und Studentenverbindungen untersucht, die in der NS-Zeit verboten wurden und deren Besitz liquidiert wurde.

Die wichtigsten Arbeitsinstrumente eines Provenienzforschers sind die historischen Akten und Quellen, die sich sowohl im eigenen Museums- bzw. im Stadtarchiv als auch in anderen Archiven in Deutschland und im Ausland befinden können. Die Recherche ist meist sehr detektivisch. Inventarlisten, Zugangsbücher, historische Briefe und Rechnungen müssen nach Hinweisen durchforstet werden. Jede noch so kleine Anmerkung kann für die Suche hilfreich sein und zu einem Ergebnis führen, denn die Provenienz erschließt sich meist nicht sofort, sondern ist wie ein großes Puzzle.

Die Erforschung der Geschichte hinter den Objekten liefert dabei meist nicht nur den gewünschten Provenienznachweis. Auch Objekte und Künstler werden dadurch wiederentdeckt, die eigene Sammlungsgeschichte erforscht und neue Kontexte und Zusammenhänge geschaffen. Provenienzforschung ist Teil der moralischen Verpflichtung von uns Deutschen, die Verbrechen der Nationalsozialisten in all ihren Erscheinungsformen aufzuarbeiten. Das Forschungsprojekt am Städtischen Museum ist zugleich eine große Chance für die zukünftige Museumsarbeit und ein wichtiger Beitrag zur Stadtgeschichte und der Erforschung des hiesigen Kunstmarkts.

Von interessanten Geschichten und Entdeckungen bei der Suche werden wir demnächst berichten.

Abb. 1: Seite aus dem Eingangsbuch des Städtischen Museums aus dem Jahre 1936, u.a. mit den Eingängen der Studentenverbindung Brunsviga; Abb. 2: Tasse aus der Sammlung für Saarflüchtlinge, deren Zweck und Ursprung erforscht wird.

 

(Saskia Johann, wissenschaftliche Mitarbeiterin)

20. April 2018

Depotentdeckungen:                                                                                                                 

Plastiken von Prinz Wolfgang zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg

 Im Zuge der Umlagerung von Objekten in das Außendepot entdecken wir immer wieder auch Dinge, die uns zahlreiche Fragen aufgeben. In solchen Momenten ist die Museumsarbeit besonders spannend.

So begegneten uns während einer Umräumaktion ganze 12 große Figürliche Plastiken eines Künstlers, über den in der üblichen Literatur keinerlei Informationen zu finden sind. Prinz Wolfgang zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1887-1966) schenkte die Werke aus Bronze, Terrakotta und Holz 1963 dem Museum – soweit das Eingangsbuch. Beiliegende Beschriftungen verraten, dass die Figuren zwischen 1915 und 1932 entstanden sind. Sie enthalten auch die Namen von sieben der porträtierten Personen, von denen jedoch nur eine sicher einer Person zugeordnet werden kann. Dabei handelt es sich um eine Darstellung der zweiten Ehefrau des Künstlers, Lucie Baronin von Kleydorff (1893-1952). Über die Zuweisung der übrigen 6 Porträtbüsten können im Moment nur Vermutungen angestellt werden. Die größten 5 Figuren – allesamt weibliche Akte – tragen keinen Namen.         Doch wer ist dieser geheimnisvolle Prinz? Und weshalb ist uns trotz der hohen Qualität und Vielzahl seiner Werke nichts zu seiner künstlerischen Tätigkeit oder seinem Nachlass bekannt?

