Category Archives: Depot

04. Oktober 2019

Crossover

Stadtansichten aus den Sammlungsbereichen Porzellan und Grafik

Seit einiger Zeit befasse ich mich neben der grafischen Sammlung mit den weiteren Beständen unserer Sammlung. Darunter befindet sich eine umfangreiche Anzahl von Objekten aus Porzellan. Bei der Sichtung der beiden Objektgruppen sind Übereinstimmungen in den verwendeten Sujets im 18. und 19. Jahrhundert ersichtlich geworden.

Im Porzellanmagazins befinden sich interessante Ansichten der Stadt Göttingen auf ganz unterschiedlichen Objekten: einemBierdeckel, einer Zündholzdose,einem Pfeifenkopf oder einer Tasse. Die dargestellten Bereiche in der Stadt variieren von öffentlichen Gebäuden wie dem Alten Rathaus und Straßenansichten über Ausflugslokale wie das Rohnsche Tanzlokal bis zu Gesamtansichten. Bei dieser sog. Vedutenmalerei werden Landschaften, Orten, Gebäuden, Straßen und Plätzen wirklichkeitsgetreu, topografisch und perspektivisch korrekt dargestellt. Mitunter werden sie mit einer Staffage, d.h. Personen oder Tieren, angereichert. In den Porzellanmanufakturen gab es oftmals eine große Auswahl an Kupferstichvorlagen. Zahlreiche dieser Kupferstiche finden sich wiederum auch in der grafischen Sammlung des Museums.

 

 

Eine besondere Herausforderung für den Porzellanmaler war die Übertragung der überwiegend rechteckigen Vorlagen auf die jeweilige zu bemalende Fläche des Porzellans. Die Komposition wurde oft beibehalten, aber auch mal geändert oder auch mit künstlerischer Freiheit abweichend von der Vorlage umgesetzt. Bei den Exponaten in unserer Sammlung handelt es sich um farbige Porzellanmalerei, reich verziert wie bspw. die Kartusche auf der Zündelholzschale zeigt.

Im 19. Jahrhundert wurde Porzellan preiswerter, es wurde u.a. für die Herstellung von Souvenirs eingesetzt. Dazu gehörte auch die Produktion von Sammeltassen, die als Mitbringsel oder Erinnerungstasse in der Zeit des Biedermeiers in vielen Haushalten Einzug fand.

Auf diese Art und Weise war es möglich, Kenntnisse über fremde Städte zu vermitteln. Im Gegensatz zu den vielfältigen und schnellen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts, war es im 18. und 19. Jahrhundert beschwerlich, aktuelle Informationen oder Eindrücke zu Reiseziele zu erhalten. An dieser Stelle lässt sich erneut ein Bogen zu unserer grafischen Sammlung schlagen. Dort befinden zahlreiche grafische Blätter mit Göttinger Ansichten, darunter sind auch sog. Guckkastenblätter mit Motiven aus Göttingen. Die Guckkastenblätter kamen im 18. Jahrhundert auf und waren eines der ersten Massenmedien für die Verbreitung von Informationen. Von einem mit einem Guckkasten umherziehenden Guckkästner wurden sie auf Marktplätzen gezeigt und erläutert. Die Guckkastenblätter zeigten thematisch eine ganze Bandbreite wie historischen Ereignisse, die Sieben Weltwunder, biblische Themen oder Stadtansichten. So befindet sich Guckkastenblätter verschiedene Ansichten von Göttingen bei uns in der grafischen Sammlung.

 

 

 

 

 

 

Diese Art von crossover zeigt, wie abwechslungsreich und zugleich verbunden der stadtgeschichtliche Bezug der Sammlungsbereiche ist und wie Göttinger Ansichten als Motiv bei kulturgeschichtlichen Entwicklungen aufgegriffen wurden.

