22. Juni 2016

Parlez-vous français…

…hieß es am frühen Freitagmorgen für eine sechste Klasse des Felix-Klein-Gymnasiums. Die Französin Annie Pretzsch führte die Schüler durch die Barbara-Ausstellung und erzählte vom Leben und den Erfolgen der Künstlerin.Abb. 1 Die Klasse hat seit Anfang des Schuljahres Französisch als zweite Fremdsprache. Aufgrund dieser kurzen Zeit konnten die Schüler natürlich nicht alles verstehen. Mit einem Mix aus Deutsch und Französisch konnte man sich aber gut verständigen. Das Göttingen-Lied begeisterte Lehrerin und Schüler so sehr, dass sie es sich im Unterricht nochmal genauer anhören wollen.

Die französischen Führungen können für Schulklassen und Besuchergruppen gebucht werden. Die Führungen werden von Frau Pretzsch und Frau Apsite veranstaltet. Auch Führungen in deutscher Sprache finden nach Voranmeldung statt.

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

14. Juni 2016

Hinter den Barbara-Kulissen

Seit dem 22. Mai ist die Sonderausstellung „Barbara 1964“ im Städtischen Museum zu sehen. Die Kuratorin Andrea Rechenberg erzählt über die Vorbereitungen und die Erlebnisse bei der Ausstellungsplanung.

Wie ist die Idee zur Ausstellung „Barbara 1964“ entstanden?                                                                      Die Initialzündung zu dieser Ausstellung kam durch eine Schenkung eines Konvoluts aus zahlreichen Briefen, Unterlagen und Platten von Barbara an das Stadtarchiv Göttingen.Barbara-Ausstellung_Foyer_46 Wir überlegten, die Objekte im Archiv zu präsentieren oder diese mit der Stadtgeschichte zu verbinden und eine Ausstellung zu gestalten. Wir entschieden uns für letzteres, denn das Material eignete sich perfekt für eine Präsentation im Museum.                                                            Der Zeitpunkt stellte sich zudem als genau richtig heraus, da viele Zeitzeugen bereits hochbetagt sind.

Wie lange dauerte die Vorbereitungszeit?                                                                                                   Wir haben im September 2015 mit den Vorbereitungen für die Ausstellung begonnen. Bis zur Eröffnung verblieben nur acht Monate, was für ein umfangreiches Ausstellungsprojekt sehr knapp ist. Daher mussten viele Arbeiten zurückgestellt werden. Man muss bedenken, dass eine Ausstellung nicht nur aus dem Rahmen von Bildern besteht. Auch Texte müssen geschrieben werden, die eine genaue Recherche verlangen. Ebenso musste der Bau der kompletten Ausstellungsmöbel durch unsere Werkstatt geplant und getragen werden. Für die Präsentation der Musik mussten zusätzlich Genehmigungen bei der Gema eingeholt werden. Das dauerte seine Zeit. Außerdem waren die Zeitzeugen, die in den Interviews zu Wort kommen, deutschlandweit verstreut, was eine genaue Koordination erforderte.

Was ist gegenüber den bisherigen Ausstellungen des Städtischen Museums anders?                             Sicherlich der Einsatz von sehr sehr viel Technik. Barbara-Ausstellung_Hauptraum_69Wir haben zahlreiche audio-visuelle Stationen in der Ausstellung, die einen lebendigen Einblick in Barbaras Auftritt geben können. Die Zeitzeugen-Interviews wurden für die Ausstellung geschnitten. Die vollständigen Befragungen sind im Stadtarchiv verwahrt und können dort gehört werden.                      Uns ist sogar gelungen, ein ganz neues Ausstellungsobjekt zu erschaffen, indem eine Radioübertragung mit Fotos unterlegt wurde.

Gab es Schwierigkeiten oder Überraschungen während der Recherche und Vorbereitungszeit?                                                                                      Eine große Herausforderung war die räumliche Situation im Museum. Besonders die Herstellung der Ausstellungsbauten war nicht immer einfach. Unsere Werkstatt ist momentan in einem Behelf untergebracht und musste ständig improvisieren und unser Foyer zeitweise für das Zuschneiden der Materialien und den Aufbau nutzen. Barbara Ausstellungsaufbau_1_11.4.16                                                             Eine große Überraschung ist die Fülle von Dokumenten, die wir erschlossen haben. Für viele Geschichten gibt es keine Quellen. So manche Mythen, die sich von Barbaras Auftritt im allgemeinen Bewusstsein festgesetzt haben, stimmen nicht.

