Author Archives: Städtisches Museum Göttingen

21. Juli 2017

Das unschuldige Auge – oder doch nicht? Wie prägen Bilder unser Wissen?

Eine Sonderausstellung in der Kunstsammlung der Georg-August-Universität Göttingen

Bilder prägen seit langer Zeit unsere Vorstellungen von der Welt und somit unser Wissen darüber. Dabei kann kein Bild, auch keine Fotografie, vollkommen objektiv sein, da darin immer, ob gewollt oder ungewollt, ein bestimmter Blickwinkel auf das Abgebildete impliziert ist. Dies muss bei der Betrachtung von Kunstwerken berücksichtigt werden und ist daher auch eine wichtige Grundlage der Museumsarbeit.

Die aktuelle Sonderausstellung in der Kunstsammlung der Georg-August-Universität Göttingen setzt sich mit diesem Thema am Beispiel der frühen Orientfotografie auseinander. Wie bereits angekündigt, soll diese daher auch hier kurz vorgestellt werden.

Mit der Erfindung der Fotografie 1839 veränderte sich nicht nur die Kunstlandschaft nachhaltig. Das neue Medium wurde zu einem wichtigen Instrument bei der Weitergabe von Wissen. Denn es war schneller, günstiger und scheinbar zuverlässiger als die Malerei. So konnten Ansichten von fernen Ländern und fremden Kulturen auch zuhause erstanden und im heimischen Wohnzimmer betrachtet werden.

Der sogenannte Orient war einer der ersten Kulturräume, mit dem die Europäer durch das Medium Fotografie konfrontiert wurden. Die bereits seit dem Mittelalter mit Legenden und Phantasmen aufgeladene Vorstellung von dieser Region und deren Bewohnern wurde nun, beeinflusst von Touris­mus, Wis­sen­schaft und Kolonial­politik, zum fotografischen Motiv. Bereits ab 1839 reisten die ersten Künst­ler, Wis­sen­schaftler, Jour­nalisten und Ver­leger zu diesem Zweck unter anderem nach Ägypten, Palästina oder in die Türkei. Die Ergebnisse sind so verschieden wie deren Urheber. Die Ausstellung hinterfragt den damals kaum angezweifelten Authentizitätsanspruch der Fotografie und informiert über den unterschiedlichen Gebrauch der Bilder.

Gezeigt werden Pionier­werke der Fotografiegeschichte, von Maxime du Camp über Francis Frith und Wilhelm Hammerschmidt bis hin zu Emile Béchard. Ergänzt werden diese durch unpublizierte Aufnahmen von führenden Orient­wissen­schaft­lern wie Fried­rich Sarre, Gus­tav Dal­man oder Hans Herz­feld. Darüber hinaus wird auch die frühe jüdische Fotografie in Palästina und der 1911 ge­drehte »First Film of Pales­tine« vorgestellt.

Ein Besuch in der Kunstsammlung lohnt sich diesen Sommer also sehr.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 17. September und ist sonntags von 10:00 bis 16:00 Uhr geöffnet.

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

14. Juli 2017

Vorgestellt – Die neue wissenschaftliche Volontärin

Aufmerksamen Bloglesern bin ich vielleicht schon durch den einen oder anderen Beitrag bekannt. Erst seit dem 01.07. gehöre ich hier aber als wissenschaftliche Volontärin fest zum Inventar.

Mein Name ist Izabela Mihaljevic. Ich habe von 2007 bis 2015 in Göttingen Kunstgeschichte und Slawische Philologie studiert. Zwischenzeitlich habe ich eine Zeit lang bei einem Berliner Auktionshaus gearbeitet und bei unterschiedlichen Ausstellungs- und Forschungsprojekten in der und in Kooperation mit der Kunstsammlung und dem Kunstgeschichtlichen Seminar der Göttinger Universität mitgewirkt. Unter anderem arbeitete ich bei der Planung und dem Katalog der Ausstellung „das unschuldige Auge – Orientbilder in der frühen Fotografie (1839-1911)“ mit, die ich noch in einem separaten Blogbeitrag vorstellen werde.

