Category Archives: Allerlei

09. August 2019

Eine Gabel des Königs?

Eine dreizinkige Silbergabel. Ein zierliches Objekt mit drei langen dünnen nach vorne spitz zusammenlaufenden emporgeschwungenen Zinken und einem schlanken Stiel, der ziemlich unvermittelt in die Zinken übergeht. Ohne Dekorationen und doch, in seiner silberglänzenden Eleganz, schön. Die Spannung geht jedoch vor allem von der Geschichte des Objektes aus und den beiden Puzen auf der Vorderseite des verbreiterten Endstücks, welches in einer sanft emporgebogenen Schwingung verläuft.

Auf der linken Seite des Endstücks bildet die Punze zwei gekreuzte Schlüssel ab, die mit der Zahl „12“ überkrönt sind. Eine Vermutung ist, dass es sich um eine Angabe von einem Professor Hintze aus Breslau handelt; einem Beschauzeichen aus Liegnitz (Schlesien). Auf der rechten Seite sind die Buchstaben „GR“ auf einem Rechteck und rückseitig ist das Endstück der Gabel mit einer Gravur versehen.

Ins Städtische Museum Göttingen kam die Gabel als Schenkung von Günther Knauer, aus dem Nachlass seiner Mutter Charlotte Clara Berta Knauer, geborene Nürmberger, die Anfang des 20. Jahrhunderts mit ihrem Ehemann Gerhard Knauer und der Familie in Göttingen lebte. Gerhard Knauer war Opernsänger, entstammte aber der Göttinger Familie Knauer, die Gold- und Silberschmiede waren und 1743 in Göttingen das Traditions-Juwelier-Geschäft Knauer gegründet hatten  – aber das ist eine andere Geschichte.

Charlotte Knauer hatte die Gabel von ihrem Urgroßvater Gustav Adolph Nürmberger (geb. 28.08.1825) bekommen, welcher Prediger an der Kirche zum Kreuze Christi in Zobten am Berge (Sobótka, Schlesien) gewesen war. Der wiederum erbte sie von seinem Vorfahren Carl Wilhelm Nürmberger, seines Zeichens Pastor, seit 1758 in Hermannsdorf/ Breslau. Und eben jener Pastor soll die Gabel von Friedrich dem Großen, als Geschenk, für die Einquartierung im Pfarrhaus, im Siebenjährigen Krieg, am Tage nach der Schlacht bei Leuthen, in „Deutsch-Lissa“ (Wrocław-Leśnica) bei Breslau, mit den Worten: „Da hat er ein Andenken an seinen König“, überreicht bekommen haben.

Die Schlacht bei Leuthen, wohl die berühmteste Schlacht des Siebenjährigen Krieges, ereignete sich im Dezember 1757. Dabei stand Preußen unter Friedrich dem Großen gegen die größere österreichische Armee unter Prinz Karl von Lothringen. Wider Erwarten besiegte Preußen das zahlenmäßig überlegene Österreich, ein Umstand der wohl unter anderem zur Entstehung einer Vielzahl an Legenden führte.

Ob der Alte Fritz also bei Pastor Nürmberger im Pfarrhaus übernachtete und ihm zum Dank, oder als Bezahlung, die silberne Gabel schenkte, lässt sich auf die Schnelle nicht feststellen. Das Barockschlosses Wrocław-Leśnica (1735/40 errichtet, von den Kreuzherren mit dem Roten Stern) beansprucht ebenfalls die Beherbergung Friedrichs II. (nach der Schlacht bei Leuthen) für sich, dies muss allerdings nicht zwingend im Widerspruch zu der Geschichte um Pastor Nürmberger stehen.

