28. Juli 2016

Museum on Tour – jungsteinzeitliche Funde in den Schulklassen

Steinzeitkoffer geschnitten

Sommer 2015: Auf der Internetseite des Städtischen Museums Göttingen entdecke ich den Steinzeitkoffer. Dieser enthält überwiegend Objekte aus der Jungsteinzeit, die an die Schulen in der Umgebung gegen einen Pfand ausgeliehen werden können. Die steinzeitlichen Objekte erzählen viel über sich selbst und über die Menschen, von denen sie einst angefertigt wurden. Aber um diese Geschichten erfahren zu können, muss man wissen, wie man diese Objekte liest.

Als Archäologin stelle ich bei meiner Arbeit folgende Fragen: Wie kann man aus den alten Gegenständen und Bodenbefunden die Urgeschichte der Menschen erforschen? Wie müssen wir bei der Ausgrabung vorgehen, um möglichst viele Informationen zu erhalten? Und wie können daraus Schlussfolgerungen auf die Kultur oder die Epoche gezogen werden, aus der diese Objekte her stammen? Diesen Fragen nachzugehen wäre doch bestimmt spannend für Schülerinnen und Schüler unterschiedlichsten Alters. Und da ich bereits in verschiedenen Museen in der Bildungsvermittlung gearbeitet hatte, biete ich dem Städtischen Museum Göttingen meine professionelle Unterstützung an und habe das Glück, freiberuflich den Steinzeitkoffer betreuen zu dürfen.

Die Göttinger Schulen werden über das Steinzeitprogramm informiert und ab der zweiten Septemberhälfte melden die ersten Lehrkräfte ihr Interesse. Meistens sind es die 5. Klassen der Gymnasien, weil für diese Stufe die Steinzeit auf dem Lehrplan steht. Aber auch viele Grundschulen und auch höhere Jahrgänge nehmen an dem Programm teil.

Also fahre ich mit dem Koffer und einigen von mir erstellten Materialien in die Schulen. Zu den Materialien gehören Schautafeln, einige Arbeitsblätter wie Fundzettel und Materialien für einen Workshop. Als weiteres Medium nutze ich die Schultafeln. Darauf zeichne ich zuerst einen Zeitstrahl, um den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, wie unvorstellbar lange die Menschen in steinzeitlichen Kulturen gelebt haben. Anhand der Schautafeln bekommen die Schülerinnen und Schüler zuerst einen Einblick in das Thema, bevor sie dann die erstaunlich alten Dinge in die Hand nehmen durften. Jeder Schüler und jede Schülerin sucht sich ein begehrtes Stück heraus und dokumentiert es mit Hilfe des Fundzettels. Anschließend können sie ihre handwerklichen Fähigkeiten erproben: wie man ein Brot mit Zutaten zubereitet, die den steinzeitlichen Menschen zur Verfügung standen, oder wie man Pfeile aus Holz und Gänsefedern baut. Der zeitliche Umfang der Gruppen variiert dabei. Manche haben nur eine Stunde in einer AG, andere einen ganzen Vormittag Zeit.

Die Arbeit mit und an den Schulen macht mir sehr viel Spaß. Die Lehrkräfte an den Göttinger Schulen sind sehr kooperativ und die Schülerinnen und Schüler stecken voller Elan und Wissbegierde. Ihre Stars heißen Lucy, Ötzi oder Obelix und dürfen auch auf dem Zeitstrahl nicht fehlen. Ihre Fundzettel füllen sie mit sorgfältiger Akribie aus, und sogar in den Pausen umschwirren sie den Steinzeitkoffer wie die Wespen das Marmeladenglas. Und in fast jeder Klasse befindet sich jemand, der sich in die Abenteuer eines Indiana Jones begeben will. Die kleinen Forscherinnen und Forscher entdecken einen Abdruck auf dem Steinbeil, der sich als Rest eines Birkenrindenpechs herausstellt. Damit wurde das Beil an einem Schaft geklebt. Sie scheuen nicht davor, den Mageninhalt prähistorischer Menschenfunde zu untersuchen, um herauszufinden, ob diese Vegetarier waren. Moment mal! Mageninhalt? Den können wir bei den Moorleichen untersuchen. Die sind aber erst 2 000 Jahre alt und damit wesentlich jünger als die steinzeitlichen Funde. Aus der Altsteinzeit haben wir ja nur die Knochen oder meistens sogar nur den Schädel eines prähistorischen Menschen. … Und sie erkennen, dass es schon in der Steinzeit unterschiedliche Kulturen gab. So bauten die Menschen im Norden Großsteingräber und fertigten trichterförmige Gefäße an. Während im Gebiet um den Harz herum die Leute mit kugeligen Amphoren Rinder in einige ihrer Gräber legten. All diese spannenden Dinge und noch vieles mehr können die Schülerinnen und Schüler in dem museumsdidaktischen Programm erfahren.

