Category Archives: Mitarbeiterberichte

19. Oktober 2018

Vorgestellt – Die Museumsverwaltung

Diese Woche möchte ich zwei Personen vorstellen, die einen wesentlichen Beitrag für den reibungslosen Ablauf des täglichen Museumsbetriebs leisten. Christiane Grap und Georg Beume behalten immer den vollen Überblick über Museumsgebäude, Personal, Finanzen, Termine und vieles mehr. Dabei bleiben sie stets bescheiden und agieren meistens im Hintergrund des Geschehens. Was täten wir nur ohne unsere Museumsverwaltung?!

Frau Grap, Herr Beume, was sind jeweils Ihre Aufgaben hier im Museum?

C. Grap: Unter anderem kümmere ich mich um die Beschaffung. In Absprache mit den Museumsmitarbeitern sorge ich also dafür, dass alles da ist, was wir zum Arbeiten brauchen – von Papier und Stiften über säurefreies Verpackungsmaterial oder Überschuhen für das Depot bis hin zu den unterschiedlichsten Dingen, die für Ausstellungen benötigt werden. Außerdem verwalte ich die Rechnungen, dokumentiere Übernahmen und Aussonderungen von Objekten, behalte den Überblick über wichtige Termine und kümmere mich um die Post. Darüber hinaus nehme ich Lob und Kritik der Besucher am Telefon und per E-Mail entgegen.

G. Beume: Meine Arbeitsbereiche sind die Personalverwaltung, die Hausverwaltung und die Verwaltung des Fotoarchivs. Unter Hausverwaltung fällt fast alles, was mit der Wartung und Instandhaltung des Gebäudes zu tun hat. Wenn etwas repariert werden muss, vereinbare ich Termine mit Handwerkern. Ich achte darauf, dass die Brandschutzverordnung eingehalten wird und technische Geräte regelmäßig gewartet werden. Außerdem nehme ich Anfragen von Forschern und Privatpersonen entgegen, die eine Fotografie aus unserem Fotoarchiv benötigen. Manchmal kann ich das gewünschte Foto gleich einscannen und per E-Mail verschicken. Wenn es sich um eine sehr umfangreiche Anfrage handelt, vereinbare ich mit der interessierten Person einen Termin, an dem sie die Möglichkeit erhält, selbst im Fotoarchiv zu forschen.

Wie lange sind Sie jeweils schon im Museum tätig?

C. Grap: Seit Februar 2013. Davor habe ich bereits lange im Stadtarchiv der Stadt Göttingen gearbeitet.

G. Beume: Seit Januar 2016.

Was macht die Verwaltungsarbeit in einem Museum für sie besonders?

C. Grap: Neben der üblichen Verwaltungsarbeit, wie sie eben auch in ganz „normalen“ Unternehmen gemacht wird und die mir sehr viel Spaß macht, bekomme ich hier zusätzlich auch vielfältige Einblicke in ganz andere Arbeitsbereiche. Das geschieht zwangsläufig durch die enge Zusammenarbeit mit allen Kollegen und wenn mal „Not am Mann – oder der Frau“ ist, übernehme ich auch Sonderaufgaben, die manchmal eher weniger mit Verwaltungsarbeit zu tun haben.

G. Beume: Ja, das ist die Besonderheit. Wir sind die Schnittstelle zwischen der Stadtverwaltung und dem Museum. Unsere Aufgabe ist es, den Bogen zwischen Museumsarbeit und Verwaltungsarbeit zu schlagen. Eine dieser besonderen Aufgaben ist für mich die Verwaltung des Fotoarchivs. Das mache ich sehr gerne, da ich hier auch selbst immer wieder auf interessante Motive aus der Göttinger Geschichte stoße.

Welche Sonderausstellung im Städtischen Museum hat Ihnen bisher am besten gefallen und wieso? Haben Sie ein Lieblings-Objekt?

C. Grap: Ich kann mich da gar nicht entscheiden. Obwohl ich privat am liebsten Ausstellungen Moderner Kunst besuche, habe ich die Entstehung jeder Sonderausstellungen, die ich am Städtischen Museum bisher mitbekommen habe, mit Spannung verfolgt. Und jedes Thema wurde, meiner Meinung nach, bisher sehr gut umgesetzt. Mein Lieblingsobjekt ist sehr groß – es ist nämlich unsere umfangreiche und zum Teil sehr alte Museumsbibliothek.

G.Beume: Mir hat bisher die Ausstellung Barbara 1964 am besten gefallen. In Göttingen wussten viele vorher nicht, welche Bedeutung das Göttingen-Lied für die deutsch-französische Freundschaft hat und dass es in Frankreich so populär ist. Das hat sich mit der Ausstellung geändert. Für ein Lieblingsobjekt  kann ich mich nicht entscheiden. Ich arbeite, wie gesagt, sehr gerne im Fotoarchiv, staune aber auch immer wieder über die Objekte, die in den anderen  Magazinen und Depots bewahrt werden. Mir gefällt zum Beispiel die umfangreiche Sammlung unterschiedlichster zum Teil sehr skurriler Kopfbedeckungen im Textilmagazin.