An der Museumsarbeit habe ich schon lange ein großes Interesse, welches sich während meines Studiums zunehmend festigte. Kulturelles Erbe bewahren, erforschen und anderen zugänglich zu machen ist meiner Meinung nach nicht nur eine sehr wichtige Aufgabe. Es macht auch viel Spaß, da es nie langweilig wird, weil man immer wieder mit neuen Objekten und deren abwechslungsreichen Geschichten konfrontiert wird.

Das Städtische Museum war mir bereits vor meiner Einstellung als Volontärin durch ein Praktikum bekannt. Schon damals fand ich es sehr spannend mich mit der breit gefächerten und vergleichsweise alten Sammlung des Museums zu beschäftigen.

Meine Aufgaben als Volontärin sind sehr vielfältig. Das finde ich toll, da es so nie langweilig wird und ich in alle museumsrelevanten Bereichen ausgebildet werde. Das ist ein großer Vorteil an kleineren Museen. Ich arbeite zum Beispiel einerseits viel „hinter den Kulissen“. Ich setze mich hautnah mit den Objekten und deren Geschichte und Bedeutung auseinander, indem ich viele davon ganz neu inventarisiere. Dabei ist viel „Detektivarbeit“ gefragt, besonders wenn keine oder nur sehr wenige Informationen vorliegen. Außerdem lerne ich durch meine Mitarbeit im Depot des Museums viel über das Sammeln und das fachgerechte Bewahren von Museumsobjekten. Im Moment beschäftige ich mich mit dem Schmuck der Sammlung, werde mich in Zukunft aber beispielsweise auch mit Objekten aus dem Grafikmagazin des Museums auseinandersetzen. Andererseits werde ich an den kommenden Ausstellungen mitarbeiten und mich in der Museumspädagogik engagieren. Darüber hinaus bin ich auch für die Öffentlichkeitsarbeit des Museums zuständig. Ich verfasse Werbetexte, Pressemitteilungen und – natürlich Blogbeiträge!

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

7. Juli 2017

Ene mene muh und raus bist du! – Alte, fast vergessene Spiele

Wie beschäftigten sich die Kinder lange bevor es Computer oder Smartphones gab? Was spielten die Kinder im Mittelalter oder der Frühen Neuzeit in Ihrer Freizeit? Und wie sah ihr Spielzeug aus?

Bei der diesjährigen Ferienaktion können alte in Vergessenheit geratene Spiele neu entdeckt werden. Das Städtische Museum lädt zu einer spannenden Entdeckungsreise durch die Spiele- und Spielzeuggeschichte ein.

Es wird gehüpft, sich versteckt, verkleidet und gebastelt – und vielleicht am Ende auch das eine oder andere neu entdeckte Spiel „mit nachhause“ genommen.

Mit den Museumspädagoginnen Sandra Kästner und Manuela Wengelnik können verschiedene alte Spiele selbst ausprobiert werden. Gummitwist zum Beispiel. Dabei wird ein großes Gummiband um die Beine zweier Teilnehmer gespannt und gedehnt, während ein dritter Mitspieler zwischen diesem Gummiband in vorher verabredeten Rhythmen hüpfen muss. Schaffst du es, nicht „hängen zu bleiben”?

Oder wie wäre es mit einer Runde Hickelhäuschen? Das bereits seit der Antike bekannte Spiel fordert eine Menge Geschicklichkeit und Kreativität und macht ebenso viel Spaß. Zunächst wird auf den Asphalt ein so genannter Hickelkasten mit mehreren Feldern gemalt. Nun wird ein Stein auf eines der Felder geworfen. Trifft man das entsprechende Feld, so beginnt man dort hin zu „hickeln“, das heißt, auf einem Bein zu hüpfen.

Neugierig geworden?

Die Teilnahme ist kostenfrei. Es sind noch Plätze frei. Anmeldung unter Telefon 0551/400-2843 oder museum@goettingen.de

Unterstützt durch den Landschaftsverband Südniedersachsen e. V.

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

30. Juni 2017

Ein großes Jahr für Barbara

2017 jährt sich der Todestag der französischen Chanson-Sängerin Barbara zum zwanzigsten Mal. In Frankreich wird der Künstlerin, die hierzulande durch das Göttingen-Lied bekannt wurde, mit einer großen Ausstellung gedacht. In der Philharmonie von Paris findet vom 13. Oktober bis zum 28. Januar 2018 eine große Barbara-Retrospektive über ihr Leben und Schaffen statt. Das Städtische Museum beteiligt sich mit einigen Leihgaben an der Präsentation.