 

(Simone Hübner M. A., Kuratorin)

Abbildungen

  1. Bierdeckel, Inv.Nr. 193/869
  2. Erinnerungstasse Inv.Nr. 1994/99
  3. Zündelholzdose, 1857, Inv.Nr. 1989/232
  4. Erinnerungstasse1990/273
  5. Pfeifenkopf, Inv.Nr. 1982/483
  6. Guckkastenblatt, 18. Jahrhundert, Inv.Nr. 1904/661

05. Juli 2019

„….mit meinem guten Namen“

Der Gebrauch der Schrift gilt gemeinhin als Kennzeichen menschlicher Hochkulturen. Die Kulturtechnik des Schreibens trennt die eigentliche Geschichte der Menschheit von der schriftlosen Vor- und Frühgeschichte. So wichtig und hochgeschätzt die Kunst des Schreibens auch ist, so lästig kann diese Tätigkeit werden – vor allem wenn es um sich ständig wiederholende oder gleichförmige Texte geht.

Schon früh hat der Mensch in seinem unbezähmbaren Drang nach Bequemlichkeit daher versucht, sich bei dieser ungeliebten Arbeit Erleichterung zu verschaffen. Bereits die alten Ägypter kannten die Technik des „Rubrizierens“, also der Ordnung von Texten in Listenform. Bei der Herstellung mittelalterlicher Handschriften erreichte diese Kunst einen Höhepunkt.

Auch das Formular, von Reinhard Mey in seinem Chanson „Ein Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars“ melancholisch besungen und vielfach bespöttelt oder verflucht, ist eine geniale Hilfe bei der Bewältigung gleichförmiger Texte. Durch die Vorgabe bestimmter Formulierungen und die Abfrage einzelner Punkte wird die Bearbeitung gleichförmiger Vorgänge enorm erleichtert und vor allem die Fehleranfälligkeit verringert.

Die Unterschrift mit dem eigenen Namen ist innerhalb der Schriftkultur eine der wichtigsten Formen der Beglaubigung – man bestätigt eben etwas „mit seinem guten Namen“. Aber auch hier sucht der Mensch die Bequemlichkeit, indem er z. B. den vollen Namen zur Paraphe, zum Namenskürzel, reduziert. Aber manchen Menschen, die wichtig sind und daher viel unterschreiben bzw. paraphieren müssen, war selbst das noch zu wenig. So kam es im 18. Jahrhundert zur Erfindung des Paraphenstempels, in den das Namenskürzel eingeprägt war.

Der Göttinger Oberbürgermeister Georg Merkel war solch ein vielbeschäftigter Entscheider. In seiner Amtszeit von 1870 bis 1893 modernisierte er Göttingen von Grund auf und führte die Stadt an die Schwelle des 20. Jahrhunderts. In der Sammlung des Städtischen Museums wird Merkels Paraphenstempel verwahrt (s. Abb. oben), der ihm bei seinen zahllosen Amtsgeschäften sicher gute Dienste geleistet hat.

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

14. Juni 2019

Kirsche, Erdbeere, Vogel und Hund

Ein Bild und seine versteckten Botschaften

Das 1732 datiert Bild zeigt ein etwa fünf Jahre altes Mädchen. Es steht im Zentrum des Bildes auf einem schwarz-weiß gekachelten Boden. In der rechten Hand hält es Kirschen und auf der linken Hand sitzt ein kleiner Vogel – genauer gesagt ein Bluthänfling. Diese Tiere waren damals wegen ihres Gesangs sehr beliebte Volierenvögel. Darüber hinaus symbolisiert der Bluthänfling auf Kinderbildern die Seele oder den Geist des Kindes. Ein weiteres Tier ist auf dem Bild zu sehen, ein kleiner schwarz-weißer Hund, ein Phalène. Diese Hunderasse war besonders verspielt und freundlich und ebenfalls als Haustier beliebt. Seit dem 13. Jahrhundert wird dieser Hund in Verbindung mit adeligen Personen auf Portraits abgebildet. Auf einem Tisch neben dem Mädchen ist eine Fruchtschale mit Kirschen, Stachelbeeren, Erdbeeren und Johannisbeeren zu entdecken.