Die Zuordnung der eingravierten vegetabilen Ornamentik mit dem Buchstaben „R“, „W“, „F“ auf der Rückseite des Endstücks der Gabel, zu Friedrich II., könnte über Recherchen im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz erforscht werden. Sicher ist, in der Erinnerungskultur der Familie Knauer-Nürmberger hat die Gabel ohne jeden Zweifel einen festen Platz. So schreiben Leni und Albrecht Nürmberger an ihre Nichten und Neffen in einem Brief aus dem Jahr 1967: „Vergesst bitte nicht, die 3-zinkige Zinngabel des alten Fritz mit dessen Initialen mitzunehmen. Diese Gabel übergab Friedrich der Große unserem Urahn Pastor Nürmberger […] am Tage nach der Schlacht bei Leuthen […]“.

Das Städtische Museum ist froh, die Erinnerungsgeschichte – über die Aufnahme ins Inventar – auch für die Zukunft sicherstellen zu können und sie mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, zu teilen.

 

Abb. 1 und Abb. 2: Silbergabel, 18. Jahrhundert; Abb. 3: Detail zu Abb. 2: Endstück mit Punzen (recto); Abb. 4:  Detail zu Abb. 2: Endstück mit Gravur (verso); Abb. 5: Briefe zur Gabel

Adina Eckart (wiss. Volontärin)

02. August 2019

Vorgestellt – Die neue wissenschaftliche Volontärin

Ich bin Göttingerin. Studierte hier an der Georg-August-Universität Geschichte und Ägyptologie und Koptologie. Zog aus, um den Master in Geschichtswissenschaften in Bamberg zu absolvieren und kam über Florenz und Rom zurück nach Göttingen.

Die Arbeit im Archiv, vor allem mit Briefen, aber auch mit Inventaren ist mir sehr vertraut, unter anderem durch ein Praktikum im Stadtarchiv Göttingen und meine Forschungsreisen in italienische Archive und Bibliotheken. Nun freue ich mich auf die neue Arbeit im Museum am und mit den Objekten. Seit meinem Start als wissenschaftliche Volontärin hier im Städtischen Museum Göttingen habe ich schon viele neue Eindrücke gewonnen und interessante Aufgaben bewältigt. So habe ich einen Teil des bereits im Blogbeitrag im Juni erwähnten Eisenschmucks inventarisiert. Als Einstieg mit diesen besonderen Stücken zu arbeiten, war ein persönliches Highlight. Die Inventarisierung bedeutet einen sehr spannenden Perspektivenwechsel für mich, denn neben dem Studium von geschriebenen Zeugnissen von vergangenen Dingen, komme ich nun dazu, selbst kostbare oder kulturell wertvolle Objekte zu dokumentieren. Dazu gehört neben der Erfassung in der Objektkartei und der elektronischen Datenbank, die Beschreibung und die Erschließung, unter anderem mit Hilfe von Dokumentationsmitteln wie dem Eingangsbuch.

Manche Objekte sind sehr klein, wie die Ring- und Broscheneinlagen, die ich außerdem inventarisiert habe. Eine Lupe war nötig, um die Miniaturmalereien genau beschreiben und die einzelnen winzigen Materialien wie Staubperlen, Golddraht oder Perlmutt und Elfenbein bestimmen zu können.

Ebenso wichtig ist die fachgerechte Erhaltung und Bewahrung, wie zum Schutz der  Objekte die passende Verpackung zu finden, oder mit einer sehr feinen Feder und Tusche die Inventar-Nummer auf dem Objekt aufzutragen.

Auch wenn ich mich hinter den Kulissen wohl fühl, bin ich neugierig Kenntnisse zu gewinnen, wie Objekte der Öffentlichkeit zugänglich zu machen sind und wie die Vermittlung entwickelt wird. So freue ich mich sehr darauf, Andrea Rechenberg bei den Vorbereitungen einer Sonderausstellung unterstützen zu dürfen und somit wertvolle Erfahrungen in der Ausstellungskonzeption und im Projektmanagement zu erlangen.

Insgesamt stehen mir sehr aufregende zwei Jahre wissenschaftliches Volontariat am Städtischen Museum in Göttingen bevor und ich hoffe, dass Sie mich begleiten und ich Sie mit meinen Beiträgen begeistern kann.

