Category Archives: Mitarbeiterberichte

14. April 2017

Kreativität in Ton

Vor kurzem erhielt das Museum als private Schenkung eine Tonschale aus der Werkstatt der Töpfermeisterin Eva Kumpmann. Es handelt sich um ein hübsches, qualitativ hochwertiges Stück ganz im Stil der 60er Jahre und stellt eine gute Ergänzung der bereits in der Museumssammlung befindlichen Objekte aus der Kumpmann-Werkstatt dar.

Eva Kumpmann gehörte zu den prägenden Göttinger Kunsthandwerkern der Mitte des 20. Jahrhunderts und betrieb lange Jahre ihre Werkstatt in der Wilhelm-Lambrecht-Straße sowie zeitweise ein Geschäft in der Theaterstraße. Zuvor aber, und hier kreuzte sich mein Lebensweg mit dem der Töpfermeisterin, war deren Werkstatt auf dem Gelände des Weender Krankenhauses untergebracht. Sie arbeitete dort mit ihrem Bruder, dem Keramiker Christoph Kumpmann.

Das Krankenhaus war nach dem Zweiten Weltkrieg in die Hauptgebäude einer leerstehenden Kaserne eingezogen, in der zuvor eine Einheit der „bespannten“ Artillerie gelegen hatte, also eine Einheit, deren Geschütze von Pferden gezogen wurden. Die ehemaligen Stallungen waren für uns Kinder, die wir in der benachbarten Siedlung „Ebelhof“ aufwuchsen, ein paradiesischer Abenteuerspielplatz. In einigen der ehemaligen Ställe hatten sich in den beginnenden Wirtschaftswunderzeiten kleinere Betriebe angesiedelt, wie etwa eine Firma, die billiges Plastikspielzeug herstelle. Der fehlerhafte Ausschuss landete im ehemaligen Löschteich der Kaserne, von uns Krempel genannt – herrlich!

Auch Kumpmanns hatten in den Pferdeställen ihre Töpferwerkstatt eingerichtet, und so brach für einige Zeit unter uns Ebelhofkindern eine heftige Töpferbegeisterung aus. Mit großer Geduld und Hingabe pflegten Kumpmanns unsere Euophorie und brannte die Produkte unsere Tätigkeit in ihren Öfen. Aus meinen Händen entstanden z. B. für meine damals noch rauchenden Eltern großformatige Aschenbecher, die etwa zwanzig Zentimeter Durchmesser und Kerben für ca. 80 Zigaretten hatten. Auch Vasen schuf ich, deren Wände daumendick aber, da nicht glasiert, leider nicht dicht waren.

Immerhin war ich am Ende so weit gekommen, Tonuntersetzer zu schaffen, die, von meiner Mutter mit Blumen bemalt, glasiert und gebrannt, den Großeltern zu Weihnachten geschenkt werden konnten. Das Geschwisterpaar Kumpmann, ihre Freundlichkeit und Geduld und nicht zuletzt ihre Werkstatt haben bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen.

Vor kurzem ist Eva Kumpmann im gesegneten Alter von 97 Jahren gestorben.

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

17. März 2017

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichen…

…findet sich im Museum an vielen Orten. Sei es im Depot, in der Ausstellungvorbereitung oder bei der Stickstoffbehandlung. Objekte die  historisch, sozial, ökonomisch, von Herstellung, Material, Nutzung und Gebrauchszusammenhang niemals eine Gleichzeitigkeit erfuhren, treffen hier im Museum aufeinander. Ein Umstand und ein Thema, das mich immer wieder begeistert  oder, je nach Objekten, auch berührt.

Heute traf ich zunächst Luke, Leia, Darth Vader und Han Solo, einen Raum weiter barocke Schnallenschuhe ohne Schnallen.

 

 

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

3. Februar 2017

Der, die, das Dingsda

Im Museum erlebe ich immer mal wieder „Dings vom Dach – Momente“*. Während der Umlagerung unserer Objekte in das neue Depot sah ich viele Stücke zum ersten Mal. Und hin und wieder schwebte ein großes Fragezeichen über Objekt und Kuratorin: Was und wofür ist das denn wohl? So auch unter anderem bei einem Objekt aus Fayence, 1899 ins Haus gekommen, weiß, unbemalt, glasiert, hier auf der Abbildung hinten links.

Nun kann leider die Erschließung des Museumsbestandes nicht immer auf Platz eins der alltäglichen To-Do-Liste in einem Museum stehen. Und so verblasste die Frage nach Funktion und Einsatz dieses Gegenstandes langsam.