(Das Interview mit Christiane Grap und Georg Beume führte Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

14. September 2018

Abschied von Frau Schrader

Rückblick auf 22 Jahre im Museum

Diese Woche verabschieden wir uns von einer langjährigen Mitarbeiterin des Museums. Unsere liebe Kollegin Heidemarie Schrader geht in den Ruhestand. Grund genug, einmal zurückzublicken auf volle 22 Jahre Dienstzeit im Städtischen Museum.

Heidemarie Schrader ist den meisten regelmäßigen Museumsbesuchern bekannt, denn sie empfängt jeden einzelnen mit einem freundlichen Lächeln an der Museumskasse. Bevor sie ins Museum kam, war sie als Köchin, Küchenleitung und stellvertretende Heimleitung in zwei Seniorenheimen der Stadt Göttingen tätig. Aus gesundheitlichen Gründen wurde sie 1996 ins Museum versetzt. Hier übernahm sie nicht nur die Rolle der Museumsaufsicht, sondern ließ sie sich auch zur psychologischen Beraterin weiterbilden. Frau Schrader erinnert sich gern an die vergangenen zwei Jahrzehnte. Die Zeit im Museum empfindet sie als große Bereicherung. Besonders die wechselnden Sonderausstellungen seien toll gewesen, sagt sie. Sie habe bei jeder einzelnen Ausstellung etwas Neues gelernt und könne sich nur schwer entscheiden, welche ihr am besten gefallen habe. In ihre persönliche „Top 3“ kommt, neben dem absoluten Favoriten „Tod, Bardo und Wiedergeburt im tibetischen Buddhismus“, auch die Sonderausstellung „Auf Schienen durch die Zeit“, für die im Museum eine echte Lokomotive der Gartetalbahn aufgestellt wurde. Sehr faszinierend fand sie auch eine Kunstausstellung der sehbehinderten Künstlerin Jutta Kaul, die nur aus ihrer Erinnerung malte. Ein Highlight sei für Sie außerdem der bis vor 10 Jahren regelmäßig im Städtischen Museum stattfindende Kunsthandwerkermarkt gewesen.

Für den Ruhestand hat sich Frau Schrader einiges vorgenommen. Unter anderem möchte sie eine Ausbildung zur systemischen Familienberaterin machen und als ehrenamtliche Richterin am Landgericht arbeiten. Das Museum wird sie aber trotzdem vermissen, sagt sie. Besonders der tägliche Austausch mit den Kollegen, die sie über die Jahre in ihr Herz geschlossen hat, wird ihr fehlen.

Wir wünschen Frau Schrader viel Freude beim Aufbruch zu neuen Ufern und werden sie hier auch sehr vermissen!

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

07. September 2018

Museum goes Stadtarchiv

Von Ordnungsprinzipien und schlummernden Geschichten

Das Stadtarchiv ist für die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Städtischen Museums ein oft und gern besuchter Ort. Denn Forschung ist im Museum häufig ohne die im Archiv bewahrten Informationen nur bedingt möglich. Während das Museum vor allem historisch oder künstlerisch wertvolle Gegenstände bewahrt, behütet das Archiv die passenden Geschichten. Von Zeitungen und Stadtplänen über Briefe und Nachlässe bis hin zu einzigartigen historischen Urkunden und Akten vom 13. Jahrhundert an bis in die Gegenwart hat das Stadtarchiv so einiges zu bieten, was das Forscherherz höher schlagen lässt.

Dabei ist es nicht ganz so einfach, vom Museum ins Archiv zu wechseln – und umgekehrt wahrscheinlich auch nicht. Davon konnte ich mich während eines einwöchigen Praktikums im Göttinger Stadtarchiv überzeugen. Besonders knifflig ist das Ordnungsprinzip. Im Museum arbeiten wir überwiegend mit einer Sachkartei. Das bedeutet, dass wir die Objekte nach ihrem Verwendungszweck ordnen, statt nach ihrer Herkunft. Im Archiv ist es genau anders herum. Hier herrscht das Provenienzprinzip. Denn Bestände einer Herkunft dürfen im Archiv nicht getrennt werden, da so Entstehungszusammenhänge verloren gehen könnten. Das würde der wissenschaftlichen Forschung wichtige Erkenntnischancen rauben.

Das macht die Recherche im „Gedächtnis der Stadt“ zwar zum Teil etwas komplizierter. Der Reiz dabei ist aber, dass schon ein kleiner Forschungsauftrag eine Fülle lange Zeit in den Archivregalen vor sich hin schlummernder Geschichten zu Tage bringen kann und damit auch unerwartete Erkenntnisse und Verknüpfungen – oder einfach das wohlige Gefühl, ein Fenster in die Vergangenheit zu öffnen.

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

27. April 2018

Die Geschichte hinter den Objekten

Schon seit Juli letzten Jahres erforscht das Städtische Museum in einem vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Provenienzforschungsprojekt seine Sammlungseingänge aus den Jahren 1935 bis 1939. Dabei wird geprüft, wie die einzelnen Objekte in die Sammlung gelangten und wer die möglichen Vorbesitzer waren, kurzum also die genaue Geschichte hinter dem Objekt. Diese ist wichtig, um eventuell NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut zu ermitteln, das damit nicht rechtmäßig im Museum ist.