Adina Eckart (wiss. Volontärin)

Abb. 2: Ring- und Broscheneinlagen, Konvolut aus der Knauerschen Goldschmiedewerkstatt, 18./ 19. Jahrhundert;  Abb. 3: Detail aus Abb. 2: Ringeinlage, Hochrechteck, oktogonal, aus grünem transluzidem Glas; Miniatur, Urne (Perlmutt) auf rechteckigem Postament (mit stark rötlich goldfarbenen Sockel), in Schreibschrift die Inschrift: „Amitié“ auf Perlmutt; Urnenpostament von vegitabile Ranke aus Golddraht umspielt, alles mit Staubperlen verziert; an einigen Stellen fehlen Perlen; 18./ 19. Jahrhundert; Abb. 4: Ketten und Kreuzanhänger, Eisenguss, gegossen in der Eisengießerei zu Rübeland im Harz; aus dem Erhardtschen Nachlass, um 1902

26. Juli 2019

Time to say goodbye…

Es ist Zeit, Abschied zu nehmen. Meinen Posten als wissenschaftliche Volontärin habe ich bereits im Mai verlassen. Nun verabschiede ich mich vom Städtischen Museum und übergebe die Betreuung des Blogs an meine Nachfolgerin, die sich in der nächsten Woche hier vorstellen wird.

Ich hoffe, dass Sie in den vergangenen zwei Jahren genauso viel Spaß beim Lesen hatten, wie ich beim Schreiben. Viele Blogbeiträge sind ganz spontan bei der täglichen Arbeit im Museum entstanden. Denn, gerade als Volontärin, kommt man mit den unterschiedlichsten Dingen in Berührung – und das oft im „fliegenden Wechsel“. Einige Sammlungsbereiche im Städtischen Museum waren auch für mich als Kunsthistorikerin Neuland. Denn Dinge wie Öllampen, Gehstöcke oder Nähutensilien standen im Studium nicht unbedingt auf der Tagesordnung. Die Beschäftigung mit solchen Alltagsgegenständen war daher für mich besonders interessant. Ebenso wie die Inventarisierung von Dingen, deren Funktion nicht sofort ersichtlich war, für die erst einmal die richtige Bezeichnung gefunden werden musste. So entpuppte sich ein vermeintlicher Fingerring als Teil eines sogenannten „Geldstrumpfs“, der golden gefasste „Weihnachtsbaumschmuck“ als Fadenwickel, eine vermeintliche Reitpeitsche als Fahrradgerte oder ein grobes eisernes Metallwerkzeug als Zuckerzange. Die Recherche zu den Objekten in den Dokumentationssystemen und der Bibliothek des Museums mündete oft in erstaunlichen Erkenntnissen, die ich gern hier im Blog mit Ihnen geteilt habe.

Der Museumsblog ist seit seiner Einrichtung vor 5 Jahren zu einer Art digitaler Ausstellungsfläche geworden. Hier haben wir die Möglichkeit, die vielen Objekte zu zeigen, die aufgrund der stockenden Sanierung des Museums und des Platzmangels, der sich daraus ergibt, zurzeit im Depot bleiben müssen. In diesem Sinne wird die neue Volontärin des Städtischen Museums Adina Eckart den Blog in den nächsten zwei Jahren fortführen – bestimmt auch weiterhin mit vielen spannenden Beiträgen aus den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen des Museums.

Ich blicke auf eine großartige Zeit im Städtischen Museum zurück und bedanke mich bei allen fleißigen Lesern und den vielen Kolleginnen und Kollegen, die den Blog in den vergangenen zwei Jahren mit eigenen Beiträgen unterstützt haben und gebe den metaphorischen Staffelstab weiter an die nächste Generation….

(Izabela Mihaljevic, ehemalige Mitarbeiterin)

15. März 2019

Sylvester Märten – eine Göttinger Erfolgsgeschichte

Die meisten Göttinger kennen es noch – das 2016 geschlossene Textilienfachgeschäft Sylvester Märten an der Ecke Groner Straße/Zindelstraße. Was viele nicht wissen: das Familienunternehmen bestand in Göttingen bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts und konnte somit auf eine sehr lange Tradition zurückblicken. Solche Erfolgsgeschichten hinterlassen Spuren in der Stadt und als Museumsmitarbeiter nimmt man diese gerne einmal genauer unter die Lupe.

