Category Archives: Allerlei

17. August 2018

 „Bei Abraham zu Gast“

Am vergangenen Sonntag fand im Museum zum 9. Mal das Abrahamsfest statt. Bei strahlendem Sonnenschein, herrlicher Musik und köstlichen Speisen aus verschiedenen Kulturkreisen feierten wir das friedliche Miteinander unterschiedlicher Religionsgemeinschaften und Kulturen in unserer Stadt.

Bereits seit 2010 ist das Städtische Museum für den Runden Tisch der Abrahams-Religionen ein Ort der Begegnung. Im „Raum der Religionen“ werden die in Göttingen vertretenen Religionsgemeinschaften vorgestellt und die drei großen Abrahamitischen Religionen – das Judentum, das Christentum und der Islam – anhand von Schlüsselobjekten erläutert. So wird ein verständnisvolles Miteinander unterstützt und die Integration von Menschen verschiedener Religionen und Kulturen gefördert.

Das diesjährige Abrahamsfest wurde von Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde, der muslimischen DITIB-, Al- Taqwa- und Medina-Imam- Gemeinde und den christlichen Gemeinden des röm.-katholischen Dekanates, bzw. Ev.-luth. Kirchenkreises organisiert. Eingeladen waren Göttinger Bürger aller Religionen und Nationalitäten. Für gute Stimmung sorgte die christliche Gruppe „Lean On Me“ unter der Leitung von Rüdiger Brunkhorst. Ein intensiver interreligiöser Austausch erfolgte spätestens bei der Suche nach Antworten für das garnicht so einfache interreligiöse Quiz oder auch am üppigen – und wie immer hervorragendem – interkulturellem Buffet. Der Erlös aus dem Verkauf kommt dem Projekt „Hospiz an der Lutter“ zugute.

Abb.1: Impression aus dem „Raum der Religionen“; Abb.2: Auftritt der christlichen Gruppe „Lean on me“; Abb.3: Das Buffet ist eröffnet!

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

 

 

 

 

13. Juli 2018

Gartenpartie

In unserem Vorgarten strahlen, dank des tollen Wetters der vergangenen Monate, wieder die unterschiedlichsten Blumen um die Wette. In Anbetracht dieser erstaunlichen Vielfalt erscheint uns der Museumsgarten manchmal wie ein Biotop, das auch die exotischsten Gewächse zum Wohlfühlen einlädt. Inmitten dieser Blütenpracht versteckt sich, ganz im Sinne eines Museumsgartens, auch das eine oder andere Zeugnis aus der Göttinger Stadtgeschichte. Die „Bittenden Engel“ sind zurzeit leider ausgeflogen, denn sie erhalten ein neues Gewand. Jedoch erwarten die Museumsbesucher im Vorgarten viele andere “wundersame Wesen“. Neben einem bronzenen Frosch aus dem fernen Thorn sind hier unter anderem verschiedene Grabmäler, darunter das älteste datierte Steinkreuz Deutschlands, eine gotische Fenstereinfassung aus dem 1908 abgerissenen Kelterbornschen Haus und eine Polyeder-Sonnenuhr aus dem frühen 19. Jahrhundert  zu entdecken. Eine Broschüre mit detaillierten Informationen über die Objekte erhalten Sie an der Museumskasse.

Der Museumseingang mit Blütenpracht und Sonnenuhr (links im Bild)

Der Thorner Frosch, im Hintergrund ein Grabmal vom ehemaligen Marienfriedhof (1808) und die hierher versetzte Fassade des Siedentopfenschen Hauses

Gotische Fenstereinfassung aus dem Kelterbornschen Haus

Gedenkkreuz von 1260

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

06. Juli 2018

Unser Museum

Teil 3: Die „Alte Posthalterei“

Heute möchten wir den Teil des Museums vorstellen, der als letztes zum Museum wurde: Die „Alte Posthalterei“. Hier sind unter anderem die Bibliothek, das Graphikmagazin, das Fotoarchiv,  die Museumsverwaltung und die Büros der ehrenamtlichen Kollegen und der wissenschaftlichen Mitarbeiter untergebracht. Hier wird wissenschaftlich inventarisiert und hier entstehen die Konzepte für die Ausstellungen. Die „Alte Posthalterei“ ist daher sozusagen die Ideenfabrik des Museums.

