22. September 2016

Foyer-Gespräche

„Don′t go to Göttingen“ – diesen Rat erhielt ein Besucher des Städtischen Museums. Der junge Mann aus New York studiert zurzeit Physik am Forschungszentrum Jülich, das zu den größten Forschungseinrichtungen Europas gehört. Er kam jetzt nach Göttingen, um die Stadt zu sehen, in der so viele berühmte Physiker gelebt haben – und starben. Er präsentierte mir eine Liste aus dem Internet, in der annähernd 20 Nobelpreisträger aufgelistet waren, die alle in Göttingen ihr Leben gelassen haben sollen. Daher der gut gemeinte Rat eines Kommilitonen, die Stadt zu meiden, wie er schmunzelnd erzählte.

Aber gibt es diese Stadt überhaupt? Ein Besucher, der mit seiner Familie in Frankreich lebt und jetzt die Barbara-Ausstellung besuchte, berichtete, dass Göttingen wegen des gleichnamigen Liedes in Frankreich sehr bekannt wurde. Jedoch glaubten viele es handele sich um eine fiktive Stadt, die der Fantasie Barbaras entsprungen sei. Diese Ansicht scheint verbreitet zu sein (siehe Blogbeitrag, 21. Juli 2016).

Göttingen nur existent in einem französischen Lied – das gibt auch einem Nicht-Physiker zu denken…

(Detlev Jaeger, wissenschaftlicher Mitarbeiter)

 

15. September 2016

Bien sûr, ce n’est pas la Seine…

11 Mitglieder und Freunde der Deutsch-Französischen Gesellschaft Göttingen haben die Ausstellung „Barbara 1964“ unter der französischen Führung von Annie Pretzsch am Samstag besichtigt. Die seit 30 Jahren in Göttingen lebende Französin ist mit den Chansons der großartigen französischen Sängerin groß geworden und erklärte, dass die Lieder von Barbara immer noch aktuell in Radiosendungen in Frankreich zu hören und keineswegs in Vergessenheit geraten seien. Wenn man von Barbara redet, denkt man sofort an ihre melancholischen und wehmütigen Lieder, die Sängerin war im Alltag aber durchaus eine fröhliche und lustige Persönlichkeit. Sie war nicht die Diva, die man sich vorstellen kann, sondern war aufmerksam und hat den anderen zugehört. Aber zugegeben, man muss schon ein bisschen in ihrem Repertoire suchen; die von ihr gesungenen Lieder wie „Oncle Archibald“, „elle vendait des pétits gâteaux“ (sie verkaufte kleine Kuchen), „les Rapaces“ (Raubvögel) und „Veuve de guerre“ (Kriegswitwe) sind durchaus witzige Lieder. 2016 09 03 (1)

Barbara, die berühmte französische Sängerin, hat jüdische Wurzeln. Nach dem Krieg fiel es ihr sehr schwer, sich davon überzeugen zu lassen, ein Konzert im Jahr 1964 in Göttingen zu geben. Erst nach mehreren hartnäckigen Versuchen von dem damaligen Direktor des Jungen Theaters, Hans-Gunther Klein, war sie dazu bereit, erreichte Göttingen aber mit gemischten Gefühlen. Nach Überwindung von einigen Schwierigkeiten, z.B. fehlte im damaligen Jungen Theater ein Konzertflügel, und durch den sehr warmen und herzlichen Empfang der Göttinger verlief der Besuch Barbaras in Göttingen viel besser, als sie es selbst erwartet hatte. Durch die Freundlichkeit der Göttinger Bürger und die Blütezeit vieler Rosen inspiriert, komponierte Barbara ein Chanson über die Stadt Göttingen, das berühmt wurde und als Symbol der deutsch-französischen Völkerverständigung gilt.

