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10. August 2018

„Grüße aus Nah und Fern“

Wann haben Sie zuletzt eine Postkarte geschrieben? Vielleicht erst letztens am Strand als Urlaubsgruß an die Lieben zuhause? Oder ist das „oldscool“? Viele dürften das meinen, denn es werden immer weniger Postkarten verschickt. Dabei ist der Charme einer handgeschriebenen Karte kaum durch digitale Produkte der heutigen Zeit zu übertreffen. Grund genug, sich dieses leider aussterbende Medium und dessen Geschichte einmal genauer anzusehen.

Eine Fülle anschaulicher Objekte bietet die Postkartensammlung des Museums. Bei den meisten hier bewahrten Postkarten handelt es sich um kulturhistorische Dokumente, die uns sehr viel mehr verraten, als den liebsten Urlaubsort des Absenders. Besonders interessant sind die Postkarten um 1900, der Blütezeit dieses Mediums. Die ersten Postkarten, die sogenannten Correspondenzkarten, hatten eher wenig mit Urlaubsreisen zutun. Mangels Telefon oder Internet waren sie schlichtweg ein gern genutztes Kommunikationsmittel – eine Möglichkeit, Verabredungen zu treffen oder sich über die neusten Ereignisse auszutauschen. Diese zunächst bilderlosen kleinen Kärtchen wurden in den Gebieten des Deutschen Bundes 1870 eingeführt, um den Postbetrieb zu vereinfachen. Auf der Vorderseite stand lediglich die Adresse des Empfängers, während die Rückseite für kurze Mitteilungen frei war. Besonders während des deutsch/französischen Krieges 1870/71 war diese Art von Feldpost beliebt.

Immer öfter entstanden auch Zeichnungen auf den Postkarten und schließlich wurden bebilderte Postkarten mit Zeichnungen, Kupferstichen oder Fotografien bald serienmäßig gedruckt. Der Göttinger Theologie-Student Ludolf Parisius zeichnete die erste Landschafts-Ansichtskarte, deren Beliebtheit durch den zunehmenden Tourismus und die Gründung des Weltpostvereins 1878 rasant stieg. Um 1900 besaß fast jeder gutbürgerliche Haushalt ein Postkartenalbum, in dem die Kärtchen aufbewahrt wurden. Die Postkarten zeigen typischerweise Sehenswürdigkeiten des Aufenthaltsortes des Absenders oder sind mit Darstellungen von Ereignissen die dort stattfinden, illustriert. Auch die Mitteilungen auf den Postkarten sind, wie die gewählten Motive, von großem kulturhistorischem Wert, da sich an ihnen ablesen lässt, was die Menschen ihrerzeit beschäftigte und wie sie ihre zwischenmenschlichen Beziehungen gestalteten.

Abb. 1: Postkarte „Grüße aus Göttingen“, 1889: Auf den ersten Bildpostkarten war wenig Platz für persönliche Mitteilungen, da die andere Seite der Adresse vorbehalten war. Die Verfasserin dieser Nachricht nutzt die vorhandene Fläche für ihre gereimte Botschaft maximal aus.

Abb. 2: Postkarten-Sammelalbum, 1911

Abb. 3., 4.: Häufig illustrieren Fotografien bedeutender (und manchmal auch skurriler) Ereignisse die Postkarten. Die 1905 verfasste Postkarte auf Abb. 3. ist mit einer Fotografie eines der ersten Autos in Göttingen illustriert. Es gehörte dem späteren Physiknobelpreisträger Walter Nernst, der auch selbst am Steuer sitzt. Auf der 1910 verfassten Postkarte in Abb. 4 wird über den unfreiwilligen Heißluftballonaufstieg des Gefreiten Storch berichtet, der in Göttingen vom Hochlasstau mitgerissen wurde, glücklicherweise aber wohlbehalten in Reyershausen landen konnte.