Das Städtische Museum ist das erste kommunale, stadtgeschichtliche Museum in Niedersachsen, das Provenienzforschung betrieb. Bereits 2008 wurden erste Untersuchungen unternommen und die Eingänge nach jüdischen Einliefern durchgesehen. Damals konnte die Sammlung jedoch nicht nach Eingängen von Drittanbietern überprüft werden. Das jetzige Projekt erlaubt eine solche systematischere und vertiefende Vorgehensweise. Der Fokus liegt auf Objekten, die von Drittanbietern wie Händlern, Auktionatoren oder Trödlern, aber auch von NS-Institutionen wie Polizei- und Finanzbehörden, Wohlfahrts- und Zollämtern stammen. Unter diesen können sich Objekte verbergen, die ursprünglich jüdischen Mitbürgern gehörten. Ebenfalls werden auch Einlieferungen von Freimaurern und Studentenverbindungen untersucht, die in der NS-Zeit verboten wurden und deren Besitz liquidiert wurde.

Die wichtigsten Arbeitsinstrumente eines Provenienzforschers sind die historischen Akten und Quellen, die sich sowohl im eigenen Museums- bzw. im Stadtarchiv als auch in anderen Archiven in Deutschland und im Ausland befinden können. Die Recherche ist meist sehr detektivisch. Inventarlisten, Zugangsbücher, historische Briefe und Rechnungen müssen nach Hinweisen durchforstet werden. Jede noch so kleine Anmerkung kann für die Suche hilfreich sein und zu einem Ergebnis führen, denn die Provenienz erschließt sich meist nicht sofort, sondern ist wie ein großes Puzzle.

Die Erforschung der Geschichte hinter den Objekten liefert dabei meist nicht nur den gewünschten Provenienznachweis. Auch Objekte und Künstler werden dadurch wiederentdeckt, die eigene Sammlungsgeschichte erforscht und neue Kontexte und Zusammenhänge geschaffen. Provenienzforschung ist Teil der moralischen Verpflichtung von uns Deutschen, die Verbrechen der Nationalsozialisten in all ihren Erscheinungsformen aufzuarbeiten. Das Forschungsprojekt am Städtischen Museum ist zugleich eine große Chance für die zukünftige Museumsarbeit und ein wichtiger Beitrag zur Stadtgeschichte und der Erforschung des hiesigen Kunstmarkts.

Von interessanten Geschichten und Entdeckungen bei der Suche werden wir demnächst berichten.

Abb. 1: Seite aus dem Eingangsbuch des Städtischen Museums aus dem Jahre 1936, u.a. mit den Eingängen der Studentenverbindung Brunsviga; Abb. 2: Tasse aus der Sammlung für Saarflüchtlinge, deren Zweck und Ursprung erforscht wird.

 

(Saskia Johann, wissenschaftliche Mitarbeiterin)

16. Februar 2018

Provenienzforschung und Restitution

Interview mit Museumsleiter Dr. Ernst Böhme

In der vergangenen Woche wurden wieder Stolpersteine für während der Naziherrschaft ermordete Göttinger Jüdinnen und Juden verlegt. Die Namen dieser Menschen begegnen uns auch hier im Museum immer wieder aufs Neue, denn auch in unserer Sammlung befinden sich Objekte, die einmal durch die sogenannte „Arisierung“ hierher gelangten. Erfreulicherweise konnten schon einige dieser Objekte an die Nachkommen restituiert werden. Bereits 2014 haben wir über die Restitution der Möbel der Familie Hahn an deren rechtmäßige Erben berichtet. Diese überließen die Möbel und weitere Erbstücke dem Museum als Dauerleihgabe. Nun kamen sie erneut ins Museum, um diese Objekte zu begutachten. Auch Thomas Buergenthal, Enkel von Rosa und Paul Silbergleit, besuchte im Rahmen der Stolpersteinverlegung das Museum. Das Städtische Museum wird durch solche Zeichen wachsenden Vertrauens von einem Ort der Erinnerung zur Begegnungsstätte und somit zu einem Ort, an dem Zukunft gestaltet wird.                                                                                                                Über Provenienzforschung, Restitution und bewegende Momente berichtet Museumsleiter Dr. Ernst Böhme.

Herr Dr. Böhme, wann wurde Ihnen bewusst, dass sich in der Sammlung des Städtischen Museums Göttingen Objekte befinden, die im Zuge der „Arisierung“ hierher gelangten?

2006 hat das Museum ein Porträt des jüdischen Malers Herrmann Hirsch von einer Göttinger Familie erhalten. Da sich in unserer Sammlung bereits einige Gemälde des Künstlers befanden, habe ich gleich im Eingangsbuch überprüft, wie diese ins Museum gekommen waren. Es handelte sich um einen Ankauf vom Finanzamt im Jahre 1941. Diese Objekte sind also höchstwahrscheinlich durch „Arisierung“, das heißt legitimierte Erpressung oder Enteignung jüdischer Bürger durch Organe des NS-Staates, in den Besitz des Finanzamtes gekommen, um schließlich vom Museum gekauft zu werden. Diese Erkenntnis wurde zum Auslöser für die Suche nach weiteren Objekten in unserer Sammlung, die jüdischen Bürgern in dieser Zeit unrechtmäßig entzogen worden waren.

