Author Archives: Städtisches Museum Göttingen

14. Dezember 2018

Wunderliche Tierwesen

Reiterdenkmal Ludwigs XII, darunter sein Wappentier, das Stachelschwein, Schloss Blois

Noch kürzlich – auf unserer Urlaubsreise an die Loire – haben wir sie gesehen: skurrile, gekrönte Tiergestalten auf Reliefs, in weißen Tuffstein gemeißelt, an Balustraden von Treppenaufgängen, über Portalen und zahlreich in Kasettendecken, in den Schlössern AMBOISE, BLOIS, CHAMBORD und CHENONCEAU: Es sind Wappentiere französischer Herrscher zur Zeit der Renaissance, die ihre Residenzen zu der Zeit noch in den oben erwähnten Schlössern hatten, ehe der Hof nach Versailles verlegt wurde. Kaum zurück an meinem Beschäftigungsplatz im Museum, treffe ich sie wieder, diese Fabelwesen! Was für ein Zufall: dieselben Embleme als filigrane Applikationen im Kleinstformat auf einer achteckigen Schnalle, dazu noch die Bourbonenlilie (Fleur de lys).

Gürtelschnalle, 18. Jh., Städtisches Museum Göttingen – unten Stachelschwein (links) und Hermelin (rechts), rechts oben Salamander

Da gibt es zunächst das Stachelschwein (franz. porc-épic) auf dem Wappenschild von Louis XII. (1462-1515). Es galt in dieser Epoche noch als ein äußerst exotisches und mysteriöses Tier. Man glaubte, es könne seine Stacheln wie Lanzen benutzen, und sie dann wieder regenerieren. Das ist jedoch nur eine Legende. Für Ludwig XII. galt es unter der Devise: „Wer sich daran stößt, verletzt sich daran.“ Im Sinne von: wer nicht die Finger davon lässt, ist selbst schuld. Das stark stilisierte Emblem befindet sich über einem Eingangstor von Schloss Blois. Es ist flankiert von den Initialen L + A Louis und Anne de Bretagne, der Mutter der späteren Reine Claude, der zu Ehren die köstliche, grüngelbe Pflaume Reineclaude (= Reneklode) ihren Namen bekam. Doch das ist eine andere Geschichte.

Salamander und Hermelin, über einem Kamin in Schloss Chenonceau

Claude,  Königin von Frankreich, durch Heirat mit Franz I., hatte übrigens das Hermelin als Wappentier – ein Symbol für Reinheit. Und dann gibt es da noch den Salamander, den Franz I. als Emblemtier für sein Wappenschild wählte. Dieses Ungetüm, das dem Mythos nach als das Feuer  löschende und sich davon nährende Tier galt, wählte dieser König  wohl zu Recht für sich. Denn er war bekannt als der glühende Verfechter vieler Dinge, brennend für das Neue.

Zurück zu unserer Schnalle: Hier sind die oben beschriebenen Embleme alle miteinander versammelt! Im Zuge der Inventarisierung stellt sich die Frage, wie ein solches Objekt wohl nach Göttingen gelangte und wem es wohl einmal gehörte? Im Eingangsbuch ist nur festgehalten, dass die Schnalle 1893 ins Museum kam, und in der Umgebung von Göttingen gefunden wurde. Befand sie sich ursprünglich an einer Uniform oder schmückte sie eine Schärpe? War das Objekt ein Beutestück oder wurde einfach nur vom einem“ Königstreuen“ verloren, einem französischen Soldaten?

Wir wissen es nicht.

(Ulla Kayser, ehrenamtliche Mitarbeiterin)

07. Dezember 2018

Christa Neifeind geehrt

Das Städtische Museum Göttingen gratuliert der Vorsitzenden der Deutsch- Französischen Gesellschaft Christa Neifeind. Am vergangenen Mittwoch wurde Frau Neifeind der Ordre des Palmes Académiques verliehen. Das ist eine der höchsten Auszeichnungen in Frankreich für außerordentliche Verdienste im Bildungsbereich. Den Orden überreichte die französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes im Städtischen Museum.

