Category Archives: Allerlei

12. Oktober 2018

Atatürk in Weende!?

Mustafa Kemal Pascha genannt Atatürk war eine der Persönlichkeiten, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts entscheidend prägten. Er war es, der auf den Trümmern des Osmanischen Reiches die moderne Türkei schuf und sie durch radikale, oft brutal umgesetzte Reformen zu einem säkularen Nationalstaat formte. Sehr unwahrscheinlich ist es, dass Atatürk, der „Vater der Türken“, auch nur den Namen der Stadt Göttingen kannte. Und nun soll er gar den Ort Weende mit seiner Anwesenheit beehrt haben? Und doch hält sich in Weende beharrlich exakt dieses Gerücht. Genauer gesagt: Atatürk sei im Gasthaus Koch, vielen Weendern und Göttingern auch heute noch bekannt, abgestiegen. Fake news oder historische Tatsache?

Diese Frage beantworten die Archive. Dort, im Stadtarchiv Göttingen, liegt das Gästebuch des Gasthauses Koch. Und darin findet sich tatsächlich ein Eintrag vom 10. März 1936 von einem Mostafa Kemal „Pascha“ – einmal in arabischer Schrift und einmal auf Deutsch. Schnell wird klar: Atatürk kann es nicht gewesen sein. Er weilte zu dieser Zeit nachweislich in Ankara. Wer hat aber dann zu später Stunde im Gasthaus Koch gefeiert?

Eine Nachfrage im Universitätsarchiv bringt die Lösung an den Tag. An der Universität Göttingen war von 1934 bis 1936 ein „Mostafa Kamel“ immatrikuliert, der allerdings nicht aus er Türkei, sondern aus Kairo stammte. Dazu passt, dass das Arabisch auf eine ägyptische Herkunft des Einträgers schließen lässt. „Kamel“ statt „Kemal“: Das ist eine nachvollziehbare Verschreibung eines fremden Namens. Dieser Name wiederum ist typisch türkisch.

Nun geht der Weg zurück ins Stadtarchiv. Dort findet sich tatsächlich die Einwohnermeldekarte von Herrn Mustafa Kemal. Er wurde am 22. Februar 1908 in der ägyptischen Stadt Tanta im Nildelta geboren. Am 28. Oktober 1934 kam er von Berlin nach Göttingen, studierte hier Geophysik und wohnte zunächst Friedländer Weg 11, ab dem 7. Januar 1935 Hoher Weg (heute Hermann-Föge-Weg) 7. Ende 1936 ist er offenbar in die belgische Hauptstadt  Brüssel  weitergereist. Bei Mustafa Kemal scheint es sich folglich um einen türkischen Bürger des ehemaligen Osmanischen Reichs gehandelt zu haben, der in der vormaligen osmanischen Provinz Ägypten lebte und nach dem Untergang der Herrschaft des Sultans dort „hängen geblieben“ ist. Für seine kulturelle Prägung als Türke spricht auch, dass sein Arabisch einfach und fehlerhaft ist. Bei dem feucht-fröhlichen Abend im Gasthaus Koch war die Namensgleichheit mit Atatürk wohl ein willkommener Anlass, ihm spaßeshalber den Ehrentitel Pascha zu verleihen. Die ironischen Anführungszeichen weisen darauf hin.

Nicht Atatürk war also in Weende, aber er war hier wie auch sonst im nationalsozialistischen Deutschland sehr populär. Das weitere Schicksal von Mustafa Kemal aus Ägypten werden wir vielleicht nie erfahren. Sicher ist aber, dass er als Zeitzeuge die bewegte Geschichte des türkischen Volkes und des Nahen Osten im 20. Jahrhundert erlebt hat.

Und sicher ist auch: Archive sind die Garanten der historischen Wahrheit gegen fake news aller Art!