Die frankophilen Besucher der Führung im Städtischen Museum verfolgten die Ereignisse die zur Entstehung des Liedes „Göttingen“ beitrugen und erhielten Einblicke in Barbaras Anfänge als Künstlerin, ihre großen Erfolge, schwierige Situationen in ihrem Leben und ihr Alterswerk. Viele Nachfragen zeugten von dem großen Interesse der Besucher. Am Ende der Führung waren die Teilnehmer um viele Details und Anekdoten des Lebens dieser außergewöhnlichen Sängerin reicher und haben sich vielleicht zuhause gleich das eine oder andere Chanson von Barbara angehört.

Auf Anmeldung sind französische Führungen möglich. Ein Begleitheft in Französisch oder in Englisch über die Ausstellung ist an der Kasse gegen eine Gebühr von 2 € zu bekommen.

(Annie Pretzsch, Gastblogbeitrag)

6. September 2016

Schneewittchen und die sieben Zwerge

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Sieben Zwerge sitzen und stehen um eine gedeckten Tisch. Mit dabei auch ein Krähe und eine Katze. Ein Braten und eine große Flasche (Schnaps?) sind schon serviert, nun kommt Schneewittchen mit einem weiteren gebratenen Geflügel auf einer Servierplatte. Die Zwerge prosten ihr augenscheinlich hungrig, aber gut gelaunt zu, die Vorfreude auf das Mahl ist förmlich zu spüren. Schneewittchen trägt einen großen Schlüsselbund am Gürtel, dieser kennzeichnet sie als die Vorsteherin über den Zwergen-Haushalt, sie verwaltet und kontrolliert Speisekammer und Küche.

Die Zwerge tragen Hauspantoffeln und scheinen schon recht alt zu sein. Am Kopfende sitzt der greise Zwergenkönig mit mahnend erhobenem Zeigefinger. Vielleicht sind ihm die Zwerge etwas zu ausgelassen und er will zu mehr Ruhe auffordern. Trotz des munteren Gewusels am Tisch, ist doch kaum vorstellbar, dass diese Truppe noch täglich im Bergwerk arbeitet. Außer den Personen und den unmittelbar für das Essen notwendigen Gerätschaften ist weiter nichts zu sehen. Die Szene schwebt auf einem grünblauen Grund. Wahrlich märchenhaft.

Leider gibt es keine Signatur, keinerlei Hinweis auf den Illustrator. Stilistisch kann das Bild dem ausgehenden 19. Jahrhundert zugeordnet werden, es erinnert an die Märchenillustrationen bekannter Künstler dieser Zeit. Es war durchaus üblich, nicht nur zu malen, sondern auch Grafiken und Illustrationen herzustellen. Aber anders als zum Beispiel die romantisierenden Bilder von Ludwig Richter oder die eher ernsten Bilder der Worpsweder Schule zeigt dieses Bild einen besonderen Sinn für Humor.

Das Bild ist im Besitz eines Heimatvereins, der sich mit der Bitte um Begutachtung an das Museum gewandt hat. Eine erste Überprüfung, die ersten Spuren, die wir verfolgt haben, führten leider noch zu keinem Ergebnis. Vielleicht können Sie uns weiterhelfen?

Vermutungen, Tipps und Hinweise, die zur Identifizierung des Künstlers oder der Künstlerin beitragen, sind herzlich willkommen.

(Andrea Rechenberg, Kuratorin)

26. August 2016

Techno, Trabbi, Tamagotchi

Kürzlich ist das Städtische Museum angefragt worden, sich an einem interessanten Online-Projekt über die 1990er Jahre zu beteiligen. Die Ausstellungsagentur Zeitläufer aus Leipzig veranstaltet mit 52 Sammlungen 52 Wochen  bei Facebook eine Social Media-Ausstellung und befragt Museen und Archive in Deutschland nach ihren Sammlungshighlights aus dem „Jahrzehnt des Wandels“. Ab dem 29. August soll jede Woche ein Objekt aus den teilnehmenden Institutionen vorgestellt werden.

Wir haben natürlich überlegt, mit was man die 1990er Jahre verbindet. Für einige war es Kindheit, für andere Studien- oder junge Elternzeit und wieder andere waren schon damals im besten Alter. Das Jahrzehnt erweckt Assoziationen wie Loveparade, Boygroups, Talkshows, neue DM-Mark und Postleitzahlen oder technischer Fortschritt. Aber was ist in Göttingen passiert? Selbstverständlich soll das präsentierte Objekt auch für die Stadtgeschichte und unser Haus stehen.

