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01. März 2019

“Gebändigte Phantasie“

Mitten in der Bewegung gebannt erscheinen die „gebändigten Phantasien“ auf den Grafiken Alfred Pohls. Die Bewegung ist nicht nur reine Abbildung, sondern konstituierender Bestandteil der Werke. Die Figuren erzählen Geschichten aus  der Mythologie, der Religion, der Literatur, fernen Ländern und Traumwelten. Die Werke Alfred Pohls zählen zu den spannendsten Grafiken in der Sammlung des Städtischen Museums.

Abb.: „Mittag“, „Selva“, „Oase“, aus der Serie „PANAMERICANA“, Farbholzschnitt, 1971, Städtisches Museum Göttingen

Alfred Pohl ist am 4. Februar im Alter von 90 Jahren verstorben. Er hinterlässt einen umfangreichen künstlerischen Nachlass und viele Spuren in Göttingen, wo er seit 1974 seinen Wohnsitz hatte und das künstlerische Klima stark mitprägte.

Bevor er sich hier niederließ, war Pohl ein Weltenbummler. Der gebürtige Essener absolvierte ein künstlerisches und eine pädagogiosches Studium in Lüneburg und Hannover. 1965 zog es ihn nach Paris, wo er im Atelier von Johnny Friedländer seine spezifische Radiertechnik entwickelte. Von 1967-70 arbeitete er am Colegio Alexander von Humboldt in Lima, in den Jahren 1972-74 war er Mitglied der misión pedagógica im kolumbianischen Erziehungsministerium.

Alfred Pohls Leidenschaft war neben der Radierung und der Aquarellmalerei vor allem der Holzschnitt. Auf zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland präsentierte er seine Werke. Seine Grafiken sind stark von seinen Auslandsaufenthalten beeinflusst. Besonders die Kulturen und Landschaften Südamerikas waren für ihn eine große Inspirationsquelle. In den Arbeiten werden Reflexionen über Zeit und Geschichte in zeitlosen Bildsujets greifbar –  immer eindringlich, ob durch Farbe, Form oder ungewöhnliche Bildinhalte, die oft eine Symbiose bekannter und vergessener Welten darstellen. Denn „was der Verstand nicht lesen kann, deutet das Auge“ (Pohl 1969).

 

Abb.: Alfred Pohl begleitet 2011 anlässlich des Wochenendes der Grafik eine museumspädagogische Aktion im Städtischen Museum. Im Austausch mit Pohl konnten Kinder lernen, mit den Materialien des Künstlers zu drucken.

 

 

 

 

 

Zitat Überschrift: Frank Günter Zehnder, Ausst. Kat. Städtisches Museum Göttingen, 1996.

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

01. Februar 2019

Migrationsgeschichte als Stadtgeschichte

Im Museum tummeln sich zahlreiche Objekte mit ungewöhnlichen Geschichten und manchmal auch sehr ungewöhnlicher Herkunft. Denn Stadtgeschichte ist schon immer untrennbar mit Migrationsgeschichte verbunden.

Die hier abgebildeten Tonkrüge gehören zu diesem besonderen Bestand. Erst einmal unscheinbar, möchte man meinen. Wie interessant können Tonwaren sein? Nun ja, wie so oft ist es die Geschichte hinter den Dingen, die die Objekte erst mit Leben füllt und zu historischen Dokumenten macht.

