Author Archives: Städtisches Museum Göttingen

22. Juni 2018

Unser Museum

Teil 2: Die „Remise“

Im ersten Teil unserer Serie zu unserem größten Exponat, dem Gebäudekomplex, in dem sich das Museum befindet, wurde der Hardenberger Hof vorgestellt. Hier zieht das Museum 1897 ein. Da die Sammlung schnell wächst, wird jedoch schon bald mehr Platz zum Ausstellen und Lagern der vielen Objekte benötigt. Glücklicherweise können ab 1911 nach und nach immer mehr Räume des benachbarten Remisegebäudes für die Museumsnutzung übernommen werden.

Auch die „Remise“ – wie sie heute noch intern genannt wird –  hat zu diesem Zeitpunkt bereits eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Der zweigeschossige Fachwerkbau wird 1780 als Stall- und Remisegebäude, also Wirtschaftsgebäude (fraz. remettre=versorgen) für die damalige Göttinger Poststation erbaut. Damals hat die Remise noch eine Hofdurchfahrt für die Postkutschen (Vgl. Abb.1). 1854 wird die Post zum neu eröffneten Bahnhof verlegt und die Remise wird in der Folgezeit zu Wohnzwecken an Privatpersonen vermietet und von unterschiedlichen Schulen genutzt. Unter anderem sind hier die Real- und Gewerbeschule, die St. Johannis-Pfarrschule, und die Höhere Mädchenschule untergebracht.

Mit der ab 1911 erfolgten Übernahme zunächst einzelner Räume und bald auch des gesamten Gebäudes durch das Städtische Museum wird hier vieles um- und eingebaut. Unter anderem entsteht ein Verbindungstrakt zwischen dem Hardenberger Hof und der Remise. Die Gebäude wachsen zusammen. Außerdem werden nach und nach verschiedene erhaltenswerte Fragmente abgebrochener Göttinger Häuser in den Hardenberger Hof und die Remise eingebaut.

In der Remise ist noch bis 2009 der größte Teil einer Dauerausstellung zur Göttinger Stadtgeschichte untergebracht. Hier konnten Besucher die Entwicklung Göttingens von den Anfängen bis zur Gegenwart anhand vielfältiger Objekte nachzuvollziehen. Sanierungsarbeiten an dem denkmalgeschützten Gebäude haben jedoch eine weitgehende Schließung dieser Ausstellung notwendig gemacht. Die Remise musste ausgeräumt werden.

Wegen der stockenden Sanierung muss das Museum seitdem ohne diesen dringend benötigten Raum und eine entsprechende umfassende stammesgeschichtliche Ausstellung auskommen. Dennoch sind wir bemüht, Ihnen auf dem uns zur Verfügung stehenden Raum immer wieder neue Aspekte und Objekte aus der Göttinger Stadtgeschichte zu präsentieren.

Abb.1: Die Alte Post (links) und die Remise (rechts) in einer Zeichnung von 1836; Abb.2: Die Remise heute. Die Fassade ist bereits saniert.

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

 

15. Juni 2018

Unser Museum

Teil 1: Der Hardenberger Hof

Viel wurde hier im Blog bereits aus dem Museum berichtet – über seine „Bewohner“, die Dinge die hier bewahrt werden, und die hier tätigen Menschen. Doch auch die Gebäude, in denen sich unser Museum befindet, haben eine interessante Vergangenheit und sind dazu wichtige Dokumente der Stadtgeschichte. Das Haus des Museums ist so zugleich sein größtes Exponat! Deshalb möchte ich nun auch dieses in einer dreiteiligen Blog-Serie vorstellen.

Der heutige Blogbeitrag widmet sich dem Hardenberger Hof – dem Teil des Museums, der, bedingt durch die andauernde Sanierung des größten Teils des Gebäudekomplexes, zurzeit noch für Ausstellungen zur Verfügung steht. Hier können aktuell die permanente Ausstellung Stadt. Macht. Glaube. Göttingen im 16. Jahrhundert und die aktuelle Sonderausstellung zur 68er-Bewegung in Göttingen Klappe auf! besichtigt werden.