Die Wiedervereinigung ist sicherlich das zentrale und wichtigste Ereignis – nicht nur für Deutschland, sondern auch für Göttingen. So führte die Nähe zur Grenze und einem Grenzübergang zu einem hautnahen Erleben der historischen Situation. Viele Göttinger und Göttingerinnen werden sich noch an die anrollende Trabbi-Welle nach der Grenzöffnung erinnern. Ebenfalls prägend ist die Neugründung der jüdischen Gemeinde 1994, die eine Versetzung der Synagoge aus Bodenfelde nach Göttingen und eine sehr willkommene Wiederbelebung jüdischen Lebens in unserer Stadt zur Folge hat. Zu beiden Ereignissen hat das Städtische Museum anschauliche Objekte. Für welches wir uns letztendlich entschieden haben, ist eine Überraschung und wird demnächst bekannt gegeben.

 

Grenzöffnung

 

Trabbis an einem provisorischen Grenzübergang

 

 

 

Synagoge

 

Die Synagoge an ihrem ehemaligen Standort in Bodenfelde – Zur Zeit der Reichspogromnacht wurde sie als Schuppen genutzt und hat daher die Zerstörungen überstanden.

 

 

 

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

18. August 2016

Wir machen mal blau!

In dieser Woche hat unser Ausstellungsraum mit den drei großen Schnitzaltären einen neuen Anstrich erhalten und erstrahlt ab sofort in einem wunderschönen leuchtenden Marienblau. Die Farbe ist typisch für die Muttergottes, deren Mantel auf Gemälden und Altarbildern in diesem Ton dargestellt ist. Abb. 2Das Blau symbolisiert das Himmlische und Göttliche. Es steht aber auch für die Besonderheit und Einzigartigkeit, denn die blaue Farbe musste für die Kunstwerke früher aus dem kostbaren, aus Persien importierten Edelstein Lapislazuli gewonnen werden.

Wir hatten es dagegen etwas einfacher, wir benötigten nur ein Gerüst für den Anstrich der hohen Wände. Die farbliche Neugestaltung liefert bereits einen kleinen Vorgeschmack auf die im kommenden Jahr stattfindende Reformationsausstellung „1529 – Aufruhr und Veränderung“, die am 9. April eröffnet werden wird. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Die gesamte Ausstellungsfläche wird einbezogen und teilweise neu gestaltet. Zudem sind eine Vortragsreihe, Stadtführungen und ein umfangreiches museumspädagogisches Programm geplant.

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

11. August 2016

Das Maß aller Dinge

Zu den Aufgaben einer wissenschaftlichen Volontärin gehört es, Objekte zu inventarisieren, d.h. sie zu beschreiben, zu bestimmen, zu fotografieren und in einem digitalen System aufzunehmen. Momentan inventarisiere ich den umfangreichen Sammlungsbestand an Tuchmacher- und Schneiderellen, die früher zum Abmessen der Stoffe genutzt wurden.

Die Elle ist eine Längenmaßeinheit und gehört zu den ältesten Naturmaßen. Sie entspricht etwa dem Abstand zwischen dem Ellenbogen und der Spitze des Mittelfingers eines erwachsenen Mannes. In Zahlen gesprochen sind dies in der Regel zwischen 55 und 65 cm.Abb. 1 Es gab beispielsweise preußische, Hannoversche, badische oder sächsische Ellen. Vor der Einigung zum Kaiserreich 1871 war Deutschland in viele kleine Staaten geteilt, die nicht nur unterschiedliche Gesetze hatten, sondern auch unterschiedliche Maßeinheiten verwendeten. Die Hannoversche Elle beträgt 58,4 cm und unterscheidet sich dadurch von der preußischen, dass sie fast 8 cm kürzer ist. Die Maße waren für die Städte bzw. die Länder genormt. Die Einhaltung der Richtwerte wurde durch die zuständigen Eichämter kontrolliert. Die entsprechenden Eichzeichen weisen auf ein erfolgreiches Bestehen bei der Eichung hin und sind für die Einordnung hilfreich. Zusätzlich gab es vielerorts Maßverkörperungen an offiziellen Gebäuden wie dem Rathaus, um die Ellen zu überprüfen. Im Kaiserreich wurde dann das metrische System eingeführt und mit einem Metermaß gemessen. Die Ellen wurden aber auch weiterhin verwendet, die neue Skaleneinteilung wurde meist durch grobe Kerbungen in das Holz geritzt.