In diesem Fall ist es die Geschichte von Frau W., die 1943 in Donja Dubrava in Kroatien geboren wurde und 1962 nach Göttingen kam. Hier wollte die Schneiderin im Göttinger Restaurant Indonesia, zunächst nur für ein paar Monate arbeiten, um ein wenig Geld zu verdienen und verschiedene Stoffe und Näh-Zubehör kaufen zu können. Im „Indonesia“ war Frau W. nach eigener Aussage am Erfolg der legendären Bihunsuppe mitbeteiligt, und so beschloss sie, länger zu bleiben, als ursprünglich geplant. Sie verliebte sich in einen Göttinger Studenten, der sie wenig später bat, seine Frau zu werden. Damit war die Entscheidung, sich in Deutschland niederzulassen, endgültig besiegelt. Die drei Tongefäße hat Frau W. in den 1960er Jahren aus ihrem Elternhaus in Donja Dubrava mitgebracht. Der große Topf passte nicht ins Auto und musste auf dem Dachgepäckträger ihres VW-Käfer transportiert werden, wobei er als Stauraum für Kleidung diente. In diesem Topf wurde bei der Hochzeit der Eltern von Frau W. 1926 Sauerkraut und Eisbein gekocht– ein traditionelles Hochzeitsessen in dieser Region, das üblicherweise in einem solchen großen Tontopf zubereitet wurde. In der Flasche mit Tülle wurde Wasser zur Feldarbeit mitgenommen. Die dritte Flasche diente zur Lagerung von Flüssigkeiten. Frau W.‘s Vater erzählte, dass sein älterer Bruder die Gefäße in Handarbeit hergestellt habe.

Eine tolle Geschichte, die es wert ist bewahrt zu werden, genauso wie die drei Tongefäße, die für den Aufbruch in eine neue Heimat stehen, ohne die Erinnerung an das Leben in der alten Heimat zu vergessen. Denn wo wir, die wir heute hier zusammenleben, auch geboren sind, ob in Göttingen, Donja Dubrava, oder Istanbul – jeder von uns trägt ganz individuelle Erinnerungen mit sich, die sich nicht selten in Objekten manifestieren, die uns lieb und teuer sind. Diese zu bewahren, stellt eine wesentliche Aufgabe von Museen dar.

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

10. August 2018

„Grüße aus Nah und Fern“

Wann haben Sie zuletzt eine Postkarte geschrieben? Vielleicht erst letztens am Strand als Urlaubsgruß an die Lieben zuhause? Oder ist das „oldscool“? Viele dürften das meinen, denn es werden immer weniger Postkarten verschickt. Dabei ist der Charme einer handgeschriebenen Karte kaum durch digitale Produkte der heutigen Zeit zu übertreffen. Grund genug, sich dieses leider aussterbende Medium und dessen Geschichte einmal genauer anzusehen.

Eine Fülle anschaulicher Objekte bietet die Postkartensammlung des Museums. Bei den meisten hier bewahrten Postkarten handelt es sich um kulturhistorische Dokumente, die uns sehr viel mehr verraten, als den liebsten Urlaubsort des Absenders. Besonders interessant sind die Postkarten um 1900, der Blütezeit dieses Mediums. Die ersten Postkarten, die sogenannten Correspondenzkarten, hatten eher wenig mit Urlaubsreisen zutun. Mangels Telefon oder Internet waren sie schlichtweg ein gern genutztes Kommunikationsmittel – eine Möglichkeit, Verabredungen zu treffen oder sich über die neusten Ereignisse auszutauschen. Diese zunächst bilderlosen kleinen Kärtchen wurden in den Gebieten des Deutschen Bundes 1870 eingeführt, um den Postbetrieb zu vereinfachen. Auf der Vorderseite stand lediglich die Adresse des Empfängers, während die Rückseite für kurze Mitteilungen frei war. Besonders während des deutsch/französischen Krieges 1870/71 war diese Art von Feldpost beliebt.

Immer öfter entstanden auch Zeichnungen auf den Postkarten und schließlich wurden bebilderte Postkarten mit Zeichnungen, Kupferstichen oder Fotografien bald serienmäßig gedruckt. Der Göttinger Theologie-Student Ludolf Parisius zeichnete die erste Landschafts-Ansichtskarte, deren Beliebtheit durch den zunehmenden Tourismus und die Gründung des Weltpostvereins 1878 rasant stieg. Um 1900 besaß fast jeder gutbürgerliche Haushalt ein Postkartenalbum, in dem die Kärtchen aufbewahrt wurden. Die Postkarten zeigen typischerweise Sehenswürdigkeiten des Aufenthaltsortes des Absenders oder sind mit Darstellungen von Ereignissen die dort stattfinden, illustriert. Auch die Mitteilungen auf den Postkarten sind, wie die gewählten Motive, von großem kulturhistorischem Wert, da sich an ihnen ablesen lässt, was die Menschen ihrerzeit beschäftigte und wie sie ihre zwischenmenschlichen Beziehungen gestalteten.

