19. Juli 2019

Nicht nur Blumen und Schmetterlinge…

Neue Werke von Elsa Hoppe in der grafischen Sammlung

Farbenfroh und abwechslungsreich. Das sind die neun Werke der Göttinger Künstlerin Elsa Hoppe (1902 in Kassel geboren, 1991 in Göttingen gestorben), die wir dank einer Schenkung in unseren Sammlungsbestand haben aufnehmen können.

Es sind acht Aquarelle und ein Linolschnitt. Alle Werke weisen die für die Künstlerin charakteristische Art der künstlerischen Formgebung durch eine lebhafte Linienführung auf. Elsa Hoppe nutzt bevorzugt die Linie, um den Flächen eine feste Umrandung zu geben. Die Aquarellfarben setzt die Göttinger Künstlerin oftmals ungewöhnlich deckend ein. Dadurch erscheinen ihre Werke äußerst kraftvoll, und durch die Verwendung von Aquarellpapier wird diese Wirkung nochmals unterstützt.

Bei der Inventarisierung der Werke wird deutlich, dass die Grafiken einem kompositorischen Bildaufbau folgen. Es werden klare Linien gesetzt, durch Perspektive der Blick des Betrachters gelenkt und die Bildaufteilung harmonisch gestaltet.

Die Motive sind vielfältig: Tulpen in kräftigen Rottönen, ein Blick in einen Wald, der in einem satten Grün gehalten ist oder die Ansicht einer Häusergruppe vor einem Bergmassiv. Zudem sind zwei Stillleben Teil der Schenkung: zwei Obstschalen auf einem Tisch und ein Arrangement aus Krügen, einer Karaffe, einem Teller und einer Tasse. Ebenso sind maritime Szenen vertreten: Zum einen das Wattenmeer und zum anderen im Hafen liegende Schiffe. Eine Tierdarstellung ist auch dabei: drei umherflatternde Schmetterlinge, die, wie unter einer Lupe vergrößert, in dem Aquarell festgehalten wurden. Es scheint, als wären sie während der Bewegung aufgenommen, wie in einer Momentaufnahme.

Die Künstlerin erzielt mit gekonnten Pinselstrichen unterschiedliche Effekte. Mal erzeugt sie Plastizität, wie bei den beiden Obstschalen, ein anderes Mal führt die starke Konturierung dazu, dass Formen deutlich erkennbar werden, wie bei den Krügen. Die Motive einiger Werke sind auch mit wenigen Konturierungen erkennbar, wie bei den Bergdorfansichten. Die Häuser und die Landschaft sind als großzügige Flächen auf das Papier gebracht worden.

In unserer grafischen Sammlung sind zahlreiche Arbeiten von Elsa Hoppe vorhanden. Dass wir nun durch weitere farbenfrohen Werke unseren Bestand ergänzen können, ist wunderbar.

(Simone Hübner, Kuratorin)

Abb. 1: „Tulpen“, Aquarell, undatiert; Abb. 2: „Bergdorf“, Aquarell, undatiert; Abb. 3: Stillleben, Aquarell, undatiert; Abb. 4: „Schiffe“, Aquarell, undatiert; Abb. 5: „Schmetterlinge“, Linolschnitt, undatiert

 

12. Juli 2019

Die Welt im Nähkästchen

Es ist wieder Urlaubszeit und für viele somit Reisezeit. Wenn es anschließend wieder zurück in die Heimat geht, nimmt so mancher gern zur Erinnerung etwas aus dem Urlaubsort mit nach Hause: ein Souvenir. Das Konzept des Souvenirs ist aber keine Erfindung der Gegenwart. Auch schon im 19. Jahrhundert war es möglich am Reiseziel ein Souvenir zu erwerben. Denn das war die Zeit, in der es für das wohlhabende Bürgertum erschwinglich wurde, sogenannte Grand Tours, Bildungsreisen durch Europa und sogar bis ins Heilige Land zu unternehmen.