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

01. Juni 2018

Zwei Visiten

In der vergangenen Woche waren wir viel unterwegs. Unsere Spendenengel und Tora-Wimpel erhielten in den jeweiligen Restaurierungswerkstätten Besuch von Zuhause. Die ersten Ergebnisse der restauratorischen Untersuchung liegen vor, so dass der Zustand der „Patienten“ besprochen und der weitere Verlauf der „Therapie“ d.h. Restaurierung festgelegt werden konnte.

Die Spendenengel befinden bereits seit Dezember letzten Jahres in der Werkstatt der Restauratorin Vera Fendel in Seelze. Sie wurden gereinigt und die Schäden wurden dokumentiert. Außerdem sind frühere Fassungen freigelegt worden, die erahnen lassen, welche Farbe die Engel einmal hatten. Der aktuell sichtbare silbergraue Anstrich der Mitte des 19. Jahrhunderts gefertigten Skulpturen stammt von einem späteren Zeitpunkt. Zwei weitere Fassungen haben die Restauratorinnen darunter entdeckt. Ursprünglich hatten die Engel vermutlich eine grüne Fassung mit eingestreuten, feinen Metallplättchen, durch die sie in der Sonne schimmerten. Bis zum nächsten Werkstatttermin soll die Hälfte jedes Engels wenn möglich bis auf diese grünmetallische Fassung freigelegt werden. Dann wird über eine Neufassung entschieden. Unsere Engel werden aber nicht nur äußerlich herausgeputzt, sie sollen auch ihre ursprüngliche Funktion wieder aufnehmen. Ihre Spendenkästen werden mit neuen Schlössern versehen. Dann können wieder Geldspenden und Wunschzettel hineingeworfen werden, wie es noch bis Mitte des letzten Jahrhunderts in Göttingen üblich war.

Einige unserer Tora-Wimpel erstrahlen bereits in neuem Glanz. Seit etwa einem Monat werden sie in der Werkstatt der Restauratorin Ada Hinkel in Hamburg behandelt. Drei Stück konnten wir während unseres Besuchs bewundern. Sie wurden gesäubert, geglättet und werden nun an einigen Stellen mit zusätzlichem Stoff unterlegt. Fehlstellen werden so sichtbar ausgeglichen und weiteren Schäden vorgebeugt. Außerdem werden lose Fasern an den bestickten Tora-Wimpeln wieder in die Fäden eingearbeitet. Die Fotografin Frau Eismann, die auch bei dem Werkstatttermin anwesend war, wird die Veränderungen für den geplanten Bestandskatalog dokumentieren.

Ein Besuch in der Restaurierungswerkstatt wird besonders interessant, wenn sich im Zuge der Restaurierung neue Fragestellungen ergeben. Schäden oder Verschmutzungen können Rückschlüsse auf die Objekt- und Nutzungsgeschichte zulassen. So rätseln wir zum Beispiel noch über unterschiedliche mysteriöse Flecken auf den Tora-Wimpeln. Unter anderem wurden Wachsflecken entdeckt, die möglicherweise von Wachstuchbändern, die als Vorlage für die Malereien gedient haben könnten, stammen. Es bleibt also spannend!

Abb. 1, 2: Die kleinen Quadrate am rechten Arm des Spendenengels zeigen seine vier Fassungen; Abb. 3: Die Tora-Wimpel in der Restaurierunsgswerkstatt

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

11. Mai 2018

Am Sonntag ist Internationaler Museumstag!

Kommenden Sonntag, den 13. Mai 2018, ist wieder Internationaler Museumstag. Doch was ist das eigentlich für ein Tag?                                                            Der seit 1978 jährlich vom Internationalen Museumsrat ICOM ausgerufene Internationale Museumstag dient dazu, auf die Museen und deren großen Beitrag zu unserem kulturellen und gesellschaftlichen Leben aufmerksam zu machen. In Deutschland gibt es mehr als 6500 Museen. Die hier bewahrten Dinge sind wichtige Zeugnisse der Geschichte und der Kultur der Menschheit, die es sich zu entdecken lohnt.