Eines Tages kam eine Anfrage, ob das Museum über Taschenuhrenständer verfüge. Beigefügt war ein Artikel über Taschenuhrenständer. Dazu der Hinweis, dass Taschenuhrenständer aus allen vorstellbaren Materialien hergestellt wurden. Und auf einmal lichtete sich das Dunkel, und die Funktion einiger bislang rätselhafter Objekte in unserer Sammlung wurde klar. Es waren alles Taschenuhrenständer! Alle zusammen bilden sogar einen Zeitraum von knapp 300 Jahren ab.

 

 

Hier nun unsere Kollektion von Taschenuhrenständer vom 18. Jahrhundert bis zum frühen 20. Jahrhundert. Sie sind aus Metall und Samt, Fayence, Holz, Pappmaché sowie Pappe bezogen mit Luxuspapier.

 

*hr-fernsehen, nächster Sendetermin: 19.03.2017

 

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

13. Januar 2017

Rita und Barbara

Für eine Produktion des Deutschlandradios Kultur besuchte die ehemalige Bundestagspräsidentin Dr. Rita Süssmuth mit der Journalistin Renate Schönfelder ihren alten Wahlkreis Göttingen, den sie zwischen 1987 und 2002 im Bundestag vertrat. Verschiedene Institutionen, Orte und Plätze, die mit ihrer Tätigkeit in Göttingen verbunden waren, standen auf dem Programm. Auch ins Städtische Museum führte sie ihr Weg.

Vor dem Museum wartete ich auf Frau Süssmuth, die mir gewohnt dynamisch entgegenkam. Wie meistens bei solchen Produktionen war der Zeitplan im Verzug. Trotzdem entspann sich sofort ein lebendiges Gespräch über Barbara und das Lied „Göttingen“. Und nur die Hinweise des Redakteurs auf die knappe Zeit beendeten den lebhaften Austausch.

Ausgestrahlt wird der Bericht am Sonntag, den 15.1.2017, um 11:05 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

Am 17. Februar wird Rita Süssmuth 80 Jahre. Herzlichen Glückwunsch schon mal an dieser Stelle!

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Rita Süssmuth erhält die Ausstellungsbroschüre zur Barbara-Ausstellung.

 

 

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Rita Süssmuth und das Radio-Team bewundern im Garten des Museums die Barbara-Rose.

 

 

 

 

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

14. Dezember 2016

Bleiabschläge, Brakteaten und Obole

Letzte Woche war das Städtische Museum Ziel einer Exkursion der Numismatischen Gesellschaft Kassel. Geldgeschichtlich und geschichtlich Interessierte ließen sich von Dr. Stefan Roth Aufbau und Struktur der Sammlung erklären. Der Historiker und Numismatiker ist Träger des Walter-Hävernick-Preises 2015. Seine Arbeit über „Geldgeschichte und Münzpolitik im Herzogtum Braunschweig-Lüneburg im Spätmittelalter“ wurde damit ausgezeichnet. Für das Städtische Museum Göttingen hat Stefan Roth die Münzsammlung wissenschaftlich bearbeitet, geordnet img_20161208_101043und inventarisiert. So erfuhren die Kassler Münzfreunde fachkundiges aus erster Hand.

Auch für Nicht-Numismatiker ist es immer faszinierend und gewinnbringend, an den Fachgesprächen über diese besondere Objektgruppe teilzunehmen.

Die Exkursion führte die Teilnehmer anschließend noch zur Münzsammlung im Archäologischen Institut der Universität Göttingen und ins Stadtarchiv Göttingen. Dort wurden die Archivalien zum Münzwesen der Stadt begutachtet.

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

22. September 2016

Foyer-Gespräche

„Don′t go to Göttingen“ – diesen Rat erhielt ein Besucher des Städtischen Museums. Der junge Mann aus New York studiert zurzeit Physik am Forschungszentrum Jülich, das zu den größten Forschungseinrichtungen Europas gehört. Er kam jetzt nach Göttingen, um die Stadt zu sehen, in der so viele berühmte Physiker gelebt haben – und starben. Er präsentierte mir eine Liste aus dem Internet, in der annähernd 20 Nobelpreisträger aufgelistet waren, die alle in Göttingen ihr Leben gelassen haben sollen. Daher der gut gemeinte Rat eines Kommilitonen, die Stadt zu meiden, wie er schmunzelnd erzählte.