Was ist Ihr absolutes Highlight in der Ausstellung?                                                              Mir gefallen besonders die Zeitzeugen-Interviews, aber auch die Briefe. Ich habe zum ersten Mal eine biographische Ausstellung konzipiert. Das Eintauchen in die private Korrespondenz hat mich sehr berührt. Barbara war eine vielfältige Persönlichkeit, weil sie mehr als das Göttingen-Lied ist. Sie wollte sich als Künstlerin stets neu erfinden. Es ist beeindruckend, wie viele Emotionen Barbara noch bei den Menschen hervorruft. Ihre Fans stellen Interviews und liebevoll gestaltete Hommage-Videos auf verschiedenen Internetplattformen ein und transferieren sie so in eine neue Zeit.

Das Interview mit Andrea Rechenberg führte Saskia Johann.

7. Juni 2016

Glasperlen und Gemetzel. Eine Sablémappe aus dem Nachlass der Emettula de Froment Teil II

Nicht nur das Äußere des im vorigen Blogbeitrag beschriebenen Mäppchens ist außergewöhnlich, auch das Innere birgt eine interessante Geschichte. Das Mäppchen, auch als Portefeuille bezeichnet, gedacht für lose Blätter, trägt rechts auf dem hellen Seidenatlasfutter eine handschriftliche Widmung mit schwarzer Tusche geschrieben:

EMETTULLA DE FROMENT. trouvée au sacre d`oczakoff par Mylord Keith

Deutlich zu lesen sind die Ziffern: 17 0, während die dritte Ziffer verwischt ist. In den Unterlagen des Museums ist 1780 vermerkt.Abb. 3

Gibt man „Emet(t)ulla“ in die Suchfunktion des Internets ein, erscheint sofort „George Keith, 10. Earl Marischal, schottischer Adliger (1693- 1778) in Potsdam gestorben. Dessen jüngerer Bruder James kämpfte als General in russischen Diensten gegen das Osmanen Heer und wurde 1737 nach der Belagerung und Erstürmung der Festungsstadt Oczaków verwundet.[1] Dort fand er (trouvée = gefunden fem.) bei dem „Gemetzel“, (massacre, franz.:- Massaker) die 12jährige „Emet (t)ulla“, türkische Tochter des Janitscharenhauptmanns Sar Aly Oda Bachy, und rettete ihr so das Leben. Eine andere Übersetzung des Wortes „sac(re)“ ins Deutsche (eigentlich: rel.: Weihe, Opfer, Salbung) könnte durch Verschleifung, wie bei „(mas)sacre“ die 2. Bedeutung von „sac“= Plünderung sein. [2]

George Keith nahm Emetulla an Kindes Statt an und förderte sie, so dass sie „mit dem ungezwungenstem Anstand die Honneurs des Hauses machen konnte“. 1747 zog George Keith, Marischal, zu seinem Bruder James nach Berlin, der dort in preußischen Diensten stand, und traf das erste Mal Friedrich den Großen (1712-1786).                                                                        1754 wurde er Gouverneur von Neuenburg (heute Neuchátel, Schweiz), das damals der preußischen Verwaltung Friedrichs unterstand. Während seiner Zeit in Neuenburg begegnete er auch Jean-Jacques Rousseau, der in die Nähe von Neuenburg gezogen war. Auf seinen „Gesandschaftsreisen“ wurde er stets von seiner Pflegetochter begleitet, hin und wieder auch von dem berühmten schottischen Reiseschriftsteller James Boswell (1740-1795).                        Erst 1763 wird „Emmetah-Uelah“,( die Barmherzigkeit Gottes) „ die eine auffallende Schönheit und im hohen Grade liebenswürdig“ war, von Lord Marshal George Keith an den Hugenotten  Denis-Daniel de Froment verheiratet, nachdem sie zum Christentum übergetreten war und den Namen Marie Émeté angenommen hatte.                                                                                           1764 kehrte der Lord nach Berlin zurück. Er starb 1778 in seinem vom König in Auftrag gegebenen Haus, dem heutigen Lordmarschallhaus, in Potsdam. Marie Emeté, die schon seit 1765 geschieden war, lebte mit ihm bis zu seinem Tod; sie starb 1820 in Neuchátel, im Alter von 95 Jahren. Wann sie dorthin zurückkehrte, ist nicht bekannt.

