Author Archives: Städtisches Museum Göttingen

20. April 2018

Depotentdeckungen:                                                                                                                 

Plastiken von Prinz Wolfgang zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg

 Im Zuge der Umlagerung von Objekten in das Außendepot entdecken wir immer wieder auch Dinge, die uns zahlreiche Fragen aufgeben. In solchen Momenten ist die Museumsarbeit besonders spannend.

So begegneten uns während einer Umräumaktion ganze 12 große Figürliche Plastiken eines Künstlers, über den in der üblichen Literatur keinerlei Informationen zu finden sind. Prinz Wolfgang zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1887-1966) schenkte die Werke aus Bronze, Terrakotta und Holz 1963 dem Museum – soweit das Eingangsbuch. Beiliegende Beschriftungen verraten, dass die Figuren zwischen 1915 und 1932 entstanden sind. Sie enthalten auch die Namen von sieben der porträtierten Personen, von denen jedoch nur eine sicher einer Person zugeordnet werden kann. Dabei handelt es sich um eine Darstellung der zweiten Ehefrau des Künstlers, Lucie Baronin von Kleydorff (1893-1952). Über die Zuweisung der übrigen 6 Porträtbüsten können im Moment nur Vermutungen angestellt werden. Die größten 5 Figuren – allesamt weibliche Akte – tragen keinen Namen.         Doch wer ist dieser geheimnisvolle Prinz? Und weshalb ist uns trotz der hohen Qualität und Vielzahl seiner Werke nichts zu seiner künstlerischen Tätigkeit oder seinem Nachlass bekannt?

Informationen aus unterschiedlichen Stadt- bzw. Gemeindearchiven ermöglichten es uns, zumindest teilweise nachzuvollziehen, an welchen Orten er lebte und welchen Beruf er ausübte. Der gebürtige Bad Berleburger ist Oberstleutnant und Rittmeister. Er stirbt 1966 in Göttingen, lebte hier jedoch erst seit 1937. Davor ist er für zwei Jahre in Eschede gemeldet. Ein Vermerk in der dortigen Einwohnermeldekartei verrät, dass er „von Reisen“ kam. Wie lange er auf Reisen war und wo, bleibt ungeklärt. Zwischen 1916 und 1920 hatte er sich mit seiner ersten Ehefrau Editha von Niesewand (1888-1962) und zwei Söhnen in Kassel niedergelassen. Eine Auskunft über seine künstlerische Tätigkeit konnte mir jedoch keine der Institutionen geben. Das könnte daran liegen, dass Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg offensichtlich nicht hauptberuflich als Künstler arbeitete. Es ist zwar denkbar, dass die Kunst ein reines Hobby für ihn war, dass er mit den Plastiken Familienmitglieder und Bekannte verewigen wollte. Es ist jedoch schwer vorstellbar, dass seine Kunst den privaten Rahmen nie verließ, zumal die Qualität der Werke vermuten lässt, dass er eine künstlerische Ausbildung genossen hatte.

Es bleibt also spannend. Sie haben einen Hinweis für uns? Dann melden Sie sich gerne bei mir!                                                                              Weitere Forschungsergebnisse, dann hier im Blog…

 

Abb. 1: Große sitzende Figur, undatiert, Bronze; Abb. 2: Lucie Baronin von Kleydorff, 1927, Bronze; Abb. 3: Der Architekt Schenck, 1927, Bronze; Abb. 4: Halbliegende Figur, 1921, Terrakotta

 

 

 

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

13. April 2018

Eine international einzigartige Sammlung: Unsere Tora-Wimpel werden restauriert!

Das Städtische Museum Göttingen besitzt eine überregional bedeutsame Sammlung jüdischer Objekte.                                                                                                                                                   Einen besonders wertvollen Bestand bilden 28 Tora-Wimpel aus dem 17. – 19. Jahrhundert. Selbst in den großen jüdischen Sammlungen in Berlin, Prag, London, Paris und New York ist keine so alte und regional geschlossene Sammlung an Tora-Wimpeln zu finden.