Abb. 1: Postkarte „Grüße aus Göttingen“, 1889: Auf den ersten Bildpostkarten war wenig Platz für persönliche Mitteilungen, da die andere Seite der Adresse vorbehalten war. Die Verfasserin dieser Nachricht nutzt die vorhandene Fläche für ihre gereimte Botschaft maximal aus.

Abb. 2: Postkarten-Sammelalbum, 1911

Abb. 3., 4.: Häufig illustrieren Fotografien bedeutender (und manchmal auch skurriler) Ereignisse die Postkarten. Die 1905 verfasste Postkarte auf Abb. 3. ist mit einer Fotografie eines der ersten Autos in Göttingen illustriert. Es gehörte dem späteren Physiknobelpreisträger Walter Nernst, der auch selbst am Steuer sitzt. Auf der 1910 verfassten Postkarte in Abb. 4 wird über den unfreiwilligen Heißluftballonaufstieg des Gefreiten Storch berichtet, der in Göttingen vom Hochlasstau mitgerissen wurde, glücklicherweise aber wohlbehalten in Reyershausen landen konnte.

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

01. Juni 2018

Zwei Visiten

In der vergangenen Woche waren wir viel unterwegs. Unsere Spendenengel und Tora-Wimpel erhielten in den jeweiligen Restaurierungswerkstätten Besuch von Zuhause. Die ersten Ergebnisse der restauratorischen Untersuchung liegen vor, so dass der Zustand der „Patienten“ besprochen und der weitere Verlauf der „Therapie“ d.h. Restaurierung festgelegt werden konnte.

Die Spendenengel befinden bereits seit Dezember letzten Jahres in der Werkstatt der Restauratorin Vera Fendel in Seelze. Sie wurden gereinigt und die Schäden wurden dokumentiert. Außerdem sind frühere Fassungen freigelegt worden, die erahnen lassen, welche Farbe die Engel einmal hatten. Der aktuell sichtbare silbergraue Anstrich der Mitte des 19. Jahrhunderts gefertigten Skulpturen stammt von einem späteren Zeitpunkt. Zwei weitere Fassungen haben die Restauratorinnen darunter entdeckt. Ursprünglich hatten die Engel vermutlich eine grüne Fassung mit eingestreuten, feinen Metallplättchen, durch die sie in der Sonne schimmerten. Bis zum nächsten Werkstatttermin soll die Hälfte jedes Engels wenn möglich bis auf diese grünmetallische Fassung freigelegt werden. Dann wird über eine Neufassung entschieden. Unsere Engel werden aber nicht nur äußerlich herausgeputzt, sie sollen auch ihre ursprüngliche Funktion wieder aufnehmen. Ihre Spendenkästen werden mit neuen Schlössern versehen. Dann können wieder Geldspenden und Wunschzettel hineingeworfen werden, wie es noch bis Mitte des letzten Jahrhunderts in Göttingen üblich war.

Einige unserer Tora-Wimpel erstrahlen bereits in neuem Glanz. Seit etwa einem Monat werden sie in der Werkstatt der Restauratorin Ada Hinkel in Hamburg behandelt. Drei Stück konnten wir während unseres Besuchs bewundern. Sie wurden gesäubert, geglättet und werden nun an einigen Stellen mit zusätzlichem Stoff unterlegt. Fehlstellen werden so sichtbar ausgeglichen und weiteren Schäden vorgebeugt. Außerdem werden lose Fasern an den bestickten Tora-Wimpeln wieder in die Fäden eingearbeitet. Die Fotografin Frau Eismann, die auch bei dem Werkstatttermin anwesend war, wird die Veränderungen für den geplanten Bestandskatalog dokumentieren.

Ein Besuch in der Restaurierungswerkstatt wird besonders interessant, wenn sich im Zuge der Restaurierung neue Fragestellungen ergeben. Schäden oder Verschmutzungen können Rückschlüsse auf die Objekt- und Nutzungsgeschichte zulassen. So rätseln wir zum Beispiel noch über unterschiedliche mysteriöse Flecken auf den Tora-Wimpeln. Unter anderem wurden Wachsflecken entdeckt, die möglicherweise von Wachstuchbändern, die als Vorlage für die Malereien gedient haben könnten, stammen. Es bleibt also spannend!