Das Städtische Museum hat in seinem Bestand sehr kunstvoll ausgestaltete Stücke. Abb. 2Die meist aus einem Vierkantholz bestehenden Ellen sind mit schwungvoll gedrehten Griffen und Intarsien aus Schildpatt, Bein, Messing und anderen wertvollen Holzarten verziert. Besonders oft findet man die sogenannten Braut- und Aussteuerellen, die Frauen zur Hochzeit geschenkt bekamen. Sie besitzen eine Widmung mit Jahreszahl und oftmals einen lehrreichen Spruch wie „Achte dich klein, halte dich rein“. Die ältesten Ellen stammen aus dem 18. Jahrhundert.

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

5. August 2016

Neuzugang im Städtischen Museum

Das Städtische Museum hat auf einer Auktion des Göttinger Auktionshauses das Aquarell „Monte Soratte“ des jüdischen Malers Hermann Hirsch (1861-1934) erworben. Das Werk stammt aus Privatbesitz und entstand 1908 bei einem Aufenthalt des Künstlers in Italien.Hirsch_Aquarell Mit weichem Pinselstrich und hellen erdigen Farbtönen zeigt Hirsch die malerisch-idyllische Landschaft des Latiums. So blühen auf den Feldern bunte Blumen, ein Schäfer hütet seine Schafe und im Hintergrund erhebt sich majestätisch der Berg, der aus weiter Entfernung sichtbar ist.

Hirsch war für seine stimmungsvollen Landschaften bekannt. Er nahm an zahlreichen Akademie-Ausstellungen in Berlin teil und verdankt seinen Italien-Aufenthalt einem Empfehlungsschreiben der Akademie. Nach seiner Übersiedlung von Berlin nach Bremke bei Göttingen 1918 fertigte er in Gemälden und Grafiken zahlreiche Dorfansichten, die seine neue Heimat wiedergeben. Auch mit Porträts machte er sich einen Namen. Im Besitz des Städtischen Museums befinden sich vorwiegend Landschaftsbilder mit regionalen Motiven und Porträts Göttinger Bürger. Mit dem Aquarell schließt das Museum eine wichtige Sammlungslücke, da Aquarelle des Künstlers und Arbeiten aus seiner Zeit in Italien nur spärlich überliefert sind.

Hirschs weiteres Schicksal verlief wie das vieler jüdischer Künstler. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er nicht mehr mit Aufträgen bedacht und aus seinem Haus in Bremke vertrieben. Er beging 1934 Selbstmord. Seine Besitztümer, die nicht zuvor von seiner Familie außer Landes geschafft werden konnten, wurden arisiert. Das Städtische Museum veranstaltete 2009 eine große Sonderausstellung über den Künstler, zu der ein bebilderter Katalog erschien. Das Werkverzeichnis, das erstmals alle überlieferten Werke aufnimmt, wurde von Rainer Driever vorgelegt.

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

28. Juli 2016

Museum on Tour – jungsteinzeitliche Funde in den Schulklassen

Steinzeitkoffer geschnitten

Sommer 2015: Auf der Internetseite des Städtischen Museums Göttingen entdecke ich den Steinzeitkoffer. Dieser enthält überwiegend Objekte aus der Jungsteinzeit, die an die Schulen in der Umgebung gegen einen Pfand ausgeliehen werden können. Die steinzeitlichen Objekte erzählen viel über sich selbst und über die Menschen, von denen sie einst angefertigt wurden. Aber um diese Geschichten erfahren zu können, muss man wissen, wie man diese Objekte liest.

