Author Archives: Städtisches Museum Göttingen

13. Oktober 2017

„Wenn ich Göttingen sage, meine ich auch Deutschland“ (Barbara 1967)

Der großartigen Künstlerin Monique Andrée Serf (1930 – 1997), Künstlername Barbara, wird diesen Herbst vielfältig gedacht. In Ihrem Heimatland zählt Barbara zu den großen Chanson- Sängerinnen. Mit der Stadt Göttingen, in der sie 1964 und 1967 zwei kurze Auftritte hatte, ist und bleibt sie verbunden durch das von ihr geschriebene Lied Göttingen, das in Frankreich zur Hymne der Deutsch-Französischen Aussöhnung wurde. In der Pariser Philharmonie eröffnet heute die Ausstellung Barbara. Im Jungen Theater Göttingen wird am Samstag den 21.10. das Schauspiel Barbara. Gegen das Vergessen uraufgeführt. Der Göttinger Wallstein Verlag hat zur Frankfurter Buchmesse, deren Gastland  dieses Jahr Frankreich ist, eine deutsche Übersetzung der unvollendeten Memoiren Barbaras herausgebracht: Barbara – Es war einmal ein schwarzes Klavier ….

Das Städtische Museum Göttingen ist an allen drei Projekten direkt oder indirekt beteiligt. Für unsere Ausstellung Barbara 1964  im letzten Jahr hatten wir Recherchen durchgeführt, Archivalien ausgewertet und Zeitzeugen interviewt. Diese Ergebnisse haben wir gerne zur Verfügung gestellt, sie sind in die Projekte mit eingeflossen.

Barbara war eine faszinierende Künstlerin und ist in ihrem Heimatland unvergessen. Sie ist in Göttingen durch die Ausstellung einer breiten Bevölkerung erstmals oder wieder ins Bewusstsein gebracht worden. Das unterstreicht die Relevanz von historischer Arbeit im Allgemeinen und von Museumsarbeit im Speziellen. In Zeiten verstärkter Europamüdigkeit hilft der Blick zurück zu den Anfängen um zu begreifen, warum die Idee Europa entstand und was wir an dieser großartigen Idee haben. Das Chanson Göttingen erinnert uns daran, dass wir das vereinte, friedlich, grenzenlose Europa nicht leichtfertig aufs Spiel setzen dürfen.

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

 

Barbaras einzige Platte auf deutscher Sprache kam 1965 heraus. Auf dieser Platte singt sie ‚Göttingen‘ auf Deutsch.

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

Barbara 1964 im Theaterkeller, der Kneipe des Jungen Theaters, nach einem ihrer drei Auftritte.

Impressionen aus der Ausstellung Barbara 1964

War auch in der Ausstellung zu sehen: Erster handschriftlicher Textentwurf Barbaras zu ‚Göttingen‘ (Leihgabe der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland)

 

06. Oktober 2017

Hoffmann von Fallersleben und die Brüder Grimm

Was haben Jacob (1785–1863) und Wilhelm Grimm (1786–1859), die Schöpfer von Rotkäppchen, Schneewittchen und Co., mit Hoffmann von Fallersleben (1798-1874), dem Verfasser zahlreicher bekannter Kinderlieder wie Alle Vögel sind schon da, Ein Männlein steht im Walde, sowie der deutschen Nationalhymne gemeinsam? – Eine ganze Menge! Die aktuelle Sonderausstellung im Hoffmann-von-Fallersleben-Museum in Wolfsburg erinnern nicht nur an das umfangreiche kulturelle Erbe, das die drei Persönlichkeiten hinterlassen haben, sondern beleuchtet vor allem ihre lange und durchaus nicht konfliktfreie Freundschaft.