Wieso hat man nicht schon viel früher angefangen, sich mit der Provenienz dieser Objekte zu beschäftigen?

Otto Fahlbusch, der damalige Museumsleiter, blieb auch nach dem 2. Weltkrieg auf seiner Position, ohne den Versuch zu unternehmen, die „arisierten“ Objekte an die Erben der ehemaligen Göttinger Juden zurückzugeben. Und auch bei seinen Nachfolgern im Amt ist diesbezüglich kein Unrechtsbewusstsein erkennbar, da die Objekte ja formrechtlich korrekt angekauft und nicht gewaltsam geraubt worden waren. Man hat sich auf diese Position zurückgezogen und den Kontext der Vorgänge außer Acht gelassen. Unberücksichtigt blieb dabei, dass das NS-Regime ein Rechtssystem hatte, dessen Ziel Unrecht war. Dabei hat man sich im Museum mit der NS-Zeit durchaus beschäftigt. In den 80er Jahren gab es sogar eine Sonderausstellung „Göttingen unterm Hakenkreuz“. Seit den 1980er Jahren war das Thema „NS-Zeit“ fester Bestandteil der Dauerausstellung.

War es schwierig, die rechtmäßigen Erben zu finden? Wie kam der Kontakt zu Stande und wie waren die ersten Reaktionen?

Die Erben zu finden ist sehr schwer, da diese Menschen, wenn es sie überhaupt gibt, mittlerweile in der ganzen Welt verstreut sind. Mit den Nachkommen der Familie Hahn hatten wir einfach Glück. Sie waren zufällig, aus anderen Gründen, in Göttingen und kamen auf uns zu. So konnte schnell ein guter Kontakt aufgebaut werden. Von Seiten der Nachkommen gab es anfangs unterschiedliche Haltungen uns gegenüber. Die Reaktionen auf unser Vorhaben waren überwiegend positiv, anfangs war aber auch eine verständliche Distanziertheit spürbar, die sich mittlerweile erfreulicherweise aufgelöst hat. Alle Nachkommen sind sehr zugänglich und treten uns mittlerweile mit großem Vertrauen entgegen.

Letzte Woche besuchten erneut Nachfahren vertriebener und ermordeter jüdischer Bürger Museum und Depot? Was können Sie über diese Begegnungen berichten?

Michael Hayden, Enkel von Max und Gertrud Hahn, hat Objekte aus dem Nachlass seiner Großeltern begutachtet. Die meisten sah er zum ersten Mal. Solche Momente sind immer sehr bewegend.                                                                                                                                                Auch Thomas Buergenthal, Enkel von Rosa und Paul Silbergleit, besuchte das Museum. Während seines Aufenthalts in Göttingen wurden wir bei Arbeiten im Depot auf einen Schuhlöffel aus dem Geschäft seiner Großeltern aufmerksam. Wir freuen uns sehr, dass wir dieses Erinnerungsstück Herrn Buergenthal noch am selben Tag überreichen konnten. Das Museum besitzt einen weiteren Schuhlöffel aus dem Geschäft Silbergleit.                     Ich staune immer wieder über die Dankbarkeit, die uns von Seiten der Erben entgegengebracht wird, denn eigentlich stehen wir tief in ihrer Schuld. Wir sind sehr dankbar für die Offenheit und das Vertrauen, das uns, trotz der Schrecken der Vergangenheit, entgegengebracht wird.

 

 

 

 

 

Abb.1: Michael Hayden und Kuratorin Andrea Rechenberg bei der Begutachtung von Objekten aus dem Nachlass der Familie Hahn; Abb. 2: Kuratorin Andrea Rechenberg, Museumsleiter Dr. Ernst Böhme und Prof. Dr. Thomas Buergenthal bei der Übergabe des Schuhlöffels aus dem Geschäft der Familie Silbergleit in der Göttinger Stadtbibliothek; Abb.3: Schuhlöffel aus dem Geschäft der Familie Silbergleit

(Das Interview mit Dr. Ernst Böhme führte Izabela Mihaljevic, wissenschaftliche Volontärin.)

02. Februar 2018

Vorgestellt – Unser ehrenamtlicher Guide

Hinrich Lange bietet seit August 2017 ehrenamtlich Führungen durch die Sonderausstellung „1529 – Aufruhr und Umbruch“ an und setzt sich für eine verstärkte  Kooperation zwischen den Göttinger Schulen und  dem Städtischen Museum ein.

Herr Lange, was können Sie über Ihre Aufgabe hier im Museum berichten?

Ich biete Führungen durch die aktuelle Ausstellung für Schulklassen und Erwachsene an. Diese können individuell gebucht werden. Auch mit dem Ylab der Uni habe ich bereits zusammengearbeitet. Außerdem organisiere ich an ausgewählten Sonntagen offene Führungen.            Nach Abbau der Sonderausstellung hätte ich auch Freude daran, hier im Museum Kurse zu speziellen Themen des Schulunterrichts zu betreuen.