Diese Beigaben, auch Attribute genannt, sind nicht zur Dekoration auf dem Bild. Sie sind wegen ihrer Bedeutung, ihrer Symbolik ausgesucht worden. Früher war diese Bedeutung allen bekannt, so dass die BetrachterInnen des Bildes diese Bildsprache lesen und verstehen konnten. Blumen, hier an der Kopfbedeckung des Kindes, galten als Symbole der Liebe im Allgemeinen. Früchte hingegen waren gemeinhin ein Symbol der Fruchtbarkeit. Kirschen galten als paradiesische Frucht, aber auch als Symbol der Tugend. Hunde dagegen waren ein Symbol der Erziehung, aber auch der Treue.

So ist dieses Bild vielleicht als sogenanntes Brautbild entstanden. Um Adelshäuser miteinander zu verbinden, wurden früher nicht selten Kinder schon in jungen Jahren einander versprochen. Eine andere Deutung ist aber auch möglich: Vielleicht ist dies das Bildnis eines frühverstorbenen Kindes und der kleine Vogel verkörpert die Seele des Mädchens?

Leider haben wir bislang keine weiteren Angabe zu dem Portrait in den Unterlagen des Museums finden können. Wir wissen nicht, wann und wie es ins Haus gekommen ist, oder wer es dem Museum überlassen hat. Zwar zeigt das Bild eine Signatur, sie konnte aber bisher nicht entziffert werden. Auch eine Untersuchung mit Infrarotstrahlen hat keine weiteren Erkenntnisse gebracht.    Dieses älteste Ölgemälde eines Kindes im Bestand des Museums konnte diese Woche nach fünfmonatiger Restaurierung der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Möglich wurde die dringend notwendige Restaurierung an dem zuvor stark geschädigten Bild durch die Unterstützung der Fielmann AG. Dankenswerterweise hat Herr Jürgen Ostwald, Fielmann AG, selbst Kunsthistoriker und Kenner des Barock, die Restaurierung dieses Bildes initiiert. Gemeinsam mit seiner Kollegin Melina Kliebisch, Fielmann Göttingen, und der Diplomrestauratorin Viola Bothmann, die dieses Bild fachkundig und aufwendig restauriert hat, konnte er es nun dem Museum wieder übergeben. Da wir es aufgrund der stockenden Sanierung zur Zeit nicht ausstellen können, zeigen wir es hier, im Blog, unserer digitalen Ausstellungsfläche.

v. l. Melina Kriebisch (Fielmann AG), Jürgen Ostwald (Fielmann AG), Viola Bothmann (Restauratorin), Ernst Böhme (Museumsleiter), Andrea Rechenberg (Kuratorin)

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

26. April 2019

Don Quijote de la Mancha

In meinem abwechslungsreichen und lehrreichen Praktikum begegnete ich allerlei kulturellen Schätzen. Ich war gerade dabei, für die Ausstellung zur Provenienzforschung Unter Verdacht im September 2019 einige Zuarbeit zu leisten, als ich auf ein eindrucksvolles Gemälde stieß. Unter dem Titel „Don Quichotte“ ist der ehrenwerte Ritter des Malers Hermann Hirsch in der Lost Art-Datenbank zu finden. Hermann Hirsch war ein jüdischer Maler, welcher sich 1934 unter dem NS-Regime das Leben nahm. Da seine Familie bereits aus Deutschland verdrängt wurde, ersteigerte die Stadt seinen verbliebenen Besitz 1941. Da der Verbleib des Besitzes Hermann Hirschs ein Thema der Ausstellung sein wird, möchte ich auf Don Quijote zu sprechen kommen.