Aktuell gestalte ich den Inhalt des Steinzeitkoffers neu und erstelle einen Flyer, der mit einem Text und einigen Bildern Informationen zu dem Programm liefert und Neugierde wecken soll. Dies findet in enger Abstimmung mit dem Städtischen Museum Göttingen, insbesondere mit der Kuratorin Simone Hübner, sowie dankenswerterweise mit der Unterstützung von Betty Arndt, der Leiterin der Stadtarchäologie Göttingen, statt.

Mal sehen, wie oft es im nächsten Jahr in die Steinzeit geht….

(Astrid Otte, freie Mitarbeiterin)

 

21. Juli 2016

Und Göttingen gibt es doch!

Unsere Barbara-Ausstellung stößt auf große Resonanz. Immer wieder schreiben uns Museumsbesucher Geschichten, die sie durch Barbara und das Göttingen-Lied erlebt haben.

Eine schöne Begebenheit erzählte eine Göttingerin von ihrer Rucksack-Tour durch Frankreich im letzten Jahr. Bei einer Rast kam sie mit einem französischen Radfahrer ins Gespräch. PlattencoverAls sie erwähnte, dass sie aus Göttingen kommt, schnappte ihr Gegenüber nach Luft, ließ sein Rad fallen und stimmte enthusiastisch in Dirigentenpose das Göttingen-Lied an. „Sie kennen doch Barbara!“ Natürlich wusste die Göttingerin von der Sängerin, das Lied hatte sie aber noch nie gehört. Sie war äußerst beeindruckt und verblüfft, dass der wildfremde Mann in den Bergen den Namen ihrer Heimatstadt immer wieder freudestrahlend wiederholte. Aber auch der Radfahrer war erstaunt und sprachlos, denn er hatte Göttingen bislang immer für einen Phantasieort gehalten. Dass nun eine Göttingerin leibhaftig vor ihm stand, begeisterte ihn total.

 

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

14. Juli 2016

Ekkehard Reuter – ein vergessener Künstler

Der Maler und Graphiker Ekkehard Reuter, der 1878 in Graudenz geboren wurde, lebte von 1909 bis 1913 in Göttingen. In diesen Jahren betrieb er in der Weender Straße 23 eine Kunstschule, die man von der Mühlenstraße aus erreichte. Reuter inserierte in den Göttinger Adressbüchern für seinen Unterricht. Neben Kursen zur Porträt-, Landschafts- und Stillebenmalerei bot er Schulungen im Zeichnen und der Druckgraphik an. Laut seiner Anzeige sollten im Sommer Ausflüge in die Umgebung zum Malen organisiert werden, für das Winterhalbjahr waren Akt-Abende im Botanischen Garten angekündigt. Für 30 bis 60 Mark im Monat konnten Unterrichtseinheiten für alle Stufen und Anforderungen belegt werden. Abb. 1Wer diese Veranstaltungen besuchte, ist nicht bekannt. Aufgrund der nur kurzen Existenz der Schule lässt sich vermuten, dass das Konzept nicht erfolgsversprechend war. Bereits 1913 ging Reuter für ein Jahr nach München. Bevor er 1926 in die Schweiz zog und sich seine Spur verliert, hat er in Kassel gelebt.

Das Städtische Museum verwahrt eine Graphik des Künstlers aus dessen Zeit in Göttingen. Der Aluminiumdruck, auch Algraphie genannt, zeigt die Außenansicht der St. Marienkirche bei Nacht. Das Blatt ist 1911 entstanden und mehrfach aufgelegt worden. Die Arbeit wurde beim Künstler persönlich mit weiteren drei Werken für die Museumssammlung erworben.