Hatten Sie bereits, bevor Sie Ihre Tätigkeit hier angefangen haben, Erfahrungen im museumspädagogischen Bereich?

Ja und nein. Ich bin von Beruf Gymnasiallehrer und habe früher Geschichte, Politik und Französisch an der Goetheschule in Einbeck unterrichtet. Es hat mir immer schon Spaß gemacht, meine Schüler auf Klassenfahrten durch fremde Städte zu führen, und Museen habe ich für den Unterricht oft und gerne als außerschulische Lernorte genutzt. Nach meiner Pensionierung habe ich nach einer neuen Aufgabe gesucht und mich dann entschlossen, eine Fortbildung zum Stadtführer im Tourist Office zu machen. In der folgenden Zeit habe ich, neben den Stadtführungen in Göttingen, auch zahlreiche Reisegruppen, u. a. nach Frankreich und England, betreut.

Was motivierte Sie, eine ehrenamtliche Tätigkeit im Städtischen Museum aufzunehmen?

Ich fand es schade, dass das Museum durch die stagnierende Sanierung seit vielen Jahren kaum von Schulklassen besucht wurde. In Anbetracht der sehr gelungenen Reformationsausstellung wollte ich das ändern. Ich habe mich mit meinem Anliegen beim Museum vorgestellt und, nach produktiven Gesprächen mit Herrn Dr. Böhme und Frau Rechenberg, die Göttinger Schulen kontaktiert und Lehrer der Fächer Geschichte, Religion und Deutsch über die Möglichkeiten und den Nutzen eines Museumsbesuchs im Rahmen des Unterrichts informiert. Da das Thema Reformation 2017 auf dem Lehrplan stand, erhielt ich viele positive Rückmeldungen, und zahlreiche Buchungen für Schülerführungen im Museum folgten.

Welche Erwartungen hatten Sie, bevor Sie Ihre Tätigkeit  hier begonnen haben? Was ist anders als gedacht?

Ich habe gehofft, dass die Schulen erkennen, welche Chancen eine Kooperation mit dem Museum bietet. Die Schüler erhalten hier die Möglichkeit, sich auf eine ganz andere, neue Weise mit dem Schulstoff zu beschäftigen. Die Theorie wird im Museum lebendig. Das stärkt den persönlichen Bezug der Schüler zu dem Thema und erhöht so den Lernerfolg.                 Viele Lehrer haben das erkannt. Manche schrecken jedoch vor dem Organisationsaufwand eines Museumsbesuchs im Rahmen des Unterrichts zurück. Das finde ich schade.

Was macht den Reiz ihrer Aufgabe aus? Welche Schwierigkeiten gibt es?

Die Tätigkeit bereitet mir sehr viel Freude, auch weil ich selbst viel dazulerne. Das  Thema „Reformation in Göttingen“ ist sehr spannend. Jedes Mal, wenn ich mich damit beschäftige, entdecke ich neue Aspekte.                                                                                                                  Auch über die Gruppen kann ich nur Positives berichten. Neben Schülern der Jahrgänge 10 bis 13 habe ich verschiedene andere Gruppen geführt, darunter auch eine Gruppe von Menschen mit Behinderung. Alle waren sehr interessiert.

 

Die letzte offene Führung zur Sonderausstellung „1529 – Aufruhr und Umbruch“ findet am Sonntag, den 11. Februar 2018, um 11.30 Uhr statt.

(Das Interview mit Hinrich Lange führte Izabela Mihaljevic, wissenschaftliche Volontärin.)

 

 

 

19. Januar 2018

Vorgestellt – Unser studentischer Mitarbeiter

Nico Stober studiert Geschichte und Politik im 5. Fachsemester des Bachelorstudiengangs an der Georg-August Universität. Er kam im Juli 2017 als Praktikant zu uns und entschloss sich danach, noch etwas länger zu bleiben. Seit August unterstützt er das Museum an einem Tag in der Woche als studentische Hilfskraft.

Herr Stober, welchen Bereich im Museum betreuen Sie und was sind Ihre Aufgaben?

Zurzeit suche ich nach Vermerken und Streichungen in den seit 1889 geführten Eingangsbüchern des Museums und trage diese dann in den digitalen Eingangsbüchern nach. Die Museumsmitarbeiter werden dann in Zukunft nur noch in das digitale Eingangsbuch schauen müssen, um alle Informationen über den Ein- und Abgang eines Objekts oder Änderungen unterschiedlicher Art zu erhalten. Außerdem habe ich auch bereits zahlreiche Objekte in die digitale Objektdatenbank des Museums First Rumos eingepflegt. Das waren vor allem Haushaltswaren, Spielzeug, Schmuck und Elektronikartikel.

Was motivierte Sie, einen Nebenjob im Städtischen Museum aufzunehmen?

