25. Mai 2016

Besuch aus Paris zur Eröffnung der Ausstellung „Barbara 1964“

Bei der Eröffnung der Ausstellung „Barbara 1964“ am Internationalen Museumstag, Sonntag, 22. Mai, im Städtischen Museum war der Andrang mit über 250 interessierten Besuchern überwältigend. Der anlässlich der Ausstellung in einen Barbara-Salon verwandelte Tapetensaal konnte die Menschen nicht fassen, so dass viele Besucher im Foyer Platz nehmen mussten.

Ein besonderer Höhepunkt waren die Grußworte von Martine Worms und Bernard Serf, die zur Eröffnung aus Paris angereist waren. Sie vertreten die Association Barbara Perlimpinpin, die die Erinnerung an die große Chansonsängerin pflegt. Begleitet wurden sie von Clémentine Deroudille, freie Kuratorin aus Paris. Die französischen Gäste zeigten sich beeindruckt von der Präsentation. Sie unterstrichen die Bedeutung, die das Göttingen-Lied als Symbol der deutsch-französischen Freundschaft gerade in der heutigen Zeit hat, in der auch in Europa wieder Grenzzäune errichtet und Mauern gebaut werden.

Großen Beifall der französischen und deutschen Eröffnungsgäste fand der Vortrag des Göttingen-Chansons durch Mia Christin Zintarra, eine ehemalige Schülerin des Theodor-Heuß-Gymnasiums. Martine Worms betonte, wie sehr sie sich darüber freue, dass das berühmte Lied Barbaras von einer jungen Studentin gesungen wurde.

 

Foto Gäste Paris

 

Die Gäste aus Paris (von links): Clémetine Deroudille, Martine Worms, Bernard Serf. Ganz links: Ernst Böhme, Museumsleiter

 

 

 

Foto Gäste Foyer

 

 

Begrüßung der französischen Gäste durch Museumsleiter Ernst Böhme und Kuratorin Andrea Rechenberg

 

 

Mia Christin Zintarra

 

 

Mia Christin Zintarra singt „Göttingen”

 

 

 

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

20. Mai 2016

Raritäten aus Kupfer, Silber, Jod und Brom – Daguerreotypien im Städtischen Museum

Das Städtische Museum besitzt in seinem Bestand eine umfangreiche Sammlung von Daguerreotypien des Göttinger Porzellanmalers Philipp Petri (1800-1868). Die fotografische Sammlung ist aufgrund ihrer zeitlichen und regionalen Geschlossenheit eine Besonderheit, denn nur selten erhält sich das Werk eines Fotografen in dieser Vollständigkeit. Auch die Nähe zu Petris Porzellanmalerei ist beachtlich, da er oftmals seine eigenen Porzellanobjekte als Dekoration in seinen Arbeiten verwendete (siehe Blogbeitrag 14. August 2015).

Petris Aufnahmen entstanden in den 1840er und 1850er Jahren. In dieser Zeit war die Daguerreotypie sehr verbreitet. Das Verfahren wurde 1839 erstmals in Paris der Öffentlichkeit präsentiert und ist der Vorläufer unserer heutigen Papierfotografie. Als Bildträger dienten versilberte Kupferplatten, die durch den Einsatz von Chemikalien wie Brom und Jod lichtempfindlich gemacht wurden. Aufgrund der langen Belichtungszeiten wurden die Daguerreotypien erst ausschließlich für Architekturaufnahmen genutzt, ab 1842 wurden vermehrt auch Porträts angefertigt. Die Daguerreotypie lieferte gestochen scharfe und sehr haltbare Bilder. Ein großer Nachteil war aber, dass die Werke nicht vervielfältigt werden konnten. Mit der Erfindung der Papierfotografie und Verfeinerung dieser Technik verlor die Daguerreotypie ab den 1860er Jahren zunehmend an Bedeutung.

Die Werke von Petri befinden sich seit 1905 in der Sammlung des Museums und stammen aus dem Nachlass seiner Enkelin. Die Porträtdaguerreotypien sind mit wertvollen Rahmen und Etuis aus Gold und Seide versehen, die aufwendigen Passepartouts aus farbigem Papier und Goldborten wirken sehr elegant und schmuckvoll. Die Fassungen erfüllten aber nicht nur repräsentative Zwecke, sondern schützten die empfindlichen Platten auch vor Umwelteinflüssen und Bestoßungen. Daguerreotypien müssen mit äußerster Vorsicht gehandhabt werden. Schon die Aufbewahrung in Papier kann feinste Kratzer auf den Oberflächen hinterlassen.

