Category Archives: Mitarbeiterberichte

30. November 2018

Ausstellung, die Übernächste bitte…

Im Januar eröffnet unsere nächste Ausstellung „Der rote Sonnabend. Facetten und Folgen der Novemberrevolution 1918 in Göttingen.“ Siehe dazu auch Blogbeitrag vom 09.11.

Doch bereits seit Sommer diesen Jahres, haben auch die inhaltlichen Arbeiten für die übernächste Ausstellung begonnen, die im Februar 2020 eröffnet wird. Es handelt sich dabei um ein sehr Göttingen-spezifisches Thema, das aber von bundesweiter, ja sogar  internationaler Bedeutung ist.

V.l.n.r.: die beiden Filmemacher Fabian Fess und Oliver Becker sowie die Historikerin Petra Vintrová an unserem vier Meter langen Storyboard

Da unser Platz für Sonderausstellungen wegen der stagnierenden Sanierung nach wie vor sehr begrenzt ist, müssen wir die  Inhalte die wir vermitteln möchten, verdichten. Dabei helfen uns verschiedene  Medien auf mehreren Ebenen, so können wir den Ausstellungraum inhaltlich „vergrößern“. Eine dieser erweiternden Vermittlungsebenen wird ein Film sein, der eigens für diese  Ausstellung produziert wird. Und dafür brauchen  wir ein  Drehbuch! Das erarbeiten wir mit einem Storyboard und das entsteht zurzeit  bei  intensiven Sitzungen der Filmgruppe.

Es ist eine neue und interessante Erfahrung für mich, die einige Parallelen zu der Erstellung einer Ausstellungskonzeption aufweist: Es müssen inhaltliche Aussagen getroffen werden und zugleich dazu die Bilder gesucht werden, die diese Aussage transportieren können. Inhalt und Darstellung werden zusammen gedacht, ganz ähnlich wie bei einer Ausstellung, aber in der Umsetzung hat ein Film andere Stilmittel der Erzählung und damit andere Anforderrungen zu erfüllen. Auf jeden Fall soll er informativ und unterhaltend werden, daran arbeiten wir….

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

23. November 2018

Unter dem Schleier der Jahrhunderte

Seit einigen Wochen freuen wir uns immer doppelt auf den wöchentlichen Besuch im Außendepot. Denn hier geschehen zurzeit kleine Wunder.

Dipl. Restauratorin Viola Bothmann lüftet Zentimeter für Zentimeter das Geheimnis des unbekannten Mädchens

Dank der freundlichen Unterstützung der Fielmann AG dürfen wir das älteste Kinderporträt unserer Sammlung nun bald mit neuen Augen betrachten. Die junge Dame aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die ihrer Kleidung und Attribute nach zu urteilen aus adeligem Hause stammt, bewohnt unser Depot schon lange. Bisher hat sie uns jedoch kaum etwas über sich verraten, da auf dem Ölgemälde keine Inventarnummer angebracht ist und damit kein Hinweis auf den Künstler, die dargestellte Person oder die Herkunft des Objekts vorhanden war. Außerdem hat sich mit den Jahrhunderten durch chemische Veränderungen der obersten Malschicht, dem Firnis, ein dunkler Schleier auf das Gemälde gelegt. Dadurch war bis auf das Mädchen im Vordergrund und ihre beiden Spielgefährten, einen Hund und einen Vogel, kaum etwas auf dem Bild erkennbar und die Farben waren stark verfälscht.

Gute Aussichten – zur Hälfte vom Firnis befreit!

Das ändert sich nun nach und nach.  Durch die Restaurierung wird unter anderem die einstige Farbgebung, soweit wie möglich, rekonstruiert und vorher nicht sichtbare Details kommen zum Vorschein. Das erfordert viel Zeit. In aufwändiger Kleinstarbeit deckt Dipl. Restauratorin Viola Bothmann immer größere Teile des Bildes auf, sodass wir den Antworten auf unsere Fragen Schritt für Schritt näher kommen.

Etwa die Hälfte des Bildes ist bereits vom Firnis befreit und auf einer Verstrebung des Tisches ist nun eine kryptische Künstlersignatur zu sehen. Hier werden weitere Recherchen nötig sein. Die Spitze am Kleid des Mädchens erleuchtet in strahlendem Weiß, zarte Pfirsichhaut schält sich aus dem dunklen Gelb und welche Vielfalt an Früchten nun links im Obstkorb erkennbar ist! Besonders gespannt sind wir aber auf den Bildhintergrund. Links ist bereits ein feierlich drapierter Vorhang erkennbar. Doch was wohl in der noch sehr dunklen Landschaft  im rechten Bildfeld zum Vorschein kommt? Und ob diese Rückschlüsse auf die Herkunft des Gemäldes, bzw. des dargestellten Mädchens zulässt?

