Archiv der Kategorie: Allerlei

Die Firma Grotefend, „Coca-Cola“ und der Nikolausberger Klostergeist

Die Firma Carl Grotefend wurde 1865 in Reinhausen bei Göttingen, als Familienunternehmen, von Carl Grotefend gegründet und begann mit der Fabrikation von Essig.

1870 erwarb die Firma ein Grundstück in Göttingen. Gustav Grotefend, der Sohn Carls, übernahm das Geschäft in den 1890er Jahren und schuf einen Musterbetrieb. Ab 1901 wurde die Produktion mit alkoholfreien Erfrischungsgetränken erweitert (Apfeltrank, Sekt-Bronte). Ab 1921 waren Spirituosen im Angebot, und Großkunden wurden beliefert. Ab 1924 kam die Senfproduktion hinzu. Im Jahr 1937 schloss die Firma mit der Coca-Cola GmbH., Essen, den ersten Großhandelsvertrag für „Coca-Cola“ ab. Der Kriegsbeginn stoppte die Entwicklung, Belegschaftsmitglieder wurden eingezogen, Lastwagen an die Wehrmacht abgegeben; es wurde ausschließlich für die Wehrmacht produziert. Ab 1940 bis zum Kriegsende arbeiteten Zwangsarbeiter für die Firma, wahrscheinlich durchgängig Franzosen. Hergestellt wurde dort nach deren Aussage Essig, Limonade und Spiritus. Außerdem wurde Sauerkohl und Gemüse vorbereitet, das an die Front geschickt wurde.

In den 1950er Jahren schuf Eduard Grosch für Grotefend einen feinen Abteilikör namens „Nikolausberger Klostergeist“. Aus Marketinggründen sollte der Name wohl eine Verbindung zum mittelalterlichen Kloster in Nikolausberg und damit eine besonders hohe Qualität suggerieren. Sein Enkel überreichte dem Städtischen Museum eine Flasche, die er von seinem Großvater erhalten hatte, als Geschenk für die Sammlung.

Am 04. Dezember 1959 wurde die 116. Abfüllfabrik für Coca-Cola unter der Firma Grotefend an der Ecke Weender Landstraße Berliner Straße, gegenüber dem Alten Auditorium in Göttingen, eingeweiht. Im Jahr 1949 war „Coca-Cola“ wiedereingeführt worden. Die Produktion blieb bis Ende der 1980er Jahre in dem Gebäude an Weender Landstraße und Berliner Straße. 1989 erfolgte der Umzug in die Dransfelder Straße im Ortsteil Groß Ellershausen. Nach dem Göttinger Adressbuch existierte der Getränkevertrieb C. Grotefend 1992 noch dort. Erst ab 1993 ist der Getränkehandel Grotefend nicht mehr in den Adressbüchern nachweisbar. Vermutlich fand Anfang der 1990er Jahre eine Übernahme der Firma statt. Heute ist in dem Gebäude an der Ecke Weender Landstraße/ Berliner Straße eine moderne Restaurantkette untergebracht, die italienische Küche anbietet.

Adina Eckart (wiss. Volontärin)

25. Oktober 2019

Corrado Cagli – der Künstler des Mahnmals für die zerstörte Synagoge in Göttingen

Zum Gedenken an die jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, an die Zerstörung der Göttinger Synagoge und das Leid der jüdischen Gemeinde während der Novemberprogrome 1938 wurde am Standort der zerstörten Synagoge, dem heutigen „Platz der Synagoge“ ein Mahnmal errichtet. Die 1973 eingeweihte Arbeit des international anerkannten Künstlers Corrado Cagli in Göttingen kann als erstes umfassend künstlerisch durchgestaltetes Mahnmal für eine von den Nationalsozialisten zerstörte Synagoge gelten: Cagli entwarf eine etwa fünfeinhalb Meter hohe, über einem Freiraum schwebende Stahlplastik, die sich aus einzelnen übereinander geschichteten, gleichschenkligen Dreiecken zusammensetzt. Sie bilden die Grundform eines Davidsterns, der sich zur Spitze hin verjüngt und dabei zusätzlich gedreht ist. Diese Gestalt vermittelt die Umrisse einer Flamme, als Erinnerung an die Flammen, die die Synagoge zerstörten. Auf Grund ihrer Abstraktion lässt Caglis Plastik viele Interpretationsmöglichkeiten zu und ist zugleich ein würdiger Ort der kollektiven Erinnerung.