Abb. 1, 2: Die kleinen Quadrate am rechten Arm des Spendenengels zeigen seine vier Fassungen; Abb. 3: Die Tora-Wimpel in der Restaurierunsgswerkstatt

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

11. Mai 2018

Am Sonntag ist Internationaler Museumstag!

Kommenden Sonntag, den 13. Mai 2018, ist wieder Internationaler Museumstag. Doch was ist das eigentlich für ein Tag?                                                            Der seit 1978 jährlich vom Internationalen Museumsrat ICOM ausgerufene Internationale Museumstag dient dazu, auf die Museen und deren großen Beitrag zu unserem kulturellen und gesellschaftlichen Leben aufmerksam zu machen. In Deutschland gibt es mehr als 6500 Museen. Die hier bewahrten Dinge sind wichtige Zeugnisse der Geschichte und der Kultur der Menschheit, die es sich zu entdecken lohnt.

Am Internationalen Museumstag finden in vielen Museen besondere Veranstaltungen statt. Das Städtische Museum Göttingen eröffnet um 11:30 Uhr seine neue Sonderausstellung zur 68er-Bewegung in Göttingen „KLAPPE AUF!“ mit zeittypischer Musik und einer Intervention des Jungen Theaters. Ab 15 Uhr nimmt sie das Duo David & Bernd mit auf eine musikalische Reise durch die 60er Jahre.                      Das diesjährige Motto des internationalen Museumstages ist Netzwerk Museum – Neue Wege, neue Besucher. Die Protagonisten der 68er-Bewegung gingen viele neue Wege. Vieles, was heute als selbstverständlich gilt, wurzelt in dieser Zeit. Wir hoffen, dass die interaktive Ausstellung „KLAPPE AUF!“ nicht nur alte Erinnerungen bei einigen Göttingern hervorruft, sondern auch jüngere Menschen dazu anregt, sich mit dieser spannenden Zeit zu beschäftigen, von deren Auswirkungen sie unmittelbar betroffen sind. Wir freuen uns auf einen regen Austausch und viele „Aha-Momente“!

 (Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

20. Oktober 2017

Tout Paris c´est Barbara!

Ganz Paris ist Barbara – das wird einer Weltstadt wie der französischen Hauptstadt selbstverständlich nicht gerecht. Aber der Satz drückt exakt unsere subjektive Wahrnehmung aus: Anlässlich ihres zwanzigsten Todestages steht ganz Paris im Zeichen von Barbara!

Wir, das war eine Gruppe von acht Personen aus Göttingen, die auf Einladung der Association Barbara Perlimpinpin auf unterschiedlichen Wegen vom 13. bis 15. Oktober nach Paris kamen. Anlass waren die Feierlichkeiten zu Ehren von Barbara am 14. Oktober in der Philharmonie de Paris. Am Freitag wurden wir auf das herzlichste empfangen von Martine Worms und Elisabeth Maignan von der Association und Bernard Serf, dem Neffen Barbaras. Wir waren überwältigt von der Herzlichkeit und Gastfreundschaft, mit der wir aufgenommen wurden – und wir waren überwältigt von der Präsenz der Sängerin in der Stadt. An den Zeitungskiosken prangt ihr Plakat an prominenter Stelle. In der Metro-Station Chatelet – eine der größten Europas – begrüßen den Reisenden auf dem Bahnsteig eine Serie großformatiger faszinierender Fotos von Barbara. Im Veranstaltungs- palast Chatelet hatte sie in den 80er Jahren ihre größten Triumphe gefeiert (Fotos links: Kiosk mit Barbara-Plakat, Metro-Station Chatelet).

Das Zentrum der Feierlichkeiten war das beeindruckende Gebäude der Pariser Philharmonie, wo Barbara den Besucher überlebensgroß empfängt (Foto unten: Die Reisegruppe vor der Philharmonie).