Ein Tora-Wimpel oder eine Mappa wird nach der Beschneidung eines Jungen aus den hierbei verwendeten Windeln angefertigt. Dafür wird der Stoff auseinander- geschnitten und zu einem bis zu 3 Meter langen Band zusammengenäht. Anschließend wird er mit dem Namen des Jungen, dessen Geburtsdatum, dem Sternzeichen und Segensformeln für ein gottgefälliges Leben beschrieben, bemalt oder bestickt. Der Tora-Wimpel wird ab dem ersten Besuch des Jungen in der Synagoge im Alter von ca. 3 Jahren dort aufbewahrt. An wichtigen religiösen Festen des Lebenskreises dient er als schützende Umhüllung der Tora-Rollen. Diese Praxis entstand im spätmittelalterlichen Deutschland.

Da die Tora-Wimpel des Städtischen Museums Göttingen, bis auf eine Ausnahme, alle aus Südniedersachsen stammen, sind sie für die Dokumentation jüdischen Lebens in dieser Region von großem Wert. Viele befinden sich jedoch in einem schlechten konservatorischen Zustand. Eine Restaurierung ist notwendig, um die empfindlichen Objekte, in denen unterschiedliche Materialien verarbeitet sind, vor dem Verfall zu bewahren und sie so für zukünftige Generationen zu erhalten.

Dank der Unterstützung der VGH-Stiftung, der Klosterkammer Hannover und des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen kann nun mit der Restaurierung der Thora-Wimpel begonnen werden.                                         Im Zuge der Restaurierung wird auch eine Fotodokumentation und ein Bestandskatalog der Tora-Wimpel erstellt werden. Dieses Vorhaben wird von der Ernst von Siemens Stiftung gefördert. Für den Bestandskatalog werden die Objekte, in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Berlin, wissenschaftlich aufgearbeitet. Die Fotodokumentation wird dann online bereitgestellt. So wird es Interessierten weltweit möglich werden, die empfindlichen Objekte zu studieren, ohne dass sie durch Benutzung Schaden nehmen.

Im Anschluss an die Restaurierung werden ausgewählte Objekte in einer temporären Ausstellung im Kestner-Museum Hannover der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Abb. 1: Tora-Wimpel von Joseph Gumprecht, Göttingen, 1772, bemalt; Abb. 2: Tora-Wimpel von Samuel Jacob, Göttingen, 1701, bemalt und bestickt, Detail; Abb. 3: Restauratorin Ada Hinkel bei der Begutachtung im August 2016

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

06. April 2018

Otto Eberlein – ein Göttinger Künstler der Spätromantik

Im 19. Jahrhundert waren in Göttingen zahlreiche Zeichner und Maler ansässig. Einige wurden im Blog bereits vorgestellt. Die Familie Eberlein gab diese Begabung offenbar seit Mitte des 18. Jahrhunderts von Generation zu Generation weiter. Meine Kollegin Saskia Johann berichtete im Oktober 2016 über Johann Christian Eberlein (1778-1814). Im Zuge der Neuinventarisierung „arisierter“ und restituierter Objekte begegneten mir nun drei Skizzenbücher eines Künstlers mit demselben Nachnamen. Der Signatur im Einband zufolge stammen diese jedoch nicht von Johann Christian Eberlein, sondern von Otto Eberlein (1827-1896), Neffe Johann Christians und Sohn Wilhelm Eberleins (1784-1845), der ebenfalls in Göttingen künstlerisch tätig war.

Otto Eberlein war, wie bereits sein Vater, zeitlebens Zeichenlehrer am Städtischen Gymnasium, war aber in seiner Freizeit auch künstlerisch tätig. Die drei Skizzenbücher von Reisen Eberleins nach Kassel, in den Harz und an unterschiedliche andere Orte in der näheren und weitere Umgebung enthalten zahlreiche teilweise kolorierte Studien. Sie dokumentieren den künstlerischen Schaffensprozess und zeigen vielfältige Architektur- und Landschaftsmotive, Flora und Fauna sowie Genreszenen aus unserer Region vor rund 150 Jahren.