Die Geschichte beginnt 1818 mit einem Besuch des 20-jährigen Theologiestudenten Hoffmann von Fallersleben in Kassel. Bei Studien in Museum und Bibliothek lernt er den späteren Göttinger Professor Jacob Grimm kennen, der in ihm das Interesse für die deutsche Sprache weckt. Die Freunde verbindet fortan nicht nur die Leidenschaft für ihre Muttersprache, sondern auch das politische Engagement für ein freies und geeintes Deutschland. Während die Brüder Grimm 1837 als zwei der Göttinger Sieben gegen die Aufhebung der 1833 eingeführten, vergleichsweise liberalen Verfassung im Königreich Hannover protestieren, demonstriert Hoffmann von Fallersleben, der 1823 zum Kustos der Universitätsbibliothek Breslau berufen wird, unter anderem in seinen Unpolitischen Liedern seine liberale politische Haltung. Obwohl (oder gerade weil) alle drei aufgrund ihrer Bemühungen entlassen werden und Jacob Grimm und Hoffmann von Fallersleben sogar ihrer jeweiligen Länder verwiesen werden, werden sie bereits von vielen ihrer Zeitgenossen verehrt.

Das Städtische Museum Göttingen ist in der Ausstellung mit einer Leihgabe vertreten. Bei dem Pfeifenkopf mit einer Darstellung der Göttinger Sieben handelt es sich sozusagen um ein echtes zeitgenössisches „Merchandising-Produkt“. Die Darstellung auf dem Pfeifenkopf aus der Porzellanfabrik Nathusius (Althaldensleben) ist angelehnt an lithografische Blätter von Carl Rhode und Eduard Ritmüller (beide vmtl. von 1837/1838). Der Künstler ist unbekannt. Bemalte Pfeifenköpfe waren im 19. Jahrhundert besonders bei wohlhabenden Studenten sehr beliebt. Das Städtische Museum besitzt eine umfangreiche Sammlung solcher Porzellanobjekte, die von Göttinger sowie externen Porzellanmalern veredelt wurden (Hierzu: s. Blogbeitrag C. Freund vom 02.04.2015).

Die Ausstellung im Hoffmann-von-Fallersleben-Museum ist noch bis zum 28. Januar 2017 zu sehen.

Adresse: Schloss Fallersleben, Schloßplatz 6, 38442 Wolfsburg

Kontakt: hoffmann-museum@stadt.wolfsburg.de

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

29. September 2017

Endlich wieder Speckkuchen! – Aber wieso  eigentlich?

In vielen Göttinger Bäckereien gab es diese Woche pünktlich zum Herbstanfang wieder Speckkuchen. Doch wieso bekommt man hier diese Leckerei nur einmal im Jahr und dann nur für so kurze Zeit? Und – Moment mal – was macht ein Speckkuchen im Museumsblog?

Der Speckkuchen ist eine echte Göttinger Spezialität – und ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten. Er wird seit Jahrhunderten jedes Jahr am ersten Montag nach Michaelis anlässlich der Gildenwahl gebacken.

Gildenwahlen finden in Göttingen seit dem 14. Jahrhundert statt. Am Gildentag wählen die Gilden ihre Oberhäupter. Diese  hatten im Mittelalter viel Macht. In Göttingen stürmten die Gilden sogar am 6. März 1514 das Rathaus und jagten den Rat aus der Verantwortung. Dieser wurde zwar vom Herzog wieder eingesetzt aber der Konflikt flammte fortan immer wieder auf – unter anderem im Reformationsjahr 1529…

Natürlich gibt es im Jahre 2017 in Göttingen keine Gilden mehr, dennoch fand am vergangenen Montag, wie jedes Jahr, im Alten Rathaus die 520. Gildenwahl statt. Dabei handelt es sich um eine Traditionsveranstaltung der Kreishandwerkerschaft im Gedenken an die einstigen Gildenwahlen. Hier wird über aktuelle Entwicklungen und die Situation des Handwerks berichtet und über politische Themen gesprochen. Außerdem wird ein besonders gut gelungenes Gesellenstück vorgestellt. Dieses Jahr gehörte, neben dem Kreishandwerksmeister Christian Frölich und dem Göttinger Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler, auch Thomas Mann, der Vizepräsident der Europa Union Deutschland, zu den Rednern.