Ich wollte Praxiserfahrungen im Museumsbereich sammeln. In der Schule und im Studium steht das Lernen im Vordergrund und der Praxisbezug kommt zu kurz oder fehlt gänzlich. Der Nebenjob im Museum macht mir Spaß und ich kann wichtige Erfahrungen für meine berufliche Zukunft sammeln.                                                                                                                                      Ich habe mich damals am Städtischen Museum beworben, da ich mich für die lokale Geschichte und das Leben der einfachen Menschen vor Ort interessiere. Stadtgeschichtliche Museen, die sich mit der Alltagskultur beschäftigen, halte ich für eine sehr wichtige und unverzichtbare Komponente bei der Bewahrung und Vermittlung von Geschichte. Denn es ist erst möglich, große historische Ereignisse und Zusammenhänge wirklich zu verstehen und nachzuvollziehen, wenn man die Geschichte der ganz „normalen“ Individuen kennt.

Welche Vorstellungen von Museumsarbeit hatten Sie, bevor sie Ihre Tätigkeit hier begonnen haben? Was ist anders als gedacht?

Ich habe nicht erwartet, dass sich ein so großer Teil der Museumsarbeit „hinter den Kulissen“ abspielt. Museumsarbeit habe ich vor dem Praktikum vor allem mit Vermittlungsarbeit, also dem organisieren von Ausstellungen etc. assoziiert. Der größte Bereich ist hier jedoch die Sammlungsverwaltung und das Erforschen und Bewahren der Objekte.

Was macht den Reiz Ihrer derzeitigen Aufgaben hier aus? Wo wird es knifflig?

Anhand der Eingangsbücher und der darin vermerkten Änderungen erhalte ich einen Einblick in die Sammlungspolitik des Museums zu unterschiedlichen Zeiten. Nicht immer war der Schwerpunkt hier gleich. Auch die Gründe für Aussonderungen und Übergaben von Objekten an andere Museen variieren. Prioritäten zu setzen war und ist immer wieder nötig, denn adäquater Lagerplatz ist knapp und schließlich sollen die Objekte gut bewahrt werden. Heutzutage ist dabei das Sammlungskonzept eine wichtige Richtlinie.                              Manchmal ist es schwierig, die Schreibschrift in den Eingangsbüchern zu entziffern. Dabei finde ich es schwieriger, die Schrift mancher Personen, die in den 50er Jahren die Einträge vorgenommen haben, zu entziffern, als die, mir als angehendem Historiker bekannte, um 1900 übliche Schreibschrift.

(Das Interview mit Nico Stober führte Izabela Mihaljevic, wissenschaftliche Volontärin.)

 

 

08. Dezember 2017

Vorgestellt – Unser neuer ehrenamtlicher Mitarbeiter

Ehrenamtliche Mitarbeiter sind für das Städtische Museum von großem Wert. Einige wurden hier im Blog schon vorgestellt. Bereits seit einem halben Jahr unterstützt auch Dr. Günther Beer ehrenamtlich das Team, das sich um die Inventarisierung kümmert.

Herr Dr. Beer, welchen Bereich im Museum betreuen Sie und was sind Ihre Aufgaben?

Zurzeit bin ich mit der Digitalisierung der Bilddokumente aus dem Fotoarchiv des Museums betraut. Ich scanne jede einzelne Fotografie, untersuche sie auf schriftliche Anmerkungen und speichere sie mitsamt der vorhandenen Informationen auf dem Computer ab. So wird es in Zukunft für die Mitarbeiter des Museums oder auch externe Forscher einfacher sein, eine bestimmte Fotografie zu finden.

Hatten Sie bereits, bevor Sie Ihre Tätigkeit hier angefangen haben, Erfahrungen mit Museumsarbeit?

Ich bin eigentlich Chemiker und habe von 1974 bis 2004 als Akademischer Rat am Institut für Anorganische Chemie gearbeitet. Hier habe ich hauptsächlich angehende Chemiker und Biologen im Praktikum betreut. Ich nahm meine Tätigkeit dort in der Zeit auf, als das Chemische Institut seinen alten Standort in der Hospitalstraße verließ und die neuen Räumlichkeiten auf dem Nordcampus bezog. Der Alte Standort in der Hospitalstraße, an dem in der Vergangenheit viele bedeutende Chemiker gearbeitet hatten, weckte jedoch mein Interesse an der Geschichte der Göttinger Universität. Dort hatten sich viele interessante historische Instrumente erhalten die es für nachfolgende Generationen zu bewahren lohnte. Ich bekam 1979 die Möglichkeit mit diesen Objekten ein kleines Museum in einem Raum in der Fakultät einzurichten, das ich in den folgenden Jahrzehnten betreute, das „Museum der Göttinger Chemie“. Das Museum existiert noch und wird heute vor allem von einem Förderverein unterstützt. Das macht auch Anschaffungen möglich. Mittlerweile besitzt das Museum neben den historischen Geräten auch Fotografien, Vorlesungsnachschriften, Bücher und vieles mehr. Insofern habe ich bereits eine gewisse Erfahrung mit Museumsarbeit.

Was motivierte Sie, eine ehrenamtliche Tätigkeit im Städtischen Museum aufzunehmen?