Dort sahen wir am Samstag im vollbesetzten Kinosaal einen Film über die Konzerte im Chatelet. Am Nachmittag stand der Besuch der von Clémentine Deroudille kuratierten Ausstellung auf dem Programm. Auf 950 m² wird hier in opulenter Fülle das Leben der Sängerin ausgebreitet mit reichem Bild- und Tonmaterial und einer großen Anzahl von Originalmanuskripten. Der Besuch Barbaras in Göttingen 1964, die Auftritte im Jungen Theater und die Entstehung des Göttingen-Chansons werden einprägsam präsentiert und finden das besondere Interesse des zahlreichen Pariser Publikums – Jung und Alt, Frauen, Männer, Familien (Foto unten: Detail der Ausstellung: Barbaras Besuch in Göttingen 1964).

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Wirklich ins Herz getroffen wurden wir Göttinger abends beim Konzert des gefeierten Pianisten Alexandre Tharaud, der musikalische Freunde eingeladen hatte, Chansons von Barbara zu interpretieren. Zum Finale standen die sechzehn Künstler – darunter Weltstar Jane Birkin – gemeinsam auf der Bühne und sangen vor über 2000 gebannt lauschenden Menschen das Chanson „Göttingen“ – dieses musikalische Leitmotiv der deutsch-französischen Freundschaft. Es war ein bewegender Moment voll überwältigender Emotionen, der uns Gäste aus Göttingen zu tiefst erschütterte, und es war zugleich eine große Ehre für Göttingen und ganz Deutschland!Zum zweiten Mal gepackt wurden wir am Sonntagmorgen, als wir auf die Suche nach der Écluse gingen, jenem kleinen Nachtlokal, in dem Barbara ihre Weltkarriere begonnen hatte – und es tatsächlich fanden! Erst kürzlich eröffnet, beherbergt der originale Raum jetzt ein kleines Wein- und Speiselokal (Foto unten: Die neue Écluse).

Da saßen wir nun, wir Göttinger, bei herrlichstem Herbstwetter und ehrten Barbara bei einem köstlichen Imbiss und einem Glas kühlen Wein. Ein wunderbarer Ausklang einer beglückenden Reise im Zeichen der deutsch-französischen Freundschaft!

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

04. August 2017

Eisen-Nitrat und Schwefelsäure – Wenn Museumsmitarbeiter zu Chemikern werden

Im Zuge der Erforschung von Museumsobjekten kommen jede Menge unterschiedlicher Tätigkeiten auf die Museumsmitarbeiter zu. Besonders wenn ein Objekt uninventarisiert aufgefunden wird, müssen zunächst viele grundsätzliche Dinge geklärt werden. Neben dem Studium der Eingangsbücher, alter Aufzeichnungen und der Literaturrecherche ist hier oft auch eine Materialbestimmung notwendig. Das gilt auch für Schmuck. Denn alte Objekte aus Edelmetall sind selten punziert, da sich diese Praxis erst im 20. Jahrhundert entwickelte.

Da kommt es dann auch mal vor, dass plötzlich eine maskierte Gestalt mit Schutzbrille und einem rätselhaften Köfferchen durch die Gänge der Verwaltung läuft. Bei der Überprüfung von Edelmetallen wie Gold, Silber oder Platin ist der Schutz von Nase und Augen wichtig, denn hier wird mit Chemikalien wie Eisen-Nitrat, Schwefelsäure oder Pyridin hantiert. Das Objekt wird vorsichtig an einem Prüfstein gerieben. Der Abrieb wird dann, abhängig vom zu prüfenden Metall, mit unterschiedlichen Säuren bestrichen – und voilà – die Reaktion bzw. die Verfärbung der Probe verrät das Ergebnis.

Bild oben: Silbertest: Die blau verfärbte Probe (rechte Spalte, 2. Balken) offenbart eine Legierung mit hohem Kupferanteil.