Eine weitere Widmung im Innern des Mäppchens findet sich auf der Seite unten:                 „Souvenir de (da?) Marianne?/ i Leipzig, 19. oct.: 68”                                                                                   Diese Zueignung bleibt für mich allerdings im Dunkeln.

Wie lässt sich nun ein Zusammenhang herstellen, aus dem hervorgeht, auf welchen verschlungenen Wegen „Le Portefeuille“ ins Städtische Museum von Göttingen gelangt ist. Das Objekt ist seit Oktober 1940 Teil der Sammlung. Das Eingangsbuch verzeichnet es „als Geschenk der Ellen Dubois-Reymond, die früher im preußischen Neuchátel wohnten (die Familie)“. Da Ellen Dubois-Reymond (1858-1915) in Göttingen nicht gemeldet war und zu diesem Zeitpunkt schon lange tot ist, hat sie vielleicht jemanden für die Schenkung beauftragt. Sie war eine der Töchter des Physiologen Emil Heinrich Du Bois- Reymond (1818-1896), der aus einer Uhrmacherfamilie im Schweizer Kanton Neuenburg stammte. Sein Vater Felix Henri war unter anderem Ziviladjutant des Statthalters in Neuenburg und Direktor für die Neuenburger Angelegenheiten im Ministerium des Auswärtigen in Berlin – und somit gibt es auch eine Verbindung zu Preußen. Der Bezug zu Göttingen besteht durch ihre 4 Jahre jüngere Schwester Aimée, verheiratet mit dem Mathematiker Prof. Carl Runge, der 1904 einen Ruf an die Universität Göttingen bekommen hatte. Die Familie mit 5 Kindern wohnte zunächst in der Hanssenstraße, ab 1908 in der Wilhelm-Weber-Straße. Die älteste Tochter Iris (1888- 1966) war als Lehrerin kurze Zeit während des 1. Weltkriegs am Göttinger Lyzeum tätig, ehe sie 1920 nach Schloss Salem verzog, wo sie am neu gegründeten Internat als Mathematiklehrerin unterrichtete.

Vielleicht hatte Iris Runge, die Nichte von Ellen Dubois-Reymond, den Auftrag das kleine Konvolut von Familienerbstücken ins Städtische Museum zu geben, kurz bevor Aimée Runge, ihre Mutter (Schwester von Ellen) am 24. Februar 1941 starb und der Haushalt aufgelöst wurde? Alles nur Vermutungen, es könnte auch ganz anders sein.

Was für eine Historie!

Nach der Recherche ist mir erst richtig bewusst geworden, warum dieses Objekt eine solche Faszination auf mich ausgeübt hat: ein kostbares, kunstvoll gestaltetes Geschenk, in das eigentlich nur lose Blätter eingelegt werden, erhält durch die handschriftlich eingetragene Widmung ein hohes Maß an Authentizität.

[1] Oczakoff ist hier eine Mischung der westslawischen Schreibweise „Ocz.“= Otsch  und der Lautschrift entsprechenden deutschen Form „ków“= koff. Die ukrainische Küstenstadt – heute Otschakiw – liegt östlich von Odessa am Schwarzen Meer.                                                                    [2] vielleicht, auch deshalb, weil die zugezogenen Hugenotten und der einheimische Adel das Französisch vorwiegend phonetisch beherrschten.

Lit.: aus Islamische Zeitung. Preußisch – Osmanische Fügungen, Anmerkungen von Muhsin Sebastian Henning anlässlich des 300-jährigen Jubiläums von Friedrich dem Großen. In: http://german.irib.ir/radioislam/beitr

Musée Neuchatelois. Ferdinand-Olivier Petitpierre. http://www.forgottenbooks.com/readbook_text/MuseYe

(Ulla Kayser, ehrenamtliche Mitarbeiterin)

 

2. Juni 2016

Glasperlen und Gemetzel – Eine Sablémappe aus dem Nachlass der Emettula de Froment Teil 1

Sie ist mir schon vor längerer Zeit aufgefallen, gleich zu Beginn meiner regelmäßigen Tätigkeit im Museum: eine kleine Mappe in Form eines Miniatur-Bucheinbandes, ganzflächig mit winzig kleinen Glasperlen versehen. Etwas Ähnliches hatte ich schon einmal gesehen: und zwar in einem amerikanischen Sammlerkatalog über Taschen: dort als selten aufgeführt und in der Qualität als Museumsobjekt bezeichnet.