Im vergangenen  Monat kamen zwei Ereignisse zusammen, die mir den Anstoß dazu gaben, mich mit der Geschichte von Sylvester Märten zu beschäftigen. In den Zeitungen und sozialen Netzwerken war vom Abriss einer Gründerzeitvilla im Ostviertel zu lesen – dem 1914 erbauten ehemaligen Wohnhaus der Familie Märten. Der Abriss des neoklassizistischen Gebäudes wurde von zahlreichen Stimmen begleitet, die sich für den Erhalt des historischen Bauwerks aussprachen, darunter auch die Stadtverwaltung, die noch kurz zuvor eine Erhaltungssatzung für das Viertel beschlossen hatte. Leider war das bereits in Teilen abgerissene Gebäude aber nicht mehr zu retten.

Eine Woche zuvor hatte das Museum von Familie Lange, Nachkommen des Firmengründers Sylvester Märten, 11 Porträts übernommen – 8 Gemälde und 3 Fotografien. Darauf zu sehen sind die Mitglieder der Familie Märten/Lange. Einmal  richtig zugeordnet, bilden die Porträts einen Stammbaum der Unternehmerfamilie vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis zu den 1960er Jahren. Im Zuge der Inventarisierung kamen noch einige Puzzleteile dazu. Bereits der Vater des Gründers und Namensgeber des Göttinger Geschäfts Sylvester Märten (1855-1916) ist Textilkaufmann in Duderstadt. Sylvester Märten gründet 1880 in Göttingen sein eigenes Geschäft. Durch die  fachliche Kompetenz Märtens und durch damals noch relativ neue Werbemaßnahmen wie Zeitungskataloge wird es schnell ein großer Erfolg und übersteht auch schwierige Zeiten. Sein Nachfolger wird sein Schwiegersohn Paul Lange (1879-1964), der die Geschäftsleitung schließlich an seinen Sohn Wolfgang übergibt. 1979 wird das Geschäft dann von Willi Klie übernommen.

Die Erinnerung an Sylvester Märten bleibt nicht nur bis 2016 im Namen des Geschäfts erhalten, sondern auch heute noch in einer nach ihm benannten Stiftung zur Förderung der beruflichen Bildung für den Einzelhandel am Standort Göttingen, die der 2017 verstorbene Wolfgang Lange 2013 ins Leben gerufen hat. Eine echte Göttinger Erfolgsgeschichte also, die es zu bewahren lohnt! Denn die Geschichte einer Stadt ist am besten am Leben und Wirken ihrer Bewohner ablesbar – und den Dingen, die sie hinterlassen. Schade, dass solche Geschichten wegen der Verdrängung des lokalen Einzelhandels durch große Konzerne und Handelsketten immer seltener werden.

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

Abb.1: Sylvester Märten; Abb. 2: Das Textilgeschäft Sylvester Märten, Groner Straße 39, 1930er Jahre (?)

14. Dezember 2018

Wunderliche Tierwesen

Reiterdenkmal Ludwigs XII, darunter sein Wappentier, das Stachelschwein, Schloss Blois

Noch kürzlich – auf unserer Urlaubsreise an die Loire – haben wir sie gesehen: skurrile, gekrönte Tiergestalten auf Reliefs, in weißen Tuffstein gemeißelt, an Balustraden von Treppenaufgängen, über Portalen und zahlreich in Kasettendecken, in den Schlössern AMBOISE, BLOIS, CHAMBORD und CHENONCEAU: Es sind Wappentiere französischer Herrscher zur Zeit der Renaissance, die ihre Residenzen zu der Zeit noch in den oben erwähnten Schlössern hatten, ehe der Hof nach Versailles verlegt wurde. Kaum zurück an meinem Beschäftigungsplatz im Museum, treffe ich sie wieder, diese Fabelwesen! Was für ein Zufall: dieselben Embleme als filigrane Applikationen im Kleinstformat auf einer achteckigen Schnalle, dazu noch die Bourbonenlilie (Fleur de lys).