Als Archäologin stelle ich bei meiner Arbeit folgende Fragen: Wie kann man aus den alten Gegenständen und Bodenbefunden die Urgeschichte der Menschen erforschen? Wie müssen wir bei der Ausgrabung vorgehen, um möglichst viele Informationen zu erhalten? Und wie können daraus Schlussfolgerungen auf die Kultur oder die Epoche gezogen werden, aus der diese Objekte her stammen? Diesen Fragen nachzugehen wäre doch bestimmt spannend für Schülerinnen und Schüler unterschiedlichsten Alters. Und da ich bereits in verschiedenen Museen in der Bildungsvermittlung gearbeitet hatte, biete ich dem Städtischen Museum Göttingen meine professionelle Unterstützung an und habe das Glück, freiberuflich den Steinzeitkoffer betreuen zu dürfen.

Die Göttinger Schulen werden über das Steinzeitprogramm informiert und ab der zweiten Septemberhälfte melden die ersten Lehrkräfte ihr Interesse. Meistens sind es die 5. Klassen der Gymnasien, weil für diese Stufe die Steinzeit auf dem Lehrplan steht. Aber auch viele Grundschulen und auch höhere Jahrgänge nehmen an dem Programm teil.

Also fahre ich mit dem Koffer und einigen von mir erstellten Materialien in die Schulen. Zu den Materialien gehören Schautafeln, einige Arbeitsblätter wie Fundzettel und Materialien für einen Workshop. Als weiteres Medium nutze ich die Schultafeln. Darauf zeichne ich zuerst einen Zeitstrahl, um den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, wie unvorstellbar lange die Menschen in steinzeitlichen Kulturen gelebt haben. Anhand der Schautafeln bekommen die Schülerinnen und Schüler zuerst einen Einblick in das Thema, bevor sie dann die erstaunlich alten Dinge in die Hand nehmen durften. Jeder Schüler und jede Schülerin sucht sich ein begehrtes Stück heraus und dokumentiert es mit Hilfe des Fundzettels. Anschließend können sie ihre handwerklichen Fähigkeiten erproben: wie man ein Brot mit Zutaten zubereitet, die den steinzeitlichen Menschen zur Verfügung standen, oder wie man Pfeile aus Holz und Gänsefedern baut. Der zeitliche Umfang der Gruppen variiert dabei. Manche haben nur eine Stunde in einer AG, andere einen ganzen Vormittag Zeit.

Die Arbeit mit und an den Schulen macht mir sehr viel Spaß. Die Lehrkräfte an den Göttinger Schulen sind sehr kooperativ und die Schülerinnen und Schüler stecken voller Elan und Wissbegierde. Ihre Stars heißen Lucy, Ötzi oder Obelix und dürfen auch auf dem Zeitstrahl nicht fehlen. Ihre Fundzettel füllen sie mit sorgfältiger Akribie aus, und sogar in den Pausen umschwirren sie den Steinzeitkoffer wie die Wespen das Marmeladenglas. Und in fast jeder Klasse befindet sich jemand, der sich in die Abenteuer eines Indiana Jones begeben will. Die kleinen Forscherinnen und Forscher entdecken einen Abdruck auf dem Steinbeil, der sich als Rest eines Birkenrindenpechs herausstellt. Damit wurde das Beil an einem Schaft geklebt. Sie scheuen nicht davor, den Mageninhalt prähistorischer Menschenfunde zu untersuchen, um herauszufinden, ob diese Vegetarier waren. Moment mal! Mageninhalt? Den können wir bei den Moorleichen untersuchen. Die sind aber erst 2 000 Jahre alt und damit wesentlich jünger als die steinzeitlichen Funde. Aus der Altsteinzeit haben wir ja nur die Knochen oder meistens sogar nur den Schädel eines prähistorischen Menschen. … Und sie erkennen, dass es schon in der Steinzeit unterschiedliche Kulturen gab. So bauten die Menschen im Norden Großsteingräber und fertigten trichterförmige Gefäße an. Während im Gebiet um den Harz herum die Leute mit kugeligen Amphoren Rinder in einige ihrer Gräber legten. All diese spannenden Dinge und noch vieles mehr können die Schülerinnen und Schüler in dem museumsdidaktischen Programm erfahren.