Es bleibt spannend!

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

 

09. November 2018

Demnächst: „Der rote Sonnabend“ im Museum

 Ein Praktikumsbericht

Stadtmuseen waren bisher für mich eine recht unbekannte Gattung, gefühlt eher dröge und uninteressant. Aber dann dachte ich mir, dass doch gerade für den Einstieg in die Museumsarbeit ein kleines Museum einige Chancen bietet, Vieles kennenzulernen und Erfahrungen zu sammeln. Ich hatte das Glück, dass momentan im Städtischen Museum eine neue Sonderausstellung vorbereitet wird: So war ich dann mittendrin im Geschehen und konnte die Museumsarbeit hautnah miterleben.

 

 

Blick in den Ausstellungsraum: Aufbau der neuen Sonderausstellung „Der rote Sonnabend. Facetten und Folgender Novemberrevolution 1918“ in Göttingen. Eröffnung am 19. Januar 2019.

 

 

 

Etwas, dass mich überrascht hat, war, wie und in welch kleinen Schritten alles ausgearbeitet wird. Es wird darüber diskutiert, warum manche Objekte genutzt werden können und andere nicht, wo, an welcher Stelle und wieso wir das Exponat aufhängen, mit oder ohne Rahmen und mit welchem Rahmen. Außerdem muss eine Wandfarbe gewählt werden. Zu berücksichtigen ist ebenfalls, wie diese im Licht wirkt. Auch die Wahl einer angemessenen Schriftgröße, sowie eines stimmigen Layouts und einer passenden Farbe für die Objektbeschriftungen und die Plakate ist wichtig.

Zu Beginn des Praktikums war ich mit Recherchen für die Ausstellung im Stadtarchiv Göttingen beschäftigt. Es gehörte zu meinen Aufgaben, anhand einer Objektliste Dokumente zu scannen und zu speichern. Ebenso habe ich zu Lebenswegen einzelner Personen recherchiert, aus Zeitungen (Göttinger Tageblatt und Göttinger Zeitung 1918/1919) Informationen herausgefiltert und Biographien erstellt. Diese Informationen werden die Besucher in der Ausstellung lesen können.
Auch konnte ich an Arbeitssitzungen teilnehmen, in denen zusätzliche Angebote in und während der Ausstellung besprochen wurden. Dabei wurden u.a. mit dem YLAB, dem Geisteswissenschaftlichen Labor der Georg-August-Universität Göttingen, erörtert, welche Angebote für Schulen sinnvoll sind.

Nun ist mein Praktikum vorbei, und ich blicke auf die letzten zwei Monate zurück und muss mich selbstkritisch fragen, ob ich das gelernt habe, was ich wissen wollte. Die Antwort darauf ist nein. Aber das finde ich nicht schlimm, denn ich habe Erfahrungen gesammelt, die ich nicht erwartet habe. Die Museumsarbeit ist etwas, das ich gerne weiterverfolgen möchte.

Allen sage ich Danke und auf Wiedersehen!

(Meike Saade, studentische Praktikantin)

 

 

19. Oktober 2018

Vorgestellt – Die Museumsverwaltung

Diese Woche möchte ich zwei Personen vorstellen, die einen wesentlichen Beitrag für den reibungslosen Ablauf des täglichen Museumsbetriebs leisten. Christiane Grap und Georg Beume behalten immer den vollen Überblick über Museumsgebäude, Personal, Finanzen, Termine und vieles mehr. Dabei bleiben sie stets bescheiden und agieren meistens im Hintergrund des Geschehens. Was täten wir nur ohne unsere Museumsverwaltung?!

Frau Grap, Herr Beume, was sind jeweils Ihre Aufgaben hier im Museum?

C. Grap: Unter anderem kümmere ich mich um die Beschaffung. In Absprache mit den Museumsmitarbeitern sorge ich also dafür, dass alles da ist, was wir zum Arbeiten brauchen – von Papier und Stiften über säurefreies Verpackungsmaterial oder Überschuhen für das Depot bis hin zu den unterschiedlichsten Dingen, die für Ausstellungen benötigt werden. Außerdem verwalte ich die Rechnungen, dokumentiere Übernahmen und Aussonderungen von Objekten, behalte den Überblick über wichtige Termine und kümmere mich um die Post. Darüber hinaus nehme ich Lob und Kritik der Besucher am Telefon und per E-Mail entgegen.