Am Internationalen Museumstag finden in vielen Museen besondere Veranstaltungen statt. Das Städtische Museum Göttingen eröffnet um 11:30 Uhr seine neue Sonderausstellung zur 68er-Bewegung in Göttingen „KLAPPE AUF!“ mit zeittypischer Musik und einer Intervention des Jungen Theaters. Ab 15 Uhr nimmt sie das Duo David & Bernd mit auf eine musikalische Reise durch die 60er Jahre.                      Das diesjährige Motto des internationalen Museumstages ist Netzwerk Museum – Neue Wege, neue Besucher. Die Protagonisten der 68er-Bewegung gingen viele neue Wege. Vieles, was heute als selbstverständlich gilt, wurzelt in dieser Zeit. Wir hoffen, dass die interaktive Ausstellung „KLAPPE AUF!“ nicht nur alte Erinnerungen bei einigen Göttingern hervorruft, sondern auch jüngere Menschen dazu anregt, sich mit dieser spannenden Zeit zu beschäftigen, von deren Auswirkungen sie unmittelbar betroffen sind. Wir freuen uns auf einen regen Austausch und viele „Aha-Momente“!

 (Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

20. Oktober 2017

Tout Paris c´est Barbara!

Ganz Paris ist Barbara – das wird einer Weltstadt wie der französischen Hauptstadt selbstverständlich nicht gerecht. Aber der Satz drückt exakt unsere subjektive Wahrnehmung aus: Anlässlich ihres zwanzigsten Todestages steht ganz Paris im Zeichen von Barbara!

Wir, das war eine Gruppe von acht Personen aus Göttingen, die auf Einladung der Association Barbara Perlimpinpin auf unterschiedlichen Wegen vom 13. bis 15. Oktober nach Paris kamen. Anlass waren die Feierlichkeiten zu Ehren von Barbara am 14. Oktober in der Philharmonie de Paris. Am Freitag wurden wir auf das herzlichste empfangen von Martine Worms und Elisabeth Maignan von der Association und Bernard Serf, dem Neffen Barbaras. Wir waren überwältigt von der Herzlichkeit und Gastfreundschaft, mit der wir aufgenommen wurden – und wir waren überwältigt von der Präsenz der Sängerin in der Stadt. An den Zeitungskiosken prangt ihr Plakat an prominenter Stelle. In der Metro-Station Chatelet – eine der größten Europas – begrüßen den Reisenden auf dem Bahnsteig eine Serie großformatiger faszinierender Fotos von Barbara. Im Veranstaltungs- palast Chatelet hatte sie in den 80er Jahren ihre größten Triumphe gefeiert (Fotos links: Kiosk mit Barbara-Plakat, Metro-Station Chatelet).

Das Zentrum der Feierlichkeiten war das beeindruckende Gebäude der Pariser Philharmonie, wo Barbara den Besucher überlebensgroß empfängt (Foto unten: Die Reisegruppe vor der Philharmonie).

Dort sahen wir am Samstag im vollbesetzten Kinosaal einen Film über die Konzerte im Chatelet. Am Nachmittag stand der Besuch der von Clémentine Deroudille kuratierten Ausstellung auf dem Programm. Auf 950 m² wird hier in opulenter Fülle das Leben der Sängerin ausgebreitet mit reichem Bild- und Tonmaterial und einer großen Anzahl von Originalmanuskripten. Der Besuch Barbaras in Göttingen 1964, die Auftritte im Jungen Theater und die Entstehung des Göttingen-Chansons werden einprägsam präsentiert und finden das besondere Interesse des zahlreichen Pariser Publikums – Jung und Alt, Frauen, Männer, Familien (Foto unten: Detail der Ausstellung: Barbaras Besuch in Göttingen 1964).