In Kreativität stehen die damaligen Souvenirs den heutigen in nichts nach und sie begegnen uns in fast allen Sammlungsbereichen des Museums – auch im Nähkästchen. Dort sind sie als solche oft nicht gleich zu erkennen, aber schaut man einmal genauer hin, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. So erging es neulich unserer ehrenamtlichen Mitarbeiterin Ulla Kayser. Im Zuge der Inventariserung einiger Nähutensilien entdeckte sie zwei besonders interessante Objekte aus Elfenbein: einen Vorstecher, der als Nadelbüchse fungierte und eine kleine Eichel, in der sich ein Maßband versteckte. Die fein ornamentierten Schätze haben beide am oberen Ende eine ganz unscheinbare kleine Linse. Doch wer den Blick hinein wagt, dem zeigt sich ein unerwartet detailreiches Bild. Durch die Linse des Vorstechers wird das Herrmanns-Denkmal sichtbar, und durch die der kleinen Eichel ein Bild der Wartburg. Leider sind die Linsen so winzig, dass wir die Bilder hier nicht zeigen können. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Stanhope-Linse – ein kleiner Glasstab mit einem, dem Auge zugewandten, konvexen Ende, das mit geringer Brennweite als starkes Vergrößerungsglas für das am anderen Ende aufgebrachte schwarzweiße, transparente Miniaturbild dient, das im Durchmesser nicht größer als 0,8 mm ist.

Ob die Besitzerin diese Andenken selbst von einer Reise mitgebracht hat oder es ein Geschenk war, wissen wir nicht. Sicherlich waren es aber gern genutzte Gegenstände, die die Hausarbeit durch schöne Erinnerungen versüßten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Links: Vorstecher (Nadelbüchse), Elfenbein, oben Stanhope-Linse mit Darstellung des Herrmanns-Denkmals, nach 1875; rechts: Maßbandbehälter, Elfenbein, im Griff Stanhope-Linse mit Darstellung der Wartburg, um 1840

(Izabela Mihaljevic, Kuratorin)

 

05. Juli 2019

„….mit meinem guten Namen“

Der Gebrauch der Schrift gilt gemeinhin als Kennzeichen menschlicher Hochkulturen. Die Kulturtechnik des Schreibens trennt die eigentliche Geschichte der Menschheit von der schriftlosen Vor- und Frühgeschichte. So wichtig und hochgeschätzt die Kunst des Schreibens auch ist, so lästig kann diese Tätigkeit werden – vor allem wenn es um sich ständig wiederholende oder gleichförmige Texte geht.

Schon früh hat der Mensch in seinem unbezähmbaren Drang nach Bequemlichkeit daher versucht, sich bei dieser ungeliebten Arbeit Erleichterung zu verschaffen. Bereits die alten Ägypter kannten die Technik des „Rubrizierens“, also der Ordnung von Texten in Listenform. Bei der Herstellung mittelalterlicher Handschriften erreichte diese Kunst einen Höhepunkt.

Auch das Formular, von Reinhard Mey in seinem Chanson „Ein Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars“ melancholisch besungen und vielfach bespöttelt oder verflucht, ist eine geniale Hilfe bei der Bewältigung gleichförmiger Texte. Durch die Vorgabe bestimmter Formulierungen und die Abfrage einzelner Punkte wird die Bearbeitung gleichförmiger Vorgänge enorm erleichtert und vor allem die Fehleranfälligkeit verringert.

Die Unterschrift mit dem eigenen Namen ist innerhalb der Schriftkultur eine der wichtigsten Formen der Beglaubigung – man bestätigt eben etwas „mit seinem guten Namen“. Aber auch hier sucht der Mensch die Bequemlichkeit, indem er z. B. den vollen Namen zur Paraphe, zum Namenskürzel, reduziert. Aber manchen Menschen, die wichtig sind und daher viel unterschreiben bzw. paraphieren müssen, war selbst das noch zu wenig. So kam es im 18. Jahrhundert zur Erfindung des Paraphenstempels, in den das Namenskürzel eingeprägt war.

