Category Archives: Allerlei

30. Juni 2017

Ein großes Jahr für Barbara

2017 jährt sich der Todestag der französischen Chanson-Sängerin Barbara zum zwanzigsten Mal. In Frankreich wird der Künstlerin, die hierzulande durch das Göttingen-Lied bekannt wurde, mit einer großen Ausstellung gedacht. In der Philharmonie von Paris findet vom 13. Oktober bis zum 28. Januar 2018 eine große Barbara-Retrospektive über ihr Leben und Schaffen statt. Das Städtische Museum beteiligt sich mit einigen Leihgaben an der Präsentation.

Auch in Deutschland, vor allem in Göttingen, wird Barbara gewürdigt. Initialzündung für die einzelnen Projekte war die erfolgreiche Ausstellung im letzten Jahr im Städtischen Museum, die die Zeit der Sängerin in Göttingen thematisierte. Der Wallstein-Verlag veröffentlicht am 2. Oktober Barbaras unvollendete Memoiren erstmals in deutscher Sprache. In »Es war einmal ein schwarzes Klavier …« erzählt die Künstlerin aus ihrem Leben. Das Werk wird mit Fotos illustriert sein, die aus unserem Fotobestand stammen.

In Kooperation mit unserem Haus hat am 21. Oktober im Jungen Theater das Theaterstück »Barbara- Gegen das Vergessen« Premiere. Peter Christoph Scholz inszeniert in einem Schauspiel mit viel Live-Musik Barbaras legendären Auftritt auf der Bühne des Jungen Theaters, dem heutigen Lumière, und die Entstehung des Göttingen-Lieds 1964.

Und im Vorgarten des Museums wächst und gedeiht die Barbara-Rose…

(Saskia Johann, wiss. Volontärin)

16. Juni 2017

Ein »Stück« Documenta in Göttingen

Am vergangenen Samstag startete in Kassel die 14. Ausgabe der Documenta, die die wichtigste Ausstellung zur zeitgenössischen Kunst überhaupt ist. Für die nächsten 100 Tage ist die Stadt der Anziehungspunkt für alle Liebhaber der Gegenwartskunst. Die präsentierten Objekte sind meist für den Ort konzipiert und werden teilweise nach der Ausstellung sogar zerstört. Nur wenige kommen in den Kunsthandel oder werden von der Stadt Kassel angekauft wie z.B. das Eichen-Projekt von Joseph Beuys aus dem Jahre 1982.

Das Städtische Museum verfügt zwar über keinen umfangreichen Bestand an zeitgenössischen  Arbeiten. Ein »Stück« Documenta findet sich aber auch in unserer Sammlung. Die Porzellan-Plakette NB 11 wurde  von Victor Vasarely (1908-1997) geschaffen,  einem französischen Op-Art-Künstler und vierfachem Documenta-Teilnehmer. Sie gehört zu einer Reihe von zahlreichen Porzellanreliefs, die im Laufe der 1960er Jahre entstanden sind. Auslöser für diese Serie von Arbeiten war die dritte Documenta, die 1964 unter dem Motto »Bild und Skulptur im Raum« veranstaltet wurde. Der Documenta-Gründer und damalige Kurator Arnold Bode (1900-1977) hatte die Idee, zeitgenössische plastische Objekte in Porzellan formen zu lassen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Der Porzellanhersteller Philip Rosenthal war davon so begeistert, dass er mit Bode zusammenarbeitete. Er sah darin eine Chance, die künstlerische Porzellangestaltung zu erneuern und einem neuen Markt zu öffnen.

An dem Projekt beteiligten sich fast fünfzig renommierte Künstler aus dem In- und Ausland, darunter Henry Moore, Günther Uecker, Lucio Fontana, Michael Croissant und eben Victor Vasarely. Nach anfänglichen Schwierigkeiten im Umgang mit dem unbekannten Material wurden die ersten Porzellanreliefs 1968 im Kölner Kunstverein in der Ausstellung Ars Porcellana. Die Rosenthal Relief Reihe präsentiert. Die Objekte erschienen in einer Auflage von 6 bis 100 Exemplaren. Vasarelys Arbeit besteht aus schwarz-weißen geometrischen Formen, die keiner Systematik folgend mal vertieft, mal plastisch erhöht oder aufgemalt sind. Das Objekt wurde 1972 vom Städtischen Museum beim Künstler persönlich erworben und ist eins von 50 Exemplaren. Vasarely arbeitete noch weitere Objekte für die Porzellanmanufaktur.