G. Beume: Meine Arbeitsbereiche sind die Personalverwaltung, die Hausverwaltung und die Verwaltung des Fotoarchivs. Unter Hausverwaltung fällt fast alles, was mit der Wartung und Instandhaltung des Gebäudes zu tun hat. Wenn etwas repariert werden muss, vereinbare ich Termine mit Handwerkern. Ich achte darauf, dass die Brandschutzverordnung eingehalten wird und technische Geräte regelmäßig gewartet werden. Außerdem nehme ich Anfragen von Forschern und Privatpersonen entgegen, die eine Fotografie aus unserem Fotoarchiv benötigen. Manchmal kann ich das gewünschte Foto gleich einscannen und per E-Mail verschicken. Wenn es sich um eine sehr umfangreiche Anfrage handelt, vereinbare ich mit der interessierten Person einen Termin, an dem sie die Möglichkeit erhält, selbst im Fotoarchiv zu forschen.

Wie lange sind Sie jeweils schon im Museum tätig?

C. Grap: Seit Februar 2013. Davor habe ich bereits lange im Stadtarchiv der Stadt Göttingen gearbeitet.

G. Beume: Seit Januar 2016.

Was macht die Verwaltungsarbeit in einem Museum für sie besonders?

C. Grap: Neben der üblichen Verwaltungsarbeit, wie sie eben auch in ganz „normalen“ Unternehmen gemacht wird und die mir sehr viel Spaß macht, bekomme ich hier zusätzlich auch vielfältige Einblicke in ganz andere Arbeitsbereiche. Das geschieht zwangsläufig durch die enge Zusammenarbeit mit allen Kollegen und wenn mal „Not am Mann – oder der Frau“ ist, übernehme ich auch Sonderaufgaben, die manchmal eher weniger mit Verwaltungsarbeit zu tun haben.

G. Beume: Ja, das ist die Besonderheit. Wir sind die Schnittstelle zwischen der Stadtverwaltung und dem Museum. Unsere Aufgabe ist es, den Bogen zwischen Museumsarbeit und Verwaltungsarbeit zu schlagen. Eine dieser besonderen Aufgaben ist für mich die Verwaltung des Fotoarchivs. Das mache ich sehr gerne, da ich hier auch selbst immer wieder auf interessante Motive aus der Göttinger Geschichte stoße.

Welche Sonderausstellung im Städtischen Museum hat Ihnen bisher am besten gefallen und wieso? Haben Sie ein Lieblings-Objekt?

C. Grap: Ich kann mich da gar nicht entscheiden. Obwohl ich privat am liebsten Ausstellungen Moderner Kunst besuche, habe ich die Entstehung jeder Sonderausstellungen, die ich am Städtischen Museum bisher mitbekommen habe, mit Spannung verfolgt. Und jedes Thema wurde, meiner Meinung nach, bisher sehr gut umgesetzt. Mein Lieblingsobjekt ist sehr groß – es ist nämlich unsere umfangreiche und zum Teil sehr alte Museumsbibliothek.

G.Beume: Mir hat bisher die Ausstellung Barbara 1964 am besten gefallen. In Göttingen wussten viele vorher nicht, welche Bedeutung das Göttingen-Lied für die deutsch-französische Freundschaft hat und dass es in Frankreich so populär ist. Das hat sich mit der Ausstellung geändert. Für ein Lieblingsobjekt  kann ich mich nicht entscheiden. Ich arbeite, wie gesagt, sehr gerne im Fotoarchiv, staune aber auch immer wieder über die Objekte, die in den anderen  Magazinen und Depots bewahrt werden. Mir gefällt zum Beispiel die umfangreiche Sammlung unterschiedlichster zum Teil sehr skurriler Kopfbedeckungen im Textilmagazin.

(Das Interview mit Christiane Grap und Georg Beume führte Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

14. September 2018

Abschied von Frau Schrader

Rückblick auf 22 Jahre im Museum

Diese Woche verabschieden wir uns von einer langjährigen Mitarbeiterin des Museums. Unsere liebe Kollegin Heidemarie Schrader geht in den Ruhestand. Grund genug, einmal zurückzublicken auf volle 22 Jahre Dienstzeit im Städtischen Museum.