Gürtelschnalle, 18. Jh., Städtisches Museum Göttingen – unten Stachelschwein (links) und Hermelin (rechts), rechts oben Salamander

Da gibt es zunächst das Stachelschwein (franz. porc-épic) auf dem Wappenschild von Louis XII. (1462-1515). Es galt in dieser Epoche noch als ein äußerst exotisches und mysteriöses Tier. Man glaubte, es könne seine Stacheln wie Lanzen benutzen, und sie dann wieder regenerieren. Das ist jedoch nur eine Legende. Für Ludwig XII. galt es unter der Devise: „Wer sich daran stößt, verletzt sich daran.“ Im Sinne von: wer nicht die Finger davon lässt, ist selbst schuld. Das stark stilisierte Emblem befindet sich über einem Eingangstor von Schloss Blois. Es ist flankiert von den Initialen L + A Louis und Anne de Bretagne, der Mutter der späteren Reine Claude, der zu Ehren die köstliche, grüngelbe Pflaume Reineclaude (= Reneklode) ihren Namen bekam. Doch das ist eine andere Geschichte.

Salamander und Hermelin, über einem Kamin in Schloss Chenonceau

Claude,  Königin von Frankreich, durch Heirat mit Franz I., hatte übrigens das Hermelin als Wappentier – ein Symbol für Reinheit. Und dann gibt es da noch den Salamander, den Franz I. als Emblemtier für sein Wappenschild wählte. Dieses Ungetüm, das dem Mythos nach als das Feuer  löschende und sich davon nährende Tier galt, wählte dieser König  wohl zu Recht für sich. Denn er war bekannt als der glühende Verfechter vieler Dinge, brennend für das Neue.

Zurück zu unserer Schnalle: Hier sind die oben beschriebenen Embleme alle miteinander versammelt! Im Zuge der Inventarisierung stellt sich die Frage, wie ein solches Objekt wohl nach Göttingen gelangte und wem es wohl einmal gehörte? Im Eingangsbuch ist nur festgehalten, dass die Schnalle 1893 ins Museum kam, und in der Umgebung von Göttingen gefunden wurde. Befand sie sich ursprünglich an einer Uniform oder schmückte sie eine Schärpe? War das Objekt ein Beutestück oder wurde einfach nur vom einem“ Königstreuen“ verloren, einem französischen Soldaten?

Wir wissen es nicht.

(Ulla Kayser, ehrenamtliche Mitarbeiterin)

07. Dezember 2018

Christa Neifeind geehrt

Das Städtische Museum Göttingen gratuliert der Vorsitzenden der Deutsch- Französischen Gesellschaft Christa Neifeind. Am vergangenen Mittwoch wurde Frau Neifeind der Ordre des Palmes Académiques verliehen. Das ist eine der höchsten Auszeichnungen in Frankreich für außerordentliche Verdienste im Bildungsbereich. Den Orden überreichte die französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes im Städtischen Museum.

Frau Neifeind engagierte sich bereits als Französisch- und Geschichtslehrerin am Hainberg-Gymnasium für die deutsch-französische Freundschaft. Dort etablierte sie ein Schüleraustauschtauschprogramm, in dem bewusst die individuelle kulturelle Erfahrung im Mittelpunkt steht, fernab von Sightseeing und Stereotypen. Über viele Jahre engagiert sie sich ehrenamtlich in der Deutsch-Französischen Gesellschaft Göttingen (DFG). Seit neun Jahren ist sie Vorsitzende. Durch ihren Einsatz kamen zahlreiche kulturelle Veranstaltungen mit prominenten französischen Schriftstellern und Musikern in Göttingen zustande. Außerdem regt sie immer wieder in Vorträgen über die französische Politik und Gesellschaft und Ausflügen zu Orten, die in besonderer Beziehung zum Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich stehen, zum Nachdenken über die interkulturelle Verständigung an. Dabei gelang es ihr, ein beachtliches Netzwerk von Kooperationen mit kulturellen Institutionen in Deutschland und in Frankreich aufzubauen, das sich dem gemeinsamen Ziel der deutsch-französischen Verständigung und Freundschaft verpflichtet hat.