Auf dem Gelände hinter dem Museum steht zu Beginn der Entwicklung Göttingens zur Stadt eine Burg des braunschweig-lüneburgischen Herzogs, zu dessen Hoheitsgebiet damals Göttingen gehört. 1387 zerstören die Göttinger Bürger die Burg. Doch zur Burg gehören drei adlige Freihöfe mit ihren Bewohnern, die ihre Sonderrechte lange gegenüber dem Göttinger Rat wahren können. Einer dieser adligen Freihöfe – und der letzte heute noch erhaltene – ist der Hardenberger Hof, der jedoch erst später diesen Namen erhält.                                                                                                                Es ist überliefert, dass die Herren von Plesse 1373 eine hier erbaute Hofanlage kaufen. Das am Ostende des Hauses noch vorhandene, jedoch später überputzte, Fragment eines Steinbaus, das den sogenannten Tapetensaal umschließt, sowie Teile der Kellergewölbe gehen möglicherweise noch auf diesen mittelalterlichen Vorgängerbau zurück. Nachdem 1571 die Familie von Plesse ausstirbt, hat der Hof wechselnde Besitzer.

1592 lässt der braunschweigische Beamte Johann Jagemann den dreigeschossigen Renaissancebau in Fachwerkbauweise errichten und verkauft ihn 1619 an Christoph Graf von Hardenberg. Der Hardenberger Hof bleibt bis 1730 in Besitz der Familie von Hardenberg. Wieder wechseln die Besitzer. Im 19. Jahrhundert ist das Gebäude unter anderem Sitz der Freimaurerloge und der Klavierfabrik der Gebrüder Ritmüller, in der sogar Johannes Brahms Konzerte gibt. Schließlich kauft 1896 die Stadt Göttingen den Hardenberger Hof und baut ihn für das Städtische Museum um, das als Altertumssammlung bereits seit 1889 existiert und aufgrund von Platzmangel zum zweiten Mal umziehen muss. Unter anderem kommen neue Dachaufbauten hinzu und für die besonders wertvolle Sammlung sakraler Kunst wird am Westgiebel ein kapellenförmiger Anbau errichtet. Das Museum zieht 1897 in die Räumlichkeiten ein.                                            Doch die Sammlung wächst weiter und neue Räume müssen erschlossen werden….

Fortsetzung folgt!

Abb.1: Der Hardenberger Hof um 1890; Abb.2: Der Hardenberger Hof um 1900, mit neuen Dachaufbauten und kapellenförmigem Anbau am Westgiebel (links)

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

08. Juni 2018

“Let the music play“

Die Göttinger Nacht der Kultur am vergangenen Samstag hatte einige musikalische Leckerbissen zu bieten. Auch im Innenhof des Städtischen Museums herrschte mit über 200 Besuchern eine wunderbar ausgelassene Stimmung, denn hier spielten, passend zur aktuellen Sonderausstellung „KLAPPE AUF!“ zur 68er Bewegung in Göttingen, die Original Beatniks die großen Pop-, Rock und Soul-Klassiker aus den 60er und 70er Jahren. Das ist Geschichte mal anders! Die Band um Keyboarder und Sänger Klaus Faber erfreute sich bereits im Göttingen der 60er Jahre großer Beliebtheit. Mit der Zeit wechselte die Besetzung. Den Beatniks gelingt es aber auch heute noch das Publikum mit bodenständiger elektrischer – nicht elektronischer (!) –  Musik zu begeistern und das „Feeling“, das hier vor 50 Jahren herrschte, ins Jahr 2018 zu holen.

 

Auch am kommenden Samstag geht es im Städtischen Museum musikalisch weiter. Wir bleiben in den 60er Jahren, wechseln aber die Musikrichtung. Am 9. Juni 2018 wäre die französische Chansonsängerin und Verfasserin des Chansons Göttingen Barbara 88 Jahre alt geworden. In ihrem Programm „Das Schwere leicht erzählt“ widmet sich das Chansonduo mauve mit Gesang, Klavier und Akkordeon dem Werk der großen Barbara.

Beginn: 19 Uhr, Tapetensaal des Städtischen Museums / Eintritt: 12 EUR (Vorverkauf) bzw. 15 EUR (Abendkasse) / Karten sind nur im Museum erhältlich.