Abb. 1: Eintrag im Gästebuch des Gasthauses Koch: „Es freut mich zu erzählen zu dieser späten Stunde um h 1.35 dem zehnten März 1936 im Lokale „Mutter Koch“ zu Wenden, daß mein Freund „Willi Hermann Köller“ mit seiner netten Gesellschaft mich zu diesem Kegelabend eingeladen hat. Ich wünsche allen ein glücklichen Abend und eine schöne Zükünft.“ Mostafa Kemal „Pascha“. Der Eintrag erfolgte in lateinischer Schrift statt der damals in Deutschland üblichen „ Sütterlinschrift“). Außerdem gleichen sich die Schrift des Textes und die Unterschrift. Dies deutet darauf hin, dass der Eintrag von Mustafa Kemal selbst stammt, der also des Deutschen mächtig gewesen sein muss. Ob das Wort „Zükünft“ ein echter Fehler oder aber eine ironische Anspielung auf die Vorliebe des Türkischen für den Ü-Laut ist, muss offen bleiben.; Abb. 2: Einwohnermeldekarte von Mustafa Kemal

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

05. Oktober 2018

Depotentdeckungen

Das Otfried-Müller-Haus

Ein Besuch im Museumsdepot ist immer wieder spannend. Neulich entdeckte ich ein wunderschönes Holzhäuschen, das irgendwie sehr vertraut wirkte. Kein Wunder, denn es handelt sich um das Haus, in dem heute das Junge Theater (JT) und das Kulturzentrum KAZ untergebracht sind. Diese Miniaturausgabe des 1836 am Wochenmarkt errichteten Otfried-Müller-Hauses war vermutlich Teil eines sogenannten Christgartens – einer regionalen Form der Landschaftskrippe. Was es mit den Christgärten auf sich hat, ist noch kaum erforscht. Zu klären wäre vor allem, wie alt und wie verbreitet diese Tradition in Göttingen war. Abgesehen von einigen wenigen Details und der veränderten Farbgebung zeigt das Modell das Otfried-Müller-Haus im Zustand vor dem 1856/57 erfolgten Anbau eines Veranstaltungssaals durch Friedrich Doeltz.

Das Otfried-Müller-Haus ist das einzige unter Denkmalschutz stehende klassizistische Gebäude in der ansonsten vorwiegend mittelalterlich geprägten Göttinger Innenstadt. Es wurde vom Baumeister Christian Friedrich Andreas Rohns als Wohnhaus für den Altphilologen und Begründer der Klassischen Archäologie und Alten Geschichte Karl Otfried Müller (1797-1840) und seine Familie erbaut. Die Entwürfe stammen von Müller selbst. Das Haus in klassizistischer Manier mit seinen freistehenden Dorischen Säulen, auf denen zwei breite Balkone ruhen, galt damals schon als ungewöhnlich.

Nach Müllers Tod wurde das Gebäude unterschiedlich genutzt und schließlich 1903 an die Stadt verkauft. Seit 1975 wird es vom JT und dem KAZ genutzt.

Im nächsten Jahr wird das Otfried-Müller-Haus mit Unterstützung der Bundesregierung saniert und für den Kulturbetrieb erweitert werden.

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

07. September 2018

Museum goes Stadtarchiv

Von Ordnungsprinzipien und schlummernden Geschichten

Das Stadtarchiv ist für die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Städtischen Museums ein oft und gern besuchter Ort. Denn Forschung ist im Museum häufig ohne die im Archiv bewahrten Informationen nur bedingt möglich. Während das Museum vor allem historisch oder künstlerisch wertvolle Gegenstände bewahrt, behütet das Archiv die passenden Geschichten. Von Zeitungen und Stadtplänen über Briefe und Nachlässe bis hin zu einzigartigen historischen Urkunden und Akten vom 13. Jahrhundert an bis in die Gegenwart hat das Stadtarchiv so einiges zu bieten, was das Forscherherz höher schlagen lässt.

Dabei ist es nicht ganz so einfach, vom Museum ins Archiv zu wechseln – und umgekehrt wahrscheinlich auch nicht. Davon konnte ich mich während eines einwöchigen Praktikums im Göttinger Stadtarchiv überzeugen. Besonders knifflig ist das Ordnungsprinzip. Im Museum arbeiten wir überwiegend mit einer Sachkartei. Das bedeutet, dass wir die Objekte nach ihrem Verwendungszweck ordnen, statt nach ihrer Herkunft. Im Archiv ist es genau anders herum. Hier herrscht das Provenienzprinzip. Denn Bestände einer Herkunft dürfen im Archiv nicht getrennt werden, da so Entstehungszusammenhänge verloren gehen könnten. Das würde der wissenschaftlichen Forschung wichtige Erkenntnischancen rauben.