Auch in Deutschland, vor allem in Göttingen, wird Barbara gewürdigt. Initialzündung für die einzelnen Projekte war die erfolgreiche Ausstellung im letzten Jahr im Städtischen Museum, die die Zeit der Sängerin in Göttingen thematisierte. Der Wallstein-Verlag veröffentlicht am 2. Oktober Barbaras unvollendete Memoiren erstmals in deutscher Sprache. In »Es war einmal ein schwarzes Klavier …« erzählt die Künstlerin aus ihrem Leben. Das Werk wird mit Fotos illustriert sein, die aus unserem Fotobestand stammen.

In Kooperation mit unserem Haus hat am 21. Oktober im Jungen Theater das Theaterstück »Barbara- Gegen das Vergessen« Premiere. Peter Christoph Scholz inszeniert in einem Schauspiel mit viel Live-Musik Barbaras legendären Auftritt auf der Bühne des Jungen Theaters, dem heutigen Lumière, und die Entstehung des Göttingen-Lieds 1964.

Und im Vorgarten des Museums wächst und gedeiht die Barbara-Rose…

(Saskia Johann, wiss. Volontärin)

23. Juni 2017

Entdeckt im Textilmagazin

Ein hellgelbes Band aus feinster Seide mit aufgedruckten Bildern, die an einem Ende in einem ovalen Rahmen eine anmutig schreitende Frauengestalt zeigen. Sie hält mit der einen Hand einen Korb mit Weintrauben, den sie auf dem Kopf balanciert, im linken Arm eine Amphore. Irgendwie griechisch, klassizistisch, antik! Das andere Ende zieren vier weitere Darstellungen weiblicher Grazien, aufgereiht in horizontaler Richtung und mit Attributen versehen, die sich als Allegorien der Jahreszeiten und des Jahresverlaufs deuten lassen.

Was verbirgt sich dahinter? Welche Rolle spielte dieses Band, das nach Gestaltung und Motiv um 1800 zu datieren ist?

Im Eingangsbuch des Museums findet man den Hinweis: Spinnrockenband oder Wockenband. Dies ist nach Amaranthes Frauenzimmer-Lexicon von 1715 „…ein Zierband, das das mit dem Blatt umhüllenden Flachs umschließt.“ Der Flachs ist am Spinnrockenstab befestigt und wird durch Wockenblatt und Wockenband gehalten.

Das Spinnrad und die Spinnstube kommen ins Spiel! Da stellt sich jedoch die Frage, hat dieses zarte, nach über 200 Jahren noch gut erhaltene Seidenband je einem der brisanten „Wocken-Histörchen“ (Geschichten, die die Weiber sich in den Spinnstuben erzählten) gelauscht? Eher wohl dem lockeren Geplänkel und Geplauder im Boudoir der Dame des Hauses, die das feine Seidenband dort zur allgemeinen Bewunderung dekoriert haben wird.

(Ulla Kayser, ehrenamtliche Mitarbeiterin)

16. Juni 2017

Ein »Stück« Documenta in Göttingen

Am vergangenen Samstag startete in Kassel die 14. Ausgabe der Documenta, die die wichtigste Ausstellung zur zeitgenössischen Kunst überhaupt ist. Für die nächsten 100 Tage ist die Stadt der Anziehungspunkt für alle Liebhaber der Gegenwartskunst. Die präsentierten Objekte sind meist für den Ort konzipiert und werden teilweise nach der Ausstellung sogar zerstört. Nur wenige kommen in den Kunsthandel oder werden von der Stadt Kassel angekauft wie z.B. das Eichen-Projekt von Joseph Beuys aus dem Jahre 1982.