Frau Neifeind engagierte sich bereits als Französisch- und Geschichtslehrerin am Hainberg-Gymnasium für die deutsch-französische Freundschaft. Dort etablierte sie ein Schüleraustauschtauschprogramm, in dem bewusst die individuelle kulturelle Erfahrung im Mittelpunkt steht, fernab von Sightseeing und Stereotypen. Über viele Jahre engagiert sie sich ehrenamtlich in der Deutsch-Französischen Gesellschaft Göttingen (DFG). Seit neun Jahren ist sie Vorsitzende. Durch ihren Einsatz kamen zahlreiche kulturelle Veranstaltungen mit prominenten französischen Schriftstellern und Musikern in Göttingen zustande. Außerdem regt sie immer wieder in Vorträgen über die französische Politik und Gesellschaft und Ausflügen zu Orten, die in besonderer Beziehung zum Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich stehen, zum Nachdenken über die interkulturelle Verständigung an. Dabei gelang es ihr, ein beachtliches Netzwerk von Kooperationen mit kulturellen Institutionen in Deutschland und in Frankreich aufzubauen, das sich dem gemeinsamen Ziel der deutsch-französischen Verständigung und Freundschaft verpflichtet hat.

Frau Neifeind hat sich entschieden, den Ordre des Palmes Académiques im Städtischen Museum entgegenzunehmen. Sie findet, dass sich auch das Museum in Zusammenarbeit mit der DFG, nicht zuletzt durch die Sonderausstellung zur Chanson-Sängerin Barbara, die das berühmte Göttingen – Lied schrieb, für die deutsch-französische Verständigung engagiert hat. Für uns ist das eine große Ehre!

Die französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes (rechts) überreicht Christa Neifeind (links) den Orden

Vor dem Festakt führt Kuratorin Andrea Rechenberg (rechts) die Französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes (links) durch die Ausstellung „Stadt.Macht.Glaube“

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

30. November 2018

Ausstellung, die Übernächste bitte…

Im Januar eröffnet unsere nächste Ausstellung „Der rote Sonnabend. Facetten und Folgen der Novemberrevolution 1918 in Göttingen.“ Siehe dazu auch Blogbeitrag vom 09.11.

Doch bereits seit Sommer diesen Jahres, haben auch die inhaltlichen Arbeiten für die übernächste Ausstellung begonnen, die im Februar 2020 eröffnet wird. Es handelt sich dabei um ein sehr Göttingen-spezifisches Thema, das aber von bundesweiter, ja sogar  internationaler Bedeutung ist.

V.l.n.r.: die beiden Filmemacher Fabian Fess und Oliver Becker sowie die Historikerin Petra Vintrová an unserem vier Meter langen Storyboard

Da unser Platz für Sonderausstellungen wegen der stagnierenden Sanierung nach wie vor sehr begrenzt ist, müssen wir die  Inhalte die wir vermitteln möchten, verdichten. Dabei helfen uns verschiedene  Medien auf mehreren Ebenen, so können wir den Ausstellungraum inhaltlich „vergrößern“. Eine dieser erweiternden Vermittlungsebenen wird ein Film sein, der eigens für diese  Ausstellung produziert wird. Und dafür brauchen  wir ein  Drehbuch! Das erarbeiten wir mit einem Storyboard und das entsteht zurzeit  bei  intensiven Sitzungen der Filmgruppe.

Es ist eine neue und interessante Erfahrung für mich, die einige Parallelen zu der Erstellung einer Ausstellungskonzeption aufweist: Es müssen inhaltliche Aussagen getroffen werden und zugleich dazu die Bilder gesucht werden, die diese Aussage transportieren können. Inhalt und Darstellung werden zusammen gedacht, ganz ähnlich wie bei einer Ausstellung, aber in der Umsetzung hat ein Film andere Stilmittel der Erzählung und damit andere Anforderrungen zu erfüllen. Auf jeden Fall soll er informativ und unterhaltend werden, daran arbeiten wir….

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

23. November 2018

Unter dem Schleier der Jahrhunderte

Seit einigen Wochen freuen wir uns immer doppelt auf den wöchentlichen Besuch im Außendepot. Denn hier geschehen zurzeit kleine Wunder.