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

01. Juni 2018

Zwei Visiten

In der vergangenen Woche waren wir viel unterwegs. Unsere Spendenengel und Tora-Wimpel erhielten in den jeweiligen Restaurierungswerkstätten Besuch von Zuhause. Die ersten Ergebnisse der restauratorischen Untersuchung liegen vor, so dass der Zustand der „Patienten“ besprochen und der weitere Verlauf der „Therapie“ d.h. Restaurierung festgelegt werden konnte.

Die Spendenengel befinden bereits seit Dezember letzten Jahres in der Werkstatt der Restauratorin Vera Fendel in Seelze. Sie wurden gereinigt und die Schäden wurden dokumentiert. Außerdem sind frühere Fassungen freigelegt worden, die erahnen lassen, welche Farbe die Engel einmal hatten. Der aktuell sichtbare silbergraue Anstrich der Mitte des 19. Jahrhunderts gefertigten Skulpturen stammt von einem späteren Zeitpunkt. Zwei weitere Fassungen haben die Restauratorinnen darunter entdeckt. Ursprünglich hatten die Engel vermutlich eine grüne Fassung mit eingestreuten, feinen Metallplättchen, durch die sie in der Sonne schimmerten. Bis zum nächsten Werkstatttermin soll die Hälfte jedes Engels wenn möglich bis auf diese grünmetallische Fassung freigelegt werden. Dann wird über eine Neufassung entschieden. Unsere Engel werden aber nicht nur äußerlich herausgeputzt, sie sollen auch ihre ursprüngliche Funktion wieder aufnehmen. Ihre Spendenkästen werden mit neuen Schlössern versehen. Dann können wieder Geldspenden und Wunschzettel hineingeworfen werden, wie es noch bis Mitte des letzten Jahrhunderts in Göttingen üblich war.

Einige unserer Tora-Wimpel erstrahlen bereits in neuem Glanz. Seit etwa einem Monat werden sie in der Werkstatt der Restauratorin Ada Hinkel in Hamburg behandelt. Drei Stück konnten wir während unseres Besuchs bewundern. Sie wurden gesäubert, geglättet und werden nun an einigen Stellen mit zusätzlichem Stoff unterlegt. Fehlstellen werden so sichtbar ausgeglichen und weiteren Schäden vorgebeugt. Außerdem werden lose Fasern an den bestickten Tora-Wimpeln wieder in die Fäden eingearbeitet. Die Fotografin Frau Eismann, die auch bei dem Werkstatttermin anwesend war, wird die Veränderungen für den geplanten Bestandskatalog dokumentieren.

Ein Besuch in der Restaurierungswerkstatt wird besonders interessant, wenn sich im Zuge der Restaurierung neue Fragestellungen ergeben. Schäden oder Verschmutzungen können Rückschlüsse auf die Objekt- und Nutzungsgeschichte zulassen. So rätseln wir zum Beispiel noch über unterschiedliche mysteriöse Flecken auf den Tora-Wimpeln. Unter anderem wurden Wachsflecken entdeckt, die möglicherweise von Wachstuchbändern, die als Vorlage für die Malereien gedient haben könnten, stammen. Es bleibt also spannend!

Abb. 1, 2: Die kleinen Quadrate am rechten Arm des Spendenengels zeigen seine vier Fassungen; Abb. 3: Die Tora-Wimpel in der Restaurierunsgswerkstatt

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

25. Mai 2018

Vergessene Helden…

Er ist einer der Helden der 68er-Bewegung – oder zumindest einer, ohne den diese sehr viel weniger bewegt gewesen wäre. Dabei ist er heute nur noch wenigen bekannt und operierte auch damals schon eher im Hintergrund des Geschehens: der Hektograph! Das roboterhafte einäugige Wesen spielt eine zentrale Rolle bei der Vervielfältigung von Schriftstücken und vor allem des wichtigsten Mediums der Studenten- und Schülerbewegung: dem Flugblatt! Kopiergeräte, wie wir sie heute kennen, gab es in den 60er Jahren noch nicht. Für Studenten und Schüler war es wesentlich günstiger, ihre oft spontan verfassten Botschaften mit einem solchen vergleichsweise erschwinglichen Gerät zu reproduzieren, als die teuren Dienste einer Druckerei in Anspruch zu nehmen. Außerdem hätten sich die meisten Druckereien vermutlich geweigert, die rebellierende Jugend zu unterstützen.