Ich konnte daher die Verarbeitung und Gestaltung des Glasperlenobjektes einordnen und wusste, dass Objekte dieser Art professionell in den Ateliers und Werkstätten um 1780 in Paris unter Führung von Charles Germain de Saint Aubin, dem bekannten Stickereimeister am Hofe Ludwig XV. (1710-1774) gefertigt wurden.

Die kleine hochrechteckige Mappe (7,8 cm x 10,1 cm) besteht aus Seidentaft und ist im Innern mit Pappe verstärkt, in Buchform, mit ausgeprägtem Buchrücken; Abb. 1sie erweist sich eher als Buchhülle, da keine Blätter im Innern vorhanden sind, sondern nur ein Seidenband zur Schleife gebunden ist. Auf der gesamten Außenfläche sind sandkornkleine Glasperlen zu einem Muster angeordnet, das einen Zweig stilisierter Knospen, Blüten und Blätter mehrfarbig auf weißem Grund darstellt. Umrahmt wird das Hauptmotiv – auf Vorder- und Rückseite gleich – von einer schmalen in Blatt und Blüte alternierenden Borte. Der „Buchrücken“ ähnelt einem Einband aus geprägtem Leder, hier in strengen Linien aus gelben Glasperlen. Fast plastisch erscheinen die Blüten und Blätter durch eine unterschiedliche Anordnung von transparenten und opaken farbigen Perlen.

In der Ausführung werden die Perlen mustergetreu nach Vorlage auf einzelne Seidenfäden aufgezogen und so horizontal angeordnet, dass sie durch Verschlingung mit einem vertikal verlaufenden Faden miteinander verbunden werden. Abb. 2Dabei erscheinen die Perlen der nächsten Reihe auf Lücke, somit versetzt in einem festen textilen Verbund, in dem jede Glasperle in einem eigenen Fadensegment untergebracht ist. Nur in Wachs getauchte Fäden ließen sich durch die winzig kleinen Löcher führen, auch am Faden befestigte Haare waren dazu geeignet, was mit Nadeln unmöglich war!

Es entstehen auf diese Weise Muster mit Einzelelementen, die eine gewisse Eckigkeit aufweisen; dies und ihre Umrandung mit stark akzentuierenden Konturen durch dunklere Glasperlen sind Wiedererkennungsmerkmale.

Die beschriebene Vorgehensweise wird in der angelsächsischen Literatur als Sablétechnik bezeichnet. Im deutschen Sprachraum spricht man von „Baderleins geschnür und geschling“ Während man sich im ersten auf das Material – die Perle – bezieht, berücksichtigt letztere beides: die althergebrachte Benennung von „Baderlein“…“abgeleitet von Pat(t)erle = Perle“ nimmt die Verbindung von Material im Zusammenspiel mit dem Vorgang des Auffädelns und Verschnürens auf.

Kunstvolle Perlenarbeiten dieser Art waren über Musterbücher schon im 17. Jahrhundert bekannt, gelangten jedoch erst zu richtiger Blüte unter anderem durch die Fertigung in den Werkstätten der französischen Kunsthandwerker. Diese Technik wurde im Biedermeier schon nicht mehr angewendet und ging damit verloren.

Die äußerst zeitaufwendigen, mit sehr teuren Glasperlen aus Venedig und Böhmen gearbeiteten Objekte wie Börsen, Futterale, Brieftaschen, Portefeuille und vieles mehr galten als kostbare Luxusartikel aus dem Bereich der Galanteriewaren. Weltweit existieren wohl noch ca. 400 Sabléobjekte. Den größten Teil davon beherbergt das Bostoner Museum of Fine Arts. Das Städtische Museum Göttingen besitzt auch eins dieser seltenen Stücke und dazu mit welchem Inhalt!

Teil 2 folgt nächste Woche.