Der wohlhabende Bürger Johann Ebel lässt das barocke Fachwerkhaus um 1700 bauen. Fünfzig Jahre später kauft Postmeister Johann Schröder im Auftrag der Landesregierung das Gebäude und richtetet hier ein Postamt ein. Die Post Göttingens war zuvor von König Georg II. übernommen und zur hannoverschen Staatspost erklärt worden. Eine Zeichnung von 1836  (Siehe. Abb. 1, Beitrag vom 22. Juni) lässt vermuten, dass das Postamt ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im direkt angrenzenden Teil des Remisegebäudes untergebracht ist, während die „Alte Posthalterei“ vom Postmeister als Wohnhaus genutzt wird. Nachdem 1854 die Post zum neu eröffneten Bahnhof verlegt wird, wird die „Alte Posthalterei“, ebenso wie die Remise, von verschiedenen Schulen und schließlich dem städtischen Schulamt genutzt. Seit dem Auszug des Schulamtes 1978 in das Neue Rathaus wird auch die „Alte Posthalterei“ komplett vom Museum, das bereits die gesamte „Remise“ übernommen hatte, genutzt.

Im Zuge der 2012 abgeschlossenen Sanierung der „Alten Posthalterei“ werden Reste von Wandbemalungen, Tapeten, Wandfliesen und Ofenkacheln aus unterschiedlichen Epochen freigelegt. Als Vorlage für die heutige Gestaltung der Wände und des Treppengeländers wird eine Fassung im Stil des Klassizismus gewählt, die etwa von 1770/1780 stammt. Auch zahlreiche Objekte werden ausgegraben. Tafel- und Kochgeschirr aus Porzellan und Fayance, Wein- und Mineralwasserflaschen und Austernschalen zeugen von der Alltags- und Esskultur des wohlhabenden Göttinger Bürgertums im 18. Und 19. Jahrhundert.

Einige dieser Gegenstände sind in der alten Posthalterei ausgestellt und können, nach vorheriger Anmeldung, besichtigt werden.

Anmeldung unter: Tel. 0551/400-2843 oder museum@goettingen.de

Abb.1: Die Alte Posthalterei heute, im sanierten Zustand; Abb.2: Das sanierte Treppenhaus, mit freigelegter und teilweise rekonstruierter Wandbemalung; Abb.3: Zeugnisse der Esskultur um 1800.  

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

22. Juni 2018

Unser Museum

Teil 2: Die „Remise“

Im ersten Teil unserer Serie zu unserem größten Exponat, dem Gebäudekomplex, in dem sich das Museum befindet, wurde der Hardenberger Hof vorgestellt. Hier zieht das Museum 1897 ein. Da die Sammlung schnell wächst, wird jedoch schon bald mehr Platz zum Ausstellen und Lagern der vielen Objekte benötigt. Glücklicherweise können ab 1911 nach und nach immer mehr Räume des benachbarten Remisegebäudes für die Museumsnutzung übernommen werden.

Auch die „Remise“ – wie sie heute noch intern genannt wird –  hat zu diesem Zeitpunkt bereits eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Der zweigeschossige Fachwerkbau wird 1780 als Stall- und Remisegebäude, also Wirtschaftsgebäude (fraz. remettre=versorgen) für die damalige Göttinger Poststation erbaut. Damals hat die Remise noch eine Hofdurchfahrt für die Postkutschen (Vgl. Abb.1). 1854 wird die Post zum neu eröffneten Bahnhof verlegt und die Remise wird in der Folgezeit zu Wohnzwecken an Privatpersonen vermietet und von unterschiedlichen Schulen genutzt. Unter anderem sind hier die Real- und Gewerbeschule, die St. Johannis-Pfarrschule, und die Höhere Mädchenschule untergebracht.