Dipl. Restauratorin Viola Bothmann lüftet Zentimeter für Zentimeter das Geheimnis des unbekannten Mädchens

Dank der freundlichen Unterstützung der Fielmann AG dürfen wir das älteste Kinderporträt unserer Sammlung nun bald mit neuen Augen betrachten. Die junge Dame aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die ihrer Kleidung und Attribute nach zu urteilen aus adeligem Hause stammt, bewohnt unser Depot schon lange. Bisher hat sie uns jedoch kaum etwas über sich verraten, da auf dem Ölgemälde keine Inventarnummer angebracht ist und damit kein Hinweis auf den Künstler, die dargestellte Person oder die Herkunft des Objekts vorhanden war. Außerdem hat sich mit den Jahrhunderten durch chemische Veränderungen der obersten Malschicht, dem Firnis, ein dunkler Schleier auf das Gemälde gelegt. Dadurch war bis auf das Mädchen im Vordergrund und ihre beiden Spielgefährten, einen Hund und einen Vogel, kaum etwas auf dem Bild erkennbar und die Farben waren stark verfälscht.

Gute Aussichten – zur Hälfte vom Firnis befreit!

Das ändert sich nun nach und nach.  Durch die Restaurierung wird unter anderem die einstige Farbgebung, soweit wie möglich, rekonstruiert und vorher nicht sichtbare Details kommen zum Vorschein. Das erfordert viel Zeit. In aufwändiger Kleinstarbeit deckt Dipl. Restauratorin Viola Bothmann immer größere Teile des Bildes auf, sodass wir den Antworten auf unsere Fragen Schritt für Schritt näher kommen.

Etwa die Hälfte des Bildes ist bereits vom Firnis befreit und auf einer Verstrebung des Tisches ist nun eine kryptische Künstlersignatur zu sehen. Hier werden weitere Recherchen nötig sein. Die Spitze am Kleid des Mädchens erleuchtet in strahlendem Weiß, zarte Pfirsichhaut schält sich aus dem dunklen Gelb und welche Vielfalt an Früchten nun links im Obstkorb erkennbar ist! Besonders gespannt sind wir aber auf den Bildhintergrund. Links ist bereits ein feierlich drapierter Vorhang erkennbar. Doch was wohl in der noch sehr dunklen Landschaft  im rechten Bildfeld zum Vorschein kommt? Und ob diese Rückschlüsse auf die Herkunft des Gemäldes, bzw. des dargestellten Mädchens zulässt?

Es bleibt spannend!

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

 

16. November 2018

Go Göttingen – mit einer App berühmte Leute treffen!

Lichtenberg trifft Manfred Eigen und geht mit Ihm essen, Carl Friedrich Gauß telegrafiert, Otto von Bismarck macht viel Unsinn und Sofia Kowalewskaja schwärmt von der Mathematik.

Einundzwanzig Kinder und Jugendliche aus Grone haben mit viel Einsatzfreude, Spaß und Können das Kinder- und Jugendstück: Go Göttingen im Museum uraufgeführt. Gefördert von dem Programm: Kultur macht stark – Bündnis für Bildung hat die Deutsch–Russische Gesellschaft ein sehr unterhaltsames und lustiges Stück mit den jungen Darstellerinnen und Darstellern entwickelt und professionell auf die Bühne gebracht.

Mit begeistertem Applaus bedankten sich die Besucher für den amüsanten Einblick in die Geschichte Göttingens.

V.l.n.r.: Haschem Moschref als Manfred Eigen, Anstasia Sartison als Georg Christoph Lichtenberg, Simon Thiel als Arthur Schopenhauer, Alina Cernov als Julia Lermontowa, Sofia Rasheva als Sophia Kowalewskaya, Marcel Walter und Erik Alejnikov als Brüder Grimm

 

 

 

Angelina Krug                                                    als Gänseliesel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

09. November 2018

Demnächst: „Der rote Sonnabend“ im Museum

 Ein Praktikumsbericht

Stadtmuseen waren bisher für mich eine recht unbekannte Gattung, gefühlt eher dröge und uninteressant. Aber dann dachte ich mir, dass doch gerade für den Einstieg in die Museumsarbeit ein kleines Museum einige Chancen bietet, Vieles kennenzulernen und Erfahrungen zu sammeln. Ich hatte das Glück, dass momentan im Städtischen Museum eine neue Sonderausstellung vorbereitet wird: So war ich dann mittendrin im Geschehen und konnte die Museumsarbeit hautnah miterleben.