Heidemarie Schrader ist den meisten regelmäßigen Museumsbesuchern bekannt, denn sie empfängt jeden einzelnen mit einem freundlichen Lächeln an der Museumskasse. Bevor sie ins Museum kam, war sie als Köchin, Küchenleitung und stellvertretende Heimleitung in zwei Seniorenheimen der Stadt Göttingen tätig. Aus gesundheitlichen Gründen wurde sie 1996 ins Museum versetzt. Hier übernahm sie nicht nur die Rolle der Museumsaufsicht, sondern ließ sie sich auch zur psychologischen Beraterin weiterbilden. Frau Schrader erinnert sich gern an die vergangenen zwei Jahrzehnte. Die Zeit im Museum empfindet sie als große Bereicherung. Besonders die wechselnden Sonderausstellungen seien toll gewesen, sagt sie. Sie habe bei jeder einzelnen Ausstellung etwas Neues gelernt und könne sich nur schwer entscheiden, welche ihr am besten gefallen habe. In ihre persönliche „Top 3“ kommt, neben dem absoluten Favoriten „Tod, Bardo und Wiedergeburt im tibetischen Buddhismus“, auch die Sonderausstellung „Auf Schienen durch die Zeit“, für die im Museum eine echte Lokomotive der Gartetalbahn aufgestellt wurde. Sehr faszinierend fand sie auch eine Kunstausstellung der sehbehinderten Künstlerin Jutta Kaul, die nur aus ihrer Erinnerung malte. Ein Highlight sei für Sie außerdem der bis vor 10 Jahren regelmäßig im Städtischen Museum stattfindende Kunsthandwerkermarkt gewesen.

Für den Ruhestand hat sich Frau Schrader einiges vorgenommen. Unter anderem möchte sie eine Ausbildung zur systemischen Familienberaterin machen und als ehrenamtliche Richterin am Landgericht arbeiten. Das Museum wird sie aber trotzdem vermissen, sagt sie. Besonders der tägliche Austausch mit den Kollegen, die sie über die Jahre in ihr Herz geschlossen hat, wird ihr fehlen.

Wir wünschen Frau Schrader viel Freude beim Aufbruch zu neuen Ufern und werden sie hier auch sehr vermissen!

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

07. September 2018

Museum goes Stadtarchiv

Von Ordnungsprinzipien und schlummernden Geschichten

Das Stadtarchiv ist für die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Städtischen Museums ein oft und gern besuchter Ort. Denn Forschung ist im Museum häufig ohne die im Archiv bewahrten Informationen nur bedingt möglich. Während das Museum vor allem historisch oder künstlerisch wertvolle Gegenstände bewahrt, behütet das Archiv die passenden Geschichten. Von Zeitungen und Stadtplänen über Briefe und Nachlässe bis hin zu einzigartigen historischen Urkunden und Akten vom 13. Jahrhundert an bis in die Gegenwart hat das Stadtarchiv so einiges zu bieten, was das Forscherherz höher schlagen lässt.

Dabei ist es nicht ganz so einfach, vom Museum ins Archiv zu wechseln – und umgekehrt wahrscheinlich auch nicht. Davon konnte ich mich während eines einwöchigen Praktikums im Göttinger Stadtarchiv überzeugen. Besonders knifflig ist das Ordnungsprinzip. Im Museum arbeiten wir überwiegend mit einer Sachkartei. Das bedeutet, dass wir die Objekte nach ihrem Verwendungszweck ordnen, statt nach ihrer Herkunft. Im Archiv ist es genau anders herum. Hier herrscht das Provenienzprinzip. Denn Bestände einer Herkunft dürfen im Archiv nicht getrennt werden, da so Entstehungszusammenhänge verloren gehen könnten. Das würde der wissenschaftlichen Forschung wichtige Erkenntnischancen rauben.

Das macht die Recherche im „Gedächtnis der Stadt“ zwar zum Teil etwas komplizierter. Der Reiz dabei ist aber, dass schon ein kleiner Forschungsauftrag eine Fülle lange Zeit in den Archivregalen vor sich hin schlummernder Geschichten zu Tage bringen kann und damit auch unerwartete Erkenntnisse und Verknüpfungen – oder einfach das wohlige Gefühl, ein Fenster in die Vergangenheit zu öffnen.

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

27. April 2018

Die Geschichte hinter den Objekten

Schon seit Juli letzten Jahres erforscht das Städtische Museum in einem vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Provenienzforschungsprojekt seine Sammlungseingänge aus den Jahren 1935 bis 1939. Dabei wird geprüft, wie die einzelnen Objekte in die Sammlung gelangten und wer die möglichen Vorbesitzer waren, kurzum also die genaue Geschichte hinter dem Objekt. Diese ist wichtig, um eventuell NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut zu ermitteln, das damit nicht rechtmäßig im Museum ist.