In der Sammlung des Städtischen Museums Göttingen befinden sich auch großformatige Zeichnungen, Grafiken und Gemälde des spätromantischen Künstlers. Einige frühe Werke Otto Eberleins sind als Illustrationen in Büchern (z.B. Das Meerweib, in: Bodemeyer, O., Märchen. Göttingen 1851.) und dem Familienblatt Die Gartenlaube zu finden.

 

Abb.1: Stadtansicht, Skizzenbuch Kassel, 1852 ff.; Abb. 2: Vogelstudie (Waldschnepfe), Skizzenbuch III (Bremke und andere Orte), 1880 ff.; Abb. 3: Ruhende Fischerfamilie, Kupferstich, undatiert; Abb. 4: Knabe, Öl auf Leinwand, undatiert

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

 

30. März 2018

Der Countdown läuft!

Die Aufbauarbeiten für die neue Sonderausstellung Klappe auf! sind in vollem Gange. Bereits seit letztem Sommer läuft die Planung für die Präsentation zur 1968er Bewegung in Göttingen. Nun nehmen die Gedanken und Ideen feste Formen an! Zahlreiche bunte Elemente stehen schon im  Erdgeschoss des Hardenberger Hofs bereit, und es wird noch viel gehämmert und gemalt.                                                 Ab dem 13. Mai wollen wir hier die wilden 60er lebendig werden lassen. 50 Jahre sind nun schon seit ‘68 vergangen – einem Jahr, das weniger wörtlich verstanden wird, sondern vielmehr als Chiffre für eine bereits Mitte des Jahrzehnts beginnende, spannenden Zeit des Umbruchs, der viele Lebensbereiche betrifft und bis heute mitprägt. Im Fokus der Ausstellung wird die Studenten- bewegung in Göttingen stehen. Aber auch die Stadtentwicklung sowie kulturelle und lebensweltliche Neuerungen werden anhand vielfältiger interessanter Objekte beleuchtet werden. Sie dürfen also gespannt sein. Wir sind es schon sehr!

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

23. März 2018

Fertig!

Unsere Kirchenkunstabteilung wurde relauncht:

 Stadt. Macht. Glaube. Göttingen im 16. Jahrhundert.

Hier ergänzen neue und bekannte stadtgeschichtliche Objekte die Sammlung sakraler Kunst. Sie vermitteln dem Besucher eine Ahnung davon, welche Besonderheiten im Depot darauf warten, endlich eines Tages in einem sanierten Städtischen Museum ausgestellt zu werden.

Zur neuen Ausstellung lesen Sie auch die Blogbeiträge vom 12. Januar und 5. März.

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

 

 

 

 

 

 

 

 

 