El ingenioso higaldo Don Quixote de la Mancha von Miguel de Cervantes, zu Deutsch Der geniale Junker Don Quijote von der Mancha, ist eine Parodie auf Ritterromane des 17. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit waren Ritterromane, die überschwängliche und immer absurder werdende Fantasien als wahre Geschichten verkauften, in Spanien en vogue. Natürlich wusste jeder halbwegs gebildete Leser, dass es sich um rein fiktive Werke handelte. Der Witz des Don Quijote besteht nun darin, dass der Protagonist des Romans, ein kleiner Landadeliger aus der Mancha, diesen Ritterromanen Glauben schenkt und ihnen nacheifert. Fortan nennt er sich Don Quijote, zieht gerüstet mit rostigem Harnisch und einem Helm aus Papier durch das Land. Offensichtlich hat unser lieber Ritter einen kräftigen Dachschaden. Doch das hält ihn nicht davon ab, ja animiert ihn geradezu das längst ausgestorbene Rittertum auszuleben. Neben dem ‚Ritterschlag‘ in einer verkommenen Schenke und dem ritterlichen Hofieren von Prostituierten, zählt der tapfere Kampf gegen Windmühlen zu den witzigsten Geschichten in Don Quijote. Im Vorwort, ein spottender Text über Anleihen von lateinischen Ausdrücken bei zeitgenössischen Autoren – ein Bericht über silberne Zungen und verbrannte Gehirne – gibt Miguel de Cervantes sein Übriges. Durch die Kombination von fiktiven Rittergeschichten und realistischen Handlungsabläufen gelang de Cervantes ein höchst amüsanter Roman von historischem Wert. Mit Don Quijote schuf de Cervantes den ersten modernen Roman.

Neben vielen weiteren Autoren greift Hermann Hesse 1927 in Der Steppenwolf die Ideen de Cervantes‘ auf. Der fünfzigjährige Protagonist Harry Haller fühlt sich im Umfeld der zwanziger Jahre nicht wohl. Als Liebhaber von Mozart, Goethe und den hohen Künsten fühlt er sich in der Banalität seiner Zeit gefangen. Parallel zur Kulturkritik spielt auch Reue eine wichtige Rolle. Seine Verachtung gegenüber der Gesellschaft hat verhindert, dass Haller sich ein gutes Leben aufbauen konnte. Der beruflose und heimatlose Herumtreiber trauert seinen verpassten Chancen hinterher. Hier spannen sich einige Parallelen zu Goethes Faust auf. In den Überlegungen zu diesen Selbstzweifeln ergibt sich die Frage, ob sein Lebenslauf eine reine „Don Quijoterie“ war, ein Versuch, in einer nicht existenten Welt zu leben.

Hirsch malte Don Quijote in aufrechter Pose. Seine Haltung ist voller Würde und Anmut. Die restliche Welt erblasst im Hintergrund. Nach dem Vorbild des Romans ist er sich seiner Illusion nicht bewusst. So stehen Don Quijote und Der Steppenwolf gegensätzlich und doch ähnlich zueinander. Sie bilden ein Paar wie Tragödie und Komödie.

(Max Rosemann, studentischer Praktikant)

12. April 2019

Ein besonderes Geschenk

Letzten Freitag  hatten wir Ihnen mal wieder ein Rätsel aufgegeben. Nun lüften wir das Geheimnis.

Sie ahnten es sicher schon: bei dem Objekt handelt es sich nicht um ein Kunstwerk. Es ist jedoch umso wertvoller, da ein bekannter Göttinger Künstler wahrscheinlich täglich damit arbeitete. Dieser Künstler ist Gottfried Stein und das ist seine Mal- bzw. Mischpalette! – Sozusagen der materialisierte “magische Moment“, in dem aus der Symbiose einzelner Farbkleckse Kunst entsteht.

Gottfried Stein (1915-1999) wurde in Göttingen geboren und studierte an der Werkkunstschule Kassel und an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin. 1946 kehrte er, nach einer langen Kriegsgefangenschaft in Frankreich, nach Göttingen zurück. Hier wurde er zu einem gesuchten Porträtmaler, der bald auch über die Grenzen seiner Heimatstadt hinaus Bekanntheit erlangte.