Verwendete Literatur:

  1. Purse Masterpieces Identification & Value Guide Lynell Schwartz 2004, S. 39.
  2. Taschen. Eine Europäische Kulturgeschichte 1500-1930, Ausstellungskatalog des Bayrischen Nationalmuseums, 2013, S. 162 u. 163.
  3. Ulzen, Evelyn: Glasperlen Herstellung und textiler Verbund, Berlin 1992, S. 123.
  4. Claire Wilcox: “Bags” Victoria and Albert Museum Fashion Accessories, S.41

(Ulla Kayser, ehrenamtliche Mitarbeiterin)

 

25. Mai 2016

Besuch aus Paris zur Eröffnung der Ausstellung „Barbara 1964“

Bei der Eröffnung der Ausstellung „Barbara 1964“ am Internationalen Museumstag, Sonntag, 22. Mai, im Städtischen Museum war der Andrang mit über 250 interessierten Besuchern überwältigend. Der anlässlich der Ausstellung in einen Barbara-Salon verwandelte Tapetensaal konnte die Menschen nicht fassen, so dass viele Besucher im Foyer Platz nehmen mussten.

Ein besonderer Höhepunkt waren die Grußworte von Martine Worms und Bernard Serf, die zur Eröffnung aus Paris angereist waren. Sie vertreten die Association Barbara Perlimpinpin, die die Erinnerung an die große Chansonsängerin pflegt. Begleitet wurden sie von Clémentine Deroudille, freie Kuratorin aus Paris. Die französischen Gäste zeigten sich beeindruckt von der Präsentation. Sie unterstrichen die Bedeutung, die das Göttingen-Lied als Symbol der deutsch-französischen Freundschaft gerade in der heutigen Zeit hat, in der auch in Europa wieder Grenzzäune errichtet und Mauern gebaut werden.

Großen Beifall der französischen und deutschen Eröffnungsgäste fand der Vortrag des Göttingen-Chansons durch Mia Christin Zintarra, eine ehemalige Schülerin des Theodor-Heuß-Gymnasiums. Martine Worms betonte, wie sehr sie sich darüber freue, dass das berühmte Lied Barbaras von einer jungen Studentin gesungen wurde.

 

Foto Gäste Paris

 

Die Gäste aus Paris (von links): Clémetine Deroudille, Martine Worms, Bernard Serf. Ganz links: Ernst Böhme, Museumsleiter

 

 

 

Foto Gäste Foyer

 

 

Begrüßung der französischen Gäste durch Museumsleiter Ernst Böhme und Kuratorin Andrea Rechenberg

 

 

Mia Christin Zintarra

 

 

Mia Christin Zintarra singt „Göttingen”

 

 

 

(Ernst Böhme, Museumsleiter)

20. Mai 2016

Raritäten aus Kupfer, Silber, Jod und Brom – Daguerreotypien im Städtischen Museum

Das Städtische Museum besitzt in seinem Bestand eine umfangreiche Sammlung von Daguerreotypien des Göttinger Porzellanmalers Philipp Petri (1800-1868). Die fotografische Sammlung ist aufgrund ihrer zeitlichen und regionalen Geschlossenheit eine Besonderheit, denn nur selten erhält sich das Werk eines Fotografen in dieser Vollständigkeit. Auch die Nähe zu Petris Porzellanmalerei ist beachtlich, da er oftmals seine eigenen Porzellanobjekte als Dekoration in seinen Arbeiten verwendete (siehe Blogbeitrag 14. August 2015).

Petris Aufnahmen entstanden in den 1840er und 1850er Jahren. In dieser Zeit war die Daguerreotypie sehr verbreitet. Das Verfahren wurde 1839 erstmals in Paris der Öffentlichkeit präsentiert und ist der Vorläufer unserer heutigen Papierfotografie. Als Bildträger dienten versilberte Kupferplatten, die durch den Einsatz von Chemikalien wie Brom und Jod lichtempfindlich gemacht wurden. Aufgrund der langen Belichtungszeiten wurden die Daguerreotypien erst ausschließlich für Architekturaufnahmen genutzt, ab 1842 wurden vermehrt auch Porträts angefertigt. Die Daguerreotypie lieferte gestochen scharfe und sehr haltbare Bilder. Ein großer Nachteil war aber, dass die Werke nicht vervielfältigt werden konnten. Mit der Erfindung der Papierfotografie und Verfeinerung dieser Technik verlor die Daguerreotypie ab den 1860er Jahren zunehmend an Bedeutung.