Das Städtische Museum verfügt zwar über keinen umfangreichen Bestand an zeitgenössischen  Arbeiten. Ein »Stück« Documenta findet sich aber auch in unserer Sammlung. Die Porzellan-Plakette NB 11 wurde  von Victor Vasarely (1908-1997) geschaffen,  einem französischen Op-Art-Künstler und vierfachem Documenta-Teilnehmer. Sie gehört zu einer Reihe von zahlreichen Porzellanreliefs, die im Laufe der 1960er Jahre entstanden sind. Auslöser für diese Serie von Arbeiten war die dritte Documenta, die 1964 unter dem Motto »Bild und Skulptur im Raum« veranstaltet wurde. Der Documenta-Gründer und damalige Kurator Arnold Bode (1900-1977) hatte die Idee, zeitgenössische plastische Objekte in Porzellan formen zu lassen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Der Porzellanhersteller Philip Rosenthal war davon so begeistert, dass er mit Bode zusammenarbeitete. Er sah darin eine Chance, die künstlerische Porzellangestaltung zu erneuern und einem neuen Markt zu öffnen.

An dem Projekt beteiligten sich fast fünfzig renommierte Künstler aus dem In- und Ausland, darunter Henry Moore, Günther Uecker, Lucio Fontana, Michael Croissant und eben Victor Vasarely. Nach anfänglichen Schwierigkeiten im Umgang mit dem unbekannten Material wurden die ersten Porzellanreliefs 1968 im Kölner Kunstverein in der Ausstellung Ars Porcellana. Die Rosenthal Relief Reihe präsentiert. Die Objekte erschienen in einer Auflage von 6 bis 100 Exemplaren. Vasarelys Arbeit besteht aus schwarz-weißen geometrischen Formen, die keiner Systematik folgend mal vertieft, mal plastisch erhöht oder aufgemalt sind. Das Objekt wurde 1972 vom Städtischen Museum beim Künstler persönlich erworben und ist eins von 50 Exemplaren. Vasarely arbeitete noch weitere Objekte für die Porzellanmanufaktur.

Die Rosenthal Relief Reihe wurde nach vier Jahren eingestellt, fand aber eine Fortsetzung in der Limited Art und in der Hommage Philip Rosenthal.

 

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

9. Juni 2017

Ein multidimensionaler Zugang!

Fabian Fess studiert am Institut für Kulturanthropologie / Europäische Ethnologie Visuelle Anthropologie. Für die Sonderausstellung 1529 – Aufruhr und Umbruch hat er einen ‚kleinen  Film’ von dem großen Belagerungsgemälde auf dem Treppenabsatz im Obergeschoss des Hardenberger Hofes gefertigt. Mit einer Vollformatspiegelreflexkamera, einem 35mm Objektiv und drei Scheinwerfern entstand in über 20 Stunden Arbeit eine animierte Fotografie.

Wie sah Ihre Arbeit am Ausstellungsprojekt genau aus?

Mein Anteil war eigentlich ja nur ein recht kleiner von ganz vielen. Ich hab das Belagerungsgemälde in viele kleine Fotos aufgelöst und daraus ein großes digitales Bild generiert. Dieses Bild ermöglicht mit einer animierten Kamera über das Gemälde zu fahren. Besonders spannend war, dass bei der Postproduktion verschiedene Details zum Vorschein kamen. Es ist möglich, eine Stelle anzuschauen, als ob man mit der Nasenspitze direkt vor dem Original steht.

Welche Schwierigkeiten gab es?

Das Bild hat es mir nicht einfach gemacht. Es war eine große Herausforderung mit dem Licht und den Spiegelungen auf der Oberfläche. Die Malschicht weist ganz natürliche Risse auf und hat einen glänzenden Firnis, der reflektiert. Außerdem ergibt der pastose Auftrag der Ölfarbe ein starkes Licht-Schatten-Spiel. Ich hab versucht diese Punkte zu minimieren. So musste ich für alle 36 Ausschnitte, aus denen das Gesamtbild besteht, eine andere Lichteinstellung wählen.

Welche Erfahrung war besonders schön?

Ich habe sehr viel Zeit vor dem Gemälde in den Ausstellungsräumlichkeiten verbracht. Dabei ist mir bewusst geworden, wie umfangreich die Planung einer solchen Ausstellung ist und wie viele Menschen daran beteiligt sind. Die Tischler bauen die Vitrinen und die Ausstellungsmöbel, die Elektriker bringen die Beleuchtung an, die Kuratoren machen sich Gedanken über die genaue Platzierung der Objekte. Ich hab sehr viel gelernt und fand es sehr faszinierend, diesen Entstehungsprozess zu beobachten und dadurch selbst in diesen eingebunden zu sein.