Der Göttinger Oberbürgermeister Georg Merkel war solch ein vielbeschäftigter Entscheider. In seiner Amtszeit von 1870 bis 1893 modernisierte er Göttingen von Grund auf und führte die Stadt an die Schwelle des 20. Jahrhunderts. In der Sammlung des Städtischen Museums wird Merkels Paraphenstempel verwahrt (s. Abb. oben), der ihm bei seinen zahllosen Amtsgeschäften sicher gute Dienste geleistet hat.

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

21. Juni 2019

Nachts im Museum…

Wer schon immer einmal nachts ins Museum gehen wollte, hatte am vergangenen Samstag bei der Nacht der Kultur die Gelegenheit dazu. Wir hatten zwar keine lebendigen Mumien oder Dinosaurier zu bieten – auch die Figuren in der Kirchenkunstsammlung blieben alle an ihrem Platz. Dafür rollten bereits am frühen Abend in der alten Posthalterei wieder die Wagenräder.

Gruselig war es dennoch nicht, obwohl bei dem einen oder anderen Song der fantastischen Wagon Wheels Gänsehaut garantiert war! Dort wo früher die Postkutschen standen gaben, zwischen Museumsvitrinen, die vier Göttinger ihre wunderbar kreativen Coversongs zum Besten. Das begeisterte Publikum konnte sich davon überzeugen, dass Cover eben nicht gleich Cover ist und forderte eine Zugabe nach der anderen. Mit viel Witz und Charme und mit einer erstaunlichen Bandbreite teils sehr ungewöhnlicher Instrumente kreierten Sandra, Helen, Tim und Oliver gänzlich neue Kompositionen aus altbekannten Songs ganz unterschiedlicher Musikrichtungen und Jahrzehnte. Uns wurde wahrhaft heiß und kalt, bei ihrer leicht ironischen Interpretation von Katy Perrys „Hot ‘n cold“, und während der Darbietung Ihrer Fassung von Britney Spears‘ „Toxic“ kehrte eine unerwartet lauschige Atmosphäre ein. Aber auch die 90er kamen nicht zu kurz. Während Helens energiegeladenem Einsatz der Violine bei  „Rhythm is a dancer“ von Snap! konnte keiner mehr stillstehen. Eine außergewöhnliche Nacht im Museum!

(Izabela Mihaljevic, Kuratorin)

14. Juni 2019

Kirsche, Erdbeere, Vogel und Hund

Ein Bild und seine versteckten Botschaften

Das 1732 datiert Bild zeigt ein etwa fünf Jahre altes Mädchen. Es steht im Zentrum des Bildes auf einem schwarz-weiß gekachelten Boden. In der rechten Hand hält es Kirschen und auf der linken Hand sitzt ein kleiner Vogel – genauer gesagt ein Bluthänfling. Diese Tiere waren damals wegen ihres Gesangs sehr beliebte Volierenvögel. Darüber hinaus symbolisiert der Bluthänfling auf Kinderbildern die Seele oder den Geist des Kindes. Ein weiteres Tier ist auf dem Bild zu sehen, ein kleiner schwarz-weißer Hund, ein Phalène. Diese Hunderasse war besonders verspielt und freundlich und ebenfalls als Haustier beliebt. Seit dem 13. Jahrhundert wird dieser Hund in Verbindung mit adeligen Personen auf Portraits abgebildet. Auf einem Tisch neben dem Mädchen ist eine Fruchtschale mit Kirschen, Stachelbeeren, Erdbeeren und Johannisbeeren zu entdecken.