Bis dahin waren in Göttingen außer einem Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof nur sehr wenige Gedenkzeichen vorhanden, die an die jüdischen Opfer erinnerten und es existierte keine würdige Form des öffentlichen Gedenkens. Der italienisch-jüdische Künstler Corrado Cagli war in Göttingen bekannt geworden, da er im Mai 1970 eine Ausstellung im Städtischen Museum Göttingen präsentiert hatte.

Wer aber war der Künstler Corrado Cagli?

Corrado Cagli wurde 1910 in Ancona geboren und siedelte in früher Kindheit mit seiner Familie nach Rom um. Dort wurde sein künstlerisches Talent bald entdeckt und er besuchte nach dem Gymnasium die Accademia di Belle Arti. Anfang der 1930er Jahre nahm Cagli intensiv am künstlerischen Leben in Italien teil.

Bis 1938 wurde Corrado Cagli vom faschistischen Regime begünstigt. Die Faschisten schienen einige seiner monumentalen oder heroischen Werke zu schätzen, folglich wurde er mit einigen Mosaiken und Wandgemälden an öffentlichen Gebäuden beauftragt.

In den Jahren 1936 und 1937 arbeitete Cagli zunehmend expressiv und wurde zu Beginn des Jahres 1937 schließlich von den italienischen Nationalisten und Faschisten publizistisch angegriffen und als „entartet“ diffamiert. 1938 stellt Cagli noch auf der Biennale in Venedig aus, bevor er Italien verließ und über Paris nach New York flüchten muss.

Im Jahr 1941 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger und erlebte so als amerikanischer Soldat die Landung in der Normandie und die Kämpfe von Belgien über die Ardennen nach Deutschland. Dort gehörte er zu den Soldaten, die in das Konzentrationslager Buchenwald kamen. Seine Erfahrungen des Krieges und den Horror der Befreiung der ausgemergelten und verhungerten Opfer des Konzentrationslagers versuchte er später in vielen Zeichnungen zu verarbeiten.

Wieder zurück in New York, 1946, beschäftigte sich Cagli mit Surrealismus, Postkubismus und zeitgenössischer amerikanischer Moderne. Erst 1948 kehrte er nach Italien zurück.

Das Werk von Corrado Cagli ist facettenreich. Dazu gehören auch viele plastische Arbeiten. In den Jahren zwischen 1970 und 1973 realisierte Cagli mit dem Göttinger Synagogenmahnmal seine erste und einzige Skulptur im urbanen Raum. Nachdem er von der Stadt Göttingen den Auftrag erhalten hatte, eine Gestaltungsidee zu entwickeln, entwarf er insgesamt fünf Modelle, welche die Formfindung dokumentierten und aus verschiedenen Materialien geschaffen waren. Der Künstler verzichtete auf ein Honorar und schenkte seine Idee und das endgültige Modell, eine Skulptur aus Silber, der Stadt. Lediglich die Arbeit seiner Mitarbeiter wollte er, wenn auch bescheiden, entlohnt wissen. Das Modell befindet sich heute im Städtischen Museum Göttingen. Die kleine Skulptur hat ebenso wie seine wesentlich größere Ausführung am „Platz der Synagoge“ eine sehr besondere Wirkung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Adina Eckart (wiss. Volontärin)

18. Oktober 2019

„Professorencheck“

Praktikumsbericht aus der Grafischen Sammlung

In der Grafischen Sammlung sollten die Inhalte der Schränke überprüft werden. Meine Aufgabe war es, den umfangreichen Bestand von Portraits genauer unter die Lupe zu nehmen. Besonders reizvoll waren hierbei die Bildnisse von Göttinger Professoren des 18. und 19. Jahrhunderts, die ich mir zugleich unter dem Aspekt angesehen habe, wie Wissenschaft und Wissenschaftler sich damals repräsentierten.

Mithilfe von Bestandslisten prüfte ich, ob die Porträts in der richtigen Schublade abgelegt wurden. Hierzu sah ich mir zunächst einmal an, wer überhaupt dargestellt ist. Dies war bei den Professorenbildnissen in der Regel sehr eindeutig, da der Porträtierte mittels einer Inschriftentafel oder Signatur benannt wurde.