 (Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

19. Mai 2017

Göttingen – Guangzhou – Kalisz – Göttingen.                                                                                        

Die Restaurierung des Tafelklaviers der Firma Ritmüller & Söhne

Das Städtische Museum Göttingen besitzt ein Tafelklavier der ehemaligen renommierten Göttinger Klavierfabrik „W. Ritmüller & Söhne“. Die Firma hatte von 1832 bis 1890 ihren Sitz im sog. Hardenberger Hof, der heute ein Teil des Museums ist. Bei einem Tafelklavier verlaufen Tasten und Saiten annähernd rechtwinklig. Die Saiten sind horizontal und quer angebracht, so dass das Gehäuse eine rechteckige Form bekommt. Tafelklaviere sehen daher in geschlossenem Zustand wie ein Tisch oder eine (Ess-)Tafel aus. Außer Ritmüller waren im 18. und 19. Jahrhundert zahlreiche weitere Instrumentenbauer in Göttingen ansässig, die das wirtschaftliche und kulturelle Leben der Stadt prägten.

Aufgrund seiner Fabrikationsnummer 2671 kann die Bauzeit des Klaviers auf ca. 1850 datiert werden. Das Besondere an dem Klavier ist, dass es im Haus des heutigen Museums selbst gebaut worden ist. Damit ist es ein einmaliges Zeugnis sowohl der Göttinger Wirtschafts- und Kulturgeschichte wie auch der Geschichte des Museums. Das Instrument gelangte 1962 durch Ankauf von einem Göttinger Klavierhändler in die Museumssammlung. Über seine Vorbesitzer ist leider nichts bekannt.

So weit, so gut. Groß war meine Überraschung allerdings, als sich Im Sommer 2015 Frau Luo von der Pearl River Piano Group aus Guangzhou bei mir im Göttinger Museum meldete. Die Pearl River Group, heute die weltgrößte Klavierfabrik, hatte den Firmennamen „Ritmüller“ aufgekauft und interessierte sich nun für das Stammhaus dieser traditionsreichen Firma.

Wenig später besuchten Frau Luo und andere Vertreter der Pearl River Piano Group das Städtische Museum. Bei einem Rundgang und einem anschließenden Gespräch über mögliche Kooperationen kam sehr schnell auch die Restaurierung des Instruments zur Sprache, das beträchtliche Schäden aufwies. Bereits wenige Wochen später erklärte sich die Zentrale in Guangzhou bereit, die Restaurierung des Tafelklaviers zu übernehmen!

Mit den Restaurierungsarbeiten wurde die Restauratorin Martyna Bartz in Kalisz, Polen, beauftragt. Ein Jahr später war es dann soweit: Am 6. Juli 2016 wurde das Ritmüller-Klavier, das vorher seinen „Geburtsort“ Göttingen wahrscheinlich nie verlassen hatte, der Spedition übergeben und machte sich auf die Reise nach Polen. So geht es im Zeitalter der Globalisierung: Plötzlich steht ein Klavier aus Göttingen im Zentrum eines weltumspannenden Netzes!

Ziemlich genau ein Jahr darauf sind die Arbeiten abgeschlossen und das Tafelklavier aus dem Hause Ritmüller kehrt am 17. Mai 2017 in den Hardenberger Hof zurück. Außen und innen grundlegend überarbeitet und wiederhergestellt, schmückt es in neuem-altem Glanz den Veranstaltungssaal des Museum, wo es künftig für Konzerte genutzt werden wird.

Ein herzliches Dankeschön im Namen des Städtischen Museums und der Stadt Göttingen gilt der Pearl River Piano Group für die großzügige Unterstützung bei der Wiederherstellung dieses wertvollen Instruments, das zugleich ein einzigartiges Zeugnis der Göttinger Stadtgeschichte ist!

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

17. Juni 2015

Abenteuer Museumsarbeit II

 

Fragen der Datierung sind allerdings nur ein Teil der Arbeit in einem Museum. Sie sind hilfreich, aber nicht allein ausschlaggebend bei der Einordnung der Gegenstände in ihren Gebrauchshintergrund. Besonders spannend ist dieses für mich zu sehen bei der Bearbeitung der Karteikarten zum Glasbestand des Museums. Waren Gläser mit farbigem Überfang, d.h. einer farbigen Schicht, aufgetragen über dem eigentlichen Glaskörper, Ziergerät oder ein Gebrauchsgegenstand, der genutzt wurde?