Diese Beigaben, auch Attribute genannt, sind nicht zur Dekoration auf dem Bild. Sie sind wegen ihrer Bedeutung, ihrer Symbolik ausgesucht worden. Früher war diese Bedeutung allen bekannt, so dass die BetrachterInnen des Bildes diese Bildsprache lesen und verstehen konnten. Blumen, hier an der Kopfbedeckung des Kindes, galten als Symbole der Liebe im Allgemeinen. Früchte hingegen waren gemeinhin ein Symbol der Fruchtbarkeit. Kirschen galten als paradiesische Frucht, aber auch als Symbol der Tugend. Hunde dagegen waren ein Symbol der Erziehung, aber auch der Treue.

So ist dieses Bild vielleicht als sogenanntes Brautbild entstanden. Um Adelshäuser miteinander zu verbinden, wurden früher nicht selten Kinder schon in jungen Jahren einander versprochen. Eine andere Deutung ist aber auch möglich: Vielleicht ist dies das Bildnis eines frühverstorbenen Kindes und der kleine Vogel verkörpert die Seele des Mädchens?

Leider haben wir bislang keine weiteren Angabe zu dem Portrait in den Unterlagen des Museums finden können. Wir wissen nicht, wann und wie es ins Haus gekommen ist, oder wer es dem Museum überlassen hat. Zwar zeigt das Bild eine Signatur, sie konnte aber bisher nicht entziffert werden. Auch eine Untersuchung mit Infrarotstrahlen hat keine weiteren Erkenntnisse gebracht.    Dieses älteste Ölgemälde eines Kindes im Bestand des Museums konnte diese Woche nach fünfmonatiger Restaurierung der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Möglich wurde die dringend notwendige Restaurierung an dem zuvor stark geschädigten Bild durch die Unterstützung der Fielmann AG. Dankenswerterweise hat Herr Jürgen Ostwald, Fielmann AG, selbst Kunsthistoriker und Kenner des Barock, die Restaurierung dieses Bildes initiiert. Gemeinsam mit seiner Kollegin Melina Kliebisch, Fielmann Göttingen, und der Diplomrestauratorin Viola Bothmann, die dieses Bild fachkundig und aufwendig restauriert hat, konnte er es nun dem Museum wieder übergeben. Da wir es aufgrund der stockenden Sanierung zur Zeit nicht ausstellen können, zeigen wir es hier, im Blog, unserer digitalen Ausstellungsfläche.

v. l. Melina Kriebisch (Fielmann AG), Jürgen Ostwald (Fielmann AG), Viola Bothmann (Restauratorin), Ernst Böhme (Museumsleiter), Andrea Rechenberg (Kuratorin)

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

07. Juni 2019

Gold gäb ich für Eisen… oder wie war das nochmal?

Die Magie eines „unedlen“ Metalls

Ich habe mal wieder in meine Lieblings Wundertüte geschaut – unseren Schmuckschrank. Diesmal fiel mir ein Karton mit filigranen und doch recht schweren Schmuckstücken ins Auge – allesamt schwarz. Um welches Metall es sich hier wohl handelt? Silber ist es nicht, Gold oder Platin sowieso nicht. Es ist Eisen! Doch wann trug man Schmuck aus Eisen?

Tatsächlich war Eisenschmuck bereits in der Antike beliebt. Während der Römischen Kaiserzeit (27 v. Chr. bis 284 n. Chr.) wurden dem Metall, das oft zu Ringen verarbeitet wurde,  magische Kräfte nachgesagt. Es sollte der Trägerin oder dem Träger in allen Zufällen des Lebens „kaltes Blut“ bewahren.