Frau Neifeind hat sich entschieden, den Ordre des Palmes Académiques im Städtischen Museum entgegenzunehmen. Sie findet, dass sich auch das Museum in Zusammenarbeit mit der DFG, nicht zuletzt durch die Sonderausstellung zur Chanson-Sängerin Barbara, die das berühmte Göttingen – Lied schrieb, für die deutsch-französische Verständigung engagiert hat. Für uns ist das eine große Ehre!

Die französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes (rechts) überreicht Christa Neifeind (links) den Orden

Vor dem Festakt führt Kuratorin Andrea Rechenberg (rechts) die Französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes (links) durch die Ausstellung „Stadt.Macht.Glaube“

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

12. Oktober 2018

Atatürk in Weende!?

Mustafa Kemal Pascha genannt Atatürk war eine der Persönlichkeiten, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts entscheidend prägten. Er war es, der auf den Trümmern des Osmanischen Reiches die moderne Türkei schuf und sie durch radikale, oft brutal umgesetzte Reformen zu einem säkularen Nationalstaat formte. Sehr unwahrscheinlich ist es, dass Atatürk, der „Vater der Türken“, auch nur den Namen der Stadt Göttingen kannte. Und nun soll er gar den Ort Weende mit seiner Anwesenheit beehrt haben? Und doch hält sich in Weende beharrlich exakt dieses Gerücht. Genauer gesagt: Atatürk sei im Gasthaus Koch, vielen Weendern und Göttingern auch heute noch bekannt, abgestiegen. Fake news oder historische Tatsache?

Diese Frage beantworten die Archive. Dort, im Stadtarchiv Göttingen, liegt das Gästebuch des Gasthauses Koch. Und darin findet sich tatsächlich ein Eintrag vom 10. März 1936 von einem Mostafa Kemal „Pascha“ – einmal in arabischer Schrift und einmal auf Deutsch. Schnell wird klar: Atatürk kann es nicht gewesen sein. Er weilte zu dieser Zeit nachweislich in Ankara. Wer hat aber dann zu später Stunde im Gasthaus Koch gefeiert?

Eine Nachfrage im Universitätsarchiv bringt die Lösung an den Tag. An der Universität Göttingen war von 1934 bis 1936 ein „Mostafa Kamel“ immatrikuliert, der allerdings nicht aus er Türkei, sondern aus Kairo stammte. Dazu passt, dass das Arabisch auf eine ägyptische Herkunft des Einträgers schließen lässt. „Kamel“ statt „Kemal“: Das ist eine nachvollziehbare Verschreibung eines fremden Namens. Dieser Name wiederum ist typisch türkisch.

Nun geht der Weg zurück ins Stadtarchiv. Dort findet sich tatsächlich die Einwohnermeldekarte von Herrn Mustafa Kemal. Er wurde am 22. Februar 1908 in der ägyptischen Stadt Tanta im Nildelta geboren. Am 28. Oktober 1934 kam er von Berlin nach Göttingen, studierte hier Geophysik und wohnte zunächst Friedländer Weg 11, ab dem 7. Januar 1935 Hoher Weg (heute Hermann-Föge-Weg) 7. Ende 1936 ist er offenbar in die belgische Hauptstadt  Brüssel  weitergereist. Bei Mustafa Kemal scheint es sich folglich um einen türkischen Bürger des ehemaligen Osmanischen Reichs gehandelt zu haben, der in der vormaligen osmanischen Provinz Ägypten lebte und nach dem Untergang der Herrschaft des Sultans dort „hängen geblieben“ ist. Für seine kulturelle Prägung als Türke spricht auch, dass sein Arabisch einfach und fehlerhaft ist. Bei dem feucht-fröhlichen Abend im Gasthaus Koch war die Namensgleichheit mit Atatürk wohl ein willkommener Anlass, ihm spaßeshalber den Ehrentitel Pascha zu verleihen. Die ironischen Anführungszeichen weisen darauf hin.