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

7. Juli 2016

Ein Klavier geht auf die Reise

Gestern verließ unser Ritmüller-Tafelklavier seinen angestammten Platz im Museum. Da es nicht mehr bespielbar war und sich auch die Spuren der Zeit an der Außenhaut widerspiegeln, wird es restauriert. Das Klavier ist seit 1967 in der Sammlung des Städtischen Museums. 1967 33Es wurde in den 1850er Jahren von der Göttinger Pianofabrik W. Ritmüller & Sohn gebaut, die zu dieser Zeit ihre Fabrikationsstätten im Hardenberger Hof hatte. Das Traditionsunternehmen ging 1890 in Konkurs und wurde verkauft. Mit wechselnden Eigentümern und Teilhabern wurde die Produktion in Göttingen und später in Berlin fortgeführt. Die Marke Ritmüller ist seit 1997 Teil der Pearl River Piano Group und zählt zu deren Edelmarken. Die chinesische Firma gehört zu den größten Pianoherstellern weltweit und fertigt auch Modelle für Steinway und Schimmel. Bei der Restaurierung unseres Klaviers werden die Klaviermechanik, die Klaviatur, der Resonanzboden und das Gehäuse instandgesetzt. Als Nachfolger der Firma Ritmüller hat sich die Pearl River Piano Group bereit erklärt, die Restaurierung durchzuführen und zu finanzieren. Was für ein vorbildliches Kultursponsoring!

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

30. Juni 2016

Ziemlich beste Freunde – Die Büsten Friedrich Wöhler und Justus von Liebig von Elisabet Ney

Friedrich Wöhler und Justus von Liebig gehörten Mitte des 19. Jahrhunderts zu den berühmtesten und einflussreichsten Chemikern. Von Liebig Justus 001 12.5.1803-18.4.1873, ChemikerSie verband eine lebenslange Freundschaft, die durch einen wissenschaftlichen Streit 1825 über die Zusammensetzung eines chemischen Stoffes ihren Anfang nahm. Nachdem die Wogen geglättet waren, näherten sich beide an und arbeiteten zusammen. Diese Kooperation erwies sich als äußerst fruchtbar. 1832 entwickelten sie die Radikaltheorie, die den Aufbau organischer Verbindungen erklärte und als Begründung der Organischen Chemie gilt. Ihre Erfolge verschafften Wöhler eine Professur in Göttingen und Liebig eine solche in Gießen. Auch wenn sie viele Kilometer trennten, hielten sie regen brieflichen Kontakt, besuchten einander und bereisten zusammen Süddeutschland und Italien. Ein Jahr vor seinem Tod schrieb Liebig an Wöhler: „Lange werden wir uns Glückwünsche zu neuen Jahren nicht mehr senden können, aber auch wenn wir todt und längst verwest sind, werden die Bande, die uns im Leben vereinigten, uns Beide in der Erinnerung der Menschen stets zusammenhalten als ein nicht häufiges Beispiel von zwei Männern, die treu, ohne Neid und Mißgunst, in demselben Gebiete rangen und stritten und stets in Freundschaft eng verbunden blieben.“[1]

Die aus Münster stammende Bildhauerin Elisabet Ney (1833-1907) fertigte im Sommer 1868 im Auftrag König Ludwigs II. von Bayern kolossaleLiebig Büste Porträtbüsten der beiden Chemiker für den Neubau der Polytechnischen Schule in München an. Freundschaftlich nebeneinander vereint schmückten sie das Eingangsportal des Chemietraktes bis zur Zerstörung des Gebäudes im Zweiten Weltkrieg. Die Künstlerin legte beide Porträts in einer Serie von lebensgroßen Abgüssen auf. Die Chemiker erhielten Exemplare ihrer eigenen Büste und des Freundes. Auch heute sind in vielen Sammlungen beide Porträts der Wissenschaftler vertreten. Das Städtische Museum besitzt ebenfalls ein solches Büstenpaar. Bei den Abgüssen handelt es sich sogar um jene, die Wöhler selbst gehörten. Sie überzeugen durch ihre Lebensnähe und Wiedererkennbarkeit. Ney modellierte nach dem Leben. Kleine, durch das fortgeschrittene Alter bedingte Fältchen, Hautunebenheiten und physiognomische Eigenheiten sind nicht geschönt, sondern ganz bewusst beibehalten. Dieser Bildnisstil ist durch eine naturalistische Strömung in der PorträtkunstWöhler_Depot beeinflusst, die typisch für die Zeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts ist. Die Büsten befinden sich derzeit als Leihgabe in der Kunstsammlung der Universität.