 

 

 

 

 

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

20. September 2017

Leben eingehaucht

Nach zweijährigem Stillstand hat das Theater van Werven & Lautenbach mit dem wunderbaren, lustigen, nachdenklichen und unterhaltsamen Stück über Lichtenberg „Wie wenn einmal die Sonne nicht wieder käme“ die Baustelle der Remise im Städtischen Museum illuminiert und belebt.

Zwischen Lagercontainer für Museumsvitrinen und zwischengelagerten Sandsteinhaufen schafft es das Team um die beiden Schauspieler Bernd van Werven und Götz Lautenbach, dass die Besucher sich wie in dem Innenhof eines barocken Fachwerkschlosses fühlen.

Weiter Aufführungen: 20.09.; 22.09.; 23.09.; 25.09.

Infos dazu auf unserer Hompage

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

Impressionen :


 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

Glamour in der Baustelle: Die improvisierte Garderobe der Schauspieler:


 

 

 

 

15. September 2017

Raus aus dem Klassenzimmer – rein ins Museum!

Wir freuen uns in den kommenden Monaten wieder viele Schulklassen im Städtischen Museum begrüßen zu können. Denn da bei vielen dieses Jahr das Thema Reformation auf dem Stundenplan steht, bietet sich ein Besuch der aktuellen Sonderausstellung „1529 – Aufruhr und Umbruch“ besonders gut an.

Am vergangenen Mittwoch hieß es für zwei Kurse des THG und der IGS Göttingen: Raus aus dem Klassenzimmer und rein ins Museum. Kirchenpädagogin Bettina Lattke vermittelte den SchülerInnen das Thema Reformation anhand konkreter Ereignisse in „Ihrer“ Stadt. Durch diesen persönlichen Bezug gelang es ihr, Geschichte für die Jugendlichen lebendig werden zu lassen und so  vielleicht auch den einen oder anderen neu dafür zu begeistern.

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

08. September 2017

Lutherbilder, Kirchenkunst, Adelshöfe und großes Theater!

Am kommenden Samstag und Sonntag ist im Museum viel los! Vier Veranstaltungen sorgen für ein breites Angebot, bei dem für jeden Geschmack etwas dabei ist.

Die Wanderausstellung „Lutherbilder aus sechs Jahrhunderten“ öffnet am Samstag in der Alten Posthalterei ihre Pforten. Während der Öffnungszeiten des Museums kann hier anhand von kommentierten Reproduktionen auf Rollbildern die Entwicklung der Lutherdarstellung vom 16. Jahrhundert bis in die unmittelbare Gegenwart betrachtet werden. Der Besucher begibt sich dabei auf eine spannende Zeitreise, denn Bilder berühmter Persönlichkeiten und besonders solcher wie Luther sind immer ein Spiegel ihrer Entstehungszeit. Die Geistes-, Kunst- und Theologiegeschichtlichen Hintergründe der Darstellungen einer der am häufigsten porträtierten Personen der Welt werden hier entschlüsselt. Der Besuch der Begleitausstellung ist im Eintrittspreis enthalten.

Am Samstagabend um 20:30 Uhr wird der Innenhof des Museums mit der Remise zur Theaterbühne. Vor der nächtlichen barocken Fachwerkkulisse inszeniert das Theater Van Werven & Lautenbach das Theatertstück „Wie wenn einmal die Sonne nicht wiederkäme“. Die Geschichte über Träume, Bilder, Visionen und Lektionen aus dem unerschöpflichen Interessensfundus von Georg Christoph Lichtenberg ist ein Open-air-Theatererlebnis mit zündenden Sprachblitzen, Feuer -Illuminationen und einem tiefen Blick ins Weltall. Lichtenberg für alle Sinne! Das Stück richtet sich an Erwachsene und Jugendliche ab 16 Jahren. Der Eintrittspreis beträgt 16,00 EUR, bzw. 12,00 EUR (ermäßigt). Weitere Termine: 13.,15.,16.,20.,22.,23. und 25.09. 