Danach untersuchte ich die einzelnen Grafiken auf Inventarnummern und Eingangsbuchnummern, die vorgefundenen Nummern glich ich mit den Eingangsbüchern ab, in denen weitere Details, wie z.B. die Provenienz, zu den Grafiken verzeichnet sind. Sofern eine Inventarnummer oder Eingangsbuchnummer, von der die Inventarnummer abgeleitet werden konnte, vorhanden war, pflegte ich diese die Datenbank des Museums ein. Bei Porträts ohne Nummer wurde eine neue Nummer im Eingangsbuch angelegt.

Nach der Registrierung der Grafik folgte die Beschreibung des Porträtierten mit seinen Attributen und Stilmitteln. Nach der Beschreibung und Recherchearbeit erfolgten die Vermessung des Blattes und die Untersuchung des Zustandes der Grafik. Wenn diese Schritte erledigt waren, konnte der Datensatz gespeichert werden und ich mich den nächsten Portraits widmen.

Die Professoren präsentierten sich meistens in nobilitierender Kleidung, mit Attributen ihrer Profession.

Johann Friedrich Blumenbach (1852-1840) Professor für Medizin und Naturgeschichte Kupferstich, 1823 Attribute: Buch und Schädel

 

Karl Otfried Müller (1797-1840) Professor für Klassische Philologie Lithographie, 19. Jahrhundert Attribute: Buch und Akropolis

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei dem Universalgelehrten Albrecht von Haller (1708 – 1777) war dies beispielsweise eine auf Papier abgebildete Pflanze und ein Buch, die ihn als Botaniker ausweisen.

Albrecht von Haller Schabkunst, 18. Jahrhundert

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1736, im Jahr seiner Berufung an die Universität Göttingen für den Lehrstuhl für Anatomie, Chirurgie und Botanik, legte er den Botanischen Garten in Göttingen an, sammelte Pflanzen und ließ ein Gewächshaus errichten.

Des Weiteren fand ich auf einigen Blättern mit dem Portrait Hallers, des Begründers des „hortus medicus“ (Apothekergarten), ein sehr auffälliges Wappen, dass ich genauer recherchierte. Es handelt sich dabei um sein Familienwappen. Dies wird gebildet aus einem grünen Dreiberg, einem grünen Lindenblatt und zwei roten Sternen auf goldenen Grund.

Detail: Portrait: Albrecht von Haller Kartusche mit Wappen

 

Insgesamt begegneten mir viele namhafte Gelehrte, die in ihrer hohen Anzahl und Art der Darstellung verdeutlichen, welches großes Selbstbewusstsein die Professoren und die Universität im 18. und 19. Jahrhundert hatten.

Da ich mich bereits im Studium intensiv mit Druckgrafik und den verschiedenen druckgrafischen Techniken befasst sowie bei der Ausstellung „Face the fact. Wissenschaftlichkeit im Portrait“ mitgewirkt habe, hat es mir große Freude bereitet, mein Wissen in diesem Praktikum anwenden zu können.

Zudem hat es mich fasziniert, wie detailliert die Grafiken sind, sodass beispielsweise bei dem Portrait von Konrad Johann Martin Langenbeck (1775-1851), Professor für Anatomie und Chirurgie in Göttingen, der Buchtitel „Chirugis“, auf dem vor ihm befindlichen Buch, lesbar ist.

Konrad Johann Martin Langenbeck; Professor für Anatomie und Chirurgie; Radierung, 19. Jahrhundert

Detail: Portrait: Konrad Johann Langenbeck Buchrücken

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vielen Dank für die bereichernde Zeit!

 

Anna Rusteberg

(Studentin im Masterstudiengang „Kunstgeschichte mit Schwerpunkt Kuratorische Studien“, Georg-August-Universität Göttingen)

04. Oktober 2019

Crossover

Stadtansichten aus den Sammlungsbereichen Porzellan und Grafik

Seit einiger Zeit befasse ich mich neben der grafischen Sammlung mit den weiteren Beständen unserer Sammlung. Darunter befindet sich eine umfangreiche Anzahl von Objekten aus Porzellan. Bei der Sichtung der beiden Objektgruppen sind Übereinstimmungen in den verwendeten Sujets im 18. und 19. Jahrhundert ersichtlich geworden.