Das macht die Recherche im „Gedächtnis der Stadt“ zwar zum Teil etwas komplizierter. Der Reiz dabei ist aber, dass schon ein kleiner Forschungsauftrag eine Fülle lange Zeit in den Archivregalen vor sich hin schlummernder Geschichten zu Tage bringen kann und damit auch unerwartete Erkenntnisse und Verknüpfungen – oder einfach das wohlige Gefühl, ein Fenster in die Vergangenheit zu öffnen.

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

17. August 2018

 „Bei Abraham zu Gast“

Am vergangenen Sonntag fand im Museum zum 9. Mal das Abrahamsfest statt. Bei strahlendem Sonnenschein, herrlicher Musik und köstlichen Speisen aus verschiedenen Kulturkreisen feierten wir das friedliche Miteinander unterschiedlicher Religionsgemeinschaften und Kulturen in unserer Stadt.

Bereits seit 2010 ist das Städtische Museum für den Runden Tisch der Abrahams-Religionen ein Ort der Begegnung. Im „Raum der Religionen“ werden die in Göttingen vertretenen Religionsgemeinschaften vorgestellt und die drei großen Abrahamitischen Religionen – das Judentum, das Christentum und der Islam – anhand von Schlüsselobjekten erläutert. So wird ein verständnisvolles Miteinander unterstützt und die Integration von Menschen verschiedener Religionen und Kulturen gefördert.

Das diesjährige Abrahamsfest wurde von Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde, der muslimischen DITIB-, Al- Taqwa- und Medina-Imam- Gemeinde und den christlichen Gemeinden des röm.-katholischen Dekanates, bzw. Ev.-luth. Kirchenkreises organisiert. Eingeladen waren Göttinger Bürger aller Religionen und Nationalitäten. Für gute Stimmung sorgte die christliche Gruppe „Lean On Me“ unter der Leitung von Rüdiger Brunkhorst. Ein intensiver interreligiöser Austausch erfolgte spätestens bei der Suche nach Antworten für das garnicht so einfache interreligiöse Quiz oder auch am üppigen – und wie immer hervorragendem – interkulturellem Buffet. Der Erlös aus dem Verkauf kommt dem Projekt „Hospiz an der Lutter“ zugute.

Abb.1: Impression aus dem „Raum der Religionen“; Abb.2: Auftritt der christlichen Gruppe „Lean on me“; Abb.3: Das Buffet ist eröffnet!

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

 

 

 

 

13. Juli 2018

Gartenpartie

In unserem Vorgarten strahlen, dank des tollen Wetters der vergangenen Monate, wieder die unterschiedlichsten Blumen um die Wette. In Anbetracht dieser erstaunlichen Vielfalt erscheint uns der Museumsgarten manchmal wie ein Biotop, das auch die exotischsten Gewächse zum Wohlfühlen einlädt. Inmitten dieser Blütenpracht versteckt sich, ganz im Sinne eines Museumsgartens, auch das eine oder andere Zeugnis aus der Göttinger Stadtgeschichte. Die „Bittenden Engel“ sind zurzeit leider ausgeflogen, denn sie erhalten ein neues Gewand. Jedoch erwarten die Museumsbesucher im Vorgarten viele andere “wundersame Wesen“. Neben einem bronzenen Frosch aus dem fernen Thorn sind hier unter anderem verschiedene Grabmäler, darunter das älteste datierte Steinkreuz Deutschlands, eine gotische Fenstereinfassung aus dem 1908 abgerissenen Kelterbornschen Haus und eine Polyeder-Sonnenuhr aus dem frühen 19. Jahrhundert  zu entdecken. Eine Broschüre mit detaillierten Informationen über die Objekte erhalten Sie an der Museumskasse.

Der Museumseingang mit Blütenpracht und Sonnenuhr (links im Bild)

Der Thorner Frosch, im Hintergrund ein Grabmal vom ehemaligen Marienfriedhof (1808) und die hierher versetzte Fassade des Siedentopfenschen Hauses

Gotische Fenstereinfassung aus dem Kelterbornschen Haus

Gedenkkreuz von 1260

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

06. Juli 2018

Unser Museum

Teil 3: Die „Alte Posthalterei“

Heute möchten wir den Teil des Museums vorstellen, der als letztes zum Museum wurde: Die „Alte Posthalterei“. Hier sind unter anderem die Bibliothek, das Graphikmagazin, das Fotoarchiv,  die Museumsverwaltung und die Büros der ehrenamtlichen Kollegen und der wissenschaftlichen Mitarbeiter untergebracht. Hier wird wissenschaftlich inventarisiert und hier entstehen die Konzepte für die Ausstellungen. Die „Alte Posthalterei“ ist daher sozusagen die Ideenfabrik des Museums.