Das Städtische Museum ist das erste kommunale, stadtgeschichtliche Museum in Niedersachsen, das Provenienzforschung betrieb. Bereits 2008 wurden erste Untersuchungen unternommen und die Eingänge nach jüdischen Einliefern durchgesehen. Damals konnte die Sammlung jedoch nicht nach Eingängen von Drittanbietern überprüft werden. Das jetzige Projekt erlaubt eine solche systematischere und vertiefende Vorgehensweise. Der Fokus liegt auf Objekten, die von Drittanbietern wie Händlern, Auktionatoren oder Trödlern, aber auch von NS-Institutionen wie Polizei- und Finanzbehörden, Wohlfahrts- und Zollämtern stammen. Unter diesen können sich Objekte verbergen, die ursprünglich jüdischen Mitbürgern gehörten. Ebenfalls werden auch Einlieferungen von Freimaurern und Studentenverbindungen untersucht, die in der NS-Zeit verboten wurden und deren Besitz liquidiert wurde.

Die wichtigsten Arbeitsinstrumente eines Provenienzforschers sind die historischen Akten und Quellen, die sich sowohl im eigenen Museums- bzw. im Stadtarchiv als auch in anderen Archiven in Deutschland und im Ausland befinden können. Die Recherche ist meist sehr detektivisch. Inventarlisten, Zugangsbücher, historische Briefe und Rechnungen müssen nach Hinweisen durchforstet werden. Jede noch so kleine Anmerkung kann für die Suche hilfreich sein und zu einem Ergebnis führen, denn die Provenienz erschließt sich meist nicht sofort, sondern ist wie ein großes Puzzle.

Die Erforschung der Geschichte hinter den Objekten liefert dabei meist nicht nur den gewünschten Provenienznachweis. Auch Objekte und Künstler werden dadurch wiederentdeckt, die eigene Sammlungsgeschichte erforscht und neue Kontexte und Zusammenhänge geschaffen. Provenienzforschung ist Teil der moralischen Verpflichtung von uns Deutschen, die Verbrechen der Nationalsozialisten in all ihren Erscheinungsformen aufzuarbeiten. Das Forschungsprojekt am Städtischen Museum ist zugleich eine große Chance für die zukünftige Museumsarbeit und ein wichtiger Beitrag zur Stadtgeschichte und der Erforschung des hiesigen Kunstmarkts.

Von interessanten Geschichten und Entdeckungen bei der Suche werden wir demnächst berichten.

Abb. 1: Seite aus dem Eingangsbuch des Städtischen Museums aus dem Jahre 1936, u.a. mit den Eingängen der Studentenverbindung Brunsviga; Abb. 2: Tasse aus der Sammlung für Saarflüchtlinge, deren Zweck und Ursprung erforscht wird.

 

(Saskia Johann, wissenschaftliche Mitarbeiterin)

16. Februar 2018

Provenienzforschung und Restitution

Interview mit Museumsleiter Dr. Ernst Böhme

In der vergangenen Woche wurden wieder Stolpersteine für während der Naziherrschaft ermordete Göttinger Jüdinnen und Juden verlegt. Die Namen dieser Menschen begegnen uns auch hier im Museum immer wieder aufs Neue, denn auch in unserer Sammlung befinden sich Objekte, die einmal durch die sogenannte „Arisierung“ hierher gelangten. Erfreulicherweise konnten schon einige dieser Objekte an die Nachkommen restituiert werden. Bereits 2014 haben wir über die Restitution der Möbel der Familie Hahn an deren rechtmäßige Erben berichtet. Diese überließen die Möbel und weitere Erbstücke dem Museum als Dauerleihgabe. Nun kamen sie erneut ins Museum, um diese Objekte zu begutachten. Auch Thomas Buergenthal, Enkel von Rosa und Paul Silbergleit, besuchte im Rahmen der Stolpersteinverlegung das Museum. Das Städtische Museum wird durch solche Zeichen wachsenden Vertrauens von einem Ort der Erinnerung zur Begegnungsstätte und somit zu einem Ort, an dem Zukunft gestaltet wird.                                                                                                                Über Provenienzforschung, Restitution und bewegende Momente berichtet Museumsleiter Dr. Ernst Böhme.