Der Chemnitzer Restaurator Jochen Voigt, der Professor an der Westsächsischen Hochschule Zwickau ist und zu den wenigen Daguerreotypie-Spezialisten in Deutschland zählt, begutachtete kürzlich die etwa 40 Objekte und informierte die Museumsarbeiter über die Konservierung und Aufbewahrung. Die Werke sind in einem überwiegend guten Zustand. Von vielen Daguerreotypien hat sich die originale Fassung erhalten, die für die Wertigkeit wichtig ist. Das am häufigsten vorliegende Schadensbild ist der so genannte „Wischer“. Diese feinen Kratzer auf den Oberflächen können durch das einfache Abwischen der Objekte mit einem Tuch – möglicherweise um Staub zu entfernen –entstanden sein. Zahlreiche Werke sind durch Silbersulfidbildung extrem verdunkelt und fleckig. Diese chemische Reaktion tritt nach dem Öffnen der Rahmen auf. Dabei wird die historische Versiegelung entfernt, und die Daguerreotypie ist nicht mehr luftdicht verschlossen. Wenige Platten sind vom Glaszerfall betroffen, der durch einen hohen Alkaligehalt in den Deckgläsern hervorgerufen wird. Die Schäden wurden meist durch Restaurierungsmaßnahmen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verursacht. Die Daguerreotypie erlebte 1910 eine Renaissance, die eine wahre Restaurierungsflut bestehender Werke auslöste. Diese frühen konservatorischen Maßnahmen entsprachen nicht den heutigen Standards und richteten unwissentlich zahlreiche Schäden an.

Voigt wird daher voraussichtlich in den folgenden Monaten 15 Objekte des Museums konservieren und restaurieren. Die Restaurierung ist eine komplexe Aufgabe. Um das Silbersulfid zu entfernen, müssen die Platten in einem elektrolytischen Bad gereinigt werden. Im Falle des Glaszerfalls werden die Daguerreotypien mit einem neuen chemikalienresistenten Glas versehen. Teilweise müssen auch Passepartouts erneuert und die Objekte stilgerecht wiederversiegelt werden, damit sie zukünftigen Generationen präsentiert werden können.

Petri Philipp 001 um 1840 nach Daguerreotypie.

 

 

Daguerreotypie mit einem Bildnis von Philipp Petri, das zahlreiche oberflächliche Kratzer aufweist

 

 

 

Mann mit Bratsche

 

 

Daguerreotypie mit dem Porträt eines Mannes mit Bratsche, das durch die Silbersulfidbildung extrem fleckig und kaum erkennbar ist.

 

 

 

Konfirmandinnen

 

Diese Daguerreotypie mit dem Bildnis zweier Konfirmandinnen ist in einem guten Zustand.

 

 

 

 

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

9. Mai 2016

Kleine Schätze aus Milchzahn, Haaren und Gold

Im Rahmen eines Praktikums im Städtischen Museum habe ich mich mit den Fingerringen beschäftigt. Die Sammlung beherbergt mehr als 50 unterschiedliche Ringe vom 15. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Im Zuge der digitalen Inventarisierung sind mir viele Schätze begegnet, deren oft verblüffende Geschichte sich erst durch weiteres Nachforschen offenbarte. Einen Teil davon möchte ich im Folgenden vorstellen.

Früher wurden Fingerringe, anders als heute, selten nur als Accessoires getragen. Sie hatten meistens eine tiefergehende Bedeutung. Heute kennt man noch den Verlobungs- oder Hochzeitsring. Doch was ist mit Freundschafts-, Memorial- oder Trauerringen?

Die meisten dieser Ringe werden ins späte 18. und 19. Jahrhundert datiert. Während der europäischen Aufklärung gab es Mitte des 18. Jahrhunderts die Epoche der Empfindsamkeit. Sie richtete sich gegen die rein vernunftorientierte Lebensgestaltung und die Entpersönlichung der Beziehungen. Die Freundschaft, egal ob gleich- oder zwischengeschlechtlich, erfuhr eine starke Aufwertung. Ihr zu Ehren wurden sogar Denkmäler und Tempel errichtet.