Der wohlhabende Bürger Johann Ebel lässt das barocke Fachwerkhaus um 1700 bauen. Fünfzig Jahre später kauft Postmeister Johann Schröder im Auftrag der Landesregierung das Gebäude und richtetet hier ein Postamt ein. Die Post Göttingens war zuvor von König Georg II. übernommen und zur hannoverschen Staatspost erklärt worden. Eine Zeichnung von 1836  (Siehe. Abb. 1, Beitrag vom 22. Juni) lässt vermuten, dass das Postamt ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im direkt angrenzenden Teil des Remisegebäudes untergebracht ist, während die „Alte Posthalterei“ vom Postmeister als Wohnhaus genutzt wird. Nachdem 1854 die Post zum neu eröffneten Bahnhof verlegt wird, wird die „Alte Posthalterei“, ebenso wie die Remise, von verschiedenen Schulen und schließlich dem städtischen Schulamt genutzt. Seit dem Auszug des Schulamtes 1978 in das Neue Rathaus wird auch die „Alte Posthalterei“ komplett vom Museum, das bereits die gesamte „Remise“ übernommen hatte, genutzt.

Im Zuge der 2012 abgeschlossenen Sanierung der „Alten Posthalterei“ werden Reste von Wandbemalungen, Tapeten, Wandfliesen und Ofenkacheln aus unterschiedlichen Epochen freigelegt. Als Vorlage für die heutige Gestaltung der Wände und des Treppengeländers wird eine Fassung im Stil des Klassizismus gewählt, die etwa von 1770/1780 stammt. Auch zahlreiche Objekte werden ausgegraben. Tafel- und Kochgeschirr aus Porzellan und Fayance, Wein- und Mineralwasserflaschen und Austernschalen zeugen von der Alltags- und Esskultur des wohlhabenden Göttinger Bürgertums im 18. Und 19. Jahrhundert.

Einige dieser Gegenstände sind in der alten Posthalterei ausgestellt und können, nach vorheriger Anmeldung, besichtigt werden.

Anmeldung unter: Tel. 0551/400-2843 oder museum@goettingen.de

Abb.1: Die Alte Posthalterei heute, im sanierten Zustand; Abb.2: Das sanierte Treppenhaus, mit freigelegter und teilweise rekonstruierter Wandbemalung; Abb.3: Zeugnisse der Esskultur um 1800.  

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

22. Juni 2018

Unser Museum

Teil 2: Die „Remise“

Im ersten Teil unserer Serie zu unserem größten Exponat, dem Gebäudekomplex, in dem sich das Museum befindet, wurde der Hardenberger Hof vorgestellt. Hier zieht das Museum 1897 ein. Da die Sammlung schnell wächst, wird jedoch schon bald mehr Platz zum Ausstellen und Lagern der vielen Objekte benötigt. Glücklicherweise können ab 1911 nach und nach immer mehr Räume des benachbarten Remisegebäudes für die Museumsnutzung übernommen werden.

Auch die „Remise“ – wie sie heute noch intern genannt wird –  hat zu diesem Zeitpunkt bereits eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Der zweigeschossige Fachwerkbau wird 1780 als Stall- und Remisegebäude, also Wirtschaftsgebäude (fraz. remettre=versorgen) für die damalige Göttinger Poststation erbaut. Damals hat die Remise noch eine Hofdurchfahrt für die Postkutschen (Vgl. Abb.1). 1854 wird die Post zum neu eröffneten Bahnhof verlegt und die Remise wird in der Folgezeit zu Wohnzwecken an Privatpersonen vermietet und von unterschiedlichen Schulen genutzt. Unter anderem sind hier die Real- und Gewerbeschule, die St. Johannis-Pfarrschule, und die Höhere Mädchenschule untergebracht.