Herr Dr. Böhme, wann wurde Ihnen bewusst, dass sich in der Sammlung des Städtischen Museums Göttingen Objekte befinden, die im Zuge der „Arisierung“ hierher gelangten?

2006 hat das Museum ein Porträt des jüdischen Malers Herrmann Hirsch von einer Göttinger Familie erhalten. Da sich in unserer Sammlung bereits einige Gemälde des Künstlers befanden, habe ich gleich im Eingangsbuch überprüft, wie diese ins Museum gekommen waren. Es handelte sich um einen Ankauf vom Finanzamt im Jahre 1941. Diese Objekte sind also höchstwahrscheinlich durch „Arisierung“, das heißt legitimierte Erpressung oder Enteignung jüdischer Bürger durch Organe des NS-Staates, in den Besitz des Finanzamtes gekommen, um schließlich vom Museum gekauft zu werden. Diese Erkenntnis wurde zum Auslöser für die Suche nach weiteren Objekten in unserer Sammlung, die jüdischen Bürgern in dieser Zeit unrechtmäßig entzogen worden waren.

Wieso hat man nicht schon viel früher angefangen, sich mit der Provenienz dieser Objekte zu beschäftigen?

Otto Fahlbusch, der damalige Museumsleiter, blieb auch nach dem 2. Weltkrieg auf seiner Position, ohne den Versuch zu unternehmen, die „arisierten“ Objekte an die Erben der ehemaligen Göttinger Juden zurückzugeben. Und auch bei seinen Nachfolgern im Amt ist diesbezüglich kein Unrechtsbewusstsein erkennbar, da die Objekte ja formrechtlich korrekt angekauft und nicht gewaltsam geraubt worden waren. Man hat sich auf diese Position zurückgezogen und den Kontext der Vorgänge außer Acht gelassen. Unberücksichtigt blieb dabei, dass das NS-Regime ein Rechtssystem hatte, dessen Ziel Unrecht war. Dabei hat man sich im Museum mit der NS-Zeit durchaus beschäftigt. In den 80er Jahren gab es sogar eine Sonderausstellung „Göttingen unterm Hakenkreuz“. Seit den 1980er Jahren war das Thema „NS-Zeit“ fester Bestandteil der Dauerausstellung.

War es schwierig, die rechtmäßigen Erben zu finden? Wie kam der Kontakt zu Stande und wie waren die ersten Reaktionen?

Die Erben zu finden ist sehr schwer, da diese Menschen, wenn es sie überhaupt gibt, mittlerweile in der ganzen Welt verstreut sind. Mit den Nachkommen der Familie Hahn hatten wir einfach Glück. Sie waren zufällig, aus anderen Gründen, in Göttingen und kamen auf uns zu. So konnte schnell ein guter Kontakt aufgebaut werden. Von Seiten der Nachkommen gab es anfangs unterschiedliche Haltungen uns gegenüber. Die Reaktionen auf unser Vorhaben waren überwiegend positiv, anfangs war aber auch eine verständliche Distanziertheit spürbar, die sich mittlerweile erfreulicherweise aufgelöst hat. Alle Nachkommen sind sehr zugänglich und treten uns mittlerweile mit großem Vertrauen entgegen.

Letzte Woche besuchten erneut Nachfahren vertriebener und ermordeter jüdischer Bürger Museum und Depot? Was können Sie über diese Begegnungen berichten?

Michael Hayden, Enkel von Max und Gertrud Hahn, hat Objekte aus dem Nachlass seiner Großeltern begutachtet. Die meisten sah er zum ersten Mal. Solche Momente sind immer sehr bewegend.                                                                                                                                                Auch Thomas Buergenthal, Enkel von Rosa und Paul Silbergleit, besuchte das Museum. Während seines Aufenthalts in Göttingen wurden wir bei Arbeiten im Depot auf einen Schuhlöffel aus dem Geschäft seiner Großeltern aufmerksam. Wir freuen uns sehr, dass wir dieses Erinnerungsstück Herrn Buergenthal noch am selben Tag überreichen konnten. Das Museum besitzt einen weiteren Schuhlöffel aus dem Geschäft Silbergleit.                     Ich staune immer wieder über die Dankbarkeit, die uns von Seiten der Erben entgegengebracht wird, denn eigentlich stehen wir tief in ihrer Schuld. Wir sind sehr dankbar für die Offenheit und das Vertrauen, das uns, trotz der Schrecken der Vergangenheit, entgegengebracht wird.