Im Porzellanmagazins befinden sich interessante Ansichten der Stadt Göttingen auf ganz unterschiedlichen Objekten: einemBierdeckel, einer Zündholzdose,einem Pfeifenkopf oder einer Tasse. Die dargestellten Bereiche in der Stadt variieren von öffentlichen Gebäuden wie dem Alten Rathaus und Straßenansichten über Ausflugslokale wie das Rohnsche Tanzlokal bis zu Gesamtansichten. Bei dieser sog. Vedutenmalerei werden Landschaften, Orten, Gebäuden, Straßen und Plätzen wirklichkeitsgetreu, topografisch und perspektivisch korrekt dargestellt. Mitunter werden sie mit einer Staffage, d.h. Personen oder Tieren, angereichert. In den Porzellanmanufakturen gab es oftmals eine große Auswahl an Kupferstichvorlagen. Zahlreiche dieser Kupferstiche finden sich wiederum auch in der grafischen Sammlung des Museums.

 

 

Eine besondere Herausforderung für den Porzellanmaler war die Übertragung der überwiegend rechteckigen Vorlagen auf die jeweilige zu bemalende Fläche des Porzellans. Die Komposition wurde oft beibehalten, aber auch mal geändert oder auch mit künstlerischer Freiheit abweichend von der Vorlage umgesetzt. Bei den Exponaten in unserer Sammlung handelt es sich um farbige Porzellanmalerei, reich verziert wie bspw. die Kartusche auf der Zündelholzschale zeigt.

Im 19. Jahrhundert wurde Porzellan preiswerter, es wurde u.a. für die Herstellung von Souvenirs eingesetzt. Dazu gehörte auch die Produktion von Sammeltassen, die als Mitbringsel oder Erinnerungstasse in der Zeit des Biedermeiers in vielen Haushalten Einzug fand.

Auf diese Art und Weise war es möglich, Kenntnisse über fremde Städte zu vermitteln. Im Gegensatz zu den vielfältigen und schnellen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts, war es im 18. und 19. Jahrhundert beschwerlich, aktuelle Informationen oder Eindrücke zu Reiseziele zu erhalten. An dieser Stelle lässt sich erneut ein Bogen zu unserer grafischen Sammlung schlagen. Dort befinden zahlreiche grafische Blätter mit Göttinger Ansichten, darunter sind auch sog. Guckkastenblätter mit Motiven aus Göttingen. Die Guckkastenblätter kamen im 18. Jahrhundert auf und waren eines der ersten Massenmedien für die Verbreitung von Informationen. Von einem mit einem Guckkasten umherziehenden Guckkästner wurden sie auf Marktplätzen gezeigt und erläutert. Die Guckkastenblätter zeigten thematisch eine ganze Bandbreite wie historischen Ereignisse, die Sieben Weltwunder, biblische Themen oder Stadtansichten. So befindet sich Guckkastenblätter verschiedene Ansichten von Göttingen bei uns in der grafischen Sammlung.

 

 

 

 

 

 

Diese Art von crossover zeigt, wie abwechslungsreich und zugleich verbunden der stadtgeschichtliche Bezug der Sammlungsbereiche ist und wie Göttinger Ansichten als Motiv bei kulturgeschichtlichen Entwicklungen aufgegriffen wurden.

 

(Simone Hübner M. A., Kuratorin)

Abbildungen

  1. Bierdeckel, Inv.Nr. 193/869
  2. Erinnerungstasse Inv.Nr. 1994/99
  3. Zündelholzdose, 1857, Inv.Nr. 1989/232
  4. Erinnerungstasse1990/273
  5. Pfeifenkopf, Inv.Nr. 1982/483
  6. Guckkastenblatt, 18. Jahrhundert, Inv.Nr. 1904/661

27. September 2019

Zum Wohl!

Kürzlich wurde dem Museum eine Getränkekarte der „Göttinger Ratsweinstube“ im ehrwürdigen Göttinger Rathaus aus der Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg geschenkt. Aufwendig gestaltet im historisierenden Stil der Zeit, atmet sie ganz den behäbigen Wohlstand dieser „Welt von Gestern“ (Stefan Zweig) vor dem Weltkrieg, der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. An Weinen schenkte man im ersten Haus am Markt all die großen Lagen deutscher Weine aus, die heute von den meisten halb vergessen sind: „Piesporter Goldtröpfchen“, „Liebfrauenmilch“ oder „Niersteiner Gutes Domthal“.