Unter anderem porträtierte er viermal den Nobelpreisträger Otto Hahn, Prinz Louis Ferdinand von Preußen, den früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, zahlreiche Göttinger Professoren, den früheren niedersächsischen Ministerpräsident Georg Diederichs, den Schauspieler Eberhard Müller-Elmau, sowie viele weitere bedeutende Persönlichkeiten aus Göttingen und der ganzen Bundesrepublik. Erst letztes Jahr hat das Museum ein Porträt von Gina Wurm, einer Enkelin des Gründers des Göttinger Tageblatts Theodor Wurm, aus den 1950er Jahren übernommen, die Stein in Pastell gezeichnet hat. Neben Personen, malte Stein aber auch  Landschaften des Göttinger Umlandes.

Steins Stil lässt Einflüsse des deutschen Impressionismus erkennen. Eine große Bewunderung hegte er für den Berliner Porträtisten Leo von König. Sein Erfolgsrezept war aber eine ganz eigene Malweise, eine charakteristische Handschrift mit der er über Jahrzehnte hinweg jedes Motiv individuell erfasste, sozusagen „aus sich selbst heraus“. Er besaß ein breites maltechnisches Repertoire. Die Leichtigkeit, die die meisten seiner Werke ausstrahlen, kommt durch eine lockere Malweise aus spontanen groben Pinselstrichen und dickem Farbauftrag, den er oft mit einer Spachtel modellierte, zustande. Bei einer solchen Malpraxis wurde die in der letzten Woche vorgestellte Mal-, bzw. Mischpalette wahrscheinlich verwendet. Darüber hinaus schätzte Stein aber auch die Aquarell- und Temperatechnik, sowie Bleistift-, Ölkreide oder Rötelzeichnung.

Ein „allgemeingültiges Rezept“ für ein gutes Werk existiert eben nicht. Wenn man Gottfried Stein nach einem solchen fragte, antwortete er „Nicht ich male, sondern es malt“.

Abb.1: Gottfried Stein porträtiert Otto Hahn, 1966; Abb. 2: Gina Wurm, Pastell, 1950er Jahre; Abb.3: Eberhard Müller-Elmau, Öl auf Leinwand, 1985

Zitate oben: Schaefer, Kurt-Peter, Ausst. Kat. Städtisches Museum Göttingen, 1990.

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

29. März 2019

Was willst du einmal werden?

Gestern hatten wir Besuch von “Zeitreisenden“. Vier Schüler durften im Rahmen des Zukunftstags Kuratorin Andrea Rechenberg sowie Saskia Johann und Ruth Baumgarten, Mitarbeiterinnen im Provenienzforschungsprojekt „`Arisierung` und Neukonzeption“, einen Vormittag lang über die Schulter schauen.

Am Zukunftstag, auch Girls Day bzw. Boys Day, erhalten Mädchen und Jungen die Möglichkeit, in Berufe reinzuschnuppern, die häufiger vom jeweils anderen Geschlecht ausgeübt werden. So sollen geschlechterspezifische Rollenstereotype aufgebrochen und erste Erfahrungen in der Berufswelt gesammelt werden.

Unsere Besucher, darunter auch ein Austauschschüler aus den USA,  konnten gestern viele Bereiche der Museumsarbeit kennenlernen und auch Einiges selbst ausprobieren – von der Forschung über die Inventarisierung und das Ausstellen bis hin zum ordnungsgemäßen Bewahren von Objekten im Depot.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

22. März 2019

Wir sind nicht allein!

Blick in einen der Depoträume

Ein Hauptarbeitsfeld des Museums ist das Depot. Hier werden alle Objekte, die nicht in der Ausstellung zu sehen sind, gelagert. Das Außendepot des Städtischen Museums gibt es seit 2015. Alle Objekte, die ganz oder auch nur teilweise aus organischen Substanzen bestehen, sind einer Stickstoffbehandlung unterzogen worden, bevor sie dort eingelagert wurden. So konnten wir sichergehen, dass wir dort keine von Schädlingen befallenen Gegenstände verwahren.