 

 

 

 

 

Abb.1: Michael Hayden und Kuratorin Andrea Rechenberg bei der Begutachtung von Objekten aus dem Nachlass der Familie Hahn; Abb. 2: Kuratorin Andrea Rechenberg, Museumsleiter Dr. Ernst Böhme und Prof. Dr. Thomas Buergenthal bei der Übergabe des Schuhlöffels aus dem Geschäft der Familie Silbergleit in der Göttinger Stadtbibliothek; Abb.3: Schuhlöffel aus dem Geschäft der Familie Silbergleit

(Das Interview mit Dr. Ernst Böhme führte Izabela Mihaljevic, wissenschaftliche Volontärin.)

02. Februar 2018

Vorgestellt – Unser ehrenamtlicher Guide

Hinrich Lange bietet seit August 2017 ehrenamtlich Führungen durch die Sonderausstellung „1529 – Aufruhr und Umbruch“ an und setzt sich für eine verstärkte  Kooperation zwischen den Göttinger Schulen und  dem Städtischen Museum ein.

Herr Lange, was können Sie über Ihre Aufgabe hier im Museum berichten?

Ich biete Führungen durch die aktuelle Ausstellung für Schulklassen und Erwachsene an. Diese können individuell gebucht werden. Auch mit dem Ylab der Uni habe ich bereits zusammengearbeitet. Außerdem organisiere ich an ausgewählten Sonntagen offene Führungen.            Nach Abbau der Sonderausstellung hätte ich auch Freude daran, hier im Museum Kurse zu speziellen Themen des Schulunterrichts zu betreuen.

Hatten Sie bereits, bevor Sie Ihre Tätigkeit hier angefangen haben, Erfahrungen im museumspädagogischen Bereich?

Ja und nein. Ich bin von Beruf Gymnasiallehrer und habe früher Geschichte, Politik und Französisch an der Goetheschule in Einbeck unterrichtet. Es hat mir immer schon Spaß gemacht, meine Schüler auf Klassenfahrten durch fremde Städte zu führen, und Museen habe ich für den Unterricht oft und gerne als außerschulische Lernorte genutzt. Nach meiner Pensionierung habe ich nach einer neuen Aufgabe gesucht und mich dann entschlossen, eine Fortbildung zum Stadtführer im Tourist Office zu machen. In der folgenden Zeit habe ich, neben den Stadtführungen in Göttingen, auch zahlreiche Reisegruppen, u. a. nach Frankreich und England, betreut.

Was motivierte Sie, eine ehrenamtliche Tätigkeit im Städtischen Museum aufzunehmen?

Ich fand es schade, dass das Museum durch die stagnierende Sanierung seit vielen Jahren kaum von Schulklassen besucht wurde. In Anbetracht der sehr gelungenen Reformationsausstellung wollte ich das ändern. Ich habe mich mit meinem Anliegen beim Museum vorgestellt und, nach produktiven Gesprächen mit Herrn Dr. Böhme und Frau Rechenberg, die Göttinger Schulen kontaktiert und Lehrer der Fächer Geschichte, Religion und Deutsch über die Möglichkeiten und den Nutzen eines Museumsbesuchs im Rahmen des Unterrichts informiert. Da das Thema Reformation 2017 auf dem Lehrplan stand, erhielt ich viele positive Rückmeldungen, und zahlreiche Buchungen für Schülerführungen im Museum folgten.

Welche Erwartungen hatten Sie, bevor Sie Ihre Tätigkeit  hier begonnen haben? Was ist anders als gedacht?

Ich habe gehofft, dass die Schulen erkennen, welche Chancen eine Kooperation mit dem Museum bietet. Die Schüler erhalten hier die Möglichkeit, sich auf eine ganz andere, neue Weise mit dem Schulstoff zu beschäftigen. Die Theorie wird im Museum lebendig. Das stärkt den persönlichen Bezug der Schüler zu dem Thema und erhöht so den Lernerfolg.                 Viele Lehrer haben das erkannt. Manche schrecken jedoch vor dem Organisationsaufwand eines Museumsbesuchs im Rahmen des Unterrichts zurück. Das finde ich schade.

Was macht den Reiz ihrer Aufgabe aus? Welche Schwierigkeiten gibt es?

Die Tätigkeit bereitet mir sehr viel Freude, auch weil ich selbst viel dazulerne. Das  Thema „Reformation in Göttingen“ ist sehr spannend. Jedes Mal, wenn ich mich damit beschäftige, entdecke ich neue Aspekte.                                                                                                                  Auch über die Gruppen kann ich nur Positives berichten. Neben Schülern der Jahrgänge 10 bis 13 habe ich verschiedene andere Gruppen geführt, darunter auch eine Gruppe von Menschen mit Behinderung. Alle waren sehr interessiert.