Aber getreu dem Vers von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Faust „Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden, Doch ihre Weine trinkt er gern“ werden auch die großen Bordeauxlagen des französischen „Erzfeindes“ angeboten: „Léoville Poyferré“, „Lafite“ und „Margaux“ sowie die berühmten Champagner „Pommery“ und „Heidsieck“.

Bier dagegen wurde vom gehobenen Bürgertum offenbar als minderwertig verschmäht. Auf der letzten Seite finden sich lediglich die beiden englischen Sorten „Porter“ und „Pale Ale“ – und ganz am Ende der Karte versteckt unter der Rubrik „Diverses“ verbergen sich summarisch „Münchner, Pilsener, Lichtenthaler und Göttinger Bier“.

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

23. September 2019

Coming soon … Frühjahr 2020

Händel_Göttingen_1920

 

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen bereitet das Städtische Museum Göttingen eine Sonderausstellung unter dem Titel Händel_Göttingen_1920 vor. Die Rodelinde-Aufführung von 1920 mit den beteiligten AkteurInnen und Institutionen steht im Mittelpunkt der Ausstellung. Interessante, größtenteils erstmals öffentlich präsentierte Exponate lassen die Vorgänge um die Geburt der weltweiten Händel-Renaissance 1920 in Göttingen lebendig werden.

Es wird ein Begleitprogramm mit Vorträgen sowie eine Workshop-Reihe für Kinder unter dem Titel „Oper4Kids“ geben.

Eröffnung

Sonntag, 23. Februar 2020, 11:30 Uhr

Aula der Universität

06. September 2019

„Bei Abraham zu Gast“

Der Runde Tisch der Abrahamreligionen Göttingen lud am vergangenen Sonntag um 15:30 Uhr im Museumsgarten zum 10. Abrahamsfest ein. Die Organisatoren waren die Jüdische Gemeinde, die muslimischen DITIB-, Al- Taqwa- und Medina-Imam- Gemeinden sowie die christlichen Gemeinden des röm.-katholischen Dekanates, bzw. der Ev.-luth. Kirchenkreis. Zur Unterhaltung gab es mehrere musikalische Beiträge im Veranstaltungssaal des Museums. Stadträtin Petra Broistedt hielt ein Grußwort zum 10-jährigen Jubiläum des Festes. Es folgten musikalische Beiträge. Das erste Musikstück war das Lied „Jerusalem“, welches passend zum Spendenanlass ausgewählt worden war. Der diesjährige Erlös kommt dem St. Louis-Hospital in Jerusalem zugute, welches durch französische Ordensschwestern geführt wird und sich der Pflege und Betreuung schwerstpflegebedürftiger PatientInnen widmet, die sich zumeist in der letzten Phase ihres Lebens befinden. Dabei werden weder bei den Kranken noch bei Personal und Freiwilligen Unterscheidungen zwischen Palästinensern, Israelis, Juden, Christen und Muslimen vorgenommen.

Das Lied „Jerusalem“ wurde von Jacqueline Jürgenliemk von der Jüdische Gemeinde Göttingen zu nächst übersetzt vorgetragen und anschließend in Jiddisch gesungen. Danach gab das „Gold-Quartett“ (Eduard Golden (Saxophon), Alla Korsunskaja (Klavier), Eugenia Kuz (Geige), Boris Treskunow (Schlagzeug)) ein Konzert. Es wurden traditionelle jiddische Lieder gespielt.

Im Anschluss konnten kulinarische Köstlichkeiten aus den verschiedenen Traditionen probiert werden. Das friedliche Miteinander unterschiedlicher Religionsgemeinschaften und Kulturen in und um Göttingen wurde gefeiert. Ein intensiver interreligiöser Austausch erfolgte spätestens bei der Suche nach Antworten für das interreligiöse Quiz. Es sollte nicht nur das Wissen jedes Einzelnen abgefragt werden; nur wer sich traute, die VertreterInnen der verschiedenen Gemeinden nach den richtigen Antworten zu fragen, konnte die richtigen Lösungen finden. So wie die vermutlich jüngste Teilnehmerin des Festes, die sich mit weiteren GewinnerInnen der Verlosung – denn es war mehreren TeilnehmerInnen gelungen, die richtigen Antworten zu finden oder zu erfragen – sehr über die sogenannte „Zaubertasse“ freute, die beim Einfüllen von Heißgetränken den „Engel der Kulturen“ zeigt, der die drei abrahamitischen Religionen symbolisiert.