Mit der ab 1911 erfolgten Übernahme zunächst einzelner Räume und bald auch des gesamten Gebäudes durch das Städtische Museum wird hier vieles um- und eingebaut. Unter anderem entsteht ein Verbindungstrakt zwischen dem Hardenberger Hof und der Remise. Die Gebäude wachsen zusammen. Außerdem werden nach und nach verschiedene erhaltenswerte Fragmente abgebrochener Göttinger Häuser in den Hardenberger Hof und die Remise eingebaut.

In der Remise ist noch bis 2009 der größte Teil einer Dauerausstellung zur Göttinger Stadtgeschichte untergebracht. Hier konnten Besucher die Entwicklung Göttingens von den Anfängen bis zur Gegenwart anhand vielfältiger Objekte nachzuvollziehen. Sanierungsarbeiten an dem denkmalgeschützten Gebäude haben jedoch eine weitgehende Schließung dieser Ausstellung notwendig gemacht. Die Remise musste ausgeräumt werden.

Wegen der stockenden Sanierung muss das Museum seitdem ohne diesen dringend benötigten Raum und eine entsprechende umfassende stammesgeschichtliche Ausstellung auskommen. Dennoch sind wir bemüht, Ihnen auf dem uns zur Verfügung stehenden Raum immer wieder neue Aspekte und Objekte aus der Göttinger Stadtgeschichte zu präsentieren.

Abb.1: Die Alte Post (links) und die Remise (rechts) in einer Zeichnung von 1836; Abb.2: Die Remise heute. Die Fassade ist bereits saniert.

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

 

15. Juni 2018

Unser Museum

Teil 1: Der Hardenberger Hof

Viel wurde hier im Blog bereits aus dem Museum berichtet – über seine „Bewohner“, die Dinge die hier bewahrt werden, und die hier tätigen Menschen. Doch auch die Gebäude, in denen sich unser Museum befindet, haben eine interessante Vergangenheit und sind dazu wichtige Dokumente der Stadtgeschichte. Das Haus des Museums ist so zugleich sein größtes Exponat! Deshalb möchte ich nun auch dieses in einer dreiteiligen Blog-Serie vorstellen.

Der heutige Blogbeitrag widmet sich dem Hardenberger Hof – dem Teil des Museums, der, bedingt durch die andauernde Sanierung des größten Teils des Gebäudekomplexes, zurzeit noch für Ausstellungen zur Verfügung steht. Hier können aktuell die permanente Ausstellung Stadt. Macht. Glaube. Göttingen im 16. Jahrhundert und die aktuelle Sonderausstellung zur 68er-Bewegung in Göttingen Klappe auf! besichtigt werden.

Auf dem Gelände hinter dem Museum steht zu Beginn der Entwicklung Göttingens zur Stadt eine Burg des braunschweig-lüneburgischen Herzogs, zu dessen Hoheitsgebiet damals Göttingen gehört. 1387 zerstören die Göttinger Bürger die Burg. Doch zur Burg gehören drei adlige Freihöfe mit ihren Bewohnern, die ihre Sonderrechte lange gegenüber dem Göttinger Rat wahren können. Einer dieser adligen Freihöfe – und der letzte heute noch erhaltene – ist der Hardenberger Hof, der jedoch erst später diesen Namen erhält.                                                                                                                Es ist überliefert, dass die Herren von Plesse 1373 eine hier erbaute Hofanlage kaufen. Das am Ostende des Hauses noch vorhandene, jedoch später überputzte, Fragment eines Steinbaus, das den sogenannten Tapetensaal umschließt, sowie Teile der Kellergewölbe gehen möglicherweise noch auf diesen mittelalterlichen Vorgängerbau zurück. Nachdem 1571 die Familie von Plesse ausstirbt, hat der Hof wechselnde Besitzer.