 

Die letzte offene Führung zur Sonderausstellung „1529 – Aufruhr und Umbruch“ findet am Sonntag, den 11. Februar 2018, um 11.30 Uhr statt.

(Das Interview mit Hinrich Lange führte Izabela Mihaljevic, wissenschaftliche Volontärin.)

 

 

 

19. Januar 2018

Vorgestellt – Unser studentischer Mitarbeiter

Nico Stober studiert Geschichte und Politik im 5. Fachsemester des Bachelorstudiengangs an der Georg-August Universität. Er kam im Juli 2017 als Praktikant zu uns und entschloss sich danach, noch etwas länger zu bleiben. Seit August unterstützt er das Museum an einem Tag in der Woche als studentische Hilfskraft.

Herr Stober, welchen Bereich im Museum betreuen Sie und was sind Ihre Aufgaben?

Zurzeit suche ich nach Vermerken und Streichungen in den seit 1889 geführten Eingangsbüchern des Museums und trage diese dann in den digitalen Eingangsbüchern nach. Die Museumsmitarbeiter werden dann in Zukunft nur noch in das digitale Eingangsbuch schauen müssen, um alle Informationen über den Ein- und Abgang eines Objekts oder Änderungen unterschiedlicher Art zu erhalten. Außerdem habe ich auch bereits zahlreiche Objekte in die digitale Objektdatenbank des Museums First Rumos eingepflegt. Das waren vor allem Haushaltswaren, Spielzeug, Schmuck und Elektronikartikel.

Was motivierte Sie, einen Nebenjob im Städtischen Museum aufzunehmen?

Ich wollte Praxiserfahrungen im Museumsbereich sammeln. In der Schule und im Studium steht das Lernen im Vordergrund und der Praxisbezug kommt zu kurz oder fehlt gänzlich. Der Nebenjob im Museum macht mir Spaß und ich kann wichtige Erfahrungen für meine berufliche Zukunft sammeln.                                                                                                                                      Ich habe mich damals am Städtischen Museum beworben, da ich mich für die lokale Geschichte und das Leben der einfachen Menschen vor Ort interessiere. Stadtgeschichtliche Museen, die sich mit der Alltagskultur beschäftigen, halte ich für eine sehr wichtige und unverzichtbare Komponente bei der Bewahrung und Vermittlung von Geschichte. Denn es ist erst möglich, große historische Ereignisse und Zusammenhänge wirklich zu verstehen und nachzuvollziehen, wenn man die Geschichte der ganz „normalen“ Individuen kennt.

Welche Vorstellungen von Museumsarbeit hatten Sie, bevor sie Ihre Tätigkeit hier begonnen haben? Was ist anders als gedacht?

Ich habe nicht erwartet, dass sich ein so großer Teil der Museumsarbeit „hinter den Kulissen“ abspielt. Museumsarbeit habe ich vor dem Praktikum vor allem mit Vermittlungsarbeit, also dem organisieren von Ausstellungen etc. assoziiert. Der größte Bereich ist hier jedoch die Sammlungsverwaltung und das Erforschen und Bewahren der Objekte.

Was macht den Reiz Ihrer derzeitigen Aufgaben hier aus? Wo wird es knifflig?

Anhand der Eingangsbücher und der darin vermerkten Änderungen erhalte ich einen Einblick in die Sammlungspolitik des Museums zu unterschiedlichen Zeiten. Nicht immer war der Schwerpunkt hier gleich. Auch die Gründe für Aussonderungen und Übergaben von Objekten an andere Museen variieren. Prioritäten zu setzen war und ist immer wieder nötig, denn adäquater Lagerplatz ist knapp und schließlich sollen die Objekte gut bewahrt werden. Heutzutage ist dabei das Sammlungskonzept eine wichtige Richtlinie.                              Manchmal ist es schwierig, die Schreibschrift in den Eingangsbüchern zu entziffern. Dabei finde ich es schwieriger, die Schrift mancher Personen, die in den 50er Jahren die Einträge vorgenommen haben, zu entziffern, als die, mir als angehendem Historiker bekannte, um 1900 übliche Schreibschrift.

(Das Interview mit Nico Stober führte Izabela Mihaljevic, wissenschaftliche Volontärin.)