Adina Eckart (wiss. Volontärin)

30. August 2019

Göttinger Tuche in der Karibik – Eine Tuchplombe von Johann Grätzel in St. Croix

 Durch eine E-Mail meiner Kollegin Natascha Mehler (Universität Wien) wurde ich auf das hier vorzustellende Objekt aufmerksam gemacht. Seit einigen Jahrzehnten finden auf den karibischen Inseln systematischere archäologische Auswertungen, unter anderem durch Richard Gartley (USA), statt. Da die Karibik ein Schmelzkessel europäischer Aussiedler, afrikanischer Sklaven und Einheimischer ist, finden sich dort, wie überall in der neuen Welt, regelmäßig auch europäische Fundstücke oder Objekte, die von diesen stark beeinflusst wurden. Sie wurden von den Siedlern mitgebracht oder kamen als Handelsware dorthin.

Schon im Jahr 1976 fand man bei Bauarbeiten auf der Zuckerplantage “Judith´s Fancy” auf der Karibikinsel Saint Croix, die zu den amerikanischen Jungferninseln gehört, eine Tuchplombe aus Blei.

Sie zeigt auf der einen Seite die Umschrift IOHANN […] GRÆTZEL und in der Mitte ein gekröntes G, auf der anderen Seite das Sachsenross und die Ziffer 907. Die Tuchplombe stammt demnach aus der Göttinger Tuchfabrik von Johann Heinrich Grätzel (1691-1770), dessen imposantes palaisartiges Wohnhaus heute noch an der Goetheallee steht.

Grätzel rüstete vor allem die Hannoverschen Regimenter mit Uniformtuchen aus. Offenbar wurden seine Produkte aber auch weithin exportiert. Erst jetzt fand diese Information im Rahmen von aktuellen Auswertungsarbeiten den Weg nach Südniedersachsen.

Die Tuchplombe verdeutlicht eindrucksvoll die Kolonial- und Sklaverei-Geschichte von Saint Croix: 1733 wurde die Insel an die Dänische Westindien-Kompanie verkauft. 1734 kamen Missionare der sächsischen Herrnhuter Brüdergemeine an und gründeten drei Missionen mit dem Anliegen, für das Seelenheil der afrikanischen Sklaven, die mit dänischen Schiffen hierher kamen, zu sorgen. Saint Croix gehörte dann zu Dänisch-Westindien, einer dänischen Kolonie in der Karibik, bis es 1917 schließlich an die Vereinigten Staaten von Amerika verkauft wurde.

Ursprünglich war die Plombe als Qualitätssiegel an einem Tuchballen befestigt, möglicherweise einem, der unter der Bezeichnung “Osnaburg” gehandelt wurde. Unter Osnaburg versteht man einen groben Stoff, meist Leinen, dessen Ursprung in Osnabrück liegt. Später wurde diese Bezeichnung stellvertretend für grobes, strapazierfähiges Gewebe aller Art. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde Osnaburg auch nach Saint Croix verhandelt und fand dort u. a. als Bekleidung für Sklaven Verwendung.

Die Plombe stammt aus einem Bereich, in dem sich auch Keramikscherben sogenannter Malhornware fanden, die aus den südniedersächsischen Töpferorten Coppengrave und Duingen stammen, andere Stücke wurde nach diesen Vorbildern in Bethabara, North Carolina, U.S.A., von Missionsangehörigen der dortigen Herrnhuter Brüdergemeine produziert. Töpfermeister war hier seit 1755 Gottfried Aust, der in Herrnhut gelernt hatte. Zu den weiteren Funden gehört eine Real-Münze aus Mexiko-Stadt aus dem Jahr 1746.

Die südniedersächsischen Materialien wurden über die Weser nach Bremen und Hamburg-Altona transportiert, von wo aus Schiffe in die Karibik ausliefen. Auf der Plantage wurde auch ein Bremer Groten von 1751 und ein Hamburger Schilling von 1763 gefunden.

Weder im Städtischen Museum noch in der Stadtarchäologie ist bisher eine Graetzelsche Tuchplombe vorhanden. Der Fund verdeutlicht eine weite Verzweigung der Warenwelten, die nicht erst in der Gegenwart beginnt. Die Tuchplombe aus der Grätzelschen Fabrik wirft gleichzeitig Fragen nach der Verwicklung auch südniedersächsischer Händler in koloniales Handeln auf.