Aber gibt es diese Stadt überhaupt? Ein Besucher, der mit seiner Familie in Frankreich lebt und jetzt die Barbara-Ausstellung besuchte, berichtete, dass Göttingen wegen des gleichnamigen Liedes in Frankreich sehr bekannt wurde. Jedoch glaubten viele es handele sich um eine fiktive Stadt, die der Fantasie Barbaras entsprungen sei. Diese Ansicht scheint verbreitet zu sein (siehe Blogbeitrag, 21. Juli 2016).

Göttingen nur existent in einem französischen Lied – das gibt auch einem Nicht-Physiker zu denken…

(Detlev Jaeger, wissenschaftlicher Mitarbeiter)

 

6. September 2016

Schneewittchen und die sieben Zwerge

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Sieben Zwerge sitzen und stehen um eine gedeckten Tisch. Mit dabei auch ein Krähe und eine Katze. Ein Braten und eine große Flasche (Schnaps?) sind schon serviert, nun kommt Schneewittchen mit einem weiteren gebratenen Geflügel auf einer Servierplatte. Die Zwerge prosten ihr augenscheinlich hungrig, aber gut gelaunt zu, die Vorfreude auf das Mahl ist förmlich zu spüren. Schneewittchen trägt einen großen Schlüsselbund am Gürtel, dieser kennzeichnet sie als die Vorsteherin über den Zwergen-Haushalt, sie verwaltet und kontrolliert Speisekammer und Küche.

Die Zwerge tragen Hauspantoffeln und scheinen schon recht alt zu sein. Am Kopfende sitzt der greise Zwergenkönig mit mahnend erhobenem Zeigefinger. Vielleicht sind ihm die Zwerge etwas zu ausgelassen und er will zu mehr Ruhe auffordern. Trotz des munteren Gewusels am Tisch, ist doch kaum vorstellbar, dass diese Truppe noch täglich im Bergwerk arbeitet. Außer den Personen und den unmittelbar für das Essen notwendigen Gerätschaften ist weiter nichts zu sehen. Die Szene schwebt auf einem grünblauen Grund. Wahrlich märchenhaft.

Leider gibt es keine Signatur, keinerlei Hinweis auf den Illustrator. Stilistisch kann das Bild dem ausgehenden 19. Jahrhundert zugeordnet werden, es erinnert an die Märchenillustrationen bekannter Künstler dieser Zeit. Es war durchaus üblich, nicht nur zu malen, sondern auch Grafiken und Illustrationen herzustellen. Aber anders als zum Beispiel die romantisierenden Bilder von Ludwig Richter oder die eher ernsten Bilder der Worpsweder Schule zeigt dieses Bild einen besonderen Sinn für Humor.

Das Bild ist im Besitz eines Heimatvereins, der sich mit der Bitte um Begutachtung an das Museum gewandt hat. Eine erste Überprüfung, die ersten Spuren, die wir verfolgt haben, führten leider noch zu keinem Ergebnis. Vielleicht können Sie uns weiterhelfen?

Vermutungen, Tipps und Hinweise, die zur Identifizierung des Künstlers oder der Künstlerin beitragen, sind herzlich willkommen.

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

28. Juli 2016

Museum on Tour – jungsteinzeitliche Funde in den Schulklassen

Steinzeitkoffer geschnitten

Sommer 2015: Auf der Internetseite des Städtischen Museums Göttingen entdecke ich den Steinzeitkoffer. Dieser enthält überwiegend Objekte aus der Jungsteinzeit, die an die Schulen in der Umgebung gegen einen Pfand ausgeliehen werden können. Die steinzeitlichen Objekte erzählen viel über sich selbst und über die Menschen, von denen sie einst angefertigt wurden. Aber um diese Geschichten erfahren zu können, muss man wissen, wie man diese Objekte liest.

Als Archäologin stelle ich bei meiner Arbeit folgende Fragen: Wie kann man aus den alten Gegenständen und Bodenbefunden die Urgeschichte der Menschen erforschen? Wie müssen wir bei der Ausgrabung vorgehen, um möglichst viele Informationen zu erhalten? Und wie können daraus Schlussfolgerungen auf die Kultur oder die Epoche gezogen werden, aus der diese Objekte her stammen? Diesen Fragen nachzugehen wäre doch bestimmt spannend für Schülerinnen und Schüler unterschiedlichsten Alters. Und da ich bereits in verschiedenen Museen in der Bildungsvermittlung gearbeitet hatte, biete ich dem Städtischen Museum Göttingen meine professionelle Unterstützung an und habe das Glück, freiberuflich den Steinzeitkoffer betreuen zu dürfen.