Der Sonntag, der Tag des offenen Denkmals, beginnt mit einer aufschlussreichen Spurensuche. Wissen Sie wo in Göttingen einmal die Burg des braunschweig-lüneburgischen Herzogs stand? – Und was hat der Hardenberger Hof, der heutige Sitz des Städtischen Museums damit zu tun? Ein Rundgang mit der Historikerin Dr. Gaby Kuper durch das Museum und auf das Burggelände gibt Antworten auf diese Fragen. Treffpunkt: Städtisches Museum, Tapetensaal um 11:30 Uhr.

Am Nachmittag entführt Sie die Dipl.-Restauratorin Viola Bothmann in die faszinierende Welt der Kirchenkunst. Die umfangreiche Göttinger Sammlung kirchlicher Kunst umfasst Objekte vom frühen Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Vieles aus der in Norddeutschland einzigartigen Sammlung ist jedoch vom Verfall bedroht und muss mit speziellen Methoden geschützt werden. Die ausgewiesene Expertin erläutert Maßnahmen und Techniken, um diese Herausforderung zu meistern und die wertvollen Objekte für künftige Generationen zu erhalten. Beginn: 15:00 Uhr. Preis pro Person 2,- Euro. Am Sonntag ist der Eintritt ins Museum frei.

Sie können sich nicht entscheiden? Dann planen Sie doch ein Wochenende im Städtischen Museum!

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

 

 

01. September 2017

Gehhilfe? – Von wegen!

 Das Städtische Museum besitzt eine umfangreiche Sammlung von Spazierstöcken aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Wer bei diesem, zugegeben erst einmal wenig spannend anmutenden, Begriff „Spazierstock“ an ein medizinisches Hilfsgerät denkt, liegt in den meisten Fällen jedoch komplett daneben!

Bei näherem Hinsehen fällt zunächst auf, wie aufwändig viele Stöcke gestaltet sind. Der Einsatz von kostbaren Materialien wie Elfenbein, Perlmutt, Silber oder Horn ist keine Seltenheit, und spätestens der Blick ins Eingangsbuch offenbart, dass diese Objekte kaum ausschließlich als Gehhilfen dienten. Denn hier überwiegen Bezeichnungen wie „Kavalierstab“, „Schulzenstab“ oder „Schultheissenstock“. Es handelt sich also oft um Statussymbole. Sie verweisen auf den Beruf des Trägers oder seinen sozialen Rang.

Gehstöcke oder Spazierstöcke wurden, neben ihrem praktischen Nutzen, also der Bewältigung von schwierigem Gelände oder der Selbstverteidigung, bereits seit dem Altertum als Statussymbole und seit dem 16. Jahrhundert zunehmend auch als Modeaccessoires getragen. Im 19. Jahrhundert wurde der Spazierstock auch im Bürgertum für das stattliche Erscheinungsbild eines Herren unverzichtbar – und das unabhängig vom Alter des Trägers.

So befinden sich im Besitz des Städtischen Museums, neben einem Schulzenstab aus Bischhausen (1. Abb., 2.v.r.) und einem Schultheissenstock aus Wöllmarshausen (1. Abb., 1.v.r.), unter anderem der Kavalierstock eines Göttinger Studenten (1. Abb., 3.v.r.) und ein Bräutigamsstab aus Werxhausen (1. Abb., 3.v.l). Zu den eindrucksvollsten Exemplaren der Sammlung gehört ein Spazierstock aus dem Besitz der Familie von Hanstein, einem Adelsgeschlecht aus dem Eichsfeld (2. Abb., links). Dieser lackierte Holzstock mit Hornknopf und schimmernden Perlmutteinlagen wurde laut Eingangsbuch im 18. Jahrhundert hergestellt. Das Museum besitzt außerdem den Spazierstock des Göttinger Bürgermeisters Ferdinand Oesterley (1802-1858) (2. Abb., rechts), des älteren Bruders des Malers Carl Oesterley. Dieser Stock stellt ein besonders gutes Beispiel für die repräsentative Wirkung eines solchen Accessoires dar. Aus Rohr gefertigt und lackiert, wird er von einer antikisierenden  Elfenbeinbüste bekrönt. Um welche Persönlichkeit es sich dabei handelt, bleibt jedoch unklar.