Betty Arndt gemeinsam mit Natascha Mehler und Richard Gartley 20.08.2019

 

Literatur:

Natascha Mehler, Torbjörn Brorsson, Jette Linaa and Richard Gartley, Moravian ceramics on St Croix, the Virgin Islands. Post-Medieval Archaeology (2018), 1–4

https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00794236.2018.1515413 (zuletzt gesehen 14.08.2019) DOI 10.1080/00794236.2018.1515413

 

Bildunterschriften:

Abb. 1: Die Tuchplombe von einem Tuchballen aus der Göttinger Fabrik Johann Heinrich Grätzels (Foto R. Gartley)

Abb. 2: Das Grätzelsche Wohnhaus an der Goetheallee ist heute noch ein beeindruckendes Bauwerk (Foto: K. Schrader)

Abb. 3: Anzeige aus der Zeitung „Royal Danish America Gazette“ vom 21. Juli 1770 (Kopie N. Mehler)

23. August 2019

Zeitzeugenbesuch am 22. August im Städtischen Museum Göttingen

Am gestrigen Donnerstag, den 22. August 2019, waren ab ca. 11.30 Uhr Zeitzeugen zu Gast im Städtischen Museum. Die Überlebenden aus dem Konzentrationslager Ozarichi sind eine weitere Gruppe aus dem Kreis der Überlebenden, die auf Einladung des Maximilian-Kolbe-Werkes in Freiburg vom 18. bis 28. August im Ferienzentrum des Kolpinghauses in Duderstadt auf dem Pferdeberg zu Gast sind. Die hochbetagten Damen und Herren haben die weite Reise aus der Republik Belarus auf sich genommen, um über ihre Erlebnisse zu berichten und somit einen sehr wichtigen und wertvollen Beitrag zur öffentlichen Erinnerungskultur zu leisten.

Im August des vorigen Jahres war bereits eine Gruppe von Überlebenden aus dem KZ Ozarichi zu Gast in Göttingen. Sie wurde auf dem Göttinger Stadtfriedhof begrüßt, wo eine Informationstafel zur Geschichte dieses 1944 errichteten Konzentrationslagers neben dem Gedenkstein für General Friedrich Hoßbach aufgestellt wurde. Hoßbach hatte sich als militärischer Experte ohne erkennbare Skrupel in den Dienst des nationalsozialistischen Gewaltregimes gestellt. Als zuständiger Kommandeur war er im März 1944 für die Einrichtung und den Betrieb des Konzentrationslagers Ozarichi in Weißrussland verantwortlich. Im diesem Lager wurden annähernd 50.000 Zivilisten, überwiegend Alte, Kranke, Frauen und Kinder unter unmenschlichen Bedingungen zusammengetrieben. 9.000 Menschen überlebten die Internierung nicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg stilisierte Hoßbach sich unberechtigterweise zum Retter Göttingens beim Einmarsch der US-amerikanischer Truppen.

Wie schon im letzten Jahr wurden die weißrussischen Gäste betreut von Herrn Wilhelm Behrendt und Herrn Martin Heinzelmann, Ortsheimatpfleger von Geismar. Diesmal waren die Gäste zunächst zu Zeitzeugengesprächen im Göttinger Hainberg-Gymnasium und wurden dann im Rahmen der Erinnerungsarbeit des Städtischen Museums zu einer Kaffeetafel von Museumsleiter Dr. Ernst Böhme begrüßt. Die offizielle Begrüßung im Namen der Stadt Göttingen übernahm Bürgermeister Ulrich Holefleisch.

Adina Eckart (wiss. Volontärin)

09. August 2019

Eine Gabel des Königs?

Eine dreizinkige Silbergabel. Ein zierliches Objekt mit drei langen dünnen nach vorne spitz zusammenlaufenden emporgeschwungenen Zinken und einem schlanken Stiel, der ziemlich unvermittelt in die Zinken übergeht. Ohne Dekorationen und doch, in seiner silberglänzenden Eleganz, schön. Die Spannung geht jedoch vor allem von der Geschichte des Objektes aus und den beiden Puzen auf der Vorderseite des verbreiterten Endstücks, welches in einer sanft emporgebogenen Schwingung verläuft.

