Category Archives: Depot

05. Januar 2018

Terrinen, Vasen und Potpourris

Dick eingepackt wurden neulich im Museum elf große Objekte aus Fayence. Nicht weil es draußen zur Zeit wirklich kalt ist, sondern damit der Transport vom Museum ins Depot ohne Schaden verläuft. Vor allem die sogenannten Netzvasen sind  gefährdet. Nur an einigen wenigen Stellen ist das Netzgeflecht am Körper der Vase befestigt, das  filigrane Netzwerk scheint zu schweben. Fayence ist, im Gegensatz zu dem hochgebrannte harten Porzellan, eine  weiche Keramik. Wer Kaffeebecher aus Keramik in seinem Besitz hat, weiß wie schnell die angeschlagen sind!                                                                                                                            Fayence ist die von der italienischen Stadt Faenza abgeleitete französische Bezeichnung für eine besondere Form von Keramik. Mit ihr wurde das wesentlich teurere Porzellan imitiert. Daher wurden die Stücke gleich am Anfang des Arbeitsprozesses  mit einer meist weißen deckenden Glasur überzogen. Fayencen sind oft blau oder mehrfarbig bemalt. Im Gegensatz zu Silber und Zinn, selbst zu Porzellan und Steingut, haben Fayencen nicht immer und regelmäßig Herstellersignaturen. Nur gelegentlich weisen mit dem Pinsel unter die Gefäße gezeichnete Zeichen und Monogramme auf die Manufaktur hin. So auch unsere Fayencen, sie stammen aus Hannoversch Münden und sind mit CCC gemarkt.                                                                               Im Gebiet des südlichen Niedersachsens bestanden in einem Zeitraum von etwa 150 Jahren vier Produktionsstätten in drei Orten. Die Entwicklung begann 1707 in Braunschweig und endete mit der Schließung des letzten Betriebes 1854 in Hannoversch Münden. Im nördlichen und westlichen Niedersachsen befanden sich Fayence-Manufakturen in Jever, Wittmund und Osnabrück.

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

Das Verpackungsmaterial ist in gleich große Blöcke geschnitten. Dort hinein wird der Hohlraum für das  zu verpackende Objekt gearbeitet.

Sieht aus wie Schaumstoff, ist aber ein formbeständiges, säurefreies, nicht ausdünstendes, geschäumtes Museums-Material, das außerdem sehr stoßdämpfend ist.

So geht es Schicht für Schicht weiter.

Direkt am Objekt wird das Maß genommen.

Fast geschafft!

Jetzt fehlt nur noch die Polsterung für den Deckel.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der maßgeschneiderte Airbag für die Netzvase ist fertig.

24. November 2017

Papiertheater!

Wenn die kalte Jahreszeit anbricht, machen es sich die meisten Menschen am liebsten zuhause gemütlich. Dann gehen wir gerne mit unseren Augen auf Reisen – heute ist die Fülle jederzeit verfügbarer Filme und Dokumentationen schier unübersehbar.                                                 

Auch früher, als die Technik noch nicht so weit fortgeschritten war, hatten die Menschen das Bedürfnis, in ihren eigenen vier Wänden die Welt zu erleben. Im 18. Jahrhundert stellte das Papiertheater einen beliebten Zeitvertreib dar.

Das Städtische Museum besitzt zahlreiche Szenen für eine Papiertheater-Aufführung ganz im Stil des Rokoko. Ihr Schöpfer ist der Augsburger Kupferstecher und Verleger Martin Engelbrecht (1684 – 1756). Dieser vertrieb seinerzeit die handkolorierten Szenen in hohen Auflagen. Durch die Staffelung von bis zu 10 Blättern hintereinander in einem sogenannten Guckkasten wird die Illusion einer dritten Dimension erzielt. Denn der Ausschnitt wird nach hinten immer enger und die Figuren immer kleiner. Wenn die Kulissenteile nacheinander aufgestellt werden, entsteht eine Geschichte.   

Die Bilderfolgen zeigen biblische Geschichten, historische Ereignisse, Ansichten ferner Länder mit faszinierend kostümierten Figuren, aber auch Alltagsszenen mit zahlreichen unterhaltsamen Details, die es sich zu entdecken lohnt. Die hier abgebildeten Szenen zeigen die Geburt Christi und die Anbetung der Weisen (Abb. 1, 2 (Kulissen, einzeln)), den Einzug Christi in Jerusalem (Abb. 3), einen Seehafen (Abb. 4) und einen Seesturm (Abb. 5).