Die Rosenthal Relief Reihe wurde nach vier Jahren eingestellt, fand aber eine Fortsetzung in der Limited Art und in der Hommage Philip Rosenthal.

 

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

9. Juni 2017

Ein multidimensionaler Zugang!

Fabian Fess studiert am Institut für Kulturanthropologie / Europäische Ethnologie Visuelle Anthropologie. Für die Sonderausstellung 1529 – Aufruhr und Umbruch hat er einen ‚kleinen  Film’ von dem großen Belagerungsgemälde auf dem Treppenabsatz im Obergeschoss des Hardenberger Hofes gefertigt. Mit einer Vollformatspiegelreflexkamera, einem 35mm Objektiv und drei Scheinwerfern entstand in über 20 Stunden Arbeit eine animierte Fotografie.

Wie sah Ihre Arbeit am Ausstellungsprojekt genau aus?

Mein Anteil war eigentlich ja nur ein recht kleiner von ganz vielen. Ich hab das Belagerungsgemälde in viele kleine Fotos aufgelöst und daraus ein großes digitales Bild generiert. Dieses Bild ermöglicht mit einer animierten Kamera über das Gemälde zu fahren. Besonders spannend war, dass bei der Postproduktion verschiedene Details zum Vorschein kamen. Es ist möglich, eine Stelle anzuschauen, als ob man mit der Nasenspitze direkt vor dem Original steht.

Welche Schwierigkeiten gab es?

Das Bild hat es mir nicht einfach gemacht. Es war eine große Herausforderung mit dem Licht und den Spiegelungen auf der Oberfläche. Die Malschicht weist ganz natürliche Risse auf und hat einen glänzenden Firnis, der reflektiert. Außerdem ergibt der pastose Auftrag der Ölfarbe ein starkes Licht-Schatten-Spiel. Ich hab versucht diese Punkte zu minimieren. So musste ich für alle 36 Ausschnitte, aus denen das Gesamtbild besteht, eine andere Lichteinstellung wählen.

Welche Erfahrung war besonders schön?

Ich habe sehr viel Zeit vor dem Gemälde in den Ausstellungsräumlichkeiten verbracht. Dabei ist mir bewusst geworden, wie umfangreich die Planung einer solchen Ausstellung ist und wie viele Menschen daran beteiligt sind. Die Tischler bauen die Vitrinen und die Ausstellungsmöbel, die Elektriker bringen die Beleuchtung an, die Kuratoren machen sich Gedanken über die genaue Platzierung der Objekte. Ich hab sehr viel gelernt und fand es sehr faszinierend, diesen Entstehungsprozess zu beobachten und dadurch selbst in diesen eingebunden zu sein.

Was ermöglicht der Film in der Ausstellung dem Besucher hier und ganz allgemein?

Ein Film kann natürlich sehr vielfältig eingesetzt werden. Hier in der Ausstellung stellt er dem Besucher spezifische Sichtweisen auf das Gemälde dar. Der Besucher wird an die Hand genommen und erhält in einer komprimierten Zeit Zugang zu diesem Werk. Es ist kein Reden über das Bild, sondern ein Erschließen des Bildes durch selbiges.

Ein Film ist immer eine Erzählung. Über das Sehen erfährt man etwas. Ein Text kann dies ebenfalls, durch den Film ist die Rezeption aber einfacher, da der Betrachter geleitet wird. Filme können wie Texte und Audiostationen jedoch allein keine Ausstellung tragen. Das Zusammenspiel ist wichtig. Ein Film ist daher ein Baustein von multidimensionalen Zugängen. Dies ist in dieser Ausstellung sehr gut umgesetzt.

Sie studieren Visuelle Anthropologie. Was heißt das genau?

Die visuelle Anthropologie beschäftigt sich mit allen Kulturgütern, die visuell erschließbar sind. Das können Medien wie Bilder, Fotos, Videos oder Filme sein. Wir arbeiten aber auch selbst visuell. Die Kamera ist dabei ein wichtiges Forschungswerkzeug, v.a. in der Feldforschung. So können Bildgegenstände mit der Kamera in neuer Form erschlossen werden.

Das Interview mit Fabian Fess führte Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin.