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Wirklich ins Herz getroffen wurden wir Göttinger abends beim Konzert des gefeierten Pianisten Alexandre Tharaud, der musikalische Freunde eingeladen hatte, Chansons von Barbara zu interpretieren. Zum Finale standen die sechzehn Künstler – darunter Weltstar Jane Birkin – gemeinsam auf der Bühne und sangen vor über 2000 gebannt lauschenden Menschen das Chanson „Göttingen“ – dieses musikalische Leitmotiv der deutsch-französischen Freundschaft. Es war ein bewegender Moment voll überwältigender Emotionen, der uns Gäste aus Göttingen zu tiefst erschütterte, und es war zugleich eine große Ehre für Göttingen und ganz Deutschland!Zum zweiten Mal gepackt wurden wir am Sonntagmorgen, als wir auf die Suche nach der Écluse gingen, jenem kleinen Nachtlokal, in dem Barbara ihre Weltkarriere begonnen hatte – und es tatsächlich fanden! Erst kürzlich eröffnet, beherbergt der originale Raum jetzt ein kleines Wein- und Speiselokal (Foto unten: Die neue Écluse).

Da saßen wir nun, wir Göttinger, bei herrlichstem Herbstwetter und ehrten Barbara bei einem köstlichen Imbiss und einem Glas kühlen Wein. Ein wunderbarer Ausklang einer beglückenden Reise im Zeichen der deutsch-französischen Freundschaft!

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

04. August 2017

Eisen-Nitrat und Schwefelsäure – Wenn Museumsmitarbeiter zu Chemikern werden

Im Zuge der Erforschung von Museumsobjekten kommen jede Menge unterschiedlicher Tätigkeiten auf die Museumsmitarbeiter zu. Besonders wenn ein Objekt uninventarisiert aufgefunden wird, müssen zunächst viele grundsätzliche Dinge geklärt werden. Neben dem Studium der Eingangsbücher, alter Aufzeichnungen und der Literaturrecherche ist hier oft auch eine Materialbestimmung notwendig. Das gilt auch für Schmuck. Denn alte Objekte aus Edelmetall sind selten punziert, da sich diese Praxis erst im 20. Jahrhundert entwickelte.

Da kommt es dann auch mal vor, dass plötzlich eine maskierte Gestalt mit Schutzbrille und einem rätselhaften Köfferchen durch die Gänge der Verwaltung läuft. Bei der Überprüfung von Edelmetallen wie Gold, Silber oder Platin ist der Schutz von Nase und Augen wichtig, denn hier wird mit Chemikalien wie Eisen-Nitrat, Schwefelsäure oder Pyridin hantiert. Das Objekt wird vorsichtig an einem Prüfstein gerieben. Der Abrieb wird dann, abhängig vom zu prüfenden Metall, mit unterschiedlichen Säuren bestrichen – und voilà – die Reaktion bzw. die Verfärbung der Probe verrät das Ergebnis.

Bild oben: Silbertest: Die blau verfärbte Probe (rechte Spalte, 2. Balken) offenbart eine Legierung mit hohem Kupferanteil.

 (Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

19. Mai 2017

Göttingen – Guangzhou – Kalisz – Göttingen.                                                                                        

Die Restaurierung des Tafelklaviers der Firma Ritmüller & Söhne

Das Städtische Museum Göttingen besitzt ein Tafelklavier der ehemaligen renommierten Göttinger Klavierfabrik „W. Ritmüller & Söhne“. Die Firma hatte von 1832 bis 1890 ihren Sitz im sog. Hardenberger Hof, der heute ein Teil des Museums ist. Bei einem Tafelklavier verlaufen Tasten und Saiten annähernd rechtwinklig. Die Saiten sind horizontal und quer angebracht, so dass das Gehäuse eine rechteckige Form bekommt. Tafelklaviere sehen daher in geschlossenem Zustand wie ein Tisch oder eine (Ess-)Tafel aus. Außer Ritmüller waren im 18. und 19. Jahrhundert zahlreiche weitere Instrumentenbauer in Göttingen ansässig, die das wirtschaftliche und kulturelle Leben der Stadt prägten.