16. März 2018

Fahrradfahren um 1900 – Ein gefährliches Unterfangen

Kaum zeigen sich die ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres, zieht es viele raus in die Natur. Perfektes Wetter für einen entspannten Fahrradausflug!                                                           Bereits um 1900 war das Fahrradfahren ein beliebtes Freizeitvergnügen. Das Hochrad mit Tretkurbelantrieb wurde schon 1861 erfunden. Massentauglich war jedoch erst das 1885 erfundene niedrigere Sicherheitsniederrad. Das Risiko eines lebensgefährlichen Sturzes aus schwindelerregender Höhe entfiel zwar. Eine entspannte Angelegenheit scheint das Fahrradfahren zu dieser Zeit aber trotzdem nicht gewesen zu sein.                                          Davon zeugt ein ungewöhnliches Objekt, das sich in Besitz des Museums befindet. Es liegt zwischen den Gehstöcken, kann aber nach einem Blick ins Eingangsbuch als Hundegerte für Radfahrer aus der Zeit um 1900 entlarvt werden. Ihr fehlt nur der untere Teil. Aber Radfahrer benötigen doch keine Gerte? Oder? War dem Verfasser des Eingangsbuch-Eintrags etwa ein Fehler unterlaufen?                                                                                                                                                                                        Nein! Ein Blick in den um 1900  populären Warenkatalog der Deutschland-Fahrradwerke August Stukenbrok (Einbeck) offenbart eine ganze Bandbreite an Artikeln, die offenbar als  Radfahrerschutz gegen Hunde dienten. Zwischen Hundebomben, -raketen und –fackeln, werden hier auch ähnliche Gerten mit entsprechenden Halterungen angeboten. Denn die zahlreichen streunenden Hunde waren in der Frühzeit des Fahrradfahrens ein großes Problem für „Gesundheit und Leben“ des Fahrradfahrers, wie Eduard Beltz in seiner 1900 erschienenen Philosophie des Fahrradfahrens eindrücklich beschreibt. Viele Häuser, besonders in ländlichen Gebieten hatten außerdem Wachhunde. Es existieren sogar Berichte über argwöhnische Hundebesitzer, die  ihre Tiere darauf dressierten, die neumodischen Fahrradfahrer anzugreifen. Für letztere kann ein Hund-bedingter Sturz in der Tat böse enden. Daher war ein entsprechender, „Schutz“ unverzichtbar.                                                                                                                                    Glücklicherweise haben Fahrradfahrer –  und Hunde –  heute weniger mit solchen Problemen zu kämpfen. Um 1900 war der Fahrradausflug auf das Land jedoch offenbar ein abenteuerliches Unternehmen!

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

 

 

 

 

09. März 2018

Zaubertränke, Alchemie und Medizin?

Apotheken in früheren Zeiten

Winterzeit ist Erkältungszeit. Was taten die die Menschen eigentlich früher, zum Beispiel im 18. Jahrhundert, wenn sie krank waren? Einfach so in eine Apotheke gehen, war nicht selbstverständlich und für die meisten Menschen auch unerschwinglich. Apotheken waren exklusive Orte mit exotischen Beständen, hier wurde auch Kakao, Kaffee, Wein, Pralinen oder Orangen verkauft.                                   Die Besonderheit des Ortes wurde von den Apothekern gern betont, indem ausgestopfte Tierpräparate den Verkaufsraum schmückten. Besonders beliebt waren vom 17. bis 19. Jahrhundert Krokodile. Dadurch wurde dem Besucher verdeutlicht, dass die Apotheke selbst über ausgefallenste Arzneistoffe verfügte. Auch Narwal-Zähne und andere exotische Tier- und Pflanzenteile wurden in den Apotheken gerne ausgestellt. Das Museum Göttingen  bewahrt einen präparierten Kugelfisch auf, wahrscheinlich aus der Ratsapotheke.  Erste Anlaufstelle bei Beschwerden waren lange Zeit für viele Menschen nicht Ärzte oder Apotheken, sondern andere Heilkundige: Bader, Chirurgen, Hebammen, Kräuterfrauen oder Schäfer.

Der Blick in die Apothekenabteilung des Depots des Städtischen Museums bringt zahlreiche Dinge zutage, die zunächst einmal seltsam erscheinen. Hechtzähne, Süßholz und Bezoare – was nach Zutaten für einen Zaubertrank aus J. K. Rowlings Harry Potter-Universum klingt, waren in der Frühen Neuzeit anerkannte medizinische Zutaten, die in der Apotheke zu Medizin verarbeitet wurden. Bezoaren, Magensteine von Tieren, wurde zum Beispiel eine entgiftende Wirkung zugeschrieben, was sie zu begehrten Zutaten für Gegengifte machte. Aus diesen, heute exotisch klingenden Zutaten mischten die Apotheken ihre Medikamente an.                                          Heute unbekannte Gerätschaften finden sich ebenfalls auch im Museumsdepot. Zum Beispiel ein Aderlassgerät, ein sogenannter Schnepper, aus dem 18. Jahrhundert. Der Aderlass ist eine Praktik, die von der Antike bis ins 19. Jahrhundert Anwendung fand. Dabei wurden dem Patienten zwischen 50 Milliliter und einem Liter Blut entnommen. Als Grundlage dieser Behandlung diente die Säftelehre aus der Antike. Laut dieser Lehre waren Krankheiten auf das Ungleichgewicht der vier Säfte Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim zurückzuführen. Durch den Aderlass sollte das Gleichgewicht der Säfte wieder hergestellt werden. Heute wird der Aderlass nur noch sehr selten zur Heilung einzelner Krankheiten eingesetzt.