Die Göttinger Schulen werden über das Steinzeitprogramm informiert und ab der zweiten Septemberhälfte melden die ersten Lehrkräfte ihr Interesse. Meistens sind es die 5. Klassen der Gymnasien, weil für diese Stufe die Steinzeit auf dem Lehrplan steht. Aber auch viele Grundschulen und auch höhere Jahrgänge nehmen an dem Programm teil.

Also fahre ich mit dem Koffer und einigen von mir erstellten Materialien in die Schulen. Zu den Materialien gehören Schautafeln, einige Arbeitsblätter wie Fundzettel und Materialien für einen Workshop. Als weiteres Medium nutze ich die Schultafeln. Darauf zeichne ich zuerst einen Zeitstrahl, um den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, wie unvorstellbar lange die Menschen in steinzeitlichen Kulturen gelebt haben. Anhand der Schautafeln bekommen die Schülerinnen und Schüler zuerst einen Einblick in das Thema, bevor sie dann die erstaunlich alten Dinge in die Hand nehmen durften. Jeder Schüler und jede Schülerin sucht sich ein begehrtes Stück heraus und dokumentiert es mit Hilfe des Fundzettels. Anschließend können sie ihre handwerklichen Fähigkeiten erproben: wie man ein Brot mit Zutaten zubereitet, die den steinzeitlichen Menschen zur Verfügung standen, oder wie man Pfeile aus Holz und Gänsefedern baut. Der zeitliche Umfang der Gruppen variiert dabei. Manche haben nur eine Stunde in einer AG, andere einen ganzen Vormittag Zeit.

Die Arbeit mit und an den Schulen macht mir sehr viel Spaß. Die Lehrkräfte an den Göttinger Schulen sind sehr kooperativ und die Schülerinnen und Schüler stecken voller Elan und Wissbegierde. Ihre Stars heißen Lucy, Ötzi oder Obelix und dürfen auch auf dem Zeitstrahl nicht fehlen. Ihre Fundzettel füllen sie mit sorgfältiger Akribie aus, und sogar in den Pausen umschwirren sie den Steinzeitkoffer wie die Wespen das Marmeladenglas. Und in fast jeder Klasse befindet sich jemand, der sich in die Abenteuer eines Indiana Jones begeben will. Die kleinen Forscherinnen und Forscher entdecken einen Abdruck auf dem Steinbeil, der sich als Rest eines Birkenrindenpechs herausstellt. Damit wurde das Beil an einem Schaft geklebt. Sie scheuen nicht davor, den Mageninhalt prähistorischer Menschenfunde zu untersuchen, um herauszufinden, ob diese Vegetarier waren. Moment mal! Mageninhalt? Den können wir bei den Moorleichen untersuchen. Die sind aber erst 2 000 Jahre alt und damit wesentlich jünger als die steinzeitlichen Funde. Aus der Altsteinzeit haben wir ja nur die Knochen oder meistens sogar nur den Schädel eines prähistorischen Menschen. … Und sie erkennen, dass es schon in der Steinzeit unterschiedliche Kulturen gab. So bauten die Menschen im Norden Großsteingräber und fertigten trichterförmige Gefäße an. Während im Gebiet um den Harz herum die Leute mit kugeligen Amphoren Rinder in einige ihrer Gräber legten. All diese spannenden Dinge und noch vieles mehr können die Schülerinnen und Schüler in dem museumsdidaktischen Programm erfahren.

Aktuell gestalte ich den Inhalt des Steinzeitkoffers neu und erstelle einen Flyer, der mit einem Text und einigen Bildern Informationen zu dem Programm liefert und Neugierde wecken soll. Dies findet in enger Abstimmung mit dem Städtischen Museum Göttingen, insbesondere mit der Kuratorin Simone Hübner, sowie dankenswerterweise mit der Unterstützung von Betty Arndt, der Leiterin der Stadtarchäologie Göttingen, statt.

Mal sehen, wie oft es im nächsten Jahr in die Steinzeit geht….

(Astrid Otte, freie Mitarbeiterin)

 

14. Juni 2016

Hinter den Barbara-Kulissen

Seit dem 22. Mai ist die Sonderausstellung „Barbara 1964“ im Städtischen Museum zu sehen. Die Kuratorin Andrea Rechenberg erzählt über die Vorbereitungen und die Erlebnisse bei der Ausstellungsplanung.