Mit der ab 1911 erfolgten Übernahme zunächst einzelner Räume und bald auch des gesamten Gebäudes durch das Städtische Museum wird hier vieles um- und eingebaut. Unter anderem entsteht ein Verbindungstrakt zwischen dem Hardenberger Hof und der Remise. Die Gebäude wachsen zusammen. Außerdem werden nach und nach verschiedene erhaltenswerte Fragmente abgebrochener Göttinger Häuser in den Hardenberger Hof und die Remise eingebaut.

In der Remise ist noch bis 2009 der größte Teil einer Dauerausstellung zur Göttinger Stadtgeschichte untergebracht. Hier konnten Besucher die Entwicklung Göttingens von den Anfängen bis zur Gegenwart anhand vielfältiger Objekte nachzuvollziehen. Sanierungsarbeiten an dem denkmalgeschützten Gebäude haben jedoch eine weitgehende Schließung dieser Ausstellung notwendig gemacht. Die Remise musste ausgeräumt werden.

Wegen der stockenden Sanierung muss das Museum seitdem ohne diesen dringend benötigten Raum und eine entsprechende umfassende stammesgeschichtliche Ausstellung auskommen. Dennoch sind wir bemüht, Ihnen auf dem uns zur Verfügung stehenden Raum immer wieder neue Aspekte und Objekte aus der Göttinger Stadtgeschichte zu präsentieren.

Abb.1: Die Alte Post (links) und die Remise (rechts) in einer Zeichnung von 1836; Abb.2: Die Remise heute. Die Fassade ist bereits saniert.

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

 

15. Juni 2018

Unser Museum

Teil 1: Der Hardenberger Hof

Viel wurde hier im Blog bereits aus dem Museum berichtet – über seine „Bewohner“, die Dinge die hier bewahrt werden, und die hier tätigen Menschen. Doch auch die Gebäude, in denen sich unser Museum befindet, haben eine interessante Vergangenheit und sind dazu wichtige Dokumente der Stadtgeschichte. Das Haus des Museums ist so zugleich sein größtes Exponat! Deshalb möchte ich nun auch dieses in einer dreiteiligen Blog-Serie vorstellen.

Der heutige Blogbeitrag widmet sich dem Hardenberger Hof – dem Teil des Museums, der, bedingt durch die andauernde Sanierung des größten Teils des Gebäudekomplexes, zurzeit noch für Ausstellungen zur Verfügung steht. Hier können aktuell die permanente Ausstellung Stadt. Macht. Glaube. Göttingen im 16. Jahrhundert und die aktuelle Sonderausstellung zur 68er-Bewegung in Göttingen Klappe auf! besichtigt werden.

Auf dem Gelände hinter dem Museum steht zu Beginn der Entwicklung Göttingens zur Stadt eine Burg des braunschweig-lüneburgischen Herzogs, zu dessen Hoheitsgebiet damals Göttingen gehört. 1387 zerstören die Göttinger Bürger die Burg. Doch zur Burg gehören drei adlige Freihöfe mit ihren Bewohnern, die ihre Sonderrechte lange gegenüber dem Göttinger Rat wahren können. Einer dieser adligen Freihöfe – und der letzte heute noch erhaltene – ist der Hardenberger Hof, der jedoch erst später diesen Namen erhält.                                                                                                                Es ist überliefert, dass die Herren von Plesse 1373 eine hier erbaute Hofanlage kaufen. Das am Ostende des Hauses noch vorhandene, jedoch später überputzte, Fragment eines Steinbaus, das den sogenannten Tapetensaal umschließt, sowie Teile der Kellergewölbe gehen möglicherweise noch auf diesen mittelalterlichen Vorgängerbau zurück. Nachdem 1571 die Familie von Plesse ausstirbt, hat der Hof wechselnde Besitzer.