 

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)

 

25. August 2017

Vorgestellt – Die Museumswerkstatt

Für die gestalterische und bauliche Umsetzung der letzten Ausstellungen bekommt das Museum immer wieder viel Lob – da wird es doch höchste Zeit die Frau hinter den Kulissen vorzustellen:

Silke Stegemann ist bereits 2 ½ Jahre Tischlerin im Städtischen Museum und ohne sie und ihren Kollegen Horst Leibeling würde hier nichts funktionieren!

Frau Stegemann, was sind Ihre Aufgaben als Museumstischlerin?

Die Aufgaben der Museumswerkstatt können grob in 3 Gruppen eingeteilt werden: Die täglichen Aufgaben im Museum, die Tätigkeiten im Depot und die Vorbereitung und der Aufbau der Sonderausstellungen.

Im Museum kümmern wir uns darum, dass ein möglichst konstantes Raumklima erhalten bleibt. Das ist für den Erhalt der Ausstellungsobjekte sehr wichtig. Wir überprüfen regelmäßig den Zustand der Räume und der Objekte, da sich dieser mit der Zeit und der Dauer der Ausstellung zwangsläufig verändert. Außerdem gehört die technische Betreuung der Veranstaltungen im Museum zu unseren Aufgabenbereichen. Darüber hinaus sind wir auch für den Transport von Objekten, z. B. vom Museum ins Depot, zu anderen Museen, die Objekte von uns leihen möchten, oder zur Behandlung zuständig.

Auch im Depot ist der Erhalt des jeweiligen Raumklimas wichtig. Verschiedene Objekte bzw. Materialien müssen unter unterschiedlichen Bedingungen gelagert werden. Da das Depot noch nicht vollständig eingerichtet ist, findet hier eine laufende Optimierung statt. Diese findet unter Anleitung der zuständigen Kuratorin und in Zusammenarbeit mit anderen MitarbeiterInnen des Museums, statt. Ich bin auch beteiligt an der Planung der Stickstoffbehandlung der Objekte, die ins Depot gebracht werden sollen. Um einen Schädlingsbefall von Objekten aus organischen Materialien ausschließen zu können, müssen diese nämlich vor der Einlagerung im Depot in die Stickstoffbehandlung nach Hannover.   Hierfür ist im Vorhinein viel zu planen und zu organisieren.

Die Vorbereitung und der Aufbau von Sonderausstellungen macht mir am meisten Spaß, da hier viel Kreativität gefordert ist. Gemeinsam mit der Kuratorin widme ich mich hierbei zunächst der Frage: Wie können die jeweiligen Themen und Objekte, in dem Raum, den wir zur Verfügung haben, und mit den Mitteln, die wir haben, optimal präsentiert werden? Dann erst folgen die Herstellung und der Aufbau der Ausstellungsarchitektur. Es ist schön, wenn es uns gelingt, den Besuchern in jeder Ausstellung einen veränderten Raum-Eindruck und somit eine andere Atmosphäre zu vermitteln. Leider ist in unserer Werkstatt nicht genügend Platz, um während der laufenden Ausstellung bereits die nächste vorzubereiten. Daher muss es immer eine Pause zwischen den Sonderausstellungen geben.

Welche Ausstellung war bisher am aufwändigsten? Welche gefiel Ihnen persönlich am besten?