19. Mai 2017

Göttingen – Shanghai – Kalisz – Göttingen.                                                                                         Die Restaurierung des Tafelklaviers der Firma Ritmüller & Söhne

Das Städtische Museum Göttingen besitzt ein Tafelklavier der ehemaligen renommierten Göttinger Klavierfabrik „W. Ritmüller & Söhne“. Die Firma hatte von 1832 bis 1890 ihren Sitz im sog. Hardenberger Hof, der heute ein Teil des Museums ist. Bei einem Tafelklavier verlaufen Tasten und Saiten annähernd rechtwinklig. Die Saiten sind horizontal und quer angebracht, so dass das Gehäuse eine rechteckige Form bekommt. Tafelklaviere sehen daher in geschlossenem Zustand wie ein Tisch oder eine (Ess-)Tafel aus. Außer Ritmüller waren im 18. und 19. Jahrhundert zahlreiche weitere Instrumentenbauer in Göttingen ansässig, die das wirtschaftliche und kulturelle Leben der Stadt prägten.

Aufgrund seiner Fabrikationsnummer 2671 kann die Bauzeit des Klaviers auf ca. 1850 datiert werden. Das Besondere an dem Klavier ist, dass es im Haus des heutigen Museums selbst gebaut worden ist. Damit ist es ein einmaliges Zeugnis sowohl der Göttinger Wirtschafts- und Kulturgeschichte wie auch der Geschichte des Museums. Das Instrument gelangte 1962 durch Ankauf von einem Göttinger Klavierhändler in die Museumssammlung. Über seine Vorbesitzer ist leider nichts bekannt.

So weit, so gut. Groß war meine Überraschung allerdings, als sich Im Sommer 2015 Frau Luo von der Pearl River Piano Group aus Shanghai bei mir im Göttinger Museum meldete. Die Pearl River Group, heute die weltgrößte Klavierfabrik, hatte den Firmennamen „Ritmüller“ aufgekauft und interessierte sich nun für das Stammhaus dieser traditionsreichen Firma.

Wenig später besuchten Frau Luo und andere Vertreter der Pearl River Piano Group das Städtische Museum. Bei einem Rundgang und einem anschließenden Gespräch über mögliche Kooperationen kam sehr schnell auch die Restaurierung des Instruments zur Sprache, das beträchtliche Schäden aufwies. Bereits wenige Wochen später erklärte sich die Zentrale in Shanghai bereit, die Restaurierung des Tafelklaviers zu übernehmen!

Mit den Restaurierungsarbeiten wurde die Restauratorin Martyna Bartz in Kalisz, Polen, beauftragt. Ein Jahr später war es dann soweit: Am 6. Juli 2016 wurde das Ritmüller-Klavier, das vorher seinen „Geburtsort“ Göttingen wahrscheinlich nie verlassen hatte, der Spedition übergeben und machte sich auf die Reise nach Polen. So geht es im Zeitalter der Globalisierung: Plötzlich steht ein Klavier aus Göttingen im Zentrum eines weltumspannenden Netzes!

Ziemlich genau ein Jahr darauf sind die Arbeiten abgeschlossen und das Tafelklavier aus dem Hause Ritmüller kehrt am 17. Mai 2017 in den Hardenberger Hof zurück. Außen und innen grundlegend überarbeitet und wiederhergestellt, schmückt es in neuem-altem Glanz den Veranstaltungssaal des Museum, wo es künftig für Konzerte genutzt werden wird.

Ein herzliches Dankeschön im Namen des Städtischen Museums und der Stadt Göttingen gilt der Pearl River Piano Group für die großzügige Unterstützung bei der Wiederherstellung dieses wertvollen Instruments, das zugleich ein einzigartiges Zeugnis der Göttinger Stadtgeschichte ist!

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

12. Mai 2017

Tourismus im Städtischen Museum

Am vergangenen Donnerstag hielt der Göttinger Tourismus e. V. seine diesjährige Jahreshauptversammlung im Städtischen Museum ab. Auf Einladung des Vorsitzenden, Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler, kamen ca. 40 Mitglieder und Mitarbeiter in das Haus am Ritterplan, unter ihnen auch viele Stadtführer. Vor Einstieg in die Tagesordnung hatte ich die Gelegenheit, die Besucher durch die Sonderausstellung 1529 – Aufruhr und Umbruch zu führen. Die engagierten und aufmerksamen Teilnehmer sehen nach ihrem Besuch vielfältige Möglichkeiten, die Zusammenarbeit zwischen dem Städtischen Museum und dem Göttinger Tourismus e. V. im Reformationsjahr noch weiter zu vertiefen und auszubauen.