Freundschaftsringe ziert häufig eine Darstellung der Allegorie der Freundschaft. IMG_2626Diese ist meistens als junge Frau in einem weißen Gewand dargestellt, denn die reine Freundschaft altert nie. Oft entblößt sie ihre linke Brust (die Seite auf der das Herz sitzt) und hat Tauben, die für Friede, Sanftmut und Eintracht stehen, als Attribut. Ein solches Schmuckstück trägt meistens auch ein Spruch zum Wert der Freundschaft. Manchmal beherbergen Freundschaftsringe auch „ein Stück“ des geliebten Menschen, oft in Form seines Haares. In der Sammlung sind hierfür zahlreiche, sehr unterschiedliche Beispiele zu finden. So wurde das Haar beispielsweise in einem aufklappbaren Kästchen am Ring aufbewahrt oder wurde sichtbar hinter einem kunstvoll gearbeiteten Gitter in den Ring eingelassen. Besonders eindrucksvoll sind die feinen Haararbeiten hinter Glas, die die Schilder mancher Ringe zieren. IMG_2571Aus kleingeschnittenen Haaren wurden Landschafts- oder Blütenmotive gefertigt oder in mühseliger Feinarbeit kunstvoll gestaltete Initialen geklebt.

Freundschaftsringe lassen sich, wenn nicht explizit durch eine Allegorie oder Inschrift als solche bezeichnet, oft kaum von Liebes-, Memorial- oder Trauerringen unterscheiden. Auch Paare oder Eheleute trugen solche Schmuckstücke. Oft geschah dies aus Anlass einer räumlichen Trennung oder wenn der Partner oder Freund verstarb.

Trauerringe wurden auch häufig in hoher Auflage bei Beerdigungen an die Angehörigen des Verstorbenen verteilt. Einen Sonderfall unter den Memorialringen des Städtischen Museums stellt ein prachtvoll mit Zellenschmelz gearbeiteter goldener Ring dar, dessen Schild statt Steinen fünf blütenförmig angeordnete Milchzähne zieren. Vielleicht gehörte dieser Ring einmal einer Mutter, die ihn zur Erinnerung an ihre möglicherweise verstorbenen Kinder trug. Über seine Herkunft ist jedoch nichts bekannt.IMG_2575 Dies gilt leider für die meisten der Freundschafts- und Memorialringe in der Sammlung des Städtischen Museums, da diese größtenteils der „Sammlung Vaterlandsdank“ entstammen. Diese nahm, laut einem Eintrag in der Korrespondenz-Chronik des Museums aus dem Jahre 1915, während des ersten Weltkriegs Edelmetalle von der Bevölkerung entgegen, um die Hinterbliebenen der Kriegsopfer zu unterstützen. Die im Museum noch erhaltenen Fingerringe wurden durch Ankauf vor dem Einschmelzen bewahrt.

 

Izabela Mihaljevic M.A. (Praktikantin)

 

26. April 2016

Denkmal an Schule

Turbulent ging es an diesem Dienstagmorgen im Museum zu. Für 25 Schüler einer dritten Klasse der Albanischule stand die Göttinger Stadtgeschichte auf dem Programm. Die Schule nimmt im April an dem pädagogischen Projekt „denkmal an Schule“ teil, das das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege bereits zum dritten Mal veranstaltet. Die Kinder besuchen verschiedene Gotteshäuser, Schlösser, Museen und Parks in ihrer Umgebung und lernen altersgerecht die unterschiedlichen Lebensstile und Epochen kennen. In diesem Rahmen sollen sie mit den Denkmälern vertraut gemacht werden und ein Bewusstsein für unser kulturelles Erbe entwickeln. Im Unterricht werden die historischen Inhalte dann zusätzlich noch vertieft.

