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04. August 2017

Eisen-Nitrat und Schwefelsäure – Wenn Museumsmitarbeiter zu Chemikern werden

Im Zuge der Erforschung von Museumsobjekten kommen jede Menge unterschiedlicher Tätigkeiten auf die Museumsmitarbeiter zu. Besonders wenn ein Objekt uninventarisiert aufgefunden wird, müssen zunächst viele grundsätzliche Dinge geklärt werden. Neben dem Studium der Eingangsbücher, alter Aufzeichnungen und der Literaturrecherche ist hier oft auch eine Materialbestimmung notwendig. Das gilt auch für Schmuck. Denn alte Objekte aus Edelmetall sind selten punziert, da sich diese Praxis erst im 20. Jahrhundert entwickelte.

Da kommt es dann auch mal vor, dass plötzlich eine maskierte Gestalt mit Schutzbrille und einem rätselhaften Köfferchen durch die Gänge der Verwaltung läuft. Bei der Überprüfung von Edelmetallen wie Gold, Silber oder Platin ist der Schutz von Nase und Augen wichtig, denn hier wird mit Chemikalien wie Eisen-Nitrat, Schwefelsäure oder Pyridin hantiert. Das Objekt wird vorsichtig an einem Prüfstein gerieben. Der Abrieb wird dann, abhängig vom zu prüfenden Metall, mit unterschiedlichen Säuren bestrichen – und voilà – die Reaktion bzw. die Verfärbung der Probe verrät das Ergebnis.

Bild oben: Silbertest: Die blau verfärbte Probe (rechte Spalte, 2. Balken) offenbart eine Legierung mit hohem Kupferanteil.

 (Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

19. Mai 2017

Göttingen – Guangzhou – Kalisz – Göttingen.                                                                                        

Die Restaurierung des Tafelklaviers der Firma Ritmüller & Söhne

Das Städtische Museum Göttingen besitzt ein Tafelklavier der ehemaligen renommierten Göttinger Klavierfabrik „W. Ritmüller & Söhne“. Die Firma hatte von 1832 bis 1890 ihren Sitz im sog. Hardenberger Hof, der heute ein Teil des Museums ist. Bei einem Tafelklavier verlaufen Tasten und Saiten annähernd rechtwinklig. Die Saiten sind horizontal und quer angebracht, so dass das Gehäuse eine rechteckige Form bekommt. Tafelklaviere sehen daher in geschlossenem Zustand wie ein Tisch oder eine (Ess-)Tafel aus. Außer Ritmüller waren im 18. und 19. Jahrhundert zahlreiche weitere Instrumentenbauer in Göttingen ansässig, die das wirtschaftliche und kulturelle Leben der Stadt prägten.

Aufgrund seiner Fabrikationsnummer 2671 kann die Bauzeit des Klaviers auf ca. 1850 datiert werden. Das Besondere an dem Klavier ist, dass es im Haus des heutigen Museums selbst gebaut worden ist. Damit ist es ein einmaliges Zeugnis sowohl der Göttinger Wirtschafts- und Kulturgeschichte wie auch der Geschichte des Museums. Das Instrument gelangte 1962 durch Ankauf von einem Göttinger Klavierhändler in die Museumssammlung. Über seine Vorbesitzer ist leider nichts bekannt.

So weit, so gut. Groß war meine Überraschung allerdings, als sich Im Sommer 2015 Frau Luo von der Pearl River Piano Group aus Guangzhou bei mir im Göttinger Museum meldete. Die Pearl River Group, heute die weltgrößte Klavierfabrik, hatte den Firmennamen „Ritmüller“ aufgekauft und interessierte sich nun für das Stammhaus dieser traditionsreichen Firma.

Wenig später besuchten Frau Luo und andere Vertreter der Pearl River Piano Group das Städtische Museum. Bei einem Rundgang und einem anschließenden Gespräch über mögliche Kooperationen kam sehr schnell auch die Restaurierung des Instruments zur Sprache, das beträchtliche Schäden aufwies. Bereits wenige Wochen später erklärte sich die Zentrale in Guangzhou bereit, die Restaurierung des Tafelklaviers zu übernehmen!