Informationen aus unterschiedlichen Stadt- bzw. Gemeindearchiven ermöglichten es uns, zumindest teilweise nachzuvollziehen, an welchen Orten er lebte und welchen Beruf er ausübte. Der gebürtige Bad Berleburger ist Oberstleutnant und Rittmeister. Er stirbt 1966 in Göttingen, lebte hier jedoch erst seit 1937. Davor ist er für zwei Jahre in Eschede gemeldet. Ein Vermerk in der dortigen Einwohnermeldekartei verrät, dass er „von Reisen“ kam. Wie lange er auf Reisen war und wo, bleibt ungeklärt. Zwischen 1916 und 1920 hatte er sich mit seiner ersten Ehefrau Editha von Niesewand (1888-1962) und zwei Söhnen in Kassel niedergelassen. Eine Auskunft über seine künstlerische Tätigkeit konnte mir jedoch keine der Institutionen geben. Das könnte daran liegen, dass Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg offensichtlich nicht hauptberuflich als Künstler arbeitete. Es ist zwar denkbar, dass die Kunst ein reines Hobby für ihn war, dass er mit den Plastiken Familienmitglieder und Bekannte verewigen wollte. Es ist jedoch schwer vorstellbar, dass seine Kunst den privaten Rahmen nie verließ, zumal die Qualität der Werke vermuten lässt, dass er eine künstlerische Ausbildung genossen hatte.

Es bleibt also spannend. Sie haben einen Hinweis für uns? Dann melden Sie sich gerne bei mir!                                                                              Weitere Forschungsergebnisse, dann hier im Blog…

 

Abb. 1: Große sitzende Figur, undatiert, Bronze; Abb. 2: Lucie Baronin von Kleydorff, 1927, Bronze; Abb. 3: Der Architekt Schenck, 1927, Bronze; Abb. 4: Halbliegende Figur, 1921, Terrakotta

 

 

 

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

06. April 2018

Otto Eberlein – ein Göttinger Künstler der Spätromantik

Im 19. Jahrhundert waren in Göttingen zahlreiche Zeichner und Maler ansässig. Einige wurden im Blog bereits vorgestellt. Die Familie Eberlein gab diese Begabung offenbar seit Mitte des 18. Jahrhunderts von Generation zu Generation weiter. Meine Kollegin Saskia Johann berichtete im Oktober 2016 über Johann Christian Eberlein (1778-1814). Im Zuge der Neuinventarisierung „arisierter“ und restituierter Objekte begegneten mir nun drei Skizzenbücher eines Künstlers mit demselben Nachnamen. Der Signatur im Einband zufolge stammen diese jedoch nicht von Johann Christian Eberlein, sondern von Otto Eberlein (1827-1896), Neffe Johann Christians und Sohn Wilhelm Eberleins (1784-1845), der ebenfalls in Göttingen künstlerisch tätig war.

Otto Eberlein war, wie bereits sein Vater, zeitlebens Zeichenlehrer am Städtischen Gymnasium, war aber in seiner Freizeit auch künstlerisch tätig. Die drei Skizzenbücher von Reisen Eberleins nach Kassel, in den Harz und an unterschiedliche andere Orte in der näheren und weitere Umgebung enthalten zahlreiche teilweise kolorierte Studien. Sie dokumentieren den künstlerischen Schaffensprozess und zeigen vielfältige Architektur- und Landschaftsmotive, Flora und Fauna sowie Genreszenen aus unserer Region vor rund 150 Jahren.

In der Sammlung des Städtischen Museums Göttingen befinden sich auch großformatige Zeichnungen, Grafiken und Gemälde des spätromantischen Künstlers. Einige frühe Werke Otto Eberleins sind als Illustrationen in Büchern (z.B. Das Meerweib, in: Bodemeyer, O., Märchen. Göttingen 1851.) und dem Familienblatt Die Gartenlaube zu finden.

 

Abb.1: Stadtansicht, Skizzenbuch Kassel, 1852 ff.; Abb. 2: Vogelstudie (Waldschnepfe), Skizzenbuch III (Bremke und andere Orte), 1880 ff.; Abb. 3: Ruhende Fischerfamilie, Kupferstich, undatiert; Abb. 4: Knabe, Öl auf Leinwand, undatiert

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)