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Im Städtischen Museum beschäftigten sich die Kinder mit dem mittelalterlichen Leben in Göttingen. Was machten die Leute eigentlich damals beruflich und was trugen sie für Kleidung? Zusammen mit der Kirchenpädagogin Bettina Lattke gingen sie diesen Fragestellungen nach und informierten sich über die meist ungewöhnlichen Handwerksberufe und das Gildewesen. Die größte Attraktion war die kleine Modenschau, bei der die Kinder nach historischen Vorbildern geschneiderte Kleidung und Kopfbedeckungen anprobieren und spielerisch in eine andere Zeit eintauchen konnten.

 

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

 

 

 

 

15. April 2016

Under Construction

Ausstellung 002

Es wird geschraubt, gehämmert, gestrichen und auch manchmal geflucht. Der Aufbau der neuen Sonderausstellung „Barbara 1964“ befindet sich im vollen Gange. Bis zur Eröffnung am 22. Mai ist zwar noch etwas Zeit. Trotzdem läuft die Vorbereitung bereits auf Hochtouren. Für die multimediale Präsentation müssen zahlreiche Monitore, Kopfhörer und allerhand technisches Gerät installiert werden. Texte und Fotografien müssen ausgewählt und auf die Wände aufgezogen werden. Dafür sind Tischler, Techniker, Graphiker und Kuratoren fleißig am Werke.

Barbara

Zentrales Thema der Ausstellung ist das in Deutschland immer noch weitgehend unbekannte Chanson Göttingen der französischen Sängerin Barbara, das sie 1964 während ihres Aufenthaltes in der Stadt schrieb und das in Frankreich zu einem Symbol der deutsch-französischen Freundschaft wurde.

Das umfangreiche Begleitprogramm wird zahlreiche Vorträge, Führungen und Veranstaltungen umfassen. So werden viel Musik und ein Käse-Wein-Seminar die Sechziger Jahre und das französische Savoir-vivre aufleben lassen.

 

(Saskia Johann, wiss. Volontärin)

 

5. April 2016

Auf Spurensuche in Göttingen

Am vergangenen Sonntag begaben sich drei Urenkel von Professor Moriz Heyne (1837-1906) auf die Spuren ihres Vorfahren, der als Gründer des Städtischen Museums gilt. Die Nachfahren reisten aus der Schweiz nach Göttingen, um die Porträtbüste ihres Urgroßvaters zu bewundern. Das Bildnis stammt aus dem Jahre 1903 und wurde von dem Bildhauer Paul Nisse (1869-1949) im Auftrag des Göttinger Magistrats für Heynes Verdienste gefertigt. Sie befindet sich seitdem im Foyer des Städtischen Museums neben dem ebenfalls von Nisse geschaffenen Gänseliesel. Die Nachfahren erfuhren durch Familiendokumente von der Existenz des Bildnisses und nahmen Kontakt mit dem Museum auf.

Museumsleiter Dr. Ernst Böhme führte die Geschwister Isabel und Philipp Stauffer sowie deren Cousine Christina Heyne durch die Ausstellung und zeigte die Sammlungsstücke der Kirchenausstellung, die Heyne noch selbst erworben hatte. Die Nachfahren interessierte vor allem der Umgang mit dem Erbe ihres Urgroßvaters, und schnell ergab sich ein persönliches Gespräch. Aus den Erzählungen ihres Großvaters wusste Isabel Stauffer, dass Heyne ein sehr engagierter Mensch war und auch in Zeiten ohne Internet ein großes Netzwerk pflegte. In der Familie ist man ziemlich stolz auf den bekannten Nachfahren. Ein Ururenkel hielt kürzlich im Unterricht ein Referat über die Gebrüder Grimm und war sehr begeistert, seinen Klassenkameraden zu erzählen, dass sein Vorfahr 1883 die von Jakob Grimm begonnene Herausgabe des Deutschen Wörterbuchs weitergeführt hatte.

Ein weiterer Programmpunkt auf ihrer dreitägigen Göttingen-Reise ist für die Urenkel Heynes ehemaliges Wohnhaus in der Wöhlerstraße 6, an dem eine Gedenktafel auf den einstigen Bewohner hinweist. Des Weiteren wollen sie aber auch die Stadt kennen lernen und holten sich Tipps für den Aufenthalt.

Durch den Besuch im Museum bestärkt, versicherte Isabel Stauffer, die Spurensuche auch an den anderen Wirkungsstätten ihres Urgroßvaters wie Halle an der Saale und Basel zu verfolgen. Mit Göttingen ist aber schon mal ein guter Anfang gemacht.