1592 lässt der braunschweigische Beamte Johann Jagemann den dreigeschossigen Renaissancebau in Fachwerkbauweise errichten und verkauft ihn 1619 an Christoph Graf von Hardenberg. Der Hardenberger Hof bleibt bis 1730 in Besitz der Familie von Hardenberg. Wieder wechseln die Besitzer. Im 19. Jahrhundert ist das Gebäude unter anderem Sitz der Freimaurerloge und der Klavierfabrik der Gebrüder Ritmüller, in der sogar Johannes Brahms Konzerte gibt. Schließlich kauft 1896 die Stadt Göttingen den Hardenberger Hof und baut ihn für das Städtische Museum um, das als Altertumssammlung bereits seit 1889 existiert und aufgrund von Platzmangel zum zweiten Mal umziehen muss. Unter anderem kommen neue Dachaufbauten hinzu und für die besonders wertvolle Sammlung sakraler Kunst wird am Westgiebel ein kapellenförmiger Anbau errichtet. Das Museum zieht 1897 in die Räumlichkeiten ein.                                            Doch die Sammlung wächst weiter und neue Räume müssen erschlossen werden….

Fortsetzung folgt!

Abb.1: Der Hardenberger Hof um 1890; Abb.2: Der Hardenberger Hof um 1900, mit neuen Dachaufbauten und kapellenförmigem Anbau am Westgiebel (links)

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

01. Juni 2018

Zwei Visiten

In der vergangenen Woche waren wir viel unterwegs. Unsere Spendenengel und Tora-Wimpel erhielten in den jeweiligen Restaurierungswerkstätten Besuch von Zuhause. Die ersten Ergebnisse der restauratorischen Untersuchung liegen vor, so dass der Zustand der „Patienten“ besprochen und der weitere Verlauf der „Therapie“ d.h. Restaurierung festgelegt werden konnte.

Die Spendenengel befinden bereits seit Dezember letzten Jahres in der Werkstatt der Restauratorin Vera Fendel in Seelze. Sie wurden gereinigt und die Schäden wurden dokumentiert. Außerdem sind frühere Fassungen freigelegt worden, die erahnen lassen, welche Farbe die Engel einmal hatten. Der aktuell sichtbare silbergraue Anstrich der Mitte des 19. Jahrhunderts gefertigten Skulpturen stammt von einem späteren Zeitpunkt. Zwei weitere Fassungen haben die Restauratorinnen darunter entdeckt. Ursprünglich hatten die Engel vermutlich eine grüne Fassung mit eingestreuten, feinen Metallplättchen, durch die sie in der Sonne schimmerten. Bis zum nächsten Werkstatttermin soll die Hälfte jedes Engels wenn möglich bis auf diese grünmetallische Fassung freigelegt werden. Dann wird über eine Neufassung entschieden. Unsere Engel werden aber nicht nur äußerlich herausgeputzt, sie sollen auch ihre ursprüngliche Funktion wieder aufnehmen. Ihre Spendenkästen werden mit neuen Schlössern versehen. Dann können wieder Geldspenden und Wunschzettel hineingeworfen werden, wie es noch bis Mitte des letzten Jahrhunderts in Göttingen üblich war.

Einige unserer Tora-Wimpel erstrahlen bereits in neuem Glanz. Seit etwa einem Monat werden sie in der Werkstatt der Restauratorin Ada Hinkel in Hamburg behandelt. Drei Stück konnten wir während unseres Besuchs bewundern. Sie wurden gesäubert, geglättet und werden nun an einigen Stellen mit zusätzlichem Stoff unterlegt. Fehlstellen werden so sichtbar ausgeglichen und weiteren Schäden vorgebeugt. Außerdem werden lose Fasern an den bestickten Tora-Wimpeln wieder in die Fäden eingearbeitet. Die Fotografin Frau Eismann, die auch bei dem Werkstatttermin anwesend war, wird die Veränderungen für den geplanten Bestandskatalog dokumentieren.

Ein Besuch in der Restaurierungswerkstatt wird besonders interessant, wenn sich im Zuge der Restaurierung neue Fragestellungen ergeben. Schäden oder Verschmutzungen können Rückschlüsse auf die Objekt- und Nutzungsgeschichte zulassen. So rätseln wir zum Beispiel noch über unterschiedliche mysteriöse Flecken auf den Tora-Wimpeln. Unter anderem wurden Wachsflecken entdeckt, die möglicherweise von Wachstuchbändern, die als Vorlage für die Malereien gedient haben könnten, stammen. Es bleibt also spannend!