Ständig ist darauf zu achten, dass keine Schädlinge von draußen ins Depot gelangen. So ist das Tragen von Überschuhen geboten. Fenster sind mit Schutzgittern versehen, damit beim Lüften keine Insekten eindringen können. Es ist auf penible Sauberkeit zu achten. Und trotzdem: Wir leben ja nicht allein auf diesem Planeten! So ist es wichtig, dass ständig kontrolliert wird, ob vielleicht doch Schädlinge den Weg ins Depot gefunden haben.

Vorsicht ist besser als Nachsicht: Überschuhe, Lichtfalle und Klebefalle

Derzeit wird mit Klebe‐, Pheromon- und Lichtfallen ein möglicher Befall beobachtet. Die verschiedenen Klebe‐ und Lockstofffallen sind auf bestimmte kriechende Insektenarten abgestimmt. Welche Insekten durch die Nährstoffe oder Hormone angelockt werden, ist in der jeweiligen Produktbeschreibung der Fallen aufgeführt. Mit Lichtfallen, die mit Grünlicht ausgestattet sind, werden vor allem fliegende Insekten angelockt. Mit diesen Fallen kann man über einen längeren Zeitraum die Befallszyklen, ‐radien und ‐konzentrationen nachvollziehen. Sie sind jedoch nur ein Indiz, ob und welche Schädlinge vorhanden sind. Wöchentlich wird überprüft und aufgelistet, ob es einen Befall gibt und wie dieser sich geändert hat.

(Silke Stegemann, Leiterin der Museumswerkstatt)

 

22. Februar 2019

Auf Spurensuche

Neulich hatten wir Besuch von der HAWK Hildesheim. Die angehende Gemälderestauratorin Susan Müller (Dipl. Restauratorin für Wandmalerei) wollte einen Blick in unser Museumsdepot werfen. Denn sie ist auf Spurensuche. Frau Müller untersucht und restauriert während ihres Masterstudiums ein Gemälde des Göttinger Malers Georg Wilhelm Feistkorn (1811-1843) aus dem Kloster Loccum. Sie schaute sich die Werke des Künstlers in der Sammlung des Städtischen Museums an, um den Stil des Malers besser einschätzen zu können und gegebenenfalls weitere Informationen zum Künstler und zur portraitierten Person auf dem von ihr zu restaurierenden Gemälde zu ermitteln.

Die Begutachtung der Werke zu begleiten, war auch für uns sehr interessant. Denn über Georg Wilhelm Feistkorn und den Verbleib zahlreicher von ihm geschaffener Werke ist vieles noch unklar. Dabei war der jung verstorbene Künstler zu Lebzeiten überregional tätig. Seine Laufbahn beginnt mit einer Ausbildung zum Porzellanmaler bei Carl Schmidt und Philipp Petri. Bald wendet er sich jedoch der Ölmalerei zu. Er porträtiert seine Eltern und seine Geschwister und malt Genreszenen. Seit 1834 stellt er seine Gemälde auf verschiedenen Kunstausstellungen in Hannover aus. Auch Auftragsarbeiten für das gehobene Bürgertum sind belegt. Doch Feistkorn bleibt nicht in Hannover. Er ist unter anderem in Braunschweig, Hameln, Bremen, Düsseldorf und Einbeck tätig, bevor er 1841 – zwei Jahre vor seinem frühen Tod – nach St. Petersburg auswandert. Laut Anneliese Feistkorn (verst. 1996), dem letzten Mitglied der Familie, folgt er einer Hessischen Prinzessin an den Petersburger Hof. Wenn es sich bei dieser Überlieferung nicht lediglich um eine Legende handelt, könnte hier Marie von Hessen-Darmstadt (1828-1880) gemeint sein, die 1855 zur russischen Zarin wurde.