Die Werke von Petri befinden sich seit 1905 in der Sammlung des Museums und stammen aus dem Nachlass seiner Enkelin. Die Porträtdaguerreotypien sind mit wertvollen Rahmen und Etuis aus Gold und Seide versehen, die aufwendigen Passepartouts aus farbigem Papier und Goldborten wirken sehr elegant und schmuckvoll. Die Fassungen erfüllten aber nicht nur repräsentative Zwecke, sondern schützten die empfindlichen Platten auch vor Umwelteinflüssen und Bestoßungen. Daguerreotypien müssen mit äußerster Vorsicht gehandhabt werden. Schon die Aufbewahrung in Papier kann feinste Kratzer auf den Oberflächen hinterlassen.

Der Chemnitzer Restaurator Jochen Voigt, der Professor an der Westsächsischen Hochschule Zwickau ist und zu den wenigen Daguerreotypie-Spezialisten in Deutschland zählt, begutachtete kürzlich die etwa 40 Objekte und informierte die Museumsarbeiter über die Konservierung und Aufbewahrung. Die Werke sind in einem überwiegend guten Zustand. Von vielen Daguerreotypien hat sich die originale Fassung erhalten, die für die Wertigkeit wichtig ist. Das am häufigsten vorliegende Schadensbild ist der so genannte „Wischer“. Diese feinen Kratzer auf den Oberflächen können durch das einfache Abwischen der Objekte mit einem Tuch – möglicherweise um Staub zu entfernen –entstanden sein. Zahlreiche Werke sind durch Silbersulfidbildung extrem verdunkelt und fleckig. Diese chemische Reaktion tritt nach dem Öffnen der Rahmen auf. Dabei wird die historische Versiegelung entfernt, und die Daguerreotypie ist nicht mehr luftdicht verschlossen. Wenige Platten sind vom Glaszerfall betroffen, der durch einen hohen Alkaligehalt in den Deckgläsern hervorgerufen wird. Die Schäden wurden meist durch Restaurierungsmaßnahmen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verursacht. Die Daguerreotypie erlebte 1910 eine Renaissance, die eine wahre Restaurierungsflut bestehender Werke auslöste. Diese frühen konservatorischen Maßnahmen entsprachen nicht den heutigen Standards und richteten unwissentlich zahlreiche Schäden an.

Voigt wird daher voraussichtlich in den folgenden Monaten 15 Objekte des Museums konservieren und restaurieren. Die Restaurierung ist eine komplexe Aufgabe. Um das Silbersulfid zu entfernen, müssen die Platten in einem elektrolytischen Bad gereinigt werden. Im Falle des Glaszerfalls werden die Daguerreotypien mit einem neuen chemikalienresistenten Glas versehen. Teilweise müssen auch Passepartouts erneuert und die Objekte stilgerecht wiederversiegelt werden, damit sie zukünftigen Generationen präsentiert werden können.

Petri Philipp 001 um 1840 nach Daguerreotypie.

 

 

Daguerreotypie mit einem Bildnis von Philipp Petri, das zahlreiche oberflächliche Kratzer aufweist

 

 

 

Mann mit Bratsche

 

 

Daguerreotypie mit dem Porträt eines Mannes mit Bratsche, das durch die Silbersulfidbildung extrem fleckig und kaum erkennbar ist.

 

 

 

Konfirmandinnen

 

Diese Daguerreotypie mit dem Bildnis zweier Konfirmandinnen ist in einem guten Zustand.

 

 

 

 

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

9. Mai 2016

Kleine Schätze aus Milchzahn, Haaren und Gold

Im Rahmen eines Praktikums im Städtischen Museum habe ich mich mit den Fingerringen beschäftigt. Die Sammlung beherbergt mehr als 50 unterschiedliche Ringe vom 15. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Im Zuge der digitalen Inventarisierung sind mir viele Schätze begegnet, deren oft verblüffende Geschichte sich erst durch weiteres Nachforschen offenbarte. Einen Teil davon möchte ich im Folgenden vorstellen.

Früher wurden Fingerringe, anders als heute, selten nur als Accessoires getragen. Sie hatten meistens eine tiefergehende Bedeutung. Heute kennt man noch den Verlobungs- oder Hochzeitsring. Doch was ist mit Freundschafts-, Memorial- oder Trauerringen?

Die meisten dieser Ringe werden ins späte 18. und 19. Jahrhundert datiert. Während der europäischen Aufklärung gab es Mitte des 18. Jahrhunderts die Epoche der Empfindsamkeit. Sie richtete sich gegen die rein vernunftorientierte Lebensgestaltung und die Entpersönlichung der Beziehungen. Die Freundschaft, egal ob gleich- oder zwischengeschlechtlich, erfuhr eine starke Aufwertung. Ihr zu Ehren wurden sogar Denkmäler und Tempel errichtet.