Abb. 1, 2: Die kleinen Quadrate am rechten Arm des Spendenengels zeigen seine vier Fassungen; Abb. 3: Die Tora-Wimpel in der Restaurierunsgswerkstatt

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

13. April 2018

Eine international einzigartige Sammlung: Unsere Tora-Wimpel werden restauriert!

Das Städtische Museum Göttingen besitzt eine überregional bedeutsame Sammlung jüdischer Objekte.                                                                                                                                                   Einen besonders wertvollen Bestand bilden 28 Tora-Wimpel aus dem 17. – 19. Jahrhundert. Selbst in den großen jüdischen Sammlungen in Berlin, Prag, London, Paris und New York ist keine so alte und regional geschlossene Sammlung an Tora-Wimpeln zu finden.

Ein Tora-Wimpel oder eine Mappa wird nach der Beschneidung eines Jungen aus den hierbei verwendeten Windeln angefertigt. Dafür wird der Stoff auseinander- geschnitten und zu einem bis zu 3 Meter langen Band zusammengenäht. Anschließend wird er mit dem Namen des Jungen, dessen Geburtsdatum, dem Sternzeichen und Segensformeln für ein gottgefälliges Leben beschrieben, bemalt oder bestickt. Der Tora-Wimpel wird ab dem ersten Besuch des Jungen in der Synagoge im Alter von ca. 3 Jahren dort aufbewahrt. An wichtigen religiösen Festen des Lebenskreises dient er als schützende Umhüllung der Tora-Rollen. Diese Praxis entstand im spätmittelalterlichen Deutschland.

Da die Tora-Wimpel des Städtischen Museums Göttingen, bis auf eine Ausnahme, alle aus Südniedersachsen stammen, sind sie für die Dokumentation jüdischen Lebens in dieser Region von großem Wert. Viele befinden sich jedoch in einem schlechten konservatorischen Zustand. Eine Restaurierung ist notwendig, um die empfindlichen Objekte, in denen unterschiedliche Materialien verarbeitet sind, vor dem Verfall zu bewahren und sie so für zukünftige Generationen zu erhalten.

Dank der Unterstützung der VGH-Stiftung, der Klosterkammer Hannover und des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen kann nun mit der Restaurierung der Thora-Wimpel begonnen werden.                                         Im Zuge der Restaurierung wird auch eine Fotodokumentation und ein Bestandskatalog der Tora-Wimpel erstellt werden. Dieses Vorhaben wird von der Ernst von Siemens Stiftung gefördert. Für den Bestandskatalog werden die Objekte, in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Berlin, wissenschaftlich aufgearbeitet. Die Fotodokumentation wird dann online bereitgestellt. So wird es Interessierten weltweit möglich werden, die empfindlichen Objekte zu studieren, ohne dass sie durch Benutzung Schaden nehmen.

Im Anschluss an die Restaurierung werden ausgewählte Objekte in einer temporären Ausstellung im Kestner-Museum Hannover der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Abb. 1: Tora-Wimpel von Joseph Gumprecht, Göttingen, 1772, bemalt; Abb. 2: Tora-Wimpel von Samuel Jacob, Göttingen, 1701, bemalt und bestickt, Detail; Abb. 3: Restauratorin Ada Hinkel bei der Begutachtung im August 2016

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

23. Februar 2018

Zwei Zitate und nur ein halbes Museum

„Die Geschichte kennen, sich mit ihr beschäftigen und über sie nachzudenken ist nichts anderes, als wenn man sich selbst in einem schönen glattpolierten Spiegel beschaut oder jemand anderen, der davor steht. Die Geschichte ist nichts anderes als wenn man in ihr das Leben, Wandeln und Handeln der Menschen erkennt, die lange vor uns gelebt haben. Manch einer denkt nicht weiter als es ihn selbst und sein Leben betrifft, geht so dahin wie unvernünftiges Vieh, das auch so für sich dahinlebt. Aber die Dinge der Vergangenheit erinnern und ermahnen uns alle, auch auf die Leute zu schauen, die als unsere Vorfahren vor vielen Jahren gelebt haben, dass wir ihr Tun und Lassen betrachten und ihre Werke beherzigen. Ja, die Geschichte kennen ist nichts anderes als um den rechten Lauf der Welt zu wissen.“                                                                                           

Dieses Zitat stammt von Franciscus Lubecus aus seinem Buch „Chronika und Anales der löblichen Stadt Göttingen“, geschrieben zwischen 1570 und 1595.