1592 lässt der braunschweigische Beamte Johann Jagemann den dreigeschossigen Renaissancebau in Fachwerkbauweise errichten und verkauft ihn 1619 an Christoph Graf von Hardenberg. Der Hardenberger Hof bleibt bis 1730 in Besitz der Familie von Hardenberg. Wieder wechseln die Besitzer. Im 19. Jahrhundert ist das Gebäude unter anderem Sitz der Freimaurerloge und der Klavierfabrik der Gebrüder Ritmüller, in der sogar Johannes Brahms Konzerte gibt. Schließlich kauft 1896 die Stadt Göttingen den Hardenberger Hof und baut ihn für das Städtische Museum um, das als Altertumssammlung bereits seit 1889 existiert und aufgrund von Platzmangel zum zweiten Mal umziehen muss. Unter anderem kommen neue Dachaufbauten hinzu und für die besonders wertvolle Sammlung sakraler Kunst wird am Westgiebel ein kapellenförmiger Anbau errichtet. Das Museum zieht 1897 in die Räumlichkeiten ein.                                            Doch die Sammlung wächst weiter und neue Räume müssen erschlossen werden….

Fortsetzung folgt!

Abb.1: Der Hardenberger Hof um 1890; Abb.2: Der Hardenberger Hof um 1900, mit neuen Dachaufbauten und kapellenförmigem Anbau am Westgiebel (links)

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

01. Juni 2018

Zwei Visiten

In der vergangenen Woche waren wir viel unterwegs. Unsere Spendenengel und Tora-Wimpel erhielten in den jeweiligen Restaurierungswerkstätten Besuch von Zuhause. Die ersten Ergebnisse der restauratorischen Untersuchung liegen vor, so dass der Zustand der „Patienten“ besprochen und der weitere Verlauf der „Therapie“ d.h. Restaurierung festgelegt werden konnte.

Die Spendenengel befinden bereits seit Dezember letzten Jahres in der Werkstatt der Restauratorin Vera Fendel in Seelze. Sie wurden gereinigt und die Schäden wurden dokumentiert. Außerdem sind frühere Fassungen freigelegt worden, die erahnen lassen, welche Farbe die Engel einmal hatten. Der aktuell sichtbare silbergraue Anstrich der Mitte des 19. Jahrhunderts gefertigten Skulpturen stammt von einem späteren Zeitpunkt. Zwei weitere Fassungen haben die Restauratorinnen darunter entdeckt. Ursprünglich hatten die Engel vermutlich eine grüne Fassung mit eingestreuten, feinen Metallplättchen, durch die sie in der Sonne schimmerten. Bis zum nächsten Werkstatttermin soll die Hälfte jedes Engels wenn möglich bis auf diese grünmetallische Fassung freigelegt werden. Dann wird über eine Neufassung entschieden. Unsere Engel werden aber nicht nur äußerlich herausgeputzt, sie sollen auch ihre ursprüngliche Funktion wieder aufnehmen. Ihre Spendenkästen werden mit neuen Schlössern versehen. Dann können wieder Geldspenden und Wunschzettel hineingeworfen werden, wie es noch bis Mitte des letzten Jahrhunderts in Göttingen üblich war.

Einige unserer Tora-Wimpel erstrahlen bereits in neuem Glanz. Seit etwa einem Monat werden sie in der Werkstatt der Restauratorin Ada Hinkel in Hamburg behandelt. Drei Stück konnten wir während unseres Besuchs bewundern. Sie wurden gesäubert, geglättet und werden nun an einigen Stellen mit zusätzlichem Stoff unterlegt. Fehlstellen werden so sichtbar ausgeglichen und weiteren Schäden vorgebeugt. Außerdem werden lose Fasern an den bestickten Tora-Wimpeln wieder in die Fäden eingearbeitet. Die Fotografin Frau Eismann, die auch bei dem Werkstatttermin anwesend war, wird die Veränderungen für den geplanten Bestandskatalog dokumentieren.

Ein Besuch in der Restaurierungswerkstatt wird besonders interessant, wenn sich im Zuge der Restaurierung neue Fragestellungen ergeben. Schäden oder Verschmutzungen können Rückschlüsse auf die Objekt- und Nutzungsgeschichte zulassen. So rätseln wir zum Beispiel noch über unterschiedliche mysteriöse Flecken auf den Tora-Wimpeln. Unter anderem wurden Wachsflecken entdeckt, die möglicherweise von Wachstuchbändern, die als Vorlage für die Malereien gedient haben könnten, stammen. Es bleibt also spannend!

Abb. 1, 2: Die kleinen Quadrate am rechten Arm des Spendenengels zeigen seine vier Fassungen; Abb. 3: Die Tora-Wimpel in der Restaurierunsgswerkstatt

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)