 

 

Blick in den Ausstellungsraum: Aufbau der neuen Sonderausstellung „Der rote Sonnabend. Facetten und Folgender Novemberrevolution 1918“ in Göttingen. Eröffnung am 19. Januar 2019.

 

 

 

Etwas, dass mich überrascht hat, war, wie und in welch kleinen Schritten alles ausgearbeitet wird. Es wird darüber diskutiert, warum manche Objekte genutzt werden können und andere nicht, wo, an welcher Stelle und wieso wir das Exponat aufhängen, mit oder ohne Rahmen und mit welchem Rahmen. Außerdem muss eine Wandfarbe gewählt werden. Zu berücksichtigen ist ebenfalls, wie diese im Licht wirkt. Auch die Wahl einer angemessenen Schriftgröße, sowie eines stimmigen Layouts und einer passenden Farbe für die Objektbeschriftungen und die Plakate ist wichtig.

Zu Beginn des Praktikums war ich mit Recherchen für die Ausstellung im Stadtarchiv Göttingen beschäftigt. Es gehörte zu meinen Aufgaben, anhand einer Objektliste Dokumente zu scannen und zu speichern. Ebenso habe ich zu Lebenswegen einzelner Personen recherchiert, aus Zeitungen (Göttinger Tageblatt und Göttinger Zeitung 1918/1919) Informationen herausgefiltert und Biographien erstellt. Diese Informationen werden die Besucher in der Ausstellung lesen können.
Auch konnte ich an Arbeitssitzungen teilnehmen, in denen zusätzliche Angebote in und während der Ausstellung besprochen wurden. Dabei wurden u.a. mit dem YLAB, dem Geisteswissenschaftlichen Labor der Georg-August-Universität Göttingen, erörtert, welche Angebote für Schulen sinnvoll sind.

Nun ist mein Praktikum vorbei, und ich blicke auf die letzten zwei Monate zurück und muss mich selbstkritisch fragen, ob ich das gelernt habe, was ich wissen wollte. Die Antwort darauf ist nein. Aber das finde ich nicht schlimm, denn ich habe Erfahrungen gesammelt, die ich nicht erwartet habe. Die Museumsarbeit ist etwas, das ich gerne weiterverfolgen möchte.

Allen sage ich Danke und auf Wiedersehen!

(Meike Saade, studentische Praktikantin)

 

 

02. November 2018

Von Fadensternen, Nadelkissen und anderen Kostbarkeiten

Letzte Woche durften Sie rätseln – nun kommt die Auflösung! Bei den Objekten auf dem Bild von letzter Woche handelt es sich weder um Puzzleteile noch um Weihnachtsbaumschmuck. Es sind Fadenwickel, genauer sogenannte Zwirn- oder Seidenfadensterne. Im 19. Jahrhundert wurden sie zum Aufwickeln von Stickgarn verwendet, das in Strängen gekauft wurde. Auch heute noch wird das feine Zwirn- oder Seidengarn zum Teil so gehandelt, jedoch sind die Fadensterne längst nicht mehr so dekorativ gestaltet. Die Fadensterne sind alle unterschiedlich gestaltet. Sie bestehen aus Pappe oder Holz und sind mit farbigem, manchmal auch gemustertem Papier oder Golddruck beklebt. Botschaften wie zum Beispiel „zum Andenken“, „Erinnerung“ oder „Souvenir“ –  oft in Kombination mit unterschiedlichen Miniaturbildern – lassen darauf schließen, dass sie als Andenken von einer Reise mitgebracht wurden oder als Erinnerung an eine nahestehende Person dienten.