Die beschriebenen Dinge erscheinen uns zwar teilweise befremdlich. Sie zeigen aber, wie findig die Menschen bereits vor einigen Jahrhunderten auf der Suche nach geeigneten Heilmitteln waren. Dabei nutzten sie nach bestem Wissen die Mittel, die ihnen zur Verfügung standen.

Abb. 1: Apothekengefäß mit Unterkiefer des Hechts, hilft, laut Aufschrift, gegen Brustfellentzündung, 18.-19. Jh.; Abb. 2: Präparierter Kugelfisch aus der Ratsapotheke; Abb. 3: Aderlassgerät (Schnepper), 18. Jh.

(Sebastian Reintke, Praktikant)

05. März 2018

Gewusst?                                                                                                                                                   

Die Spindelpresse 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieses Objekt wird ab dem 7. März neu ausgestellt. Es wird in dem Relaunch unsere Präsentation zur Sakralen Kunst  Stadt.Macht.Glaube.Göttingen im 16. Jahrhundert. zu sehen sein.

Obwohl der Druck mit beweglichen Lettern schon im 15. Jahrhundert  von Johannes Gensfleisch, besser bekannt als Johannes Gutenberg, erfunden wird, entfaltet diese Buchdruckrevolution erst im 16. Jahrhundert ihre volle Kraft. Es kommt zu einem sprunghaften Anstieg der Buchproduktion in Europa. Noch nie konnte so schnell und so viel Wissen verbreitet werden. Die Ideen des neuen Glaubens erfahren durch diese innovative Technik schnell eine große Verbreitung. Die Spindelpresse oder Handpresse wird schon im 16. Jahrhundert zum Buchbinden genutzt. Um ein Buch zu binden, werden alle Seiten zunächst in einzelne Blöcke angeordnet. Diese werden dann am Buchrücken mit einem Faden zusammengeheftet. Anschließend bekommen die verbundenen Seiten eine Verklebung am Buchrücken. Zum Trocknen und Festigen wird der Buchrücken in so eine Presse eingespannt.                                                                                                                                                                                                         Noch heute gibt es viele Bücher, die so eine Fadenheftung haben. Sie werden gebundene Bücher genannt. Die Pressen allerdings werden maschinell betrieben. Auf YouTube sind einige Filme zu sehen, die zeigen, dass der Ablauf und die Technik  des Buchbindens heute noch genauso funktionieren wie im 16. Jahrhundert. Selbst zu Hause können Bücher (oder Hefte) gebunden werden. Da wird die Holzpresse oft durch zwei Holzbretter die mit Klammern gehalten werden, ersetzt.

Sie möchten das Original sehen?

Der Eintritt in unsere neue Präsentation Stadt.Macht.Glaube.Göttingen im 16.Jahrhundert. ist kostenfrei.

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

 

23. Februar 2018

Zwei Zitate und nur ein halbes Museum

„Die Geschichte kennen, sich mit ihr beschäftigen und über sie nachzudenken ist nichts anderes, als wenn man sich selbst in einem schönen glattpolierten Spiegel beschaut oder jemand anderen, der davor steht. Die Geschichte ist nichts anderes als wenn man in ihr das Leben, Wandeln und Handeln der Menschen erkennt, die lange vor uns gelebt haben. Manch einer denkt nicht weiter als es ihn selbst und sein Leben betrifft, geht so dahin wie unvernünftiges Vieh, das auch so für sich dahinlebt. Aber die Dinge der Vergangenheit erinnern und ermahnen uns alle, auch auf die Leute zu schauen, die als unsere Vorfahren vor vielen Jahren gelebt haben, dass wir ihr Tun und Lassen betrachten und ihre Werke beherzigen. Ja, die Geschichte kennen ist nichts anderes als um den rechten Lauf der Welt zu wissen.“                                                                                           

Dieses Zitat stammt von Franciscus Lubecus aus seinem Buch „Chronika und Anales der löblichen Stadt Göttingen“, geschrieben zwischen 1570 und 1595.