Überfangglas   Überfangmedaillons in Rot, Blau und Gelb mit beschrifteten Symboldarstellungen „Glaube“, „Liebe“, „Hoffnung“ und „Zum Andenken“. Symbole und Schrift wurden aus der Überfangschicht  heraus geschliffen. Die gewölbten Elemente des Fußes im Wechsel klar und farbig. Um 1830-40, Zierobjekt.

Bei schlichten Glasformen ohne Dekoration ist diese Frage vergleichsweise einfach zu beantworten. Wie aber sieht es bei Gläsern aus, die fein geschnitten oder geschliffen sind, ob mit oder ohne Überfang? Gibt die Form vielleicht entscheidende Hinweise, welches Glas eher in der Vitrine des Biedermeier-Wohnzimmers ausgestellt wurde, und welches regelmäßig auf dem Tisch eines wohlhabenden Haushaltes stand? Oder der Inhalt einer bildlichen Dekoration?

1900 543   Trinkglas. Becherförmiges Glas des Biedermeier. Weinranke mit Blättern und Trauben, geschliffen. 19. Jh., Gebrauchsgegenstand.

1941 146   Inv.-Nr. 1941/146. Brautglas. Inschrift: „Blümelein vergist nicht mein“ über Medaillon mit Blumen und flammen-dem Herz. 18. Jh., Zierobjekt.

Manchmal lassen sich diese Fragen nur am Objekt selbst beantworten – ein Goldrand oder Golddekoration sprechen eher für ein Zierobjekt, Abrieb an denselben aber dafür, dass die Eigentümer es häufiger benutzten. So bleiben die Grenzen der Kategorien fließend, jedes Objekt eine möglicherweise spannende Entdeckung mit einem Eigenleben, einer eigenen Geschichte, die sorgfältig zu betrachten ist.

1894 190   Inv.-Nr. 1894/190. Farbloses Glas mit rosa Lasur, Schliff, Goldmalerei und Vergoldung. Um 1840. Eigentlich ein Objekt, das man eher als Zierobjekt verorten würde, spricht der starke Abrieb aber für Nutzung als Gebrauchsgegenstand.

Und wer hätte gedacht, dass Glas „krank“ werden kann? Ich war mir dessen nicht bewusst, aber es gibt Prozesse, die Glas mit der Zeit zersetzen und letztlich zerstören können.

Damit rückte die Arbeit der Restauratoren in mein Blickfeld – und die Notwendigkeit, Objekte zu säubern und so vor möglichem Schädlingsbefall zu schützen, sie dann aber auch in sicherer Umgebung (Depot) zu verwahren. Dort können sie, vor neuem Befall bewahrt, dauerhaft erhalten werden. Schädlinge, mit denen ein Museum auf solche Art kämpft, sind nicht nur der allseits bekannte Holzwurm, sondern auch Pilze, Flechten und Ähnliches. Dies ist ein weiterer Aspekt der Arbeit hinter den Kulissen, der das Städtische Museum aktuell sehr beschäftigt (siehe frühere Beiträge) und an dem ich teilhaben darf. Nach erfolgter Stickstoffbehandlung sind Kisten auszupacken, manche (kleine) Objekte für eine dauerhafte Lagerung neu zu verpacken in nicht säurehaltigem Papier und Containern, andere in großen Regalen sinnvoll unterzubringen und einzuordnen. Viele Handgriffe, die es zu einer zeitaufwendigen Aufgabe machen bei der schieren Anzahl der Objekte, aber mir große Freude bereiten. Es ist für mich etwa so, wie Geschenke auszupacken – ich weiß vorher nicht, wie das, was sich im Verborgenen befindet, genau aussieht, und kriege die unterschiedlichsten Objekte in meine Hände, darf mithelfen, ihnen ihre dauerhaften Plätze zuzuweisen. Dies ist ein weiterer Grund, warum ich dieses Praktikum / diese Arbeit als Abenteuer betrachte. Wann sonst hat man schon die Möglichkeit, direkt mit dem Bestand eines Museums zu arbeiten?

Hier noch ein letztes Bild einer Kanne, die mich persönlich schon ob ihrer Farbgebung und der im Drachenhenkel dargestellten Gestaltungsmöglichkeiten des Materials Glas fasziniert.

1948 519   Venezianisches Glas, 1900.

 

Verena Schmidt, Praktikantin