Freundschaftsringe ziert häufig eine Darstellung der Allegorie der Freundschaft. IMG_2626Diese ist meistens als junge Frau in einem weißen Gewand dargestellt, denn die reine Freundschaft altert nie. Oft entblößt sie ihre linke Brust (die Seite auf der das Herz sitzt) und hat Tauben, die für Friede, Sanftmut und Eintracht stehen, als Attribut. Ein solches Schmuckstück trägt meistens auch ein Spruch zum Wert der Freundschaft. Manchmal beherbergen Freundschaftsringe auch „ein Stück“ des geliebten Menschen, oft in Form seines Haares. In der Sammlung sind hierfür zahlreiche, sehr unterschiedliche Beispiele zu finden. So wurde das Haar beispielsweise in einem aufklappbaren Kästchen am Ring aufbewahrt oder wurde sichtbar hinter einem kunstvoll gearbeiteten Gitter in den Ring eingelassen. Besonders eindrucksvoll sind die feinen Haararbeiten hinter Glas, die die Schilder mancher Ringe zieren. IMG_2571Aus kleingeschnittenen Haaren wurden Landschafts- oder Blütenmotive gefertigt oder in mühseliger Feinarbeit kunstvoll gestaltete Initialen geklebt.

Freundschaftsringe lassen sich, wenn nicht explizit durch eine Allegorie oder Inschrift als solche bezeichnet, oft kaum von Liebes-, Memorial- oder Trauerringen unterscheiden. Auch Paare oder Eheleute trugen solche Schmuckstücke. Oft geschah dies aus Anlass einer räumlichen Trennung oder wenn der Partner oder Freund verstarb.

Trauerringe wurden auch häufig in hoher Auflage bei Beerdigungen an die Angehörigen des Verstorbenen verteilt. Einen Sonderfall unter den Memorialringen des Städtischen Museums stellt ein prachtvoll mit Zellenschmelz gearbeiteter goldener Ring dar, dessen Schild statt Steinen fünf blütenförmig angeordnete Milchzähne zieren. Vielleicht gehörte dieser Ring einmal einer Mutter, die ihn zur Erinnerung an ihre möglicherweise verstorbenen Kinder trug. Über seine Herkunft ist jedoch nichts bekannt.IMG_2575 Dies gilt leider für die meisten der Freundschafts- und Memorialringe in der Sammlung des Städtischen Museums, da diese größtenteils der „Sammlung Vaterlandsdank“ entstammen. Diese nahm, laut einem Eintrag in der Korrespondenz-Chronik des Museums aus dem Jahre 1915, während des ersten Weltkriegs Edelmetalle von der Bevölkerung entgegen, um die Hinterbliebenen der Kriegsopfer zu unterstützen. Die im Museum noch erhaltenen Fingerringe wurden durch Ankauf vor dem Einschmelzen bewahrt.

 

Izabela Mihaljevic M.A. (Praktikantin)

 

26. April 2016

Denkmal an Schule

Turbulent ging es an diesem Dienstagmorgen im Museum zu. Für 25 Schüler einer dritten Klasse der Albanischule stand die Göttinger Stadtgeschichte auf dem Programm. Die Schule nimmt im April an dem pädagogischen Projekt „denkmal an Schule“ teil, das das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege bereits zum dritten Mal veranstaltet. Die Kinder besuchen verschiedene Gotteshäuser, Schlösser, Museen und Parks in ihrer Umgebung und lernen altersgerecht die unterschiedlichen Lebensstile und Epochen kennen. In diesem Rahmen sollen sie mit den Denkmälern vertraut gemacht werden und ein Bewusstsein für unser kulturelles Erbe entwickeln. Im Unterricht werden die historischen Inhalte dann zusätzlich noch vertieft.

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Im Städtischen Museum beschäftigten sich die Kinder mit dem mittelalterlichen Leben in Göttingen. Was machten die Leute eigentlich damals beruflich und was trugen sie für Kleidung? Zusammen mit der Kirchenpädagogin Bettina Lattke gingen sie diesen Fragestellungen nach und informierten sich über die meist ungewöhnlichen Handwerksberufe und das Gildewesen. Die größte Attraktion war die kleine Modenschau, bei der die Kinder nach historischen Vorbildern geschneiderte Kleidung und Kopfbedeckungen anprobieren und spielerisch in eine andere Zeit eintauchen konnten.