Aufgrund seiner Fabrikationsnummer 2671 kann die Bauzeit des Klaviers auf ca. 1850 datiert werden. Das Besondere an dem Klavier ist, dass es im Haus des heutigen Museums selbst gebaut worden ist. Damit ist es ein einmaliges Zeugnis sowohl der Göttinger Wirtschafts- und Kulturgeschichte wie auch der Geschichte des Museums. Das Instrument gelangte 1962 durch Ankauf von einem Göttinger Klavierhändler in die Museumssammlung. Über seine Vorbesitzer ist leider nichts bekannt.

So weit, so gut. Groß war meine Überraschung allerdings, als sich Im Sommer 2015 Frau Luo von der Pearl River Piano Group aus Guangzhou bei mir im Göttinger Museum meldete. Die Pearl River Group, heute die weltgrößte Klavierfabrik, hatte den Firmennamen „Ritmüller“ aufgekauft und interessierte sich nun für das Stammhaus dieser traditionsreichen Firma.

Wenig später besuchten Frau Luo und andere Vertreter der Pearl River Piano Group das Städtische Museum. Bei einem Rundgang und einem anschließenden Gespräch über mögliche Kooperationen kam sehr schnell auch die Restaurierung des Instruments zur Sprache, das beträchtliche Schäden aufwies. Bereits wenige Wochen später erklärte sich die Zentrale in Guangzhou bereit, die Restaurierung des Tafelklaviers zu übernehmen!

Mit den Restaurierungsarbeiten wurde die Restauratorin Martyna Bartz in Kalisz, Polen, beauftragt. Ein Jahr später war es dann soweit: Am 6. Juli 2016 wurde das Ritmüller-Klavier, das vorher seinen „Geburtsort“ Göttingen wahrscheinlich nie verlassen hatte, der Spedition übergeben und machte sich auf die Reise nach Polen. So geht es im Zeitalter der Globalisierung: Plötzlich steht ein Klavier aus Göttingen im Zentrum eines weltumspannenden Netzes!

Ziemlich genau ein Jahr darauf sind die Arbeiten abgeschlossen und das Tafelklavier aus dem Hause Ritmüller kehrt am 17. Mai 2017 in den Hardenberger Hof zurück. Außen und innen grundlegend überarbeitet und wiederhergestellt, schmückt es in neuem-altem Glanz den Veranstaltungssaal des Museum, wo es künftig für Konzerte genutzt werden wird.

Ein herzliches Dankeschön im Namen des Städtischen Museums und der Stadt Göttingen gilt der Pearl River Piano Group für die großzügige Unterstützung bei der Wiederherstellung dieses wertvollen Instruments, das zugleich ein einzigartiges Zeugnis der Göttinger Stadtgeschichte ist!

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

17. Juni 2015

Abenteuer Museumsarbeit II

 

Fragen der Datierung sind allerdings nur ein Teil der Arbeit in einem Museum. Sie sind hilfreich, aber nicht allein ausschlaggebend bei der Einordnung der Gegenstände in ihren Gebrauchshintergrund. Besonders spannend ist dieses für mich zu sehen bei der Bearbeitung der Karteikarten zum Glasbestand des Museums. Waren Gläser mit farbigem Überfang, d.h. einer farbigen Schicht, aufgetragen über dem eigentlichen Glaskörper, Ziergerät oder ein Gebrauchsgegenstand, der genutzt wurde?

Überfangglas   Überfangmedaillons in Rot, Blau und Gelb mit beschrifteten Symboldarstellungen „Glaube“, „Liebe“, „Hoffnung“ und „Zum Andenken“. Symbole und Schrift wurden aus der Überfangschicht  heraus geschliffen. Die gewölbten Elemente des Fußes im Wechsel klar und farbig. Um 1830-40, Zierobjekt.

Bei schlichten Glasformen ohne Dekoration ist diese Frage vergleichsweise einfach zu beantworten. Wie aber sieht es bei Gläsern aus, die fein geschnitten oder geschliffen sind, ob mit oder ohne Überfang? Gibt die Form vielleicht entscheidende Hinweise, welches Glas eher in der Vitrine des Biedermeier-Wohnzimmers ausgestellt wurde, und welches regelmäßig auf dem Tisch eines wohlhabenden Haushaltes stand? Oder der Inhalt einer bildlichen Dekoration?