Was ermöglicht der Film in der Ausstellung dem Besucher hier und ganz allgemein?

Ein Film kann natürlich sehr vielfältig eingesetzt werden. Hier in der Ausstellung stellt er dem Besucher spezifische Sichtweisen auf das Gemälde dar. Der Besucher wird an die Hand genommen und erhält in einer komprimierten Zeit Zugang zu diesem Werk. Es ist kein Reden über das Bild, sondern ein Erschließen des Bildes durch selbiges.

Ein Film ist immer eine Erzählung. Über das Sehen erfährt man etwas. Ein Text kann dies ebenfalls, durch den Film ist die Rezeption aber einfacher, da der Betrachter geleitet wird. Filme können wie Texte und Audiostationen jedoch allein keine Ausstellung tragen. Das Zusammenspiel ist wichtig. Ein Film ist daher ein Baustein von multidimensionalen Zugängen. Dies ist in dieser Ausstellung sehr gut umgesetzt.

Sie studieren Visuelle Anthropologie. Was heißt das genau?

Die visuelle Anthropologie beschäftigt sich mit allen Kulturgütern, die visuell erschließbar sind. Das können Medien wie Bilder, Fotos, Videos oder Filme sein. Wir arbeiten aber auch selbst visuell. Die Kamera ist dabei ein wichtiges Forschungswerkzeug, v.a. in der Feldforschung. So können Bildgegenstände mit der Kamera in neuer Form erschlossen werden.

Das Interview mit Fabian Fess führte Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin.

2. Juni 2017

Inside the Museum: Das Graphikmagazin

Das Graphikmagazin des Städtischen Museums befindet sich in der Alten Posthalterei. Bei kühlen 18 bis 20 Grad Celsius und etwa 50 % Luftfeuchtigkeit lagern geschützt in zahlreichen Schubladenschränken Zeichnungen, Aquarelle, Radierungen, Stiche, Holzschnitte, Lithographien und Daguerreotypien. Die Räumlichkeiten sind zudem abgedunkelt, so dass kein Tageslicht die wertvollen Stücke beschädigen kann.

Der Bestand an graphischen Erzeugnissen umfasst etwa 10000 bis 15000 Exemplare. In der Sammlung finden sich zahlreiche Porträts von wichtigen Göttinger Bürgerinnen und Bürgern sowie dort tätigen Persönlichkeiten. Neben den Arbeiten von Göttinger Künstlern des 18. bis 20. Jahrhunderts  wie Christian Andreas Besemann, Carl Oesterley oder Ernst Ludwig Riepenhausen  gibt es auch Werke von überregionalen Kunstgrößen wie Emil Nolde oder Otto Pankok. Besonders herausragend ist ein Konvolut von Graphiken von Philipp Hackert (1737-1807), einem bekannten deutschen Landschaftsmaler und dem Hofmaler des neapolitanischen Königs. Die Bleistift- und Federzeichnungen zeigen italienische Landschaften. Zudem verfügt die Sammlung über einen komplexen Bestand an Stadtansichten und Veduten, die eine sehr gute und differenzierte Darstellung der topografischen Entwicklung der Stadt vom 16. Jahrhundert bis zur Erfindung der Fotografie ermöglichen.

Das Graphikmagazin ist ein unerschöpflicher Fundus für unsere eigenen Ausstellungen. So werden auch in der aktuellen Sonderausstellung  Werke aus dem Graphikmagazin präsentiert. Immer wieder erreichen uns aber auch zahlreiche Leihanfragen. Die Sammlung kann auf Anfrage von externen Besuchern genutzt werden.

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

26. Mai 2017

Keine Luxusgüter

2016 ist das neue Kulturgutschutzgesetz in Kraft getreten.                                                                Der Bund definiert hier erstmals den Status von Objekten und Sammlungen, die sich in der Obhut von Einrichtungen in öffentlicher Trägerschaft befinden. Das Kulturgutschutzgesetz stellt klar: Kulturgüter sind keine Luxusgüter, sondern existenziell für die Gemeinschaft, Nationen und Menschheit. Darüber hinaus werden dem Handel mit Sammlungsgut Richtlinien zu Grunde gelegt.