Ein regelrechtes „Revival“ erlebte der Eisenschmuck Anfang des 19. Jahrhunderts. Aus dieser Zeit stammt der Schmuck in unserer Sammlung. Zunächst vermutlich in England als günstiges Ersatzmaterial verwendet, wurde Eisen bald europaweit zum „Trendmaterial“ in der Schmuckherstellung. Die bekannteste Eisengießerei des 19. Jahrhunderts ist die Königlich Preußische Eisengießerei, weshalb der dort hergestellte Eisenschmuck auch oft als Berliner Eisen bezeichnet wird. Bei der Herstellung wird entweder flüssiges Eisen in Formen gegossen oder dünne Eisendräte werden in die gewünschte Form gebogen. So entstehen klare filigrane Konturen die in Verbindung mit der zurückhaltenden Farbe vor allem dem Geschmack des Bürgertums entsprachen, zu dessen wichtigsten Tugenden Bescheidenheit zählte – frei nach dem Motto „weniger ist mehr“. Stilistisch wurde neben Rückgriffen auf die antike Formensprache (Antike: ca. 800 v. Chr. – ca. 600 n. Chr.), auch aus dem gotischen Formenrepertoire geschöpft (Gotik: ca. 1150-1500). Oft wurden die Schmuckstücke mit mythologischen Figuren oder Bildnismedaillons berühmter Persönlichkeiten versehen. Das Portrait einer Person ist auf Schmuckstücken aus dem frühen 19. Jahrhunderts besonders häufig zu finden: das der 1810 verstorbenen preußischen Königin Luise (Vgl. Abb. 4). Während der Befreiungskriege (1813-1815) wurde Schmuck aus dem festen Material, das auch für Standhaftigkeit und Unerschütterlichkeit steht, häufig als Trauerschmuck getragen. Als die weiblichen Mitglieder des Königshauses – allen voran Prinzessin Marianne von Preußen – die Bevölkerung dazu aufriefen, ihren Goldschmuck als Spende zur Finanzierung des Kriegs abzugeben, erhielten die zahlreichen Spenderinnen Broschen oder Ringe aus Eisen, mit der Inschrift „Gold gab ich für Eisen“(Das im Übrigen wurde auch im 1. Weltkrieg praktiziert. Doch das ist eine andere Geschichte).

Nach Ende der Befreiungskriege geriet Eisenschmuck nicht aus der Mode. In dieser Zeit der wiedererwachenden Frömmigkeit waren besonders Kreuzanhänger aus Eisen weiterhin sehr beliebt. Diese wurden als Symbol des Glaubens noch bis Mitte des Jahrhunderts oft an einer langen Kette um den Hals getragen.

Die im Städtischen Museum bewahrten Schmuckstücke wurden größtenteils zwischen 1815 und 1840 in der unweit entfernten Eisengießerei zu Rübeland im Harz hergestellt. Neben Halsketten, Anhängern und Broschen, sind hier auch Ohrringe, Hutschnallen und Strickhaken aus Eisen zu finden, an denen die vielfältigen Möglichkeiten dieses unterschätzten „unedlen“ Metalls deutlich werden. Als Fazit kann festgehalten werden, dass Eisenschmuck keineswegs „unedel“ ist. Und einmal mehr zeigt sich: auch in den kleinsten und vermeintlich banalsten Dingen im Museum steckt oft eine Menge Geschichte, die es sich zu entdecken lohnt.

 

Abb. 1: Brosche, Eisenguss, 1820-1830; Abb. 2: Ohrhänger mit gusseisernen Rosenranken auf polierten Stahlplättchen, um 1815;  Abb. 3: Halskette, Eisengießerei zu Rübeland, um 1815; Abb. 4: Detail zu Abb.3: Anhänger mit Bildnismedaillon der Königin Luise, Eisenguss auf poliertem Stahl, Golddraht

(Izabela Mihaljevic, Kuratorin)

 

 

31. Mai 2019

„An die ferne Geliebte“

„An die ferne Geliebte“ ist der Titel eines Liederzyklus Ludwig van Beethovens. „An die ferne Geliebte“ ist genauer gesagt der Titel des ersten Liederzyklus überhaupt in der Musikgeschichte. Und „An die ferne Geliebte“ war der Titel eines Konzerts im Städtischen Museum mit diesem Zyklus und anderen Liedern Beethovens. Beethoven, der Schöpfer der großen Symphonien, beherrschte auch die „kleine Form“ des Liedes in genialer Weise.