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

17. November 2017

Nomen est omen

Viele Dinge, die wir täglich nutzen, haben Bezeichnungen, die aus deren heutigem Gebrauch nicht oder nur schwerlich abgeleitet werden können. Ihre Namen scheinen zwar auf einen Zweck zu verweisen, aber auf den falschen: Wieso nennen wir die Geldbörse auch „Brieftasche“, das kleine Tellerchen, auf das wir die Teetasse stellen, „Untertasse“ oder das feine Besteck für die Zuckerwürfel „Zuckerzange“?

Waren die Erfinder dieser Bezeichnungen alle Scherzkekese? – Nein, denn all diese Dinge hatten tatsächlich einmal genau den Zweck, den ihre Namen offenbaren!

Wo die Bezeichnung „Brieftasche“ herkommt ist, ist vielleicht manchen noch bekannt. Auch heute noch ist die Brieftasche nicht unbedingt mit einer Geldbörse gleichzusetzen. Die Bezeichnung ist mancherorts den etwas größeren Portemonnaie-ähnlichen Behältern für Ausweise und Dokumente vorbehalten. Aber für Briefe sind auch diese längst zu klein. Im 19. Jahrhundert war das noch ganz anders. In den damals noch viel größeren Brieftaschen konnten Briefe aufbewahrt und mitgeführt werden. Um die persönlichen Nachrichten vor fremden Blicken zu schützen, sind diese Brieftaschen oft mit Schlössern versehen. Die hier abgebildete Lederbrieftasche aus der Zeit um 1900 kann beispielsweise nur geöffnet werden, wenn man weiß, wie der Knopf neben dem Schloss nach dem Aufschließen zu kippen ist. Welche Geheimnisse wohl einmal in diesem Täschen verwahrt wurden?

Auch die Trinkgewohnheiten der vornehmen Damen und Herren waren früher anders als heute. Im 18. Jahrhundert wurde ein Heißgetränk in der Tasse serviert, um anschließend zum Abkühlen in die Untertasse gegossen und aus dieser getrunken zu werden. Da diese Untertassen einen hohen Rand haben und dadurch fast wie Tassen aussehen, ist das kein Problem.

Ein wenig Zucker zum Tee? – Im 19. Jahrhundert kein einfaches Unterfangen, denn Kristall- und Würfelzucker gab es damals nicht. Zucker wurde in Form von langen Kegeln, sogenannten Zuckerhüten, vertrieben. Diese wurden dann in der heimischen Küche mit Zuckerzangen mühsam zerkleinert. Die Zuckerzangen von damals sehen dem entsprechend wie grobe Werkzeuge aus. Der Zweck der Zuckerzange änderte sich mit Erfindung des Würfelzuckers und mit ihm ihre Gestalt. Doch der Name blieb, wie bei vielen Dingen, bis heute unverändert.

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

23. Juni 2017

Entdeckt im Textilmagazin

Ein hellgelbes Band aus feinster Seide mit aufgedruckten Bildern, die an einem Ende in einem ovalen Rahmen eine anmutig schreitende Frauengestalt zeigen. Sie hält mit der einen Hand einen Korb mit Weintrauben, den sie auf dem Kopf balanciert, im linken Arm eine Amphore. Irgendwie griechisch, klassizistisch, antik! Das andere Ende zieren vier weitere Darstellungen weiblicher Grazien, aufgereiht in horizontaler Richtung und mit Attributen versehen, die sich als Allegorien der Jahreszeiten und des Jahresverlaufs deuten lassen.

Was verbirgt sich dahinter? Welche Rolle spielte dieses Band, das nach Gestaltung und Motiv um 1800 zu datieren ist?

Im Eingangsbuch des Museums findet man den Hinweis: Spinnrockenband oder Wockenband. Dies ist nach Amaranthes Frauenzimmer-Lexicon von 1715 „…ein Zierband, das das mit dem Blatt umhüllenden Flachs umschließt.“ Der Flachs ist am Spinnrockenstab befestigt und wird durch Wockenblatt und Wockenband gehalten.

Das Spinnrad und die Spinnstube kommen ins Spiel! Da stellt sich jedoch die Frage, hat dieses zarte, nach über 200 Jahren noch gut erhaltene Seidenband je einem der brisanten „Wocken-Histörchen“ (Geschichten, die die Weiber sich in den Spinnstuben erzählten) gelauscht? Eher wohl dem lockeren Geplänkel und Geplauder im Boudoir der Dame des Hauses, die das feine Seidenband dort zur allgemeinen Bewunderung dekoriert haben wird.