 

 

Philipp Stauffer, Isabel Stauffer und Christina Heyne neben der Büste ihres Urgroßvaters

 

 

 

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

11. März 2016

„Probieren geht über studieren“

Wöhler Friedrich 001 Professor Dr. Ehrenbürger.Die Redewendung „Probieren geht über studieren“ kennt wahrscheinlich jeder. Sie stammt von dem Mediziner und Chemiker Friedrich Wöhler (1800-1882), der von 1836 bis zu seinem Tod als Professor an der Göttinger Universität wirkte. Mit seinen Worten sprach er aus Erfahrung. Zu seinen Lebzeiten befand sich die chemische Forschung noch in ihren Anfängen und war als Fach an den Hochschulen kaum vertreten. Durch seine erfolgreichen Experimente gelang Wöhler die Synthese von Harnstoff. Er gilt damit als Pionier der organischen Chemie und Biochemie. Bahnbrechend ist auch seine Reduktionsmethode, mit der er erstmals reines Aluminium entwickeln konnte. Wöhler baute das Chemische Laboratorium in Göttingen zu einer Forschungsstätte von internationalem Rang aus. 1857 wurde er für seine Verdienste um die Göttinger Chemie zum Ehrenbürger der Stadt ernannt.

Wöhler_DepotDas Städtische Museum verwahrt eine nach dem Leben modellierte Büste des Chemikers. Die deutsch-amerikanische Bildhauerin Elisabet Ney (1833-1907), die sich durch Bildnisse von Arthur Schopenhauer und Jacob Grimm einen Namen machte, porträtierte Friedrich Wöhler im Jahre 1868 in mehreren Sitzungen. Die Büste war in einer kolossalen Ausführung für den Neubau der Polytechnischen Hochschule in München vorgesehen und sollte mit einem Bildnis von Justus von Liebig das Eingangsportal der chemischen Abteilung schmücken. Wöhler fühlte sich sehr geschmeichelt durch diese Auszeichnung. Er fürchtete aber, dass sich sein schmaler Oberkörper und sein hageres Gesicht nicht für ein Porträt eignen würden. Seine Sorgen erwiesen sich jedoch als unbegründet. Das Porträt mit den markanten Gesichtszügen wirkt sehr lebensnah und kommt den Fotografien des Chemikers sehr nahe. Die grazilen Proportionen werden durch eine klassische Manteldraperie überspielt, die die Zeitlosigkeit und Würde der Darstellung unterstreicht.

Wöhler, DenkmalDas Ergebnis gefiel Wöhler so gut, dass er sofort einen Abguss bestellte. Auch zahlreiche Kollegen und Freunde wie Justus von Liebig und August Wilhelm von Hofmann erhielten Exemplare. Elisabet Ney stellte daher eine umfangreiche Abgussserie her und vertrieb das Werk über die Gipsgießerei der Gebrüder Micheli in Berlin, durch die Exemplare sogar bis Philadelphia gelangten. Noch heute produziert die Gipsformerei der Staatlichen Museen zu Berlin Abformungen der Büste. Das Wöhler-Porträt wurde vor allem von dem Bildhauer Ferdinand Hartzer (1838-1906) geschätzt. Er verwendete es als Vorlage für sein Denkmal des Chemikers in Göttingen, das 1890 enthüllt wurde.

Wöhler selbst bekam einen Abguss seiner Büste noch im Dezember 1868. Das Exemplar befand sich bis 1906 in Familienbesitz. Wöhlers Tochter Emilie vermachte das Werk testamentarisch dem Städtischen Museum. Seit 1984 ist es als Dauerleihgabe in der Kunstsammlung der Universität Göttingen.

 

(Saskia Johann, freie Mitarbeiterin)

24. Februar 2016

Sonntags ins Museum – mit Flüchtlingen

Gerade mal fünf Namen standen auf der Liste. Ich hatte um Anmeldung gebeten: Wer will nächsten Sonntag mit ins Museum? Also gehe ich von Tür zu Tür, um die Bewohner in der Flüchtlingswohnlage noch einmal persönlich einzuladen.