 

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)

 

 

 

 

15. April 2016

Under Construction

Ausstellung 002

Es wird geschraubt, gehämmert, gestrichen und auch manchmal geflucht. Der Aufbau der neuen Sonderausstellung „Barbara 1964“ befindet sich im vollen Gange. Bis zur Eröffnung am 22. Mai ist zwar noch etwas Zeit. Trotzdem läuft die Vorbereitung bereits auf Hochtouren. Für die multimediale Präsentation müssen zahlreiche Monitore, Kopfhörer und allerhand technisches Gerät installiert werden. Texte und Fotografien müssen ausgewählt und auf die Wände aufgezogen werden. Dafür sind Tischler, Techniker, Graphiker und Kuratoren fleißig am Werke.

Barbara

Zentrales Thema der Ausstellung ist das in Deutschland immer noch weitgehend unbekannte Chanson Göttingen der französischen Sängerin Barbara, das sie 1964 während ihres Aufenthaltes in der Stadt schrieb und das in Frankreich zu einem Symbol der deutsch-französischen Freundschaft wurde.

Das umfangreiche Begleitprogramm wird zahlreiche Vorträge, Führungen und Veranstaltungen umfassen. So werden viel Musik und ein Käse-Wein-Seminar die Sechziger Jahre und das französische Savoir-vivre aufleben lassen.

 

(Saskia Johann, wiss. Volontärin)

 

5. April 2016

Auf Spurensuche in Göttingen

Am vergangenen Sonntag begaben sich drei Urenkel von Professor Moriz Heyne (1837-1906) auf die Spuren ihres Vorfahren, der als Gründer des Städtischen Museums gilt. Die Nachfahren reisten aus der Schweiz nach Göttingen, um die Porträtbüste ihres Urgroßvaters zu bewundern. Das Bildnis stammt aus dem Jahre 1903 und wurde von dem Bildhauer Paul Nisse (1869-1949) im Auftrag des Göttinger Magistrats für Heynes Verdienste gefertigt. Sie befindet sich seitdem im Foyer des Städtischen Museums neben dem ebenfalls von Nisse geschaffenen Gänseliesel. Die Nachfahren erfuhren durch Familiendokumente von der Existenz des Bildnisses und nahmen Kontakt mit dem Museum auf.

Museumsleiter Dr. Ernst Böhme führte die Geschwister Isabel und Philipp Stauffer sowie deren Cousine Christina Heyne durch die Ausstellung und zeigte die Sammlungsstücke der Kirchenausstellung, die Heyne noch selbst erworben hatte. Die Nachfahren interessierte vor allem der Umgang mit dem Erbe ihres Urgroßvaters, und schnell ergab sich ein persönliches Gespräch. Aus den Erzählungen ihres Großvaters wusste Isabel Stauffer, dass Heyne ein sehr engagierter Mensch war und auch in Zeiten ohne Internet ein großes Netzwerk pflegte. In der Familie ist man ziemlich stolz auf den bekannten Nachfahren. Ein Ururenkel hielt kürzlich im Unterricht ein Referat über die Gebrüder Grimm und war sehr begeistert, seinen Klassenkameraden zu erzählen, dass sein Vorfahr 1883 die von Jakob Grimm begonnene Herausgabe des Deutschen Wörterbuchs weitergeführt hatte.

Ein weiterer Programmpunkt auf ihrer dreitägigen Göttingen-Reise ist für die Urenkel Heynes ehemaliges Wohnhaus in der Wöhlerstraße 6, an dem eine Gedenktafel auf den einstigen Bewohner hinweist. Des Weiteren wollen sie aber auch die Stadt kennen lernen und holten sich Tipps für den Aufenthalt.

Durch den Besuch im Museum bestärkt, versicherte Isabel Stauffer, die Spurensuche auch an den anderen Wirkungsstätten ihres Urgroßvaters wie Halle an der Saale und Basel zu verfolgen. Mit Göttingen ist aber schon mal ein guter Anfang gemacht.

 

 

Philipp Stauffer, Isabel Stauffer und Christina Heyne neben der Büste ihres Urgroßvaters

 

 

 

(Saskia Johann, wissenschaftliche Volontärin)