Das Städtische Museum Göttingen besitzt zahlreiche Gemälde und Skizzenbücher Feistkorns aus den Jahren 1824 bis 1842, an denen seine künstlerische Entwicklung nachvollziehbar wird.

Besonders hervorzuheben ist das wohl bereits 1935 entstandene sehr authentische Porträt seines Bruders Ernst, an dem bereits der ausdrucksvolle Stil Feistkorns zutage tritt, den er in den folgenden Jahren immer weiter verfeinert.

Im 1939 in Düsseldorf geschaffenen Gemälde „Kinder an der Kirchhofsmauer“ präsentiert sich Feistkorn mit einer sicheren, glatten Malweise und sorgfältig ausgeführten Details als gereifter Künstler mit einer deutlichen Nähe zur Düsseldorfer Schule.

Hinweise zur Entstehung des Portraits aus dem Kloster Loccum konnte leider auch das Studium der Skizzenbücher Feistkorns nicht geben. Frau Müller ist  dem Künstler beim Besuch im Museumsdepot aber ein wenig mehr auf die Spur gekommen – und wir auch. Denn solche Besuche sind immer wieder gute Anlässe, einen Sammlungsbestand aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten und ihm so – wenn auch nur schrittweise – besser kennenzulernen.

 

Abb.1: Die angehende Gemälderestauratorin Susan Müller bei der Begutachtung der Skizzenbücher im Grafikmagazin des Museums; Abb.2: Porträt des Bruders des Künstlers, Pastor Ernst Feistkorn, Öl auf Holz, um 1835; „Kinder an der Kichhofsmauer“, Öl auf Leinwand, 1839

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

01. Februar 2019

Migrationsgeschichte als Stadtgeschichte

Im Museum tummeln sich zahlreiche Objekte mit ungewöhnlichen Geschichten und manchmal auch sehr ungewöhnlicher Herkunft. Denn Stadtgeschichte ist schon immer untrennbar mit Migrationsgeschichte verbunden.

Die hier abgebildeten Tonkrüge gehören zu diesem besonderen Bestand. Erst einmal unscheinbar, möchte man meinen. Wie interessant können Tonwaren sein? Nun ja, wie so oft ist es die Geschichte hinter den Dingen, die die Objekte erst mit Leben füllt und zu historischen Dokumenten macht.

In diesem Fall ist es die Geschichte von Frau W., die 1943 in Donja Dubrava in Kroatien geboren wurde und 1962 nach Göttingen kam. Hier wollte die Schneiderin im Göttinger Restaurant Indonesia, zunächst nur für ein paar Monate arbeiten, um ein wenig Geld zu verdienen und verschiedene Stoffe und Näh-Zubehör kaufen zu können. Im „Indonesia“ war Frau W. nach eigener Aussage am Erfolg der legendären Bihunsuppe mitbeteiligt, und so beschloss sie, länger zu bleiben, als ursprünglich geplant. Sie verliebte sich in einen Göttinger Studenten, der sie wenig später bat, seine Frau zu werden. Damit war die Entscheidung, sich in Deutschland niederzulassen, endgültig besiegelt. Die drei Tongefäße hat Frau W. in den 1960er Jahren aus ihrem Elternhaus in Donja Dubrava mitgebracht. Der große Topf passte nicht ins Auto und musste auf dem Dachgepäckträger ihres VW-Käfer transportiert werden, wobei er als Stauraum für Kleidung diente. In diesem Topf wurde bei der Hochzeit der Eltern von Frau W. 1926 Sauerkraut und Eisbein gekocht– ein traditionelles Hochzeitsessen in dieser Region, das üblicherweise in einem solchen großen Tontopf zubereitet wurde. In der Flasche mit Tülle wurde Wasser zur Feldarbeit mitgenommen. Die dritte Flasche diente zur Lagerung von Flüssigkeiten. Frau W.‘s Vater erzählte, dass sein älterer Bruder die Gefäße in Handarbeit hergestellt habe.