Elisabet Ney kannte Liebig und Wöhler persönlich und pflegte einen freundschaftlichen Kontakt zu ihnen. Die Künstlerin besuchte sogar – als Liebig in München lehrte – seine Vorlesungen. Die Porträtsitzungen für die Büsten der Chemiker fanden in der bayerischen Hauptstadt statt. Wöhler reiste eigens dafür an. In Göttingen ist Ney nie gewesen. Ihre Werke sind jedoch in keiner anderen deutschen Stadt so zahlreich vertreten.

[1] Wilhelm Lewicki, S. 324

Benutzte Quellen:                                                                                                                                    Wilhelm Lewicki (Hrsg.), Briefe von 1829-1873 aus Justus von Liebig’s und Friedrich Wöhler’s Briefwechsel, Göttingen 1982.                                                                                                                  Liebig-Museum, http://www.liebig-museum.de/tafeln/mfw23.pdf                                                     Saskia Johann, Die Bildhauerin Elisabet Ney. Leben, Werk und Wirken, Berlin 2015

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

22. Juni 2016

Parlez-vous français…

…hieß es am frühen Freitagmorgen für eine sechste Klasse des Felix-Klein-Gymnasiums. Die Französin Annie Pretzsch führte die Schüler durch die Barbara-Ausstellung und erzählte vom Leben und den Erfolgen der Künstlerin.Abb. 1 Die Klasse hat seit Anfang des Schuljahres Französisch als zweite Fremdsprache. Aufgrund dieser kurzen Zeit konnten die Schüler natürlich nicht alles verstehen. Mit einem Mix aus Deutsch und Französisch konnte man sich aber gut verständigen. Das Göttingen-Lied begeisterte Lehrerin und Schüler so sehr, dass sie es sich im Unterricht nochmal genauer anhören wollen.

Die französischen Führungen können für Schulklassen und Besuchergruppen gebucht werden. Die Führungen werden von Frau Pretzsch und Frau Apsite veranstaltet. Auch Führungen in deutscher Sprache finden nach Voranmeldung statt.

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

14. Juni 2016

Hinter den Barbara-Kulissen

Seit dem 22. Mai ist die Sonderausstellung „Barbara 1964“ im Städtischen Museum zu sehen. Die Kuratorin Andrea Rechenberg erzählt über die Vorbereitungen und die Erlebnisse bei der Ausstellungsplanung.

Wie ist die Idee zur Ausstellung „Barbara 1964“ entstanden?                                                                      Die Initialzündung zu dieser Ausstellung kam durch eine Schenkung eines Konvoluts aus zahlreichen Briefen, Unterlagen und Platten von Barbara an das Stadtarchiv Göttingen.Barbara-Ausstellung_Foyer_46 Wir überlegten, die Objekte im Archiv zu präsentieren oder diese mit der Stadtgeschichte zu verbinden und eine Ausstellung zu gestalten. Wir entschieden uns für letzteres, denn das Material eignete sich perfekt für eine Präsentation im Museum.                                                            Der Zeitpunkt stellte sich zudem als genau richtig heraus, da viele Zeitzeugen bereits hochbetagt sind.

Wie lange dauerte die Vorbereitungszeit?                                                                                                   Wir haben im September 2015 mit den Vorbereitungen für die Ausstellung begonnen. Bis zur Eröffnung verblieben nur acht Monate, was für ein umfangreiches Ausstellungsprojekt sehr knapp ist. Daher mussten viele Arbeiten zurückgestellt werden. Man muss bedenken, dass eine Ausstellung nicht nur aus dem Rahmen von Bildern besteht. Auch Texte müssen geschrieben werden, die eine genaue Recherche verlangen. Ebenso musste der Bau der kompletten Ausstellungsmöbel durch unsere Werkstatt geplant und getragen werden. Für die Präsentation der Musik mussten zusätzlich Genehmigungen bei der Gema eingeholt werden. Das dauerte seine Zeit. Außerdem waren die Zeitzeugen, die in den Interviews zu Wort kommen, deutschlandweit verstreut, was eine genaue Koordination erforderte.