Rund vierhundert Jahre später, Mitte des 20. Jahrhunderts:

„Nur wer weiß, woher er kommt, weiß, wohin er geht.“                                                                                                      Dieses Zitat stammt von Theodor Heuss, dem ersten Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Es liest sich wie eine Kurzfassung von Lubecus Gedanken.                                                                                                  Die Sonderausstellung 1529- Aufruhr und Umbruch ist nun zu Ende. Wir haben diese Sonderausstellung als stadtgeschichtliche Ausstellung interpretiert und gestaltet. Damit haben wir eine Lücke gefüllt, denn die stadtgeschichtliche Dauerausstellung ist nun schon seit 9 Jahren wegen der stockenden Sanierung faktisch geschlossen.
Viele Besucher und vor allem auch endlich wieder viele Schulklassen konnten in den vergangenen Monaten das Museum als das nutzen, was es eigentlich sein sollte: ein Ort der Begegnung und das Kompetenzzentrum für die Geschichte Göttingens.

Abb. 1: Sonderausstellung „1529 – Aufruhr und Umbruch“ im Vordergrund die „Chronika und Anales der Stadt Göttingen“ von Franciscus Lubecus; Abb. 2: Theodor Heuss (1884-1963)

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

16. Februar 2018

Provenienzforschung und Restitution

Interview mit Museumsleiter Dr. Ernst Böhme

In der vergangenen Woche wurden wieder Stolpersteine für während der Naziherrschaft ermordete Göttinger Jüdinnen und Juden verlegt. Die Namen dieser Menschen begegnen uns auch hier im Museum immer wieder aufs Neue, denn auch in unserer Sammlung befinden sich Objekte, die einmal durch die sogenannte „Arisierung“ hierher gelangten. Erfreulicherweise konnten schon einige dieser Objekte an die Nachkommen restituiert werden. Bereits 2014 haben wir über die Restitution der Möbel der Familie Hahn an deren rechtmäßige Erben berichtet. Diese überließen die Möbel und weitere Erbstücke dem Museum als Dauerleihgabe. Nun kamen sie erneut ins Museum, um diese Objekte zu begutachten. Auch Thomas Buergenthal, Enkel von Rosa und Paul Silbergleit, besuchte im Rahmen der Stolpersteinverlegung das Museum. Das Städtische Museum wird durch solche Zeichen wachsenden Vertrauens von einem Ort der Erinnerung zur Begegnungsstätte und somit zu einem Ort, an dem Zukunft gestaltet wird.                                                                                                                Über Provenienzforschung, Restitution und bewegende Momente berichtet Museumsleiter Dr. Ernst Böhme.

Herr Dr. Böhme, wann wurde Ihnen bewusst, dass sich in der Sammlung des Städtischen Museums Göttingen Objekte befinden, die im Zuge der „Arisierung“ hierher gelangten?

2006 hat das Museum ein Porträt des jüdischen Malers Herrmann Hirsch von einer Göttinger Familie erhalten. Da sich in unserer Sammlung bereits einige Gemälde des Künstlers befanden, habe ich gleich im Eingangsbuch überprüft, wie diese ins Museum gekommen waren. Es handelte sich um einen Ankauf vom Finanzamt im Jahre 1941. Diese Objekte sind also höchstwahrscheinlich durch „Arisierung“, das heißt legitimierte Erpressung oder Enteignung jüdischer Bürger durch Organe des NS-Staates, in den Besitz des Finanzamtes gekommen, um schließlich vom Museum gekauft zu werden. Diese Erkenntnis wurde zum Auslöser für die Suche nach weiteren Objekten in unserer Sammlung, die jüdischen Bürgern in dieser Zeit unrechtmäßig entzogen worden waren.