Wie ist die Idee zur Ausstellung „Barbara 1964“ entstanden?                                                                      Die Initialzündung zu dieser Ausstellung kam durch eine Schenkung eines Konvoluts aus zahlreichen Briefen, Unterlagen und Platten von Barbara an das Stadtarchiv Göttingen.Barbara-Ausstellung_Foyer_46 Wir überlegten, die Objekte im Archiv zu präsentieren oder diese mit der Stadtgeschichte zu verbinden und eine Ausstellung zu gestalten. Wir entschieden uns für letzteres, denn das Material eignete sich perfekt für eine Präsentation im Museum.                                                            Der Zeitpunkt stellte sich zudem als genau richtig heraus, da viele Zeitzeugen bereits hochbetagt sind.

Wie lange dauerte die Vorbereitungszeit?                                                                                                   Wir haben im September 2015 mit den Vorbereitungen für die Ausstellung begonnen. Bis zur Eröffnung verblieben nur acht Monate, was für ein umfangreiches Ausstellungsprojekt sehr knapp ist. Daher mussten viele Arbeiten zurückgestellt werden. Man muss bedenken, dass eine Ausstellung nicht nur aus dem Rahmen von Bildern besteht. Auch Texte müssen geschrieben werden, die eine genaue Recherche verlangen. Ebenso musste der Bau der kompletten Ausstellungsmöbel durch unsere Werkstatt geplant und getragen werden. Für die Präsentation der Musik mussten zusätzlich Genehmigungen bei der Gema eingeholt werden. Das dauerte seine Zeit. Außerdem waren die Zeitzeugen, die in den Interviews zu Wort kommen, deutschlandweit verstreut, was eine genaue Koordination erforderte.

Was ist gegenüber den bisherigen Ausstellungen des Städtischen Museums anders?                             Sicherlich der Einsatz von sehr sehr viel Technik. Barbara-Ausstellung_Hauptraum_69Wir haben zahlreiche audio-visuelle Stationen in der Ausstellung, die einen lebendigen Einblick in Barbaras Auftritt geben können. Die Zeitzeugen-Interviews wurden für die Ausstellung geschnitten. Die vollständigen Befragungen sind im Stadtarchiv verwahrt und können dort gehört werden.                      Uns ist sogar gelungen, ein ganz neues Ausstellungsobjekt zu erschaffen, indem eine Radioübertragung mit Fotos unterlegt wurde.

Gab es Schwierigkeiten oder Überraschungen während der Recherche und Vorbereitungszeit?                                                                                      Eine große Herausforderung war die räumliche Situation im Museum. Besonders die Herstellung der Ausstellungsbauten war nicht immer einfach. Unsere Werkstatt ist momentan in einem Behelf untergebracht und musste ständig improvisieren und unser Foyer zeitweise für das Zuschneiden der Materialien und den Aufbau nutzen. Barbara Ausstellungsaufbau_1_11.4.16                                                             Eine große Überraschung ist die Fülle von Dokumenten, die wir erschlossen haben. Für viele Geschichten gibt es keine Quellen. So manche Mythen, die sich von Barbaras Auftritt im allgemeinen Bewusstsein festgesetzt haben, stimmen nicht.

Was ist Ihr absolutes Highlight in der Ausstellung?                                                              Mir gefallen besonders die Zeitzeugen-Interviews, aber auch die Briefe. Ich habe zum ersten Mal eine biographische Ausstellung konzipiert. Das Eintauchen in die private Korrespondenz hat mich sehr berührt. Barbara war eine vielfältige Persönlichkeit, weil sie mehr als das Göttingen-Lied ist. Sie wollte sich als Künstlerin stets neu erfinden. Es ist beeindruckend, wie viele Emotionen Barbara noch bei den Menschen hervorruft. Ihre Fans stellen Interviews und liebevoll gestaltete Hommage-Videos auf verschiedenen Internetplattformen ein und transferieren sie so in eine neue Zeit.

Das Interview mit Andrea Rechenberg führte Saskia Johann.

14. Oktober 2015

Menschen im Museum – Interviews mit Mitarbeitern

Wer ein Museum besucht, dem bleiben in erster Linie die ausgestellten Objekte in Erinnerung. Das ist nicht ungewöhnlich – das Vermitteln von historischem Wissen anhand von authentischen Objekten gehört zu den Hauptaufgaben eines Museums. Kein Wunder also, dass sich diese einprägen. Doch was für Menschen stehen überhaupt hinter so einem Museum? Wer sorgt im Verborgenen dafür, dass der alltägliche Museumsbetrieb am Laufen erhalten wird? Und was macht eigentlich den Reiz der Museumsarbeit aus?

Während meines achtwöchigen Praktikums habe ich alle Museumsmitarbeiter kenngelernt. Einige wurden hier im Blog schon vorgestellt. Ich habe diesen Faden aufgegriffen und weitere Interviews geführt. Werfen wir wieder einen Blick hinter die Kulissen.