Mit den Restaurierungsarbeiten wurde die Restauratorin Martyna Bartz in Kalisz, Polen, beauftragt. Ein Jahr später war es dann soweit: Am 6. Juli 2016 wurde das Ritmüller-Klavier, das vorher seinen „Geburtsort“ Göttingen wahrscheinlich nie verlassen hatte, der Spedition übergeben und machte sich auf die Reise nach Polen. So geht es im Zeitalter der Globalisierung: Plötzlich steht ein Klavier aus Göttingen im Zentrum eines weltumspannenden Netzes!

Ziemlich genau ein Jahr darauf sind die Arbeiten abgeschlossen und das Tafelklavier aus dem Hause Ritmüller kehrt am 17. Mai 2017 in den Hardenberger Hof zurück. Außen und innen grundlegend überarbeitet und wiederhergestellt, schmückt es in neuem-altem Glanz den Veranstaltungssaal des Museum, wo es künftig für Konzerte genutzt werden wird.

Ein herzliches Dankeschön im Namen des Städtischen Museums und der Stadt Göttingen gilt der Pearl River Piano Group für die großzügige Unterstützung bei der Wiederherstellung dieses wertvollen Instruments, das zugleich ein einzigartiges Zeugnis der Göttinger Stadtgeschichte ist!

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

17. Juni 2015

Abenteuer Museumsarbeit II

 

Fragen der Datierung sind allerdings nur ein Teil der Arbeit in einem Museum. Sie sind hilfreich, aber nicht allein ausschlaggebend bei der Einordnung der Gegenstände in ihren Gebrauchshintergrund. Besonders spannend ist dieses für mich zu sehen bei der Bearbeitung der Karteikarten zum Glasbestand des Museums. Waren Gläser mit farbigem Überfang, d.h. einer farbigen Schicht, aufgetragen über dem eigentlichen Glaskörper, Ziergerät oder ein Gebrauchsgegenstand, der genutzt wurde?

Überfangglas   Überfangmedaillons in Rot, Blau und Gelb mit beschrifteten Symboldarstellungen „Glaube“, „Liebe“, „Hoffnung“ und „Zum Andenken“. Symbole und Schrift wurden aus der Überfangschicht  heraus geschliffen. Die gewölbten Elemente des Fußes im Wechsel klar und farbig. Um 1830-40, Zierobjekt.

Bei schlichten Glasformen ohne Dekoration ist diese Frage vergleichsweise einfach zu beantworten. Wie aber sieht es bei Gläsern aus, die fein geschnitten oder geschliffen sind, ob mit oder ohne Überfang? Gibt die Form vielleicht entscheidende Hinweise, welches Glas eher in der Vitrine des Biedermeier-Wohnzimmers ausgestellt wurde, und welches regelmäßig auf dem Tisch eines wohlhabenden Haushaltes stand? Oder der Inhalt einer bildlichen Dekoration?

1900 543   Trinkglas. Becherförmiges Glas des Biedermeier. Weinranke mit Blättern und Trauben, geschliffen. 19. Jh., Gebrauchsgegenstand.

1941 146   Inv.-Nr. 1941/146. Brautglas. Inschrift: „Blümelein vergist nicht mein“ über Medaillon mit Blumen und flammen-dem Herz. 18. Jh., Zierobjekt.

Manchmal lassen sich diese Fragen nur am Objekt selbst beantworten – ein Goldrand oder Golddekoration sprechen eher für ein Zierobjekt, Abrieb an denselben aber dafür, dass die Eigentümer es häufiger benutzten. So bleiben die Grenzen der Kategorien fließend, jedes Objekt eine möglicherweise spannende Entdeckung mit einem Eigenleben, einer eigenen Geschichte, die sorgfältig zu betrachten ist.

1894 190   Inv.-Nr. 1894/190. Farbloses Glas mit rosa Lasur, Schliff, Goldmalerei und Vergoldung. Um 1840. Eigentlich ein Objekt, das man eher als Zierobjekt verorten würde, spricht der starke Abrieb aber für Nutzung als Gebrauchsgegenstand.

Und wer hätte gedacht, dass Glas „krank“ werden kann? Ich war mir dessen nicht bewusst, aber es gibt Prozesse, die Glas mit der Zeit zersetzen und letztlich zerstören können.