1900 543   Trinkglas. Becherförmiges Glas des Biedermeier. Weinranke mit Blättern und Trauben, geschliffen. 19. Jh., Gebrauchsgegenstand.

1941 146   Inv.-Nr. 1941/146. Brautglas. Inschrift: „Blümelein vergist nicht mein“ über Medaillon mit Blumen und flammen-dem Herz. 18. Jh., Zierobjekt.

Manchmal lassen sich diese Fragen nur am Objekt selbst beantworten – ein Goldrand oder Golddekoration sprechen eher für ein Zierobjekt, Abrieb an denselben aber dafür, dass die Eigentümer es häufiger benutzten. So bleiben die Grenzen der Kategorien fließend, jedes Objekt eine möglicherweise spannende Entdeckung mit einem Eigenleben, einer eigenen Geschichte, die sorgfältig zu betrachten ist.

1894 190   Inv.-Nr. 1894/190. Farbloses Glas mit rosa Lasur, Schliff, Goldmalerei und Vergoldung. Um 1840. Eigentlich ein Objekt, das man eher als Zierobjekt verorten würde, spricht der starke Abrieb aber für Nutzung als Gebrauchsgegenstand.

Und wer hätte gedacht, dass Glas „krank“ werden kann? Ich war mir dessen nicht bewusst, aber es gibt Prozesse, die Glas mit der Zeit zersetzen und letztlich zerstören können.

Damit rückte die Arbeit der Restauratoren in mein Blickfeld – und die Notwendigkeit, Objekte zu säubern und so vor möglichem Schädlingsbefall zu schützen, sie dann aber auch in sicherer Umgebung (Depot) zu verwahren. Dort können sie, vor neuem Befall bewahrt, dauerhaft erhalten werden. Schädlinge, mit denen ein Museum auf solche Art kämpft, sind nicht nur der allseits bekannte Holzwurm, sondern auch Pilze, Flechten und Ähnliches. Dies ist ein weiterer Aspekt der Arbeit hinter den Kulissen, der das Städtische Museum aktuell sehr beschäftigt (siehe frühere Beiträge) und an dem ich teilhaben darf. Nach erfolgter Stickstoffbehandlung sind Kisten auszupacken, manche (kleine) Objekte für eine dauerhafte Lagerung neu zu verpacken in nicht säurehaltigem Papier und Containern, andere in großen Regalen sinnvoll unterzubringen und einzuordnen. Viele Handgriffe, die es zu einer zeitaufwendigen Aufgabe machen bei der schieren Anzahl der Objekte, aber mir große Freude bereiten. Es ist für mich etwa so, wie Geschenke auszupacken – ich weiß vorher nicht, wie das, was sich im Verborgenen befindet, genau aussieht, und kriege die unterschiedlichsten Objekte in meine Hände, darf mithelfen, ihnen ihre dauerhaften Plätze zuzuweisen. Dies ist ein weiterer Grund, warum ich dieses Praktikum / diese Arbeit als Abenteuer betrachte. Wann sonst hat man schon die Möglichkeit, direkt mit dem Bestand eines Museums zu arbeiten?

Hier noch ein letztes Bild einer Kanne, die mich persönlich schon ob ihrer Farbgebung und der im Drachenhenkel dargestellten Gestaltungsmöglichkeiten des Materials Glas fasziniert.

1948 519   Venezianisches Glas, 1900.

 

Verena Schmidt, Praktikantin

 

 

2. Juni 2015

Ein Klavier von Merkel?

Am 14.Juni 1893 bekommt das Museum ein Klavier geschenkt. Der Eintrag weist einen Professor Merkel als Geber aus. Darüber hinaus gibt es noch den Hinweis, das Klavier, ein Hammerklavier, sei eine Nürnberger Arbeit aus dem Jahr 1792.