Was ist gegenüber den bisherigen Ausstellungen des Städtischen Museums anders?                             Sicherlich der Einsatz von sehr sehr viel Technik. Barbara-Ausstellung_Hauptraum_69Wir haben zahlreiche audio-visuelle Stationen in der Ausstellung, die einen lebendigen Einblick in Barbaras Auftritt geben können. Die Zeitzeugen-Interviews wurden für die Ausstellung geschnitten. Die vollständigen Befragungen sind im Stadtarchiv verwahrt und können dort gehört werden.                      Uns ist sogar gelungen, ein ganz neues Ausstellungsobjekt zu erschaffen, indem eine Radioübertragung mit Fotos unterlegt wurde.

Gab es Schwierigkeiten oder Überraschungen während der Recherche und Vorbereitungszeit?                                                                                      Eine große Herausforderung war die räumliche Situation im Museum. Besonders die Herstellung der Ausstellungsbauten war nicht immer einfach. Unsere Werkstatt ist momentan in einem Behelf untergebracht und musste ständig improvisieren und unser Foyer zeitweise für das Zuschneiden der Materialien und den Aufbau nutzen. Barbara Ausstellungsaufbau_1_11.4.16                                                             Eine große Überraschung ist die Fülle von Dokumenten, die wir erschlossen haben. Für viele Geschichten gibt es keine Quellen. So manche Mythen, die sich von Barbaras Auftritt im allgemeinen Bewusstsein festgesetzt haben, stimmen nicht.

Was ist Ihr absolutes Highlight in der Ausstellung?                                                              Mir gefallen besonders die Zeitzeugen-Interviews, aber auch die Briefe. Ich habe zum ersten Mal eine biographische Ausstellung konzipiert. Das Eintauchen in die private Korrespondenz hat mich sehr berührt. Barbara war eine vielfältige Persönlichkeit, weil sie mehr als das Göttingen-Lied ist. Sie wollte sich als Künstlerin stets neu erfinden. Es ist beeindruckend, wie viele Emotionen Barbara noch bei den Menschen hervorruft. Ihre Fans stellen Interviews und liebevoll gestaltete Hommage-Videos auf verschiedenen Internetplattformen ein und transferieren sie so in eine neue Zeit.

Das Interview mit Andrea Rechenberg führte Saskia Johann.

7. Juni 2016

Glasperlen und Gemetzel. Eine Sablémappe aus dem Nachlass der Emettula de Froment Teil II

Nicht nur das Äußere des im vorigen Blogbeitrag beschriebenen Mäppchens ist außergewöhnlich, auch das Innere birgt eine interessante Geschichte. Das Mäppchen, auch als Portefeuille bezeichnet, gedacht für lose Blätter, trägt rechts auf dem hellen Seidenatlasfutter eine handschriftliche Widmung mit schwarzer Tusche geschrieben:

EMETTULLA DE FROMENT. trouvée au sacre d`oczakoff par Mylord Keith

Deutlich zu lesen sind die Ziffern: 17 0, während die dritte Ziffer verwischt ist. In den Unterlagen des Museums ist 1780 vermerkt.Abb. 3

Gibt man „Emet(t)ulla“ in die Suchfunktion des Internets ein, erscheint sofort „George Keith, 10. Earl Marischal, schottischer Adliger (1693- 1778) in Potsdam gestorben. Dessen jüngerer Bruder James kämpfte als General in russischen Diensten gegen das Osmanen Heer und wurde 1737 nach der Belagerung und Erstürmung der Festungsstadt Oczaków verwundet.[1] Dort fand er (trouvée = gefunden fem.) bei dem „Gemetzel“, (massacre, franz.:- Massaker) die 12jährige „Emet (t)ulla“, türkische Tochter des Janitscharenhauptmanns Sar Aly Oda Bachy, und rettete ihr so das Leben. Eine andere Übersetzung des Wortes „sac(re)“ ins Deutsche (eigentlich: rel.: Weihe, Opfer, Salbung) könnte durch Verschleifung, wie bei „(mas)sacre“ die 2. Bedeutung von „sac“= Plünderung sein. [2]