Aus heutiger Sicht war aber auch die Arbeit mit einem Hektographen nicht einfach. Zunächst musste der Text auf der Schreibmaschine mit einer Spezialtinte, der Anilintinte, geschrieben werden. Oft wurden aber auch handschriftliche Ergänzungen oder Zeichnungen aufgebracht. Dann kam der Hektograph zum Einsatz. Er enthält eine elastische Platte, auf welche die Schrift durch Auflegen und Andrücken des Papiers übertragen wird. Nun wurde ein schwach befeuchtetes Blatt Papier auf die Platte gelegt und durch Drehen der Walze Druck ausgeübt – und fertig war die Kopie! Die Farbe auf der Platte reichte für bis zu 100 Kopien.

Engagierte Gruppen verteilten ihre Flugblätter an der Hochschule und in der ganzen Stadt. Zeitzeugen berichten von einem regelrechten „Blätterwald“, dem sich niemand ganz entziehen konnte. In unserer aktuellen Ausstellung zur 68er-Bewegung sind viele solcher Flugblätter zu finden. Die Protagonisten der 68er-Bewegung machten mit Flugblättern auf ihre speziellen Anliegen und Überzeugungen sowie kontroverse politische Themen aufmerksam und riefen zu Demonstrationen, Teach-Ins, Vorlesungsstreiks, Go-Ins und anderen Aktionen auf. Da es damals noch kein Internet gab, war dies die einfachste Möglichkeit, viele Personen schnell zu informieren und zu mobilisieren.

Der Hektograph war noch bis in die 1990er Jahre weit verbreitet und wurde schließlich vom inzwischen erschwinglich gewordenen Fotokopiergerät abgelöst.

 Abb. 1: Hektograph der Marke „Cento“ mit stählernen Trommeln und zwei klappbaren Ablageplatten, um 1965, Städtisches Museum Göttingen; Abb. 2: Flugblatt des AStA, 26.10.1967, Stadtarchiv; Abb. 3: Flugblatt des AStA und der Evangelischen Studentengemeinde, 27.05.1968, Stadtarchiv

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

18. Mai 2018

Hereinspaziert!

Die Sonderausstellung „KLAPPE AUF!“ zur 68er-Bewegung in Göttingen ist endlich eröffnet! Am vergangenen Sonntag strömten, trotz fast schon tropischer Temperaturen, zahlreiche Neugierige ins Museum, um sich vom Flair der 60er Jahre mitreißen zu lassen.

Die abwechslungsreiche Eröffnung wurde musikalisch untermalt von Pianomann Klaus Faber, der speziell für die Ausstellung ausgesuchte Titel spielte. Eine Zeitzeugin kam zu Wort, die als kleines Mädchen ihren Vater auf einer Demonstration begleitet und sich auf dem Plakat wiedererkannt hatte. Und eine Intervention des Jungen Theaters sorgte für zusätzliche Spannung. Nachmittags versetzten uns David & Bernd nach Woodstock und mitsingen war eindeutig erwünscht! Alles in allem: Ein gelungener Start!                                                                                                  Museumsleiter Dr. Ernst Böhme im Interview mit einer Zeitzeugin

Intervention des jungen Theaters, aus dem Stück „GÖ 68 ff“

Pianomann Klaus Faber

Das Duo „David & Bernd“

Weitere Fotos von der Eröffnung der Sonderausstellung „Klappe auf!“ demnächst unter: http://www.museum.goettingen.de/

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

11. Mai 2018

Am Sonntag ist Internationaler Museumstag!

Kommenden Sonntag, den 13. Mai 2018, ist wieder Internationaler Museumstag. Doch was ist das eigentlich für ein Tag?                                                            Der seit 1978 jährlich vom Internationalen Museumsrat ICOM ausgerufene Internationale Museumstag dient dazu, auf die Museen und deren großen Beitrag zu unserem kulturellen und gesellschaftlichen Leben aufmerksam zu machen. In Deutschland gibt es mehr als 6500 Museen. Die hier bewahrten Dinge sind wichtige Zeugnisse der Geschichte und der Kultur der Menschheit, die es sich zu entdecken lohnt.