 

Dr. Ernst Böhme

 

Becker: Welchen Bereich betreuen Sie und was sind Ihre Aufgaben?

Böhme: Ich bin Leiter des Museums und dadurch definieren sich auch meine Aufgaben. Ich habe dafür zu sorgen, dass der Museumsbetrieb möglichst reibungslos funktioniert und muss mich auch immer wieder in Einzelfällen mit konkreten Sachfragen beschäftigen. Aber grundsätzlich bin ich eher dafür zuständig, den Museumsbetrieb insgesamt am Laufen zu halten und weiterzuentwickeln. Das betrifft z.B. die Bausituation, die Sanierungssituation, in der sich das Museum befindet. Da ist es beispielsweise meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass es weitergeht. Das Museum hat immer noch kein Museumskonzept. Da ist es meine Aufgabe, darauf hinzuwirken, dass ein solches Museumskonzept verabschiedet wird. Es geht aber auch manchmal um ganz einfache Dinge, wie die Dienstzeiten, die geregelt werden müssen, Abwesenheiten und Vertretungen müssen geregelt werden usw.

 

Becker: Was hat Sie dazu veranlasst, den Weg in die Museumsarbeit zu gehen?

Böhme: Nichts. Ich wurde dazu gezwungen (lacht). Ich sage das so ein bisschen provokativ, weil es eigentlich so ist. Ich war Leiter des Stadtarchivs und mein Vorgänger hier am Museum hat von einer damals möglichen Regelung Gebrauch gemacht, die regelte, dass er vorzeitig in Rente ging. Damit war dann der Wegfall seiner Stelle verbunden. Und dann hat man gesagt, naja, dann macht das Böhme einfach mit. Ich muss aber sagen, dass ich, seitdem ich im November 2005 angefangen habe, mich zunehmend mit dem Museum identifiziere und immer mehr vom Archivar zum Museumsmenschen geworden bin.

 

Becker: Was macht für Sie den Reiz der Museumsarbeit aus?

Böhme: Das ist einmal die Vielfältigkeit. Dann, besonders im Vergleich zum Archiv, der Aktualitätsbezug. Das Museum ist viel stärker in die aktuelle Kulturarbeit eingebunden. Und dann ganz besonders die Spannung zwischen der intellektuellen Arbeit, dass man Konzepte erarbeitet, Vorstellungen davon entwickelt, was ein Museum sein soll oder wie eine Ausstellung sein soll und deren konkreter Umsetzung. Es ist also sowohl eine intellektuelle Arbeit als auch eine organisatorische als auch eine handwerkliche.

 

Becker: Was ist das Besondere am Städtischen Museum in Göttingen?

Böhme: Dass es im Moment kein richtiges Museum ist. Das ist die konkrete Situation. Besonders ist bei uns im Moment eben, dass wir eine Sanierungsphase haben, in der wir nur wenig Ausstellungsarbeit machen können, nur wenig in die Stadt hinein wirken können und deshalb sehr intensiv nach innen arbeiten. Das umfasst Inventarisieren, Dokumentieren usw. Grundsätzlich ist das Städtische Museum dadurch ausgezeichnet, dass es eines der ältesten stadtgeschichtlichen Museen Niedersachsens ist und einen in Süd-Niedersachsen einzigartigen Sammlungsbestand hat. Es ist das wichtigste Museum in Süd-Niedersachsen.

 

Christian Riemenschneider studierte von 1997 bis 2005 in Göttingen Ethnologie, Kunstgeschichte und Ur- u. Frühgeschichte. Er promovierte von 2006 bis 2013 in Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie zu Identität und Judentum auf Mallorca.

 

Becker: Welchen Bereich betreuen Sie und was sind Ihre Aufgaben?

Riemenschneider: Ich bin Volontär hier am Haus, dementsprechend ist mein Aufgabenbereich relativ breit gefächert. Bis vergangenen Monat habe ich hauptsächlich die Judaica-Sammlung hier im Haus bearbeitet, die eine sehr alte, sehr reiche und sehr schöne Sammlung von etwa 150 Objekten ist. Sie ist einer der ältesten Bestände hier im Haus und da habe ich die Ergebnisse, die bisher vorlagen in [die digitale Datenbank des Museums] First Rumos eingegeben, aber eben auch noch, soweit mir das möglich war, weitere Informationen dazu erforscht. Das ist jetzt soweit erst mal abgeschlossen. Im Moment bin ich dabei, Papierobjekte und Grafiken zu sortieren und diese in die Archivschränke zu legen.