George Keith nahm Emetulla an Kindes Statt an und förderte sie, so dass sie „mit dem ungezwungenstem Anstand die Honneurs des Hauses machen konnte“. 1747 zog George Keith, Marischal, zu seinem Bruder James nach Berlin, der dort in preußischen Diensten stand, und traf das erste Mal Friedrich den Großen (1712-1786).                                                                        1754 wurde er Gouverneur von Neuenburg (heute Neuchátel, Schweiz), das damals der preußischen Verwaltung Friedrichs unterstand. Während seiner Zeit in Neuenburg begegnete er auch Jean-Jacques Rousseau, der in die Nähe von Neuenburg gezogen war. Auf seinen „Gesandschaftsreisen“ wurde er stets von seiner Pflegetochter begleitet, hin und wieder auch von dem berühmten schottischen Reiseschriftsteller James Boswell (1740-1795).                        Erst 1763 wird „Emmetah-Uelah“,( die Barmherzigkeit Gottes) „ die eine auffallende Schönheit und im hohen Grade liebenswürdig“ war, von Lord Marshal George Keith an den Hugenotten  Denis-Daniel de Froment verheiratet, nachdem sie zum Christentum übergetreten war und den Namen Marie Émeté angenommen hatte.                                                                                           1764 kehrte der Lord nach Berlin zurück. Er starb 1778 in seinem vom König in Auftrag gegebenen Haus, dem heutigen Lordmarschallhaus, in Potsdam. Marie Emeté, die schon seit 1765 geschieden war, lebte mit ihm bis zu seinem Tod; sie starb 1820 in Neuchátel, im Alter von 95 Jahren. Wann sie dorthin zurückkehrte, ist nicht bekannt.

Eine weitere Widmung im Innern des Mäppchens findet sich auf der Seite unten:                 „Souvenir de (da?) Marianne?/ i Leipzig, 19. oct.: 68”                                                                                   Diese Zueignung bleibt für mich allerdings im Dunkeln.

Wie lässt sich nun ein Zusammenhang herstellen, aus dem hervorgeht, auf welchen verschlungenen Wegen „Le Portefeuille“ ins Städtische Museum von Göttingen gelangt ist. Das Objekt ist seit Oktober 1940 Teil der Sammlung. Das Eingangsbuch verzeichnet es „als Geschenk der Ellen Dubois-Reymond, die früher im preußischen Neuchátel wohnten (die Familie)“. Da Ellen Dubois-Reymond (1858-1915) in Göttingen nicht gemeldet war und zu diesem Zeitpunkt schon lange tot ist, hat sie vielleicht jemanden für die Schenkung beauftragt. Sie war eine der Töchter des Physiologen Emil Heinrich Du Bois- Reymond (1818-1896), der aus einer Uhrmacherfamilie im Schweizer Kanton Neuenburg stammte. Sein Vater Felix Henri war unter anderem Ziviladjutant des Statthalters in Neuenburg und Direktor für die Neuenburger Angelegenheiten im Ministerium des Auswärtigen in Berlin – und somit gibt es auch eine Verbindung zu Preußen. Der Bezug zu Göttingen besteht durch ihre 4 Jahre jüngere Schwester Aimée, verheiratet mit dem Mathematiker Prof. Carl Runge, der 1904 einen Ruf an die Universität Göttingen bekommen hatte. Die Familie mit 5 Kindern wohnte zunächst in der Hanssenstraße, ab 1908 in der Wilhelm-Weber-Straße. Die älteste Tochter Iris (1888- 1966) war als Lehrerin kurze Zeit während des 1. Weltkriegs am Göttinger Lyzeum tätig, ehe sie 1920 nach Schloss Salem verzog, wo sie am neu gegründeten Internat als Mathematiklehrerin unterrichtete.

Vielleicht hatte Iris Runge, die Nichte von Ellen Dubois-Reymond, den Auftrag das kleine Konvolut von Familienerbstücken ins Städtische Museum zu geben, kurz bevor Aimée Runge, ihre Mutter (Schwester von Ellen) am 24. Februar 1941 starb und der Haushalt aufgelöst wurde? Alles nur Vermutungen, es könnte auch ganz anders sein.