(Ulla Kayser, ehrenamtliche Mitarbeiterin)

9. November 2016

Depot-Impressionen

Unser Depot beherbergt einen großen Schatz an unterschiedlichen und außergewöhnlichen kulturgeschichtlichen Objekten. Hier ein paar kleine Einblicke in unsere Schubladen und Kästen.

telefone Die Anfänge und der Fortschritt der Telekommunikation

kuechengeraeteMehr oder weniger hilfreiche Küchenutensilien

puppenkoepfeGescheitelt, gelockt und onduliert – Puppenköpfe aus Porzellan, Holz und Pappmaché

 

(Saskia Johann, wiss. Volontärin)

22. Juli 2015

….alle (Gemälde-)Register sind gezogen….

…oder vielmehr: umgezogen. Nun befinden sich auch die Gemälde, einschließlich ihrer Hängeregister, zur Stickstoffbehandlung im Außendepot.

Register Mehle

Blick in das Stickstoffzelt mit den Gemälden an den Registern

Strenge, ernste, traurige oder nachdenkliche Blicke, Blicke, die in die Ferne schweifen, Blicke von Frauen, Kindern und Männern sind mir bei den mehrtägigen Vorbereitungsarbeiten für den Umzug begegnet.

Frau in Grün mit Spitzenkragen

Portrait, Frau Bethmann, 1816. Künstler: Sebastian Weygandt (1760 – 1824)

Bei den Portraitierten handelt es sich überwiegend um bedeutende Göttinger Persönlichkeiten und Göttinger Familien des 19. Jahrhunderts. Ebenso sind Stadt- und Landschaftsdarstellungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert vorhanden, die mich zu einer kurzen Entdeckungsreise von Göttingen und seiner Umgebung eingeladen haben. Weitere Werke aus dem 19. Jahrhundert haben meinen Blick in unbekannte Landschaften und in die Ferne geführt, bspw. nach Italien.

Außerdem sind mit mythologischen und biblischen Szenen sowie Seestücken und Stillleben weitere Genres vorhanden, die dem Bestand eine große Vielfalt verleihen. Dazu kommen noch ergänzend mehrere Werke aus der Zeit des Göttinger Kunstmarktes, 1970 – 1987, hinzu.

Die logistische Vorbereitung und Durchführung erforderte eine sehr konzentrierte Arbeitsweise, damit den Gemälden beim Ver- und Entpacken ihre jeweilige Beschriftung mit Inventarnummer wieder zugeordnet werden konnte. Diesen hohen Anforderungen wurden alle Beteiligten gerecht und die Hängung der Gemälde mit der jeweils zugehörigen Inventarnummer ist glücklicherweise sehr gut gelungen. Als nächster Schritt wird, nach der Beendigung der Stickstoffbehandlung, die Hängung der Gemälde auf die neue Zuganlage im Außendepot erfolgen.

Simone Hübner, Kuratorin

17. April 2015

Vorzustand(1)2          Wetterstation ( Barometer) von Johann Friedrich Blumenbach  Inventarnummer  2011/43. An den beiden rechten Plaketten des Barometers befindet sich, im unteren Bereich, die Signatur des Herstellers: „Lodewyk Prümaw (?), Amsterdam“

                            Restauriert und ohne Quecksilber

Bei altem Sammlungsgut sind  auch Schadstoffe ein nicht seltenes und ernstzunehmendes Problem. Manchmal sind es die vor Jahren verwendeten Schädlingsbekämpfungsmittel, die heute als gesundheitsgefährdend eingestuft werden. Manchmal sind es aber auch die Objekte selber, die Substanzen enthalten, die für  die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter  schädlich sein können. So identifizierten wir bei einigen der neu aufgefundenen historischen Messinstrumenten vorhandene Flüssigkeiten als Quecksilber. Die Quecksilberfüllungen befinden sich in dünnen Glasröhrchen, die weit über hundert Jahre alt und zum Teil von der sogenannten Glaskrankheit befallen sind. Wir kamen  daher zu der  Entscheidung das schädliche Quecksilber zu entfernen, um weder Kolleginnen und Kollegen, noch Besucherinnen und Besucher einer Gefährdung auszusetzten. Das erste Objekt war die Wetterstation aus dem Besitzt Johann Friedrich Blumenbachs. Während der Restaurierung zeigte sich, dass unter den Zinnbeschlägen  sich vereinzelt  bereits ausgetretene Quecksilberkügelchen befanden. Es war also höchste Zeit gewesen, das Objekt zu bearbeiten.