Ich habe das Städtische Museum oft und gerne besucht und kannte den Museumsleiter Herrn Dr. Böhme aus dem Geschichtsverein. Dort war ich 9 Jahre im Vorstand. Als ich in den Ruhestand ging, übernahm mein Nachfolger die Betreuung des „Museums der Göttinger Chemie“. Nach einiger gewissen Zeit bekam ich den Wunsch, auch im Ruhestand in eine ähnliche Richtung sinnvoll tätig zu werden. So ergab sich im Kontakt mit Herrn Dr. Böhme für mich die Möglichkeit, zwei Vormittage in der Woche im Städtischen Museum ehrenamtlich zu arbeiten.

Was macht den Reiz Ihrer derzeitigen Aufgaben hier aus? Wo wird es knifflig?

Im Zuge der Digitalisierung der historischen Fotografien ist es möglich, vieles zu entdecken. Besonders interessant finde ich historische Fotografien von Häusern, in denen einmal Menschen wohnten, die später in die Wissenschaftsgeschichte eingingen. Da viele berühmte Wissenschaftler in Göttingen tätig waren, begegnen mir solche Dokumente häufig. Knifflig wird es, wenn die Fotografien nicht beschriftet sind oder die Beschriftung nicht mehr entziffert werden kann. Meine Aufgabe ist jedoch so umfangreich, dass ich an diesem Punkt zunächst nicht vertieft weiterrecherchieren kann. Das bleibt dann den Personen überlassen, die sich in der Zukunft im Rahmen ihrer speziellen Forschungsvorhaben mit den Fotografien beschäftigen werden.

(Das Interview mit Dr. Günther Beer führte Izabela Mihaljevic, wissenschaftliche Volontärin.)

25. August 2017

Vorgestellt – Die Museumswerkstatt

Für die gestalterische und bauliche Umsetzung der letzten Ausstellungen bekommt das Museum immer wieder viel Lob – da wird es doch höchste Zeit die Frau hinter den Kulissen vorzustellen:

Silke Stegemann ist bereits 2 ½ Jahre Tischlerin im Städtischen Museum und ohne sie und ihren Kollegen Horst Leibeling würde hier nichts funktionieren!

Frau Stegemann, was sind Ihre Aufgaben als Museumstischlerin?

Die Aufgaben der Museumswerkstatt können grob in 3 Gruppen eingeteilt werden: Die täglichen Aufgaben im Museum, die Tätigkeiten im Depot und die Vorbereitung und der Aufbau der Sonderausstellungen.

Im Museum kümmern wir uns darum, dass ein möglichst konstantes Raumklima erhalten bleibt. Das ist für den Erhalt der Ausstellungsobjekte sehr wichtig. Wir überprüfen regelmäßig den Zustand der Räume und der Objekte, da sich dieser mit der Zeit und der Dauer der Ausstellung zwangsläufig verändert. Außerdem gehört die technische Betreuung der Veranstaltungen im Museum zu unseren Aufgabenbereichen. Darüber hinaus sind wir auch für den Transport von Objekten, z. B. vom Museum ins Depot, zu anderen Museen, die Objekte von uns leihen möchten, oder zur Behandlung zuständig.

Auch im Depot ist der Erhalt des jeweiligen Raumklimas wichtig. Verschiedene Objekte bzw. Materialien müssen unter unterschiedlichen Bedingungen gelagert werden. Da das Depot noch nicht vollständig eingerichtet ist, findet hier eine laufende Optimierung statt. Diese findet unter Anleitung der zuständigen Kuratorin und in Zusammenarbeit mit anderen MitarbeiterInnen des Museums, statt. Ich bin auch beteiligt an der Planung der Stickstoffbehandlung der Objekte, die ins Depot gebracht werden sollen. Um einen Schädlingsbefall von Objekten aus organischen Materialien ausschließen zu können, müssen diese nämlich vor der Einlagerung im Depot in die Stickstoffbehandlung nach Hannover.   Hierfür ist im Vorhinein viel zu planen und zu organisieren.

Die Vorbereitung und der Aufbau von Sonderausstellungen macht mir am meisten Spaß, da hier viel Kreativität gefordert ist. Gemeinsam mit der Kuratorin widme ich mich hierbei zunächst der Frage: Wie können die jeweiligen Themen und Objekte, in dem Raum, den wir zur Verfügung haben, und mit den Mitteln, die wir haben, optimal präsentiert werden? Dann erst folgen die Herstellung und der Aufbau der Ausstellungsarchitektur. Es ist schön, wenn es uns gelingt, den Besuchern in jeder Ausstellung einen veränderten Raum-Eindruck und somit eine andere Atmosphäre zu vermitteln. Leider ist in unserer Werkstatt nicht genügend Platz, um während der laufenden Ausstellung bereits die nächste vorzubereiten. Daher muss es immer eine Pause zwischen den Sonderausstellungen geben.

Welche Ausstellung war bisher am aufwändigsten? Welche gefiel Ihnen persönlich am besten?

Die aktuelle Sonderausstellung „1529 – Aufruhr und Umbruch“ war die bisher aufwändigste, bzw. arbeitsintensivste, da die Ausstellungsfläche, durch die Einbeziehung der Kirchenkunst im 1. Obergeschoss, am größten ist.