 

B: Was hat Sie dazu veranlasst, den Weg in die Museumsarbeit zu gehen?

R: Materielle Kultur fand ich eigentlich schon immer spannend. Als Kind und Jugendlicher fand ich es toll, im alten Haus meiner Eltern herumzukramen, Sachen anzugucken, die dann eben auch die Großeltern mit entsprechenden Erzählungen verbunden haben. In meinem Studium habe ich mich eher mit theoretischen Sachen auseinandergesetzt, aber wollte eigentlich trotzdem in den Bereich der materiellen Kultur gehen. Ich finde es eben spannend, an konkreten Objekten Fragen aufzuwerfen und dann auch zu beantworten.

 

B: Was macht den Reiz der Museumsarbeit aus?

R: Also zum einen ganz direkt mit den Objekten Kontakt zu haben, die mal in die Hand nehmen zu können und dann immer weitere Schichten an so einem Objekt freizulegen. Bedeutung ist natürlich auch historisch und kulturell bedingt. Vor 100 Jahren hat man manche Dinge anders interpretiert als heute und das macht ein solches Objekt zu einem Text, den man immer weiter aufschlüsseln kann.

 

B: Was ist das Besondere am Städtischen Museum in Göttingen?

R: Erst mal ist es natürlich ein vergleichbar altes städtisches Museum und hat dementsprechend eine ziemlich breitangelegte und reiche Sammlung. Für Göttingen ist auch noch prägend – und das sieht man auch in der Sammlung – dass es die Universität gibt. Und aus meinem Arbeitsbereich sind da natürlich die Judaica hervorzuheben. Da hatte ich im letzten Jahr vier Kuratorinnen aus jüdischen Museen in Berlin, Frankfurt, Wien und Jerusalem da und die haben nochmal bestätigt, was wir hier für eine tolle Sammlung haben. Das Besondere ist eben, dass sie geschlossen die NS-Zeit überstanden hat, aus der Region um Göttingen stammt und von jüdischen Göttingerinnen und Göttingern gespendet wurde, lange vor der NS-Zeit. Das ist ein ganz deutliches Zeichen dafür, dass diese das Museum mitaufbauen wollten. Eine jüdische Identität war da, aber es waren in erster Linie eben Göttinger Bürgerinnen und Bürger, die das Museum mitaufgebaut haben.

 

 

Bodo Kayser

 Becker Interviews Foto Kayser 

Bodo Kayser bei der Bearbeitung historischer Uhren 

Becker: Welchen Bereich betreuen Sie und was sind Ihre Aufgaben?

Kayser: Mir wurde, weil ich so ein Bücherfreund bin (lacht), hier die Inventarisierung der Bücher übertragen. Die waren im Museum bisher entweder gar nicht oder nur unvollständig inventarisiert worden. Viele, die sich damit beschäftigt haben, hatten eben nicht den entsprechenden Hintergrund, um bibliographische Angaben zu machen. Das habe ich mit der Sammlung der Fibeln gemacht, die jetzt ab dem 27. September ausgestellt werden. Dann habe ich mich mit der gesamten Sammlung der historischen Bücher beschäftigt, die bis ins 17. Jahrhundert zurückgeht. Als letztes war ich für die Sammlung von ungefähr 120 geschenkten Kinderbüchern zuständig. Diese mussten eben bibliographisch erfasst und in First Rumos eingetragen werden.

 

B: Was hat Sie dazu veranlasst, den Weg in die Museumsarbeit zu gehen?

K: Das sind eigentlich die kleinen Besonderheiten, die mich mit dem Städtischen Museum verbinden. Einmal ist eine traditionelle Verbindung da, ich habe hier mit der Kuratorin Frau Rechenberg vor gut 10 Jahren eine Ausstellung zu Kinderbüchern gemacht und war von daher hier schon bekannt. Dann kam der Kontakt nochmal über die Taschenausstellung meiner Frau. Und schließlich kam einfach noch die Überlegung dazu (lacht), was macht der Rentner mit seiner vielen Zeit, wenn er sich nicht nur zu Hause beschäftigen will. Da war es dann im Grunde genommen der Spaß daran, die noch vorhandene Arbeitskraft und Kompetenz einzusetzen und dem Museum noch was Gutes zu geben.

 

B: Was macht den Reiz der Museumsarbeit aus?