Damit rückte die Arbeit der Restauratoren in mein Blickfeld – und die Notwendigkeit, Objekte zu säubern und so vor möglichem Schädlingsbefall zu schützen, sie dann aber auch in sicherer Umgebung (Depot) zu verwahren. Dort können sie, vor neuem Befall bewahrt, dauerhaft erhalten werden. Schädlinge, mit denen ein Museum auf solche Art kämpft, sind nicht nur der allseits bekannte Holzwurm, sondern auch Pilze, Flechten und Ähnliches. Dies ist ein weiterer Aspekt der Arbeit hinter den Kulissen, der das Städtische Museum aktuell sehr beschäftigt (siehe frühere Beiträge) und an dem ich teilhaben darf. Nach erfolgter Stickstoffbehandlung sind Kisten auszupacken, manche (kleine) Objekte für eine dauerhafte Lagerung neu zu verpacken in nicht säurehaltigem Papier und Containern, andere in großen Regalen sinnvoll unterzubringen und einzuordnen. Viele Handgriffe, die es zu einer zeitaufwendigen Aufgabe machen bei der schieren Anzahl der Objekte, aber mir große Freude bereiten. Es ist für mich etwa so, wie Geschenke auszupacken – ich weiß vorher nicht, wie das, was sich im Verborgenen befindet, genau aussieht, und kriege die unterschiedlichsten Objekte in meine Hände, darf mithelfen, ihnen ihre dauerhaften Plätze zuzuweisen. Dies ist ein weiterer Grund, warum ich dieses Praktikum / diese Arbeit als Abenteuer betrachte. Wann sonst hat man schon die Möglichkeit, direkt mit dem Bestand eines Museums zu arbeiten?

Hier noch ein letztes Bild einer Kanne, die mich persönlich schon ob ihrer Farbgebung und der im Drachenhenkel dargestellten Gestaltungsmöglichkeiten des Materials Glas fasziniert.

1948 519   Venezianisches Glas, 1900.

 

Verena Schmidt, Praktikantin

 

 

2. Juni 2015

Ein Klavier von Merkel?

Am 14.Juni 1893 bekommt das Museum ein Klavier geschenkt. Der Eintrag weist einen Professor Merkel als Geber aus. Darüber hinaus gibt es noch den Hinweis, das Klavier, ein Hammerklavier, sei eine Nürnberger Arbeit aus dem Jahr 1792.

IMG_20150528_094301               Hammerklavier; Inventarnummer 1893/148

Grundsätzlich kommen als Schenker dieses sogenanntes Hammerklaviers  zwei Personen in Frage: Prof. Friedrich Merkel und Prof. Johannes Merkel. Da das Klavier aber eindeutig als Nürnberger Arbeit bestimmt wird und Friedrich Merkel aus Nürnberg stammt, kann er als Schenker angenommen werden.

Dr. med. Friedrich Merkel wurde am 5. April 1845 in Nürnberg geboren. Er lehrte von 1885 bis 1919 als Professor für Anatomie in Göttingen und war Leiter des hiesigen Anatomischen Instituts. Merkel wohnte in der Bürgerstraße 10 und verstarb am 28. Mai 1919. Verheiratet war er mit Anna Henle, geb. 28. Okt. 1850 in Heidelberg, Tochter des berühmten Anatomen und Physiologen Friedrich Gustav Jakob Henle (geb. 19. Juli 1809, gest. in Göttingen 13. Mai 1885). Henle hatte von 1844 an in Heidelberg gelehrt und wechselte von dort 1852 nach Göttingen, wo er die Leitung des Anatomischen Instituts übernahm. Henle war also Amtsvorgänger und Schwiegervater von Friedrich Merkel. Sollte Friedrich Merkel das Klavier aus Nürnberg mitgebracht haben, ist es sicherlich aus dem Besitz seiner Familie.

Hammerklavier ist der Oberbegriff für besaitete Tasteninstrumente. Die Saiten werden mit kleinen Hämmern angeschlagen. Ursprünglich diente die Bezeichnung Hammerklavier zur Abgrenzung zu anderen besaiteten Tasteninstrumenten, wie z.B. dem Cembalo, bei dem die Saiten durch Federkiele angerissen werden oder dem Clavichord, bei dem sogenannte Tangenten die Saiten zum Klingen bringen.

Auch das uns heute bekannte moderne Klavier ist ein Hammerklavier. Nach 1800 kamen Cembalo und Clavichorde aus der Mode. Das Hammerklavier wurde zum Standardinstrument und in der Folge  verkürzte sich die Bezeichnung auf Klavier. Der nun freigewordene Begriff „Hammerklavier“ wird inzwischen für historisch frühe Bauformen der Hammerklaviere verwendet. Diese historischen Instrumente unterscheiden sich in verschieden Merkmalen von den modernen Klavieren.