Am Internationalen Museumstag finden in vielen Museen besondere Veranstaltungen statt. Das Städtische Museum Göttingen eröffnet um 11:30 Uhr seine neue Sonderausstellung zur 68er-Bewegung in Göttingen „KLAPPE AUF!“ mit zeittypischer Musik und einer Intervention des Jungen Theaters. Ab 15 Uhr nimmt sie das Duo David & Bernd mit auf eine musikalische Reise durch die 60er Jahre.                      Das diesjährige Motto des internationalen Museumstages ist Netzwerk Museum – Neue Wege, neue Besucher. Die Protagonisten der 68er-Bewegung gingen viele neue Wege. Vieles, was heute als selbstverständlich gilt, wurzelt in dieser Zeit. Wir hoffen, dass die interaktive Ausstellung „KLAPPE AUF!“ nicht nur alte Erinnerungen bei einigen Göttingern hervorruft, sondern auch jüngere Menschen dazu anregt, sich mit dieser spannenden Zeit zu beschäftigen, von deren Auswirkungen sie unmittelbar betroffen sind. Wir freuen uns auf einen regen Austausch und viele „Aha-Momente“!

 (Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

04. Mai 2018

KLAPPE AUF!

Die Sonderausstellung zur 68er-Bewegung in Göttingen „KLAPPE AUF!“ eröffnet zwar erst in etwas mehr als einer Woche. Fleißige Blog-Leser dürfen aber jetzt schon einen Blick hineinwerfen…

Neugierig geworden?                                                                                                                                Die Ausstellung wird am Sonntag, den 13. Mai um 11:30 Uhr eröffnet!

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

27. April 2018

Die Geschichte hinter den Objekten

Schon seit Juli letzten Jahres erforscht das Städtische Museum in einem vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Provenienzforschungsprojekt seine Sammlungseingänge aus den Jahren 1935 bis 1939. Dabei wird geprüft, wie die einzelnen Objekte in die Sammlung gelangten und wer die möglichen Vorbesitzer waren, kurzum also die genaue Geschichte hinter dem Objekt. Diese ist wichtig, um eventuell NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut zu ermitteln, das damit nicht rechtmäßig im Museum ist.

Das Städtische Museum ist das erste kommunale, stadtgeschichtliche Museum in Niedersachsen, das Provenienzforschung betrieb. Bereits 2008 wurden erste Untersuchungen unternommen und die Eingänge nach jüdischen Einliefern durchgesehen. Damals konnte die Sammlung jedoch nicht nach Eingängen von Drittanbietern überprüft werden. Das jetzige Projekt erlaubt eine solche systematischere und vertiefende Vorgehensweise. Der Fokus liegt auf Objekten, die von Drittanbietern wie Händlern, Auktionatoren oder Trödlern, aber auch von NS-Institutionen wie Polizei- und Finanzbehörden, Wohlfahrts- und Zollämtern stammen. Unter diesen können sich Objekte verbergen, die ursprünglich jüdischen Mitbürgern gehörten. Ebenfalls werden auch Einlieferungen von Freimaurern und Studentenverbindungen untersucht, die in der NS-Zeit verboten wurden und deren Besitz liquidiert wurde.

Die wichtigsten Arbeitsinstrumente eines Provenienzforschers sind die historischen Akten und Quellen, die sich sowohl im eigenen Museums- bzw. im Stadtarchiv als auch in anderen Archiven in Deutschland und im Ausland befinden können. Die Recherche ist meist sehr detektivisch. Inventarlisten, Zugangsbücher, historische Briefe und Rechnungen müssen nach Hinweisen durchforstet werden. Jede noch so kleine Anmerkung kann für die Suche hilfreich sein und zu einem Ergebnis führen, denn die Provenienz erschließt sich meist nicht sofort, sondern ist wie ein großes Puzzle.

Die Erforschung der Geschichte hinter den Objekten liefert dabei meist nicht nur den gewünschten Provenienznachweis. Auch Objekte und Künstler werden dadurch wiederentdeckt, die eigene Sammlungsgeschichte erforscht und neue Kontexte und Zusammenhänge geschaffen. Provenienzforschung ist Teil der moralischen Verpflichtung von uns Deutschen, die Verbrechen der Nationalsozialisten in all ihren Erscheinungsformen aufzuarbeiten. Das Forschungsprojekt am Städtischen Museum ist zugleich eine große Chance für die zukünftige Museumsarbeit und ein wichtiger Beitrag zur Stadtgeschichte und der Erforschung des hiesigen Kunstmarkts.