Von dieser großen Kunst Beethovens – vorgetragen von der Mezzosopranistin Susanne Krumbiegel und Michael Schäfer am Ritmüller-Tafelklavier – ließen sich auch die Konzert-Besucher am letzten Samstag im intimen Rahmen des Museums verzaubern. Wobei es der Wirkung dieser Lieder keinen Abbruch tut, dass Beethoven wie bei seiner Musik, so auch bei den Liedtexten nur mit dem Besten zufrieden war: Fünf der vorgetragenen Lieder stammten von Johann Wolfgang von Goethe, darunter das bekannte „Kennst du das Land, wo die Zitronen blüh´n“ und das „Mailied“, das wohl erste bedeutende Gedicht Goethes.

Der Liederzyklus „An die ferne Geliebte“ war übrigens nicht einer Geliebten des Komponisten, sondern wahrscheinlich dem Andenken an Maria Karoline gewidmet, der früh verstorbenen Frau des Fürsten Joseph von Lobkowitz.

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

 

17. Mai 2019

Goldmuscheln, Zeitreisen und  schwungvolle Rhythmen

Bald ist Internationaler Museumstag!

Am kommenden Sonntag ist wieder Internationaler Museumstag, und wie gewohnt ist nicht nur der Museumseintritt für jeden frei, es geht auch mal wieder so richtig die Post ab!

Ab 11.00 Uhr sind die kleinsten zu einer spannenden Mitmachaktion eingeladen. Kinder von 8-14 Jahren können mit der am Museum tätigen Restauratorin Viola Bothmann die Technik des Vergoldens kennenlernen und sie auch gleich selbst anwenden.

Die Vergoldungsaktion steht im Zeichen der Jakobsmuschel. Findet ihr sie im Museum? Und was hat es damit auf sich? Wer es herausfindet, erhält eine Belohnung!

Um 13.00 Uhr begeben wir uns mit Rainer Driever bei einer Führung durch die aktuelle Sonderausstellung Der Rote Sonnabend. Facetten und Folgen der Novemberrevolution 1918 in Göttingen 100 Jahre in die Vergangenheit – eine dramatische Zeit in der überkommene politische und gesellschaftliche Ordnungen zusammenbrechen. Wir hören und sehen, wie die Göttinger Bürgerinnen und Bürger die Ereignisse, wie das Kriegsende und die Revolution, empfunden haben, und wie das kulturelle Leben wieder aufblühte.

Anschließend, ab 15.00 Uhr, sonnen wir uns im Glanz der goldenen 20er, der seine Spuren, wenn auch nur bescheiden, auch in Göttingen hinterließ. Die Swinging Amatörs lassen die „Roaring 20’s“ mit schwungvollen Rythmen weder lebendig werden.

Zeitgleich, ebenfalls ab 15.00 Uhr, entführt Museumsleiter Ernst Böhme geschichtshungrige Museumsbesucher bei einer Führung durch die Ausstellung Stadt. Macht. Glaube ins Göttingen des 16. Jahrhunderts. Wie haben die Menschen hier vor 500 Jahren gelebt? Woran haben sie geglaubt? Wer hatte die Macht in der Stadt? Und welche Ereignisse und Erfindungen beeinflussten die Geschichte nachhaltig? Hier gibt es Antworten auf alle diese Fragen…

Wir wünschen viel Vergnügen!

(Izabela Mihaljevic, Kuratorin)

10. Mai 2019

Flasche oder Fläschchen ?

Das ist hier die Frage…,denn bei der Inventarisierung im Museum sollen Verkleinerungsformen wie „Fläschchen“ als Objektbezeichnungen möglichst vermieden werden. Dennoch entschieden wir uns fürs Fläschchen, im besonderen Fall das Riechfläschchen, da es sich hier um eine feststehende Objektbezeichnung handelt.