 

Andrea Rechenberg/Detlev Jaeger

 

 

 

21. Mai 2015

Abenteuer Museumsarbeit, Teil I

Im Zuge der anhaltenden Digitalisierung des Bestandes (siehe frühere Beiträge) absolviere ich gerade ein Praktikum im Städtischen Museum. So bietet sich mir die Gelegenheit, die vielfältige Arbeit „hinter den Kulissen“ kennenzulernen, die ein Museumsbestand erfordert – und einen breitgefächerten Einblick in die Bestände selbst zu erhalten. Zusätzlich stelle ich wieder einmal fest, wie spannend Geschichte ist. Obwohl ich während meines Studiums an dem einen oder anderen Seminar zur Stadtgeschichte teilgenommen habe, stellen sich hier für mich ganz unbekannte Facetten dieser Stadt dar.

Ich begann mit der Erfassung von Porzellanobjekten, hauptsächlich aus dem studentischen/universitären Bereich. Das bedeutet vor allem Pfeifenköpfe und Deckeleinsätze für Bierkrüge mit den Wappen und Wahlsprüchen der verschiedensten Verbindungen. Die persönlichen Widmungen und Datierungen auf der Rückseite geben einen Überblick über die Zeitspanne, in der diese Form des Andenkentausches aus lokaler Produktion verbreitet war.

Deckel Bierkrug Hannovera     Pfeifenkopf FrisiaDeckel eines Bierkruges, Corps Hannovera                           Pfeifenkopf, „Frisia sei’s Panier!“

 

Vor allem aber bot sich mir ein unerwarteter Einblick in die städtische Geschichte – mir war nicht bewusst, dass es eine Verbindung von Porzellan und Göttingen gab. So war es hier denn auch nicht die eigentliche Fertigung in einer Manufaktur, sondern die Weiterbearbeitung von Rohlingen – in großer Zahl von unterschiedlichsten Herstellern erstanden – die mehreren Göttinger Familien über ein Jahrhundert hinweg ein Auskommen ermöglichte. Mit welcher teils hohen künstlerischen Qualität dies geschah, sieht man sehr gut in dem Beitrag von Frau Freund. Für mich interessant war daran aber auch die Bedeutung der Universität und des studentischen Lebens, der Verbindungen, für die Stadt in dieser Zeit. Ihre Nachfrage ermöglichte es Porzellanmalern, die allein mit schönen Dekorationsstücken für bürgerliche Haushalte ihren Unterhalt vielleicht nicht hätten bestreiten können, eine Werkstatt mit mehreren Personen über lange Zeit aufrecht zu erhalten. Sehr deutlich wird die Wichtigkeit dieser Zielgruppe 1935: Als die Verbindungen zwangsweise in der „NS-Studentenschaft“ aufgehen oder sich auflösen, stirbt dieser Markt, Maler und Firmen müssen sich umorientieren.[1]

Weiter ging meine Reise durch die musealen Bestände mit der Silberkartei. Schon in der Bearbeitung der ersten Stücke erfuhr ich, dass die für mich anfangs unverständliche Platzierung eines Monogramms auf der Rückseite von Gabel- oder Löffelstielen mit einer Wandlung der Tischsitten in Zusammenhang steht. Erst im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts wurde es üblich, Besteck mit dem Rücken nach unten zu legen, so wie wir es heute kennen.[2] Ab diesem Zeitpunkt wurden dann auch Verzierungen oben und die Stempel des Schmiedes und des Silbergehaltes unten aufgebracht.

löffel     Kleiner silberner Teelöffel, um 1760/70. Die sichtbaren Initialen AG sind die des Goldschmiedes Abraham Gandil. Das Besitzermonogramm ist auf der Rückseite.

 

Ein Monogramm auf der Rückseite ist also ein deutlicher Anhaltspunkt für eine erste Datierung. Weitere Arten, den Herstellungszeitraum eines Silberobjektes einzugrenzen, erschlossen sich mir: Die zeitlich begrenzte Verwendung verschiedener Stempel für den Silbergehalt (12-Lot Stempel, 800er Silber, heute 925er), sowie die Einordnung der Initialen der verschiedenen Meisterstempel in die Biographien lokaler Goldschmiedefamilien. Auch dies ist nicht immer ganz leicht – wenn ein Stempel zum Beispiel generationsübergreifend weiterverwendet wird, können stilkritische Zuweisungen manchmal weiterhelfen.