IMG_20150528_094301               Hammerklavier; Inventarnummer 1893/148

Grundsätzlich kommen als Schenker dieses sogenanntes Hammerklaviers  zwei Personen in Frage: Prof. Friedrich Merkel und Prof. Johannes Merkel. Da das Klavier aber eindeutig als Nürnberger Arbeit bestimmt wird und Friedrich Merkel aus Nürnberg stammt, kann er als Schenker angenommen werden.

Dr. med. Friedrich Merkel wurde am 5. April 1845 in Nürnberg geboren. Er lehrte von 1885 bis 1919 als Professor für Anatomie in Göttingen und war Leiter des hiesigen Anatomischen Instituts. Merkel wohnte in der Bürgerstraße 10 und verstarb am 28. Mai 1919. Verheiratet war er mit Anna Henle, geb. 28. Okt. 1850 in Heidelberg, Tochter des berühmten Anatomen und Physiologen Friedrich Gustav Jakob Henle (geb. 19. Juli 1809, gest. in Göttingen 13. Mai 1885). Henle hatte von 1844 an in Heidelberg gelehrt und wechselte von dort 1852 nach Göttingen, wo er die Leitung des Anatomischen Instituts übernahm. Henle war also Amtsvorgänger und Schwiegervater von Friedrich Merkel. Sollte Friedrich Merkel das Klavier aus Nürnberg mitgebracht haben, ist es sicherlich aus dem Besitz seiner Familie.

Hammerklavier ist der Oberbegriff für besaitete Tasteninstrumente. Die Saiten werden mit kleinen Hämmern angeschlagen. Ursprünglich diente die Bezeichnung Hammerklavier zur Abgrenzung zu anderen besaiteten Tasteninstrumenten, wie z.B. dem Cembalo, bei dem die Saiten durch Federkiele angerissen werden oder dem Clavichord, bei dem sogenannte Tangenten die Saiten zum Klingen bringen.

Auch das uns heute bekannte moderne Klavier ist ein Hammerklavier. Nach 1800 kamen Cembalo und Clavichorde aus der Mode. Das Hammerklavier wurde zum Standardinstrument und in der Folge  verkürzte sich die Bezeichnung auf Klavier. Der nun freigewordene Begriff „Hammerklavier“ wird inzwischen für historisch frühe Bauformen der Hammerklaviere verwendet. Diese historischen Instrumente unterscheiden sich in verschieden Merkmalen von den modernen Klavieren.

 

Andrea Rechenberg/Detlev Jaeger

 

 

 

21. Mai 2015

Abenteuer Museumsarbeit, Teil I

Im Zuge der anhaltenden Digitalisierung des Bestandes (siehe frühere Beiträge) absolviere ich gerade ein Praktikum im Städtischen Museum. So bietet sich mir die Gelegenheit, die vielfältige Arbeit „hinter den Kulissen“ kennenzulernen, die ein Museumsbestand erfordert – und einen breitgefächerten Einblick in die Bestände selbst zu erhalten. Zusätzlich stelle ich wieder einmal fest, wie spannend Geschichte ist. Obwohl ich während meines Studiums an dem einen oder anderen Seminar zur Stadtgeschichte teilgenommen habe, stellen sich hier für mich ganz unbekannte Facetten dieser Stadt dar.

Ich begann mit der Erfassung von Porzellanobjekten, hauptsächlich aus dem studentischen/universitären Bereich. Das bedeutet vor allem Pfeifenköpfe und Deckeleinsätze für Bierkrüge mit den Wappen und Wahlsprüchen der verschiedensten Verbindungen. Die persönlichen Widmungen und Datierungen auf der Rückseite geben einen Überblick über die Zeitspanne, in der diese Form des Andenkentausches aus lokaler Produktion verbreitet war.