K: Das doch sehr vielfältige Wesen der Arbeit. Es ist zum einen handwerkliche Arbeit; man muss tatsächlich Gegenstände in die Hand nehmen. Und da gibt es viel zu beachten, weil es sich eben um historische Objekte handelt und man den besonderen Anforderungen, die dadurch entstehen, gerecht werden muss. Was noch sehr reizvoll ist, ist der Rückgriff auf vorhandenes Wissen aus verschiedenen Lebensbereichen, einmal der beruflichen Seite, aber auch den privaten Seiten, das man dann eben nutzen kann. Außerdem spielt das Gefühl, im Alter gebraucht zu werden eine Rolle. Und natürlich die Möglichkeit mit Menschen, die noch im Arbeitsprozess drin sind, mit Generationen, die wesentlich jünger sind, immer noch in Kontakt zu sein. Das ist diese soziale Komponente, die da wichtig ist. Die Museumsarbeit gibt mir schon eine gewisse Befriedigung, stellt mich aber auch vor immer neue Herausforderungen, das, was vorhanden ist, nicht verloren gehen zu lassen, sondern was an Wissen, Fähigkeiten und natürlich Neugier, Lust an Neuem, Ungewöhnlichem da ist zu erhalten.

 

B: Was ist das Besondere am Städtischen Museum in Göttingen?

K: Eigentlich das Unspektakuläre. Dass es über eine hochwertige Sammlung von Alltagskultur verfügt, die, glaube ich, leider noch nicht so stark wahrgenommen wird, noch nicht in dieser Form in der Öffentlichkeit gesehen werden kann durch die Renovierungs- und Sanierungsarbeiten hier im Museum. Dadurch kann ich aber eben auch mal hinter die Kulissen gucken. Das würde sonst so an anderen Orten einfach nicht gehen, dass man einfach mal einen Blick in die Magazine werfen kann und an Objekte herankommt, die sonst immer nur unter Glas sind oder in Regalen stehen.

 

 

Stefan Roth studierte Mittlere und Neue Geschichte, Historische Hilfswissenschaften, Deutsche Philologie und Deutsch als Fremdsprache in Göttingen und promovierte kürzlich mit dem Thema „Geldgeschichte und Münzpolitik im Herzogtum Braunschweig-Lüneburg im Spätmittelalter“. Er ist Träger des Walter-Hävernick-Preises 2015, der jährlich an hervorragende Nachwuchsnumismatiker verliehen wird. Seit 2011 ist er für die Münzsammlung des Museums zuständig.

 

Becker: Welchen Bereich betreuen Sie und was sind Ihre Aufgaben?

Roth: Ich bearbeite die Münzsammlung des Städtischen Museums. Dazu gehören die Münzen, die Münzfunde, die Medaillen und die Orden- und Ehrenzeichen. Im Weiteren gehören auch noch das Notgeld, das Scheingeld und die Münzstempel dazu. Meine Aufgabe ist das Bearbeiten der Bestände, die ich eben genannt habe. Also Bestimmen, um welche Münzen es sich handelt, dann die Beschreibung der Münzfunde, die entsprechende Nachweisliteratur anfügen, das Eintragen der Bestände im Inventarbuch und dann auch die Eingabe der Bestände ins Inventarisierungprogramm FirstRumos.

 

B: Was hat Sie dazu veranlasst, diesen Weg in die Museumsarbeit zu gehen?

R: Die Arbeit ist eigentlich eine Ergänzung zu meiner Dissertation, die ich während dieser Zeit geschrieben habe. Die ist ja auch zum Thema Münz- und Geldgeschichte, da passt das natürlich sehr gut zu den Beständen hier. Aber auf die Idee bin ich aber eigentlich nicht selbst gekommen, sondern Herr Böhme.

 

B: Was macht den Reiz der Museumsarbeit aus?

R: Dass man auch mit Originalbeständen tatsächlich arbeiten kann im Gegensatz zur Uni, an der man ja viele Bestände nicht im Original hat. Und darüber hinaus lernt man auch, wenn man über seinen eigenen Bereich hinausschaut, andere Bereiche kennen, die einem weitere Informationen geben. Zudem erwirbt man mit der Museumsarbeit auch Berufspraxis, die einem dann auch im weiteren beruflichen Werdegang hilfreich sein kann.

 

B: Was ist das Besondere am Städtischen Museum in Göttingen?

R: Das Städtische Museum ist eigentlich das einzige bedeutende Museum hier in Göttingen, muss man sagen. Gleichzeitig ist es auch ein Museum mit sehr alten Beständen und dadurch grenzt es sich schon von anderen Museen ab, die noch nicht so lange existieren. Und gerade diese alten Bestände machen schon die Besonderheit des Städtischen Museums aus. Dann ist das Museum auch sehr schön untergebracht, das macht es auch noch mal besonders.

 

Daniela-Jane Becker