 

Endzustand Kopie      EndzustandEndzustand nach der Restaurierung

 

„Die Leisten sind aus dunkel gebeizter Eiche, das zentrale Brett ist ebenfalls aus Eiche mit Nussbaum furniert. Die Holzoberfläche besitzt höchstwahrscheinlich eine Politur aus Schellack. Die Plaketten sind aus Zinn, die Schrift geätzt und geschwärzt. Die Verzierungen in Form von Engelsköpfen sind im  Bleigussverfahren hergestellt und  mit Ölvergoldung bemalt. Der Spiegel ist wahrscheinlich feuerversilbert, die Glasröhrchen sind mundgeblasen. Das Barometer hat zwei geschlossene Glasröhren, in denen links die Temperatur und rechts der Luftdruck sowie die Wettervorhersage angezeigt werden. In der Temperaturröhre befindet sich eine rote Flüssigkeit, die die Temperatur auf einer Skala bzw. auf den linken und rechten Zinnplaketten das gefühlte Wetter anzeigt Die Barometerröhre rechts hat unten einen Ausgleichsbehälter, der mit Quecksilber befüllt und mit einem zugeschnitzten Holzstopfen verschlossen ist. Das vorhandene Barometer ist also ein Phiolenbarometer. Um eine richtige Anzeige zu erreichen, muss die Barometerröhre vollständig mit Quecksilber gefüllt sein. Im oberen Bereich entsteht dadurch ein Vakuum. Die Quecksilbersäule gleicht sich nun dem umgebenden Luftdruck an und so kann auf der rechten Zinnplakette, je nachdem ob es Sommer oder Winter ist, abgelesen bzw. das kommende Wetter vorhergesagt werden.“

Die Beschreibung stammt von dem Restaurator Andreas Kreil, er ist spezialisiert ist auf Metall und technisches Kulturgut.

 

Andrea Rechenberg, Kuratorin

 

 

 

2. April 2015

Porzellanmalerei in Göttingen

Im Rahmen meines studentischen Praktikums im Städtischen Museum  unterstütze ich das Museum vor allem bei der digitalen Inventarisierung der umfangreichen Sammlung. Indem der gesamte Bestand des Hauses in einer einheitlichen Datenbank erfasst wird, können Arbeitsprozesse erleichtert und Information besser bereitgestellt werden. Das derzeitige Projekt widmet sich den etwa 200 Porzellanobjekten, die von Göttinger Porzellanmalern veredelt wurden. Deren Produkte erfreuten sich großer Beliebtheit, vor allem bei den wohlhabenden Studenten des 19. Jahrhunderts. Eine vergoldete Porzellantasse oder ein schicker porzellanener Pfeifenkopf mit Ansichten von Göttingen waren  ein begehrtes und dekoratives Souvenir oder Präsent. Das Geschäft der bald über Göttingen hinaus bekannten Porzellanmaler florierte bis zum frühen 20. Jahrhundert. Viele schöne Stücke fanden den Weg durch gezielte Ankäufe oder Schenkungen ins Museum. Meine Lieblingsobjekte, auf die ich während der Arbeit gestoßen bin, möchte ich Ihnen hier zeigen:

1990 6.blog neu     Inv.-Nr. 1990/6

Diese Ansichtstasse wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Werkstatt von Johann Friedrich Spangenberg (1810-1886) bemalt. Von den westlichen Höhen fällt der Blick über den „Königsstieg“ – hier noch ein unbefestigter Weg – über das Leinetal hinweg auf die Stadt mit ihren Türmen und den Bau der Anatomie vor dem Wall.  Dahinter erstreckt sich die bergige Landschaft südöstlich von Göttingen bis zum Horizont. Vorbild ist eine Arbeit von Friedrich Besemann (1796 – 1854).

1903 473.blog      Inv.-Nr. 1903/473

Wahrscheinlich wurde die Porzellantasse in der Porzellanmanufaktur F.A. Schumann in Moabit bei Berlin gefertigt und in der Werkstatt von Philipp Petri (1800-1868) in Göttingen mit einer Ansicht des Rohns von Südwesten veredelt. Petris hervorragende künstlerische Fähigkeiten wurden sehr  geschätzt und daher sind seine Porzellanmalereien  besonders begehrt gewesen.