Im Vorfeld hat es einige, auch heftige Auseinandersetzungen um die Inhalte gegeben. Vor allem aus dem Kunsthandel kam viel Kritik. Ebenso sind nicht alle Anregungen von Fachverbänden, die z.B. den illegalen Handel mit Raubgrabungsfunden und gestohlenem Museumsgut betreffen aufgegriffen worden.

2017 ist jetzt von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters, eine Handreichung nachgeliefert worden, die die Museen auf über 386 Seiten über die Handhabungsfolgen informiert.

Wichtig ist folgende Feststellung:

„Die Bestände von Kulturgut bewahrenden Einrichtungen in öffentlicher Trägerschaft also insbesondere von Staatlichen Museen, Museen in Trägerschaft einer öffentlich-rechtlichen Stiftung oder der Kommunen (…) werden in Deutschland generell als „nationales Kulturgut“ unter Schutz gestellt.“

Die fantastischen Bestände des Städtischen Museums Göttingen, seit über 125 Jahre zu meist von Göttinger Bürgern gestiftet und gespendet, sind nun als nationales Kulturgut geschützt!

Was andere europäischen Länder schon längst geregelt hatten, wird endlich auch in Deutschland umgesetzt.

Natürlich gehen neue Regelungen und ihre Einhaltung immer auch mit einem erhöhten bürokratischen Aufwand einher. Das mag abschreckend sein. Doch die Feststellung eines übergeordneten Interesses der Allgemeinheit an den Sammlungen der Museen und die damit einhergehende Wertschätzung und die Formulierung ihrer Bedeutsamkeit für Alle ist eine wichtige Unterstützung der professionellen Museumsarbeit.


 

Elektrisiermaschine, um 1850.                    Städtisches Museum Göttingen

 


Möbel für Puppenhäuser, Geschenk von Adolf Freiherr von Wangenheim.                    Städtisches Museum Göttingen

 

 


 

 

Mädchen mit Barett, Öl auf Leinwand, Künstler unbekannt, ca. 1725                                               Städtisches Museum Göttingen

 

 

 

 

Sammlungsbestand Schmuckringe     Städtisches Museum Göttingen

 

 


 

Waage mit Kasten                                Städtisches Museum Göttingen

 

 

 

 

Polyeder Sonnenuhr im Vorgarten des Museums (zwischen 1800 und 1850) und Göttinger Kinder mit einer im Schulunterricht selbstgebauten Nachbildung der Sonnenuhr.                     Städtisches Museum Göttingen

 

 

 

 

 

Stereo-Glasbild, vor 1900, Motiv Istanbul    Städtisches Museum Göttingen

 

 

Pfeife aus Vogelknochen, Grabungsfund, Stadtarchäologie Göttingen                                               Ähnliche Objekte wurden bereits in der Steinzeit gefertigt und blieben in ihrer einfachen Funktionalität unverändert. Ohne Begleitfunde ist diese einfache, aus einem Geflügelknochen geschnitzte Pfeife nicht zu datieren. Vermutlich handelt es sich bei diesem Fund um ein Spielzeug.

Torah-Wimpel: Von diesen bestickten oder bemalten Leinenbinden besitzt das Museum 28 Stück aus drei Jahrhunderten. Sie sind meist etwa 20 cm hoch und etwa 3 m lang. Die Wimpel, hebräisch mappot, wurden anlässlich der Beschneidung eines Jungen hergestellt und mit seinem Namen, Geburtsdatum, Sternzeichen und Segensformeln für ein gottgefälliges Leben versehen. Zu allen wichtigen religiösen Festen des Lebenskreises in der Synagoge wurde der Wimpel hervorgeholt und diente der schützenden Umhüllung der dortigen Torah-Rolle. So wurde das Individuum auf rituelle Weise in die Gemeinde und die religiösen Gebote des Judentums eingebunden. Diese Praxis entstand im spätmittelalterlichen Deutschland und wird heute, hauptsächlich in den USA, in deutschstämmigen Gemeinden fortgeführt, wo sie mittlerweile auch für Mädchen offen ist.