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

5. Mai 2017

Richtig gut betucht

Das Göttinger Tuch war im Mittelalter ein Exportschlager und wurde sogar bis nach Russland verkauft. Die ansässigen Wollen- und Leineweber prägten die Stadt und verschafften ihr einen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung. Bei den Ereignissen, die zur Reformation in Göttingen führten, spielten sie eine wichtige Rolle. Im 16. Jahrhundert verschlechterte sich der Absatzmarkt für Stoffe und Tuche jedoch zunehmend. Erst im 18. und 19. Jahrhundert erlebte die Tuchproduktion der Stadt durch die Tuchfabrikanten Johann Heinrich Grätzel und Hermann Levin eine erneute Blütezeit. Der Betrieb von Levin in Grone galt sogar als eine der modernsten Tuchfabriken Europas. Durch die immer stärker werdende internationale Konkurrenz verlor die regionale Textilproduktion jedoch vor dem Ersten Weltkrieg an Bedeutung.

Dennoch wird in Göttingen noch heute gewebt. Die Handweberei Rosenwinkel auf dem Rittergut Besenhausen stellt eigene Stoffe und Tuche her. Sie verbindet traditionelle Handwerkskunst mit modernem Design. Produkte dieser „Neuen Wollenweber“ werden auch in unserem Museumsshop angeboten, ebenso wird beim Internationalen Museumstag am 21. Mai ein kleiner Verkaufsstand mit Schals und Tüchern eingerichtet.

 

In der Stegemühle walkten die Wollenweber ihre Stoffe.

 

 

 


 

Tuch der „Neuen Wollenweber“ in unseren Ausstellungsfarben.

 

 

 

 

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

31. März 2017

Neue Blickwinkel oder „Die vielen Seiten Göttingens“

In diesem Blogeintrag werden gleich drei (-einhalb) Dinge behandelt. Zum einen berichtet heute der scheidende Praktikant von seinem „Alltag“ der letzten Wochen, andererseits betrachten wir die Stadt Göttingen von – zumindest für mich – bisher ungewohnten Winkeln aus und wir schauen ein wenig auf die Studenten um 1800.

Im Rahmen meines Praktikums am Städtischen Museum Göttingen gehört unter anderem die Inventarisierung von Grafiken zu meinen Tätigkeiten. Die Grafiken stammen vorwiegend aus der Zeit zwischen den 1770ern und den 1830ern, als sich die Einwohnerzahl noch zwischen 8000 und 10.000 bewegte und Göttingen viel kleiner war (nur zum Vergleich: heute hat Göttingen alleine schon ca. 30.000 Studentinnen und Studenten). Die Skyline der Altstadt aus Kirchen, Rathaus und jeweils dazugehörigen Türmen war dabei aber schon (fast) so, wie wir sie heute kennen. Da es sich aber nicht um neue Bestände handelt, übertrage ich die teils sehr knapp ausfallenden (analogen) Daten von den alten Karteikarten und aus den Eingangsbüchern in eine moderne (digitale) Datenbank, gleiche die Informationen ab, korrigiere sie ggf. und erweitere sie, bzw. beschreibe die Objekte ausführlicher. Dies klingt anfangs vielleicht ein wenig trocken, erweist sich aber als eine spannende und lehrreiche Tätigkeit, da man durch die große Zahl von diesen Zeitzeugen einen Einblick in die damalige Alltagskultur gewinnt und, da sowohl die Szene als auch die materielle Kultur beschrieben wird, man auch die Mode besser kennenlernt.

Hier schweife ich ein wenig ab: Eine ganze Sammlung von solchen Grafiken, die einen Einblick in das damalige Denken geben, stammen aus dem Goettinger Taschen Calender von 1779 und 1780. Es handelt sich hierbei um Kupferstiche, die von Daniel Chodowiecki angefertigt wurden und in einer ganzen Reihe „natürliche“ und „affectirte“ Handlungen gegenüberstellen [„affektiert“ wurde damals wie heute negativ verstanden].