Eine weitere für mich überraschende Erkenntnis war die Tatsache, dass Aluminium für kurze Zeit, in den Jahren 1855-1859, sehr teuer war und von Goldschmieden zu Schmuckstücken verarbeitet wurde. Nach der Verbesserung des Verfahrens zur Gewinnung 1859 stürzte der Preis, und es nahm den industriellen Charakter an, der uns heute vertraut ist.[3]

Zuletzt hier noch ein Bild einer Abendmahlskanne, hergestellt von dem Göttinger Goldschmied Carl Friedrich Peter Knauer (1786-1853), deren Form mich beeindruckt hat.

Silberkanne

Verena Schmidt

[1] Vgl. Brinkmann, Jens-Uwe, Porzellanmalerei in Göttingen. … in jeder Hinsicht vollkommen so schön als dergleichen Arbeiten irgendwo gemacht werden, Göttingen 2000, S. 49/50.

[2] Appel, Thomas, Göttinger Goldschmiede 1600-1900. Neue Objekte – Marken – Forschungsergebnisse, in: Göttinger Jahrbuch 27 (2009), S. 92.

[3] Ebenda, S. 106/107.

28. April 2015

3. IMG_7313   Oboe, 1825/1850

Musikinstrumente in der Sammlung des Städtischen Museums

Da ich selbst seit meiner Jugend Musik mache, finde ich den Bestand an Instrumenten im Museum besonders interessant. Er umfasst ca. 45 Objekte.

Ein großer Teil der Gitarren, Klaviere, Klarinetten oder Flöten des Städtischen Museums gelangte um 1900 in die Sammlung. Die Instrumente Göttinger Provenienz wurden etwa zu gleichen Teilen dem Museum von Bürgern geschenkt oder durch die Sammlung angekauft. Ein gezieltes Sammeln fand offenbar nicht statt.

Dennoch spiegelt der Bestand wichtige Aspekte des Göttinger Musikgeschehens am Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert wider. Die mit der Universitätsgründung verbundenen kulturellen Impulse beflügelten auch das musikalische Leben. Eine kurze Blütezeit des Instrumentenbaus in der Stadt war die Folge.

Fünf der neun Hersteller, die sich namentlich nachweisen lassen, sind in der Sammlung des Städtischen Museums vertreten. Die bedeutendsten unter ihnen sind Gottlieb Streitwolf, Holzblasinstrumentenbauer, und Johann Paul Krämer mit seinen Clavichorden. Ihre Instrumente wurden in ganz Europa verkauft. In der Museumssammlung befindet sich ein Clavichord der Söhne Krämers.

1. Aufbau Präsentation_Klarinette um 1800      5. IMG_7308Klarinette, um 1800                                                Klarinette in B, um  1810; Querflöte, um 1820

4. IMG_7315      2. IMG_7319Querflöte, um 1815                                               Gitarre von Gottlieb Wilhelm Ritmüller, 1810

Wussten Sie, dass im „Hardenberger Hof“, also dem ältesten Teil des Städtischen Museums, früher Klaviere gebaut wurden? Wussten Sie, dass hier namhafte Musiker Konzerte  gaben?

Soireen im Tapetensaal

Der Hardenberger Hof war von 1832 bis 1890 Standort der „Pianoforte-Fabrik Ritmüller & Sohn“. In diesem Gebäude wurden aber nicht  nur hochwertige Instrumente gefertigt. In den Jahren 1855 bis 1860 traf sich hier eine Gruppe musikbegeisterter Göttinger Bürger zum gemeinsamen Musizieren. Konzerte fanden im großen Salon des Hauses – dem heutigen Tapetensaal – statt. Johannes Brahms trat hier beispielsweise mit Joseph Joachim auf, dem Kapellmeister an der Hofoper in Hannover. Auch in den folgenden Jahren nahmen sie an den Soireen im Haus Ritmüller teil.