Nicht Atatürk war also in Weende, aber er war hier wie auch sonst im nationalsozialistischen Deutschland sehr populär. Das weitere Schicksal von Mustafa Kemal aus Ägypten werden wir vielleicht nie erfahren. Sicher ist aber, dass er als Zeitzeuge die bewegte Geschichte des türkischen Volkes und des Nahen Osten im 20. Jahrhundert erlebt hat.

Und sicher ist auch: Archive sind die Garanten der historischen Wahrheit gegen fake news aller Art!

Abb. 1: Eintrag im Gästebuch des Gasthauses Koch: „Es freut mich zu erzählen zu dieser späten Stunde um h 1.35 dem zehnten März 1936 im Lokale „Mutter Koch“ zu Wenden, daß mein Freund „Willi Hermann Köller“ mit seiner netten Gesellschaft mich zu diesem Kegelabend eingeladen hat. Ich wünsche allen ein glücklichen Abend und eine schöne Zükünft.“ Mostafa Kemal „Pascha“. Der Eintrag erfolgte in lateinischer Schrift statt der damals in Deutschland üblichen „ Sütterlinschrift“). Außerdem gleichen sich die Schrift des Textes und die Unterschrift. Dies deutet darauf hin, dass der Eintrag von Mustafa Kemal selbst stammt, der also des Deutschen mächtig gewesen sein muss. Ob das Wort „Zükünft“ ein echter Fehler oder aber eine ironische Anspielung auf die Vorliebe des Türkischen für den Ü-Laut ist, muss offen bleiben.; Abb. 2: Einwohnermeldekarte von Mustafa Kemal

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

05. Oktober 2018

Depotentdeckungen

Das Otfried-Müller-Haus

Ein Besuch im Museumsdepot ist immer wieder spannend. Neulich entdeckte ich ein wunderschönes Holzhäuschen, das irgendwie sehr vertraut wirkte. Kein Wunder, denn es handelt sich um das Haus, in dem heute das Junge Theater (JT) und das Kulturzentrum KAZ untergebracht sind. Diese Miniaturausgabe des 1836 am Wochenmarkt errichteten Otfried-Müller-Hauses war vermutlich Teil eines sogenannten Christgartens – einer regionalen Form der Landschaftskrippe. Was es mit den Christgärten auf sich hat, ist noch kaum erforscht. Zu klären wäre vor allem, wie alt und wie verbreitet diese Tradition in Göttingen war. Abgesehen von einigen wenigen Details und der veränderten Farbgebung zeigt das Modell das Otfried-Müller-Haus im Zustand vor dem 1856/57 erfolgten Anbau eines Veranstaltungssaals durch Friedrich Doeltz.

Das Otfried-Müller-Haus ist das einzige unter Denkmalschutz stehende klassizistische Gebäude in der ansonsten vorwiegend mittelalterlich geprägten Göttinger Innenstadt. Es wurde vom Baumeister Christian Friedrich Andreas Rohns als Wohnhaus für den Altphilologen und Begründer der Klassischen Archäologie und Alten Geschichte Karl Otfried Müller (1797-1840) und seine Familie erbaut. Die Entwürfe stammen von Müller selbst. Das Haus in klassizistischer Manier mit seinen freistehenden Dorischen Säulen, auf denen zwei breite Balkone ruhen, galt damals schon als ungewöhnlich.

Nach Müllers Tod wurde das Gebäude unterschiedlich genutzt und schließlich 1903 an die Stadt verkauft. Seit 1975 wird es vom JT und dem KAZ genutzt.

Im nächsten Jahr wird das Otfried-Müller-Haus mit Unterstützung der Bundesregierung saniert und für den Kulturbetrieb erweitert werden.

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)