Sonntags ist es oft langweilig, und draußen regnet’s eh – warum also nicht? scheinen sich viele zu denken, denn zwanzig Minuten später sind fast 20 Heimbewohner – aus Syrien und Afghanistan – an der Bushaltestelle eingetrudelt; meine vorab besorgten Bustickets reichen nicht aus.

Angekommen im Städtischen Museum, wird die Gruppe von Herrn Dr. Böhme begrüßt. Hatte ich ihn erst davon abhalten wollen, seinen Sonntagvormittag zu opfern, bin ich jetzt doch erleichtert, dass er da ist: Eine männliche Stimme dringt einfach besser durch, und die Gruppe, ausnahmslos junge Männer, hört ihm auch sehr gerne zu. Zu zweit spielen wir uns die Bälle zu, halten die Gruppe auf Trab. Oder sie uns?

In der Abteilung Kirchenkunst gibt es so manchen Anknüpfungspunkt zu entdecken, auch wenn die Strahlenkranzmadonna hier Mariam heißt und ihr Mann Jussuf – war er überhaupt ihr Mann? fragt ein Informierter.

Als Hit erweist sich wieder einmal der Religionen-Raum: Viele Wiedererkennungseffekte, Nachfragen und Selbstvergewisserungen bezüglich der eigenen religiös-kulturellen Herkunft.

Anschließend auf eine Tasse Kaffee – das muss sein! Im Bullerjahn werden wir, trotz Mittagszeit, freundlich empfangen. Am Tisch lässt sich noch manches vertiefen, Vokabeln werden ausgetauscht, Schreibweisen abgeglichen.

Der Bus fährt uns zurück nach Zieten, zufällig ist es derselbe freundliche Busfahrer wie vor zwei Stunden. „ Lassen Sie Ihre Leute hinten einsteigen, ich mache Ihnen auf!“, ruft er mir entgegen.

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Begrüßung der Gruppe im Museum

Ein Selfie vor dem Marienaltar

Ein Selfie vor dem Marienaltar

Angeregte Diskussion im Raum der Religionen

Angeregte Diskussion im Religionen-Raum

 

(Bettina Kratz-Ritter, Gastblogbeitrag)

11. Februar 2016

Göttinger Gedenktafeln – ein wachsendes Denkmal

Immer wieder geraten sie in unser Blickfeld, doch selten halten wir inne, um genauer hinzusehen. Die marmornen Gedenktafeln an den Häuserfassaden fügen sich symbiotisch ins Stadtbild und wollen doch (mehr!) Aufmerksamkeit erlangen für Persönlichkeiten, die durch ihren Aufenthalt in der Stadt, durch ihr Wirken oder gar durch ihr Lebenswerk Teil der Göttinger Stadtgeschichte sind.

1874 sind die Gedenktafeln auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Georg Merkel eingeführt worden – sie stellen eine Besonderheit der Stadt dar.

Folgt man dem Historiker und Autor Siegfried Schütz auf einen Spaziergang durch Göttingen, werden aus scheinbar schnöden Marmortafeln Persönlichkeiten, die für die Geschichte Göttingens von großer Bedeutung sind.

dahlmann 002So wurde der Historiker Friedrich Christoph Dahlmann (1803-1875) mit einer Tafel in der Weender Landstraße geehrt. Er ist einer der »Göttinger Sieben«, die 1837 dem neuen König Ernst August Verfassungsbruch vorwarfen, da dieser das hannoversche Staatsgrundgesetz von 1833 außer Kraft gesetzt hatte. Dagegen protestierte Dahlmann zusammen mit Wilhelm Albrecht, Heinrich Ewald, Jacob und Wilhelm Grimm, Georg Gervinus und Wilhelm Weber. Sie wurden alle – jeder für sich – geehrt mit einer Gedenktafel an ihren Wohnhäusern oder Wirkungsstätten und ergeben zusammen ein Stück Stadtgeschichte. Ein im Bestand des Städtischen Museums befindliches Porzellanbild (nach 1829) gibt einen Einblick in das private Leben Dahlmanns, genauer: in das bürgerliche Wohnzimmer der Familie. In für jene Zeit ungewöhnlich legeren Posen lauschen dort die Damen des Hauses dem vorlesenden Dahlmann.