In der Sammlung des Museums befinden sich zahlreiche Nähutensilien des 19. Jahrhunderts. Den oft in Handarbeit hergestellten oder verzierten Objekten wohnt ein ganz eigener Zauber inne. Sie sind nicht nur einfach schön anzusehen, sie erzählen auch unzählige Geschichten aus dem Leben ihrer Besitzerinnen in einer längst vergangenen Zeit und lassen uns ganz und gar in ihren persönlichen Alltag eintauchen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fadensterne, um 1840: links: Holz, bedrucktes Papier; rechts: Pappe mit Golddruckornamentik, in der Mitte Märzenbecherblüte, rückseitig Schriftzug „Zum Andenken“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nadelbuch, 1840/50, Deckblätter aus silberfarbenem Lochkarton in Form einer Muschel gestaltet, mit grünem Seidengarn in Grätenstich bestickt, am unteren Ende 2 Weinblätter aus dünnem Goldblech gepresst, mit Seidensatin gefüttert

 

 

   

 

 

 

 

 

 

Nadelkissen, Anfang des 19. Jahrhunderts, Seide mit Seidenstickerei, Rand mit Klöppelspitze, in einem Vergissmeinnichtkranz Initialen „LB“, vermutlich Initialen der Besitzerin oder einer ihr nahestehenden Person

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

 

 

 

 

 

26. Oktober 2018

Gewusst?

 

 

 

 

 

 

 

 

Immer wieder begegnen uns im Museum rätselhafte Dinge aus vergangenen Zeiten, die, besonders wenn die Inventarnummer nicht sofort zur Hand ist, erst einmal viele verschiedene  Assoziationen wecken, bis endlich die Lösung gefunden ist. So erging es neulich auch unserer ehrenamtlichen Mitarbeiterin Frau Kayser, als sie diese fein gestalteten Sternchen aus Holz und Pappe inventarisieren wollte. Wissen Sie, worum es sich dabei handelt?

a) Weihnachtsbaumschmuck

b) Ein besonders kniffliges Puzzlespiel

c) Orden

d) Konfetti

e) Fadenwickel

f) Untersetzer

g) Broschen

Die Auflösung folgt in der nächsten Woche…

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

19. Oktober 2018

Vorgestellt – Die Museumsverwaltung

Diese Woche möchte ich zwei Personen vorstellen, die einen wesentlichen Beitrag für den reibungslosen Ablauf des täglichen Museumsbetriebs leisten. Christiane Grap und Georg Beume behalten immer den vollen Überblick über Museumsgebäude, Personal, Finanzen, Termine und vieles mehr. Dabei bleiben sie stets bescheiden und agieren meistens im Hintergrund des Geschehens. Was täten wir nur ohne unsere Museumsverwaltung?!

Frau Grap, Herr Beume, was sind jeweils Ihre Aufgaben hier im Museum?

C. Grap: Unter anderem kümmere ich mich um die Beschaffung. In Absprache mit den Museumsmitarbeitern sorge ich also dafür, dass alles da ist, was wir zum Arbeiten brauchen – von Papier und Stiften über säurefreies Verpackungsmaterial oder Überschuhen für das Depot bis hin zu den unterschiedlichsten Dingen, die für Ausstellungen benötigt werden. Außerdem verwalte ich die Rechnungen, dokumentiere Übernahmen und Aussonderungen von Objekten, behalte den Überblick über wichtige Termine und kümmere mich um die Post. Darüber hinaus nehme ich Lob und Kritik der Besucher am Telefon und per E-Mail entgegen.

G. Beume: Meine Arbeitsbereiche sind die Personalverwaltung, die Hausverwaltung und die Verwaltung des Fotoarchivs. Unter Hausverwaltung fällt fast alles, was mit der Wartung und Instandhaltung des Gebäudes zu tun hat. Wenn etwas repariert werden muss, vereinbare ich Termine mit Handwerkern. Ich achte darauf, dass die Brandschutzverordnung eingehalten wird und technische Geräte regelmäßig gewartet werden. Außerdem nehme ich Anfragen von Forschern und Privatpersonen entgegen, die eine Fotografie aus unserem Fotoarchiv benötigen. Manchmal kann ich das gewünschte Foto gleich einscannen und per E-Mail verschicken. Wenn es sich um eine sehr umfangreiche Anfrage handelt, vereinbare ich mit der interessierten Person einen Termin, an dem sie die Möglichkeit erhält, selbst im Fotoarchiv zu forschen.