Was für eine Historie!

Nach der Recherche ist mir erst richtig bewusst geworden, warum dieses Objekt eine solche Faszination auf mich ausgeübt hat: ein kostbares, kunstvoll gestaltetes Geschenk, in das eigentlich nur lose Blätter eingelegt werden, erhält durch die handschriftlich eingetragene Widmung ein hohes Maß an Authentizität.

[1] Oczakoff ist hier eine Mischung der westslawischen Schreibweise „Ocz.“= Otsch  und der Lautschrift entsprechenden deutschen Form „ków“= koff. Die ukrainische Küstenstadt – heute Otschakiw – liegt östlich von Odessa am Schwarzen Meer.                                                                    [2] vielleicht, auch deshalb, weil die zugezogenen Hugenotten und der einheimische Adel das Französisch vorwiegend phonetisch beherrschten.

Lit.: aus Islamische Zeitung. Preußisch – Osmanische Fügungen, Anmerkungen von Muhsin Sebastian Henning anlässlich des 300-jährigen Jubiläums von Friedrich dem Großen. In: http://german.irib.ir/radioislam/beitr

Musée Neuchatelois. Ferdinand-Olivier Petitpierre. http://www.forgottenbooks.com/readbook_text/MuseYe

(Ulla Kayser, ehrenamtliche Mitarbeiterin)

 

2. Juni 2016

Glasperlen und Gemetzel – Eine Sablémappe aus dem Nachlass der Emettula de Froment Teil 1

Sie ist mir schon vor längerer Zeit aufgefallen, gleich zu Beginn meiner regelmäßigen Tätigkeit im Museum: eine kleine Mappe in Form eines Miniatur-Bucheinbandes, ganzflächig mit winzig kleinen Glasperlen versehen. Etwas Ähnliches hatte ich schon einmal gesehen: und zwar in einem amerikanischen Sammlerkatalog über Taschen: dort als selten aufgeführt und in der Qualität als Museumsobjekt bezeichnet.

Ich konnte daher die Verarbeitung und Gestaltung des Glasperlenobjektes einordnen und wusste, dass Objekte dieser Art professionell in den Ateliers und Werkstätten um 1780 in Paris unter Führung von Charles Germain de Saint Aubin, dem bekannten Stickereimeister am Hofe Ludwig XV. (1710-1774) gefertigt wurden.

Die kleine hochrechteckige Mappe (7,8 cm x 10,1 cm) besteht aus Seidentaft und ist im Innern mit Pappe verstärkt, in Buchform, mit ausgeprägtem Buchrücken; Abb. 1sie erweist sich eher als Buchhülle, da keine Blätter im Innern vorhanden sind, sondern nur ein Seidenband zur Schleife gebunden ist. Auf der gesamten Außenfläche sind sandkornkleine Glasperlen zu einem Muster angeordnet, das einen Zweig stilisierter Knospen, Blüten und Blätter mehrfarbig auf weißem Grund darstellt. Umrahmt wird das Hauptmotiv – auf Vorder- und Rückseite gleich – von einer schmalen in Blatt und Blüte alternierenden Borte. Der „Buchrücken“ ähnelt einem Einband aus geprägtem Leder, hier in strengen Linien aus gelben Glasperlen. Fast plastisch erscheinen die Blüten und Blätter durch eine unterschiedliche Anordnung von transparenten und opaken farbigen Perlen.

In der Ausführung werden die Perlen mustergetreu nach Vorlage auf einzelne Seidenfäden aufgezogen und so horizontal angeordnet, dass sie durch Verschlingung mit einem vertikal verlaufenden Faden miteinander verbunden werden. Abb. 2Dabei erscheinen die Perlen der nächsten Reihe auf Lücke, somit versetzt in einem festen textilen Verbund, in dem jede Glasperle in einem eigenen Fadensegment untergebracht ist. Nur in Wachs getauchte Fäden ließen sich durch die winzig kleinen Löcher führen, auch am Faden befestigte Haare waren dazu geeignet, was mit Nadeln unmöglich war!

Es entstehen auf diese Weise Muster mit Einzelelementen, die eine gewisse Eckigkeit aufweisen; dies und ihre Umrandung mit stark akzentuierenden Konturen durch dunklere Glasperlen sind Wiedererkennungsmerkmale.