1914 97.blog neu1     Inv.-Nr. 1914/97

Auf diesem von Philipp Petri um 1835 bemalten Pfeifenkopf sind das mythische Paar Amor und Psyche zu sehen. Deren Liebesgeschichte wurde seit der Antike vielfach künstlerisch aufgegriffen. Die aufwändig bemalten Pfeifenköpfe waren sehr wertvoll und wurden wahrscheinlich nicht zum Rauchen benutzt, sondern zierten die biedermeierlichen Wohnräume.

Weitere Informationen zu der Porzellanmalerei in Göttingen  erhalten  Sie zum Beispiel in dem Begleitband zur Ausstellung im Städtischen Museum Göttingen von Dr. Jens-Uwe Brinkmann aus dem Jahr 2000.

 

Christina Freund; Praktikantin u. Studentin Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie

 

 

7. Februar 2015

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TRANSPARENTE GLASUR, FEIN MIT RISSEN DURCHZOGEN – NIKOTINGELB – …

Dies sind zwei von insgesamt vier Kriterien zur Identifizierung von Staffordshire Creamware. Nach diesen Kriterien fragte mich der Archäologe Frank Wedekind. Ich hatte beim Auspacken von Kartons im neuen Dauerdepot eine Kanne in der Hand, die mich durch ihre Henkelform und im Material an die Staffordshire Creamware erinnert, die wir im Mai letzten Jahres als Funde der Stadtarchäologie im Museum präsentiert hatten. (Mehr dazu siehe im Blog-Beitrag vom 19. Mai 2014 http://blog.museum.goettingen.de/?p=119) Allerdings nur als Scherben, die hier, am Gebäude des Museums, bei archäologischen Grabungen gefunden wurden. Da ich alle Fragen nach den verschiedenen Kriterien mit Ja beantworten konnte, steht nun fest, dass wir ein vollständiges Exponat aus Staffordshire Creamware in unserem Museumsbestand haben. Es handelt sich dabei um einen sogenannten Pitcher aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Übrigens: der Begriff Creamware ist von schwerer Sahne (englisch: clotted cream) abgeleitet, die ein wenig gelbstichig weiß ist.

Die Inventarnummer 2010/212 zeigt, dass das Objekt erst 2010 inventarisiert wurde. In diesem Jahr musste das Porzellanmagazin eingepackt werden, da der Gebäudeteil des Museums, in dem es untergebracht war, vom Einsturz bedroht war. Die daraufhin folgende Inventarisierung, Verpackung und Verlistung geschahen unter hohem Zeitdruck. Da nur inventarisierte Objekte das Museum verlassen durften, war damals keine Zeit für wissenschaftliche Dokumentation, also zusätzliche Materialprüfung oder Provenienzrecherche. Anschließend mussten die Objekte noch zweimal – eingepackt in Kartons – von Zwischendepot zu Zwischendepot umziehen, bis sie jetzt ihren sicheren Platz im Dauerdepot gefunden haben. Vielen Dank an die Kollegen, die so gut und sicher verpackt haben, dass bis jetzt alle zerbrechlichen Objekte unbeschadet ausgepackt werden können! Gerade Staffordshire Creamware zeichnet sich durch Dünnwandigkeit aus. Ich bin gespannt, ob beim weiteren Auspacken noch mehr Creamware  zu entdecken ist.

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

6. Januar 2015

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DAS NEUE DEPOT – INTERVIEW MIT ANDREA RECHENBERG

Von der Kuratorin für Sonderausstellungen zur Depotplanerin – Andrea Rechenberg zeichnet verantwortlich für das neue Depot des Städtischen Museums Göttingen.

Worin unterscheidet sich eine Depoteinrichtung von einer Wohnungseinrichtung? – Es muss möglichst viel untergebracht werden, alles muss nach Material- und Sachgruppen geordnet und übersichtlich sein. Das Depot hat bestimmten konservatorischen Anforderungen zu genügen, der Status der Konservierung, des Schädlingsbefalls und der Restaurierung der Objekte muss zuvor überprüft werden sowie für die Zukunft weiterhin überprüfbar sein. Zudem müssen in einem Depot unterschiedliche Arbeiten getätigt werden können und jedes Objekt sollte jederzeit zugänglich sein.

Wie sieht eine Depoteinrichtung konkret aus? – Für die Depottechnik und -einrichtung war eine Bestandsaufnahme der Sammlungen des Museums im Vorfeld wichtig. Im neuen Depot ist eine Kombination aus Schwerlastlagerregalen und speziellen Museumsdepoteinrichtungen wie zum Beispiel Gitterzugwände, Fädelstangenregale und Depotschränke mit Schubläden für Kleinobjekte entstanden. Wir haben das vorgegebene Budget gut ausgenutzt.