Auf der linken Seite des Endstücks bildet die Punze zwei gekreuzte Schlüssel ab, die mit der Zahl „12“ überkrönt sind. Eine Vermutung ist, dass es sich um eine Angabe von einem Professor Hintze aus Breslau handelt; einem Beschauzeichen aus Liegnitz (Schlesien). Auf der rechten Seite sind die Buchstaben „GR“ auf einem Rechteck und rückseitig ist das Endstück der Gabel mit einer Gravur versehen.

Ins Städtische Museum Göttingen kam die Gabel als Schenkung von Günther Knauer, aus dem Nachlass seiner Mutter Charlotte Clara Berta Knauer, geborene Nürmberger, die Anfang des 20. Jahrhunderts mit ihrem Ehemann Gerhard Knauer und der Familie in Göttingen lebte. Gerhard Knauer war Opernsänger, entstammte aber der Göttinger Familie Knauer, die Gold- und Silberschmiede waren und 1743 in Göttingen das Traditions-Juwelier-Geschäft Knauer gegründet hatten  – aber das ist eine andere Geschichte.

Charlotte Knauer hatte die Gabel von ihrem Urgroßvater Gustav Adolph Nürmberger (geb. 28.08.1825) bekommen, welcher Prediger an der Kirche zum Kreuze Christi in Zobten am Berge (Sobótka, Schlesien) gewesen war. Der wiederum erbte sie von seinem Vorfahren Carl Wilhelm Nürmberger, seines Zeichens Pastor, seit 1758 in Hermannsdorf/ Breslau. Und eben jener Pastor soll die Gabel von Friedrich dem Großen, als Geschenk, für die Einquartierung im Pfarrhaus, im Siebenjährigen Krieg, am Tage nach der Schlacht bei Leuthen, in „Deutsch-Lissa“ (Wrocław-Leśnica) bei Breslau, mit den Worten: „Da hat er ein Andenken an seinen König“, überreicht bekommen haben.

Die Schlacht bei Leuthen, wohl die berühmteste Schlacht des Siebenjährigen Krieges, ereignete sich im Dezember 1757. Dabei stand Preußen unter Friedrich dem Großen gegen die größere österreichische Armee unter Prinz Karl von Lothringen. Wider Erwarten besiegte Preußen das zahlenmäßig überlegene Österreich, ein Umstand der wohl unter anderem zur Entstehung einer Vielzahl an Legenden führte.

Ob der Alte Fritz also bei Pastor Nürmberger im Pfarrhaus übernachtete und ihm zum Dank, oder als Bezahlung, die silberne Gabel schenkte, lässt sich auf die Schnelle nicht feststellen. Das Barockschlosses Wrocław-Leśnica (1735/40 errichtet, von den Kreuzherren mit dem Roten Stern) beansprucht ebenfalls die Beherbergung Friedrichs II. (nach der Schlacht bei Leuthen) für sich, dies muss allerdings nicht zwingend im Widerspruch zu der Geschichte um Pastor Nürmberger stehen.

Die Zuordnung der eingravierten vegetabilen Ornamentik mit dem Buchstaben „R“, „W“, „F“ auf der Rückseite des Endstücks der Gabel, zu Friedrich II., könnte über Recherchen im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz erforscht werden. Sicher ist, in der Erinnerungskultur der Familie Knauer-Nürmberger hat die Gabel ohne jeden Zweifel einen festen Platz. So schreiben Leni und Albrecht Nürmberger an ihre Nichten und Neffen in einem Brief aus dem Jahr 1967: „Vergesst bitte nicht, die 3-zinkige Zinngabel des alten Fritz mit dessen Initialen mitzunehmen. Diese Gabel übergab Friedrich der Große unserem Urahn Pastor Nürmberger […] am Tage nach der Schlacht bei Leuthen […]“.

Das Städtische Museum ist froh, die Erinnerungsgeschichte – über die Aufnahme ins Inventar – auch für die Zukunft sicherstellen zu können und sie mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, zu teilen.

 

Abb. 1 und Abb. 2: Silbergabel, 18. Jahrhundert; Abb. 3: Detail zu Abb. 2: Endstück mit Punzen (recto); Abb. 4:  Detail zu Abb. 2: Endstück mit Gravur (verso); Abb. 5: Briefe zur Gabel

Adina Eckart (wiss. Volontärin)