Deckel Bierkrug Hannovera     Pfeifenkopf FrisiaDeckel eines Bierkruges, Corps Hannovera                           Pfeifenkopf, „Frisia sei’s Panier!“

 

Vor allem aber bot sich mir ein unerwarteter Einblick in die städtische Geschichte – mir war nicht bewusst, dass es eine Verbindung von Porzellan und Göttingen gab. So war es hier denn auch nicht die eigentliche Fertigung in einer Manufaktur, sondern die Weiterbearbeitung von Rohlingen – in großer Zahl von unterschiedlichsten Herstellern erstanden – die mehreren Göttinger Familien über ein Jahrhundert hinweg ein Auskommen ermöglichte. Mit welcher teils hohen künstlerischen Qualität dies geschah, sieht man sehr gut in dem Beitrag von Frau Freund. Für mich interessant war daran aber auch die Bedeutung der Universität und des studentischen Lebens, der Verbindungen, für die Stadt in dieser Zeit. Ihre Nachfrage ermöglichte es Porzellanmalern, die allein mit schönen Dekorationsstücken für bürgerliche Haushalte ihren Unterhalt vielleicht nicht hätten bestreiten können, eine Werkstatt mit mehreren Personen über lange Zeit aufrecht zu erhalten. Sehr deutlich wird die Wichtigkeit dieser Zielgruppe 1935: Als die Verbindungen zwangsweise in der „NS-Studentenschaft“ aufgehen oder sich auflösen, stirbt dieser Markt, Maler und Firmen müssen sich umorientieren.[1]

Weiter ging meine Reise durch die musealen Bestände mit der Silberkartei. Schon in der Bearbeitung der ersten Stücke erfuhr ich, dass die für mich anfangs unverständliche Platzierung eines Monogramms auf der Rückseite von Gabel- oder Löffelstielen mit einer Wandlung der Tischsitten in Zusammenhang steht. Erst im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts wurde es üblich, Besteck mit dem Rücken nach unten zu legen, so wie wir es heute kennen.[2] Ab diesem Zeitpunkt wurden dann auch Verzierungen oben und die Stempel des Schmiedes und des Silbergehaltes unten aufgebracht.

löffel     Kleiner silberner Teelöffel, um 1760/70. Die sichtbaren Initialen AG sind die des Goldschmiedes Abraham Gandil. Das Besitzermonogramm ist auf der Rückseite.

 

Ein Monogramm auf der Rückseite ist also ein deutlicher Anhaltspunkt für eine erste Datierung. Weitere Arten, den Herstellungszeitraum eines Silberobjektes einzugrenzen, erschlossen sich mir: Die zeitlich begrenzte Verwendung verschiedener Stempel für den Silbergehalt (12-Lot Stempel, 800er Silber, heute 925er), sowie die Einordnung der Initialen der verschiedenen Meisterstempel in die Biographien lokaler Goldschmiedefamilien. Auch dies ist nicht immer ganz leicht – wenn ein Stempel zum Beispiel generationsübergreifend weiterverwendet wird, können stilkritische Zuweisungen manchmal weiterhelfen.

Eine weitere für mich überraschende Erkenntnis war die Tatsache, dass Aluminium für kurze Zeit, in den Jahren 1855-1859, sehr teuer war und von Goldschmieden zu Schmuckstücken verarbeitet wurde. Nach der Verbesserung des Verfahrens zur Gewinnung 1859 stürzte der Preis, und es nahm den industriellen Charakter an, der uns heute vertraut ist.[3]

Zuletzt hier noch ein Bild einer Abendmahlskanne, hergestellt von dem Göttinger Goldschmied Carl Friedrich Peter Knauer (1786-1853), deren Form mich beeindruckt hat.

Silberkanne

Verena Schmidt

[1] Vgl. Brinkmann, Jens-Uwe, Porzellanmalerei in Göttingen. … in jeder Hinsicht vollkommen so schön als dergleichen Arbeiten irgendwo gemacht werden, Göttingen 2000, S. 49/50.

[2] Appel, Thomas, Göttinger Goldschmiede 1600-1900. Neue Objekte – Marken – Forschungsergebnisse, in: Göttinger Jahrbuch 27 (2009), S. 92.

[3] Ebenda, S. 106/107.