Inhaltlich gefiel mir die Barbara-Ausstellung im letzten Jahr am besten. Die Umsetzung dieser Ausstellung hat mir daher besonders viel Spaß gemacht.

Haben Sie auch schon, bevor Sie ins Städtische Museum kamen, in Museen gearbeitet?

Nein, ich habe als Tischlermeisterin in der Ausbildung gearbeitet.

Wie sind Sie auf den Beruf der Tischlerin gekommen? Man sieht selten Frauen in diesem Beruf.

Ich habe zunächst Pädagogik studiert, habe dabei aber gemerkt, dass ich viel lieber handwerklich arbeite. Deshalb entschied ich mich für die Tischlerlehre. Als ich mit meiner Ausbildung anfing, waren es tatsächlich noch überwiegend Männer, die diesen Beruf ergriffen. Ich hatte aber dennoch nie Probleme, mich zu behaupten. Mittlerweile machen auch immer mehr Frauen eine Ausbildung zur Tischlerin.

Was ist Ihnen persönlich bei der täglichen Arbeit im Museum besonders wichtig?

Ein guter kollegialer Kontakt ist mir wichtig, da wir uns ja mit allen MitarbeiterInnen abstimmen müssen, um einen reibungslosen Austellungs- und Veranstaltungsablauf zu ermöglichen.

 

(Das Interview mit Silke Stegemann führte Izabela Mihaljevic, wissenschaftliche Volontärin.)

18. August 2017

Kunst im Haar – Schildpattkämme als beliebtes Damenaccessoire im 19. Jahrhundert

Die Reinventarisierung des Museumsbestandes fördert immer wieder viele, scheinbar vergessene Objekte vergangener Epochen zu Tage. Darunter befinden sich auch solche, die noch vor einigen Generationen zum festen Bestandteil des Kleiderschranks der Frau von Welt gehörten – so beispielsweise auch eine Sammlung kunstvoll gearbeiteter Steckkämme aus Schildpatt.

Im Zuge meines studentischen Praktikums habe ich mich verstärkt mit jenen fein gesägten Objekten beschäftigt, sah mich aber rasch mit einem verzwickten Problem konfrontiert. Denn im Prozess der Aufnahme der Objekte ist es nicht nur nötig, sie zu vermessen und zu datieren, es ist eben auch nötig, das Material zu bestimmen, aus dem sie angefertigt wurden. Und genau dort zeigt sich die Schwierigkeit.

Einsteckkämme stellten bis in das letzte Jahrhundert einen beliebten Modeartikel dar, und sie taten dies schon seit längerer Zeit. Schon im 18. Jahrhundert verbreiteten sich die Kämme, welche aber nicht mit den schlichten Exemplaren jüngerer Zeit verwechselt werden sollten, sondern ganz dem Zeitgeist entsprechend ausgefallen gearbeitet waren und häufig mit kunstvollen teils geritzten, teils gesägten Motiven versehen waren. Das Schildpatt, hergestellt aus dem Panzer der heute unter Artenschutz stehenden Karettschildkröte, ließ die kleinen Stücke dabei hohe Preise erzielen.

Deswegen wurde häufig das deutlich günstigere Horn (und später auch der Kunststoff Bakelit) an Stelle das aufwendig zu beschaffenden Schildpatts verwendet. Das Horn wurde dabei  so mit Chemikalien bearbeitet, dass es auf der Oberfläche eine dem Schildpatt täuschend ähnliche Musterung und Farbe bildete. Nur einzeln und unter dem Mikroskop lassen sich die Unterschiede feststellen. Eine zeitaufwendige und mühselige Arbeit, welche bei der Beschaffung vieler Stücke durch das Museum in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts nicht getätigt wurde. Und so sprechen die Eingangsbücher an vielen Stellen von Schildpatt, wo möglicherweise nur ein geübter Plagiator am Werk war.

Doch Schildpatt oder nicht, die aufwendige Gestaltung vieler Kämme macht diese Frage mehr als wett. So ist etwa der Kamm mit der Inventarnummer 1900/808, der im Jahr 1900 zusammen mit zwei weiteren Kämmen für einen Preis von 7,50 Mark (was damals recht viel Geld war) vom Museum erworben wurde, ein wahres Kunstwerk. Denn das Schild des in den 1820/30er Jahren gefertigten Kammes ist mit fein gesägten Blüten und Blattmotiven verziert. Die Verzierungen sind leicht beschädigt. Der Kontrast des detailreichen Schilds zu den schlicht gearbeiteten Zinken lässt dabei die Arbeit nur noch besser zur Geltung kommen. (Auch, wenn dieser Teil beim Tragen des Kammes von den Haaren bedeckt war.) Ob das Stück aber nun von Schildpatt oder Horn ist, macht für sein Äußeres keinen Unterschied. Dieses bleibt in jedem Fall wunderschön.

Für die Neugierigen sei abschließend noch gesagt, laut Eingangsbuch handelt es sich bei dem Objekt um einen Kamm von Horn.

(Nico Stober – studentischer Praktikant)