Eine tolle Geschichte, die es wert ist bewahrt zu werden, genauso wie die drei Tongefäße, die für den Aufbruch in eine neue Heimat stehen, ohne die Erinnerung an das Leben in der alten Heimat zu vergessen. Denn wo wir, die wir heute hier zusammenleben, auch geboren sind, ob in Göttingen, Donja Dubrava, oder Istanbul – jeder von uns trägt ganz individuelle Erinnerungen mit sich, die sich nicht selten in Objekten manifestieren, die uns lieb und teuer sind. Diese zu bewahren, stellt eine wesentliche Aufgabe von Museen dar.

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

11. Januar 2019

Die Sterne im Blick

Neues Jahr, neuer Kalender, neues Glück! Der Jahreswechsel  ist für viele Menschen mit guten Vorsätzen und nicht zuletzt mit der Hoffnung auf neue Chancen und positive Veränderungen verbunden. Auch wenn die meisten es nicht gern zugeben, schauen viele – wenn auch nur flüchtig – in das Horoskop der Tageszeitung, um zu erfahren was die Sterne ihnen für das neue Jahr weissagen.

Die Sterne üben seit jeher und bis in die Gegenwart eine enorme Anziehung auf die Menschen aus. Über die Jahrtausende wurden zahlreiche Hilfsmittel entwickelt, um Sternkonstellationen bildlich festzuhalten. Auch wenn Astronomie, die empirische Beobachtung der Himmelsobjekte, und Astrologie, die Deutung von Gestirnkonstellationen als Vorboten für irdische Ereignisse, bis ins 17. Jahrhundert mehr oder weniger untrennbar miteinander verbunden waren, hatte das oft ganz pragmatische Gründe. Denn anhand bestimmter Sternkonstellationen wurde zum Beispiel der Zeitpunkt der Aussaat und Ernte bestimmt und neben anderen Naturphänomenen war der Sternenhimmel der wichtigste Anhaltspunkt für die Entwicklung von Kalendersystemen, wie wir sie heute kennen.

Im Depot des Städtischen Museums sind die beeindruckenden Himmelsgloben kaum zu übersehen. Besonders eines der Objekte zieht jeden Betrachter sofort in seinen Bann. Auf den ersten Blick erinnert die golden glänzende Messingkugel aus der Zeit um 1700 an einen Erdglobus. Bei genauerem Hinsehen kommen aber statt Kontinenten fein eingravierte Sternbilder zum Vorschein. Die Kugel wird von einem Messingring umfangen, auf dem der Gregorianische und der Julianische Kalender umlaufend ihre Bahnen ziehen. Mithilfe eines solchen Himmelsglobus können wiederkehrende Gestirnbewegungen an bestimmten Kalendertagen genau abgelesen werden und umgekehrt. Dabei muss sich der Betrachter jedoch in die Kugel hineinversetzen, da die Sterne spiegelbildlich dargestellt sind. Himmelsgloben wurden bereits seit der Antike gefertigt und gehörten im Zeitalter der Aufklärung zur Standardausstattung von Universitäts- und Residenzbibliotheken.

In der Aufklärung verlor die Astrologie stark an Glaubwürdigkeit – die Disziplinen Astronomie und  Astrologie gingen getrennte Wege. Erst um 1900 wurde die Astrologie im Zuge esoterischer Bewegungen wieder wichtiger und blieb bis heute ein fester Bestandteil der Populärkultur. Auch wenn sich die Geister bei der Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Sterndeutung in Form von Horoskopen scheiden – dem Anblick des Sternenhimmels, dem Fenster aus unserer Welt hinaus in das unberechenbare, geheimnisvolle Universum haftet bis heute etwas mystisches an. Also – mögen die Sterne Ihnen wohl gesonnen sein! Schaden kann es ja nicht.

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)