Rund vierhundert Jahre später, Mitte des 20. Jahrhunderts:

„Nur wer weiß, woher er kommt, weiß, wohin er geht.“                                                                                                      Dieses Zitat stammt von Theodor Heuss, dem ersten Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Es liest sich wie eine Kurzfassung von Lubecus Gedanken.                                                                                                  Die Sonderausstellung 1529- Aufruhr und Umbruch ist nun zu Ende. Wir haben diese Sonderausstellung als stadtgeschichtliche Ausstellung interpretiert und gestaltet. Damit haben wir eine Lücke gefüllt, denn die stadtgeschichtliche Dauerausstellung ist nun schon seit 9 Jahren wegen der stockenden Sanierung faktisch geschlossen.
Viele Besucher und vor allem auch endlich wieder viele Schulklassen konnten in den vergangenen Monaten das Museum als das nutzen, was es eigentlich sein sollte: ein Ort der Begegnung und das Kompetenzzentrum für die Geschichte Göttingens.

Abb. 1: Sonderausstellung „1529 – Aufruhr und Umbruch“ im Vordergrund die „Chronika und Anales der Stadt Göttingen“ von Franciscus Lubecus; Abb. 2: Theodor Heuss (1884-1963)

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

09. Februar 2018

Neue „Stolpersteine“ auf den Göttinger Straßen

Am vergangenen Mittwoch wurden 18 weitere Stolpersteine für Göttinger Jüdinnen und Juden verlegt, die Opfer des National-sozialismus wurden. In der Weender Straße 70, im Papendiek 3, in der Groner Straße 52 und in der Lotzestraße 20a wird nun auf diese Weise die Erinnerung an Mitglieder der Familien Hahn, Silbergleit und Meininger wachgehalten. An diesen Orten befanden sich einst ihre Wohnungen oder Arbeitsstätten.                                                                                          Schülerinnen und Schüler des Max-Planck-Gymnasiums und des Felix-Klein-Gymnasiums wirkten an der Aufarbeitung der Lebensläufe der ermordeten oder vertriebenen Personen mit– erschütternde Schicksale, an die immer von neuem erinnert werden muss, damit die Gräueltaten der Nationalsozialisten um einer besseren Zukunft Willen niemals vergessen werden.                                                                        Es ist eine große Ehre für uns alle und ein Zeichen wachsenden Vertrauens zwischen den Nachkommen der Opfer und dem Land der Täter, dass auch Nachkommen der geehrten Bürger aus den USA, Belgien und Kanada anreisten, um bei der Verlegung der Stolper-steine anwesend zu sein. Unter anderem kamen Thomas Buergenthal, ehemaliger Richter am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag und Enkel von Rosa und Paul Silbergleit, sowie Michael Hayden, international renommierter Mediziner und Enkel von Max Raphael und Gertrud  Hahn.                                                            Der Veranstalter der Stolperstein-Verlegung war die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Göttingen e.V. in Zusammen-arbeit mit dem Geschichtsverein für Göttingen und Umgebung e. V. und dem Stadtarchiv Göttingen. Finanziert wurde die Aktion durch Paten. Der Künstler Gunter Demnig hat seit 1997 über 60000 solcher Stolpersteine im 1100 deutschen Städten und Orten und in 20 Staaten Europas verlegt. Das Projekt ist somit das weltweit größte dezentrale und dynamische Mahnmal.

 

Abb. 1: Die Stolpersteine für Familie Hahn an der Weender Straße 70; Abb. 2: Schüler des FKG gestalteten die Veranstaltung musikalisch mit; Abb. 3: Gunter Deming bei der Verlegung der Stolpersteine für Familie Meininger an der Lotzestraße 20a

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)