Zeichnung von Dahlmanns Abschied aus Göttingen am 17.Dezember 1837 von Friedrich Spangenberg,1838, Geschenk von Wilhelm Bleek, Richmond Hill (Kanada)                                         Diese Szene zeigt Friedrich Christoph Dahlmanns Verabschiedung am Weender Tor. Er ist einer der Göttinger Sieben, die gegen die Aufhebung der Verfassung durch König Ernst August protestierten. Nach dem Abschied von den Studenten wird Dahlmann zusammen mit Jacob Grimm und Georg Gervinus Göttingen in Richtung Hessen verlassen müssen.

 

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

19. Mai 2017

Göttingen – Shanghai – Kalisz – Göttingen.                                                                                         Die Restaurierung des Tafelklaviers der Firma Ritmüller & Söhne

Das Städtische Museum Göttingen besitzt ein Tafelklavier der ehemaligen renommierten Göttinger Klavierfabrik „W. Ritmüller & Söhne“. Die Firma hatte von 1832 bis 1890 ihren Sitz im sog. Hardenberger Hof, der heute ein Teil des Museums ist. Bei einem Tafelklavier verlaufen Tasten und Saiten annähernd rechtwinklig. Die Saiten sind horizontal und quer angebracht, so dass das Gehäuse eine rechteckige Form bekommt. Tafelklaviere sehen daher in geschlossenem Zustand wie ein Tisch oder eine (Ess-)Tafel aus. Außer Ritmüller waren im 18. und 19. Jahrhundert zahlreiche weitere Instrumentenbauer in Göttingen ansässig, die das wirtschaftliche und kulturelle Leben der Stadt prägten.

Aufgrund seiner Fabrikationsnummer 2671 kann die Bauzeit des Klaviers auf ca. 1850 datiert werden. Das Besondere an dem Klavier ist, dass es im Haus des heutigen Museums selbst gebaut worden ist. Damit ist es ein einmaliges Zeugnis sowohl der Göttinger Wirtschafts- und Kulturgeschichte wie auch der Geschichte des Museums. Das Instrument gelangte 1962 durch Ankauf von einem Göttinger Klavierhändler in die Museumssammlung. Über seine Vorbesitzer ist leider nichts bekannt.

So weit, so gut. Groß war meine Überraschung allerdings, als sich Im Sommer 2015 Frau Luo von der Pearl River Piano Group aus Shanghai bei mir im Göttinger Museum meldete. Die Pearl River Group, heute die weltgrößte Klavierfabrik, hatte den Firmennamen „Ritmüller“ aufgekauft und interessierte sich nun für das Stammhaus dieser traditionsreichen Firma.

Wenig später besuchten Frau Luo und andere Vertreter der Pearl River Piano Group das Städtische Museum. Bei einem Rundgang und einem anschließenden Gespräch über mögliche Kooperationen kam sehr schnell auch die Restaurierung des Instruments zur Sprache, das beträchtliche Schäden aufwies. Bereits wenige Wochen später erklärte sich die Zentrale in Shanghai bereit, die Restaurierung des Tafelklaviers zu übernehmen!

Mit den Restaurierungsarbeiten wurde die Restauratorin Martyna Bartz in Kalisz, Polen, beauftragt. Ein Jahr später war es dann soweit: Am 6. Juli 2016 wurde das Ritmüller-Klavier, das vorher seinen „Geburtsort“ Göttingen wahrscheinlich nie verlassen hatte, der Spedition übergeben und machte sich auf die Reise nach Polen. So geht es im Zeitalter der Globalisierung: Plötzlich steht ein Klavier aus Göttingen im Zentrum eines weltumspannenden Netzes!

Ziemlich genau ein Jahr darauf sind die Arbeiten abgeschlossen und das Tafelklavier aus dem Hause Ritmüller kehrt am 17. Mai 2017 in den Hardenberger Hof zurück. Außen und innen grundlegend überarbeitet und wiederhergestellt, schmückt es in neuem-altem Glanz den Veranstaltungssaal des Museum, wo es künftig für Konzerte genutzt werden wird.

Ein herzliches Dankeschön im Namen des Städtischen Museums und der Stadt Göttingen gilt der Pearl River Piano Group für die großzügige Unterstützung bei der Wiederherstellung dieses wertvollen Instruments, das zugleich ein einzigartiges Zeugnis der Göttinger Stadtgeschichte ist!

(Ernst Böhme, Museumsleiter)