Aktuell gestalte ich den Inhalt des Steinzeitkoffers neu und erstelle einen Flyer, der mit einem Text und einigen Bildern Informationen zu dem Programm liefert und Neugierde wecken soll. Dies findet in enger Abstimmung mit dem Städtischen Museum Göttingen, insbesondere mit der Kuratorin Simone Hübner, sowie dankenswerterweise mit der Unterstützung von Betty Arndt, der Leiterin der Stadtarchäologie Göttingen, statt.

Mal sehen, wie oft es im nächsten Jahr in die Steinzeit geht….

(Astrid Otte, freie Mitarbeiterin)

 

21. Juli 2016

Und Göttingen gibt es doch!

Unsere Barbara-Ausstellung stößt auf große Resonanz. Immer wieder schreiben uns Museumsbesucher Geschichten, die sie durch Barbara und das Göttingen-Lied erlebt haben.

Eine schöne Begebenheit erzählte eine Göttingerin von ihrer Rucksack-Tour durch Frankreich im letzten Jahr. Bei einer Rast kam sie mit einem französischen Radfahrer ins Gespräch. PlattencoverAls sie erwähnte, dass sie aus Göttingen kommt, schnappte ihr Gegenüber nach Luft, ließ sein Rad fallen und stimmte enthusiastisch in Dirigentenpose das Göttingen-Lied an. „Sie kennen doch Barbara!“ Natürlich wusste die Göttingerin von der Sängerin, das Lied hatte sie aber noch nie gehört. Sie war äußerst beeindruckt und verblüfft, dass der wildfremde Mann in den Bergen den Namen ihrer Heimatstadt immer wieder freudestrahlend wiederholte. Aber auch der Radfahrer war erstaunt und sprachlos, denn er hatte Göttingen bislang immer für einen Phantasieort gehalten. Dass nun eine Göttingerin leibhaftig vor ihm stand, begeisterte ihn total.

 

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

14. Juli 2016

Ekkehard Reuter – ein vergessener Künstler

Der Maler und Graphiker Ekkehard Reuter, der 1878 in Graudenz geboren wurde, lebte von 1909 bis 1913 in Göttingen. In diesen Jahren betrieb er in der Weender Straße 23 eine Kunstschule, die man von der Mühlenstraße aus erreichte. Reuter inserierte in den Göttinger Adressbüchern für seinen Unterricht. Neben Kursen zur Porträt-, Landschafts- und Stillebenmalerei bot er Schulungen im Zeichnen und der Druckgraphik an. Laut seiner Anzeige sollten im Sommer Ausflüge in die Umgebung zum Malen organisiert werden, für das Winterhalbjahr waren Akt-Abende im Botanischen Garten angekündigt. Für 30 bis 60 Mark im Monat konnten Unterrichtseinheiten für alle Stufen und Anforderungen belegt werden. Abb. 1Wer diese Veranstaltungen besuchte, ist nicht bekannt. Aufgrund der nur kurzen Existenz der Schule lässt sich vermuten, dass das Konzept nicht erfolgsversprechend war. Bereits 1913 ging Reuter für ein Jahr nach München. Bevor er 1926 in die Schweiz zog und sich seine Spur verliert, hat er in Kassel gelebt.

Das Städtische Museum verwahrt eine Graphik des Künstlers aus dessen Zeit in Göttingen. Der Aluminiumdruck, auch Algraphie genannt, zeigt die Außenansicht der St. Marienkirche bei Nacht. Das Blatt ist 1911 entstanden und mehrfach aufgelegt worden. Die Arbeit wurde beim Künstler persönlich mit weiteren drei Werken für die Museumssammlung erworben.

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)