Ausgangspunkt dieses regen musikalischen Geschehens war Julius Otto Grimm, der sich in Göttingen als Musiklehrer niederließ. Er heiratete 1856 seine Klavierschülerin Philippine Ritmüller, Tochter des Pianoforte-Fabrikanten. Alte Studienfreunde Grimms, Klara Schumann und andere bedeutende Musiker wie der Klaviervirtuose Hans von Bülow waren bald regelmäßige Gäste des Paares. Das geräumige Haus seiner Schwiegereltern mit dem Tapetensaal stellte sich als idealer  Veranstaltungsort heraus. Grimms 14-tägliche Matineen fanden hier statt. Unter seiner Leitung probte auch der „Gemischte Chorverein“, der sich aus Jugendlichen und Studenten zusammensetzte.

Mit seiner Berufung 1860 zum Musikdirektor nach Münster endete jedoch sein Engagement. Der Hardenberger Hof war nicht länger ein Zentrum des musikalischen Lebens in Göttingen.

Detlev Jaeger

 

 

25. März 2015

 

Ellissen 001  Das Haarmedaillon von Adolf Elissen (1815-1872); Inv.Nr. 1947/42.

Ein Haarmedaillon von Adolf Elissen

Ein kleiner, nahezu quadratischer, schwarz lackierter Holzrahmen. In der Mitte hinter Glas eine feine, hellblonde Haarlocke, offenbar von einem Kinderkopf. Drumherum, mit einem Faden umwickelt, ein Kranz aus kräftigem, braunem Haar, wahrscheinlich vom Haupt eines Erwachsenen. Auf der Rückseite, in der etwas ungelenken Schrift eines wohl älteren Schreibers, mit Bleistift „Adolfs Haar“.

Im August 1947 wurde dieses Haarmedaillon von Fräulein Helene von Denffer, ihres Zeichens Malerin, dem Museum geschenkt. Fräulein Helene war zu diesem Zeitpunkt bereits 81 Jahre alt. Von ihr stammt wohl die Bleistiftnotiz. Unter dieser findet sich als Erläuterung der Zusatz des damaligen Museumsleiters Otto Fahlbusch „Adolf Elissen, geb. 14.3.1815“.

Helene von Denffer war die älteste Tochter des Woldemar Friedrich von Denffer und seiner Frau Bertha, der Tochter von Adolf Ellissen. Helene wusste also genau, was sie tat, als sie das Haarmedaillon ihm zuschrieb – „Adolf“ war immerhin ihr Großvater.

Wer aber war Adolf Ellissen? Adolf Ellissen (1815-1872) war ein bedeutender Kulturhistoriker und Bibliothekar. Er beschäftigte sich intensiv mit der antiken und neuzeitlichen Geschichte Griechenlands, was ihm eine Auszeichnung des ersten griechischen Königs Otto von Wittelsbach einbrachte, studierte Chinesisch sowie französische und byzantinische Geschichte.

Vor allem aber war er der führende demokratische Politiker des Göttinger Bürgertums während der Revolution von 1848 und in den Jahren danach. Noch im Revolutionsjahr 1848 wurde er zum Präsidenten der Bürgerversammlung gewählt, die im Auftrag der Bürger den konservativen Magistrat kontrollierte. 1851 übernahm er das Amt des Bürgervorsteher-Kollegiums, eine Funktion, die der des ehrenamtlichen Bürgermeisters unserer Tage entspricht. In diesen Ämtern wie auch als Abgeordneter der hannoverschen Ständeversammlung vertrat er engagiert und mutig seine demokratischen Grundsätze. Das Wohlwollen seines Königs erwarb er dadurch nicht. Als er König Georg V. in einem Vortrag an das Vorbild der Göttinger Sieben erinnerte, rief der Monarch wutentbrannt aus: „Dieser Dr. Ellissen soll mir nicht mehr unter die Augen kommen!“.

Adolf Ellissen war ein aufrechter, fairer Politiker, der seinen Idealen treu blieb. Die Göttinger dankten es ihm, indem sie ihm das Bürgerrecht ehrenhalber verliehen und in seinem Namen Fackelzügen veranstalteten.

Menschen wie Adolf Ellissen sind selten genug. Trotzdem ist er heute weitgehend vergessen. Verloren ist die Erinnerung an ihn aber nicht. Mit diesem Haarmedaillon bewahrt das Museum als Gedächtnis der Stadt eine sehr persönliche  Erinnerung an diesen bedeutenden Göttinger!

 

Ernst Böhme