Wie die Wertung des Auftraggebers, des Künstlers und des Zielpublikums zu den verschiedenen Arten aussieht, lässt sich entweder in sehr vielen Worten beschreiben oder am besten an diesen beiden Beispielen zeigen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein weiterer der zu inventarisierenden Grafikstapel bestand aus Stadtansichten Göttingens, die um 1800 angefertigt wurden und somit ein anderes Göttingen präsentieren als man es heute kennt (außerhalb des Walls gibt es nur Felder und nur sehr wenige kleine Häuser). Sie zeigen die Stadt aus allen Himmelsrichtungen: mal von Norden mit Weende im Vordergrund, mal von Nordwesten vom Hagenberg aus mit Resten der ehemaligen Königspfalz Grona vom Vordergrund, von Osten (ungefähr Schillerwiesen) aus, idyllisch mit Wanderern auf den Hügeln, und sehr oft von Südwest vom Leineberg aus. Letzteres scheint die beliebteste Blickrichtung gewesen zu sein, aber wieso auch nicht? Man sieht von einer Erhöhung auf die Stadt, erkennt alle Kirchen, das Rathaus, ein großes, durchgehendes Stück Wall und sogar die Kirche von Nikolausberg am Horizont (ob der Blick auf Nikolausberg aus der Perspektive wirklich möglich ist, oder ob es ein wenig künstlerische Freiheit ist – der Winkel ist aber möglich – werde ich demnächst mal ausprobieren). Und da auch hier alles genau identifiziert werden muss, lernte ich auch hier vieles Neues von der Stadt kennen, nämlich zum einen die Geschichte der Kirchen und deren eindeutige Merkmale – nicht jede Kirche sah um 1800 so aus wie heute, St. Nikolai hatte beispielsweise mal Türme und auch die Paulinerkirche sah ein wenig anders aus – und eine bessere Ortskenntnis über die relative Lage der Gebäude zueinander („Das muss vom Turm her Albani sein, aber wieso ist sie zwischen Jacobi und Johannes, und wieso ist Marien gleichzeitig rechts von allem? Geht das überhaupt?“). Für mich als Zugezogenen waren das nicht immer leichte Fragen, aber mittels einer Luftansicht der Stadt, auf der ich die wichtigsten Gebäude markierte und die ich dann vor mir drehen konnte, um die Perspektive nachverfolgen zu können, konnte ich dann auch alles identifizieren. Und da musste ich auch feststellen, dass Stadtansichten um 1800 sehr akkurat gearbeitet sind und die Stadt so abbilden, wie sie ist, und nicht wie bspw. 200 Jahre zuvor, als bei Stadtansichten oft eher eine „Bilanz“ abgebildet wurde, was die Stadt alles hat, und weniger darauf geachtet wurde, die Perspektive bzw. die Abstände und Größen naturalistisch einzuhalten.

Doch was haben jetzt die Studenten aus der Einleitung hiermit zu tun? Ganz einfach: es sind Stadtansichten, die für sogenannte Stammbücher, einer Art von „Freundschaftsbüchern“ oder „Poesiealben“, gedruckt wurden, in denen sich Studenten gegenseitig Erinnerungstexte hinterließen oder Empfehlungsschreiben von Professoren sammelten. Diese waren wohl – wie auch heutige Poesiealben – hauptsächlich blanko und wurden mit Gedichten, Liedern, Widmungen und ähnlichem beschrieben, und teils wurden auch Bilder gemalt. Aber da auch damals nicht jeder ein talentierter Künstler war, gab es beispielsweise diese Kupferstichstadtansichten, die man kaufen und dann im Stammbuch des Freundes einheften konnte. Passend dafür war der Himmel auf manchen Stadtansichten wolkenfrei belassen und bot Platz für ein Widmungsschreiben.

Museum ist mehr als nur Dinge in Vitrinen. Museum ist sehr viel Arbeit hinter den Kulissen. Museum, wie an sich jede Art von Ausstellung, ist vielmehr ein sehr breites Aufbereiten von Vergangenheit und Kultur, und dies sowohl anhand von Dingen als auch von Bedeutung hinter Dingen. Das, was dieser Blogeintrag hoffentlich gut gezeigt hat, ist, dass Inventarisieren weniger dröge ist, als oft gedacht (und von mir vorher auch ein wenig befürchtet), Gesellschaftskritik um 1780 ähnlich lustig war wie heute, und dass es sich lohnt, einmal großräumig um Göttingen zu wandern und sich die Stadt genauer anzusehen. Mir bleibt hier nur noch zu sagen: Mein Praktikum hat mir sehr viel Spaß gemacht und es war eine spannende, lehrreiche und schöne Zeit.