Wieso hat man nicht schon viel früher angefangen, sich mit der Provenienz dieser Objekte zu beschäftigen?

Otto Fahlbusch, der damalige Museumsleiter, blieb auch nach dem 2. Weltkrieg auf seiner Position, ohne den Versuch zu unternehmen, die „arisierten“ Objekte an die Erben der ehemaligen Göttinger Juden zurückzugeben. Und auch bei seinen Nachfolgern im Amt ist diesbezüglich kein Unrechtsbewusstsein erkennbar, da die Objekte ja formrechtlich korrekt angekauft und nicht gewaltsam geraubt worden waren. Man hat sich auf diese Position zurückgezogen und den Kontext der Vorgänge außer Acht gelassen. Unberücksichtigt blieb dabei, dass das NS-Regime ein Rechtssystem hatte, dessen Ziel Unrecht war. Dabei hat man sich im Museum mit der NS-Zeit durchaus beschäftigt. In den 80er Jahren gab es sogar eine Sonderausstellung „Göttingen unterm Hakenkreuz“. Seit den 1980er Jahren war das Thema „NS-Zeit“ fester Bestandteil der Dauerausstellung.

War es schwierig, die rechtmäßigen Erben zu finden? Wie kam der Kontakt zu Stande und wie waren die ersten Reaktionen?

Die Erben zu finden ist sehr schwer, da diese Menschen, wenn es sie überhaupt gibt, mittlerweile in der ganzen Welt verstreut sind. Mit den Nachkommen der Familie Hahn hatten wir einfach Glück. Sie waren zufällig, aus anderen Gründen, in Göttingen und kamen auf uns zu. So konnte schnell ein guter Kontakt aufgebaut werden. Von Seiten der Nachkommen gab es anfangs unterschiedliche Haltungen uns gegenüber. Die Reaktionen auf unser Vorhaben waren überwiegend positiv, anfangs war aber auch eine verständliche Distanziertheit spürbar, die sich mittlerweile erfreulicherweise aufgelöst hat. Alle Nachkommen sind sehr zugänglich und treten uns mittlerweile mit großem Vertrauen entgegen.

Letzte Woche besuchten erneut Nachfahren vertriebener und ermordeter jüdischer Bürger Museum und Depot? Was können Sie über diese Begegnungen berichten?

Michael Hayden, Enkel von Max und Gertrud Hahn, hat Objekte aus dem Nachlass seiner Großeltern begutachtet. Die meisten sah er zum ersten Mal. Solche Momente sind immer sehr bewegend.                                                                                                                                                Auch Thomas Buergenthal, Enkel von Rosa und Paul Silbergleit, besuchte das Museum. Während seines Aufenthalts in Göttingen wurden wir bei Arbeiten im Depot auf einen Schuhlöffel aus dem Geschäft seiner Großeltern aufmerksam. Wir freuen uns sehr, dass wir dieses Erinnerungsstück Herrn Buergenthal noch am selben Tag überreichen konnten. Das Museum besitzt einen weiteren Schuhlöffel aus dem Geschäft Silbergleit.                     Ich staune immer wieder über die Dankbarkeit, die uns von Seiten der Erben entgegengebracht wird, denn eigentlich stehen wir tief in ihrer Schuld. Wir sind sehr dankbar für die Offenheit und das Vertrauen, das uns, trotz der Schrecken der Vergangenheit, entgegengebracht wird.

 

 

 

 

 

Abb.1: Michael Hayden und Kuratorin Andrea Rechenberg bei der Begutachtung von Objekten aus dem Nachlass der Familie Hahn; Abb. 2: Kuratorin Andrea Rechenberg, Museumsleiter Dr. Ernst Böhme und Prof. Dr. Thomas Buergenthal bei der Übergabe des Schuhlöffels aus dem Geschäft der Familie Silbergleit in der Göttinger Stadtbibliothek; Abb.3: Schuhlöffel aus dem Geschäft der Familie Silbergleit

(Das Interview mit Dr. Ernst Böhme führte Izabela Mihaljevic, wissenschaftliche Volontärin.)