Die beschriebene Vorgehensweise wird in der angelsächsischen Literatur als Sablétechnik bezeichnet. Im deutschen Sprachraum spricht man von „Baderleins geschnür und geschling“ Während man sich im ersten auf das Material – die Perle – bezieht, berücksichtigt letztere beides: die althergebrachte Benennung von „Baderlein“…“abgeleitet von Pat(t)erle = Perle“ nimmt die Verbindung von Material im Zusammenspiel mit dem Vorgang des Auffädelns und Verschnürens auf.

Kunstvolle Perlenarbeiten dieser Art waren über Musterbücher schon im 17. Jahrhundert bekannt, gelangten jedoch erst zu richtiger Blüte unter anderem durch die Fertigung in den Werkstätten der französischen Kunsthandwerker. Diese Technik wurde im Biedermeier schon nicht mehr angewendet und ging damit verloren.

Die äußerst zeitaufwendigen, mit sehr teuren Glasperlen aus Venedig und Böhmen gearbeiteten Objekte wie Börsen, Futterale, Brieftaschen, Portefeuille und vieles mehr galten als kostbare Luxusartikel aus dem Bereich der Galanteriewaren. Weltweit existieren wohl noch ca. 400 Sabléobjekte. Den größten Teil davon beherbergt das Bostoner Museum of Fine Arts. Das Städtische Museum Göttingen besitzt auch eins dieser seltenen Stücke und dazu mit welchem Inhalt!

Teil 2 folgt nächste Woche.

Verwendete Literatur:

  1. Purse Masterpieces Identification & Value Guide Lynell Schwartz 2004, S. 39.
  2. Taschen. Eine Europäische Kulturgeschichte 1500-1930, Ausstellungskatalog des Bayrischen Nationalmuseums, 2013, S. 162 u. 163.
  3. Ulzen, Evelyn: Glasperlen Herstellung und textiler Verbund, Berlin 1992, S. 123.
  4. Claire Wilcox: “Bags” Victoria and Albert Museum Fashion Accessories, S.41

(Ulla Kayser, ehrenamtliche Mitarbeiterin)

 

25. Mai 2016

Besuch aus Paris zur Eröffnung der Ausstellung „Barbara 1964“

Bei der Eröffnung der Ausstellung „Barbara 1964“ am Internationalen Museumstag, Sonntag, 22. Mai, im Städtischen Museum war der Andrang mit über 250 interessierten Besuchern überwältigend. Der anlässlich der Ausstellung in einen Barbara-Salon verwandelte Tapetensaal konnte die Menschen nicht fassen, so dass viele Besucher im Foyer Platz nehmen mussten.

Ein besonderer Höhepunkt waren die Grußworte von Martine Worms und Bernard Serf, die zur Eröffnung aus Paris angereist waren. Sie vertreten die Association Barbara Perlimpinpin, die die Erinnerung an die große Chansonsängerin pflegt. Begleitet wurden sie von Clémentine Deroudille, freie Kuratorin aus Paris. Die französischen Gäste zeigten sich beeindruckt von der Präsentation. Sie unterstrichen die Bedeutung, die das Göttingen-Lied als Symbol der deutsch-französischen Freundschaft gerade in der heutigen Zeit hat, in der auch in Europa wieder Grenzzäune errichtet und Mauern gebaut werden.

Großen Beifall der französischen und deutschen Eröffnungsgäste fand der Vortrag des Göttingen-Chansons durch Mia Christin Zintarra, eine ehemalige Schülerin des Theodor-Heuß-Gymnasiums. Martine Worms betonte, wie sehr sie sich darüber freue, dass das berühmte Lied Barbaras von einer jungen Studentin gesungen wurde.

 

Foto Gäste Paris

 

Die Gäste aus Paris (von links): Clémetine Deroudille, Martine Worms, Bernard Serf. Ganz links: Ernst Böhme, Museumsleiter

 

 

 

Foto Gäste Foyer

 

 

Begrüßung der französischen Gäste durch Museumsleiter Ernst Böhme und Kuratorin Andrea Rechenberg

 

 

Mia Christin Zintarra

 

 

Mia Christin Zintarra singt „Göttingen”

 

 

 

(Ernst Böhme, Museumsleiter)