(Philipp Heil, studentischer Praktikant)

24. März 2017

Inside the Museum: Die Museumsbibliothek

Das Städtische Museum verfügt über eine umfangreiche Bibliothek. Der Bestand umfasst ca. 30000 Bücher, die sich auf die Räume im Gebäude Alte Posthalterei verteilen. Zur Sammlung gehören neben der Literatur zur Göttinger Stadt- und Kulturgeschichte auch Künstlermonographien, Ausstellungs- und Sammlungskataloge, Nachschlagewerke, Lexika und Jahrbücher. Ebenso findet sich Fachliteratur zur Sammlungs- und Museumsgeschichte sowie Publikationen zu bestimmten Sammlungsbereichen wie Malerei, Textilien, Porzellan, Skulptur, Werkzeug, Möbel  und Alltagsgegenständen. Ein besonderer Schatz sind die zahlreichen historischen Buchobjekte. Sie stammen teilweise aus dem 16. und 17. Jahrhundert und sind Erstausgaben. Diese historischen Bücher sind Teil des musealen Sammlungsbestandes, nicht der Dienstbibliothek.

Die Sammlung wird stetig erweitert. Zur Ausstellungsvorbereitung muss die aktuelle Forschungsliteratur angeschafft werden. Auch für die fundierte Inventarisierung der Objekte und die Pflege der Sammlung ist die einschlägige Literatur notwendig.

Die Bibliothek wird durch die Mitarbeiter ständig genutzt, da ohne sie das wissenschaftliche Arbeiten unmöglich ist. Aber auch für externe Benutzer ist der Zugang zur Bibliothek auf Anfrage möglich. Die Bestände sind über den Zettel-Katalog, der sukzessiv digitalisiert wird, einsehbar. Der Online-Katalog ist über die Homepage des Stadtarchivs aufzurufen.

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

2. März 2017

Über den Dächern von Göttingen

Hoch oben im Dachreiter des Alten Rathauses hängt die alte Rathausglocke, die nun restauriert werden soll. Durch die Renovierungsarbeiten am Gebäude und das dafür aufgestellte Gerüst ist eine Deinstallation der Glocke möglich.

Alter und Herkunft der Glocke sind nicht bekannt. Aufschlussreiche Informationen sind durch die Expertise des Experten zu erwarten. Allerdings weiß man, dass das Exemplar zeitweise im Städtischen Museum aufbewahrt wurde oder ausgelagert war, bevor 1906 der Dachreiter neu eingedeckt und eine Uhrenanlage installiert wurde. Seit diesem Zeitpunkt schmückt die Glocke wieder das Rathaus.

Rathausglocken sind in Göttingen schon seit 1340 belegt. Sie wurden zu den Ratssitzungen geläutet oder bei Gerichtsverhandlungen – daher rührt auch der Name „Armsünderglöckchen“.

 

(Saskia Johann, wiss. Volontärin)

13. Januar 2017

Rita und Barbara

Für eine Produktion des Deutschlandradios Kultur besuchte die ehemalige Bundestagspräsidentin Dr. Rita Süssmuth mit der Journalistin Renate Schönfelder ihren alten Wahlkreis Göttingen, den sie zwischen 1987 und 2002 im Bundestag vertrat. Verschiedene Institutionen, Orte und Plätze, die mit ihrer Tätigkeit in Göttingen verbunden waren, standen auf dem Programm. Auch ins Städtische Museum führte sie ihr Weg.

Vor dem Museum wartete ich auf Frau Süssmuth, die mir gewohnt dynamisch entgegenkam. Wie meistens bei solchen Produktionen war der Zeitplan im Verzug. Trotzdem entspann sich sofort ein lebendiges Gespräch über Barbara und das Lied „Göttingen“. Und nur die Hinweise des Redakteurs auf die knappe Zeit beendeten den lebhaften Austausch.

Ausgestrahlt wird der Bericht am Sonntag, den 15.1.2017, um 11:05 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

Am 17. Februar wird Rita Süssmuth 80 Jahre. Herzlichen Glückwunsch schon mal an dieser Stelle!

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Rita Süssmuth erhält die Ausstellungsbroschüre zur Barbara-Ausstellung.

 

 

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Rita Süssmuth und das Radio-Team bewundern im Garten des Museums die Barbara-Rose.

 

 

 

 

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)