In der Literatur ist es an prominenter Stelle zu finden – beispielsweise in Goethes Faust. So ruft Gretchen in der Szene vor dem Dom „Nachbarin! Euer Fläschchen!“ (Regieanweisung: fällt in Ohnmacht). Das mit Riechsalz gefüllte Zierfläschchen, im Pompadour oder in der Gewandtasche der Dame diskret verwahrt, sollte stets schnell zur Hand sein, um Abhilfe zu schaffen. Gretchen zu jung und, wie wir wissen, zu unerfahren, bittet die ehrbare Nachbarin darum.

In meiner Schulausgabe des „Faust“, dem sog. Trunz, als Pflichtlektüre 1960 am Gymnasium für Mädchen (heute Hainberg- Gymnasium), steht zur besagten Zeile (3834) folgender Kommentar:„Jahrhunderte haben nicht nur psychische, sondern auch physische Eigenheiten; zu denen des 18. Jahrhunderts gehören die häufigen Ohnmachten. Man trug als Gegenmittel Riechfläschchen bei sich. Gretchens Ruf sagt nur: „ich werde ohnmächtig“ und bedient sich dabei einer Wendung, die damals häufig vorkam….“

Verschwiegen wird hier schamhaft der eigentliche Grund für diese häufigen Ohnmachten im 18. Jahrhundert: Die durch die Mode vorgeschrieben engen Korsetts und Schnürungen ließen den Frauen buchstäblich keine Luft zum Atmen mehr!

Die hübschen Flacons waren mit stark riechenden Substanzen, sogenannten Riechsalzen, gefüllt und wurden zur Belebung bei Schwindel und Ohnmachtsanfällen unter die Nase gehalten.

Wenn wir den Gebrauch unterschiedlicher Fläschchen bis in unsere Zeit verfolgen, können wir feststellen, dass in fast jeder Epoche „Mittelchen“ für mehr oder weniger starke Unpässlichkeiten und Zustände zur Verfügung standen: Da wären zunächst die sehr verbreiteten HOFFMANNS TROPFEN (Ätherweingeist / oder Spiritus aethereus) als Stimulans des Zentralnervensystems, den Kreislauf anregend – schon Mitte des 19. Jahrhundert sehr in Mode; die starkwirksamen, rezeptpflichtigen OPIUMTROPFEN  (u.a. gegen Reisediarrhöe),  die DREIERLEI TROPFEN (Baldriantinktur, Pfefferminzöl und Spiritus)  als Magenmittel bei Völlegefühl etc. in den beginnenden Wirtschaftswunderzeiten, und später die RESCUE TROPFEN der Bachblütentherapie bei Erregung und Panik aus der alternativen Pflanzenheilkunde. Das alles waren besondere Flüssigkeiten, hergestellt in den Apotheken und dort lose abgefüllt in Tropffläschchen, bis sie von Fertigarzneimitteln verdrängt und ersetzt wurden.

Fast zwei Jahrhunderte hindurch hielten (meist) Frauen diese Art Fläschchen, abgefüllt in der Apotheke, neben dem Parfümflacon in ihren Handtaschen für den „Notfall“ bereit, ganz dem besseren Wohlbefinden, dem Zeitgeist und Lebensgefühl entsprechend.

 

Abb.1: Riechfläschchen, Kristallglas und Metall, 18./19. Jh.; Abb.2: Das Riechfläschchen in Aktion: Marguerite Gérard, “Schlechte Nachrichten“, 1804, Louvre, Paris (Bildnachweis: Pascal3012); Abb. 3: Riechfläschchen, Elfenbein und Silber, verm.18. Jh.; Abb.4: Riechfläschchen, Milchglas und Messing, 18./19. Jh.

 

(Ulla Kayser, ehrenamtliche Mitarbeiterin)