Die aktuelle Sonderausstellung „1529 – Aufruhr und Umbruch“ war die bisher aufwändigste, bzw. arbeitsintensivste, da die Ausstellungsfläche, durch die Einbeziehung der Kirchenkunst im 1. Obergeschoss, am größten ist.

Inhaltlich gefiel mir die Barbara-Ausstellung im letzten Jahr am besten. Die Umsetzung dieser Ausstellung hat mir daher besonders viel Spaß gemacht.

Haben Sie auch schon, bevor Sie ins Städtische Museum kamen, in Museen gearbeitet?

Nein, ich habe als Tischlermeisterin in der Ausbildung gearbeitet.

Wie sind Sie auf den Beruf der Tischlerin gekommen? Man sieht selten Frauen in diesem Beruf.

Ich habe zunächst Pädagogik studiert, habe dabei aber gemerkt, dass ich viel lieber handwerklich arbeite. Deshalb entschied ich mich für die Tischlerlehre. Als ich mit meiner Ausbildung anfing, waren es tatsächlich noch überwiegend Männer, die diesen Beruf ergriffen. Ich hatte aber dennoch nie Probleme, mich zu behaupten. Mittlerweile machen auch immer mehr Frauen eine Ausbildung zur Tischlerin.

Was ist Ihnen persönlich bei der täglichen Arbeit im Museum besonders wichtig?

Ein guter kollegialer Kontakt ist mir wichtig, da wir uns ja mit allen MitarbeiterInnen abstimmen müssen, um einen reibungslosen Austellungs- und Veranstaltungsablauf zu ermöglichen.

 

(Das Interview mit Silke Stegemann führte Izabela Mihaljevic, wissenschaftliche Volontärin.)

18. August 2017

Kunst im Haar – Schildpattkämme als beliebtes Damenaccessoire im 19. Jahrhundert

Die Reinventarisierung des Museumsbestandes fördert immer wieder viele, scheinbar vergessene Objekte vergangener Epochen zu Tage. Darunter befinden sich auch solche, die noch vor einigen Generationen zum festen Bestandteil des Kleiderschranks der Frau von Welt gehörten – so beispielsweise auch eine Sammlung kunstvoll gearbeiteter Steckkämme aus Schildpatt.

Im Zuge meines studentischen Praktikums habe ich mich verstärkt mit jenen fein gesägten Objekten beschäftigt, sah mich aber rasch mit einem verzwickten Problem konfrontiert. Denn im Prozess der Aufnahme der Objekte ist es nicht nur nötig, sie zu vermessen und zu datieren, es ist eben auch nötig, das Material zu bestimmen, aus dem sie angefertigt wurden. Und genau dort zeigt sich die Schwierigkeit.

Einsteckkämme stellten bis in das letzte Jahrhundert einen beliebten Modeartikel dar, und sie taten dies schon seit längerer Zeit. Schon im 18. Jahrhundert verbreiteten sich die Kämme, welche aber nicht mit den schlichten Exemplaren jüngerer Zeit verwechselt werden sollten, sondern ganz dem Zeitgeist entsprechend ausgefallen gearbeitet waren und häufig mit kunstvollen teils geritzten, teils gesägten Motiven versehen waren. Das Schildpatt, hergestellt aus dem Panzer der heute unter Artenschutz stehenden Karettschildkröte, ließ die kleinen Stücke dabei hohe Preise erzielen.

Deswegen wurde häufig das deutlich günstigere Horn (und später auch der Kunststoff Bakelit) an Stelle das aufwendig zu beschaffenden Schildpatts verwendet. Das Horn wurde dabei  so mit Chemikalien bearbeitet, dass es auf der Oberfläche eine dem Schildpatt täuschend ähnliche Musterung und Farbe bildete. Nur einzeln und unter dem Mikroskop lassen sich die Unterschiede feststellen. Eine zeitaufwendige und mühselige Arbeit, welche bei der Beschaffung vieler Stücke durch das Museum in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts nicht getätigt wurde. Und so sprechen die Eingangsbücher an vielen Stellen von Schildpatt, wo möglicherweise nur ein geübter Plagiator am Werk war.