Von interessanten Geschichten und Entdeckungen bei der Suche werden wir demnächst berichten.

Abb. 1: Seite aus dem Eingangsbuch des Städtischen Museums aus dem Jahre 1936, u.a. mit den Eingängen der Studentenverbindung Brunsviga; Abb. 2: Tasse aus der Sammlung für Saarflüchtlinge, deren Zweck und Ursprung erforscht wird.

 

(Saskia Johann, wissenschaftliche Mitarbeiterin)

20. April 2018

Depotentdeckungen:                                                                                                                 

Plastiken von Prinz Wolfgang zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg

 Im Zuge der Umlagerung von Objekten in das Außendepot entdecken wir immer wieder auch Dinge, die uns zahlreiche Fragen aufgeben. In solchen Momenten ist die Museumsarbeit besonders spannend.

So begegneten uns während einer Umräumaktion ganze 12 große Figürliche Plastiken eines Künstlers, über den in der üblichen Literatur keinerlei Informationen zu finden sind. Prinz Wolfgang zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1887-1966) schenkte die Werke aus Bronze, Terrakotta und Holz 1963 dem Museum – soweit das Eingangsbuch. Beiliegende Beschriftungen verraten, dass die Figuren zwischen 1915 und 1932 entstanden sind. Sie enthalten auch die Namen von sieben der porträtierten Personen, von denen jedoch nur eine sicher einer Person zugeordnet werden kann. Dabei handelt es sich um eine Darstellung der zweiten Ehefrau des Künstlers, Lucie Baronin von Kleydorff (1893-1952). Über die Zuweisung der übrigen 6 Porträtbüsten können im Moment nur Vermutungen angestellt werden. Die größten 5 Figuren – allesamt weibliche Akte – tragen keinen Namen.         Doch wer ist dieser geheimnisvolle Prinz? Und weshalb ist uns trotz der hohen Qualität und Vielzahl seiner Werke nichts zu seiner künstlerischen Tätigkeit oder seinem Nachlass bekannt?

Informationen aus unterschiedlichen Stadt- bzw. Gemeindearchiven ermöglichten es uns, zumindest teilweise nachzuvollziehen, an welchen Orten er lebte und welchen Beruf er ausübte. Der gebürtige Bad Berleburger ist Oberstleutnant und Rittmeister. Er stirbt 1966 in Göttingen, lebte hier jedoch erst seit 1937. Davor ist er für zwei Jahre in Eschede gemeldet. Ein Vermerk in der dortigen Einwohnermeldekartei verrät, dass er „von Reisen“ kam. Wie lange er auf Reisen war und wo, bleibt ungeklärt. Zwischen 1916 und 1920 hatte er sich mit seiner ersten Ehefrau Editha von Niesewand (1888-1962) und zwei Söhnen in Kassel niedergelassen. Eine Auskunft über seine künstlerische Tätigkeit konnte mir jedoch keine der Institutionen geben. Das könnte daran liegen, dass Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg offensichtlich nicht hauptberuflich als Künstler arbeitete. Es ist zwar denkbar, dass die Kunst ein reines Hobby für ihn war, dass er mit den Plastiken Familienmitglieder und Bekannte verewigen wollte. Es ist jedoch schwer vorstellbar, dass seine Kunst den privaten Rahmen nie verließ, zumal die Qualität der Werke vermuten lässt, dass er eine künstlerische Ausbildung genossen hatte.

Es bleibt also spannend. Sie haben einen Hinweis für uns? Dann melden Sie sich gerne bei mir!                                                                              Weitere Forschungsergebnisse, dann hier im Blog…

 

Abb. 1: Große sitzende Figur, undatiert, Bronze; Abb. 2: Lucie Baronin von Kleydorff, 1927, Bronze; Abb. 3: Der Architekt Schenck, 1927, Bronze; Abb. 4: Halbliegende Figur, 1921, Terrakotta

 

 

 

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)