GÖ Gedenktafeln_BrahmsEine Gedenktafel zu Johannes Brahms ist angebracht an der Fassade des Städtischen Museums am Ritterplan. Sie zeugt von den Besuchen Brahms im ehemaligen Haus des Klavierfabrikanten Ritmüller, dem heutigen Museumssitz. Dort musizierte Brahms gemeinsam mit Clara Schumann, dem Geiger Joseph Joachim und Agathe von Siebold, Tochter des Göttinger Mediziners Eduard von Siebold.

Auch das Schicksal der Eheleute Max Raphael und Gertrud Hahn hat durch die marmorne Tafel an der Villa in der Merkelstraße 3, enthüllt an 8. November 2014, einen festen Platz im Gedächtnis der Stadt erhalten. In Folge dieser Ehrung und als ein Zeichen des Vertrauens überließ die Familie ihre restituierten Möbel als Dauerleihgabe dem Städtischen Museum. (Siehe auch Blogbeitrag vom 17.11.2014).

GÖ Gedenktafeln_Schütz signiert BuchImmer wieder kommen neue Gedenktafeln hinzu. In dem Buch »Göttinger Gedenktafeln. Ein biografischer Wegweiser« (Vandenhoeck & Ruprecht, 2015) beschreibt Autor Siegfried Schütz in Kurzporträts das Lebenswerk und die Bedeutung der Gewürdigten. Zudem informiert das Stadtarchiv über die aktuell enthüllten Gedenktafeln, von denen es allein 2015 fünf gab.

Dies als Anstoß zu einem aufmerksamen Blick auf bekannte, weniger bekannte, übersehene und neue Tafeln und somit auf das dynamisch wachsende und sich immer wieder erneuernde Gesamtdenkmal der Stadt Göttingen! Seine gegenständlichen Bezüge und Pendants findet es im Städtischen Museum Göttingen.

 

(Ines Lamprecht, Gastblogbeitrag)

28. Januar 2016

„Leider, nein“

„Früher konnte man doch bei Ihnen Kindergeburtstag feiern, unsere Älteste hat das noch ganz toll in Erinnerung. Unsere Jüngste möchte das jetzt auch. Bieten Sie das noch an?“

So oder so ähnlich lauten immer wieder Anfragen, die das Museum und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erreichen. Es ist wirklich schade, aber diese Angebote kann das Museum leider zur Zeit nicht leisten. Die Dauerausstellung zur Stadtgeschichte ist geschlossen, für Museumspädagogik ist im wahrsten Sinne des Wortes kein Platz, weder für deren Durchführung noch für die Lagerung von Materialien. Der Baustellenbereich ist größer, als der zur Verfügung stehende Ausstellungs- und Veranstaltungsbereich.

 

Und noch eine Zahl

Seit sieben Jahren können Göttinger Schul- und Kitakinder das Museum nicht mehr als Erlebnis- und Bildungsort kennenlernen. Werden die Besucherzahlen der vorherigen Jahre zu Grunde gelegt, bedeutet dies, dass in den letzten sieben Jahren etwas über 38500 Kinder das Museum ihrer Stadt nicht haben kennen lernen können. Es wächst eine Generation von kleinen Göttingern heran, die „ihr“ Museum nicht kennen.

Damit bleibt ihnen auch ein wesentlicher Zugang zur Stadtgeschichte verschlossen. Für viele Kinder ist der Museumsbesuch mit der Schule oder die Teilnahme an einem Ferienangebot der einzige und zumeist der erste Kontakt mit dem Museum, seinen Objekten und Ausstellungen. Gerade bei der Erfüllung der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe der Integration leisten Museen hier einen entscheidenden Beitrag. Er wird – zu Recht – gerade von Museen verstärkt eingefordert.

Bei aller Diskussion um die Kosten: Wenn es um ein saniertes und neugestaltetes Museum geht und die Frage im Raum steht: was ist uns das Museum wert, ist doch eines zweifelsfrei klar: 38500 Besuche von Kindern die nicht haben stattfinden können ist eindeutig eine viel zu hohe Zahl.

Rechenberg Kindergeburtstag Januar 2010 2 Rechenberg Kindergeburtstag Januar 2010 3                                                                     Kindergeburtstag 2010

 

Rechenberg Kindersamstag 2012 1

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Kindersamstag 2012  

 

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)