Ist beim Aufbau auch etwas schiefgegangen? – Für den Bau der größten Stahltribüne in Göttingen war ein Gabelstapler von Nöten, den die Aufbaufirma beauftragt hatte. Dieser Gabelstapler hätte nur 1,5 t wiegen dürfen für den Lastenaufzug, wog aber mehr als angegeben und hat den Aufzug zum Stehen gebracht. Wir sind steckengeblieben, natürlich an einem Freitag, und mussten darauf warten, dass eine Fachfirma den Aufzug zurückgesetzt.

Wie viele Objekte befinden sich derzeit  im Depot  und sollen in Kürze noch im Depot untergebracht werden? – Da die Inventarisierung des Objektbestands im Museum noch nicht abgeschlossen ist, gibt es bisher nur Schätzungen: Es ist von 150-170.000 Objekten auszugehen und davon sind im November und Dezember 25.000 unter großem Zeitdruck ins Dauerlager überführt worden. Sie waren vorher in provisorisch eingerichteten Depots aufbewahrt worden. Objektbestände wie die Grafik- und die Fotosammlung sind in Depots direkt im Museum untergebracht.

Was gibt es vor der dauerhaften Einlagerung von Museumsobjekten zu beachten? – Alle Objekte müssen schädlingsfrei sein. So wurden unsere Bestände einer Stickstoffbehandlung unterzogen, die von der VGH-Stiftung dankenswerter Weise gefördert und finanziert wurde. Für die weiteren Objekte, die zukünftig direkt aus dem Museum ins neue Depot gebracht werden, ist ein Quarantäneraum eingerichtet worden.

Wie steht es mit den klimatischen Bedingungen im neuen Depot? – Über ein Jahr lang wurde das Klima gemessen. Und diese Messungen werden auch weitergeführt, da sich durch die Einlagerung der Bestände das Klima verändern kann. Und das muss kontrolliert werden, um feststellen zu können, zu welcher Jahreszeit dem Klima entgegengesteuert werden muss.

Was geschieht im Depot als nächstes? – Eine der nächsten Aufgaben besteht darin, diejenigen Objekte auszupacken, die verpackt in den provisorischen Depots eingelagert waren, da sich einige Verpackungsmaterialien auf längere Zeit objektschädigend auswirken können. Die Objekte sind nach Materialgruppen im Depot sortiert und müssen innerhalb dieser weiter geordnet werden. Das wird sicherlich noch weitere zwei, drei Jahre in Anspruch nehmen.

Warum ist das Depot kein Schaudepot geworden? – In Museen wurden in der Vergangenheit Schaudepots eingerichtet, um die Kosten eines Depots in der Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Es handelt sich jedoch um eine Mischform, die kein Depot, aber auch keine Ausstellung darstellt. Einige Museen haben nur einen kleinen Bereich ihrer Depots zu einem Schaudepot gemacht, für die aber Aufsichten, Besuchertoiletten und geregelte Öffnungszeiten nötig sind. Schaudepots bringen einen hohen organisatorischen und finanziellen Aufwand mit sich und sie verlangen Anforderungen im Bereich der Sicherung wie eine Ausstellung. So sind zum Beispiel anstatt offener Regale Schränke mit abschließbaren Türen zwingend. Im Depot des Städtischen Museums Göttingen muss noch viel gearbeitet werden, ein Besucherverkehr wäre gar nicht möglich.

Wie plant man das alles überhaupt? Es gehört ja nicht zum alltäglichen Geschäft eines Museums, ein neues Depot einzurichten… – Ich habe mich durch Seminare, Workshops und Vorträge mit dem Thema Depotplanung im Museum weitergebildet und zahlreiche Gespräche mit Experten geführt, denn jedes Museum hat seine individuelle Problematik. Die Planung und Einrichtung des Depots hat insgesamt eine große Logistik und viel Koordinationsvermögen gefordert. Mehrere Firmen, die sich um die Aufbauten, die Beleuchtung und die Alarmanlage gekümmert haben, mussten koordiniert werden. Zudem war Improvisationstalent, Belastungsfähigkeit und körperliche Ausdauer verlangt. Ohne das Engagement vieler Kollegen und Helfer und ihren großen Arbeitseinsatz wäre das alles nicht möglich gewesen.

(Das Interview mit Andrea Rechenberg wurde geführt von Ines Lamprecht)