Wie lange sind Sie jeweils schon im Museum tätig?

C. Grap: Seit Februar 2013. Davor habe ich bereits lange im Stadtarchiv der Stadt Göttingen gearbeitet.

G. Beume: Seit Januar 2016.

Was macht die Verwaltungsarbeit in einem Museum für sie besonders?

C. Grap: Neben der üblichen Verwaltungsarbeit, wie sie eben auch in ganz „normalen“ Unternehmen gemacht wird und die mir sehr viel Spaß macht, bekomme ich hier zusätzlich auch vielfältige Einblicke in ganz andere Arbeitsbereiche. Das geschieht zwangsläufig durch die enge Zusammenarbeit mit allen Kollegen und wenn mal „Not am Mann – oder der Frau“ ist, übernehme ich auch Sonderaufgaben, die manchmal eher weniger mit Verwaltungsarbeit zu tun haben.

G. Beume: Ja, das ist die Besonderheit. Wir sind die Schnittstelle zwischen der Stadtverwaltung und dem Museum. Unsere Aufgabe ist es, den Bogen zwischen Museumsarbeit und Verwaltungsarbeit zu schlagen. Eine dieser besonderen Aufgaben ist für mich die Verwaltung des Fotoarchivs. Das mache ich sehr gerne, da ich hier auch selbst immer wieder auf interessante Motive aus der Göttinger Geschichte stoße.

Welche Sonderausstellung im Städtischen Museum hat Ihnen bisher am besten gefallen und wieso? Haben Sie ein Lieblings-Objekt?

C. Grap: Ich kann mich da gar nicht entscheiden. Obwohl ich privat am liebsten Ausstellungen Moderner Kunst besuche, habe ich die Entstehung jeder Sonderausstellungen, die ich am Städtischen Museum bisher mitbekommen habe, mit Spannung verfolgt. Und jedes Thema wurde, meiner Meinung nach, bisher sehr gut umgesetzt. Mein Lieblingsobjekt ist sehr groß – es ist nämlich unsere umfangreiche und zum Teil sehr alte Museumsbibliothek.

G.Beume: Mir hat bisher die Ausstellung Barbara 1964 am besten gefallen. In Göttingen wussten viele vorher nicht, welche Bedeutung das Göttingen-Lied für die deutsch-französische Freundschaft hat und dass es in Frankreich so populär ist. Das hat sich mit der Ausstellung geändert. Für ein Lieblingsobjekt  kann ich mich nicht entscheiden. Ich arbeite, wie gesagt, sehr gerne im Fotoarchiv, staune aber auch immer wieder über die Objekte, die in den anderen  Magazinen und Depots bewahrt werden. Mir gefällt zum Beispiel die umfangreiche Sammlung unterschiedlichster zum Teil sehr skurriler Kopfbedeckungen im Textilmagazin.

(Das Interview mit Christiane Grap und Georg Beume führte Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

12. Oktober 2018

Atatürk in Weende!?

Mustafa Kemal Pascha genannt Atatürk war eine der Persönlichkeiten, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts entscheidend prägten. Er war es, der auf den Trümmern des Osmanischen Reiches die moderne Türkei schuf und sie durch radikale, oft brutal umgesetzte Reformen zu einem säkularen Nationalstaat formte. Sehr unwahrscheinlich ist es, dass Atatürk, der „Vater der Türken“, auch nur den Namen der Stadt Göttingen kannte. Und nun soll er gar den Ort Weende mit seiner Anwesenheit beehrt haben? Und doch hält sich in Weende beharrlich exakt dieses Gerücht. Genauer gesagt: Atatürk sei im Gasthaus Koch, vielen Weendern und Göttingern auch heute noch bekannt, abgestiegen. Fake news oder historische Tatsache?