Doch Schildpatt oder nicht, die aufwendige Gestaltung vieler Kämme macht diese Frage mehr als wett. So ist etwa der Kamm mit der Inventarnummer 1900/808, der im Jahr 1900 zusammen mit zwei weiteren Kämmen für einen Preis von 7,50 Mark (was damals recht viel Geld war) vom Museum erworben wurde, ein wahres Kunstwerk. Denn das Schild des in den 1820/30er Jahren gefertigten Kammes ist mit fein gesägten Blüten und Blattmotiven verziert. Die Verzierungen sind leicht beschädigt. Der Kontrast des detailreichen Schilds zu den schlicht gearbeiteten Zinken lässt dabei die Arbeit nur noch besser zur Geltung kommen. (Auch, wenn dieser Teil beim Tragen des Kammes von den Haaren bedeckt war.) Ob das Stück aber nun von Schildpatt oder Horn ist, macht für sein Äußeres keinen Unterschied. Dieses bleibt in jedem Fall wunderschön.

Für die Neugierigen sei abschließend noch gesagt, laut Eingangsbuch handelt es sich bei dem Objekt um einen Kamm von Horn.

(Nico Stober – studentischer Praktikant)

11. August 2017

„Zur wohlwollenden Erinnerung“

Studentische Stammbücher der Lichtenberg-Zeit (1763-1799)                                                  Eine Ausstellung im Göttinger Stadtarchiv

Poesiealben kennen wir alle aus unserer Kindheit: Von Freunden bunt ausgemalte Büchlein mit mal mehr, mal weniger kreativen Sprüchen und Wünschen, die man auch Jahre später gerne immer wieder mit Wonne betrachtet.

Auch im Göttingen des 18. Jahrhunderts existierte eine ähnliche Praxis. Besonders unter Studenten war es üblich, sich in sogenannten Stammbüchern seiner Freunde zu verewigen. Die Einträge bestanden aus einem Denkspruch und oftmals auch einer Zeichnung oder einem, häufig für das Format der Stammbücher angepassten, Kupferstich (eine Skizze, ein Porträt, Naturdarstellungen etc.), der an gemeinsam verlebte Ereignisse erinnern sollte. Ab 1780 kam eine neue Form von Stammbüchern auf. Die Stammbuchblätter, die einzeln an auserwählte Personen verteilt wurden, wurden in einem Schuber aufbewahrt, der nur für die Augen des Adressaten bestimmt war. So wurden die Botschaften mit der Zeit immer persönlicher und verraten uns heute umso mehr über die Sozialgeschichte der damaligen Zeit. Bis 1840 haben mehrere tausend Göttinger Studenten ein Stammbuch geführt. Das Stadtarchiv besitzt daher 316 Exemplare und damit eine der größten Stammbuchsammlungen Deutschlands.

Noch bis zum 30. November ist es im Stadtarchiv möglich, im Rahmen der Ausstellung „Studentische Stammbücher der Lichtenberg-Zeit“ einen Einblick in die Göttinger Stammbücher der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts zu gewinnen. Gezeigt werden Einträge berühmter Persönlichkeiten, darunter Georg Christoph Lichtenberg, Johann Wolfgang von Goethe, Gottfried August Bürger, Adolf Freiherr von Knigge und Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom Stein. Darüber hinaus werden beeindruckende Originalillustrationen, zahlreiche Stammbuchkupferstiche, die von Johann Carl Wiederhold in Göttingen verlegt wurden, und das von Wiederhold produzierte Buntpapier – genannt „Göttinger Marmor“ – in eindrücklichen Beispielen vorgestellt.

Die Ausstellung kann montags bis mittwochs von 8:00-15:30 Uhr, donnerstags von 8:00-18:00 Uhr und freitags von 8:00-13:00 Uhr besucht werden. Der Eintritt ist frei.

(Izabela Mihaljevic, wiss. Volontärin)