Diese Frage beantworten die Archive. Dort, im Stadtarchiv Göttingen, liegt das Gästebuch des Gasthauses Koch. Und darin findet sich tatsächlich ein Eintrag vom 10. März 1936 von einem Mostafa Kemal „Pascha“ – einmal in arabischer Schrift und einmal auf Deutsch. Schnell wird klar: Atatürk kann es nicht gewesen sein. Er weilte zu dieser Zeit nachweislich in Ankara. Wer hat aber dann zu später Stunde im Gasthaus Koch gefeiert?

Eine Nachfrage im Universitätsarchiv bringt die Lösung an den Tag. An der Universität Göttingen war von 1934 bis 1936 ein „Mostafa Kamel“ immatrikuliert, der allerdings nicht aus er Türkei, sondern aus Kairo stammte. Dazu passt, dass das Arabisch auf eine ägyptische Herkunft des Einträgers schließen lässt. „Kamel“ statt „Kemal“: Das ist eine nachvollziehbare Verschreibung eines fremden Namens. Dieser Name wiederum ist typisch türkisch.

Nun geht der Weg zurück ins Stadtarchiv. Dort findet sich tatsächlich die Einwohnermeldekarte von Herrn Mustafa Kemal. Er wurde am 22. Februar 1908 in der ägyptischen Stadt Tanta im Nildelta geboren. Am 28. Oktober 1934 kam er von Berlin nach Göttingen, studierte hier Geophysik und wohnte zunächst Friedländer Weg 11, ab dem 7. Januar 1935 Hoher Weg (heute Hermann-Föge-Weg) 7. Ende 1936 ist er offenbar in die belgische Hauptstadt  Brüssel  weitergereist. Bei Mustafa Kemal scheint es sich folglich um einen türkischen Bürger des ehemaligen Osmanischen Reichs gehandelt zu haben, der in der vormaligen osmanischen Provinz Ägypten lebte und nach dem Untergang der Herrschaft des Sultans dort „hängen geblieben“ ist. Für seine kulturelle Prägung als Türke spricht auch, dass sein Arabisch einfach und fehlerhaft ist. Bei dem feucht-fröhlichen Abend im Gasthaus Koch war die Namensgleichheit mit Atatürk wohl ein willkommener Anlass, ihm spaßeshalber den Ehrentitel Pascha zu verleihen. Die ironischen Anführungszeichen weisen darauf hin.

Nicht Atatürk war also in Weende, aber er war hier wie auch sonst im nationalsozialistischen Deutschland sehr populär. Das weitere Schicksal von Mustafa Kemal aus Ägypten werden wir vielleicht nie erfahren. Sicher ist aber, dass er als Zeitzeuge die bewegte Geschichte des türkischen Volkes und des Nahen Osten im 20. Jahrhundert erlebt hat.

Und sicher ist auch: Archive sind die Garanten der historischen Wahrheit gegen fake news aller Art!

Abb. 1: Eintrag im Gästebuch des Gasthauses Koch: „Es freut mich zu erzählen zu dieser späten Stunde um h 1.35 dem zehnten März 1936 im Lokale „Mutter Koch“ zu Wenden, daß mein Freund „Willi Hermann Köller“ mit seiner netten Gesellschaft mich zu diesem Kegelabend eingeladen hat. Ich wünsche allen ein glücklichen Abend und eine schöne Zükünft.“ Mostafa Kemal „Pascha“. Der Eintrag erfolgte in lateinischer Schrift statt der damals in Deutschland üblichen „ Sütterlinschrift“). Außerdem gleichen sich die Schrift des Textes und die Unterschrift. Dies deutet darauf hin, dass der Eintrag von Mustafa Kemal selbst stammt, der also des Deutschen mächtig gewesen sein muss. Ob das Wort „Zükünft“ ein echter Fehler oder aber eine ironische Anspielung auf die Vorliebe des Türkischen für den Ü-Laut ist, muss offen bleiben.; Abb. 2: Einwohnermeldekarte von Mustafa Kemal

(Ernst Böhme, Museumsleiter)